Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 51 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 314 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51, 3. VH 1931 ln Hinsicht auf die industrielle Entwicklung sind wir durchaus nicht müßig gewesen. Die Konzession ־für Licht und Kraft, die Tote Meer-Konzession -. diese Dinge fallen nicht vom Himmel. Sie waren das Ergebnis ernster und andauernder Bemühungen seitens der Konzessionäre und der Jewish Agency. Wir waren es auch, die wissenschaftlich den Boden für die agrikultureile und industrielle Entwicklung vorbereitet haben. In einem Lande, das so arm ist, wie Palästina, muß das letzte Wort der Wissenschaft angewandt werden, wenn der Wettbewerb auf dem Weltmärkte erfolgreich sein soll. Privates Kapital also kann individuelle Unternehmutigen begründen. Aber es ist das nationale Kapital, das die Bedingungen zu schaffen hat. Geld und Arbeiter haben als Pioniere die Straße freirumachen für den Einzug des privaten Kapitals. Dieser Aspekt unseres wirtschaftlichen Werkes in Palästina hat unsere Gegner manchmal veranlaßt, uns als Visio* näre, als ״unpraktisch“ und nicht geschäftsmännische Leute zu brandmarken, und sie benutzen in ihrer Polemik mit großer Leichtfertigkeit, wenn auch nicht ohne Geschick, gern die Bezeichnung ״Rathlanuth“. ״Bathlanuth״ bedeutet: auf die Wirklichkeiten einer Situation keine Rücksicht zu nehmen oder den Versuch zu machen, ihrer Herr zu werden durch Geprahle und Getue, das keine Beziehung hat zu den wirklichen Tatsachen. Ich glaube, niemand kann klarer gezeigt haben, als wir, daß die vielen Hindernissc und Schwierigkeiten auf unserem Wege nicht durch bloßes Schreien und Protestieren bewältigt werden können. Die Mauern Jerichos fielen beim lauten Schall der Trompeten und des Kriegsgeschreis, Ich habe nie gehört, daß mit soldien Mitteln Mauern aufgerichtet wurden. Ich habe unsere Kritiker höhnisch darüber sprechen hören, was sie die alte ״Chibath-Zion-Politik“ von ״noch einem Dunam und noch einem Juden, noch einer Kuh, noch einer Ziege lind noch zwei Häusern mehr in Chederah“ nennen. Wenn es einen anderen Weg gibt, ein Haus zu bauen, als indem man Ziegel um Ziegel legt —- ich kenne ihn nicht; wenn es einen andern Weg gibt, ein Land aufzubauen, als Dunam nach Dunam, Mann nach Mann, Wirtschaft nach Wirtschaft ich kenne ihn nicht. Einen Mann an den andern reihen, einen Dunam an den andern, in langen Zwischenpausen oder in schneller Reihenfolge — das ist eine graduelle Frage und sie wird, wie ich gesagt habe, nicht durch Politik allein, sondern in einem viel größeren Maße durch Wirtschaftliehe Faktoren bestimmt. Hätten wir die Mittel gehabt, wir hätten schneller vorwärts gehen können. Wir hätten auch, darf ich hinzufügen, mit größerer Autorität auf dem Gebiete der Politik sprechen können, wäre unsere finanzielte Stütze kräftig und immer der Aufgabe angemessen gewesen, die wir gerade vor uns hatten. Als wir unsere Arbeit der Errichtung unseres Nationalen Heimes in Palästina aufnahmen, haben weder wir noch die britische Regierung die Interessen der palästinensischen Araber aus den Augen verloren. Aber es war damals, in den Jahren 1916—1921, angenommen, daß die nationalen Gefühle der palästineasischen Araber sich in Bagdad, Mekka und Damaskus konzentrieren und ihre natürliche und völlige Befriedigung in den arabischen Königreichen finden würden, die aus der Friedensvertrags-Ordnung für den Nahen Osten hervorgegangen sind. Es war darum angenommen, daß alles, was in Rinsicht auf die Araber in Palästina nötig war, darin bestand, daß ihre bürgerlichen und religiösen Rechte als Individuen durch die Errichtung eines Jüdischen Nationalen Heimes nicht in Frage gestellt würden, und für einen solchen Schutz trafen die Balfour-Deklaration und das Mandat reichliche Vorsorge. Aber die Frage erwies sich als viel komplizierter, als man angeno mtnen hatte. Ich