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Jüdische Rundschau · 1931-06-26 · Heft 49-50 (26.6.1931) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 49-50 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 306 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 49/50, 26. VI. 1931 Echte und unechte Propaganda Von Dr. Raphael Straus, München. Vorbemerkung: Der nachstehende Beitrag ist seinerzeit aus besonderer Veranlassung entstanden. Er soll hier zum Abdruck gelangen, da er speziell die deutschen Verhältnisse behandelt. Die nachstehenden Betrachtungen gehen allein von den Verhältnissen der deutschen Juden aus, die dem Verfasser am besten bekannt sind. In Ländere mit kompakten jüdischen Siedlungen wie Polen oder mit ganz dünnen wie Italien liegen die Verhältnisse anders. Eine Ciesamtbetrachtung wäre im Rahmen eines kurzen Beitrages kaum möglich. Es ist außerordentlich leicht, diese Differenzierungen mit parteimäßigen Schlagworten vereinfachend beiseite zu schieben. Innerhalb eines gewissen geistigen Mittelstands gibt es Zugehörige einer jeden von solchen Vereinfachungen. Mit annähernd gleichem Grade von Richtigkeit und Schiefheit wird von den einen bewiesen, daß die Juden nur eine Religion, von den anderen, daß sie nur eine Nation darstellten. Diese Verkümmerungen werden täglich hundertfältig geschrieben, geredet und gepredigt, so daß sie bereits eine suggerierte Gläubigkeit und eine gespensternde Halbwirklichkeit gewonnen haben. Es ist keineswegs immer gesagt, daß mit jenen antithetisehen Formeln ernstliche Auffassungsverschiedenheiten gemeint sind. Man weiß, daß nur die ״Extremisten“ in allen Lagern das Prinzip über das Erlebnis, die Theorie über die Wirklichkeit, die Verkümmerung, die sie verstehen, über die Fülle, die ihnen unheimlich ist, stellen. Es gibt in allen jüdischen Nöten gar nichts Tröstlicheres als die Tatsache, daß mit Ausnahme dieser Flügelmänner eine glimmende jüdische Religiosität in den Herzen der ״Nationalisten“, ein glimmendes Stammesbewußtsein in den Geistern der ״Assimilanten“ erhalten geblieben ist Im einzelnen betrachtet ist dieses versteckte Glimmern gewiß kein Zeugnis von Kraftgefühl, das imponieren könnte. Aber es ist imposant genug, wenn man bedenkt, welche Windstöße das Feup ganz zu verlöschen drohten und immer wieder drohen. Inmitten aller charakteristischen Schwächen der deutschen Judenheit ist ein Fundus geblieben, der bis heute unversehrt ist. Gegenüber diesem echten Rest altjüdischen Erlebnisses sind alle parteibewußten Trompetenstöße eine Pose, die als solche nicht immer erkannt, aber vielfach gefühlt wird. Warum konnte es aber trotz dieser im Lebensgefühl begründeten Unzwdfelhaftigkdt zu jener lebensfremden, kunstreichen Zerlegung des jüdisaien Bewußtseins in seine Elemente kommen? Nicht infolge revolutionärer Gewaltübung durch den Zionisraus, wie viele in tadelndem oder lobendem Sinne meinen, sondern infolge der Notlage des nationalen und des religiösen Erlebnisses unter den Juden. Mit der geschichtlichen Entwick- Jung im 19. Jahrhundert haben beide solche Einbußen erlitten, daß sie den gar zu knapp gewordenen Nahrungsraum einander streitig zu machen begannen. Mit Heißhunger stürzten sich bdde auf dne ahnungslose Jugend. Die propagandistischen Mittel gingen an Innerem Wert über den braver Versammlungsreden selten hinaus; die vielfach beachtliche Redekunst, die dabei zutage trat, kann, da sie nur die Form betrifft, hier unbeachtet bleiben. Der Ablauf der Ereignisse im engen Kreis der deutschen Judenheit brachte keine Ueberraschungen: ein Teil der Jugend wandte sich dem Zionismus zu, aber die größere Oeffentilchkeit der Hausväter lehnte die Einseitigkeit und Neuartigkdt nationalistischer Auffassung ab. Eine entschridende Wendung trat