Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 53 (10.7.1931)
- Date
- 1931-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53, 10. VII. 1931 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 327 lernt hat. Sie hat die Kunst des Fifty-fifty von der Jewish Agency gelernt. Fünfzig Prozent für die Araber und fünfzig Prozent gegen die Juden. Was ich von Prof. Brodetskys vier Perioden innerhalb der letzten vier Jahre sagte, daß sie bezeichnet seien durch Mißerfolg und Niederlage, Schmach und Schande, kann auch noch anders ausgedrückt werden. Wenn es in der Balfour-Deklaration hieße: ״Seiner Majestät Reijierung ist bestrebt, die Schaffung des Jüdischen Nationalen Heimes zu hindern und zu licmmen, zu verzögern und unmöglieh zu machen", dann wäre die Deklaration schon reichlich erfüllt. Als ob jede Art von Hemmungen und gesetzlichen Hindernissen nicht genügte, hat sich die Regierung noch eine neue Ausdrucksweise gegen uns zurechtgelegt. Das Wort ״landlos" wurde in einer Weise gebraucht — und der Gebrauch erlangte Gesetzeskraft - wie niemals vorher in der juristischen oder politischen Geschichte. In dem von unserer Führung in unverantwortlicher und widerrechtlicher Weise als Basis der Zusammenarbeit angenommenen MacDonald-Brief wird unterstrichen, daß wir die Verantwortung für eine Verständigung zwischen Juden und Arabern haben. Die Mandatarregierung ist verantwortlich für eine Verständigung zwischen den Juden und Arabern, welche ihre palästinensischen und manchmal sogar auch ihre Londoner Beamten nach besten Kräften unmöglieh zu machen sich bemühten, während wir bereit, ja mit höchstem Eifer begierig waren, diese Verständigung herbeizuführen. Es gäbe keine Araberfrage in Palästina, wenn sie nicht von der Pa I ä s t i n a - R e - gierung erfunden worden wäre. Es gab kein arabisches Problem, es braucht auch keines zu geben, genau so wie es auch keine Klagemauerfrage gegeben hätte, wenn nicht d i e Regierung die Gele genheit der Klagemauer- Sache ergriffen hätte, um die Beziehungen zwischen den Arabern und uns zu verhetzen. Auf den MacDonald-Brief hätte nicht die Führung vor drei Monaten, sondern dieser Kongreß antworten sollen. Wenn ein Beweis nötig wäre, daß der MacDonald-Brief keine Grundlage der Zusammenarbeit bietet, so läge er im Geist und auch im Text des seit dem MacDotiald-Briefe und seiner Annahme als Grundlage für Zusammenarbeit vorgeschlagenen Landentwicklungsplanes. Wie kann man zu behaupten wagen, daß das Unrecht des perfiden Passfield-Weißbuches gutgemacht wurde, wie unsere Führung behauptet, solange der MacDonald-Brief dabei bleibt, daß das Weißbuch als das dominierende Dokum e n t weiter besteht? Ist es das dominierende Dokument, dann ist der Mac-Donald-Brief nicht mehr als ein Kommentar oder bestenfalls eine Interpretation und das ״dominierende Dokument" mit seiner Verleugnung des Rechtes und der jüdischen Rechte bleibt in Geltung. Und wenn der MacDonald-Brief tatsächlich eine Basis für Zusammenarbeit wäre? Wir haben zehn Jahre lang treu und redlich zusammengearbeitet und als Dank bekamen wir Beieidigung und Ablehnung, Unrecht und sogar Mord. Die Araber haben mit der britischen Regierung nicht zusammengearbeitet und sie erhielten alles. Die Araber Palästinas finden, daß es nicht einmal lohnt, zu Konferenzen nach London zu gehen, wie wir tun müssen. Sie formulieren ihre Forderungen und setzen sie bei der Regierung in Jerusalem durch, denn dort haben die Araber mit der englischen Regierung nach Belieben geschaltet. Die Wahrheit ist, daß mit England nur Leute umgehen können, die mit Engländern so sprechen, wie Engländer sprechen und wünschen, daß man zu ihnen spricht, Leute, die an sich und ihre Sache glauben. Keine Führung kann für uns sprechen, die einer englischen Regierung so entgegentritt: ״Ihr seid groß und wir sind klein; ihr seid alles und wir sind nichts, ihr seid allmächtig, wir sind ohnmächtig.