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Jüdische Rundschau · 1931-07-03 · Heft 51 (3.7.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 51 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51, 3. VII. 1031 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 313 wegung Identifizierte und damit zugleich mit dem Gedanken von Palästina als dem einzig möglichen Land für die jüdische Wiedergeburt, verschwindet der Ausdruck ״Judenstaat‘‘ vor! seinem Programm. Was Theoder HerzI und die zionistische Bewegung im Jahre 1897 zu erreichen suchten, war gemäß dem Basler Programm die Errichtung einer öffentlich-rechtiich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Wenn man weitere Stadien der Entwicklung überspringt und auch die Uganda-Episode außer acht läßt, um die letzte Anpassung Herzlscher Politik an die Realität festzuhalten, dann wird man sie wohl am besten mit den Worten umschreiben, die Max N o r d a u in einem Vorwort zu einem von Paul Goodman herausgegebenen Buch ״Zionismus, Probleme und Ansichten“, im Jahre 1916 geschrieben hat, das ist zu einer Zeit, als die ersten schwachen Anzeichen sich dafür bemerkbar machten, daß Palästina in den Kreis praktischer und zionistischer Politik eintreten würde. Darin heißt es: ״Der Zionismus hat nicht den Ehrgeiz, einen unabhängigen jüdischen Staat zu begründen, sei es ein Königreich, sei es eine Republik. Alles, was er verlangt, ist, daß es seinen Anhängern gestattet sein soll, ohne Beschränkung in Palästina einzuwandern, soviel Land dort zu kaufen, als sie für ihr Geld dort erhalten können; das Recht autonomer, lokaler Verwaltung zu genießen und nicht gehindert zu werden in ihren ernsten Bemühungen, Kultur und Wohlfahrt zu schaffen. Es ist selbstverständlich, daß die zionistischen Juden sich verpflichten, die gewissenhafteste, weitherzigste Loyalität gegenüber der Macht zu bekunden, unter deren Souveränität Palästina gestellt ist.“ Wenn es einen wesentlichen Unterschied zwischen der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte des Basler Programms sowie der eben zitierten Nordauschen Auffassung von 1916 und dem in der Balfour-Deklaration enthaltenen Versprechen der britischen Förderung eines Nationalen Helmes für das jüdische Volk in Palästina gibt, dann glaube ich, ist es die Balfour-Deklaration, die mehr umfassenden Sinn und Bedeutung hat. Aber die Deklaration war zugestandenermaßen ein Dokument in vager Form — der Ausdruck einer allgemeinen Absicht. Es war unvermeidlich, daß, wenn es dazu kam, diese Absicht in Wirklichkeit umzusetzen, noch vielerlei Erklärungen und Definitionen zu folgen haben würden. Die drei offiziehen Kommentare der Deklaration, die jetzt vorliegen, sind 1. das Mandat selbst, 2. das Churchilische Weißbuch von 1922 und endlich der Brief des englischen Ministerpräsidenten an mich vom 13. Februar 1931, der eine Interpretation des Weißbuches vom Oktober 1930 darstellt. Redner schildert dann eingehend das Zustandekommen des Mandates und des Churchillschen Weißbuchs von 1922 und fährt fort: Daß uns das Mandat, wie es im Weißbuch von 1922 interpretiert ist, tatsächlich die Möglichkeiten gegeben hat, die es zu eröffnen schien, ist dargetan durch die Entwicklung unseres Werkes in Palästina in den Jahren 1922 bis 1929, während welcher Zeit die britische Politik in Palästina von diesen beiden Dokumenten geleitet war. Ich denke, es ist keine überschätzende Zusammenfassung, wenn ich sage, daß jeder unvoreingenommene Betrachter und besonders ein solcher, der Gelegenheit hatte, Palästina, wie eß heute ist, mit dem Palästina von 1920 zu vergleichen, zustimmen wird, daß wir etwas vollbracht haben, auf das wir stolz