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Jüdische Rundschau · 1931-07-10 · Heft 53 (10.7.1931) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 53 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 330 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 10. VII. 1931 Ernestine Eschelbacher Wir alle sind ärmer geworden, seit diese Frau nicht mehr unter uns lebt. Sie war die beglückende Verkörperung einer vollkommenen Harmonie, die unter allen nur sie allein besaß. Allen, die ihr nahe kamen, war sie eine verstehende, gütige, mütterliche Freundin. Aber sic war mehr. Sie hatte die ganz seltene Eigenschaft, einen ungewöhnlich klaren, unbeirrbaren Verstand mit dern Charme bestrickendster Liebenswürdigkeit, den Mut und die Energie einer geschlossenen ethischen Persönlichkeit mit gütigster Toleranz zu vereinigen. Wie oft und unermüdlich hat sie für unsere Palästina-Arbeit geworben, hat sie gerade vor unserer Arbeit feindlichem Zuhörerkreis die Mithilfe am Aufbauwerk als unbedingte jüdische Forderung erhoben. Vor ihrer reinen Persönlichkeit verstummte jeder kleinliche Einspruch; die Tatsache, daß diese Frau, so hoch über aller Parteieinschränkung, für unsere Arbeit eintrat, war allein schon werbend und zeugte für das Recht unserer Sache. Auch wenn wir aus dem Schmerz dieser Stunden in ein objektives Urteil flüchten könnten, auch dann wüßten wir mit klarer Deutlichkeit, daß wir tu Ernestine. Eschelbacher eine unersetzliche Mitarbeiterin verloren haben; daß wir ihr nie genug danken können für die Dienste, die sie unserer Sache geleistet hat; daß diese Lücke nicht zu schließen ist. Und darüber hinaus geht die Trauer über den einzigartigen, mit allen Vorzügen des Körpers und der Seele begnadeten Menschen. Wer das Glück hatte, die Entschlafene im privaten Kreise plaudern zu hören, ihren Humor, ihre reizende Selbstironie, ihre unendlich graziösen Formulicrungen kennenzulernen, der weiß, daß ein Künstlerisches in dieser Frau wirkte, das jede kleinste Schilderung zu einem Kabinettstück subtilster Erzählungskunst formte. Und was das Schönste, ja vielleicht der Schlüssel m ihrem Wesen war: Sie hatte jene Ueberlegenheit und Weite, die immer vom Kleinen, Einzelnen zum Ganzen vordrang, der alles Vergängliehe nur ein Gleichnis war. Wir sind alle ärmer geworden, seit sie von uns ging. Nie können wir ihrer vergessen. Für den Verband jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit. E. B.-G. * Am 5. Juli verstarb In Berlin, drei Tage vor Vollendung ihres 73. Geburtstages, Frau Ernestine Eschelbacher, Witwe des hervorragenden jüdischen Gelehrten und Rabbiners Josef Eschelbacher und Mutter des Rabbiners Dr. Max Eschelbacher- Düsseldorf. Die Verstorbene war eine der populärsten Frauen im deutschen Judentum. In fast allen jüdischen charit rtiven Bewegungen war sie führend tätig. Sie war auch Mitglied des deutschen Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewish Agency. Der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin gehörte sie bis zu den letzten Wahlen als Vertreterin der religiösen Mittelpartei an. Sie war ferner Mitglied des engeren Vorstandes des Verbandes zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden ORT, Abteilung Deutschland, und Vorsitzende der Frauenkommission dieser Abteilung. Sie hat die von ihrem 1016 in Berlin verstorbenen Gatten Rabbiner Josef Eschelbacher eingeleitete Bewegung für Reformierung der Erziehung der Waisenkinder fortgeführt. In allen jüdischen Lagern wird man ihr ein ehrendes Andenken bewahren. Die