Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 52 (7.7.1931)
- Date
- 1931-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52, 7. VH. 1031 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite m Besiegten“ ■Weggehen. In den kommenden zwei Jahren muß die innere Zerfleischung in unseren Reihen ein Ende neh* men. Die innere Genesung wird auch zur äußeren Gesundung beitragen. (Lebhafter Beifall.) Die Rede von Dr. Eder müssen wir infolge der letzten Nachrichten aus Raummangel für die nächste Nummer zurück• stellen. Jizchak Griinbaum (Radikale, Polen) erklärt, Weizmanns Resignation erspare einen sehr unangenehmen Kampf auf dem Kongreß. Weizmanns Rede war das politische Testament eines Menschen, der seinen Namen hinter eine ganze Periode zionistischer Bewegung gesetzt habe. Bleiben müsse die sozialökonomische Einstellung, die Erkenntnis, daß die Arbeit das Fundament unseres Gemeinwesens in Palästina sei, der Grundsatz, daß die Privatinitiative und Mittelstands-Kolonisation nur kommen könne, wenn der Weg schon mehr oder weniger gebahnt sei. Das politische System Weizmanns aber ist für immer vorbei, weizmann führte einen Kampf gegen die Mandatarmacht? der gewisse Erfolge zeitigte. MacDonalds Brief verstanden wir als einen Anfang. Weizmann erklärte, daß nun noch einmal die Basis für eine Kooperation geschaffen sei. Wie stellen sich die Revisionisten eigentlich die Non-Cooperation der Zionisten gegenüber England vor? Wir müssen kooperieren, aber unser Vertrauen zu England ist definitiv zerstört. Palästina ist eine internationale Angelegenheit, nicht eine englische. Zur Frage des Endziels sagt Redner folgendes: Weizmann proklamierte ein neues aktuelles Kampfziel, die P a - ritat mit der arabischen Bevölkerung in Palästina. Wenn 20 0/a der Bevölkerung eines Landes sagen, daß sie als Gesamtheit mit 80 0/0 der Bevölkerung gleichgestellt werden müssen, so ist das eine große Sache (Zischen bei den Revisionisten). Eine solche Forderung kann nicht auf Grund des gegenwärtigen Zustandes begründet werden, sondern nur durch die Dynamik. Das ist eine große Kampfparole für den heutigen Tag. Wenn man aber daraus ein Endziel machen will, dann tötet man die Seele des Zionismus. Wenn man über das Endziel spricht, so begibt man sich auf das Gebiet des Ideals und da werde ich von dem Begriff des Judenstaates nicht einen Schritt weichen. (Beifall.) Für uns ist Staat der Inbegriff der Befreiung. Wir wollen einmal souverän sein in unserem eigenen Land. Von diesem Kongreß müsse ein neues politisches Kampf System ausgehen, aufgebaut auf unserem unermüdliehen Kampf um das Recht auf Erez-Israel, getragen durch das Befreiungsideal und das Bewußtsein, daß wir die Judenfrage lösen. Diesen Anspruch, daß der Zionismus die jüdische Frage löst, müssen wir wieder auf unsere Fahne schreiben. Wir wollen eine neue Leitung, die in allen diesen Richtungen ihren Weg stark und sicher geht, für den jüdischen Staat, für die Erlösung des jüdischen Volkes. Berl Locker (Arbeiterpartei): Unser Endziel ist die Befreiung des jüdischen Volkes. Man muß es der Welt sagen, daß ein Volk von 17 Millionen Menschen keine Möglichkeit eines normalen Lebens in dieser Welt hat und um diese Möglichkeit kämpft. Ich weiß nicht, ob wir heute unser historisches Endziel formulieren müssen, obwohl ich keine Furcht davor habe. Aber wenn man über Massenkolonisation spricht, dann muß man auch davon sprechen, daß diese Tätigkeit nicht auf das westliche Ufer des Jordans beschränkt sein kann. Transjordanien muß aufhören, ein noli me tangere in der zionistischen Bewegung zu sein. Redner wendet sich gegen Jabotinskys Rat, den MacDonald-Brief nicht als Basis der Cooperation mit England anzunehmen. Was bedeutet das? Non-Cooperation ist eine mögliche Politik für 320 Millionen Inder, aber nicht für uns, Ussischkin, der in seiner N. F.