sein können. Wenn nicht mehr erreicht wurde, kann das sicherlich nicht — wozu manche oft hinneigen — ausschließlich politischen Gründen zugeschrieben werden. Wenn wir nur eine Million Dunam Land gekauft, haben, wo wir vielleicht zwei hätten kaufen können, wet ist dafür verantwortlich! Sicherlich auch wenn wir unsere Unzulänglichkeit mit in Rechnung ziehen — mit uns diejenigen, die es trotz unserer Appelle unterlassen haben, uns mit den Mitteln zu versorgen, um diese zwei Millionen Dunam zu erwerben. Und wenn wir nur Zehntausende von Immigranten statt einer vervielfachten Zahl ins Land gebracht haben, so trifft die Verantwortung dafür wiederum diejenigen, die den goldenen Schlüsse!, der allein die Tore von Palästina allen denen, die daran pochen, hätte erschließen können, uns vorenthalten haben. Solange, als die Haltung der Mandatarmacht und die Auslegung, die ihre Vertreter der Balfour-Erklärung und dem Mandat gaben, es uns möglich machten, in diesen beiden Riehtungen unsere Pflichten in Ehren zu erfüllen, war der Weg, der uns vorgeschrieben war, der einer aufrichtigen und loyalen Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht, sowohl in London als in Jerusalem. Ein anderer Weg war nicht möglich. Eine andere Haltung würde nur eine Hemmung für unser Werk in Palästina und einen Treubruch an der uns vertrauten Aufgabe bedeutet haben. Wir haben konsequent und unbeirrt durch starken Druck, der manchmal aus den eigenen Reihen kam, alles getan, was sich in Anstand und Würde tun ließ, um die Aufgaben der Mandatarmacht in Palästina leichter zu gestalten. Und hier muß ich zu meinem Bedauern feststellen, daß wir in Palästina seitens der Vertreter der Administration nicht immer den Widerhall fanden, den wir auf Grund unseres Rechtes und unserer Leistung glaubten erwarten zu dürfen. Seitdem die Zivilverwaltung eingesetzt worden war, konnte man zu allen Zeiten unter der Beamtenschaft der Palästina-Regierung der Politik des Jüdischen Nationalheims gegenüber eine gewisse A p a - thie und Gleichgültigkeit bemerken, die sich manchmal beinahe zu F e i n d s e I i g k e i t steigerte. Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß die Zivilverwaltung zu einem großen Teil sich zusammensetzte — und das ist noch immer der Fall — aus Männern, die ein nur sehr geringes Verstandnis für zionistische Ziele und Bestrebungen haben und die nach Palästina kommen, ohne mit der komplizierten Aufgabe, die vor ihnen steht, vertraut und ohne für sie im geringsten vorbereitet zu sein. Ich glaube, es ist wahrscheinlich dieser Umstand und nicht eine vorgefaßte Politik oder gar das, was man gewöhnlich Antisemitismus nennt, dem die Haltung der Palästina-Administration zuzuschreiben ist. Ich glaube, die Engländer sind das am wenigsten anti-jüdisch eingestellte Volk der Welt; und ich glaube, daß die englischen Regierengen wirklich ehrlich besorgt sind, daß die Mandatspolitik in Palästina zu einem Erfolge führt. Aber man darf nicht übersehen, um es so auszudrücken, daß für das britische Kabinett Palästina nicht die einzige Sorge ist, und daß natürlich sehr viel den Männern an Ort und Stelle überlassen bleiben muß — ihnen und uns. Ein Teil der Kritik, die man an der Jewish Agency wegen des langsamen Fortschritts des Jüdisehen Nationalheims üben würde, kann sicherlich mit Recht der Vernachlässigung oder sogar dem Uebelwollen, das manche Mitglieder der Palästina-Verwaltung an den Tag gelegt haben, zugeschrieben werden. Wenn wir aber das schädliche Verhalten dieser Männer, von denen vielleicht der eine oder der andere sogar soweit gehen mag, den Versuch zu machen, unsere legitimen Ansprüche zu vereiteln, offen tadeln, so dürfen