erst tin, als nicht die Propaganda unter der Jugend, sondern sie selbst ein Problem wurde, also nach dem Kriege. In Wirklichkrit aber war nicht die Jugend an rieh dn Problem geworden, nur für das Alter war sie ein Problem geworden, weil sie ihm nach der unermeßliehen Blamage des Krieges entglitten war. Nur so erklärt es sich, daß überhaupt die Frage nach einer besonderen Jugendpropaganda gestellt werden kann. Die ganze Frage ist ein Mißverständnis. Für ernste Aufgaben interessiert man immer nur einen — solchen Dingen zugewandten — Teil der Menschheit, aber es ist dann kein nennenswerter Unterschied, ob alt oder jung, Mann oder Frau. Um vieles größer als der Unterschied in Lebensalter oder Geschlecht ist der des individuellen Verständnisses. Von diesem schweigt man, weil »sich dabei kdne systematischen Gesichtspunkte aufstellen lassen; von jenen redet man, weil es außerordentlich lricht ist, ״aus Worten ein System zu bereiten“. ln Wirklichkdt interessiert man die Jungen und die Alten ganz in der gleichen Art. In welchem Maße dies der Fall ist, hat gerade die zionistische Entwicklung der Nachkriegsjahre deutlich gemacht. Früher war eine leichte Differenzierung immerhln insofern da, als die Jugend — mindestens die akademische — sich besonders theoretischen Klärungen zuwandte und gern debattierte, das Alter hingegen seinen Blick stärker auf die Leistung lenkte. Heute ist nicht einmal dies mehr der Fall. Gerade die Jugend verlangt die Chaluziuth und die Bewährung und wendet sich, erschreckt und zugleich erhoben durch die Wucht der Tatsachen der letzten 20 Jahre, vom anscheinend vergeblichen Theoretisieren ab. So wenig ist der vermeintliche Unterschied zwischen Jugend und Alter im Leben des Geistes und des Willens festzulegen. Darum ist die Frage nach der .Jugendpropaganda“ nichts anderes als die Frage nach der Propaganda überhaupt. Wie Alter und Jugend in gleicher Weise an die blühende, erblühte und welkende Lebenskraft geknüpft sind, so sind jüdisdier Nationalismus, jüdische Religiosität und jüdische Assimilierung (nicht politische ״Assimilierung“) an die jüdische Lebenskraft gebunden. Es war und ist bei anderen Völkern selbstverständlich, daß die nationale Bewegung an die nationale Kultur anknüpft. Wo das, wie neuerdings bei den National- Sozialisten, nicht der Fall ist, die Anknüpfung vielmehr statt an die gesch ichtliche Nationalkultur an bloß erdachte an knüpft, sind schwere Mängel unvermeidlich. Das ist der tiefe Sinti jener ״Deutschtümelei“ der deutschen Burschenschaften vor 100 Jahren, es ist zugleich der Sinn jenes Ressentiments gegen die jüdische ״Internationale“, die man mit Unrecht als den Urlieber, aber oft mit Recht als den Repräsentanten einer mangelnden Wurzeltiefe betrachtet. Daß man dabei die gleichfalls unter Umständen unendlich wichtige Beziehung zur kosmopolitischen Weite zu niedrig einschätzt, ist für diese Betrachtung unerheblich. Die unerläßliche fundamentale Forderung nach einer ״Judentümelei“ tritt in der Propaganda aller Parteien und Organisationen völlig in den Hintergrund gegenüber einer Propaganda für die nächsten Ziele der Partei. So ist es in der Praxis; nur in der Theorie ist diese Forderung, auch wieder bei allen Riehtungen, anerkannt. Man darf nicht darüber klagen; denn der politische Alltag bringt seine Sorgen und verbraucht die Kräfte. Aber das Bewußtsein dieses bedauerlichen Sachverhalts sollte nicht verloren gehen. Leider liegt diese Gefahr sehr nahe. In schroffem Gegensatz zu der grundsätzlichen Anerkennung jener Forderung stellen alle Organisationen ihre Propaganda mehr oder minder nur auf die Erreichung der nächsten Parteiziele ein, auf zahlenmäßigen Zuwachs eingeschriebener Mitglieder, auf Wahlsiege, auf organisatorische Arbeit jeder Art Im zionistischen