“ Die Eigenschaften, die für die Leitung einer so großem Sache wie der unseren erforderlich sind, heißen Weisheit, Glauben und Mut. Wir hatten keine solche Leitung in den letzten zwei Jahren. Man hat uns gesagt, gegen die gegenwärtige Leitung zu stimmen, heißt für Passfield stimmen. Im Gegenteil: für die Leitung stimmen, heißt für das gegenwärtige englische Regime stimmen, von Passfield bis herunter zu Keith-Roach. Niemand wird das Ausmaß der Verdienste unserer Leitung seit 1915 leugnen oder überschätzen, aber nichts, was diese Leitung in all diesen Jahren getan hat, war klüger oder dringender erforderlich als ihre Resignation im Augenblick des größten Betruges von seiten des Colonial Office. Wenn die gegenwärtige Leitung wiedergewählt werden sollte, hätte die englische Regierung das Recht zu sagen und würde auch sagen: die zionistische Leitung hatte keine Berechtigung, nach dem Passfieldscheu Weißbuch zu resignieren. ״Alles war nur ein Sturm im Wasserglase. Die im Kongreß versammelte Zionisten sehen, daß wir unser Bestes getan haben.“ Mit der Konsequenz, daß neue und womöglich noch schlechtere Weißbücher kommen würden,־ bei denen im Falle der Annahme einer Wiederwahl diese Leitung geistiger Mitautor werden würde. Ich schließe mit einem Wort von Lord Melchett, das man sein zionistisches Testament nennen darf. ״Ich selbst war immer der Meinung, daß es zu wenig Beharren auf unseren Rechten und zu viel Bemühung um Nachgeben gab. Ich glaube, daß die Politik des Nachgebens von seiten der Jewish Agency ihre Ziele vollkommen verfehlt hat und daß eine völlig neue Linie erforderlieh ist, wobei die Leitung der Bewegung in neue Hände gelegt werden muß.“ teil habe nicht den Glauben an England verloren, an das England Balfours, Smut’s, aber ich verlor meinen Glauben an das England der gegenwärtigen Arbeiterregierung, und ich wende mich nicht an die englische Regierung, sondern an das englische Volk und ich sage ihm: Ihr habt es niemals geduldet, von einer Majorität terrorisiert zu werden. Ihr wart die Freunde der kleinsten Minderheiten, wir Juden sind in einem Werk des Friedens Eure Partner und Weggenossen. Wir rufen Euch, englisches Volk, auf, das Mandat für Palästina auszuführen. Das ist mein Glaube und das ist mein Appell an England, dem unsere Sache richtig' vorgelegt werden soll von unserer künftigen l eitung, im Namen von Zion, von Erez-Israel, im Namen des jüdischen Volkes. (Starker Beifall.) Amerikanischer Protest gegen Wise Del. Fishman (Allg. Zionist, Amerika): Ich glaube, daß es Dr. Wise bekannt sein muß, daß er nur für einen Teil der amerikanischen De 1 e g i c r t e 11 spricht. Tatsache ist, daß unter denjenigen, die nicht mit den Ausführungen von Dr. Wise übereinstimmen, sich Namen wie Lipsky, Stone, Silverman, Fishman und noch viele andere befinden. Irn Namen dieser Gruppe lehnen wir jede Verantwortung für Dr. Wises Ausfüllrungen ab. Welcher Teil der Delegierten der stärkere ist, darüber will ich nicht sprechen, das werden wir in Arnerika erledigen. Technisch gebe ich m, daß der Teil, für den Dr. Wise spricht, in der Majorität ist. Die Rede von Wise erzeugt im Kongreß eine überaus erregte Stimmung. Die englischen Delegierten, vor allem Dr. Eder und Morris Meyer, protestieren heftig gegen die Art und Weise, wie Wise die englische Regierung angegriffen hat. Locker wendet sich von der Tribüne gegen verschiedetie