-Propaganda selbst fast sozialistisehe Gedanken vertritt, sympathisiert mit den Revisionisten. Sieht er nicht, ln welchem reaktionären Geist diese die Jugend «־ziehen? Marxist ist bei ihn» ein Schimpfwort, das haben sie bei Hitler gelernt. Sie haben bei ihm nicht nur das Schimpfwort gelernt, sondern viel mehr. Am selben Tage, als Hitlers Partei den Deutschen Reichstag verließ, trat Jabotinskys Partei aus dem Waad Leutni aus. Eine Tumult-Szene. Nach diesen Worten entsteht ein Tumult bei den Revisionisten, Del. Weisl schreit: ״Weil wir den MacDonald-Brief nicht annehmen wollten! Ihr Verräter: Rote Banditen! Marxisten! Bezahlte Knechte!“ Die Revisionisten müssen durch einen Ordnerkordon zurückgedrängt werden. Der Präsident kann sich keine Ruhe verschaffen und unterbricht die Sitzung. Erst nach mehr als einer Stunde kann die Sitzung wieder eröffnet werden, nachdem die revisionistischen Führer ihre Anhänger zur Ruhe gebracht haben. Locker erklärt, er habe keinen Teil des Kongresses beleidigen wollen, Und Präsident M o z k i n sagt, er habe keine Zwischenrufe gehört und wolle sie daher als nicht geschehen betrachten. Dann setzt Locker seine Rede fort und charakterisiert die Geistesverfassung und Erziehungsmethoden des Revisionismus, denen er die Haltung der Arbeiter und Chaluzlm gegenüberstellt. Er ruft die Allgemeinen Zionisten und Misrachi auf, zwischen diesen beiden Richtungen eine klare Entscheidung zu treffen. Dr. Georg Halpern (Allg. Zionist, Gruppe B): Der letzte Redner hat sich besonders an unsere Gruppe gewendet und uns ein Kolleg darüber gelesen, in welche Gefahr wir uns begeben. Demgegenüber sage ich: Die einzige Möglichkeit ist die Schaffung einer KoalitionallerParteien. Ich weiß nicht, ob wir alle zusammen stark genug sind, die Situation zu bewältigen, von der sie noch näheres in der Budgetkommission hören werden. Daß wir sie nicht tragen können, wenn nichts geschieht, als daß Rechts und Links sich bekämpfen, ist klar. Wir brauchen diese Einheit aber auch, um die Front nach außen zu halten. Damit komme ich zur Frage England. Ich bedaure, daß dem Gefühl der Unruhe darüber, in welcher Form wir jetzt von England behandelt werden, von Dr. Weizmann kein Ausdruck verliehen und die Möglichkeit der Kooperation ohne Einschränkung unterstrichen wurde. Immer ist die englische Regierung der gute Engel und das jüdische Volk der schwarze Teufel; immer kann das nicht wahr sein. Wir haben einen Traum, den wir jahrelang geträumt haben, ausgeträumt, den Traum, daß endlich jemand sich für das Volk der Juden gefunden hat, zu dem wir restlos Vertrauen haben können. Nie sind die Juden jemandem vertrauensvoller entgegengetreten als der englischen Regierung. Vielleicht sollte man zu keinem fremden Volke soviel Vertrauen haben; aber wir hatten diese Vertrauensseligkeit und wir sind aufs schwerste enttäuscht Wenn man uns die Möglichkeit dazu gibt, so wollen wir sehen, ob langsam und an konkreten Dingen das Vertrauen von früher wieder aufgebaut werden kann. Herr Jabotinsky hat hier gesagt, daß schließlich alle, wie immer sie das Endziel formulieren, dasselbe wollen. Ich brauche mich also auch nicht zu scheuen, das Wort ״Mehrheit“ auszusprechen. Für unsere Gruppe ist wichtig, festzustellen, daß diejenigen, welche auf dem Standpunkt der Verkleinerung des Zionismus stehen — diese ganze Debatte über die Ziel- Setzung ist ja von jenen angefangen worden, welche den Zionismus verkleinern wollten —, auf diesem Kongreß in einer lächerlichen Minderheit sind. Wenn wir das vor der Welt feststellen, so ist das