Lage in Saloniki Saloniki, 3. Juli. <J.T. A.) Vertreter von siebzehn griechischen und drei jüdischen Organisationen, darunter der Bnei Brith, haben eine Konferenz abgehalten, in der mehrere Redner ihr Bedauern über die judenfeindlichen Ausschreitungen in Saloniki und ihr Vertrauen, daß die Behörden für die Wiederher- Stellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit Sorge tragen werden, zum Ausdruck brachten. Es wurde eine Resolution gefaßt, in der die Presse Salonikis aufgefordert wurde, an der Wiederherstellung einer Atmosphäre des Friedens in Saloniki, sowie besserer Beziehungen und gegenseitigen Vertrauens zwischen allen seinen Bewohnern mitzuwirken. Es wurde beschlossen, eine Konferenz aller griechisehen und jüdischen nationalen und professionellen Verbände Salonikis, sowie der verschiedenen jüdischen und griechischen Vereinigungen in den Vorstädten einzuberufen, auf der die Ur- Sachen, die zum Ausbruch der Unruhen geführt haben, besprochen und die gegenseitigen Mißverständnisse zwischen Juden und Griechen beendet werden sollen. Der Finanzminister hat dem Gouverneur von Saloniki einen Betrag von 500 000 Drachmen zum Wiederaufbau des vom Mob niedergebrannten Campbeil-Viertels zur Verfügung gestellt. Der Justizrninister und der Luftschifffahrtsminister sind mittels Flugzeug aus Athen eingetroffen, um die Lage an Ort und Stelle zu studieren. Die jüdischen Vertreter Salonikis im Parlament, Senator Maliah und Abgeordneter Bessantchi, sowie der Rechtskonsulent der jüdischen Gemcinde in Saloniki, M. Yacocl, haben dem Justizminister den Hergang der Unruhen und ihre Vorgeschichte geschildert und ihm ein detailliertes Memorandum überreicht. Der Minister erklärte, er wisse, daß der gegen den Makkabi erhobene Vorwurt illoyaler Haltung unbegründet sei. Er wolle an Ort und Stelle eine Untersuchung einleiten, um diese Tat- Sache offiziell und in einer jeden Zweifel ausschließenden Form festzustellen. — Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurden bisher ein Grieche zu 20 Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe von 400 Drachmen, sechs Juden und fünf Griechen zu je drei Tagen Gefängnis und 400 Drachmen Geldstrafe verurteilt. Kleine Nachrichten Am 24. Juni fand im Palästina-Pavillon der Pariser Kolonialausstellung ein vom Keren Hajessod-Komitee für Frankreich veranstaltetes Bankett zn Ehren des früheren französischen Ministerpräsidenten Painleve statt. Painleve selbst sprach in eindrucksvoller Weise über die Bedeutung und den Erfolg des jüdischen Aufbauwerks in Palästina. Zum Protest gegen die Entscheidung des Waad Leumi in der Frage der Fuß ball Wettspiele an Sabbattagen hat die Agudah Jisrael in Palästina ihre Vertreter aus allen gemeinsamen jüdischen Komitees, auch aus dem Volkszählungs- Komitee des Waad Leumi und dem Komitee der Jerusalemer Jüdischen Gemeinde für städtische Angelegenheiten zurückgezogen. Die Regierung von Holländisch-Indien hat den Präsidenten der Vereinigung für jüdische Interessen in Chcrobo, den Ingenieur F. C. van Lier zum Bürgermeister dieser Stadt ernannt. Es ist dies der erste Fall der Bestellung eines Juden zum Bürgermeister einer Stadt in Holländisch-Indien. Aus Anlaß der Jalirzeit Theodor Hcrzls spendete Salman Schocken eine Summe von 3000 Pfund für den Keren Kajemeth zum Ankauf und zur Entwicklung von Boden für neue jüdische Siedlung. Der Weg des arbeitenden Palästina Von M. Neustadt. Der nachflehende Artikel, der über die Ziele der Bewegung de* ,,arbeitenden Palästina“ Informiert, wird nnז