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Jüdische Rundschau · 1931-07-10 · Heft 53 (10.7.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 53 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 326 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 10. VII 1931 des Zionismus neu ausdrikken soll. Herr Ussischkin betrachtet Dr. Weidmanns gestrige Rede als destruktiv für unsere Ideale. Gerade diese Angelegenheiten sind der Inhalt des Programms unserer ‘Gruppe. Wir bitten Sie, Dr. Weizmanns Antwort an den Premierminister gutzuheißen, wir bitten Sie, keine Aenderung des Basler Programms zuzulassen und Dr. Weizmanns Rede in allen ihren wesest• liehen Pun kt e n zu akzeptieren. Redner tritt sodann der Jabotinskyschen Auffassung des MacDonald-Bricfcs entgegen und weist nach, daß der Brief als authentische Interpretation des Weißbuches gilt. Gegen ein palästinensisches Parlament hat auch die Exekutive sich ausgesprochen, es sei denn, ^laß es auf Grund einer Einigung von Juden und Arabern zustande kommt. Und nun zu den Aenderungen in der Bezeichnung des zionistischen Ideals. Das Basler Programm wurde in die Balfour- Deklaration und das Mandat aufgenonimen. Irgendein Versuch, dem Mandat eine neue Interpretation zu geben, würde nicht mir die Balfour-Deklaration, sondern auch das Mandat gefährden. Es ist leicht, Aenderungen vorzuschlagen, aber erinnern Sie sich, daß es noch andere Leute gibt, die eine Aenderung des Mandates wünschen: ein Teil der öffentlichen Meinung Englands und die Araber. Es gibt z. B. einen Artikel 22 des Völkerbundpaktes, dessen Interpretation etwas bedenklich ist. Sie dürfen auch nicht vergessen, daß wir heute nicht mehr in der Periode 101S—1022־ leben. Man muß sorgfältige lieberleguugen anstellen, bevor man das Mandat antasfen will. Der MacDonald-Brief ist gewiß nicht zufriedenstellend, aber er ist eine Basis für neue Kooperation. Die Rede von Weizmann war nicht die eines Journalisten oder Politikers, sie war die Rede eines Staats in a n ncs, der Ihnen keine Illusionen vormachen will, der mit den Realitäten rechnet. Und was die I laltung Englands gegenüber dem Zionismus betrifft, so sage ich Ihnen: würde man heute eine Abstimmung unter den M aase n Englands vornehmen, sic würde gegen uns ausfallen, ebenso, wie eine Abstimmung unter der Intelligenz für uns ausfallen würde. Deshalb müssen wir weiter die Unter- Stützung der aufgeklärten Kreise Englands suchen und uns in ״'orten und Taten sehr davor hüten, nicht auch diese Sympathien zu verlieren. (Beifall.) Arlosoroffs Rede *#r. Chaliti Arlosoroff (Arb.-Partei Palästinas): Jabotinsky imd Lichtheim haben als Zentralproblem die Frage des End- Zieles in die Diskussion geworfen. So oft ich das höre, kommt mir die bitterste Satire in den Sinn, die je gegen den Zionismus geschrieben worden ist, die Geschichte von den Ghelmern und ihrem Ofen. Die Chelmer beriefen einmal eine \ e׳׳sammlung ein und beschlossen, daß es itn Winter kalt ist imd daß man deshalb einen Ofen braucht. Sie hatten aber!־,ch anderes Material und so machten sie sich daran, ihren Ofen aus Butter zu bauen. Kam ein kritischer Zuschauer, der Einen sagte, wenn man einen Ofen brauche, müsse man Ziegel uml Steine herbeischaffen, so nannten sie ihn einen Idioten, der nicht verstehe, daß man. im Winter einen Ofen brauche, oder einen Verräter, der die Heiligkeit des Ofens nicht anerkenne. Jabotinsky sagte, wenn dieser Kongreß nicht dazu kommt, die volle Majoritätsformel zu akzeptieren, habe er seine politische Aufgabe nicht erfüllt. Er sagte ferner, einen Ofen, G:!en Staat zu haben, sei das Normale. Schade nur, daß es davon jenem nicht wärmer wird, der keinen bat, und er der Frage aus weicht, der das jüdische Volk gegenübersteht, wie v.ir die schneidende