Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 52 (7.7.1931)
- Date
- 1931-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 322 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 52, 7. VE 1031 alten, verdienten und verehrten zionistischen Führer so — man mochte fast sagen: kindlich — sprechen zu hören. Die ״Gruppe A“ der Allgemeinen Zionisten und ein großer Teil der Arbeiterpartei sind der Meinung, daß Dr. Weizmann die Führung der Bewegung behalten muß. Sollten die Abstimmungen eine Mehrheit für die entgegengesetzte Auffassung ergeben, dann sollen, wie Blumenfeld betonte, klare Konsequenzen gezogen werden. Nichts wäre so schädlich wie eine Verwischung der Gegensätze, eine Verkleisterung durch kunstvoll formulierte Resolutionen, die verschiedene Deutungen zulassen. Der Schlüssel liegt bei der Gruppe B der Allgemeinen Zio- Die Generaldebatte wurde diesmal in der Weise geregelt, daß für jeden Delegierten vier Minuten Redezeit bewilligt werden. Diese Zeit kann jede Fraktion nach Belieben aut ihre Wortführer verteilen. Dieses System hat sich gut bewährt und dazu geführt, daß auch die ״zweite Garnitur“ der Redner dort, wo es sich um hervorragende Repräsentanten einer Richtung handelt, die Möglichkeit zu ausführlicher Darlegung hatten. Die ersten 1 Vs Tage des Kongresses waren mit Referaten ausgefüllt, die wir teilweise wiederzugeben uns Vorbehalten. Der dramatische Fortgang der Verhandlungen wurde durch diese Referate eher aufgehalten, die Debatte selbst knüpfte fast ausschließlich an die politische Rede Weizmanns an. In der Donnerstag-Vormittag-Sitzung sprach als erster Redner der Vertreter der stärksten Fraktion Ben Gurion (Arbeiterpartei). Nachmittag wurde dann, unter großem Klatscheu der Revisionisten, Jabotinsky aufgerufen, der aber nicht da war, obwohl ihm genau bekanntgegeben worden war, daß er zu dieser Stunde drankommt. Er Heß den Kongreß zehn Minuten warten, und als er dann erschien, erhielt er eine neue Ovation der Revisionisten, die sich von den Sitzen erhoben. Es ist nicht verwunderlich, daß diese Art des Auftretens mit Verzögerung als etwas kurios empfunden wurde. Auf Jabotinsky folgte Ussisehkih, und dann im Verlauf der Abend- Sitzung: Dr. Eder,Grünbaum,Locker, während dessen Rede sich die an anderer Stelle erwähnten Tumultszenen ereigneten, und Dr, Halpern. Am Freitag sprachen: Färbstein (Misrachi),Dr.Orias Thon,Lichtheim, Blumenfeld, Dr. Ringel (Westgalizien), Tawiw (Jemeniten), T orczyner (Belgien), Gesang (Argentinien), Naiditsch (Paris), Mosslnsohn (Palästina), Arlosoroff und Stephen Wise, dessen Rede zu scharfen Auseinandersetzungen mit Dr. Eder Anlaß gab. Man rechnet damit, daß die Generaldebatte mindestens bis Montag Abend dauern wird. Wir können nur die wichtigsten Reden auszugsweise wiedergeben. 4t Ben Guriotl (Arbeiterpartei) bespricht die in Palästina herrschende Stimmung qnd wendet sich gegen die Kolonisten, die dem jüdischen Arbeiter den Arbeitsplatz versagen. Zur politischen Lage sagt der Redner: wir werden der pollfliehen Lage nie® gerecht WtfJen, wenn wir das furchtbare Kapitel der letzten zwei Jahre mit den Augustereignissen beginnen werden. Vor den Augustereignissen ereignete sich die Klagemaner-Affäre. Aus verschiedenen Gründen kann ich jetzt nicht die volle Wahrheit in dieser Sache verlautbaren. Ich möchte nur bemerken, daß einst die j ü - dische Geschichte darüber urteilen wird, wer in jenen schweren Tagen unserer Aufgabe und dem Zionismus treu war, ob diejenigen, die