von der ,,Liga für dos arbeitende Palästina‘" nir Verfügung gestellt, fied, Die Bewegung für das arbeitende Palästina umfaßt heute mehrere hunderttausend Arbeiter und Jugendliche, die den Eintritt in den Arbeitsprozeß erstreben. Den Kern dieser Bewegung bildet die organisierte Truppe der jüdischen Arbeiter in Palästina, die über 30 000 Mitglieder zählt. Für die organisierten Anhänger des arbeitenden Palästina bedeutet die reale Leistung in und für Palästina unter allen Bedingungen das primäre Gebot des Zionismus. Diese Auffassung ist der bestimmende Faktor der politischen Stellungnahme der Arbeiterschaft in der zionistischen Bewegung gegenüber allen Ereignissen des zionistischen Lebens. Dieser Grundgedanke ist das Ergebnis zweier grundlegen־ der Erkenntnisse: 1. Der Zionismus ist in erster Linie ein Produkt der Boden- und Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, seiner abnormen wirtschaftlichen Struktur. Deshalb muß die zionistische Bewegung in erster Linie für die Arbeits- und Einwanderung«- möglichkeiten in Palästina sorgen, deshalb entspricht nur ein Zionismus, der den jüdischen Massen Arbeit, Einwanderung und Verwurzelung im Lande ermöglicht, den Bedürfnissen des jüdischen Volkes, deshalb hat nur eine entsprechend gerichtete zionistische Politik einen Wert für das jüdische Volk. 2. Unsere reale Macht im Lande, zahlenmäßig und wirtschaftlich, ist die Hauptquelle unseres politischen Einflusscs und Gewichtes. Sie ist die einzige wirklich sichere Garantie für unser Recht und für unsere Sicherheit im Lande. Wenn der jüdische Arbeiter in Palästina, beispielsweise in einem harten Kampf um die jüdische Arbeit in den privatwirtschaftlichen Kolonien und in anderen Wirtschaftszweigen, ausgeschaltet wird, kann vielleicht jüdischer Besitz in Palästina entstehen, dieser Zustand würde aber keine Quelle von Arbeits- und Einwanderungsmöglichkeiten für die jüdischen Massen und damit keine zionistische Tat bedeuten, die der Not der jüdischen Massen entspringt. Sinkt der Lohn unter ein bestimmtes Minimum, das dem Arbeiter erst die Möglichkeit bietet, sich im Lande zu verwurzeln, so wird dadurch die Grundlage zerstört, auf der der Zionismus aufbauen muß. Nach den tragischen Ereignissen des Sommers 1929 fand die Arbeiterschaft, die durch ihren Opfermut den Jischuw rettete und die damals wie jetzt Träger des Selbst- Schutzes war, eine Antwort — Einwanderung und Kolonisation. Sie trug die gesunde Erkenntnis in die zionistische Oeffentlichkeit, daß allein unsere verstärkte Arbeitsmacht im Lande die eventuelle Wiederholung dieser -oder ähnlicher Ereignisse unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich machen kann. Gewiß, dieser Weg ist schwer und lang. Er erfordert viel Glaube und Ausdauer. Er ist aber der einzige sichere und zielklare Weg. Die Bewegung für das ״arbeitende Palästina“ glaubt an die Verbundenheit der jüdischen Massen mit Palästina. Der wichtigste Träger des Palästina-Aufbaus ist für sie das jüdische Volk. Die Verantwortung für das Aufbauwerk, für Tempo und Umfang des Aufbaus, Hegt deshalb in erster Linie beim jüdischen Volk selbst. Dieses Bewußtsein iti die jüdischen Massen zu tragen, ihnen die Schwere der auf ihnen lastenden Verantwortung klarzumachen, in ihnen den Glauben an die eigene Kraft und an die Lebenskraft Palästinas zu stärken, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Bewegung für das arbeitende Palästina. Unser politische Kampf kann nur unter einer Bedingung eine wirkliche Bedeutung gewinnen und mit Erfolgen