Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 49-50 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49/50, 26, VL 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 305 Vom lebenden Hebräisch Hebraisten in Berlin Einberufung eines Weltkongresses beschlossen Am 21. Juni wurde im hebräischen Klub Befh-Am zu Berlin eine Vorkonferenz der Hebraisten eröffnet, an der hebräische Gelehrte, Schriftsteller und Pädagogen aus Deutschland, Polen, Palästina, England, Amerika, Litauen, Lettland, Estland und aus anderen Ländern teilnahmen. Die Vorkonferenz hat den Zweck, einen Weltkongreß der Hebraisten vorzubereiten. Der von Delegierten und Gästen voll besetzte Beth-Am-Saal ist mit hebräischen Emblemen und Sprüchen geschmückt. Die Konferenz wurde mit einer Ansprache von Dr. S. R a w i d o w i t s c 11 eröffnet, der im Namen des vorbereitenden Komitees die Delegierten begrüßte, das Ziel der Konferenz auseinandersetzte und das Wort dem Nestor der hebräischen Literatur, Dr. Simon Bernfeld, erteilte. I)r. Bernfeld richtete einen ergreifenden Appell an alle Hebraisten und an die jüdische Jugend, sich im Zeichen des Hebraismus zu organisieren und das Judentum vor weiterem Verfall bewahren zu helfen. Zum Ehrenvorsitzenden wurde Dr. Simon Bernfeld, zu Vorsitzenden der Dichter Jakob Kahan (Warschau), Dr. C11. N. Schapiro (Kowno), Dr. Max Solow'citschik (Berlin), Dr. Simon Rawidowitscli (Berlin) und Dr. Pjnes (Berlin), zu Sekretären Redakteur Heftmann (Warschau) und Dr. A. Rosenfeld (Berlin) gewählt. Dr. S. R a w i d o w i t s c 11 hielt ein grundlegendes und mit großer Spannung angehörtes Referat über die Position des Hebräischen in der Gegenwart und ermahnte die Hebraisten, sich zusammcnzuschlieflen zur Erhaltung der hebräischen Kultur und Sprache und somit auch des Judentums. Seine Vorschlage gingen ungefähr auf das folgende hinaus: Es soll ein Wcltverbana der Hebraisten gegründet werden, der den Namen ״Bund der Hebräer“ führen und dessen Zentralsitz Berlin sein soll. In der Erkenntnis, daß ein nationales Judentum in der Diaspora nur bestehen kann auf der Grundlage der hebraischen Kultur, daß die hebräische Sprache die Sprache des jüdischen Gedankens und der jüdischen Schöpfung ist, müsse darauf hingearbeitet werden, daß die Bewegung für hebräische Kultur, Erziehung, Literatur, Wissenschaft und Kunst alle Länder der Diaspora umfassen soll. Die jüdischen Gemeinden und Verbände sollen der Bewegung nutzbar gemacht werden. Das Hebräischsprechen soll gefordert, periodische hebräische Schrifteil sollen gegründet, den hebräischen Schriftstellern soll die Herausgabe ihrer Werke erleichtert werden. Es soll ein Fonds für hebräische Kultur in den Diaspora-Ländern gegründet werden. Der Hebraisten-Weltkongreß soll eine Dauer-Institution sein. Die Konferenz wählte eine Permanenz- und eine Finanzkommission. Redakteur M. Kleinmann referierte über den Weltkongreß der Hebraisten, Jakob Kahan über die hebraische Literatur in der Diaspora, Dr. Alexander Rosenfeld über die hebräische Jugendbewegung in der Diaspora, Dr. M. Soloweitschik über die Organisation des Hebraistenkongresses, Dr. J. Heftmann über die hebräische Presse. An der Hauptaussprache beteiligten sieh fast alle Delegierten. Sodann wurden Berichte über