Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 48 (23.6.1931)
- Date
- 1931-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48, 23. VL 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 269 M Die gro$e T&uschun# Von Dr. Aron Sandler, « Unter diesem bombastischen Titel veröffentlicht Herr Dr. LiI i e nt 11 aI in Nr. 23 der ״C.-V.-Zeitung“ eine ״notwendige Klarstellung zur Tagung des Preußischen Landesverbands“; dem Artikel folgt ein langes Nachwort der Sehriftleitung. Die großen Täuscher sind: erstens ich als Wortführer der Volkspartei bei der Einbringung unserer Resolution in der letzten Ratssitzung, zweitens die ״Jüdische Rundschau“ wegen der ״agitatorischen Ausnutzung“ der angenommenen Resolution. ln der Ratssitzung habe ich in halbstündiger Rede die Kornpetenz des C.-V. als Abwehrorganisation der deutschen Juden, seine Methoden usw. bekämpft und meine Ausführungen in der zu Protokoll gegebenen Erklärung zusammengefaßt, die in aller Schärfe gegen den C.-V. gerichtet war. Selbstverständlieh wurde diese Erklärung nicht als Resolution eingebracht; denn selbstverständlich wäre sie abgelehnt worden. Als Re- Solution eingebracht und angenommen wurde der Satz: ״Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat die Rechte der in Preußen lebenden Juden zu schützen und deren gesamte Interessen gegenüber den Organen der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung wahrzunehmen.“ Diese Resolution wurde dem Rat unterbreitet, unmittelbar nachdem ich die erwähnte Rede gehalten hatte. Es ist also kein Versteckspiel getrieben worden. Für die Resolution konnte nach meiner Rede nur derjenige stimmen, der entweder den C.-V., solange er ein Parteiverein ist, als Abwehrverein der deutschen Juden ablehnt oder derjenige, der die zu geringfügige Tätigkeit des Landesverbandes auf dem Gebiete der Wahrnehmung der gesamten Interessen der Juden gegenüber den Organen der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung — und die Geringfügigkeit dieser Arbeit war in meiner Rede getadelt worden — erweitert und ausgestaltet wissen wollte. Die Liberalen, die für die Resolution gestimmt haben, hatten nicht, wie Dr. Lilienthal anzunehmen scheint, die naive Auffassung, daß hier eine Selbstverständlichkeit wiederholt werden sollte (nach der Beanstandung des geringen Ausmaßes der bisherigen Tätigkeit auf diesem Gebiete!), sondern wollten offenbar den Gedanken zum Ausdruck bringen, daß die legitimierte Vertretung der preußischen Gesamtjudenheit mit größerer Intensität als bisher die jüdischen Gesamtinteressen gegenüber den genannten Organen wahrzunehmen habe. Und die ״Jüdische Rundschau“? Die Behauptung, daß dieselbe Resolution vom Verbandstag abgelehnt worden war (trotzdem sie nach Herrn Dr. Lilienthal als Selbstverständlichkeit aufzufassen ist!), ist nach meiner Erinnerung doch zutreffend. Und wenn die ״Jüdische Rundschau“ gar nach Dr. Lilienthals Ansicht ״die praktische Bedeutungslosigkeit des Beschlusses“ anerkannt haben soll, was will Dr. Lilienthal noch mehr? Was ist an der von der ״Jüdischen Rundschau“ vorgenommenen Konstatierung der Tatsache zu bemängeln, daß die Resolution nach einer Debatte angenommen wurde, die sich an die Dank- Resolution des Verbandstages für den C.-V. knüpfte? Ein ״Abrücken von der Dank-Resolution“ ist von der ״Jüdischen Rundschau“ gar nicht behauptet worden. Denn selbstverständlich können die liberalen Ratsmitglieder dem C.-V. für seine Tätigkeit ihren Dank aussprechen und doch der Meinung sein, daß die große Aufgabe des Schutzes der gesamten Interessen vor den genannten Organen ln weitestem Umfang von dem Landesverband, der als wirkliche Oesamtvertretung der Juden die größte Autorität besitze, zu bearbeiten sei, wobei auch uns als selbstverständlich erscheint ־— und das sei zugleich gegenüber Spalte 3 des Aufsatzes von Dr. Lilienthal hervorgehoben —, daß die Einzelarbeit, die Sammlung von Material u. dgl. auch fernerhin von einem Spezialverein zu leisten ist; nur haben wir auch hier den ■Wunsch, daß dieser Verein kein parteipolitisch eingestellter Verein sei. Hätten wir dem Wunsch gehabt, daß die gesamte Abwehrtätigkeit vom Landesverband zu leisten sei, so hätte die Resolution das deutlich zum Ausdruck gebracht, wahrend die genau spezialisierte Formulierung der Resolution den Aufgabenkreis umnißverständlieh umreißt. Mit anderen Behauptungen Dr. Lilienthals sieht es nicht besser aus. Ich habe nicht, wie er behauptet, dem C.