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Jüdische Rundschau · 1931-07-03 · Heft 51 (3.7.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 51 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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I י Seite 312 Die Deklarationen haben inhaltlich den Zionismus anerkannt! Die Balfour-Deklaration und unser Baseler Programm sind ja grundsätzlich identisch. Diese Wahrheit nicht verstehen, heißt alles auf den Kopf stellen. Wer diese Orientierung verliert, hat jedes Verständnis für den welthistorischen Akt der Schaffang des Jüdischen Nationalheims verloren. Aber was bedeutet die ״Heimstätte für das jüdische Volk?“ Auch darauf soll klar geantwortet werden: Sie bedeutet die anschauliche Verkörperung des Judentums, das am Raum realisierte Vorbild eines typischen funktlonellen und allseitigen jüdischen Volkslebens in seinem natürlichen Rahmen. Sie ist kein privatrechtliches, sondern ein öffentlich-rechtliches Gebilde; ein Gemeinwesen, das sich als Ganzes fühlt. Sie bedeutet, daß dort ein Jude bei sich zu Hause sei, daß er dort historisch autochthon sei und daß er wenigstens dort nicht als lästiger Ausländer betrachtet werde, wenn er nicht sonst etwas verschuldet hat. Eine Heimstätte bedeutet kein Altersheim, sie bedeutet eine Werkstätte des Schaffens, des Aufbaus. Eine Heimstätte darf _ nicht erstarren, sie muß vielmehr wachsen, sonst ist sie ein Gefängnis. Sie ist ein kontinuierlich flie- I! e ti d e r Prozeß. Ihre Begünstigtheit bedeutet, daß sie in die Lage gesetzt wird, sich entwickeln zu können. Man darf ihr nicht mit der linken Hand wegnehmeii, was man ihr mit der rechten gibt. Ein Nationalheim ist die Verneinung der Nivellierung, wie letztere in der Diaspora gemacht wird. Ein Nationalheim muß in seiner Einheit, in seiner Systematik als freies, schaffendes, lebendiges, entwicklungsfähiges Gebilde, als Zentrum jüdisch-nationaler Wiedergeburt empfunden und d e in g e 111 a ß von der Mandatsregierung und der Landesverwaltung behandelt werden. Für derartige Gebilde ist eine gewisse Elastizität ihrer Form von äußerster Wichtigkeit. Die Heimstätte soll so groß werden, wie sie durch ehrliche Arbeit gemacht werden kann. Der humane, friedliche Charakter wird durch die Benennung ״Heimstätte“ hervorgehoben, aber sie bezweckt nicht eine Anpassung an ein existierendes Milieu, um das Anderssein auf das Minimum zu reduzieren, wie in der Diaspora. Welche Bedeutung hätte sonst die ״historische Verknüpftheit des jüdischen Volkes mit Palästina“, die als Basis im Mandat erwähnt wird? Das ist doch kein Toleriert werden, das schon früher unter dem Regime der Sultane bestanden hat! Gerade das Anderssein ist hier Zweck und Sinn. Das ist die Anerkennung eines heiligen Rechtes — nicht einer Prärogative! Völkerrechte sind keine Prärogativen. Daran darf nicht gedreht und gedeutet werden. Wir sind gegen jede Rangdifferenz, Privilegien und Ungleichheit zwischen Bewohnern eines Landes. Das Nationalheim ist kein Vorrecht für palästinensische Juden, es ist das anerkannte Recht des Jüdischen Volkes auf einen historischen Kristaiiisationspunkt mit großen Pflichten und großer Verantwortlichkeit — selbstverständlich ״ohne irgendeine Präjudiz gegen die nichtjüdischen Gemeinden“, wie es im Mandat heißt. Groll und Eifersucht haben ein Phantom geschaffen: eine Fabel, daß die Araber früher sehr reich waren, nur sind sie infolge des Jüdischen Nationalheims, verarmt worden. Dieses Absurdum muß aus dem Kreise der Gedanken verbannt werden. Der Wohlstand