auf die Dauer rechnen: wenn er in den sachlichen Errungenschaften unseres Werkes in Palästina eine Stütze finden kann. Unsere politische Massenaktion kann nur unter einer Voraussetzung eine moralische Kraft nach außen wie nach innen auslösen: wenn sie keine bloße Demonstration bleibt, sondern zu einer wirksamen Komponente der konkreten Kräfteanspannung für den Aufbau wird. Welches moralische Gewicht können die schönsten und eindruckvollsten politischen Kundgebungen für Palästina aufweisen, wenn man, wie es beispielsweise vor einigen Monaten in Amerika geschah, im Rausche der Protestwelle vergißt, daß es eine palästinensische Wirklichkeit gibt und wenn man die weitere Existenz des in Palästina Vorhandenen durch Vernachlässigung der konkreten Arbeitsaufgaben in Frage stellt? Oder gibt es vielleicht eine schwerere Bedrohung der politischen Stellung unseres Aufbauwerkes als die Tatsache, daß Einreisezertifikate verfallen, weil die notwendigen Mittel fehlen, um sie ausnutzen zu können? Die palästinensische Arbeiterschaft ist die treibende Kraft unseres konkreten Aufbauwerkes. Sie ist stets unbefriedigt, sie kann sich nie mit dem bereits Erreichten zufrieden geben. Ihre Hauptsorge gilt dem neuen Aufbau, sie ist voll Unruhe um das Schicksal des Werkes. Dei; Arbeiter verbindet das Ideal der sozialen Befreiung seiner Klasse mit dem Ideal der nationalen Wiedergeburt seines Volkes; er ist sich darüber im klaren, daß nur das Bewußtsein auch der sozialen Befreiung den Zehntausenden unmittelbaren Trägern des Aufbauwerkes Ausdauer, Zähigkeit und Kraft für ihren harten Kampf und für ihr hartes Leben in Palästina geben kann. Der Erfüllung dieser Aufgaben dient in Palästina die Allgemeine Jüdische Arbeiterorganisation (Histadruth), die am 1. 1. 1931 30060 Mitglieder gegenüber 25 378 am 1. 1. 1930 zählte. Der Histadruth kann jeder Arbeiter ohne Rücksicht auf seine parteipolitische Stellung beitreten. Die Histadruth hat eine ganze Reihe von Anstalten aufgebaut, deren Hauptauf gäbe darin besteht, den Arbeitern die Verwurzelung im Lande zu ermöglichen und zu erleichtern. Palästina kennt noch immer keine soziale Gesetzge billig. Daraus ergibt sich für die Arbeiterorganisation die Aufgabe, dem Arbeiter auf vielen Gebieten die Leistungen des Staates und der öffentlichen Versicberungselnrichtungen zu ersetzen. Die Arbeiterkrankenkasse mit einem Jahresbudget von über £ 50000 folgt dem Arbeiter ins entlegenste Nest. Fast 70 «/# ihres Etats werden vom der Arbeiterschaft selbst gedeckt. Weder die Regierung noch irgendeine andere Stelle sorgt für die Biidungs- und Er- Ziehungstätigkeit für Erwachsene. Die Histadruth kann aber auf die Hebung des Kulturniveaus der Arbeiterschaft nicht verzichten. Sie hat ein eigenes Kulturamt (״Weadath hatarbuth״), etwa 100 Lesesäle in mehr als 70 Orten, eine Wanderbibli-othek, die über 70000 Bände zählt, Abend- 11111111111111(11111111ii1111ii111ii1i1ini11111111111111111111111111111111111111nnn11n1n1111111111nn111111n11n1111111mn[1n1H111n1n1tn111n11 Die Adresse der Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" lautet bis auf weiteres: Basel» Mustermesse. Dorthin sind sämtliche dringenden für die Redaktion bestimmten Sendungen und Manuskripte zu adressieren. — Die Expedition ist weiter in Berlin W15, Meinekestrafe 10. Alle die Zustellung der ,Jüdischen Rundschau" und der Kongreß-Zeitung betreffenden Mitteilungen sind an die Expedition zu richten. schule, Abendkurse usw. Es gibt keine Stelle, die für die berufliche Ausbildung der Jugend sorgt, und auch diese Aufgäbe muß die Histadruth übernehmen, die gewerbliche Fortbildungsschulen gründet und unterhält. Die Arbeiter,organisation ist der einzige Förderer der gewerblichen Arbeiter- Produktivgenossenschaften, deren jährliche Produktion dm Wert von £ 160 000 erreichte. Die'landwirtschaftliche Unternehmungsgesellschaft ״J a <: h i n“ führte 1930 Pflanzung־- arbeiten im Gesamtwert von .