den Stand der hebräischen Kulturarbeit in den verschiedenen Ländern erstattet. Ueber Estland referierte Dr. Nadel. Aus seinem Bericht ging hervor, daß in diesem Lande auf Grund der dort bestehenden hebräischen Schulautonomie acht hebräische Schulen errichtet wurden, die von etwa 800 Schülern besucht sind. Den Bericht über Litauen erstattete Privatdozent Dr. Ch. N. Schapiro (Kowno). Das dortige hebräische Schulwerk umfaßt 200 Anstalten mit über 10 000 Schülern, was einem Anteil von 75 ״/» an der gesamten jüdischen Schuljugend entspricht. Es besteht ein hebräisches Theaterstudio, ein auf bedeutender künstlerischer Höhe stehender hebräischer Gesangchor, eine hebräische Zeitung und eine Bücherkooperative, die sich die Verbreitung guter hebräischer Literatur zur Aufgabe gemacht hat. Weitere Berichte wurden von Daniel Samborski über die hebräische Kulturarbeit in Danzig und von Esriel Carlebach (Hamburg) über die Arbeit in Deutschland, Belgien, Frankreich und England erstattet. Jehuda berichtete über die Verfolgungen des Hebraistnus in Sowjetrußiand. Brägmann (Palästina) sprach über die Zusammenarbeit zwischen Geduth und ״Magine hasafah“. ln der Montag-Sitzung sprach Redakteur Heftmann (Warschau) über die hebräische Literatur und das hebräische Zeitungswesen in der Diaspora. Es wurde sodann ein aus 37 Mitgliedern bestehender Großer Rat des neugegründeten Weltverbandes gewählt; dem Rate gehören u. a. Bialik, Sokolow, Chief Rabbi Hertz, Dr. Simon Bernfeld, Stephen Wise, Dr. Klausner, Dozent Dr. Torcziner, Dr. Klatzkin, J. Grünbaum, Jabotinsky, Dr. Osias Thon, Rabb. Eisenstadt, Berlin, Rabb. Simonsen, Kopenhagen, Oberrabb. Ehrenpreis, Stockholm, Chief Rabbi Dr. Landau, Johannisburg, an. Ferner wurde eine vierzehngliedrige Exekutive gewählt. Acht Mitglieder der Exekutive haben ihren ständigen Wohnsitz in Berlin, und zwar die Herren Dr. J. Guttmann, Bankier S. Glücksohn, F, Gringard, Dr. Soloweitschik, Dr. S. Weinberg, Dr. Pines, Dr. Rawidowicz und Dr. Rosenfeld. Die auswärtigen Mitglieder der Exekutive sind: Dr. M. Klumel, Jacob Kahan und Mosche Gordon, Warschau, B. Lipetz, Kowno, M. Kleinmann, London, 1. Naiditsch, Paris. Von den Beschlüssen der Konferenz sind folgende hervorzuheben: 1. Schaffung des hebräischen Weltbundes zur Förderung der hebräischen Kultur, Erziehung, Literatur usw. 2. sofortige Hilfsaktion für die am ihre Existenz ringenden hebräischen Kultur-Institutionen der Diaspora. 3. Ausbau des hebräischen Kulturfonds. 4. Einberufung des hebräischen Weltkongresses im ׳fahre 1932. 3. Einführung eines Mitgliedsbeitrages in der Form eines ,.Sela“ und eines besonderen ״Sela hanoar“ (Sela der Jugend). Ein ״Sela sahaw“ soll das Fünffache des einfachen Sela betragen. 6. Belebung der hebräischen Literatur und Herausgabe einer hebräischen Monatsschrift in Berlin. 