glaube nicht, daß man mich ehrlicherweise beschuldifen kann, das arabische Problem ignoriert oder mich für die icherheit des Jüdischen Nationalheims auf die britischen Bajonette verlassen zu haben. Ich glaube, ich kann in aller Bescheidenheit sagen, daß ich es war, der das arabische Problem in den Vordergrund zionistischer Politik gerückt hat. Mitten im Kriege, als eine siegreiche englische Armee Palästina besetzt hielt, als die Balfour-Deklaration und die Erklärungen der alliierten Regierungen uns aktive Unterstützung zugesagt hatten, noch dazu zu einer Zeit, als die Versuchung nahelag, die Unterstützung der europäischen Mächte für vollkommen genügend anzusehen, hielt ich es für eine der ersten Pflichten der Zionistischen Kommission in Palästina, eine direkte Be- Ziehung mit den arabischen Völkern herzustellen. Bereits in jener! Tagen traf ich mich mit dem Manne, der damals der Führer der arabischen Freiheitsbewegung war, mit Emir F e i s a 1, jetzigem König von Irak. Wir haben schließlich mit ihm einen Freundschaftsvertrag geschlossen, dem wir, glaube ich sagen zu dürfen, bis aut den heutigen Tag treu geblieben sind. Das ist viele Jahre her, aber in all den Jahren, die folgten, habe ich niemals eine Gelegenheit, wann und wo immer sie sieh bot, sei es in Palästina, in London oder sonstwo, versäumt, um mit arabischen und moslemitischen Führern in Verbindung zu treten und alle Möglichkeiten einer Kooperation zu prüfen. Der Tadel wegen des dürftigen Erfolges dieser Bemühungen trifft nicht mich. Heute, wo eine so große Verbitterung herrscht und die Atmosphäre so vergiftet ist, ist es schwer, von den Mitteln zu sprechen, durch die das Ziel einer friedlichen Kooperation mit den Arabern erreicht werden konnte; aber eine Sache scheint wir vollkommen klar zu sein: die Araber müssen fühlen und müssen überzeugt werden durch Tat und durch Wort, daß, welches Immer das kilnftlge numerische Verhältnis der beiden Völker in Palästina sein mag, wir für unseren Teil keine politische Beherrschung planen; aber sie müssen auch dessen eingedenk sein, daß wir unsererseits uns niemals einer polltischen Herrschaft unterwerfen werden. Unter der selbstverständlichen Voraussetzung der Geltung und Anerkennung des Mandats wünschen wir eine Ver• ständigung zwischen zwei alten, miteinander verwandten Rassen auf dem Grunde politischer Parität. Es ist unsere Pflicht, unsere Ziele und Ideale klar und ohne Zweideutigkeit den arabischen Völkern zu erklären und keine Gelegenheit zu versäumen, mit ihnen in Beziehung zu treten und eine gemeinsame Verständigung herbeizuführen. Nur auf diesem Wege wird es uns gelingen, mit den arabischen Völkern, die selbst zum Lichte streben und jetzt nach vielen Jahrhunderten wieder die politische Bühne der weit betreten, zu einer Kooperation zu gelangen. Mit einem starken Nationalheim in Palästina, das friedlich und harmonisch auf gebaut ist, dürfen wir auch erwarten, in Zusammenarbeit mit den Arabern für jüdische Energie und jüdischen Fleiß die weiten Gebiete zu eröffneu, die zu ihrer Entwicklung Intelligenz, Initiative, Organisation und Finanzen brauchen. Wir können zum gegenseitigen Nutzen der zwei Rassen beitragen, zur Errichtung eines Gürtels blühender Länder, der sich vom Mitteimeer bis zum Indischen Ozean hinzieht, wo die beiden Rassen, die einst zusammen an der Wiege der Kultur standen, in Frieden und Harmonie zusammenwirken können. Das ist sicherlich ein Ideal einer alten Rasse wert, es ist nicht nur Zionismus im engeren Sinne, es ist eine große und menschliche Auffassung, die der Sympathie denkender Menschen sicher sein kann. Diejenigen, die durch Wort oder Tat den Arabern Palästinas Grund geben, unsere Absichten zu mißdeuten, laden eine sehr schwere Verantwortung auf sich, und ebenso schwer ist die Verantwortung derer, die auf arabischer Seite unsere Absichten falsch darsfellcn und die Beziehung zwischen den