Kreise findet diese Praxis ihre theoretische Formulierung in der Forderung nach ״Politisierung“. Der stille Ehrgeiz eines in dieser Art und für dieses Ziel gewonnenen jungen Mannes ist eine vorzeitige Neigung, an der Berichtigung der irrtümer anderer, die zu einer anderen Fahne schwören, mitzuwirken. Häufig stellt sich später die Enttiusdiung dn. Mit dieser Taktik dient man vielleicht der Orjanfsation , die heute und morgen bestimmte Tätigkeiten »raucht Man dient damit aber nur unzureichend einer B e w e jung, deren Quellen, wenn sie nicht schnell versiegen sollen, n der Tiefe liegen müssen, und man dient damit ebensowenig der Lösung der reichlich komplizierten jüdischen Probleme, die Operationen auf lange Sicht und nicht solche auf kurze Frist verlangen. Man könnte diese Einrichtung auf kurzfristige Operationen als eine Aeußerung eines großen Optimismus auf fassen, wenn man nicht wüßte, daß die Erkenntnis der Langfristigkeit aller Mittel zur Erleichterung der Judenfrage Gemeingut wäre. In Wirklichkeit spricht aus dieser Fernhaltung von einer wirklich volkserzieherischen Propaganda ein recht betrüblicher Pessi - mismus: man glaubt nicht recht daran, daß eine Mobilisierung der altjüdischen Reserven dem eigenen Programm zugute kommen muß. Auf zionistischer Seite hat der energische Widerspruch, den die antinationalistische Auffassung vom Judentum ehemals gefunden hat, zu einer hypertropischen Entwicklung der politischen Interessen geführt. Die Einführung ernster politischer Gesichtspunkte in die jüdischen Verhältnisse war vor 30 Jahren gegenüber dem damaligen Uebergewicht einer würdelosen Resignation eine ingeniöse Leistung. Heute ist das ganz anders. Heute haben zahlreiche Versuche längst gezeigt, daß eine politische Entwicklung im Sinne gesunder Kraftentfaltung unter den deutsehen Juden nur in beschränktem Umfang möglich ist. Das liegt zum guten Teil gerade in jenem Mangel an jüdischer Wurzeltiefe begründet. Dieses jüdisch politische Leben trägt in seinen Uebersteigerangen Züge echter Donquichoterie, mit Einschluß ihres sympathischen Idealismus. Sie besteht darin, daß man die Augen davor schließt, daß die Voraussetzung politischer Tätigkeit, ein einheitliches Ziel, nicht mehr wie früher vorhanden ist. Solange nicht wieder die unerläßliche gemeinjüdische Zielsetzung gefunden ist, bleiben die Grenzen vernünftiger jüdischer Politik eng gesteckt. Das erste Erfordernis einer Erweiterung politischer Aufgaben, jene gemein jüdische Zielsetzung, ist nicht durch ״Propaganda“ zu erreichen, die die Werkzeuge der Politik schafft, sondern allein durch die Belehrung, die die A u f g a b e n der Politik zeigt. Es bleibt völlig unfruchtbar, wenn, wie neuer- ,dings geschehen, in der zionistischen Presse zur Erleichterung der deutsch-jüdischen Wirtschaftsnot auf — Palästina hingewiesen wird, oder wenn, wie früher geschehen, die zionistische Presse mit besonderer Aufmerksamkeit die Untern ehtnungen Englands im — Irak behandelt. Solche Dinge können In fernerer Zukunft, wenn alle zionistischen Blütenträume reifen, einmal von Bedeutung werden. Ihnen heute schon diese Bedeutung einräumen, ist nichts anderes, als die Interessen von den wirklichen Aufgaben in täuschendem Spiele abziehen. Es Ist ganz undenkbar, daß eine jüdische Oeffentlfchkeit, besonders aber eine jüdis־׳he Fugend, der solche Oaukeieien vorgesetzt werden, sich willig der größeren Mühe einer tiefer gelegten Fundierung unterzieht, die doch für jedes jüdische Parteiprogramm die lebenspendende Quelle bleibt. Ein so geistreicher Zionistnus, wie ihn Klatzkin propagiert, ist von diesen Quellen so weit entfernt, daß er nicht lebensfähig ist Dies gilt aber von fast allen Bekundungen ״politischer“ Auffassungen im deutschjüdischen Lebenskreis. Selbst