wichtiger, als jede Formulierung. Ich bin nicht b■׳ it, zu sagen, daß wir in bezug auf die materielle Leistung gänzlich versagt haben. Fragen Sie einen Nichtjuden, ob er die freiwillige Leistung von Mil- Nadi Schlufj der Redaktion Basel, 7. Juli. (Telephonisch.) Montag wurde in Basel das Interview bekannt, das Welzmann der J.T.A. gegeben hat und das wir an anderer Stelle bringen. Inhalt undForm des Interviews wurden In den Kreisen der Kongreßteilnehmer scharf kritisiert, und zwar auch von Freunden Weizmanns, die der Ansicht sind, daß er überhaupt keine Erklärung an eine Presseagentur hätte geben diirfen und am wenigsten in dieser unvollkommenen Formulierung. Daß die Gegner Weizmanns daraus Kapital zu schlagen suchen, ist selbstverständlich. Die Revisionisten haben durch Stricker am Montag Nachmittag in der Generaldebatte einen scharfen Protest eingebracht, Insbesondere gegen die Sätze, die sich auf die Forderung derjüdischenMenrheit beziehen.Stricker erklärte, dies sei eine Diskreditierung einer künftigen Leitung, die das Programm der jüdischen Mehrheit akzeptieren würde. Spät abends hat dann Weizmann auf Interpellation der Arbeiterpartei eine Erklärung abgegeben, die nochmals seine Anschauungen in dieser Frage aarlegt. In dieser Erklärung verweist Weizmann darauf, daß wir Im Verlaufe der letzten zehn Jahre die Erfahrung gemacht haben, daß die Parole der jüdischen Mehrheit von unseren Gegnern In der Außenweit dahin gedeutet wird, als wollten wir über die Araber herrschen oder gar sie vertreiben. Ich sage nicht meine Meinung, fuhr Weizmann fort, sondern stütze mich auf die Erfahrungen, wenn ich darauf Hinweise, daß man diese Forderung so auffassen wird. Eine willkürliche Begrenzung des Wachstums des Jüdischen Nationalheims wäre für uns unakzeptabel. Es ist aber unsere Aufgabe, möglichst viel Juden nach Palästina zu bringen. Die beste Sicherung für das Nationalheim ist ein freundschaftliches Verhältnis zu der uns in Palästina umgebenden Welt. Unsere Beziehungen zu den Arabem sollen die einer vollständigen Parität ohne Rücksicht auf numerische Stärkeverhältnisse sein. Wir wollen durch Vermeldung jeder Sache, die zu Furcht der Araber Anlaß geben könnte, die Atmosphäre von Ruhe und Vertrauen schaffen, die wir für unsere Aufbauarbeit brauchen. Der Antrag Griinbaum, über Weizmanns Erklärung die Debatte zu eröffnen, wurde In einer Kampfabstimmung mit 107 gegen 97 Stimmen abgelehnt. Dagegen nahm der Kongreß einen Antrag der Revisionisten an, daß die politische Kornmission sofort eine Resolution Über die Ziele des Zionismus ausarbeiten soll. Dienstag Abend wird Weizmann im Plenum das Schlußwort zur Generaldebatte halten. In den Kommissionen hat sich bereits ein Block aus Revisionisten, Misrachi und Gruppe B der Allgemeinen Zionisten gebildet, der zusammen über eine Mehrheit verfügt. Dieser Block hat die Ansprüche der Arbeiterpartei zurückgewiesen und zum Vorsitzenden des Permanenzausschusses Dr. Halpern, zum Vorsitzenden der Politischen Kommission Dr. Ringel gewählt. Es herrscht bereits eine sehr erregte Stimmung. Da es nicht den Anschein hat, daß der Kongreß die sehr wohlabgewogene Erklärung Weizmanns zur Zielsetzungsfrage, die ein historisches Dokument werden könnte, annenmen wird, hängt wohl von der bevorstehenden Abstimmung über diese Frage auch die Frage der künftigen Leitung ab. lionen, die wir ins Land gebracht haben, für eine kleine Leistung hält. Ich zweifle aber, ob England den Vertrag erfüllt hat. Und darum dürfen wir England ruhig sagen, wir haben große Aspirationen, Aspirationen, die England in uns erweckt hat, und wir werden an ihnen f esthalten, was immer geschehen mag. Wir werden an ihnen festhaltea iit bezug auf