Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 57 (24.7.1931)
- Date
- 1931-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653304--22469-2680691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 57, 24. VTT. 1931 Unsere Stellungnahme auf dem Kongreß Von Georg Halpern. Die Gruppierung der Parteien hat auf dem XVII. Kongreß gegenüber den früheren einen Fortschritt gezeigt. Neben den alten Fraktionen der Linken, des Misrachi, der Radikalen ,jjnd der Revisionisten traten auch die Allgemeinen Zionisten, die sich bis dahin auf eine sehr große Anzahl von Landsmannschaften verteilten, als zwei ziemlich festgefügte Gruppen auf, nämlich als Gruppe A und B. Es war von vornherein klar, daß die Gruppe B, der sich u. a. die Amerikaner (mit Ausnahme von 4 Delegierten, die mit der Gruppe A stimmten), West- und Ost-Galizien sowie eine Reihe kleiner Landsmannschaften anschlossen und die in sich insgesamt nicht weniger als 62 Delegierte vereinigte, auf dem Kongreß eine entscheidende Rolle spielen mußte. Die Gruppe B hat die Ziele, die sic am Kongreß verfolgte, gleich in den ersten Tagen festgclegt und hat durch eine im Permanenz-Ausschuß zu Beginn dessen Arbeiten abgegebene Er- Klärung die andern Parteien über diese Ziele unzweideutig unterrichtet. Dies waren: die Durchsetzung einer Zielsetzungsresohition, die sieh in entschiedenster Weise gegen jede Verkleinerung des Zionismus wenden sollte und die Schaffung einer mögliehst breiten Koalition, wobei die neue Exekutive nicht unter der Führung von Dr. Weizmarm stehen sollte. Wenn eine. Koalition aller Parteien sich nicht ermöglichen ließe, so vertrat die Gruppe den Standpunkt, daß sie sich nur dann an einer Koalition beteiligen würde, wenn dieser auch die Linken angehören würden. Das Resultat des Kongresses beweist, daß es der Gruppe B möglich gewesen ist, alle drei Ziele, die sie sich gesteckt hatte, durchzusetzen; die Wege, auf denen dies Ergebnis erzielt wurde, waren allerdings schwierig und teilweise recht kompliziert. Bei der Ziclsctzungsdebattc, die tagelang die politische Kommission in Anspruch genommen hat, legte die Gruppe B, nachdem die langen Diskussionen die Stimmung der überwiegenden Mehrheit des Kongresses ganz klar gemacht hatten, auf die Formulierung der Resolution keinerlei entscheidenden Wert; sie hätte, wenn nicht das bekannte Telegramm aus Palästina eingetroffen wäre, für eine Resolution, die das Wort ״Mehrheit“ enthielt, gestimmt. Sie fand aber auch die von der Linken vorgeschlagene Resolution, die sowohl nach ihrem Wortlaut wie nach den Erklärungen, die seitens der Parteiführer in der politischen Kommission abgegeben wurde, sich ganz entschieden gegen jede Verkleinerung des Endzieles, und vor allem gegen den Brith' Schalom wendet, als ausreichend und hat daher für diese gestimmt. Andererseits hat sie durch ihre Stimmenabgabe den Uebergang zur Tagesordnung über die Judenstaats-Resolution der Revisionisten ermöglicht. Die Stellungnahme zur neuen Exekutive wurde der Gruppe B — genau so wie dem ganzen Kongreß — dadurch außerordentlieh erschwert, daß trotz der offiziellen Erklärung des Herrn Dr. Weizmann der ganze Kongreß unter dem Eindruck stand, daß eine Wiederwahl Weizmanns durchaus in Frage kam. Da diese aber von keiner Seite im Permanenz-Ausschuß aufgestellt wurde, so bestand auch keine Möglichkeit, auf parlamentari- *‘־särem׳ ‘Wege die Tatsache,* daß״ itif den) Kdngfeß *ötbit Mehrheit gegen diese Kandidatur bestand, festzustellen. Die Gruppe B legte aber entscheidendes Gewicht darauf, öffentlich zu bekunden, daß ihrer Ansicht nach im gegenwärtigen Augenblick im Interesse der Einheit der Bewegung das Verbleiben von Dr. Weizmann im Amte nicht als zweckmäßig erschien. Sie hat daher bei der ersten Gelegenheit, die sich zur .Stellungnahme bot, nämlich bei der von den Radikalen beantragten Mißbilligung des von Dr. Weizmann der JTA. gegebenen Interviews und seiner späteren Aufklärungen hierzu gegen Dr. Weizmann gestimmt. Bei der ersten Anregung der Gruppe