den Jischuw warnten, sich nicht in die Provokation eines religiösen Kampfes ziehen zu lassen, oder diejenigen, die mit ihren Worten Oel ins Feuer gossen. Der MacDonald-Brief, fahrt Redner fort, ist bisher ein toter Buchstabe geblieben, und das neue Pächterschutz-Gesetz steht in Widerspruch zum Oeist des MacDonald-Briefes. Was können wir aus den letzten zwei Jahren lernen? Unsere zionistische Geschichte beginnt nicht mit der Balfour-Deklaration und dem britischen Mandat. Auch diese haben ihre Bedeutung, aber alle diese wichtigen Deklarationen sind nur Worte. Sofort nach Erteilung der Balfour-Deklaration, noch in den Tagen der Illusionen, haben wir eine starke Forderung aufgestellt: Beeilt Euch und füllet diesen leeren Rahmen, diesen wichtigen, aber leeren Rahmen mit Inhalt. Und weil dieser Rahmen noch nicht zur Genüge mit lebendigem Inhalte gefüllt wurde, haben die politischen Errungenschaften keinen genügenden Nachdruck gewonnen. Diejenigen, die das jüdische Volk entmutigten, indem sie es durch Illusionen verführt hatten, zu glauben, daß es nicht durch eigene, unaufhörliche Anstrengungen unter allen Verhältnissen und mit allen Mitteln unsere Position im Lande zu verstärken, sondern durch eine, politische Demonstration, durch Lärm und Fäusteballen und mit Hilfe der starken Macht des britischen Imperiums gerettet werden wird, tragen eine große Schuld für alles, was uns im Lande getroffen hat. Wenn wir in Palästina eine Minorität sein werden, fern von den Urquellen des Schaffens und der Arbeit, vom Boden getrennt, fern von jedem weiten volkstümlichen Leben, das seine Kräfte aus dem Boden zieht, ohne daß wir selbständig sind in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht und ohne daß wir zu einer großen volkstümlichen und selbständigen Macht werden, wird das Schicksal der Diaspora, das Schicksal der Assimilation und des Hinsiechens in kultureller und physischer Hinsicht uns auch in Palästina treffen. Und unsere Arbeit im Land hat nur dann einen Sinn und eine Zukunft, wenn wir den Willen und den Glauben haben, daß wir im Lande die Grundlagen unseres Lebens ändern und in Palästina keine neue Galuth schaffen, sondern eine große selbständige jüdische Nation errichten, die von ihrer eigenen Wirtschaft, ihrer Kultur und eigenen Arbeit lebt. Wenn ich von unserer Beziehung zu den Arabern spreche, so muß ich zunächst feststellen: das Land ist nicht leer, sondern hat eine große Bevölkerung, die seit langem dort wohnt und deren Recht dort zu bleiben und sich zu entwickeln, ebenso groß ist, wie das Recht des jüdischen Volkes auf Rückkehr in dieses Land. Wir wußten, daß ein Zusammentreffen der beiden Völker tragisch sein werde. Nicht aus unserer Schuld, auch nicht aus der Schuld der Araber; es gibt historische Ereignisse, die außerhalb dieses Maßstabes stehen. Auch die politischen Weltfaktoren darf man nicht aus dem Auge lassen. Man erinnert uns soviel an HerzI und sagt, der Zionismus sei ein internationales Problem; man sieht aber nicht, was in der Welt geschieht. Im 18. Jahrhundert war die Welt im politischen Sinne Europa, im 19. Jahrhundert Europa und Amerika, jetzt, im 20. Jahrhundert, Ist ein neuer Teil hinzugekommen, der Osten Asien. England verhandelt auf dem Fuße der Gleichberechtigung mit dem Mann, den Churchill als ״halbnackten Fallit* verspottet. nisten, von der man nicht sagen kann, ob sie einheitlich im Schlepptau der Revisionisten bleiben wird. Diese Gruppe erstrebt eine ״große Koalition“ von der