wir darüber nicht die Dankesschuld vergessen, zu der wir anderen Vertretern der Zivilverwaltung gegenüber verpflichtet sind — Männern wie Sir Herbert Samuel, Lord Plumer, Sir Wyndham Deedes und dem verstorbenen Sir Gilbert Ciayton. Um es abschließend noch einmal festzustellen: Wiewohl das Weißbuch von 1922 uns gewiß nicht alles das gegeben hat, was wir von der Palästina-Regierung und dem Mandat erwarteten, so hat es uns doch nicht, wie ich glaube dargetan zu haben, der uns versprochenen Möglichkeit beraubt, unser Nationales Heim in Palästina aufzubauen. Der nächste Kommentar an der Balfour-Erklärung, das Weißbuch von 1930, hat uns diese Möglichkeit genommen. Sir John Hope Simpsons Bericht und das Weißbuch wurden zu gleicher Zeit veröffentlicht, und wir bekamen den Text beider Dokumente zu einer Zeit vorgelegt, als es bereits zu spät war, irgendeine Aenderung an dem Weißbuch vorzunehmen. Ich will nur mit einem Worte sagen: daß das Weißbuch uns gleichbedeutend erschien mit einer Aufhebung des Mandats und daß es unserer Meinung nach jede Möglichkeit des Weiterbestehens einer Kooperation zwischen Jewish Agency und britischer Regierung beseitigte. Wir verweigerten die Anerkennung dieses Dokumentes. Und das nicht nur aus rechtlichen Gründen, sondern auch, weil es die ganze Basis unseres Lebens und unserer Zukunft in Palästina zu vernichten drohte. Ich will hier nicht dabei verweilen, was ich empfand, als ich im Oktober 1939 mich gezwungen sah, vor aller Welt den offenbaren schließlichen Mißerfolg meiner Polit i k der Kooperation mit der britischen Regierung zu bekennen. An dem gleichen Tage, an dem das Weißbuch veröffentlicht wurde, kündigte ich meine Resignation von der Präsidentschaft der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency an. Sie wissen, es war beabsichtigt, unmittelbar den Kongreß und den Council einzuberufen, damit sie zur geschaffenen Lage Stellung nehmen und über alle sonst zu treffenden Maßnahmen Beschluß fassen könnten. Aber in der Zwischenzeit bis zur Vornahme neuer Wahlen trat ein Wechsel in der ganzen Situation ein. Der englische Ministerpräsident ließ eine Einladung an uns ergehen, unsere Einwände gegen das Weißbuch mit einem Komitee des Kabinetts zu diskutieren. Wir würden die volle Möglichkeit erhalten — so sagte man uns zu — unseren Standpunkt darzulegen und unsere Sache zu vertreten, und es würde allen Beschwerden, deren Berechtigung wir nachweisen könnten, Genüge geleistet werden. Diese Zurateziehung unserer Seite, wie sie Tn der Vergangenheit üblich gewesen war und die Lord Passfield im Oktober 1930 glaubte ablehnen zu sollen, fand nunmehr statt — und in der Form einer Beratung mit einer autoritativen Körperschaft britischer Staatsmänner. Es war Gebot der Pflicht, nach dem Schiffbruch der Staatskunst, wie es das Weißbuch vom Oktober 1930 war, den Versuch zu machen, unser politisches Gut wieder in Sicherheit zu bringen, wenngleich auch das größte staatsmännische Geschick den Schaden nicht wieder gutmachen könnte, den das Weißbuch Palästina zugefügt hatte — dem Frieden im Innern, den Beziehungen zwischen Juden und Arabern und den Beziehungen beider zur Mandatarmacht. Das Weißbuch als solches konnte nicht zurückgezogen werden — es gab keinen Präzedenzfall in der konstitutionellen Praxis Englands dafür, daß eine politische Erklärung innerhalb einer Woche nach ihrer Veröffentlichung zurückgezogen worden wäre. Aber von einer solchen formellen Zurückziehung abgesehen, durften wir Genugtuung für unsere berechtigten Beschwerden erwarten. Die Frage war also, ob wir das Angebot, das uns redlichen Sinnes gemacht wurde (und später in redlicher Weise durchgeführt wurde) annehmen