Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-07-03 · Heft 51 (3.7.1931) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 51 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653298--22427-2680643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 51. 3. VII. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 315 Die Leistungen der amerikanisdien Juden iür Palästina lieber 7 Millionen Dollar sei» 1929. Offenbar tim den von allen Seilen erhobenen scharfen Vor■ würfen, daß Amerika seine Zusagen für das Budget der Jewish Agency nicht erfüllt hat, entgegenzuarbeiten, veröffentlichte der Vorsitzende der gegenwärtig in Amerika durchgeführten Palästina-Kampagne, Morris Rothenberg, am 24. Juni ein zur Vorlage an den Zionistenkongreil und an den Council der Jcwi. h Agency bestimmtes Mcmorandu m , aus dem hervorgeht, daß die amerikanischen Juden in der Zeit seit August 1020 einen Betrag von 7 331 253 Dollar für öffentliche und halböffentliche Institutionen sowie in Form von Investitionen für Arbeiten rekonstruktiver Hilfe und wirtschaftlicher Ent- Wicklung in Palästina zur Verfügung gestellt haben. Die materiellen Leistungen der amerikanischen Judenheit für den Palästina-Aufbau werden in dieser ״V e r t e i d i g u 11 g s - schritt“ in folgenden Punkten dargestellt: 1. Budget der J e w i s 11 Agency. Die an die Jewish Agency zur Verwendung im Rahmen ihres Budgets nach Palästina überwiesenen Beträge erreichen einschließlich der Beiträge der Hadassah die Höhe von 1 455 579 Dollar. In dieser Summe sind 500 000 Dollar, die der Jewish Agency für ihr Budget im Wege einer Anleihe der Deutschen Bank in Berlin auf Grand persönlicher Garantien von Felix Warburg und Oscar Wassermann zur Verfügung gestellt wurden, sowie ein Darlehen von 100 000 Dollar, das Felix Warburg dem Keren Hajessod in Jerusalem gewährt hat, nicht inbegriffen. 2. Emcrgency Fund. Die durch den Palästina-Notfonds (Emcrgency Fund) durch Sammlungen in den Vereinigten Staaten aufgebrachten und unmittelbar nach den Unruhen im August 1929 und vor der Eröffnung der Allied Jewish Campaign nach Palästina überwiesenen Mittel betragen 2 125 000 Dollar. 3. Der J ü d i s c h e N a t i o n a 1 f o n c! s hat 452 673 Dollar aufgebracht. 4. Das amerikanische Arbeiterkomitee für Palästina, das sich die Aufgabe gesetzt hat, die Arbeiter- Organisationen Palästinas durch Beistellung von Mitteln zur Ernaltung landwirtschaftlicher, sozialer und industrieller Einrichtungen, die unter der Aufsicht der palästinensischen Arbeiterorganisation stehen, zu unterstützen, hat seit August 1929 180 000 Dollar überwiesen. 5. Der Hebräischen Universität sind ungefähr 300 000 Dollar aus verschiedenen Quellen zugeflossen. 6. Der Fa lest ine Endowment Fund (Stiftung«- fonds), der seine Mittel aus Zuwendungen von privater Seite für wirtschaftliche, Erziehungs- und andere jüdisch-soziale Zwecke in Palästina erhält, hat 250 000 Dollar zur Verfügung gestellt. 7. Die Palestine Economic Corporation hat direkt und durch die ihr angeschlossenen Institutionen in Palästina Agrarkredite zur Entwicklung von Orangenpflanzungen und zu allgemeinen landwirtschaftlichen Verbesserungen gewährt, Hausbaukredite, kleine Industriekredite, Vorschüsse an landwirtschaftliche Arbeiter zur Errichtung von Häusern und Scheunen, zum Ankauf von Geflügel, Milchvieh und anderem notwendigen Inventar, zur Errichtung von Arbeiter-Siedlungen zur Verfügung gestellt. Die P. E. C. hat selbst und durch ihre Zweiggesellschatten während der letzten zwei Jahre 618 000 Dollar investiert. In dieser Summe sind fest zugesagte, aber