unsere Wünsche der Mehrheit und in bezug auf unsere Wünsche in Hinsicht dessen, was man unter Palästina geographisch und politisch zu verstehen hat. Um Mißverständnisse auszuschließen: ich habe nicht die Ehre, die Allgemeinen Zionisten des Landes zu vertreten, in dem ich jetzt wohne (Deutschland ־— A. d. R.). Aber ich glaube nicht an jene Theorien, daß man das jüdische Volk zur weiteren Leistung nur dann gewinnen kann, wenn man ihm beweist, daß die alten Träume ausgeträumt sind. Vieles wäre diesem Kongreß und dem Zionismus erspart geblieben, wenn man in die Worte Weizmanns nicht hinein gedeutet hätte, was er nie gesagt und nie gemeint hat. Glauben Sie nicht, daß Sie das, was Sie als Weizmannismus bezeichnen, zur Grundlage einer Politik machen können. Zum Schluß tritt der Redner für eine stärkere Berücksichtigung der Mittelstandskolonisation und der Privatinitiative ein. Die Freitag •Sitzung Am Freitag wird die Generaldebatte fortgesetzt. Nach Farbstein (Misrachi), der die politische Leitung kritisiert und sich zum Judenstaatsgedanken bekennt, und Dr. Osias Thon (Krakau) spricht Licht he im. Richard Lichtheim (Revisionist): Es wird uns gegenüber von der Linken häufig mit allgemeinen Worten wie raschismus, Militarismus usw. polemisiert, die aus dem Wortschatz der umgebenden Völker entnommen sind und eine Assimilation darstelien, die wir lebhaft bedauern. Es gehört heute mehr Mut für eine intellektuelle städtische Jugend dazu, sich eine Uniform anzuziehen, als eine pazifistische Gesinnung zu zeigen, die im Nachkriegseuropa verdammt billig geworden ist. Wenn wir den Mut hatten, unseren Weg auch in der Frage der Er- Ziehung der Jugend zu gehen, und wenn wir unsere Jugend militärisch schulen, so tun wir es nicht als eine Kon- Zession an die Umwelt, sondern weil das innere Gesetz unserer Bewegung, die sich ihre Heimat in Palästina schaffen will, das verlangt. Redner wendet sich zur Linken: Wie kann jemand im Ernst behaupten, der Revisionismus sei seiner Natur nach eine wirtschaftsreaktionäre Bewegung? Wir wollen doch genau wie Sie möglichst viel Juden in möglichst kurzer Zeit nach Palästina bringen, und sie möglichst rasch, mögliehst auf dem Lande ansiedeln. Und wir konnten diese Dinge sehr schön zusammenmachen, wenn nicht ganz andere Dinge wären, die uns trennen. Nicht das soziale Problem, obwohl wir von der Wirtschaftsgestaltung eine andere Anschauung haben als Sie. Darüber könnte man sich verständigen. Nicht aber Jcönnen wir uns mit der Rolle, die Sie der Zionistischen Organisation zugewiesen haben, und mit der Auffassung von der Politik, die Sie vielleicht nicht immer mit ganzem Herzen mitgemacht haben, abfinden. Indem Sie mit den Gruppen gingen, die diese falsche Politik getrieben haben, hat sich die Kluft zwischen uns aufgetan. Die Hauptfrage dieses Kongresses ist die der 1 1' o ni s 11 - scheu Zielsetzung. Wir müssen ein Ziel formulieren, weil die Ausführung des Zionismus nicht von uns allein abhängt. Wir hatten dam'־ zu rechnen, daß der Zionismus in der Welt der politischen und wirtschaftlichen Realitäten durchgesetzt werden, daß man äußeren Faktoren Antwort auf die Frage geben muß, was wollt Ihr in Palästina tun. Aut dem ersten Kongreß mußten wir aus Rücksicht auf die Konstellation, in der die uns unfreundliche Türkei eine Rolle spielte, uns vorsichtig ausdrüeken. Aber die Urheber der Balfour-Deklaration und des Mandates wußten nicht nur genau, was Zionismus ist, sondern sie wollten auch den Zionismus mit uns zusammen zur Ausführung bringen. Was in der Balfour-Deklaration niedergelegt wurde, ist nun wieder eine unvollkommene Formel, aber England und die Welt und wir verstanden, wir meinen den wahren Zionismus. Das ist