7. Entsendung einer Delegation zum zionistischen Kon■ groß, die für die Ziele und Aufgaben des neugegründeten hebräischen Weltbundes unter den Kongreßdelegicrten und Güsten wirken und dem Kongreß gegenüber die Forderungen der Exekutive des hebräischen Weltbundes vertreten soll. Soeben erschien das erste Fielt des achten Jahrgangs der von der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek herausgegebenen bibliographischen Vierteljahrsschrift ״Kir jat h Sepher“ mit folgendem Inhalt: Nachrichten der Bibliothek. Bibliographie: Palästina-Drucke; Hebraica und Judaica. Stndien: A. Duker: Ergänzung zu einer Bibliographie der Peßach- Haggadoth (Fortsetzung). A. Jaari: Weitere Ergänzungen zur Bibliographie der Peßach-Haggadoth. J. Sonne: Bibliographischc Glossen. P. Kon: Das einzige bekannte Exemplar des ״Sepher ha-Kundas“. Rund um die Konferenz Von Eleasar Lubrany. Ironie des Schicksals. Ausgerechnet Berlin. Die Geburtsstätte des jüdischen Assimilationsgedankens, die Brutstätte der umwälzenden Gedanken des Moses Mendelsohn. Was zwitschern hier diese aus allen Enden der Welt herbeigeflogenen Vögel. Ist es möglich....? Wahrhaftig, es ist hebräisch....! Nicht ״Laschaun Hakaudesch“, sondern saftiges, lebendiges Hebräisch. Und nicht etwa vor einem Forum von Spezialisten und Auserwählten, sondern vor einfachen Juden, vor Alltagsjuden. Ihnen ist Hebräisch geläufig und selbstverständlich wie der Alltag. Einige Jahrzehnte nach Moses Mendclsohn.... Im Zeichen der Armut. Allem zum Trotz. Auch der Armut zum Trotz, die irt unseren Zeiten herrscht. Denn diese Armut ist groß, ist fühlbar, ist riechbar fast. Und im Zeichen dieser Armut stand auch der Vorkongreß. Ein Schrei: Helft! Ein Röcheln: Rettet! Und wer ist Retter hier? Der reiche Onkel aus Amerika ist nicht mehr. Ist nicht mehr reich. Ist nicht mehr Onkel. Und Tausende und Abertausende jüdischer Kinder in der Diaspora schreien nach einem hebräischen Wort. Und keine Schulen sind da. Keine Hand, die ihnen Nahrung gibt. Aus Polen, aus Litauen, Rumänien, Rußland, Lettland, Estland. Aus überall das gleiche Leitmotiv: Wir wollen — ab kulturelle Gemeinschaft — nicht sterben! Mag man verschiedener Meinung sein über Art und Aussichten der Rettung. Daß aber das kulturelle Gebäude der Diaspora wackelt, das schreit in tausend Stimmen zum Himmel empor. Man muß diesen Schrei hören. Der eherne Spiegel. Wie sie dasitzen. Die Abgesandten der verschiedenen Länder der Diaspora. Menschen, Gesichter, Gesten, Tonfall. Das ist ״Amcho“. Das ist unser Volk. Sprechen eine gemeinsame, eine lebendige Sprache. Und doch aneinander vorbei. Man streitet bis ins Unendliche über Form und Brschaffenhcit des Daches. Und noch ist das Fundament nicht vorhanden. Man liegt sich in den Haaren über die Beflaggung des besagten Daches und noch ist kein Balken vorhanden. Es ist der Fluch der Dialektik und der Haarspalterei. Und man findet sich doch wieder. Dort, wo es ums Ganze, ums Einzige geht: Um Erez-lsrael. Dort findet sich sogar Jaakow Kahan (Revisionist) mit dem Haschomer Hazair. Das ist erhebend. Aber ansonsten, Amcho.Was wichtiger sei: die kulturellen Schätze der Diaspora oder die Erez-Israels. Ob man es hier mit zwei gleichberechtigten Kompagnons zu tun habe. Wozu überhaupt diese Unterschiedlichkeit? Ist nicht der Weg und der Wille und das Endziel allen gemeinsam. Oder muß man denn noch einmal von vorne die ganze Problematik aufs neue aufrollen. Die Erez-Israel-Ecke. Ganz hinten im kahlen Saal schweigt sich Erez-lsrael aus. Es ist das schaffende, nicht rhetorische Erez-lsrael. Ernst und Härte. Manchmal zuckt ein Muskel. Ein Blitz des Zornes ob eines unglücklichen Ausdrucks. Aber man schweigt. Noch schweigt man. Als es dann