Angriffe von Wise gegen die zionistischen Arbeiter, die ihre Beziehungen zur englischen Labour Partv nicht gelöst haben, locker weist darauf hin, daß gerade die Arbeiter am schärfsten gegen Passficlds Weißbuch gekämpft haben. Unter großem Lärm, in dem verschiedene Anfragen und Antworten!untergehen, wird die Sitzung geschlossen. Sonntag Vormittag wird dann die Generaldebatte fortgesetzt. Es sprechen Schrämetk (Frankreich), Uri Zwi G r ü n b e r g (Revisionist, Palästina), Dr. Nahum Qoldmann (Radikal), Dr. Arje Tartakower (Hitachduth), Rabbi Meir Berlin (Misrachi), Abraham G o I d b e r g (Amerika)״. Wir geben aus der Debatte folgende Teile wieder: Dr. Nahum Goldmann (Radikal): Wir sind im Begriffe, einen schweren Fehler im Zionismus Tradition werden zu lassen, den Fehler, unsere außenpolitischen Probleme in erster Reihe unter innerpolitischen Gesichtspunkten zu betrachten. Wir sollten von England und von anderen fortgeschrittenen Völkern lernen, daß ein Volk politisch die Reife haben muß, sich wenigstens in außenpolitischen Fragen über die reinen Parteikämpfe zu erheben. Ich sage dies deshalb, weil das, was hier zur Beurteilung des M a c Do n a 1 d - B r i c f e s gesagt wurde, 1n hohem Maße von parteipolitischen Motiven bestimmt war. Ich will versuchen, diesen Brief ein wenig von unserem Standpunkt in der Politischen Kommission aus zu betrachten, die wir zwar nicht den Brief Weizmanns geschrieben haben, aber in einem hohen Maße verantwortlich _ sind für die Akzeptierung des MacDonald-Briefes. (Zwischenrufe: leider! Schämt Euch!) Herr Jabotinsky hat hier eine eingehende Kritik des MacDonald-Briefes gegeben. Welchen Sinn hat cs, ein Dokument wie die Balfour-Deklaration in einem absolut maximalistischen Sinne, den MacDonald-Brief aber in einem absolut minimalistischen Sinne zu interpretieren? (Beifall.) Ich sage das, weil mau wohl vieles gegen diesen Brief sagen kann, daß aber die Argumente, welche Jabotinsky, ein Mann von hoher politischer Schulung, vorbrachte, keine Argumente sind. Wenn er hier die Worte von den ״Considerations of balance“ als ״Vetorecht der Araber“ interpretiert, so ist das ein großer Fehler. Das Wort bedeutet nichts anderes, als daß die Regierung, wenn sich Juden und Araber nicht verständigt haben, Rücksicht auf beide Teile nehmen muß. Glauben Sie, daß die Regierung dies die ganze Zeit über nicht getan hat? Wenn Sie daraus ein arabische? ״Vetorecht“ machen, und aus diesem relativ harmlosen Begriff einen so wenig harmlosen herausinterpretieren, so geben Sie den Arabern nur ein Argument in die Hand. Ich glaube, es wäre eine verhängnisvolle Politik gewesen, die Einladung der Regierung nicht anzunehmen. Und als wir in die Verhandlungen gingen, wußten wir, daß eine formelle Zurücknahme des Weißbuches nicht möglich war. Aber es war unter den bestehenden Umständen dieser MacDonald- Brief mit seinen vielen Fehlern dasjenige, was zu erreichen möglich war. Ich habe dem Brief Weizmanns in seinem jetzigen Wortlaut nicht zugestimmt. Er hätte lauten müssen: Wir sind teilweise zufrieden, aber wir warten auf die weiteren Verhandlungen. Wir wollen sehen, ob aus dieser Theorie Praxis werden wird und dann werden wir Vertrauen haben. Man bat leider nicht so gesprochen und der Kongreß wird dies nachzuholen haben. Dennoch ist der MacDona<d-Brief in den letzten Jahren immerhin eines der positivsten Dokumente gewesen, die erzielt worden sind. letzt aber muß ich mich gegen eine andere Form der politischen Betrachtung wenden, die ebenfalls aus parteipolitischen Gesichtspunkten heraus das bisherige Regime allzu sehr zu decken bestrebt ist. Dies gilt z. B. von Arlosoroff. Er