und der kulturelle Fortschritt der arabischen Bevölkerung wächst in dem Maße, wie der Kreis unserer Kolonisation sich ausdehnt. Die ganze Bevöikerung profitiert automatisch von unserer Arbeit. Wir haben niemandem auch nur einen Zoll Boden weggenommen; wir haben gekauft und horrende Preise gezahlt. Wie hat Palästina früher ausgesehen und wie sieht es jetzt aus! Wir haben Ins Land gebracht Kapital, Arbeit, wirtschaftliche Initiative, heißes Streben zum Fortschritt, kooperativen Geist, bessere Arbeitsbedingungen, Erweiterung des Wirtschaftskreises, Wissenschaft und Kunst; Hygiene und medizinische Hilfe — die jedem Mensehen geleistet wird — den ganzen Bildungsstoff des modernen Menschen! An diesem Aufschwünge des Landes soll jeder teilnehmen. Diese Idee schlingt über alle Schranken nationaler Abgrenzung hinweg ein Band der Gleichheit und Brüderlich- Weizmann führt u. a. aus: Bevor ich in meinem Berichte —der zugleich ein Abschiedsbericht ist — mich eingehender mit der gegenwärtigen Lage beschäftige, möchte ich mit Ihrer Erlaubnis in einer Art historischen Rückblicks mich der Vergangenheit zuwenden. Ich möchte Sie zunächst bitten, daß Sie sich in Gedanken zurückversetzen in die Zeit zwischen 1916 und 1921, als das, was seither die Mandatspolitik wurde, sich noch im Stadium der Formgebung befand, und zunächst überlegen, welches denn eigentlich die Motive waren, die britische Staatsmänner dazu führten (in Fühlungnahme mit den Staatsmännern der Alliierten und der ihnen angeschlossenen Mächte), im Jahre 1916/17 die Balföur-Deklaration zu formulieren und später ein Mandat für Palästina, das sich auf diese Deklaration gründete, zu übernehmen. Ich glaube, daß das Hauptmotiv, das der Balfour-Deklaration zugrunde liegt, das gleiche ist, das zu den früheren Sympathie-Kundgebungen für die Juden geführt hat; es ist ein Gefühlsmotiv, das seine Wurzeln in einer tiefen Verbindung mit der Bibel hat. Dieses Gefühlsmotiv wurde während des Krieges und noch mehr unmittelbar nach dem Kriege noch verstärkt durch den Einflufl, den die Ideen von ״Freiheit“ und ״fair piay", das ist vom ehrlichen Spiel der Kräfte, auf die britische öffentliche Meinung ausüben. Präsident Wilsons 14 Punkte, Ideen wie die: ״der Demokratie einen sicheren Platz in der Welt zu schaffen“, waren zu jener Zeit mehr als bloße Losungen und Schlagworte; sie waren tief verankert in der Ueberzeugung jener Staatsmänner. So kam es, daß sich die Aufmerksamkeit ethnischen Gruppen und kleinen Völkern zuwandte, die von größeren und mächtigeren Nationen bedrückt waren —- und eine dieser Gruppen waren die Juden, die unter verzweifelt abnormalen Bedingungen lebten und litten. Wenn eine ideale Welt geschaffen werden sollte, dann war auch um das peinliehe jüdische Problem nicht herumzukommen, man mußte uns Juden eine Gelegenheit bieten, ein normales und eigengeartetes Leben zu begründen. Eine dritte Motivenreihe trägt ausgesprochenen Nützlichkeitscharakter: Dazu gehört der in den Jahren 1916—1917 sicherlich vorherrschende Wunsch, die Sympathien der Weltjudenheit und besonders der amerikanischen Judenheit zu gewinnen, und in dieselbe Kategorie gehört die dauernde strategische Bedeutung, die man Palästina zuwies als einem wichtigen Glied in der Kette des britischen Reiches. In diesem Gedankengange erschien es für Großbritannien notwendig, irgendwo in den an den Suez-Kanal angrenzenden Gebieten eine Basis zu besitzen, auf die es sich stützen konnte, um die Verkehrswege des Reiches freizuhalten. Ich möchte nicht entscheiden, welches der drei