noch nicht ausgezahlte Beiträge in der Höhe von weiteren 265 000 Dollar sowie ein angewiesener Betrag von 455 000 Dollar nicht mitenthalten, der binnen kurzem von .der Palestine Economic Corporation für Hausbau-Kredite und Wasserversorgung in Zusammenhang mit dem Plan, tausend Familien auf kleinen Orangenplantagen anzusiedeln, ausgegeben werden wird. 8. Investitionen. Die vorhergehenden Punkte haben sich durchwegs auf öffentliche oder halböffentliche Mittel bezogen. Im Laufe der letzten zwei Jahre sind aber von Amerika auch erhebliche Geldsummen in Form von Investitionen in landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmungen Palästinas, durch die zahlreichen neuen Siedlern Beschäftigung geboten und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in hohem Maße gefördert wird, nach Palästina gebracht worden. Es stehen nur über eine beschränkte Zahl der bedeutenderen dieser privaten Unternehmungen Daten zur Verfügung. So hat sich Felix Warburg im Laufe der letzten zwei Jahre an dem Grundkapital einer palästinensischen Gesellschaft mit 200 (MIO Dollar beteiligt. Die Palestine Potash Ltd. Corporation, die zur Aus- Wertung der Mineralschätze und chemischen Ablagerungen im Toten Meer geschaffen wurde, hat seit 1929 von der Gruppe amerikanischer Investieren 230 000 Dollar erhalten. Die von verschiedenen Gruppen amerikanischer Juden finanzierten Orangenpflanzungsgesellschaften Gan Chaim, Hadar, Rash all und Rechoboth haben in dem berücksichtigten Zeitraum insgesamt eine halbe Million Dollar von ihren amerikanischen Teilhabern erhalten. Die New Yorker Organisation Achusa Aleph, die die Gründung und Entwicklung einer bedeutenden jüdischen Siedlung in Palästina übernommen hat, hat in diesem Unternehmen in derselben Zeit 300 000 Dollar investiert. 9. Zusammenfassung. Aus obigen Zahlen geht hervor, daß in dem Zeitraum von weniger als zwei Jahren, der seit dem letzten Zionistenkongreß und der Tagung der Jewish Agency verflossen ist, aus den Vereinigten Staaten ohne Berücksichligung des Felix Warburg-Darlehens aus öffentlichen Mitteln für jüdische Zwecke 4 763 253 Dollar, aus halböffentlichen Mitteln 1338 000 Dollar nach Palästina überwiesen wurden, wozu noch 1 230 000 Dollar an Investitionen kommen. Die Gesamtsumme der in diesem Zeitraum von den amerikanischen Juden für den Palästina-Aufbau geleisteten Gelder ist somit 7331 253 Dollar. Die Faßballspiele am Sabbath J e r u s a I e m., 26. Juni . (J. T. A.) In der Frage der Fußball Wettspiele an Sabbattagen hat der Waad Leumi die Entscheidung getroffen, daß dem jüdischen Sportklub Makkabi die Austragung von Wettspielen an Sonnabenden unter der Voraussetzung gestattet werden soll, daß an diesen Tagen kein Kartenverkauf stattfindet und auf dem Spielfeld nicht geraucht wird. Die Agudath Israel hat sich mit dieser Regelung nicht zufriedengegeben, sondern dem High Commissioner Sir John Chancellor ein Memorandum überreicht, in dem die Erlassung eines Gesetzes, durch das Wettspiele am Sabbat verboten werden, gefordert wird. Auch die Oberrabbiner von Jerusalem haben dem Sportklub Makkabi raitgeteilt, daß sie gegen Fußballspiele am Sabbat Einspruch erheben. Dr. Milorad Nedeljkovic, Generaldirektor der Post- Sparkasse des Königreiches Jugoslawien, über dessen Sympathie und aktives Interesse an der zionistischen Bewegung wir bereits mehrfach berichten konnten, tritt Anfang Juli eine Studienreise nach Palästina an. Er beabsichtigt, die Landesverhältnissc, sowie die einzelnen Institutionen zu studieren und über die Ergebnisse seiner Reise eine Broschüre zu verfassen, die