der grundlegende Unterschied gegenüber der Vorkriegszeit, das war die Basis der neuen Politik. Und darum ist es ein Verzicht und ein Abgehen vom Ziel, wenn wir bei der Sprache, die wir mit den anderen sprechen, die Zielsetzung außer acht lassen oder in einer Zeit der Krise nicht deutlich aussprechen, was unter Zionismus gemeint war. Wenn jetzt England un'd die Mächte kommen, die uns_ ein Versprechen gegeben haben, und es war so und so gemeint, und wenn sie jetzt Maßnahmen treffen, mit denen wir nicht einverstanden sind, so bleibt uns nur ein einziger Weg, zu sagen: Ihr habt uns Euer Wort gegeben, Ihr wußtet, worum es sich handelt, Ihr habt zu uns als die Macht gesprochen, die sich anheischig gemacht hat, den wirklichen Zionismus mitzuverwirklichen. Es ist deshalb eine eminent politische Handlung, diese Zielsetzung jetzt unmißverständlich a u s z u - sprechen, damit die Welt einmal weiß, das jüdische Volk läßt sich in dieser Frage nicht betrügen. Wese Wendung herbeizuführen, auszusprechen, was wir wollen und woran wir f esthalten und was wir als Verwirklichung des Mandates betrachten und nicht betrachten, ist heute die einzige Aufgäbe des Kongresses. Wenn Sie es nicht aussprechen, akzeptieren Sie die heute zirkulierenden abschwächenden Ausdeutungen in England und in der Welt. Und so soll die Abstimmung, die wir Ihnen am Schluß der Generaldebatte vorschlagen, das große und starke Wort sein, das die Rettung unserer Sache ist. Nun der innere Zustand in der Organisation selbst. Jeder Redner spricht von Festigung und Erneuerung der Organisation. Darunter muß man sich auch etwas vorstellen. Wir wollen es und wünschen, daß wir uns alle hier in dieser Riehtung vereinigen könnten. Aber die Jewish Agency war die Grablegung der Zionistischen Organisation (Beifall). Damit haben wir darauf verzichtet, was der Sinn der zionistischen Bewegung war. Es handelt sich nicht um die Kooperation, jeder will sie haben, sie wäre auch weiter vorgeschritten, wenn man einen vernünftigeren Weg gewählt hätte, als das Recht der Jewish Agency auf eine nicht existierende Scheinorganisatiön zu übertragen. Die Formen unserer Organisation sind geblieben, aber alles ist zum Schatten geworden, hat keine Kraft und kein inneres Leben mehr, denn wir haben innerlich verzichtet auf das, was einmal der Sinn des Zionismus gewesen ist. Für uns ist tatsächlich der Zionlsmus der ״Judenstaat unterwegs“, ist die Organisation die gedaokliche Vorausnahme des Judenstaates. Dieser Kongreß hatte unter HerzI einmal die Würde des jüdischen Parlamentes. Geben Sie ihm die Würde wieder, daß hier das Volk versammelt ist, durch eine .würdige Repräsentation, nicht durch eine, die ihre Erstgeburt für ein Linsengericht verkauft. (Beifall.) Es scheint mir, daß der Zionismus anfängt, eine Privatangelegenheit von Sonntagsrabbinern zu werden (Beifall), eine Sache, die an die liberale Aera erinnert, eine schöne Sache für Freunde von Banketten, auf denen man sein jüdisches Herz ausschüttet über die Beteiligung an einer guten jüdischen Sache in Erez-Israel. Darum rufe ich Ihnen zu, kehren Sie zurück, geben Sie dem Kongreß seine Rechte und seine Souveränitit wieder! Mit den Nichtzionisten werden wir uns dann schon leicht verständigen können. Sie alle kennen den berühmten Brief Theodor Herzls an den Baron Hirsch, in dem er über die Imponderabilien einer Bewegung schreibt, und sagt, eine Fahne sei im Grunde eine Stange, an der ein Fetzen Tuch hängt, aber ״eine Fahne sei mehr als das: mit einer Fahne führt man die Menschen, wohin man will, selbst ins gelobte Land“. Eine Fahne — oder eine Stange, an der ein Fetzen Tuch hängt; für denjenigen, der den Oeist der Sache nicht versteht, sieht beides