oder aut einer klaren und einfachen Zurückziehung des Weißbuches bestehen sollten, obwohl wir wußten, daß die Regierung einem derartigen Verlangen nicht nähertreten konnte. Eine solche Forderung von unserer Seite hätte eines oder das andere zur Folge gehabt: entweder wir hätten in Passivität aut das Kommen einer anderen Regierung warten müssen — und das wäre ein verhängnisvoller Entschluß gewesen; denn in der Zwischenzeit hätte sich das Weißbuch in Gesetz verrichtet und viele Maßnahmen, die auf seiner Grundlage unternommen worden wären, würden sich nicht mehr gutmachen lassen, auch nicht durch die Mitwirkung der aufrichtigsten Verfechter der Mandatspolitik. Oder — die andere Alternative — unsere Freunde imenglischenUnterhaus würden am Ende der Palästina-Debatte eine Abstimmung über die Frage des Weißbuches zu erzwingen gehabt haben. Eine solche Abstimmung wäre für uns im höchsten Maße verder blich gewesen, was immer ihr Ergebnis gewesen wäre. Denn hätte sich eine noch so kleine Mehrheit für das Weißbuch ergeben, so hätte es damit die Sanktion des Parlaments erhalten. Wäre aber die Regierung in der Frage des Weißbuches geschlagen worden, so würde eine solche Niederlage die großen Massen der Arbeiterpartei gegen uns gekehrt haben und Palästina wäre in Westminster zu einer Parteifrage geworden. Sogar viele Mitglieder der Arbeiterpartei, die uns jetzt freundlieh gesinnt sind, würden eine solche Niederlage sehr bitter empfunden haben, besonders wenn sie erfolgt wäre, nachdem und weil wir die Wiedergutmachung abgelehnt hätten, die uns durch die Einladung der Regierung, an einer Kabinett-Konferenz teilzunehmen, geboten worden war. Unter diesen Umständen war die einzig vernünftige Stellungnahme, die für uns gegeben war, die Annahme der Regierungseinladung. In der Stunde der höchsten Gefahr haben unsere Freunde unter den englischen Konservativen und Liberalen ihre Stimme für uns erhoben. Es sprachen aber nicht nur Männer aus ihren Reihen; das Gewissen Englands meldete sich zum Wort und es sprach auch durch den Mund von Mitgliedern der Arbeiterpartei. Es erhob seine Stimme sogar in der Mitte der Regierung. Zwar bestand formell eine kollektive Verantwortung der Regierung für das Weißbuch, aber in Wahrheit war es doch nicht so. Die Zeit ist noch nicht gekommen, wo wir auf die Einzelheiten dieses noch zu frischen Stücks Geschichte eingehen können, aber diejenigen, die wissen — und eines Tages unser ganzes Volk — werden mit mir eins sein, wenn ich die Namen der Männer ehre, die den Mut hatten, gegen ein Unrecht aufzustehen und sich für ein Volk einzusetzen, das sie in keiner Weise belohnen, ja kaum ihnen danken kann. Weizmann bespricht sodann die Bedeutung und den Inhalt des Briefes MacDonalds vom 13. Februar 1930, dem der offizielle Sfatus einer authentischen Interpretation des Weißbuches gegeben worden ist. Um eine richtige Vorstellung davon zu bekommen, was das Schreiben des Ministerpräsidenten aus dem Weißbuch vom niiiHiiHiiiiiiHimiiiiiiiiiHniiiiiiiiiiHiHiiiniiiuiiiiiuiiniiiiimiiiiiiimiimiHiHiiiiiiiiiiiiuninniiiiiiiiiiHiiiiuiiuiinniiiiHHii Die Adresse der Redaktion der ״Jüdischen Rundschau" lautet bis auf weiteres: Basel! Mustermesse. Dorthin sind sämtliche dringenden für die Redaktion hestimmten Sendungen und Manuskripte zu adressieren. — Die Expedition ist weiter in Berlin W15, Meineke• straffe 10. Alle die Zustellung der ,Jüdischen Rundschau“ und der Kongreff -Zeitung betreffenden Mitteilungen sind an die Expedition zu richten. u11u111iuu1111u111u11u1H11u11uu11111i11u1u11u1m11mH11uuu1uu1uu111111Hi11m11mu11111m1!u1m111m111111111uu1umu11utt Oktober gemacht hat, ist es notwendig, die beiden Dokumente