er dem Keren Hajessod zur Verfügung stellen will. Pressesdiau Zum Kongreß Die ״Times“ vom 26. Juni veröffentlicht unter der Uebcrschrift ״Die Zukunft des Zionismus“ einen aus Basel datierten Artikel eines zionistischen Mitarbeiters, in dem die Schwierigkeiten, vor die der Zionistenkongreß diesmal gestellt ist, die Unterschiede in der Haltung der einzelnen Parteien innerhalb der zionistischen Bewegung zu den Problemen der zionistischen Kolonisation und besonders die Einstellung zur britischen Palästina-Verwaltung, über die Zionisten und Nichtzionisten erbittert seien, einer Analyse unterzogen werden. Die zionistische Politik, wird in dem Artikel ausgeiülirt, stelle jetzt an einem Kreuzweg. Der Glaube der Juden an die ehrliche Arbeit Englands, sein Versprechen zu erfüllen, sei durch eine Reihe für sie ungünstiger Veröffentlichungen und Mallnahmen, wie den Shaw-Bericht, das Weißbuch, den Simpson- Bericht, sowie eine Gesetzgebung, durch die die Möglichkeit des Bodenerwerbs in großem Maß stabe 1n drastischer Weise eingeschränkt wird, erschüttert worden. Sollten sich keine Anzeichen dafür ergeben, daß England gewillt ist, eine Palästina-Verwaltung cinzusctzcn, die innerhalb vernünftiger Grenzen das jüdische ideal fördern würde, werde cs möglicherweise um den Kongreß schlimm bestellt sein. Es könnte eine Spaltung in der zionistischen Bewegung eintreten, und zwar diesmal nicht wegen der Frage, ob dieses oder jenes Land zur Besiedlung herangezogen werden solle, wie es seinerzeit bei dem Streit um Uganda der Fall war, sondern wegen der Frage, ob der Zionismus aus vollem Herzen mit England zusammenarbeiten solle oder nicht. Auch der ״Observer“ beschäftigt sich am 28. Juni mit dein bevorstehenden Kongreß und erklärt, auch die gemäßigten Zionisten stünden heute auf dem Standpunkt, daß die Mandatarmacht keine Entschlossenheit zur Durchführung des Mandates zeige. Für die Stimmung der zionistischen Wähler sei das Anwachsen der revisionistischen Stimmen bezeichnend. Im allgemeinen, so schließt .,Observer“, scheint cs, daß die Zionisten cinsehen, welcher Fehler es war, sich aut die politische, statt auf die ökonomische Arbeit zu konzentrieren. Durch die übermäßige Betonung der politischen Ansprüche sind nur die Araber aüfgesclireckt worden; durch ökonomische Arbeit jedoch könnten die zwei Völker /usamniengebracht werden. In diesem Sinne werde der Kongreß wohl Beschlüsse fassen. Von größeren deutschen Zeitungen beschäftigt sich nur die ״Germania“ ausführlich mit dem bevorstehenden Kongreß. * Der ״Jewish Chroniclc“ fordert in seiner vor dem Kongreß erschienenen Nummer vom 26. Juni nochmals nachdrücklich, daß der Kongreß eine Deklaration über die z i o - nisti sehen Ziele im Sinne eines jüdisch-nationalen Gemeinwesens abgibt. Dadurch, so hofft das Blatt, werden alle Nichtzionisten oder Pseudo-Zionisten endgültig von der Unter- Stützung der Bewegung abgcschreckt werden. Es ist sehr interessant, daß der ״Jewish Chroniclc“ dies offenbar für besonders erstrebenswert hält. — Der ״Parlamentarische Korrespondent“ desselben Blattes nimmt eine Zusammenkunft Weizmanns mit dem Primeminister zum Anlaß, utn zu versichern, daß Mac Donald den größten Wert darauf lege, daß Weizmann in Basel wiedergewählt wird. Da die Regierung genau weiß, welche Opposition gegen Weizmanns Politik aut dem Kongreß hervortreten wird, so bestehe die Wahrscheinlichkeit, daß die Regierung noch unmittelbar vor dem Kongreß aut dringendes Bitten Weizmanns etwas tun wird, was seine Stellung verbessern könnte. Das Blatt erklärt weiter, in englischen zionistischen Kreisen und