zwei Rassen vergiften. Auf unserer Seite sind verantwortliche Gruppen des Jisclmw sich voll der Notwendigkeit bewußt, eine Zusammenarbeit auf dem Gebiete des ökonomischen Lebens sowohl als in der sozialen und intellektuellen Sphäre zu suchen und in die Wege zu leiten. Aber diese Anstrengungen waren bis jetzt nur aut bescheidene Anfänge beschränkt. Sie müssen gepflegt und weiter entwickelt werden. Neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit im gemeinsamen Interesse von Arabern und Juden werden sich vielleicht in dem vorgeschlagenen Landentwicklungsplan ergeben. Der folgende Teil der Rede Weizniamis ist der erweiterten Jewish Agency gewidmet, wobei er die Schwierigkeiten schildert, mit denen die neue Organisation nach ihrer Gründung zu kämpfen hatte. Wenn man aber, so fährt er fort, auf die letzten zwei Jahre zurückblickt, kann man eines mit Gewißheit sagen: die nichtzionistischen Mitglieder haben sich auf politischem Gebiete als ein starker Pfeiler erwiesen; sie haben uns aufrichtig und weitherzig in unseren politischen Kämpfen unterstützt. Es ist das finanzielle Gebiet, wo leider unsere Erwartungen viel Weniger in Erfüllung־ gegangen sind. Der Kongreß wird eine ehrliche Anstrengung zu machen haben, um unseren Partner in der Agency zu helfen, ihre Anhänger zusammenzuschließen, und die beiden Gruppen zu einem harmonischen Ganzen im Dienste des palästinensischen Aufbaus zu gestalten. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ein anderer Weg verhängnisvoll wäre für unser Werk in Palästina und indirekt für die Wohlfahrt der Zionistischen Organisation. Künftiges Programm. Ich habe mich bemüht, der Situation, der wir gegenüberstehen, gerade und ehrlich ins Gesicht zu sehen. Meine Achtung für mein Volk, mein Glaube an die Gerechtigkeit unserer Sache und ein tiefes Gefühl für Verantwortung gestatten mir nicht, in Phantasien zu schwelgen oder eine abenteuerliche Politik anzuregen, die nur zu bitteren Enttäuschungen führen kann. Statt Luftgebilden nachzuhängen und unsere Energien im fruchtlosen Kampf mit Schatten zu verschwenden, wollen wir doch unsere Anstrengungen darauf vereinen, was im Bereiche des Möglichen, was greifbar und erreichbar ist -~ vor allem auf die Befestigung des Werkes, das wir bereits in Palästina begonnen haben. Unsere Experten sagen uns und unsere eigene Erfahrung, die wir in den letzten zehn Jahren in Palästina gewonnen haben, bestätigt diese Meinung — daß es in Palästina noch Raum genug gibt für mindestens 50000 jüdische landwirtschaftliche Familien, ohne daß man die legitimen Interessen der arabischen Bevölkerung irgendwie berührt. Es äst unsere vornehmste und dringendste Pflicht, unsere kolonisatorische Tätigkeit so zu entfalten, daß die Ansiedlung dieser Familien ermöglicht wird. Zur Verwirklichung dieses Planes ist es notwendig, daß die beiden Fonds gestärkt werden, und daß die Organisation der Agency weiter entwickelt wird, um immer breitere Schichten der Judenheit zu umfassen. Noch nachdrücklicher müßte dieser Ansiedlungsplan gefördert werden durch eine jüdische Anleihe für Anlagen in Palästina oder eine andere, großzügige Form der Finanzier u n g — eine Aufgabe, die die Agency in naher Zukunft zu lösen haben wird. Die nächsten Jahre werden von kritischer Bedeutsamkeit sowohl für unsere städtische als auch für unsere landwirtschaftliehe Entwicklung sein. Die Ausführung des wirtschaftlichen Programms hängt zu einem hohen Grade von der Organisation unserer eigenen Kräfte ab, kann aber beträchtlich ermutigt und gefördert werden, wenn die Mandatarmacht die Bestimmungen des Mandates in Geist und Wort ausführen wird. Wir haben ein Recht, das zu erwarten, und wir werden in unserem Rechte von der aufgeklärten öffentlichen Meinung in England und in der Welt unterstützt werden. Wir können und werden die Durchführbarkeit unseres Projramms beweisen. Wir können auch den gewaltigen Wert