B, eine allgemeine Koalition zu schaffen, die alle Parteien, von der Linken bis zu den Revisionisten umfassen sollte, erfolgte nur von einer Seite — nämlich von der Gruppe A — eine prinzipielle Ablehnung; sowohl die Linke als auch die Revisionisten behielten sich ihre Stellungnahme vor. Die Erregung, die im Verlauf des Kongresses von Tag zu Tag anwuchs, machte es bald klar, daß diese Große Koalition nicht erreicht werden konnte. Die Revisionisten benutzten dann die positive Stellungnahme des Kongresses zur Fortsetzung der Jewish Agency dazu, um die Uehernähme der Exekutive oder auch nur die Teilnahme an einer Koalitions-Exekutive rundweg abzulehnen. Die Gruppe A vertrat sehr energisch den Standpunkt, daß die Gruppe B, die das bisherige Regime mitgestürzt habe, verpflichtet sei, zusammen mit den andern oppositionellen Parteien eine neue Exekutive zu schaffen und daß die politische Logik es verlange, daß sie auch die Revisionisten für diese Exekutive gewinne. Wir teilten diese Ansicht nicht. Nach unserer Meinung ist «ine Exekutive, an der sich die Linke nicht beteiligt, immer nur eine Rumpfleitung, und in der gegenwärtigen schweren Situation erschien uns eine solche Konstruktion vollends untragbar. Die linke, die sich auch bei dieser Gelegenheit ihrer Verantwortung für das Gesamtgeschick der Palästina-Arbeit durchaus bewußt war, hat ähnlich gedacht, und es wurde bei dem gegenseitigen Verständigungswillen trotz aller Nervosität ziemlich rasch eine . Koalitionsbasis gefunden. Man einigte sich ohne Schwierig- Leiten über den Text, der das Arbeitsprogramm der zukünftigen Exekutive umschreiben sollte. In bezug auf die Personen war die Verständigung nicht ganz so leicht, wurde aber schließlieh doch erreicht. Hierbei machte es die Gruppe B zur unbedingten Voraussetzung, daß zur Wahrung der Kontinuität der politischen Arbeit Prof. Brodetsky der neuert Exekutive angehören müsse. Die Gruppe A und insbesondere auch die englischen Delegierten setzten diesem Wunsch — aus einer m. E. falsch verstandenen Loyalität gegen Dr. Weizmann . den entschiedensten Widerstand entgegen. Es gelang erst im letzten Augenblick den vereinigten Bemühungen der Gruppe B und der Linken durchzusetzen, daß Prof. Brodetsky der Eintritt in die Exekutive freigegeben wurde. Die Situation ist also jetzt die folgende: Die neue Exekutive wurde von der Linken, der Gruppe B, dem Misrachi und der Gruppe A gewählt. Die Gruppe A erklärte allerdings, daß sie durch ihre Wahl die Verantwortung für die: Exekutive nicht übernehme; jedenfalls scheint es aber festzustehen, daß sie die Exekutive bei ihrer Arbeit zunächst unterstützen wird. Die Radikalen, die sich der Abstimmung enthielten, haben der Exe¬ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 351 kutive wohlwollende Neutralität zugesagt. In Opposition zu der neuen Leitung stehen also nur die Revisionisten; bei den inneren Vorgängen in dieser Partei ist aber wohl die Hoffnung gerechtfertigt, daß der Kampf gegen die neue Exekutive auch nicht im entferntesten die Formen an nehmen wird, die er bei dem Regime Weizmann aufwies. Die neue Exekutive wird sich also auf sehr wesentlich größere Kreise der Organisation als die alte stützen, und sie wird vor allem in einer Atmosphäre arbeiten können, die durch den Abschluß der unglückseligen Ziel- Setzungs-Debatte eine weitgehende Beruhigung aufweisen wird. Daß die neue Leitung vor allem im Zusammenhang mit der akuten finanziellen Krise außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden haben wird, wird von keiner Seite bestritten. Aber die Tatsache, daß das Palästinawerk von einer im wesentlichen wieder geeinten Zionistischen Organisation getragen wird, ist ein Gewinn, mit dem die Mißhelligkeiten des XVII, Kongresses letzten Endes nicht allzu teuer bezahlt worden sind. ״Weizmann ist gestürzt, seine Politik hat gesiegt“ Von Dr. Felix W e 11 s c h. In dieser Formel läßt sich das Resultat des XVII. Kongresses zusammen fassen. Freilich ist damit noch nicht die ganze