auch anderwärts sei man fest überzeugt, daß Weizmann der Führer der Bewegung bleiben wird. MacDonald sei durch seinen Sohn Malcolm über alle Vorgänge im Zionismus genau orientiert und er werde darüber wachen, daß der Landentwicklungsplan nur in einer Form dem Parlament vorgelegt wird, die Juden und Arabern in gleicher Weise zusagt. MacDonald sei entschlossen, diese Sache nicht einfach den Beamten des Kolonialamtcs zur Bearbeitung zu überlassen. Gegen die wütenden Widerstände des Kolonialamtes habe Malcolm in den letzten Monaten die Situation beherrscht. ״Jewish Chronicle“ behauptet weiter, Weizmann sei stets ein Gegner des ganzen Landentvvicklungs« planes gewesen und die Regierung habe den Verdacht, die Zionisten wollten die Sache nur hinziehen, damit sic schließlich ganz begraben wird. * Einen außerordentlich wichtigen und beachtenswerten Artikel, der freilich das Ohr des Kongresses kaum erreichen wird, veröffentlicht Mosche Smilansky in der palästinensischen Zeitschrift ״Boustcnai“ vom 17. Juni anläßlich der Bekanntgabe des Schiedsspruches der Klagemauer- Kommission. Der ganze Artikel stellt eine flammende Anklage gegen das Verhalten der Juden dar, und der Verfasser fordert leidenschaftlich, daß man aus der Vergangenheit die Lehren zieht und wenigstens verhüte, daß in Zukunft ähnliche politische Hysterie und Unreife uns wieder ins Unglück treiben. Smilansky zitiert die Aufsätze, die er vor zwei Jahren, lange vor Ausbruch der Unruhen, geschrieben hat und worin er vor der Aufbauschung der Klagemauer-Affäre warnte. Aber der Jischuw ließ sich nicht aufhalten, und voran standen Leute, die sich als Schüler Achad Haams bezeichnen (Anspielung aut Dr. Joseph Klausner und Ussischkin, die beide an der Spitze der fanatischen Propaganda standen). Smilansky läßt der großen religiösen und historischen Bedeutung der Klagemauer volle Gerechtigkeit widerfahren, aber wir Juden durften diese Sache nicht in einem politischen Kampf entweihen. In dem besinnungslosen Taumel, der die Juden damals erfaßt hatte, zeigt sich der ganze falsche politische Kurs, von dem wir jetzt wieder so viel hören. Allen voran standen das Revisionistenblatt ״Doar Hajom“, die revisionistische Leitung in Paris, und jene Halb- oder Dreiviertel-Revisionisten unter den alten Führern der Allgemeinen Zionisten und der Radikalen. All diese predigten eine Politik der gepanzerten Faust, ohne aber wirkliche Machtmittel zu haben. Man meinte durch bombastische Reden und Proteste, durch Appell an den Völkerbund usw\ etwas zu erreichen. Jetzt hat uns der Spruch der Völkerbundskommission dasselbe gebracht, was wir von der Palästina-Regierung ohne weiteres bekommen hätten, ohne all die Erschütterungen und ohne den Preis des in Hebron und Safed vergössenen Blutes. An diesem Blute tragen diejenigen die Schuld, die durch ihre sinnlose Klagemauer-Propaganda unseren Feinden das Schwert in die Hand gedrückt haben. Hierdurch haben die Anhänger des ״neuen politischen Kurses“ gerade ln der historischen Stunde, wo dank der Erweiterung der Jewish Agency eine große kolonisatorische Leistung möglich gewesen wäre, das Schicksal der ganzen zionistischen Sache in Gefahr gebracht. Es gibt zwei Wege: Die Politik der starken Hand, und der lange und langsame Weg der konstruktiven Aufbauarbeit. Der kurze und schnelle Weg der Eroberung ist aber versperrt; das Schwert hat unser Volk vor Jahrhunderten weggeworfen. Es gibt für uns nur den einen Weg, nämlich den der langsamen und mühevollen Aufbauarbeit, jeder andere führt in den schwarzen Abgrund. Wir haben viel Versäumtes der letzten zehn Jahre