Motive das ausschlaggebende gewesen ist, aber ich glaube doch, daß das Nützlichkeitsmotiv erst in letzter Reihe kam. Jedenfalls war es JUEDISCHE RUNDSCHAU keit um alles, was Mensch heißt. Das ist das Leitmotiv, der Ethos des Jüdischen Nätionalheims, und deswegen muß es groß und stark werden. Nicht los vom Orient, sondern mit dem ganzen Orient wollen wir vorwärtsschrei* t e n. Die Einheit unseres Volkes soll zur Einheit aus Völkern führen. Das engere Vaterland soll führen zum grenzenlosen Vaterland; zur Menschheit. Das ist der höhere Zweck des Jüdischen Nationalheims. Wir sind uns unserer Aufgabe bewußt. Unverrückten Blickes werden wir auf dieses Ziel losgehen. Zu diesem Ziele kann nur Arbeit und kulturelle Tätigkeit führen. Trotz der furchtbaren wirtschaftlichen Weltkrise und großer Not unserer Fonds, schreitet die Ent- Wicklung vorwärts. Im Zentrum nationalen Schaffens steht der jüdische Arbeiter-Chaiuz. Nur der Geist der Denker, vereint mit der Kraft des arbeitenden Erez-Israel, wird uns weiter bringen. Wir müssen den Chaluz wieder in Bewegung setzen. Die Keren Hajcssod-Arbeit ist durch die Weltkrise schwer geworden. Wir müssen die Anstrengungen verhundertfachen. Wir benötigen Eisbrecher. Wir brauchen nach außen absolute Sicherheit. Die Ereignisse, die vorgekommen sind, dürfen nie mehr wiederkommen. Wir brauchen die Verwirklichung des Nationalheims, nicht nur durch platonische Erklärungen und vage idealistische Versicherungen, die wir auch sehr hoch einschätzen. Aber wir brauchen die Begünstigung durch die Tat. Für unsere Arbeit brauchen wir Boden. Dies hängt wesentlich mit dem Jüdischen Nationalfonds zusammen. Diesem ältesten fundamentalen Institut biblischer Tradition und sozialer Gerechtigkeit müssen wir viel größere Arbeit widmen. Das Problem des Mittelstandes wird Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Wer nicht in Sonderinteressen aufgeht, sondern den volkswirtschaftlichen Zusammenhang im Auge behält, wird sicherlich nicht verkennen, daß ein gesunder Mittelstand für das Gedeihen unserer Volkskraft nötig ist. Für die Erreichung all dieser Zwecke haben wir Zuversicht in unsere Organisation, die aufrechterhalten und vergrößert werden muß. Wir dürfen jetzt weniger als je unsere Stoßkraft in Famitienstreitigkeiten aufreiben. Achtung vor jeder ehrlichen Ueberzeugung, vorurteilslose Wertung der den verschiedenen Richtungen innewohnenden Kräfte, aufrichtiges Bestreben, diese Kräfte zum Heile unserer Gesamtheit zusammenzutassen. Wehleidigkeit ist in nationalen Kämpfen nicht am Platze, am allerwenigsten ziemt sie sich für die Pfadfinder der Zukunft. Wo ein kräftiges, nationales Leben pulsiert, sind rauhe Berührungen nicht zu vermeiden, und wir haben ebenso wenig Verständnis für die Bestürzung, als wir die mimosenhafte Etnpfindlichkcit gerechtfertigt finden können, mit der die Vertrauensseligen, welche diese große Sache anfangs leicht genommen hatten, bei den Enttäuschungen vor dem Strom aes Kampfes zurückschrecken. A la guerre comme 4 la guerre — sollte es auch bei uns heißen. Unser Kampf wird zum Siege der Gerechtigkeit führen. Man möge dies Optimismus nennen: in diesem Optimismus liegt das Geheimnis der Unvergänglichkeit unseres Volkes. Verzweiflung und Zionismus sind ganz entgegengesetzte Kontraste. Vorwärts, nicht rückwärts, heißt unsere Losung. Ich habe die große Ehre, den XVII. Zionistenkongreß zu eröffnen. Sokolow begrüßt sodann die Vertreter der Schweizer Bundesregjerung und des Kantons Basel-Stadt, den englischen Qisandten Sir Howard Kennard, die