Paradoxie seines Verlaufes ausgedrückt; man muß cs schon so formulieren: ein Kongreß mit einer klaren Rechtsmajorität endet mit einem klaren Sieg der Linken; ein K011greß, der seine ganze Kraft dazu verwendet, Weizmanns Politik zu verurteilen, wählt eine Exekutive, deren führende Persönlichkeiten ausgesprochene Anhänger der Weizmannschen Politik sind; ein Kongreß, der eine ganze Anzahl reaktionärer und arbeiterfeindlicher Beschlüsse gefaßt hat, vkählt eine Exekutive, welche eine Regierungserklärung abgibt, deren Hauptpunkte das Gegenteil dieser Kongreßbeschlüssc beinhalten. Die Rechts-Majorität des Kongresses hat bei keiner Ab- Stimmung im Verlaufe des Kongresses versagt. Ob es sich nun um soziale, um religiöse Fragen, um die Sache der Lehr- und Lernfreiheit gehandelt hat, stets war jene Weltanschauung, die man im politischen Leben eine rechtsgerichtete nennt, siegreich. Die zionistische Bewegung verfügt über drei Rechtsgruppen. Eine klerikale: der Misrachi: eine nationalistische: die Revisionisten; und eine kleinbürgerliche (im geistigen Sinne): jener Teil des Zentrums, der auf dem Kongrosse den Namen B erhalten hat. Diese drei Rechts-Gruppen haben sich auf diesem Kongreß zu einem festen Rechtsblock zusammengefunden; das ist das historische Ereignis dieses Kongresses; und was sie zusanimengesduniedet hat (dieses Wort ist freilich — wie sich dann gezeigt hat — zu stark, also sagen wir, was sic zusammeiigeleimt hat), war: der Kampf gegen Weizmann und die Flucht aus dem Reiche der politischen Wirklichkeit in das Reich der großen politischen Geste (philosophisch ausgedrückt: die Flucht aus dem Reiche der ״Intention“ in das Reich des ״Erlebnisses“); <1. i. aus dem Reich der politischen Zielstrebigkeit in das Reich des politisehen Rausches. Daß es gerade der Kampf um das ״Ziel“ war, in welchem diese Flucht aus der Zielstrebigkeit angetreten .-:-wurde,, ■gehört-־ ztrfdew-^etMf״We»ftterien'' dieses- -Kongresies.״ Die Majorität hatte folgende Hauptziele: 1. Sturz Weizmanns; 2. Sturz des Systems Weizmanns, d. i. also jener Politik, welche ihre Hauptenergie darauf verwendet, das nächste politische Ziel zu erreichen, das nach bester Erkenntnis der : politischen Situation und unter zähester Ausnutzung der gegebenen realen Möglichkeiten zu erreichen ist; 3. Proklamation eines großen Endzieles des Zionismus. Die Rangordnung dieser Kongreßziele innerhalb der Majorität dürfte bei den einzelnen Gruppen, aber auch bei , den einzelnen Personen eine verschiedene gewesen sein; es gab sicherlich Leute, welche Weizmann stürzen wollten, um sein System zu stürzen; es gab aber auch sicherlich viele, welche die ganze Endzieldebatte nur dazu verwendeten, um Weizmann zu stürzen. Das zeigt nicht nur das Verhalten der Hauptakteure des Kampfes, sondern auch dieses seltsame Resultat eines Kongresses, der, nachdem er Weizmann weggeschickt hat, sich schließlich doch zu Weizmanns Politik bekennt und eine Exekutive wählt, deren Endzielerklärung das genaue Gegenteil dessen beinhaltet, was die Proklamations- Zionisten verlangt hatten und welche haarscharf der Politik Weizmanns entspricht. Mag dem nun sein wie immer; das erste Ziel der Majoritat ist erreicht worden: Weizmann ist gestürzt. Bekanntlich hat Weizmann seine Demission bereits vor .Monaten — aus außenpolitischen Gründen — bekanntgeyeben. Dennoch kann man die Möglichkeit, daß er an diesem Kongreß eine neue Betrauung angenommen hätte, nicht ausschließeri. Es war nun geradezu rührend, wie kein Redner der Majorität, kein Redner der Revisionisten, des Misrachi, der Radikalen, der Gruppe B, vergaß, Weizmann auf seine Demission festzulegen. Die einen taten es mit Haß und Hohn, die anderen mit einer mehr oder minder herzlichen Geste des Dankes, alle aber beeilten sich, diese Demission als eine definitive zur Kenntnis zu nehmen. Wesentlich erleichtert hat Weizmann diesen Kampf der Rechten gegen ihn durch jenes unerklärliehe Interview, über das hier schon berichtet worden ist und das seinen Feinden ein