Arbeiterpartei bis zu den Revisionisten. Es ist noch unklar, was sie tun wird, wenn dieser Versuch, was so gut wie sicher ist, gescheitert ist. Parlamentarisch würde sich ein Rechtsblock von Revisionisten, Misrachi und Gruppe B bilden lassen, aber zionistisch stehen auch innerhalb der Gruppe B erhebliche Bedenken entgegen. Wahrscheinlich wird dann die Gruppe B sich spalten. Schon die nächsten Tage werden die Entscheidung dieser schicksalsschweren Frage bringen. Die moralische und politische Hilfe der europäischen Demokratic ist für uns unentbehrlich und die wahrlich tragische Arbeit, die Welt von der Friedlichkeit unserer Sache zu überzeugen, muß dauernd fortgesetzt werden. Durch die Er- Ziehung, die die Vertreter des ״leichten״ Zionismus ihrer Jugend geben, werden die ethischen Werte unserer Bewegung verwischt und lassen uns in den Augen der Welt als Feinde der Araber erscheinen. Und deshalb sehen wir die Notwendigkeit einer Aenderung der Verfassung Palästinas und der Heranziehung der Einwohner des Landes zur Verwaltung ein. Wir sagen in dieser Stunde, Ihnen, der Welt und den Arabern: Nie werden wir einverstanden sein, daß ein Teil der Bevölkerung über den zweiten herrscht. Doch auch die Formeln des binationalen Staates lehnen wir ab, denn darunter versteht man die Araber und die Juden, die heute in Palästina sind. Das ganze jüdische Volk hat aber ein Recht auf Erez-Israel. Auch jene Ansicht lehnen wir ab, daß, solange wir die Minderheit im Lande sind, der englische Oberkommissär die Macht in Händen habe, daß aber mit dem Moment, wo wir Mehrheit sind, er uns die Herrschaft übergebe. Wir sehen darin eine Gefahr, daß die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes zum Anhängsel einer imperialistischen Macht werde. Wir treten für eine Aenderung der Verwaltung im Lande ein unter der Bedingung, daß beide Völker gleichen Teil an der Verwaltung haben und sich gegenseitig verpflichten, nicht über das zweite zu herrschen. Der Kongreß muß in seinen Beschlüssen und in der Wahl der Leitung War zu verstehen geben, daß er von jenen Gruppen abrückt, die den Schwerpunkt unserer Anstrengungen außerhalb des jüdischen Volkes sehen. (Lebhafter Beifall links.) Jabotinsky! Rede Jabotinsky (Revisionist): Es ist selbstverständlich, daß der Optimistischeste oder der Extremste von uns sich nicht vorstellt, daß eine politische Lage bei den komplizierten Bedingungen Palästinas einmal ideell gut werden kann. Das Problem einer politischen Lage ist nicht die Frage, ob sie ganz gut Ist oder nicht, es ist die Frage, ob sie erträglich sei oder unerträglich, nicht Kritik dieses oder jenes Details. Es handelt sich um die klare Antwort auf die Frage: kann man auf dieser Grundlage die Arbeit hoffnungsvoll weiterführen oder nicht. Die Beziehung des Kongresses zum Weißbuch, das Lord Paasfield im Oktober 1930 unterbreitet hat, ist, glaube Ich, einstimmig ablehnend. Aber es bestehen noch Zweifel über den Brief MacDonaids. Be! einem Vergleich mit Passfields Statement enthält der MacDonald-Brief gewiß Punkte, die wir als Verbesserung anerkennen. Es gibt dagegen andere Punkte — und ich fürchte, daß sie überwiegen —, die negativ zu beurteilen sind. Der MacDonald-Brief beginnt mit der Anerkennung der Gültigkeit des Passfieldschen Statements. Das bedeutet, daß diejenigen Punkte und Angelegenheiten des Weißbuches, welche in diesem Briefe nicht behandelt werden, doch gültig bleiben, weil das Weißbuch gültig bleibt. Sollen wir heute den MacDonald-Brief