aber nicht weiter geht und die Haarspalterei in einer Sackgasse zu verenden droht, erhebt sich Erez-lsrael. Ein Gesicht, hart gemeißelt und klaren Willens. Und wie kommen da die Worte! Stein um Stein wird gehauen, Ziegel um Ziegel geformt. Ein Gebäude entsteht. Das hat Fuß, das hat Grund, das hat seine eherne Zweckmäßigkeit. Wir. Das Wissen um eine Gemeinschaft. Das tiefe Empfinden und die Auflösung des Ei gen schicks als innerhalb dieser Gemeinschaftlichkeit. Das packt. Das reißt mit. Und eine Flamme steigt auf, die alle ergreift. Auch die Skeptiker und Haderer. Es ist der alte und ewig neue Zauber des Begriffs Erez-lsrael. Zehn Minuten lang. Und bald plätschern die trüben Wasser weiter. Zweiundsiebzig Stunden lang. Doch dort in der Erez-Israel-Ecke atmet Leben. Und ein Sturm wird spürbar. Wir weichen nicht. Der Veteran. Er ist da. Man spürt sein Da-Sein. Die Jahrzehnte harter Arbeit haben ihm das Augenlicht geraubt. Aber er ist da und sieht. Mit dem Herzen sieht er. Schlicht und ohne Anklage schauen seine müden Augen. Das gleiche Feuer, der gleiche Glaube. Nichts hat sich geändert. Nur die Augen sind etwas müde geworden. Und die verdammten Beine wollen nicht mehr. Aber der Mensch ist heil geblieben. Der ganze Mensch. Herr Gott, wo ist solches Erz zu finden, um Menschen für uns daraus zu hauen? Der Veteran spricht. Vom Gestern? Von besseren Zeiten, die gewesen? Nein. Vom Heute und vom Morgen. Saftige, volk hafte Sprache. Unendlich reich an Bildern. Metaphern und Folkloristik. Wo haben unsere Väter diese Sprache erlernt? Während wir um jeden nackten Ausdruck ringen müssen und meistens doch nur ins Blaue treffen, kommen die Väter mit knappem, scharf umrissenem Bild und der Kern ist getroffen. Schwankt die Gestalt des Veteranen? Verlassen ihn die Kräfte? Ach nein, der Stuhl, auf dem er sitzt, ist etwas wackelig. Und dieses Zwielicht..... Der Mensch ist heil. In den Couloirs. Hier wandeln die Enttäuschten. Und enttäuscht sind fast alle Teilnehmer dieses Vorkongresses. Und das ist gut. Denn Unzufriedenheit mit dem Bestehenden kann dynamische Kräfte zu Tage und zu Werke fördern. Zufriedenheit wäre halbes Fiasko. Und wie immer, in den Couloirs versteht man sich leichter. Findet eher den Weg zur Fassung gemeinsamer Resolutionen. Die meiste Arbeit wird hier geleistet. Und ausgeglicheneren Gesichts kehrt man in den Saal zurück., Vielleicht sollte man prinzipiell wichtige Fragen nur in den Couloirs erörtern. Denn wie gesagt, gemeinsam ist der Weg, gemeinsam auch das Ziel. Warum sollte es am Verstehen hapern.? Es geht nicht um kleinliche Fragen der Gleichberechtigung zweier verschiedener Faktoren. Es geht um die Erhaltung und Erweiterung der kulturellen Reserven der Diaspora, um sie für Erez-lsrael (und dies ist kein territorial begrenzter Begriff!) dienstbar zu machen. Darum allein geht es. Wird es gehen.? Eine Verordnung des polnischen Postministers weist die Postämter an, Telegramme in hebräischer Sprache für Inland und Ausland, Telegramme in jiddischer Sprache für das Inland, aber nicht für das Ausland zur Beförderung anzunehmen. Die Telegramme müssen in lateinischen Buchstaben geschrieben werden. Zwi Schatz (Nachträglich zu seinem zehnten Todestage) ״Ich bin in russischem Milieu erzogen. Ich bin kein Zionist. Kameraden, täuschen wir uns nicht! Wie kann ich Zionist sein, da ich kein Jude bin? Seit meiner Kindheit umgeben mich Karamsin, Lermontow, Lomonossow. Auch in meinem Paß bin ich als üregorij verzeichnet. Wenn zu euch ein ״Intellektueller“ kommt und euch sagt: nehmt mich in eure Mitte auf, ich bin Zionist, so glaubt ihm nicht! Wisset, daß die Sache nicht in Ordnung ist, daß er sich und euch bctrügt!