unglaublich bequemes und handliches Kampfmittel gab. Es soll damit nicht gesagt sein, daß er sonst gewählt worden wäre. Aber er hat cs seinen Feinden wirklich in einer fast noblen Weise erleichtert. Man kann nun die jetzt freilich nicht aktuelle Frage aufwerfen: Warum hat der Kongreß, da er sich schließlich doch zur Politik Weizmanns bekennen mußte, nicht doch Weizmann gewählt? Die Antwort auf diese Frage muß auf verschiedene Momente hinweisen. Erstens: nachdem man Weizmann verjagt hatte, also sich und seinen Wählern gezeigt hatte, was inan vermag, konnte man ja, da es nun einmal nicht anders ging, Weizmanns Politik zustimmen. Das ist zwar im höchsten Grade unlo;gisch, aber in ebenso hohem Grade psychologisch plausibel. Zweitens spielte da das Interview die bereits angedeutete Rolle. Drittens war die Taktik der Revisionisten und der persönlichen Feinde Weizmanns äußerst geschickt; einmal in der Ausnützung des interview und dann in der vorausgenommenen Wahl Sokolows zum Präsidenten, welche zu der Zeit, als die Schwierigkeiten der Wahl der Exekutive erst brennend geworden waren, also der psychologische Moment gekommen war, in der Wahl Weizmanns den einzigen Ausweg zu sehen, bereits ein fait accomplit geschaffen hat. Viertens verlangten die Mißerfolge der letzten Jahre —־ und das tatsächlich vom ganzen Kongreß als unerträglich empfundene Verhalten Englands — eine deutliche Tat des Kongresses und der Sturz Weizmanns, des Führers der Vertrauenspolitik, war sicherlich die krasseste Tat, die der Kongreß ausführen konnte. Endlich mag noch folgender Grund angeführt werden: Weizmann ist nicht nur wegen seiner Politik und der Mißerfolge dieser Politik gefallen, sondern auch deshalb, weil er sich im Verlaufe seiner Regierungszcit zu viele persönliche Feinde geschaffen hat; es ist sein Schicksal, daß seine Art der Menschenbehandlung ihn wohl zu einem ausgezeichneten Außenpolitiker, aber nicht gerade zum besten Innenpolitiker werden ließ. Ueber die Wahl entscheidet aber nicht nur die Fähigkeit, englische Minister zu behandeln, sondern vor allem die Fähigkeit, siel! mit den großen und kleinen Größen unserer inneren Politik richtig zu stellen. Es ist heute noch nicht die Zeit, die Verjagting Weizmanns durch diesen Kongreß politisch, menschlich und moralisch zu beurteilen. Diese Zeit wird erst kommen, und sie wird vielleicht sehr bald kommen. Dennoch muß gesagt werden, daß der zähe Haß, mit dem die Majorität dieses Kongresses gegen *Weizmann anstürmte, etwas Schauriges hat. Mit Recht sagte mir Sehmarja Lewin: ״Dieser Kongreß ist unser Golgatha, haben Sie nicht auch den Ruf gefühlt: Kreuziget ihn? Man hat den Mann, der uns die Balfotir- Deklaration gebracht hat, der den größten Teil dessen, was wir überhaupt politisch erreicht haben, durch seine Politik erarbeitet hat, erledigen wollen.“ Und so hat man den Mann, der nach Herz) das größte politische Genie des jüdischen Volkes ist, der noch heute die größte politische frische Kraft ist, über die wir verfügen, verstoßen. Bis zum Schlüsse des Kongresses hörte man nur Rufe des Hohnes und des Hasses, nur hier und da unterbrochen durch ein kaltes Wort der Anerkenmmg, bis erst der letzte Abend des Kongresses, von der Unken und der Gruppe A ausgehend, eine ergreifend warme Abschiedsdemonstration eines großen Teiles des Kongresses brachte. Von der berühmten Endzieldebatte' kann man sagen, daß sie endete wie das Hornberger Schießen; und man muß hinzufügen: Gott sei Dank! Die Entwicklung dieses Kampfes hat einige Stadien: Die Reden zur Endzieldebatte waren in der Majorität darauf gerichtet, zu erklären, daß das Endziel des Zionismus die jüdische Majorität in Palästina ist. Die Resolution selbst zeigt einen sehr charakteristischen, stilistisehen Werdegang. Sie hatte eine radikale Urfassung und es bedurfte einer schweren zehntägigen Arbeit, bis sie soweit politisch salonfähig war, daß sie sich präsentieren konnte. Daß ihr von ihrem Ursprung aus dem Geiste des Revisionis* mus noch einige Eierschalen