kämpfte im Aktions-Comite in London dagegen, allzu sehr die Frage der Interpretationen und Rechte zu behandeln und lieber ein Arbeitsabkommen für die nächsten Jahre zu treffen. Auch das ist ein falscher Weg der Politik. Arlosoroff hat hier so gesprochen, als ob zwölf Jahre lang nur eine Prestigepolitik um Interpretationen geführt worden wäre, während doch das Svsfem Dr, Weizmanns Arlosoroff viel näher steht als andren politischen Konzeptionen. Und wir sind jetzt in dieser schweren Lage, weil' eben die anderen sogenannten juristischpolitischen Gesichtspunkte auch eine Rolle spielen. Wir alle in der Politischen Kommission haben ein gutes politisches Seminar durchertebt. Wir sollen uns sehr davor hüten, sentimentale Momente in unsere Politik einzuführen. Wir haben Politiker, die von England mit ungeheuren inneren Sentiments snrechen, die heute nicht mehr berechtigt sind, und wir haben Politiker voll von Ressentiments, beides ist fatsch. Wir sollen politisch und nur politisch denken, wir haben keinen Verdacht gegen England, wir haben kein Vertrauen zu Eng- Tand, wir haben keinen Haß gegen England, und wir haben keine Liebe zu England. Wir werden England von Fall zu Fall beurteilen nach seinen Taten. Die Rede von Dr. Wise war stellenweise von solchen Ressentiments heherrscht, und das hat dem politischen Eindruck dieser Aeußerung etwas Abbruch getan. England ist der auf Jahre hinaus entscheidende Faktor unserer Politik; sprechen wir daher nicht von einer anderen Mandatarmacht oder von einem letzten Experiment, beziehen ־wir uns zu England als dem zentralen Faktor unserer Politik, aber skeptisch, kühl und nüchtern. Der Faktor Jüdisches Volk ist die einzige Quelle unserer Macht und politischen Arbeitsfähigkeit. Dr. Arle Tartakower (Hitachduth, Polen) erklärt, die Gefahr der Verkleinerung des Zionismus liege nicht auf politischem Gebiete, sondern bei unserer Kolonisationsarbeit. Gegen diese Gefahr müssen wir unsere Kräfte konzentrieren. Wenn ein Teil der fugend von 1ms weggeht, so ist es nicht, weil unser Ideal ihr nicht genügt, sondern weil wir nicht die Möglichkeit haben, ihr den realen Weg zur Verwirklichung der Ideale zu zeigen. Darum ist die Frage der Finanzmittel für den konkreten Aufbau am entscheidendsten. Die Linke steht auf dem Standpunkt des Ausbaues der Apencv. Wir haben versucht, durch die Einberufeng eines Weltkongresses für das arbeitende Palästina neue Formen für ihre Erweiterung zu finden, fm Zusammenhang damit ist der Gedanke einer großen jüdischen Volkssteuer für‘kolonisatorische Arbeit in Palästina aufgetaucht. Leider wurde hier der Vorschlag von Sprinzak nicht besprochen. Rabbi Meir Berlin (Misrachi) betont die zwei Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage: in Worten und Resolutionen müsse man vorsichtig sein und andererseits müsse man den Enthusiasmus im jüdischen Volke wecken und was man will, in der stärksten und schönsten Form sagen. Diese Sprache sei leider in den letzten Jahren verloren gegangen. Zwar könne jedes starke Wort uns an gewissen Stellen schaden, aber man dürfe nicht vergessen, daß uns jedes schwache Wort beim jüdischen Volke schadet. Zionismus sei eine Sache der Volkserziehung. Während man früher davon gesprochen habe, mit wem außerhalb des Zionismus man zusammengehen könne, untersuche man heute, mit wem innerhalb des Zionismus es keinen gemeinsamen Weg gebe. Es gäbe ״leichte“ Zionisten, aber keinen ״leichten“ Zionismus. Mit vielen Dingen im Revisionismus sei der Misrachi nicht einverstanden. Ihm passe die militaristische Entwicklung des Brith Trumpeldor nicht, wie ihm vieles von Handlungen der chaluzischen Jugend nicht