nacltzuholen. Aber werden wir aus der Vergangenheit lernen? Das Urteil der Klagemauer-Kommission könnte uns eine Lehre sein. * Eine katholische Stimme In der katholischen Monatsschrift ״Hochland“ beschäftigte sich Prof. Dr. Johannes Kraus S. J. in zwei Aufsätzen ausführlich mit dem Palästina -Problem und dem Z i o n i s m u s. Der erste Aufsatz war bereits im Dezemberlieft 193Ü veröffentlicht und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Klagemaucr-Konflikt, wobei ihm freilicl! mehrere Ungenauigkeiten unterlaufen. Der Verfasser befleißigt sich der Objektivität, doch läßt er an mehreren Stellen durchblicken, daß seine Sympathien nicht der jüdischen Seite gehören. Scharf wendet er sich gegen manche Anzeichen europäischer Uebcrheblichkeit der Juden gegenüber den Arabern und findet cs auch selbstverständlich, daß die Christen in Palästina sich mit den Mohammedanern gegen die Juden verbünden. Uebcr das jüdische Verhalten sagt er manch scharfes Wort, das weniger bitter klingen würde, wenn er auch bei den anderen (z. B. den Christen) die Mängel deutlicher sähe. So aber wirkt die Stellungnahme trotz allem einseitig. Der Zionismus selbst ist der Gegenstand des ausführlichen Aufsatzes im Maiheft 1931. Der Verfasser erinnert an die alten geheiligten jüdischen Erinnerungen und Verheißungen, die niemals aus dem jüdischen Bewußtsein geschwunden sind. Der Zionismus trete auf ״als Doppelströmung des geistigen und nationalen Zionismus“, wobei Kraus unter geistigem Zionismus die Orthodoxie zu meinen scheint. Der politische Zionismus sei erst durch das Wachstum der antisemitischen Bewegung in den Vordergrund getreten. Im Kampf gegen den Antisemilisnius sollte der jüdische Name rehabilitiert werden, hn toigenden berichtet dann Kraus kurz über die Entwicklung des Zionismus seit Pinskcr und HerzI, wobei freilich manche Fehler unterlaufen. So z. B. schreibt Kraus, nach Hinweis auf die Schaffung־ des Zionistenkorigresses durch Hcrzl: ״Ein zweiter Dauererfolg war die Gründung der Gesellschaft für die Bodenentwicklung Palästinas (Palestine Land Development Company), die sich zur Zionistischen Organisation aiiswachsen sollte und bis vor kurzem von der inzwischen zur Jüdischen Agentur in Palästina entwickelten Zionistischen General-Exekutive geleitet wurde.“ Ein Blick in ein Handbuch hätte den Verfasser davor bewahren können, daß der informierte Leser auf Grund saldier Sätze lächelnd die Fundiertheit der ganzen Darlegung anzweifelt. Kraus bezeichnet die Territorialisten, die sich auf dem VII. Kongreß unter Zangwills Führung abspalteten, lobend als die ״nüchternen Realpolitiker“, wofür gar kein Anlaß vorliegt. Die wichtigste Differenzierung im Zionismus erblickt Kraus mit Recht in dem Gegensatz zwischen Achad Haams geistiger Richtung und der rein politischen Richtung. Dieser alte Streit sei heute neu entfacht worden, die Rede von Dr. Magnes im November 1929 gehört in diese Reihe. Der Scliluüa'bschnitt des Aufsatzes ist den praktischen Leistungen des Zionismus gewidmet, denen Kraus volle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Gegen die arabische Broschüre, die den jüdischen Einwanderern die landwirtschaftliche Befähigung abspricht, betont Kraus, der unbefangene Beobachter könne nur Bewunderung für die Clialuzim haben, die Ungeheitres vollbringen. Solche Energie kann nur durch die Begeistenmg für ein Ideal möglich oder durch religiöse Motive geweckt werden. Es ist eine Auslese der Tüchtigen, eine wirkliehe Pionierleistung. Ein Wunder jüdischer Unternehmung sei auch Tel-Awiw. Die intensiven Kulturen haben eine große Zukunft. ״Indessen — so schließt der als Stimme eines verständnisvoilen Außenstehenden gewiß sehr bemerkenswerte und daher auch für Zionisten interessante Aufsatz — hängt die gedeihliche Wirtschaftsentwicklung Palästinas hauptsächlich von der Festigung der politischen Verhältnisse ab, die ihrerseits wieder wesentlich auf der künftigen Politik des Zionismus beruht.