Kälte unserer Lebenbedingungen ertragen und unsere politische Zukunft Stein für Stein aufbauen seifen, '],''ehti Jabotinsky sagte, es sei gegenwärtig immer nur hallen V'/orten zu begegnen, so ist es noch viel widerwärtiger, großfnrecherische Worte, Worte der Selbstberauschung zu hören, (Lebhafter Beifall.) Niemand weiß besser als wir Palästinenser, welches Schick• si! uns beschieden ist, wenn es uns nicht gelingt, aus dem kt?!ncn jüdischen Jischuw in nicht allzu langer Zeit eine große jüdische Siedlung zu machen. Wir arbeiten in einem M’ettcrvvinkel der Levante. Und wenn es uns nicht gelingt, dort eine Massensiedlung in palästinensischem Boden zu verwurzeln, werden wir nicht nur keine der zentralen Aufgaben im jüdischen Leben erfüllen können, sondern wir gehen einer Zukunft der kulturellen und sozialen Verflachung entgegen. Ich stehe noch immer auf dem Standpunkt, daß über das Ziel des Zionismus — von kleinen Gruppen abgesehen — in der zionistischen Bewegung gar keine Meinungsverschiedenheiten bestehen, daß jeder Zionist weiß, daß, wenn es uns nicht gelingt, in Palästina Bedingungen zu schaffen, unter denen das jüdische Volk sich selbst bestimmen kann, es keinen Zionisraus gibt. Mit dieser Freiheit und Möglichkeit der Selbst- Bestimmung stellt und fällt der Zionismus. Wenn man aber hier das Endziel in eine Forme! pressen will, so heißt das, dem. Zionismus einen schlechten Dienst erweisen. Ich will ganz absehen von dem ausgesprochenen Drohungscharakter einer solchen Formulierung. Wenn man eine Majoritätsformel ausdrücklich proklamiert, so proklamiert man damit das Interesse der Bewegung, irgend jemand in eine Minoritätsstellung zu drängen. Aber es fragt sich, ob überhaupt die Definition der Ziele eine Methode ist, die sich mit den Erfordernissen, politischer Weisheit einer kämpfenden Bewegung in Uebereinstimmung bringen läßt. Wenn z. B. vor‘30 Jahren eine Konferenz polnischer oder tschechischer Nationalisten sich in Anwesenheit der deutschen, russischen und österreichischen Presse darauf versteift hätte, das Endziel ihrer Nationalbewe- 1־״mg zu definieren, so wäre diese Bewegung höchstwahrschein־ lieh in ihrer Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen worden. Ich sage nicht, daß unser Programm seinem Inhalt nach mit dem der polnischen oder tschechischen Nationalisten zu vergleichen ist, aber ich sage, daß aus dieser Anpassung der Ziefformel an die konkreten Bedingungen das Gebot politischer Logik spricht. Jeder, der als Ausgangspunkt der Betrachtung der heutigen Situation etwas anderes wählt, als was Dr. Weizmann in seiner Rede erwähnt hat, daß nämlich trotz aller Gegnerschaft und allen Schwierigkeiten uns in den Jahren 1920 bis 1930 keine Macht der Welt gehindert hätte, ein Vielfaches von Menschen einwandern zu lassen und ein Vielfaches an Boden zu kaufen, wenn unsere Kraft dazu ausgereicht hätte, das zu tun, jeder, der einen anderen Ausgangspukt wählt, lügt und führt das jüdische Volk irre. Wir neigen dazu, zu vergessen, daß der große Immigrationsstrom erst zwei Jahre nach dem Churchillschen Weißbuch ins Land gekommen ist. Auch in den letzten Jahren sind, abseits von den politischen Sensationen, kleine Dinge im Lande vor sich gegangen, vollbracht von unbekannten Soldaten der zionistischen Kolonisation, kleine Dinge, die doch viel sind von großem, wagendem und wachsen• dem Geist. Man hat in wenigen Jahren aus einer schlechten einheimischen Varietät eine Banane geschaffen, die auf den Weltmarkt hinausgeht, man hat mit der Grapc-Fruit das Pflanzungsproblem auf schweren Böden angepackt, eine für Palästina außerordentlich wichtige Frage, man hat ״Jachin“ geschaffen, eine Kooperative der Arbeiterbewegung für die Anlage von Orangenpflanzungen für die Mittelstandssiedlung, die ״Tenunah“ hat für die Produkte unserer Siedlungen einen Markt erschlossen. Und ich sage, daß alle diese Dinge für die Erreichung des zionistischen Endzieles von weit größerer Bedeutung sind als alles, was in der ״radikalen“ Presse geschrieben und in ״radikalen“ Versammlungen gesagt worden ist. Für unsere Weiterarbeit sind zunächst zwei Voraussetzungen notwendig: PolitischeBundesgenossenschaft und politische Ruhe. Warum hat niemand in dieser Debatte den Mut gehabt, den Kongreß daran zu erinnern, daß der Zionismus m den letzten Jahren sich in einem Prozeß fortschreitender politischer Isolierung befindet? Vor zehn Jahren ist es uns 711 in ersten Male in der Geschichte des Orients gelungert, Christen und Moslems zu einer politischen Einheit zusammenzuschveißen. Diesem Kunststück haben wir neuerdings noch eines hinzugefügt: Wir haben große Teile der britischen Öffentlichkeit und der palästinensischen Beamtenschaft der arabischen Bewegung in die Arme getrieben. Diese politische Isolierung zu brechen, ist unsere erste Aufgabe. Wir haben noch Freunde, aber die Entwicklung der Dinge ist so, daß es noch kritischer werden kann. Ich denke da z. B. an die Entwicklung der A-Mandate. Sie wissen, daß der Irak gerade in diesen Tagen in den Völkerbund aufgenommen worden ist und daß Frankreich in Syrien einen ahnliehen Weg gehen will. Und es wird dann nur noch ein A- Mandat geben, Palästina. Wenn man daran gehen wird, auch den Status des Palästina mandats neu zu definieren, und wir in unserer Einsamkeit verbleiben, dann kann sich unsere Politik in einer gefährlichen Situation befinden. Man darf nicht glauben, wie Herr Jabotinsky es zu tun scheint, daß im Parallelogramm der politischen Kräfte in Pälästina sich nur die englische und die jüdische Kraft bestätigt. Wissen Sie nicht, was in den letzten zwölf Jahren vor sich gegangen ist? Daß die englische, die ägyptische Situation, ja die Situation der ganzen Welt eine ganz andere ist als vor zwölf Jahren? Was soll da die Berufung auf Verhältnisse, die vor zwölf Jahren bestanden haben, auf Formeln, die 1916 oder 1918 geprägt worden sind? Und w׳enn es nach Herrn Jabotinsky richtig war, daß Herzl 1897 und Nordau 1916 aus der realpolitischen Situation Palästinas Konsequenzen ziehen und ihre Formeln ihnen anpassen mußten, warum gilt dasselbe nicht auch heute? Warum ist es nicht ein politisches Verbrechen, wenn man zu diesem Kongreß kommt, um ihm eine Formel aufzuzwingen, welche uns nur noch weiter 1 n unsere politische Isolation hineinpreßt, weil sie von der englischen Politik und der arabischen Politik als eine Forme! der politischen Aggression aufgefaßt werden ,muß? Die zweite Grundlage unserer Politik ist eine Periode relativer politischer Stabilität, wie wir sie mit großer Mühe durch die Politik Weizmanns und Sir Herbert Samuels nach den schweren Zusammenstößen von 1921 erreicht haben, und die vom Jahre 1922 bis zur Klagemauer- Provokation zu großen Fortschritten der jüdischen Macht- Positionen im Lande und in unserer Arbeit geführt hat. Ein schweres politisches Geschick brachte uns ln diesen zwei Jahren eine Periode ununterbrochener politischer Kämpfe und einer verständlichen, gerechtfertigten Erbitterung. Diese ganzen zwei lahre waren angefüllt von einer sehr aktivistlschen politischen Tätigkeit der zionistischen Bewegung. Aber der Mangel an politischer Ruhe im Lande hat eine Situation geschaffen, die wir nicht ausnützen konnten, um Positionen zu erobern und im Lande stärker zu werden. Und wenn wirklich eine Richtung im Zionismus die Oberhand gewinnen sollte, die den politischen Kampf selbst als Ziel setzt, die im politischen Kampt nicht ein bitteres Schicksal, sondern ein Programm sieht, dann verspielen wir vielleicht die letzte Chance, die dem Zionismus für seine