Vertreter des Völkerbunds- Sekretariates und des Internationalen Arbeitsamtes, ferner die Repräsentanten der Schweizer jüdischen Verbände. Die Genannten ihrerseits sprechen dem Kongreß ihre herzlichen Wünsche für ein glückliches Gdingen aus. Nach Abschluß dieser Begrüßungen hält R u pp i n sein Referat, sodann Wird die Sitzung geschlossen. Mittwoch Vormittag erfolgt zuerst die Wahl des Kongreßpräsidiums. Zum Präsidenten wird Leo Motzkin unter großem Beifall gewählt. Sodann erstattet Gronemann den Bericht des Kongreßgerichtes über die Wahlen und die Zusammensetzung des Kongresses. Der nächste Punkt der Tagesordnung ist der Bericht Dr. Weizmanns. so im Jahre 1917. Dafür gibt es einen Erfahrungsbeweis•, als die Frage der Wahl einer Mandatsmacht für Palästina zur Diskussion stand, zog die britische Regierung ernsthaft in Erwägung, daß das Mandat in Form eines Condomlniums ge* schaffen würde, da sie nicht allein eine so ernsthafte neue Verantwortung auf sich nehmen wollte. Redner behandelt dann die Interpretation der Balfour-Deklaration, die damals von britischen Staatsmännern bei verschiedenen Anlassen gegeben wurde. Von den Juden wurde die Dekiaration ais ein epochales Ereignis in der jüdischen Geschichte, als Beginn der Erfüllung unserer alten nationalen Hoffnung verstanden. Es gibt natürlich viele, die in der Balfour-Deklaration mehr sahen, als eine Erklärung tatsächlich enthalten könnte — die die dargebotene Gelegenheit mit ihrer Erfüllung verwechselten und offenbar vergaßen, daß sie, wenn sie auch einen Freiheits- Charter darstellt, doch zugleich einen Appell und eine Forderung an die Juden bedeutet. Sie haben übersehen, daß das Mandat ein in hohem Maße elastisches Dokument ist, das lebendiges Wesen und Bedeutung nur erhalten kann durch den Inhalt, den wir ihm geben, durch unsere Energien, unsere Arbeit und Leistung . Es hat zweifellos viele gegeben, die sich fragen, ob die Deklaration und das Mandat nicht den Anfang bedeuteten jener lang erwarteten Lösung des ״jüdischen Problems“, des Problems, einen Ausweg und eine Erlösung zu finden für die Millionen der Unterdrückten unseres Volkes in den osteuropäischen Ländern, deren Gefangenendasein unerträglich genug schon in Herzls Zeiten war und von Tag zu Tag noch verzweifelter wurde. Wenn man nur etwas ernster nachdachte, konnte man nicht annehm«!, daß sofort eine gewaltige Massen-1 mmigration von Juden aus aller Welt einsetzen würde, die eine Zufluchtsstätte in Palästina suchen würden — dem schmalen Lande, das sich einschmiegt zwischen Dan und Berseba. Und wenn es in Jenen ersten Zeiten solche gegeben hat, die das wirklich erwarteten, dann kann gesagt werden, daß es an Warnungen von zionistischer Seite davor nicht gefehlt hat, was die Folgen so maßlos übertriebener Erwartungen sein würden. Wir wußten überdies schon in jenen ersten Zeiten, daß wir nicht die alleinigen Bewohner Palästinas sein würden; weder wir noch die britische Regierung hatten die Araber vergessen, und es gehörte nicht zu unserer Auffassung von der Errichtung des Jüdischen Nationalen Heims, daß es den anderen Bewohnern von Palästina irgendwie Schaden bringen sollte. Statt vieler Zeugnisse kann ich mich hier am besten darauf beziehen, was Achat! Ha am in seiner Vorrede zur Ausgabe seiner Essays im Jahre 1920 geschrieben hat. Nr. 51, 3. VH. 1631 .-.■־׳ ״׳•..־.—״ד.....—.־״“־־■׳—■■־—״״.