aeweisen, den es für die Juden und für Palästina in sich schließt. Wir sind bereit, unsere besten Anstrengungen einzusetzen und auf Grund der feierlichen Zusagen, die uns gemacht worden sind, verlangen wir, daß unsere Aufgabe und unser Werk erleichtert werden und daß diese Politik ihren realen Ausdruck in der gesetzgeberischen und administrativen Praxis in Palästina findet. Es ist nicht genug für die Verwaltung, das Gleichgewicht zu halten und sonst passiv zu verbleiben (von Gegnerschaft nicht zu reden); was nötig ist, ist ihre aktive Kooperation und Sympathie. Ich habe bereits angedeutet, was nach meiner Meinung das leitende Prinzip unserer Beziehung zu den Arab e r n sein muß, nämlich politische Parität, unabhängig davon, ob die eine oder andere Gruppe in der Majorität Ist: Zwei autonome Kulturen bestehen nebenein• ander in Palästina, der ״gemeinsamen Heimat״, wie sie In der Resolution des XII. Kon■ gresses genannt ist. Sowohl Juden wie Araber werden zum Verständnis dieses Zieles erzogen werden müssen. Nur dann können sich normale und friedliche Beziehungen zwischen den zwei Völkern entwickeln. Eine Abteilung für die Frage der Beziehung zu den Arabern sollte in der Palästina-Exekutive errichtet werden mit einem Mann von großer Autorität an der Spitze. Dieses Departement müßte in seinen Maßnahmen geleitet werden von der Politik, die ich skizziert habe, und seine Aufgabe wäre die Förderung arabisch-jüdischer Kooperation in allen Lebenssphären durch die Pflege des Studium von Arabisch und die Teilnahme von Arabern an wirtschaftlichen Unternehmungen nicht nur in Palästina selbst, sondern auch in den arabisch sprechenden Nachbarländern. In gedrängter Zusammenfassung würde das Programm, das Agency und Zionistische Organisation erwartet, also umfassen: erstens: die Auirechterhaitung unserer im Mandat enthaltenen Rechte; zweitens: die Konsolidierung und Ausdehnung unseres bestehenden Werkes in Palästina, einschließlich Kolonisation der sogenannten Mittelklassen; drittens: die Stärkung der nationalen Fonds, des Keren Hajessod und Keren Kajemeth. wenn möglich ergänzt durch die Aufnahme einer jüdischen Anleihe (oder durch eine sonstige Finanzoperation größeren Stiles) für die Zwecke der nationalen Kolonisation, wie für die Entwicklung und Förderung von Privatunternehmen; schließlich: die Ausgestaltung der Organisation der Agency selbst auf einer breiteren und gesicherten Grundlage. Von vielerlei Faktoren hängt der Erfolg unseres Werkes ab. Einige von ihnen stehen völlig außerhalb unserer Beeinflussung; nur wenige können wir wirklich meistern. Wir können bis zu einem gewissen Ausmaße die jüdische Meinung beeinflussen und an das Gewissen, die Empfindungen und das Pflichtgefühl des jüdischen Volkes appellieren. Wir können die Macht eines solchen Appells steigern durch unsere eigene unerschütterliche Loyalität für unsere Bewegung, durch unser Vertrauen in die materiellen und sittlichen Kräfte, die im jüdischeu Volke ruhen, durch den Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache. Die Verfechter einer jüdischen Sache, wenn sie gelingen und nicht mißverstanden werden soll, müssen aufs sorgsamste darauf bedacht sein, wenn sie diese Sache vortragen und vertreten, nur solche Methoden anzuwenden, die der höchsten ethischen Prüfung standhaften können. Alles, was wie Beherrschung durch physische Gewalt aussieht, welche Form immer solche Gewalt annehmen mag, alles, was auch nur entfernt den Kolonisationsmethoden ähnelt, wie sie in vergangenen Jahrhunderten praktiziert wurden, wäre in unserem Falle nicht zu rechtfertigen, wäre eine Verleugnung unserer Geschichte. Die ständige Formulierung maßloser Forderungen ist nur eine Gefahr für die Sicherheit des Mandates. Wir haben andere Wege und Mittel gesucht, ln diesem B®־ mühen bin ich nicht immer erfolgreich gewesen, aber wenn ich heute mein Amt niederlege, formell und endg ii 11 i