gepaßt habe. Aber wenn eine Gruppe für ״starken“ Zionismus ist, dann ist der Misr a c h i für sie. ,, Abraham Goldberg (Allg. Zionist, Amerika) klagt über die politischen Niederlagen der letzten Jahre und wendet sich ׳-egrn diejenigen, die den Arabern 'zu'iebe das zionistische Ziel zu einem geistigen Zent •um verkleinern wollen. Man werde nur für ein großes Ideal Geld bekommen. Unsere Kritik an England ist berechtigt und es war ein Fehler von Weizmann, diese Kritik mit seiner eigenen Brust aufzufangen. Wären die Unruhen nicht ausgebrochen, dann hätten wir in Palästina viel mehr geleistet. Weizmann selbst hat doch als Protest, gegen England demissioniert. Wenn aber hier jemand gegen England spricht, dann werden manche Teile des Kongrosses so aufgeregt, daß der Anschein entsteht, als seien wir mit England zufrieden. Redner setzt sich zum Schluß für eine große i 11!1 c r z i o n i s t i s c h e Koalition mit einem einheitlichen Programm ein. Wenn diese zustande kommt, dann wird nach dem Kongreß die Arbeit in Amcrik a in ganz großem Stil beginnen können. Amerika kann sowohl in finanzieller Beziehung, als auch in politischer Beziehung noch ungeheures für den Zionismus leisten. Die Kraft dieser fünf Millionen Juden muß man ausnützen. Damit ist die V 0 r m i tt a g s - S i t z u 11 g beendet. In der Nachmittags-Sitzung wurde, wie wir bereits gemeldet haben, die Gedenkfeier für die Verstorbenen und die Feier des Todestages Theodor Herzls abgehalten. Sodann hielt Ci r ü 11 b a u m sein Referat über die L a g c des jüdischen Volkes in der Diaspora, worin er anschaulich die wirtschaftliche und kulturelle Zersetzung, den Niedergang und die politischen Leiden des jüdischen Volkes schilderte. Die nächste Plenarsitzung begann Montag, den ft. Juli, 4 Uhr nachmittags. Die Generaldebatte wurde fortgesetzt. Zunächst erklärte Ben O urion namens der Arbeiterfraktion, daß die Arbeiterfraktion beschlossen habe, an den Präsidien der verschiedenen Kongreß- Kommissionen nicht teilz unehmen, weil man im Gegensatz zu den parlamentarischen Kongreßsitten der Arbeiterpartei als stärkster Fraktion den Vorsitz im Permanenz- Ausschuß versagt habe. Die Redner der Montags-Debatte sind F. Bernstein (Holland), Dr. Rufeisen (Allgem. Zionist, Gruppe A, Tschechoslowakei), Jaari (Haschomer Hazair, Palästina), Stricker (Revisionist, Wien), Mosche Sc 11apiro (Hapoel Hamisrachi, Palästina), Levite (Polen), Dr. Mibaschan (Rumänien), Pacific! (Italien), Berger (Bessarabien). Nach einer Pause sprechen dann Jacob Fisbrn a n (Amerika), Raw Bcrraann (Misrachi, Palästina), DF. Schmorak (Ostgalizien). Dr. Rufeisen (CSR.) führt aus, alle seien sich darin einig, daß die Mandatarmacht ihre Verpflichtung gegenüber dem Jüdisch-Nationalen Heim nicht erfüllt hat, und der bedeutendste Ausdruck dieser Unzufriedenheit sei die Demission Dr. Weizmanns. Der MacDon a 1 d - B r i e f habe die Basis für Kooperation wieder hergestcllt. Gegen die Einführung einer gesetzgeberisehen Körperschaft könne man sich, solange die Araber das Mandat als Ganzes nicht akzeptieren, wehren, aber man müsse die Frage sorgfältig prüfen und konkrete Mittel zu ihrer Lösung suchen. Es sei heute nicht aktuell, das Basler Programm zu ändern oder zu interpretieren, denn das Geschrei über Mehrheit sei geeignet, die Arbeit politisch zu erschweren. Es gehe nicht um das Endziel, sondern um ein Aktionsprogramm. Meir Jaari erklärt im Namen des Haschomer Hazair, die größte zionistische Jugendbewegung glaube nicht, daß die Zionistische Organisation der Judenstaat auf dem Weg sei, sondern daß sie die Solidarität aller boden- und klassenlosen Volksschichten zum Ausdruck bringe, die eine nationale Befreiung in Erez-Israel erstreben. Unser Ideal ist die Kon- Zentrierung der Mehrheit des jüdischen Volkes als arbeitende, freie Gemeinschaft im Rahmen eines binationalen Sozialist!