gleich au». Machen Sie wieder die Fahne daraus! (Lebhafter Beifall.) Blumenfelds Rede Kurt Blumenfeld (Allg. Zionist, Gruppe A): Es ist mit Recht darauf hin gewiesen worden, daß Max Nordau seine Meinungsäußerung aus dem Jahre 1916 unter dem Drucke äußerer politischer Verhältnisse abgegeben hat. Man könnte auch darauf hinweisen, daß er auf dem Hamburger Kongreß im Jahre 1909 unter dem Drucke äußerer Verhältnisse, nämlich der jungtürkischen Bewegung, erklärt hat, daß man den Charter in das Archiv der Zionistischen Organisation verschließen müsse. Man könnte sagen, daß auch Dr. Weizmann im Jahre 1922 seine Zustimmung zum Churchillschen Weißbuch, in welchem er persönlich scharf angegriffen wurde, nur unter dem Drucke äußerer Verhältnisse gegeben hat, daß auch der jetzige Führer der Revisionisten, Herr Jabotinsky, die Mitverantwortung übernommen hat. Ich verstehe diese Handlungsweise sehr gut, da sie unter dem Drucke äußerer Verhältnisse erfolgte und möchte daraus den Schluß ziehen, daß alle politischen Entschlleßungen der Welt unter einem Drucke erfolgen. Wenn man allein auf der Welt ist, nicht Beziehungen zwischen sich und anderen sucht, kann man erklären, was man will, dann sind alle Erklärungen, die man hier so gern unter so großem und so woh [funktionierendem Beifall (Heiterkeit und Zustimmung) abgibt, viel zu wenig. Der Zionismus hat sich als politische Bewegung dadurch innerhalb der jüdischen Welt ausgezeichnet, daß er ohne Analogien, nur unter Berücksichtigung der aktuellen Notwendigkeit seine Entschlüsse faßte. Wir bewundern daher die Weisheit der Mitglieder des ersten Kongresses, die dem Baseler Programm zustimmten und keiner anderen Zielsetzung, weil sie glaubten, daß diese Formel der Situation entsprach. Wir bewunderten HerzI auch in dem Momente, als er erklärte, wir sind an eine Mauer angekommen, und wir folgten Wolfsohn und Nordau, als sie Judenstaat und Charter offiziell von der Kongreßtribüne aus verkugneten. Denn wir wußten! gerade darin liegt politische Reife. Große Politik beginnt erst in dem Augenblick, wo sie nicht identisch ist mit Propaganda und mit Wunschbildern. Die Idee des Zionismus war: Wir wollen nicht auf eine ferne Zukunft hoffen, sondern einen Gedanken in die Wirklichkeit überführen. Es ist heute an der Zeit, einmal zu untersuchen: Was heißt Größe und Kraft der Bewegung und was ist Kleinheit und Verzicht Ich wage es, die Behauptung aufzustellen, daß ich (auf die Revisionisten deutend) auf dieser Seite Verzicht, Kleinheit und politische Unzulänglichkeit in höchstem Maße sehe. Freilich möchte ich hinzufügen, immerhin noch etwas mehr davon als bei gewissen Sorten m i 11 - lerer Gruppen, die nämlich gar nichts wollen. Es ist müßig, darüber zu reden, ob HerzI ein Judenstaatler war. Aber eines ist sicher: für die Judenstaatsidee, d. h. den Gedanken der reinen Souveränität, bedeutete Palästina eine Belastung. Darum haben sich die Territorialisten nach einem anderen Lande umgesehen. Wir aber sagten, wir nehmen dieses Land, wie wir es immer genommen haben, mit allen seinen Belastungen: der einheimischen Bevölkerung, der Mandatarmacht, mit den Schwierigkeiten der Besiedlung. Mit all dem müssen wir real fertig werden. Und dabei kommt es nicht darauf an, was wir sagen, sondern darauf, was wir kön- 11 e n. Kraft bedeutet, daß man etwas in die Wirklichkeit umsefzf, Leben schafft. Manche glauben freilich angesichts ihrer Impotenz, Kraft bedeute Proklamation. Kriegsgeschrei diente immer mehr dazu, sich selbst Mut zu machen als den anderen Schrecken ciuzujagen. Ich möchte ein Wort von Freud zitieren: ״Der Wanderer, der im Dunkeln singt, überwindet zwar seine Angst, aber es wird deshalb nicht heller.“ (Justizrat