“ So sagte in einer Ansprache an seine Zurückbleibenden Freunde der junge Student Grischa Schatz im Dezember IW), als er sich anschickte, nach Palästina auszuwandern. Er kam ins Land ohne spezielle Berufsausbildung lind ohne geringste Kenntnis der hebräischen Sprache. Erst hier begann er beides zu lernen. Etwa zehn Jahre mit Unterbrechungen — er verließ noch zweimal das Land — dauerte sein Kampf um die Eroberung der Sprache. Als Brenner 1920 seine erste Novelle in ״Haadamah“ druckte, war dies für ihn ein Sieg sondergleichen. Die Novelle hieß: ״Ohne Sprache“ (״Bio niw“*) und umfaßte kaum S -10 Seiten. Grischa war inzwischen zu Zwi geworden. Das Schicksal wollte es, daß diese Novelle die einzige blich, die von ihm zu seinen Lebzeiten zum Druck kam. Am 2. Mai 1921 wurde Zwi Schatz zusammen mit Brenner und den übrigen in der arabischen Sehchuna bei Jaffa, wohin er zur Rettung Brenners geeilt war, ermordet «)!gefunden. Der eben erst seine Sprache gefunden hatte, war für ewig verstummt. Nach seinem Tode erschien in der gleichen Zeitschrift seine zweite, etwas umfangreichere Novelle ״Bat ja“. Das Hauptproblem beider in einer reinen, lyrischen Sprache verfaßten Werk eher! ist im Grunde dasselbe: die zwischen zwei ßachtiritn stehende Chaluzali, die sich weder für den einen noch für den anderen entscheiden kann und will. Der eine, offen, sangesfreudig, das Leben ergreifend, wo es sich ihm bietet, versteht, ihr zum Lied ihres Lebens den ״Ton“ zu geben; der andere, verschlossen, ״ohne Sprache“, aber seelisch tiefer, vergeht in dem Bewußtsein, daß er ihr diesen Ton nie, in aller Ewigkeit nicht zu geben verstehen wird. Aber sie liebt beide, braucht beide. Entschcidung für den einen hieße Unterwerfung des Willens, Versklavung und Abstumpfung der Gefühle, Zerstörung der ach so süßen Entscheidungslosigkcit. Aber der ״ohne Sprache“ kann so nicht leben. Und so entwickelt sich das tragische Ende. Beinahe bedeutender als die zwei novellistischen Versuche sind einige wenige Aufsätze, die Schatz schrieb. Besonders leidenschaftlich beteiligte er sich an der Diskussion über die Frage der großen oder kleinen Kwuzah. Er trat entschiede» für die kleine., intime, S — lOköpfigc Kwuzah ein, die eine Art Ersalz für die zerstörte F'amilie werden soll. ״An Stelle der Familie auf Grundlage der Blutsverwandtschaft tritt die Kwuzah auf Grundlage der Seelenverwandtschaft.“ Er betont gegenüber dem rein wirtschaftlich-expansiven Moment der Kwuzah das vertiefende, geistig-individuelle. ״Der Wille nach Breite und Lärm ist ein ungesunder Lebenshunger. Nicht י-#, der Revolte, nicht im. Kampfe liegt die Krönung des Dasefns, sondern im stillen Wachstum. Nur einmal revoltiert die Pflanze: wenn sie, nach Licht strebend, die Hülle des Saatkorns sprengt — von da an wächst sic.