- sehen Staates in Palästina. Stricker (Revisionist) wendet sich ־zuerst gegen die britische Arbeiterpartei, die dem jüdischen Volk seine Hoffnung rauben will, rühmt dann die Erfolge der jüdischen Industrie 1n Palästina, die von der Leitung nicht unterstützt wurde, und fährt fort: Präsident Weizmann hätte nach seiner Rede gegen den Judenstaat, die er in Berlin gehalten hat, gehen müssen. Der Kongreß möge sich nicht einbilden, daß diese Augustrede Weizmanns die letzte Etappe der Ent- Wicklung sei. Heute sei ein Interview Weizmanns erschienen: ״Ich habe kein Verständnis und keine Sympathie für das Verlangen nach einer jüdischen Mehrheit in Palästina. (Pfuirufe rechts.) Mehrheit garantiert nicht die Sicherheit, ist nicht notwendig zur Entwicklung von jüdischer Zivilisation und Kultur. Die Welt muß das Verlangen nach einer jiidisehen Mehrheit nur in dem Sinne auslegen, daß wir die Majorität wollen, um die Araber aus dem Lande zu verjagen.“ Wissen Sic, was das 11?ißt? Das heißt jeden ehrlichen Zionisten als Provokateur und Gewaltmenschen hinstellen, jede künftige Leitung, die nicht diesen unzionistischen Weg geht, von vornherein als Extremisten hinsteüen, mit denen man nicht verhandeln kann. Als Weizmann in Berlin seine Rede hielt, sagte ich ihm: Wenn Sie nicht glauben, dann gehen Sie weg. Und ich sage Ihnen: Wenn Sie nicht vom Geist Weizmann den Weg zum Geist Her/I zurückfinden, ist alles verloren. Und es gibt bei uns nicht Platz für diese zwei Geister: Entweder Geist Weizmann oder Geist Herzl. Das Weizmann ״ Interview Inzwischen war bekannt geworden, daß die Arbeiterfraktion eine Interpellation an Dr. Weizmann zu richten wünscht, worin sie von ihm Aufklärungen über das der JTA. erteilte Interview verlangt. Das Präsidium zieht sich zurück, um über diese Frage zu beraten. Nach Wiedereröffnung der Sitzung um 11 Uhr abends erteilt nun der Vorsitzende M ot zk i 11 dem Delegierten Arlosoroff das Wort. Arlosoroff: ״Herr Stricker hat im Verlauf seiner Rede auf ein interview bezug genommen, das der Präsident der Zionistisehen Organisation der Jüdischen Telegraphen-Agentur gegeben haben soll. Aus diesem Interview hat Herr Stricker 11. a. folgenden Passus zitiert: ,The world will construct this demand only one sense that wc want to acquirc a majority in order to drive out the Arabs.‘ Dieser Passus, wenn sinngemäß wiedergegeben, ist sowohl sachlich wie politisch falsch und schädlich, wir sind über/eugt davon, daß kein ehrlicher Mensch in der Welt in dem Willen, eine jüdische Mehrheit zu schaffen, den Wunsch sehen kann, Araber aus dem Lande zu treiben. Wir fordern deshalb den Präsidenten der Zionistischen Organisation auf, dem Kongreß unverzüglich Er- Klärungen bezüglich dieses zitierten Interviews zu geben.“ Weizmanns Erklärung Gewisse Erklärungen, die ich bezüglich der Forderung einer jüdischen Majorität in Palästina abgegeben habe, wurden in einer unglücklichen Formulierung veröffentlicht und haben dadurch zu neuen Mißverständnissen Anlaß gegeben. Es ist mir daher willkommen, daß ich Gelegenheit habe, die Sache aufzuklären. Zunächst möchte ich feststellen, daß ich weder gesagt noch jemals gemeint habe, daß irgendeine Gruppe dieses Kongresses die Absicht hat, die Araber aus Palästina zu vertreiben, oder daß die Forderung einer jüdischen Majorität von irgendeiner Kongreßgruppe in diesem Sinne verstanden wird. Wir haben aber im Verlaufe von zehn Jahren die Erfahrung gemacht,