die neuerdings zahlreichen Bemühungen um ein Verständnis der gesamtjüdischen Position von den Ultras der einen bis zu denen der anderen Seite sind erst unter dem aktuellen Druck der 107 Nationalsozialisten im Pariament entstanden und tragen mit dem Reiz der Aktualität zugleich die Mängel starker Oberflächlichkeit. Nun hat man, da man die Mängel fühlt, die bestechende Theorie aufgestellt, daß eine stärkere ״Wesenhaftigkeit“ des Judentums ebensogut wie durch die Verwurzelung in der Vergangenheit auch in der Verwurzelung in Gegenwart und Zukunft gesucht werden könne. Nach der Auffassung maßgeblicher Zionisten besteht die Bedeutung des Zionismus gerade darin, daß er in revolutionärer Weise das jüdische Erlebnis aus einer enttäuschenden Vergangenheit und Gegenwart in eine hellere Zukunft verlege. Ganz ähnlich legt der ״Central-Verein" als zahlenmäßig größerer Verband von deutschen Juden den Wurzelboden in die Gegenwart oder doch die nahe Zukunft, von der er die entscheidende Abminderung des Antisemitismus und in deren Folge das Eintreten der erstrebten Ruhelage erwartet. Das politische Handeln wird immer in hohem Grade durch Wunsch und Erwartung bestimmt, aber sein Objekt bleibt an die geschichtlichen Gegebenheiten, d. h. an die Vergangenheit, geknüpft. Wie gelangt man zu jenem tiefer begründeten Judentum, ohne das alle organisatorische und propagandistische Tätigkeit dauerhafter Wirkung entbehren muß? Man gelangt dazu durch Volkslehrer wie Fichte, Dichter wie Arndt, Volksmänner wie Jahn, ja sogar durch ablehnend reservierte Halbgötter wie Goethe und schließlich — vielleicht hauptsächlich — durch die Abwehr gegen einen Napoleon und einen Metternich. Man muß, uni die Sachlage gegenständlich zu bezeichnen, auf diese außerjüdischen Verhältnisse zurückgreifen. Sind sie auch nicht gleichartig, so sind sie doch verwandt genug — erstaunlich verwandt! —, um als Analogie dienen zu können. Erfreulicherweise war das gemeinjüdische Empfinden seit langem nicht mehr so stark wie heute. Aber zugleich ist doch auch die allgemeine Loslösung von jüdischen Interessen -י sicherlich aber von den Mitteln, sie zu wahren — so weit fortgeschritten, daß sich die Wiederanknüpfung allein aus dem Willen des Individuums meist nicht mehr ohne weiteres erreichen läßt. Sie setzt vielmehr eine maßgebliche Mitwirkung derjenigen voraus, auf deren Wort als politischer oder geistiger Führer die Oeffentlichkeit auframerken bereit ist. In dieser Richtung liegt die Aufgabe derjenigen Organisationen, die ihre engeren Interessen mit denen des Judentums nicht verwechseln und die eine ״Propaganda“ nicht für heute, sondern für morgen, d• h. eine wirklich politische Propaganda, machen wollen. Es gibt für diese Neugewinnung von WuTzalechtheit kein stets wirksames Rezept. Für viele — aber nicht für alle — ist die sprachliche Kultur von so entscheidender Bedeutung, daß sie — wenn auch auf die neuhebräische Umgangssprache beschränkt — als entscheidende Dominante propagiert werden ka3m. Aber schon zeigen sich wünschenswerte Ansätze auch in vielen anderen Richtungen. Wenn man in Bobers ״Reden“ da jüdisches Gegenstück zu Fiehtes Reden an die deutsche Nation sehen will — und das ist gewiß berechtigt —, dann findet man wohl auch nach anderen Richtungen manche erfraulichen Anzeichen der Selbstbesinnung. Es bestehen aber doch berechtigte Zweifel, ob unsere Generation zur Änrticberung dieses verheißungsvollen Keimes in zureichendem Maße ex professe aufgerufen wird. Man fürchtet auch, es könnte zu spät werden, wenn es nicht geschieht So wichtig andere Aufgaben auch sind — wie die Besiedlung Palästinas oder der Kampf gegen den Antisemitismus so sind doch diese Aufgaben, die gemeinhin als die dringlichsten betrachtet werden, Ihrer Natur nach langfristig. Die