als eine Basis für eine Ko- Operation anerkennen, so bedeutet das klar und logisch, daß wir damit auch das Passfieldsche Weißbuch anerkennen. Das Gefährlichste ist der Wirrwarr, der dadurch entsteht. Jeder Beamte bekommt dadurch die Möglichkeit, heute das Dokument A, morgen das Dokument B zu benützen und sich darauf zu berufen, daß das Dokument A doch schließlich das ״domlnating document“ ist, und zwar laut den Angaben der obersten Behörde. Das gibt eine legale Basis für administrative Willkür. Aber das, was in diesem Dokument geschrieben ist, ist ebenso schlecht und manchmal noch schlimmer, als das ursprüngliche Weißbuch. In diesem wohlwollenden Ton finden Sie hier und da Phrasen, die so wundersüß ausgedrückt sind, daß man nicht gleich bemerkt, welche Möglichkeiten für schädliehe ״Interpretation“ sie geben. Nehmen Sie z. B. den Satz: ״Die Rückwirkung der jüdischen Immigration und Besiedlung auf die wirtschaftliche Lage der nichtiüdischen Bevölkerung kann nicht außer acht gelassen werden.“ Ich erinnere mich an einen Fall im Jahre 1919, wo ich im Namen der zionistischen Palästina-Exekutive Verhandlungen mit dem Finanzamt In Jerusalem führen mußte, um die Erlaubnis zu erlangen, Masehinen für eine kleine Seifenfabrik einzuführen. Dabei wurde mir gesagt: ״Aber vergessen Sie nicht, daß es eine blühende arabische Seifenindustrie im Gebiete von Nablus gibt! Sollten die Juden auch eine Seifenfabrik schaffen, die wahrscheinlich billiger und besser produzieren wird, was wird dann aus der arabischen Seifenindustrie werden?“ Der MacDonald-Brief legt nun dieses Argument gegen den Zionismus offiziell fest. Im MacDonald-Brief wurde die Drohung des Weißbuches wiederholt, den Landkauf zu ״kontrollieren“, nicht mehr als ein« Idee, sondern als einen Beschluß; und der Beschluß ist. wie wir wissen, durch gesetzgeberische Tatsachen illustriert worden. Es steht weiter im MacDonald-Brief, daß die bestehende Regulierung der jüdischen Immigration auch künftighin ״properlv“ (tüchtig) angewendet werden muß. Worin die ״Tüchtigkeit“ besteht, brauche ich nicht zu illustrieren, aber ich möchte doch den Fall des jetzt schon berühmten Immigranten-Knaben erwähnen, der verprügelt wurde, weil die Immigrations-Regelung ״properly“ angewendet werden sollte. Weiter heißt es im MacDonald-Brief: ״Das Prinzip der Bevorzugung oder sogar ausschließlichen Anstellung j 0 - discher Arbeiter bei jüdischen Organisationen ist ein Prinzip, das die Jewish Agency das Recht zu bejahen hat. Sollten aber dadurch arabische Arbeiter eliminiert werden oder sollte dadurch die allgemeine Arbeitslosigkeit im Lande erhöht werden, so wäre das ein Faktor, welchen die Mandatarmaeht in Betracht ziehen muß.“ Aber das schlimmste in diesem MacDonald-Brief ist ein Satz, der dem arabischen Volk das Vetorecht gibt, gegen jeden Schritt, der in Ausführung des Mandates von der Regierung unternommen werden könnte. Dieser Satz lautet; ״Die Mandatarmaeht darf nicht übersehen, daß in Palästina doch verschiedene Interessen und Standpunkte existieren. Diese kann man nur vereinbaren, wenn man richtig versteht, daß die vollständige Lösung des Problems von einer Verständigung *wischen Juden und Arabern abhängig ist. Solangediese Verständigung nicht erreicht ist, muß die Regierung bei der Bestimmung politischer Richtlinien immer unvermeidliche Gleichgewjchts-Rücksichten in Betracht zielten.