Verwirklichung gegeben ist.. (Beifall.) Wie erreichen wir nun diese beiden politischen Grundlagen, die politische Bundesgenossenschaft und die politische Ruhe? Auch darüber hat sich die Opposition ganz gründlich ausgeschwiegen. Zwar hat Herr Jabotinsky gesagt, er und die Revisionisfen seien immer für eine Kooperation mit der Mandatarmacht gewesen, aber die gesamte revisionistische Partei hat Herrn Ussischkin frenetisch Beifall ge- Idaischt, als er das staafsmannische Beispiel von David und Goliath vorbrachte. Wie soll dann eine Kooperation aussehen? Will man vielleicht eine Kooperation mit der Mandatarmacht in der Art des Verhältnisses zwischen David und Goliath, wo David immer mit der Schleuder am Gürtel bereitsteht, damit der große Goliath sich mir ja fürchte? Herr Jabotinskv hat sehr lange über den MacDamrid-Rrief gesprochen, er hat aber nicht erwähnt, wem er eigentlich dafür dankbar sein sollte, daß er den MacDonald-Brief überhaupt kritisieren konnte, nämlich der Weizmann-Exekutive. Welche verantwortungslose Demagogie war es (Beifall), als man in den schweren Wochen, als die Verhandlungen in London geführt wurden, in der ganzen Welt eine Aktion gegen Weizmann und die Exekutive organisierte! In einem normalen Staate — und auch im ״Judenstaafe unterwegs" muß es als Bürgerkrieg angesehen werden, wenn in einem Augenblick so schwerer außenpolitischer Verhandlungen der britischen Regierung mitgeteilt wird, daß die Union der Zionisten-Revisionisten die Legitimation der Zionistischen Exekutive für diese Verhandlungen nicht anerkennt. (Lebhafter Beifall, Pfuirufe.! Der eine Weg, um diese politische Hilfe zu erreichen, ist ein Arbeitsabkommen mit der Mandatarmacht. Ein solches Arbeitsabkommen hätten wir uns als das einzige große Ziel in unseren Verhandlungen in London setzen müssen. Aus diesem Grunde hat sich die Arbeiterpartei dagegen gesträubt, daß der MacDonald-Brief am Schluß des ersten Teils der Verhandlungen veröffentlicht wurde, bevor ein Uebereinkommen über das zukünftige gemeinsame Arbeitsprogramm zwischen Mandatsregierung und Jewish Agency erzielt worden war. Der zweite Weg Ist der der politischen Unterstützung derienigen Strömung in der britischen Politik, die das jüdische Palästinawerk fördern will. Unsere politische Aufgabe Ist zweifellos, die uns freundliche Strömung in England zu fördern und zu unterstützen, die uns feindliche Konzeption nach Möglichkeit zu schwachen und zu isolieren. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen wir aber zu zwei Dingen kommen: Zu einer Kooperation mit der britischen Verwaltung in Palästina und zu einem konstruktiven arabischenProgramm. Es ist wahr und niemand, der in Palästina lebt, kann darüber hinwegkommen, daß es Dinge in der britischen Administration im Lande gibt, die uns das Leben schwer und bitter machen. Wir haben gegen diese Widerstände kämpfen müssen. Und wir haben Tag für Tag gekämpft. Und trotzdem ist die Konsequenz immer wieder, daß wir, um diese Widerstände zu überwinden. Arbeitsgenossen und Freunde finden müssen. Ein Teil der Unterstützung jener dem Zionismus freundlichen Strömung in Großbritannien und Palästina ist ein konstruktives arabisches Programm. Und der Versuch der palästinensischen Arbeiterpartei, ein solches Programm nicht nur auf Ökonomischem und sozialem, sondern auch auf politischem Gebiet zu entwerfen, zu sagen, wie wir uns das künftige Zusammenleben von Juden und Arabern im Lande vorstellen, ist einer der Wege, wie wir diese uns freundliche politische Strömung in der Welt unterstützen können. Wir sehen für alle Zukunft, die uns mit den Arabern verbindet, in dem gleichen konstitutionellen, politischen, nationalen und bürgerlichen Rechte die einzige tragfähige Grundlage einer zionistischen Politik. (Lebhafter