——*■־ Aber wenn wir auch verstanden, daß die Zeit für eine Erlösung der großen Massen des jüdischen Volkes noch nicht da war, sahen wir doch in der Deklaration und dem Mandat die Verheißung von etwas, was an Umfang und Inhalt grundverschieden von dem ist, was manche unserer Opponenten ein ״geistiges Heim“ nannten . Wir erwarteten — una waren auch berechtigt zu erwarten — nicht daß jeder Jude nun sofort in der Lage sein werde, seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort zu verlassen und sich in Palästina niederzulassen, aber wenigstens, daß jeder Jude fühlen und wissen sollte, daß die unter uns, deren großer Wunsch es war hinzugehen und die etnpfanden, daß sie nur in Palästina ihre innere Befreiung und Befriedigung in der Errichtung eines nationalen Lebens in ihrer eigenen Art finden könnten, begründete Aussicht hatten, dies in einer absehbaren Zeit tun zu können. Und wir erwarteten ferner, daß die Grundlage, die wir so werden legen können, breit und stark genug sein würde, um den Oberbau einer sittlichen, intellektuellen und sozialen Kultur zu tragen, unserer ureigenen Kultur, die sich entwickeln würde ohne Widerstand und Druck, ohne Duldung oder Verhinderung — gemäß unserem Wesen und Willen. Im Jahre 1922 traten wir dann in jene Periode ein, die man als die der Ausführung der Balfour-Deklaration und des Mandates bezeichnen kann. Für beide Seiten, für uns wie für England, war das Problem eines, für das es keinen Präzedenzfall gab. Für eine britische Administration muß die Sache zunächst beinahe unverständlich gewesen sein — ganz und gar außerhalb und entgegen aller üblichen Praxis. Die Englinder sind von Natur aus Empiriker. Sie zeichnen sich aus durch das schnelle Erfassen und Einschätzen der gegebenen Tatsache einer Situation und verstehen es, sich selbst und ihre Maßnahmen den Gesetzen anzupassen, von denen diese Situation beherrscht wird. Hier aber handelt es sich um das Problem, die Gegebenheiten einer Situation einer Idee anzupassen, und das trotz vorherrschender Gegnerschaft und um eines Ideals willen, das, so groß und erstrebenswert es auch war, dennoch sich erst ganz erfülle!/ konnte in einer nicht leicht absehbaren Zukunft. Es konnte darum leicht geschehen, daß diese vermeintlich praktisch und nüchtern denkenden Männer nicht zum Verständnis dessen gelangten, mit was für einer Kraft sie es zu tun hatten und daß eine solche Kraft mindestens ebenso real ist, wie manche der materiellen Mittel, die normale Völker in Bewegung setzen, um ihre politischen Ansprüche durchzusetzen. Der Balfour-Deklaration entgegenwirkende Faktoren. Die Periode der Ausführung des Mandats war notwendigerweise auch eine Periode der Anpassungen und Ausgleichungen, sowohl auf jüdischer, wie auf britischer Seite. Auf britischer Seite wurde es bald deutlich, daß gerade diejenigen Faktoren, die zur Balfour-Erklärung geführt haben, unter gewissen Umständen geeignet waren, sich gegen die Ausführung der darauf beruhenden Politik geltend zu machen. Der charakteristischen britischen Vorliebe für sögenanntes ״fair play“ und einer instinktiven Zuwendung der Sympathie für die schwächere Seite ist es zuzuschreiben, daß sich in gewissen Kreisen ein Gefühl geltend machte, daß d i e Araber in Palästina Schutz brauchten gegen die angeblich reicheren, besser organisierten Juden. Unter der Einwirkung jenes so sehr verbreiteten Glaubens, daß alle Juden reich und mächtig sind, gelangten diese Leute nicht dazu zu bemerken, daß die überwiegende Masse des jüdisehen Volkes mit Ausnahme kleiner Gruppen in Westeuropa und. der Judenheit Amerikas wirtschaftlich sich in einem Zustand befindet, der an allerletzte Armut grenzt. e Auf. politischem Gebiete kam dazu, daß der britische