“ In die Sprache der Praxis übersetzt, heißt das: Wir, die Regierang, sind bereit, das Mandat vollständig durchzuführen, aber — zuerst Verständigung. Lehnen die Araber ab, dann muß die Regierung statt das Mandat durchzuführen, das ״Gleichgewicht“ haften. Und Sie wissen, worin das ״Gleichgewicht“ in der palästinensischen Praxis besteht: wo Juden eine Besserung verlangen, die Araber dagegen Einspruch erheben, hält man das Gleichgewicht — bleibt es beim Status quo. Niemand in diesem Saale wird in Abrede stellen, daß der Status quo ante in Pa- Iäsfina ein permanentes ״Weißbuch“ war und ist. Dieses Recht zu ״balancieren“, das die Regierung sich nimmt, dieses Recht, für uns günstige Bestimmungen des Mandates zu paralysieren, solange die Araber die ״Verständigung“ verweigern — das kann man nur als ein Veto übersetzen, das man den Arabern einräumt. Ich komme jetzt auf jenen Teil von Passfields Statement zurück, der gültig bleibt, und zwar ohne wohlwollende Interpretatlon: nämlich die Parlamentsdrohung. Die Be- Ziehung des Kongresses zu der Perspektive, daß in Palästina jetzt ein gesetzgebender Rat geschaffen werden soll, ist selbstverständlich keine wohlwollende. Aber doch versucht man hier, die Sache optimistisch darzustellen. Man will nämlich glauben, daß es doch Möglichkeiten gibt, die Körperschaft so zu organisieren, daß sie unschädlich bleibt, indem z. B. aus ihrer Kompetenz Angelegenheiten wie Immigration, Landkauf, Kolonisation ausgeschlossen werden sollen. Das ist eine Illusion. Unzählige Wege bleiben für ein gegen uns gestimmtes Parlament offen, um unseren Fortschritt zu verhindern. Auch wenn der gewählte Teil des Parlamentes nur beratend wirken kann, ist das keine Milderung der Gefahr. Eine solche Körperschaft wird doch nicht geschaffen, um Gesetze gegen den Willen der Mehrheit der gewählten Vertreter zu machen. Hat die Regierung den Arabern dieses Geschenk gegeben, so tat sie es nicht, um ihren Willen dauernd unberücksichtigt zu lassen. Ich glaube, der Kongreß muß gegen irgendwelche Form von verfrühten pseudo-parlamentarischen Institutionen in Palästina Stellung nehmen. Aber diese Parlamentsdrohung, so wie sie in dem Passfieldschen Statement ist, erhält in dem MacDonald-Brief eine Bestätigung. Nach allen diesen Betrachtungen bleibt es für den Konreß zu beschließen, ob die heutige politische Lage ertragi c h ist. Sie besteht aus zwei Elementen. Ein Element ist die administrative Praxis der Regierung in Palästina, das andere Element ist die Summe der gesetzgeberischen Akte der britischen Regierung in London, die heute in dem gültigen Passfieldschen Weißbuch und in dem MacDonaldschen Brief gipfeln. Ist dieser Komplex der Staatsakten, inklusive des MacDonald- Briefes, eine Grundlage für unsere Kooperation mit der Regierung oder ist es keine solche? Der Kongreß wird diese Frage präzise und genau beantworten müssen. Die Frage ist, ist der Brief eine ״Basis“ oder ist er keine. Können wir auf dieser rechtlichen Grundlage weiter arbeiten und den Juden sagen, daß die Lage eine ״erträgliche“ ist? Ist es aber eine unerträgliche, so soll der Kongreß ausdrücklieh sagen, daß das Statement of policy von 1930 sowohl wie der MacDonald-Brief keine Basis für Kooperation ist. (Lebhafter Beifall.) Im zweiten Teil der Rede beschäftigt sich Jabotinsky mit der Frage der zionistischen Zielsetzung und führt aus, weder der Begriff der ״öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstitte“, noch* jener des ״Natkwalbeinw“ habe juridische Tradition. Aber auch das Wort ״Staat“ sei unklar. Der Kern des Begriffes ״J u d e n s t a a t“ liege in zwei Momenten: erstens Mehrheit und zweitens Selbstregierung. Redner schlägt folgende Resolution vor: ״Das Ziel des Zionismus, welches unter den Ausdrücken ״Judenstaat“, nationales Heim oder ״öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte“ zu verstehen ist, Ist die Schaffung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit auf beiden Seiten des Jordan.