Beifall links.) Um das ahes durchzuführen und die politische und finanzielle Grundlage für unsere Arbeit zu schaffen, brauchen wir eine starke Bewegung. Lichtheim sagte, die Revisionisten seien für die Stärkung der Zionistischen Organisation, aes Juden* Staates unterwegs, Erinnern Sie sich, wie die revisionistische Bewegung in den letzten zwei Jahren für die Festigung der Zionistischen Organisation gekämpft hat? Die revisionistische Jugend wird in einem Geiste erzogen, daß sie nichts daran findet, die Assefath Haniwcharim, die gesetzlich gewählte Vertreterversammlurig des jüdischen Jischuw, zu sprengen. Unter dieser Jugend wird Tag für Tag eine Propaganda geführt, in einer bestimmten politischen Konjunktur die Zionistische Organisation, also den Judenstaat unterwegs, zu verlassen und einen eigenen Judenstaat aufzumachen. Die revisionistische Presse zieht Tag für Tag alles, was rein und kämpfend und heilig im Zionismus gewesen ist, in den Schmutz. Hat nicht ״Haam“ an dem Tag, als Weizmann vom Emek der Arbeiterpioniere willkommen geheißen wurde, geschrieben, im Emek habe sich der politische Schmutz mit dem kolonisatorischen Schmutz getroffen? (Pfuirufe.) Das ist nur ein Teil der ״Staatsbürgerliehen Erziehung“, die der Revisionismus den Bringern des Judenstaates unterwegs angedeihen läßt. Und wenn Lichtheim von dem System der militärischen Disziplinierung als dem inneren Gesetz der zionistischen Bewegung gesprochen hat, so kann nur ein Mann, der dem Geist des lebenden Palästina von heute ganz fremd ist, so sprechen. Das heutige Palästina, das sich auch zu verteidigen versteht, weiß, daß diese Verteidigung eine blutig ernste Sache arbeitender Menschen ist, die sich und ihre Familien aus ihrer Siedlung und Arbeit heraus schützen, und nicht das Militärspiel einer oberflächlich verbildeten Jugend. (Lebhafter Beifall.) Zu ernst sind diese Dinge, zu ernst können sie vielleicht noch in Zukunft sein, als daß wir wagen dürften, so mit ihnen zu spielen. So lange wir nicht mit diesen zerstörenden Kräften abgerechnet haben, gibt es vielleicht keinen Weg, um eine große und lebendige zionistische Bewegung wieder aufzubauen. (Stürmischer Beifall, Pfuirufe bei den Revisionisfen.) Dr. Stephen Wises Kritik Dr. Stephen Wise (Allg. Zionist, Amerika, spricht englisch): Dr. Weizmanns Rede klang in der Hauptsache wie eine Erklärung von der englischen Regierung, meine Rede wird eine Erklärung a n die englische Regierung sein. Ob es jemals notwendig sein wird, gegen England zu sprechen, kann nicht bestimmt werden, bevor wir eine Leitung haben, die zu England gesprochen hat. Das hoffnungsreichste Ereignis in den letzten zwei Jahren war eine Erklärung an England, nicht von England — das Wort der Mandatskommission, das vor einem Jahre in Genf gesprochen wurde. Ich weiß nicht, wie man ein ganzes Volk beschuldigen kann, aber ungleich unserer Leitung weiß ich, wie eine Regi er u n g angeschuldigt werden kann, und ich beschuldige die gegenwärtige Regierung von England von dieser Tribüne des jüdischen Volkes vor dem moralischen Gewissen der Welt, daß sie in schrecklicher und tragischer Weise verfehlt hat, ihre Verpflichtungen aus dem Völkerbundsinandat gegenüber dem jüdischen Volk zu erfüllen. Nicht klage ich das englische Volk an, trotzdem unsere zionistische Leitung versucht, jede Anklage von der Regierung auf das Volk zu verschieben. Wie können wir das Volk von Lord Balfour und Lloyd George anklagen, wie kann es in einen gesunden Sinn kommen, das Volk von Lord Phiiner und General Smuts, das Volk von Lord Hailsham und Sir John Simon anzuklagen. Es sind diese Lords und diese Herren, die das englische Volk repräsentieren, nicht Lord Passfield und nicht Sir John Chancellor und Keith-Roach. Es gibt drei primäre, elementare