Wunsch nach einem stabilen Regierungssystem jn den Gebieten nahe dem Suez-Kanal in manchen Kreisen den Gedanken eines unabhängigen, pro-britischen, moslem-arabischen Reiches im Mittleren Osten wachrief, aus dem sich eine gewisse Opposition gegen das Jüdische Nationalheim entwickelte, von dem nur die Fähigsten und Weitsichtigsten unter den Arabern und Pro-Arabern (wie z. B. Col. Lawrence) erkannten, daß es eine Hilfe und nicht ein Hindernis für die nationale arabische Entwicklung bedeuten würde. In den Jahren, die 1922 unmittelbar folgten, trat noch etwas anderes hinzu. Es machte sich in gewissen Kreisen eine gewisse Müdigkeit und Abneigung gegen die allzu vielen Verantwortlichkeiten geltend, die das Reich zu tragen hätte, und in deren Gefolge eine Tendenz zu einer Politik der Dezentralisation, die dazu führen sollte, daß man es den Kron-Kolonien überlassen würde, soweit als möglich ihre Geschäfte allein zu führen, um dadurch die Verpflichtungen der Zentralregierung in vielen Hinsichten zu reduzieren. Auf jüdischer Seite war die große Antwort, die das jüdische Volk auf die durch die Balfour-Deklaration und das Mandat gebotene Gelegenheit geben sollte, in einem verhängnisvollen Maße eingeschränkt oder aufgehalten durch den völligen Zusammenbruch, den während und infolge des Krieges die Judenheit Osteuropas und besonders Rußlands zu erleiden hatte. Innerhalb der zionistischen Bewegung zeigten sich damals drei Gedankengänge oder programmatische Einstellungen. Da waren zunächst die, die ängstlich bestrebt, sich den Wirklichkeiten anzupassen, zum Entschlüsse kamen, daß der Zionismus von nun ab den politischen Kampf überhaupt aufzugeben habe und sich ausschließlich auf wirtschaftliche Probleme konzentrieren solle, auf einen Aufbauplan auf ״strikter Business-Grundlage“ und in der Hauptsache gestützt auf private Initiative. Auf dem entgegengesetzten Pol befanden sich diejenigen — man findet sie in allen großen Bewegungen—, für die W i r kflchkeiten einfach nicht zu bestehen schienen. Die Wirklichkeit, von der allein man ausging, war der Gedanke des Judenstaates. Sie nennen es ,)Herzls Politik des Judenstaates“ — mit wieviel Berechtigung, werde ich etwas später ausführen. In ihrem Eifer, diesen Judenstaat zu erreichen, haben sie übersehen, daß politisches Gewicht in einem bestimmten Verhältnis zu tatsächlich erreichten Positionen steht —י die aber lassen sich nicht durch Proklamationen schaffen. Zwischen diesen beiden Extremen habe ich es versucht, in diesen zehn Jahren einen mittleren Kurs zu steuern, wobei ich weder die wirtschaftlichen Realitäten, noch die politischen Möglichkeiten aus dem Auge verlor. Ich muß es der Geschichte überlassen zu entscheiden, welches Maß von Erfolg diesen Bemühungen beschieden war. Ich habe Herzl's Politik Erwähnung getan. Ich bin oft beschuldigt worden — selbstverständlich von denen, die für sich selbst in Anspruch nahmen, seiner Politik zu folgen — daß Ich die Ideale des Gründers des politischen Zionismus aufgegeben habe. Das erste, was dem Leser Herzls auffällt, ist, daß die Konzeption des jüdischen Staates nur in dem Buch ״Der Judenstaat“ selbst anzutreffen ist. Nun ist es, wie man weiß, durchaus nicht klar, daß Herz! in seinem .,Judenstaat“ an Palästina als das Land dachte, in dem sein Plan voraussichtlich zur Ausführung gebracht werdet! würde. Auf dem ersten Zionistenkongreß im Jahre 1897, als Herzl sich definitiv mit der zionistischen Be- Beridif Dr. Weizmanns Uber die poliflsdie lade 0

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