Gefahr liegt nicht fern, daß die Wurzelkraft eines Tages abgestorben und damit das Kapital jeder Art jüdisch-poUtischer Arbeit hingeschwunden ist. Diese Befürchtung ist weit verbreitet. Sie offenbart sich in der bekannten jüdischen Resignation. Diejenige Organisation, die zu neuer jüdisch-kultureller Kapitalbildung beiträgt, wird dauerhaften Propagandaerfolg haben. Sie wird nicht allein die Zwanzigjährigen für eine politische Lebendigkeit gewinnen, sondern auch den Vierzigern durch eine überzeitliche Solidarität das Gefühl der Geborgenheit verleihen. Der Prophet Theodor Herzls Von Dr. Adolf Friedemann. Am SO.Tammus (5. Juli) fährt sich der Todestag von Theodor llerzl. Dieser Tag wird von der zionistischen Welt in ehrfurchtsvollem Gedenken an den Begründer des politischen Zionismus gefeiert. Der letzte Kongreß in Zürich vor zwei Jahren wurde eröffnet am 25. Todestag Herzls. Jn diesem Jahre fällt der HerzlrTag gleichfalls mit dem Kongreß zusammen. Es wird ein Anlaß sein, die Gedanken der Delegierten, des Kongresses in Herzls Kongreß-Stadt Basel zu den Anfängen der Bewegung zurückschweifen zu ,'nssen, zu jener Zeit, am der noch heute der zionistische Gedanke Kraft und Erhebung schöpft. Der große erste Führer ist unvergessen, und sein Erbe, die zionistische Bewegung, haben wir alle zu verwalten. Es ist ein langer Weg von Herzh Tod bis zu den heutigen Tagen zurückgelegt worden. Für die Lösung unserer aktuellen Probleme können wir in den ganz anders gearteten Verhältnissen der Herrischen Zeit wenig Anhaltspunkte finden. Aber die oft anz unwahrscheinlich anmuten.de Geschichte jener Tage leibt für ms ein Quell der nationalen Stärkung und inneren Sicherheit. In der Geschickte der jüdischen Renaissancebewegung ist die nur sieben Jahre dauernde Aera Herzls dm glänzendste und episch hinreißendste Kapitel. Anläßlich des Herzl-Tages wird eine Reminiszenz an Herzls Freund und Förderer, den jüngst verstorbenen Rev. Hechler, die um Herzh Biograph Dr. Adolf Friedemann zur Verfügung stellt, von besonderem Interesse sein. Red. Wie ein Patriarch aus biblischen Zeiten, groß, schlank, mit feurig brennenden Augen und langem, wehendem, grauem Bart, so pflegte William Hechler durch die Straßen Wiens zu wandern, zu dem Büro der Zionistischen Organisation in der Türkenstraße 9, zu Herzls Hause in der Pelikangasse, der ihm als der langersehnte und von ihm im voraus verkündete Messias erschien. Wir waren ein wenig ängstlich bei diesen Begegnungen, — und man traf ihn oft — denn er pflegte dann sofort jeden Bekannten unter den Arm zu nehmen, und mit gewaltigen Schritten dahinstürmend ihn von der Hartnäckigkeit des jüdischen Volkes zu unterhalten, das seinen Messias nicht anerkennen wollte, von den Prophezeiungen Daniels und Ezechiels, von der Notwendigkeit, das tausendjährige Reich in derselben Eile zu errichten, mit der er durch die Straßen stürmte. Er hatte ein heißes Herz, und alle seine Gedanken konzentrierten sich auf dies eine Ziel. Feme Zeiten schöner abstrakter Begeisterung, als die materielle, zu Boden ziehende Arbeit für die Ausführung der Idee nocti nicht begönnen hatte und die Dinge sich noch nicht hart im Raume stießen! Am ersten Pfingsttage im Jahre 1914 traf ich ihn auf dem Weißen Hirsch bei Dresden. Herzl war lange tot und er selbst in der Bewegung längst nicht mehr sichtbar. Er war alt geworden, seit ich ihn nicht mehr gesehen hatte, seit vier oder fünf Jahren. Sein Bart war jetzt nicht mehr grau, sondern schneeweiß, sein Scheitel dünn und seine Gestalt erschien in dem langen, schwarzen, englischen Priesterrock noch magerer als früher. So stand er, auf einen Pfosten des Gartenzaunes von Lahmanns Sanatorium gestützt, und las, von den verwunderten Besuchern der Anstalt angestaunt, völlig weitverloren