anhafteten, wie sie entstanden ist und gegen wen sie gerichtet ist, wäre leicht zu erkennen, auch wenn ihr geistiger Vater, Dr. Nahum Ooklmann, es in seinem Referat nicht hinreichend angedeutet hätte. Dennoch muß man feststellen, daß schon die Geschichte dieses Komraissionskampfes um die Endziclfassimg sehr deutlich jene Entwicklung zeigt, welche für diesen Kongreß charakteristisch ist: Wenn man aus irgendeinem Grunde aus dem Gebiete der Reden und Proklamationen in das Reich der Realität treten muß, so übt diese Realität eine heilende Wirkung aus. Es ist eben etwas anderes, den Kongreß zu Beifallsstürmen zu veranlassen als eine Fassung zu finden, welche politisch richtig und wirksam oder — zumindest unschädlich ist. So, 11,at, df tjn *Täts3?BfKfi "dhV’jtolittsche .Kommission auch jene Fassung'ge- Funden, die übrigens im wesentlichen einer bei der A.-C.- Sitzung im August 1930 aufgestellten Formulierung der Arbeiterpartei entspricht. Eine Fortsetzung dieser Endzieldebatte ,und ihr eigentlicher Abschluß ist wohl erst in der Erklärung der gewählten Exekutive zu erblicken, welche von der Majorität des Permanenzausschusses gutgeheißen wurde und in welcher die Weizmannsche Formel der Parität von Juden und Arabern in der Fassung enthalten ist, daß in Palästina ohne Rücksicht auf die numerische Stärke kein Volk das herrschende und kein Volk das beherrschte sein soll. Das also ist das Endziel der Endzieldebatte gewesen: nach dem Sturze Weiz.- manns der Sieg seiner politischen Formel als Grundlage unserer weiteren Politik. Man muß fragen, wie ist ein solcher paradoxer Verlauf möglich gewesen? Wie konnte der gefallene Weizmann einige Stunden nach seinem Sturze einen solchen Triumph erleben? Der Grund liegt fürs erste in dem merkwürdigen Charakter der sehr starken Gruppe B. Die Delegierten, welche von Dr. Halpern und Dr. Schwarzbart zu dieser Gruppe zusammengeführt worden sind, waren durchaus nicht einheiflicher Natur. Aber im Durchschnitt beherrschte sie die politische Psychologie, des naiven Bürgers. Sie hatten ein klares Proklamationsbedürfnis, wollten auf das Verhalten Englands kraftvoll reagieren, sahen in Weizmann den Repräsentanten des Systems des Vertrauens zu England und waren daher von ihren Führen leicht für die Abstimmung gegen Weizmann zu haben. Aber es ist ein Charakteristikum der ״Mitte“, zwar keine Neigung zu haben,'prinzipiell und von vornherein Real- Politik zu treiben, aber dennoch die Realität zu sehen, wenn man sie genug nahe führt oder wenn sich diese selbst deutlich aufdrängt. Und darum erklärten sie sich mit der vernünftigen Fassung der Endzielformel und schließlich auch mit Weizmanns Politik einverstanden, als sie sahen, wie die Dinge wirklich stehen. Denn auch dies ist charakte;■i ׳■lisch für diese Männer der Mitte: sie haben tatsächlich den ehrlichen Willen, unserer Sache zu helfen, sic wollen nicht die Organisation zerschlagen wie etwa die Revisionisten und sie haben schließlieh auch Vernunft genug, die Wirklichkeit zu erkennen. Der eigentliche Grund aber für diese Wendung, die der Kongreß schließlich nahm, war die Realität selbst. Die Atmo- Sphäre, in welcher der Kongreß 14 Tage lang lebte und sich austfbte, war fern von der politischen Wirklichkeit. Der Kongreß war in sich seihst versponnen und kämpfte mit Formeln der äußeren Politik innenpolitische Kämpfe aus. Als man nun vor die Wahl der Exekutive gestellt zum erstenmal an die Wirklichkeit heran mußte, als Männer gefunden werden mußten, welche nun in aller Realität mit England zu reden haben, welche zu bauen haben, aus der Krise herausführen sollen, Geld beschaffen sollen, da mußte man sich bequemen, die Dinge zu sehen, wie sie sind und jene Politik zu machen, welche die Realpolitiker schon vorncherein intendiert hatten, also sagen wir kurz: die Politik Weizmanns. So endete der Kongreß mit einem Sieg der Realpolitik, und dieser Sieg ist nur um so größer, als es ja gerade diese Politik war, gegen welche die Majorität des Kongresses zu Felde gezogen war.