“ (Beifall bei den Revisionisten.) Redner erklärt sodann, daß seine Partei auf Grund des § 26 der Geschäftsordnung ein Mißtrauensvotum einbringen wird. Er schließt mit einem ״optimistischen Glaubensbekenntnis“ an die Kräfte der Zivilisation, die der jüdischen Sache zum Siege verhelfen werden. An den bisherigen Mißerfolgen trägt nur die schlechte Führung die Schuld. Wenn wir unsere Sache richtig vertreten, wird sie durch den Macht* faktor unseres moralischen Druckes zu unseren Gunsten entschieden werden. (Stürmischer Beifall rechts und auf der Galerie.) Ussisehkin (Allg. Zionist, Oruppe B): Ich war immer und bin auch jetzt ein großer Gegner jeder papierenen Definition, der Definition von Weizmann und der Definition von Jabotinsky. Definitionen des Endzieles, wie immer sie auch formuliert werden, begrenzen mein Ideal, das viel größer, viel breiter, viel höher ist. Es gibt nur eine Frage der Methode, der Form der Arbeit. Aber wenn ich vom Kongreß fordere, keine Definitionen festzusetzen, so habe ich und haben wir das Recht, von dem Manne, der seit dreizehn Jahren an unserer Spitze steht, zu verlangen, daß er keine Definitionen bringt, die unsere Hoffnung zerstören. (Beifall.) Dr. Weizmann, Sie haben ein ewiges Wort verkündet: ״Wir wollen, daß Erez-Israel so jüdisch sein soll wie England englisch.“ Sie hatten den Mut. Dann haben Sie sich nach einigen Jahren voller Schwierigkeiten zurückgezogen. Auf dem Uganda-Kongreß hatten wir die Wahl zwischen Erez- Israel und rlerzl. Wenn wir heute vor der Wahl stehen, für ewig auf unsere große Hoffnungen zu verzichten, oder auf Sie, so werden wir auf Sie verzichten. (Lebhafter Beifall auf der Rechten.) Unser Endziel ist klar, und wir brauchen hierüber nicht zu sprechen. — Ich danke den Revisionisten, daß sie unserer Jugend neue Hoffnungen auf eine politische Zukunft ungeheuer stark und wir“8ind ungeheuer schwach. Aber wir brauchen Palästina, und England braucht es nicht. Daß es sich bei uns um Sein oder Nichtsein handelt, ist eine ungeheure Kraft. Und darum wenden wir uns von dieser Tribüne des ganzen jüdischen Volkes an England: Großes mächtiges englisches Volk, verstehe die Lage eines Siebzehnmillionen-Volkes mit gewaltigen intellektuellen Kräften und ungeheurem Idealismus, das zweitausend Jahre lang wandert und sein altes Heim sucht. Leg uns nicht Steine in den Weg! Zwinge uns nicht den Streit mit dir auf, vergiß nicht an die Erzählung der Bibel vom großen Kampf des mächtigen Philisters Goliath mit dem kleinen Juden David. Erez-Israel werden wir bauen, ob die Engländer oder die Araber wollen oder nicht. Hätten wir in Transjordanien nur zwei oder drei Kolonien gegründet, dann gäbe es heute keine transjordanische Frage. Ich appelliere an Sie als einer der Aeltesten hier im Saale, der die Bewegung vom ersten Moment der Chibath Zion bis zum heutigen Tage erlebt hat: unser Programm muß eine Vereinigung von zwei Maxima sein: dem Maximum politischer und dem Maximum praktischer Arbeit. Von diesem Kongreß, der unsere Leitung und Formen unserer weiteren Arbeit schafft, sollen ״keine Sieger und keine Die Generaldebatte K