g, so fühle ich doch, daß ich die Bewegung ihrem Ziele ein wenig nähergebracht habe. Für uns ist die sittliche Grundlage und der Glaube an unsere Sache unerschüttert geblieben. In unserer Bewegung liegt eine unzerstörbare Kraft. Sie wird, ich sage es mit aller Zuversicht, auch aus der gegenwärtigen Krise ungebrochen, ja mit erneuter Stärke hervorgehen. Möge dieser Kongreß der Bewegung die richtige Bahn weisen und so ein wichtiger Meilenstein werden auf dem Wege zur Erfüllung. Letzte Nachrichten Basel, 2. Juli. (Telephonisch.) Soweit sich bisher feststellen ließ, hat Weizmanns Rede einen außerordentlich starken Eindruck auf den Kongreß gemacht, und zwar weit über den Kreis von Welzmanns Freunden hinaus. Die Rede wird als ein klares und mutiges Bekenntnis, als wohlabgewogene politische Kundgebung bewertet. Natürlich hat auch die Kritik schon eingesetzt. Ins-' besondere wird von vielen Seiten bemängelt, daß Weizmann der Unzufriedenheit mit der Mandatarmacht nicht stärker Ausdruck gab. Im großen ganzen ist man der Meinung, daß durch diese Rede der Kongreß zur klaren Stellungnahme genötigt ist. Wie־■wir bereits vorausgesagt haben, zerfällt der Kongreß ln zwei numerisch nahezu gleichstarke Hälften, so daß Entscheidungen besonders schwer zu fällen sein werden. In den Fraktionen wird man vor allem über vier Fragen: Endzlei, Politik gegenüber England, Leitungsbildung und schließlich Budget und Agency zu beraten haben. Die Finanzfrage nimmt bisher im Kongreß keineswegs die Stellung ein, die ihr sachgemäß gebühren würde. Man hat nicht das Gefühl, daß der Kongreß die ganze Schwere der Gefahr empfindet, die gerade von dieser Seite droht. Zu sehr ist man jetzt noch in der politischen Diskussion befangen. In der Mittwoch-Nachmittagsitzung sprach zuerst Brodetsky Uber politische Arbeit und dann Ussischkin über Keren Kajemeth. Leider verband Ussischkin sein Referat mit einer Diskussionsrede, die eigentlich in die Generaldebatte gehört hätte und in manchen Teilen als politisch recht unglücklich bezeichnet wird. In der Abendsitzung sprach Dr. Hantke über Keren Hajessod, Felix Rosenbfiith über Organisation, wobei es zu einer scharfen Kontroverse mit den Revisionisten kam, denen Rosenblüth Bruch der zionistischen Disziplin vorgeworfen hat. Die Revisionisten sind bisher sonst noch nicht hervorgetreten, bis auf einen recht geschmacklosen Zwischenfali nach Weizmanns Rede, der einige Aufregung Im Kongreß hervorrief, aber besser unerwähnt bleibt. Donnerstag- Vormittag hält Arlosoroff sein Referat über Finanzpolitik der Jewish Agency. Dann wird die Generaldebatte beginnen. Basel, 2. Juli, 4 Uhr nachm. In der Generaldebatte sprach als erster Redner Ben G u r! o n (Arbeiterpartei), der sich hauptsächlich mit dem Revisionismus auseinandersetzte und diesem, den er den ״!eichten“ Zionismus nannte, den schweren Zionismus der Verwirklichung gegenüberstellte, der in erster Linie durch die Arbeiterschaft repräsentiert wird. In der Nachmittagssitzung wird als erster Redner Jabotinsky sprechen. Die Delegierten aus Deutschland Das Kongreßgericht hat das Mandat der Radikalen Zionisten ln Deutschland auf Grund des vorliegenden revisionistischen Protestes aus Formgründen annulliert. Das Mandat fällt der Liste der Allgemeinen Zionisten zu, die sonach 3 Mandate (bisher 2) erhalten. Das dritte Mandat erhält Dr. Meinhold Nußbaum (Nürnberg). Die beiden anderen Mandate werden von Dr. Salli Hirsch und Dr. Landsberg (Wiesbaden) ausgeübt. Die Wizo-Weltkonferenz Auf der Konferenz der Wizo, die bereits geschlossen wurde, kam es, wie uns aus Basel berichtet wird, zu scharfen Konflikten über das künftige Arbeitsprogramm. Als Folge dieser Meinungsverschiedenheiten sind eine Reihe von bisherigen Führerinnen der Wizo aus der Leitung ausgeschieden, darunter Frau Sieff, Frau Sacher, Frau Eder und Frau Schoschana Persitz. Wir werden über den Verlauf der Konferenz noch berichten.