nebeneinander vor sich auf den Tisch zu legen und sie zu vergleichen — nicht nur ihren Inhalt, sondern auch ihre Tonart und den Eindruck, den sie hinterlassen. Wenn Sic das tun, werden Sie, denke ich, darin übereinstimmen, daß das Unrecht, daß das Weißbuch geschaffen hat, gutgemacht worden ist und daß das Mandat und die Baifour- Deklaration in emphatischer Weise neu bekräftigt wurden. Ich erinnere mich an den Augenblick, als gleich nachdem die Balfour-Deklaration vom Kriegskabinett enehmigt worden war, Sir Mark Sykes aus dem Kabinett-Saal erauskam und mir zurief: ״Weizmann, es ist ein Junge!“ Das war die Geburt des Kindes — eine verhältnismäßig■!eichte Geburt. Die eigentlichen Geburtsschmerzen der Balfour-Erklärung kamen erst viel später. Nun, um die Metapher fortzusetzen, dieser Junge ist nach nunmehr 13 Jahren Barmizwah. Ich war mit ihm von seiner Geburt bis zu seiner Konfirmation, und ich übergebe ihn nun Ihrer Fürsorge. Wenn ich mich nunmehr von der Politik Wirtschaftsfragen zuwende, so möchte ich sagen, daß die ökonomische Politik der zionistischen Verwaltung, der vorzustehen ich die Ehre hatte, von einem Programm beherrscht war, wie es nach unserer Meinung den elementaren Notwendigkeiten unseres nationalen Aufbauwerkes entsprach: Land und eine in eigener Arbeit sich erprobende Pionier-Bevölkerung, die immer mehr Bauerndörter und damit nationale Stützpunkte schafft, sich immer mehr im Boden verwurzelt und die immer mehr vom Geist des jüdischen Landes aufnimmt und erzeugt. Das ist die nationale Kolonisation, die das starke Rückgrat bildete für jene andere wirtschaftliche Entwicklung, die sich in den Städten vollzieht. Für diese, die privatwirtschaftliche Betätigung in Industrie, Gewerbe und Handel aber müssen die Bedingungen geschaffen werden, die ihre weitgehende Förderung und Entfaltung ermöglichen. In diesem Sinne war es von Anbeginn mein Bestreben, den Grand zu legen für die Struktur einer Wirtschaft, die fähig sein würde, sich auszudehnen und im Laufe der Zeit selbst zu erhalten und unabhängig zu werden. Das kann nicht über Nacht geschehen. Es ist eine Sache allmählichen, organisehen Wachstums, ist ein Werk, bedrängt von all den Schwierigkeiten, gegen die eine junge Organisation anzukämpfen hat. Es war lebenswichtig, wenigstens einen Kern für die künftige Entwicklung zu schaffen und das, denke ich, haben wir erreicht. Ohne die Spatenarbeit der Chaluzim, ohne ihren sittlichen und geistigen Drang, wäre es eitel zu erhoffen, daß sich aus dem jetzigen Kern ein in sich selbst geschlossenes, sich selbst erhaltendes Wirtschaftsgebilde entwickeln wird. Dieses Feuer des Pioniertums glüht noch immer, und ich hoffe, es wird nie verglimmen. Noch warten Sümpfe darauf, von unseren Pionieren getrocknet, Hügelgelände und Dünen bepflanzt, Wüstland aufgeschlossen, Felsen gesprengt und Straßen von ihnen gebaut zu werden. Das erfordert einen gewaltigen Aufwand physischer Kraft, das verlangt Geld, Opfer, Selbst-Disziplin und unerschütterliche Hingebung an ein Ideal. Die Chaluzim sind eine große bewegende Kraft, aber diese Kraft kann nur geleitet werden von Menschen, die mit ihr in Sympathie verbunden sind, die die geistigen und moralischen Aspirationen ihrer Gefolgschaft verstehen. Nur wenn diese Menschen eine wirkliche Einschätzung des chaluzischen Dranges nach Gerechtigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit mitbringen, werden die Chaluzim, wie sie es sollen und müssen, die letzte Unze ihrer Kraft und Energie für das Werk hergeben, an das sie ihre Hände gelegt ha|»«n,... .. . Diese bewegende■ Kraft der Chaluzim darf nicht vergeudet werden, weil das lebenswichtige Element für den Aufbau des