“ Ein gewisses Verdienst hat sich Schatz auch um die prinzipielle Aufrollung der Frage einer der rhythmischen Intention des Dichters entsprechenden Interpretation hebräischer Poesie erworben. Er ist ein unbarmherziger Vertreter der sefardischen Milrabetonung, die er dem Lebensrhythmus des neuen Palästinas angemessener hält. Er selbst verfaßte einige wenig hedeutungsvolle — Gedichte unter Anwendung seiner prosodischen Prinzipien. Seinen literarischen Gesamtnachlaß hat vor zwei Jahren M. Posnansky herausgegeben. (Zwi Schatz, ״Al gwui hadmama“. Verlag ״Dawar“, Tel-Awiw 1929. 16fi S.) Am interessantesten und ergreifendsten sind die in die Edition aufgenommenen Briefe des jungen Schatz (er wurde nur 30 Jahre alt), die besonders die Zeit seines Freiwiliigendienstes in der palästinensisch-jüdischen Legion beleuchten. Zwi Schatz, der von früher Jugend au mit Josef Trumpeklor tief befreundet war, hat alle Gewissenskonflikte unter großen Konvulsionen durchgekämpft, die durch die Legionsparole in die palästinensische arbeitende Jugend jener Tage getragen worden waren. Der künftige Darsteller der tragischen Situation des Westjuden, der, selbst aus tiefster Assimilation stammend, nach Verwirklichung letzter nationaler Ideale strebt, wird in dem schmalen Bändchen des Nachlasses dieses Jugendlichen manches entwicklungsfähige Saatkorn finden. M. M. Schallplatte!! aus Rußland. In der ״Berliner Funkstunde“ hielt Dr. Nicolaus Feinberg zwei Vorträge, die er mit Schallplatten aus Rußland illustrierte. Man hörte wunderbare Bauern- und Arbeiterlieder, neuere und ältere Typen, Vor- und Nachrevolutionäres, Weisen aus allen Teilen' Rußlands. Besonders aufschlußreich war ein jüdisch-ukrainisches Volkslied. Da vorher gerade ein nichtjüdisch-ukrainisches Volkscouplet gespielt wurde, hatte man die Gelegenheit eines inteiessanten Vergleichs. Es scheint, daß sich in der Ukraine das jüdische Lied am stärksten an nichtjüdische Melodien der Umwieder das charakteristisch Jüdische zum Ausdruck bringen. Die Platten aus den übrigen Teilen Rußlands zeigten hingegen wieder, wie falsch es ist, wenn man das ostjüdische L ied nur als eine Abart des russischen Liedes auffaßt: die russischen Lieder, die den Mollcharakter bevorzugen, wirken in einem ganz anderen Sinne orientalisch als ostjüaische Lieder. Sie sind viel symmetrischer im Rhythmus und regelmäßiger in der .Gesamtgestalt; pflegen mehr das Arioso als das Parlando, von dem ja wohl kaum ein ostjüdisches Lied frei ist. Es scheinen auch in den russischen Liedern mehr westeuropäische Einflüsse platzgegriffen zu haben. Der Liedanfang setzt oft mit einem grüßeren Intervallsprung an; diese Tendenz zu größeren Intervallen wird auch während des Liedverlaufs im allgemeinen beibehalten, während im ostjüdischen Lied der Sekundschritt und das Verweilen auf einem Ton weit mehr frequentiert wird. A. J.-L. Der Archäologe der Hebräischen Universität, Dr. Suk e n i k, fand in Sepphoris, dem Wohnort des Redakteurs der Mischna, Rabbi Jehuda Hannassi, hebräische Inschriften. ln dem bei der Hebräischen Universität bestehenden Buchverlag erschien ״Pflanzenbestimmer für die palästinensische Flora“ in hebräischer Sprache mit 502 Seiten und 3S0 Zeichnungen. *) In deutscher Uebvrsctzung in der Zeitschrift ״Der Junge Jude“ 1. Jahrg. Heft 1 (Nov, 1927) erschienen.