£ 31 525 auf einer Rodenflache von 2124 Dunam aus und beschäftigte dabei 210 Arbeiter. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der großen und weit gesteckten selbständigen Tätigkeit der Histadruth. Diese Pioniertätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet wird durch den zentralen Fonds der palästinensischen Arbeiterschaft, den Palästina-Arbeiter-Fonds, finanziert. Für die Ligen für das arbeitende Palästina ist der PAF eine Möglichkeit konkreter Mitbeteiligung am Aufbauwerk des arbeitenden Palästina. Die vielen Tausende von Menschen, die mit der Bewegung für das arbeitende Palästina geistig verbunden sind und alle, die die Bestrebungen und den Weg des arbeitenden Palästina mit Sympathie verfolgen, werden durch den PAF in eine reale Verbindung mit der konkreten aufbauenden Tat der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina treten. Aus den Gemeinden Berlin. Der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde lageine Vorlage des Gemeinde- Vorstandes vor, die die Erhöh 11 ngderSteuerquote auf 11 "״ der Reichseinkommensteuer vorschlug. Da mit der Vorläge ein Etat für das laufende Jahr nicht vorgelegt worden war, wurde von Dr. Oskar Coh n , Dr. K 1 ee, Landgerichtsrat Rau, denen sich auch Herr Woyda anschloß, verlangt, daß die Bewilligung der Steuerquote vertagt würde, bis die Gemeinde• Vertretung sich klar werde, zu welchen Zwecken die Steuergelder der Gemeindemitglieder Verwendung finden würden. Nach einer Rede des Gemeindevorstehers Direktor Graetz, der cfazu aufforderte, unter allen Umständen und schnell die Steuer zu bewilligen, wurde die Erhöhung der Steuerquote mit den Stimmen der liberalen Fraktion beschlossen. Nach einer Debatte über den Gemeindesportplatz und die Schulpolitik der Gemeinde sollte folgende dringliehe Anfrage der Fraktion der Jüdischen Volkspartei zur Beratung gelangen: ״Bei den Ausschreitungen, die vor einigen Tagen zur Schließung der Universität geführt haben, sind eine große Anzahl jüdischer Studenten mißhandelt worden. Wir fragen den Gemeindevorstand: welche Schritte hat er unternommen und will er weiter unternehmen um durch Einwirkung auf die Oeffentlichkeit und auf die Staatsbehörde, besonders auch auf die Universitäts- und Hochschulbehörden, die Rechte der jüdischen Studenten zu schützen?“ Die Anfrage wurde jedoch auf Antrag des Syndikus des Central-Vereins Dr. Alfred Wiener (Mittelpartei) in geheimer Sitzung beraten und fand zunächst mit der E in s et z un g einer Kommission ihre Erledigung. * Dortmund. Trotz des Beschlusses der ״Liberalen Vereinigung“, die von der Volkspartei einberufene Gemeinde-Ver- Sammlung, mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee- Berlin als Redner, nicht zu besuchen, war die Versammlung von ca. 500--600 Personen besucht und nahm einen imposanten Verlauf. Herr Dr. Klee stellte in den Vordergrund seiner Betrachtungen den Gedanken von der Einheit des Gesamtjudentums und der Gleichheit aller Juden. Er verlangte, begründet mit dieser alten jüdischen Auffassung, die Einführung des Verhältniswahlrechte aller 21jährigen jüdischen Männer und Frauen ohne Unterschied