“ Stadeotenexzesse fiberall Am 23. und 24. Juni kam es in Saloniki zu schweren judenfeindlichen Ausschreitungen. Griechische Studenten verteilten Flugzettel, die zum Boykott der Juden aufforderten; es wurde behauptet, daß der jüdische Sportklub Makkabi antigriechische Propaganda betreibe. Es kam zu einem regetrechten Pogrom mit den von anderswo bekannten Begleiterscheinungen: Mißhandlung von Passanten, Demolierung jiidiseher Geschäfte usw. Die Vorgänge hatten ein Nachspiel in der Kammer, wo Venizelos erklärte, daß die Pogrome in Saloniki den griechischen Namen entehren. Mari müsse der Lage der Juden In Saloniki, denen es unter türkischer Herrsehaft viel besser gegangen sei, Verständnis entgegenbringen; die gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen entbehren jedoch jeder Grundlage. Die Unruhen haben sich dann wiederholt und einen gefährlichen Umfang angenommen. Das jiidisclic Viertel wurde in Brand gesteckt, und es kam zu Straßenkämpfen zwischen Polizei und Exzedenten, wobei zehn Menschen getötet wurden. Es ist nicht recht verständlich, warum gerade die ״Vossische Zeitung“ in Berlin in einer eigenen redaktionellen Stellungnahme den Gedanken ausfuhrt, die Juden Salonikis müßten tatsächlich für Bulgarien sympathisieren, da ein Anschluß der Stadt an Bulgarien für den Handel günstiger wäre. In der Tat sind die Juden Salonikis durch den Niedergang der Stadt in eine schwere Wirtschaftliehe Krise geraten, aber zweifellos kann keine Rede davon sein, daß sie den politischen status quo antasten wollen. Die antisemitischen Kundgebungen haben den gleichen Ursprung wie anderwärts und es ist nur bedauerlich, daß Griechenland, das bisher von Antisemitismus relativ frei war, derartige Hitler- Methoden importiert. Die Welle des Judenhasses erfüllt die ganze Welt. Beschämend sind die letzten Vorgänge in Wien, die aus den Tageszeitungen unseren Lesern bekannt sind. Die Rektoren der Wiener Hochschulen bringen den Hakenkreuzlern offenkundige Sympathie entgegen. Wohin sollen derartige Zustände schließlich führen? Jedenfalls gilt für Oesterreich, das auch ein kleiner auf internationale Sympathien angewiesener Staat ist, dasselbe, was Venizelos so freimütig von Griechenland sagte: Die Vorgänge an den Hochschulen schänden den osterreichischen Namen, und es ist unbegreiflich, daß sich niemand findet, der diesem barbarischen Unfug ein Ende macht. Auch in Berlin und München haben sich Krawalle an den Universitäten ereignet, die zwar in ihrer Entstehung nicht mit jüdischen Fragen Zusammenhängen, aber eines antisemitischen Beigeschmackes nicht entbehren. Jüdischer Preisträger. Die Chelcicky-Friedensg«sei!schaff, Prag, die dem Internationalen Friedenskartell, Genf, angcschlossen ist. hatte zu Anfang dieses Jahres einen Preis für den besten Artikel ausgesetzt, der zur Propaganda der Errichtung einer internationalen Pressekanzlei und eines internationalen. Verbandes von pazifistischen Publizisten in Genf dienen soll Die Jury hat nunmehr den ersten Teil des ausgesetzten Preises dem Leiter des Kreises jungjüdischer Pazifisten, Jack Rap 11 a e 1, Beckum i. W., zuerkannt, Raphael ist der einzige Preisträger aus Deutschland.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.