Nationalen Heimes ihnen versagt wird. Dieses Element ist nationale Kolonisation, und nationale Kolonisation erfordert große Mittel von außen. Ich nannte es ein lebenswichtiges Eiement, und das ist es ebenso für den Aufbau des nationalem Heims wie für die Erhaltung des Chaluz-Typus und des Chaluz-Geistes, denn der Chaluz wird sich nicht damit abfinden — und soll es auch nicht — für immer ein Lohnarbeiter zu bleiben. Wenn er keine Hoffnung sieht, sich jemals dauernd auf dem Boden ansiedeln zu können, wird die bewegende Kraft ihn allmählich verlassen, und ohne die Arbeit der Chaluzim kann auch privates Kapital in Palästina nicht zu seinem vollen Nutzen und zum Nutzen der Bewegung verwandt werden. Wie die Dinge heute stehen, entfaltet sich die Privat- Initiative in der Landwirtschaft ausschließlich in einer Riehhing, nämlich aut dem Gebiete der Orangenpflanzungen, während andere Zweige der Agrikultur in Palästina, wenn sie auch Brot für den arbeitenden Chaluz bringen können, bis jetzt wenigstens keinen angemessenen Ertrag für privates Kapital ergeben können. Das Nationale Heim aber kann nicht in der Orangen-Zone allein aufgebaut werden, die nur einen kleinen Teil von Palästina, wenn• auch einen sehr bedeutenden, darstellt. Das ist der Punkt, wo die Verfechter der ausschließliehen ״Business-Grundlage“ in der Einschätzung der palästinensischen Wirklichkeit versagen. Es kann leicht geschehen, daß die konsequente Anwendung von starren, nüchternen und rechnungsmäßigen Business-Methoden, an sich eine übenswerte Tugend, in der Zeit eines nationalen Kampfes ein verhängnisvolles Versagen zur Folge haben würde, ln Palästina, wie es im Jahre 1920 aussah, gab es auch nicht die Spur einer Aussicht auf solch eine Business-Grundlage. Palästina in jenen Tagen würde auch nicht einen Penny fremden Kapitals auf dem üblichen Wege ökonomischer Entwicklung angezogen haben. Es gab keine kommerzielle Aussicht, daß Investierungen im Lande in absehbarer Zeit Nutzen bringen würden. Sicherlich gab es keine Aussicht auf Profit innerhalb einer Zeitspanne, die der Geschäftsmann normalerweise zu erwarten pflegt. Die Business-Grundlage für die Entwichlung Palästinas mußte erst geschaffen werden, durch die Arbeit der Chaluzim und durch die Investierungen ä fonds erdu des Keren Kajemeth und Keren Hajcssod. Erst in den etzten Jahren hat sich eine wirkliche Geschäftsbasis in Palästina entwickelt. Die große Welt — Nichtjuden sowohl als Juden — fängt gerade an herauszufinden, daß es in Palästina Gelegenheiten für die Anläge von Kapital gibt mit zumindest der Aussicht auf einen normalen kommerziellen Profit. Es ist ganz sicher — ohne daß ich das, was private Initiative im letzten Jahrzehnt geleistet hat, im geringsten unterschätzen möchte — daß ohne das Werk der Jewish Agency, des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth auch jetzt noch nicht die Rede wäre von einer Geschäftsbasis in Palästina durch die einfache Wirkung der natürliehen wirtschaftlichen Gesetze und daß auch keine Aussicht für eine solche Entwicklung für absehbare Zeit hinaus bestände. So können wir, glaube ich, für uns in Anspruch nehmen, in einem beträchtlichen Maße die notwendigen Bedingungen geschaffen zu haben, unter denen sich die Schlüssel-Industrien Palästinas entwickeln und ausdehnen können. Das gilt auch für die besonderen Bedingungen, unter denen allein eine Konsolidierung derjenigen Zweige der Landwirtschaft gesichert werden kann, für die Privat-Kapital nicht erhältlich ist und für die Voraussetzungen einer normalen und umfassenden Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft überhaupt

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