ihrer Herkunft. Nur dadurch ist eine Mitarbeit aller jüdisch interessierten Kräfte der Gemeinde möglich, ohne Ausschaltung irgendwelcher Gruppen und vor allem der Jugend, die allein das jüdische Morgen zu sichern in der Lage ist. Er verwahrte sich besonders gegen die hier übliche Verächtlichmachung und Verdächtigung des Zionismus, den man durch Zusätze wie ״völ- Lisch“, ,,areligiös“, ״radikal" usw. verunglimpft, Nur durch Solidarität aller Gemeindemitglieder wird auch in Dortmund, wenn der neue Satzungsentwurf die hierzu erforderlichen yor• aussetzungen geschaffen hat, eine ersprießliche und friedliche Zusammenarbeit ermöglicht werden zum Besten und Wohl der Gemeinde. Die Versammlung nahm ohne Diskussion nachfolgende Resolution einstimmig an: ״Die von mehreren hunderten Personen besuchte Gemeinde-Versammlung der Jüdischen Volkspartei Dortmund ersucht noch einmal die Gemeindebehörden, mit allem Nachdruck für die Einführung eines gerechten Wahlrechts besorgt zu sein. Lediglich ein Wahlrecht, aufgebaut auf dem gleichen, allgemeinen, geheimen Wahlrecht aller 21jährigen Männer und Frauen unserer Gemeinde, ohne Unterschied der Herkunft, bietet die Bürgschaft der Heranziehung aller Kräfte zu segensreicher Mitarbeit und zur Her- Stellung der in dieser politisch und wirtschaftlich so überaus ernsten Zeit doppelt erforderlichen Befriedung unserer Gemeinde.“ Die Versammlung hat einen starken Widerhall gefunden und bildet auch in den Kreisen, die sich nur berichten ließen, das Tagesgespräch. Zur politischen Krise im Zionismus. Soeben erschien eine von der ״Arbeitsgemeinschaft für zionistische Realpolitik“ herausgegebene Broschüre unter dem Titel ״Z u r p 0 1 i t i sehe n Krise des Zionismus“. Die Broschüre enthält eine Reihe interessanter Dokumente, und zwar den Text zweier Memoranden, die von der genannten Gruppe im Herbst 1929, unmittelbar nach den Unruhen in Palästina, der Exekutive der Jewish Agency übergeben worden sind und bisher nicht veröffentlicht wurden. Ferner ist ein Memorandum des palästinensischen Brith Schalom vom Januar 1930 abgedruckt, worin Richtlinien für jüdisch-arabische Kooperation in bezug auf Politik, Wirtschaft, Kulturarbeit usw, gegeben werden. Die Broschüre enthält weiter verschiedene Glossen zur zionistischen Entwicklung der letzten zwei Jahre, die früher in einem internen ״Korrespondenzblatt“ der Arbeitsgemeinschaft enthalten waren. In einer ausführlichen Einleitung wird erklärt, warum diese Gruppe, die bisher nur intern arbeitete, nunmehr diese Materialien der zionistischen Oeffentlichkeit vorlegt. Die Broschüre ist zum Preise von M. 1,— zu beziehen vom Büro der Arbeitsgemeinschaft für zionistische Realpolitik, Berlin-Charlottenburg 2, Uhlandstr. 20. Ueber den Umfang des wissenschaftlichen jiddischen Schriftfums in den letzten Jahren berichtet Dr. B. Weinryb im Juniheft der ״Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“. Das gleiche Heft enthält einen sehr schönen und instruktiven Artikel von Gerhard Sch 01 cm über den Einfluß des Neuplatonismus auf die deutsche Frühkabbale. Lotte Barschak bespricht Neuerscheinungen auf dem Gebiete der schönen Literatur, die sicli mit Juden beschäftigen. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellsebaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von 10 M. an diese Gesellschaft (Postscheckkonto Paul Veit Simon, Berlin 703)) oder an einen der Vertrauensmänner sendet, welche in jedem Heft der. Monatsschrift aufgeführt sind.

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