in den Psalmen Davids. Sobald er mich erblickte, fuhr er aut mich zu und begann mir zu erzählen, daß er soeben von der Königin Olga von Griechenland komme, hier raste, weil er einen erheblichen Teil des Weges aus Athen infolge von Geldmangel zu Fuß zurückgelegt nabe, denn ihn treibe der Geist, wichtige Aenderungen in der Weltkonstellation stünden bevor. Das habe er aus der Bibel entnommen, und niemand werde ihm natürlich glauben, wie man ihm auch früher _ nie_geg!aubt habe. Aber jetzt kämen schreckliche, f“ " die zionistische'" Bewegung in London seine Pflicht tun, wie er sie früher für Herzl getan habe. Und dann folgten wieder di« Klagen über das hartnäckige jüdische Volk, das nicht schauen wolle, welch׳ Schicksal heranziehe, das seine Pflicht nicht tue, während doch Zeichen und Wunder geschähen, und dem er stets vergeblich predige. Auch andern hat er diese düsteren Prophezeiungen wiederholt, die ja leider wirklich in Erfüllung gegangen sind. Und niemand hat hören wollen. Auch ich mußte lächeln. Und dann saßen wir zusammen in einem kleinen Cafg und er erzählte mir sein Leben. Sein Vater war der Sohn eines Sdiwarzwaldbauem, der frühzeitig als Missionar nach Südafrika gegangen war. Dort wurde er geboren, kam später nach London und wurde im Jahre 1873 auf Empfehlung des Londoner Hofes, zu dem er irgendwelche Beziehungen hatte. Erzleher des Prinzen Ludwig von Baden. Die großherzogliche Familie schätzte ihn und da Ludwigs Mutter Luise eine Tochter Kaiser Wilhelms I. war, wurde er auch bald gut bekannt mit dem heranwachsenden späteren Kaiser Wilhelm II. und dessen Bruder Heinrich. Auch der spätere Großherzog von Hessen war oft in seiner Obhut, wenn die Großherzogi 11 Alice, eine Schwester der Kaiserin Friedrich, in Karlsruhe war. So bahnte sich auch die Beziehung zu der späteren Zarin, einer Schwester des hessischen Großherzogs. Und in diesem ganzen Kreise hat Hechler einen nicht unbeträchtlichen EinfluJJ behalten, der aut seiner wahren Religiosität und großen persönlichen Zuverlässigkeit beruhte. Als Prinz Ludwig starb, gab man Hechler eine Pfarrstelle in England and hier schrieb er sein ersten Buch ״Documents of the Jerusalem bishoprick“, bald darauf ״The restauration of the Jews to Palestine according to the prophets“, in dem er das Erscheinen eines jüdischen Propheten oder des Messias für das Jahr 1896 oder 1897 voraussagte. Diese Art von Weissagungen auf Grund von Bibelstellen, die er nach dem ZaWenwert der hebräischen Buchstaben interpretierte, hatte er schon seit dein Jahre 1866 betrieben, aber nun erschien ihm das Ergebnis so wertvoll, daß er |m Jahre 1882 zum Großherzeg von Baden auf die Mainau fuhr, um ihn ״vorzubereiten“. Der Großherzog lächelte, erwiderte: ״di« Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ und doch hat diese Unterredung auf den späteren politischen Werdegang Herzls vielleicht einen bestimmendem Einfluß ausge&bt. Im Jahre 1885 wurde Hechler Kaplan der englischen Botschaft in Wien, und bald darauf trug ihm die englische Regierung, welche abwechselnd mit dem König von Preußen das evangelische Bistum Jerusalem besetzte, die Stelle des evangelischen Bischofs daselbst an. Aber der sonderliche Mann lehnte ab, weil er sich für öffentliche Tätigkeit nicht geschaffen fühlte, vor allem aber, weil er der Ueberzeugung war, daß im jüdischen Lande nur dn Judenchrist Bischof werden dürfe. Er beschäftigte sich dann mit Sammlungen, die sich auf Palästina bezogen. Seltene Gesteine, Tiere, Tempelmodelte — kurz alles was auf Erez-lsrael Bezug hatte, trag er zusammen und sein größter Ehrgeiz war, während des erwarteten tausendjährigen Reichs Leiter eines jüdischen Museums In Jerusalem zu sein. Und als das Jahr 1896 herankam,

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