Bedingungen für die Errichtung des Jüdischen Nationalheims: Sicherheit, Land. »de rung.. Die Sicherheit braucht nicht zu ruhen auf den britischen Bajonetten, sie ist garantiert in dem Augenblick, wo die englischen Beamten und die nichtbeamteten Engländer in Palästina aufhören, die Araber gegen die Juden aufzustacheln. Wir fordern nicht Sicherheit für unsere Männer in Palästina, wir haben das Recht zu verlangen, Sicherheit für Frauen und Kinder und Greise, die besonders auserwählte Opfer der August- Unruhen 1929 waren. Die zweite Bedingung ist freier Zutritt zum Boden. Nicht Invasion, nicht Raub oder Diebstahl von Grund und Boden, sondern gesetzlichen Zutritt zu dem erwerbbaren Boden, wie er uns heute in jeder möglichen Weise verwehrt wird. Und die dritte Bedingung ist Freiheit der Einwanderung, unter gewissen Regulierungen natürlich — aber nicht nur für solche Leute, die eine feindliche Palästina-Administration zuzulassen gesonnen ist, sondern für solche Männer und Frauen, wie wir sie als für die Einwanderung nach Palästina geeignet auswählen. Während der letzten zwei Jahre hatten wir nichts dergleichen. Wir hatten schlechte Gesetze, die von noch schlechteren Beamten ausgeführt wurden. Wir hatten eine ungeheuerliche tragische Unsicherheit. Wir hatten und haben noch eine vollkommen willkürliche und ungesetzliche Behinderung des Zutritts zum Boden. Und wir hatten eine solche Einschränkung und sogar Einstellung der Einwanderung, daß man sagen kann, diese Bedingung der Errichtung des Jüdischen Nationalheimes wurde durch die englische Administration glatt verhindert. Ich befasse mich nicht mit der Rede der Leitung, die nicht eine politische Ansprache, sondern eine persönliche Apologie war und offensichtlich ein ernster Abschied von den zionistisehen Genossen. Dr. Brodetskys Bericht über die politische Situation sprach von vier Stufen in den letzten zwei Jahren, wovon die vierte nach dem Brief des Premierministers beginne. Um die Phraseologie dieses Berichtes zu verwenden, hatten wir den Mufti-Pogrom, später den Passfi eld-Pogrom und schließlich den MacDonald-Brief, den dieser Kongreß niemals als Gutmachung des Passfieid-Weißbuches annehmen wird. Der MacDonald-Brief ist nicht ein Friedensvertrag von Dauer, sondern eine Art Rote Kreuz- Hilfe für die Schwerverwundeten des Mufti- und des Passfield- Pogroms. Unter der derzeitigen Regierung und ihren Vertretern in Palästina und im Kolonialamt durchlebten wir zwei Jahre des Schreckens von außen und der Schmach von innen, angefangen von dem Blutbad in Jerusalem, welches Luke oder irgendein Mann hätte verhindern können, wenn er den Willen gehabt hätte. Es ist eine armselige Befriedigung, festzustellen, daß alle diese großen und kleinen Pogrome Großbritannien mindestens ebenso viel geschadet haben wie uns. Unsere Führung beharrt, ebenso wie MacDonald, darauf, daß in dem Briefe des letzteren eigentlich eine Annullierung des Weißbuches zum Ausdruck kommt. Annulliert wurden allerdings — aber nicht das Passfield-Weißbuch, sondern die Ein- Wanderungszertifikate. Englands Antwort an die vom Mufti geführten Pogromisten Palästinas war die Zurückziehung der Zertifikate. Die Antwort unserer Führung war die Reduzierung des Jüdischen Nationalen Heimes zu einem ״»!nationalen Staat In Palästina“, Wir erfuhren Schmach und Schande, Beschimpfung und Verhöhnung von der englischen Regierung und von einigen arabischenFührern. Seit der gestrigen Präsidentenrede hatten wir auch noch die entwürdigende Schmach der Selbsterniedrigungdur eh die Anerkennung des MacDonald-Briefes als Grundlage der Zusammenarbeit. Und doch müssen wir ehrlicherweise auch sagen, daß die englische Regierung in den letzten Jahren etwas von uns ge-

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