-V. vorgeworfen, daß er das Ergebnis der Reichstagswahlen nicht habe verhindern können, sondern habe erstens einiges über die in einem Mißverhältnis zum Erfolge stehenden Kosten gesagt und zweitens gefragt — nachdem ich sogar die Wendung eingeschoben: Ich behaupte ja gar nicht, daß das Wahlergebnis zu verhindern war“ , ob ausgerechnet nach diesem Wahlergebnis eine besondere Danksagung an den Abwehrvereitt am Platze sei? Diese Frage hatte schon Herr Blumenfeld an den Verbandstag gerichtet. Was den Artikel des ״Berliner Tageblatts“ betrifft, so habe ich gegen Schluß meiner Rede, als ich dem Rat des Landesverbandes eine zu geringfügige Tätigkeit auf dem genannten Gebiete vorwarf, als Beispiel hierfür scharf getadelt, daß es dem Chefredakteur des ״Berliner Tageblattes“ Vorbehalten bleiben mußte, die Rechtsprechung des Reichsgerichts in der Frage der Aktivlegitimation der beleidigten Juden ins rechte Licht zu rücken; es sei Pflicht der legitimierten Vertretung der Judenheit gewesen, das Material zur Kenntnis der OeffentUchkeit und der Behörden zu bringen. Ich habe also diesen Vorwurf gegen den Engeren Rat des Landesverbandes erhoben und nicht vom ״Landesverband oder überhaupt einer der jüdischen Organisationen“ gesprochen. Das sollte auch Dr. Lilienthal wissen, der mir erwiderte, daß ich diesen Vorwurf gegen Herrn Dr. Freund — über dessen Tätigkeit vorher debattiert worden war — richten müsse, denn diese Tätigkeit hätte zu Dr. Freunds Dezernat im Engeren Rat gehört. Daß das Material nicht von Herrn Theodor Wolff selbst gesammelt war, kann man sich ohnehin denken; mein Angriff bezog sich überhaupt nicht auf die Frage der Sammlung des Materials, sondern galt der Lässigkeit des Engeren Rates, der es unterlassen hatte, es den Behörden in angemessener Form zu unterbreiten. Also weder der Inhalt des Angriffs noch die Adresse, gegen die er gerichtet war, sind richtig wiedergegeben. Was die Stellungnahme der Arbeltsgemdmclaft der Laudesverbände betrifft, so lasse ich mich nicht in eine Polemik mit umschreibenden Worten ein, sondern setze hierher den Wortlaut einer von der Arbeitsgemeinschaft vor einigen Monaten angenommenen Resolution, die nach meinen stenographischen Notizen lautet: ״In Fällen dringender Not ermächtigt die R. A. G. den Preußischen Landesverband, nach dessen freien Ermessen das deutsche Judentum vor den Behörden zu vertreten“, wobei hinzugefügt wurde, daß es sich dabei auch um Abwehrmaßnahmen handeln könne. Ich habe nie behauptet, wie es nach Dr. Lilienthal scheinen könnte, daß ich hierin eine Uebertragung der vom C.-V. geleisteten Arbeit auf den Preußlsehen Landesverband sehe, gaaz abgesehen davon, daß wir die Uebernahtne der gesamten Abwehrarbeit, wie aus unserer Resolution hervorgeht, gar nicht wünschen. Ich habe die Re- Solution der R. A. G. nur als einen Fortschritt dargestellt und allerdings darauf hingewiesen, daß in bayerischen Kreisen mehr Verständnis als in den preußischen dafür bestehe, daß die Vertretung der gesamten Interessen gegenüber den genannten Organen die Aufgabe der wirklichen Gesamtvertretung und nicht eines Vereins sei. Aut Dr. Lilienthals Aufsatz folgt ein Nachwort der Schrift- Ieitung, das mir in Ton und Stil nicht ganz auf der Höhe zu sein scheint. Es beginnt damit, daß Herr Dr. Lilienthal meine ״Vorstöße widerlegt“ habe. Wie diese Widerlegung aussieht, ist oben dargelegt. Die ״Widerlegung“ bezügl. des Tageblatt- Artikels hält die Sehriftleitung für so gut, daß sic die Sache in einem ganzen Abschnitt wiederholt, wobei noch einiges im Fettdruck erstrahlt. Daß die Schriftleitung, die ja den Verband- 1 liegen nicht beigewohnt hat, leider damit, wie oben dargelegt, hereingcfallen ist, tut mir aufrichtig leid. Der Sinn unserer Resolution war, daß die legitimierte Vertretung der Juden unsere gesamten Interessen vor den genannten Behörden in weit größerem Umfang als bisher zu vertreten habe, und wir wünschen, daß weder diese Aufgabe noch die der kleinen Abwehrtechnik von einem unbestritten parteipolitisch eingestellten Verein geleistet werde, der in den innerjüdischen Kampf eingreift und z. B. den Sieg einer Partei bei den Gemelndcwahlen als ״Sieg des C.-V.-Geclankens“ begrüßt. Daß übrigens ein Verein, solange er eine bestimmte Oe- *Innung vorschreibt, nicht berechtigt Ist, als Wortführer der gesamten deutschen Judenheit aufzutreten, ist ein Gedanke, der in immer weiteren Kreisen Verständnis findet, auch außerhalb unserer Reihen. Diese Sinneswandlung mag dem Central-Verein unerwünscht sein, aber wen« er sie bestreitet, so begeht er eine — ״große Selbsttäuschung“. Unsere Abenteuercr (Zwei Bücher aus Palästina.) Von Eleasar Lubrany Mit dem Lesen von Abenteuerbüchern und Detektivgeschichten gehts einem, wie mit dem Rauchen. Man muH beides mit Leidenschaft betreiben, sonst kommt man um den wahren Genuß. Das ist die erste Binsenwahrheit. Die zweite Binsen- Wahrheit ist, daß sich die Scharen der Leser von Detektivgeschichten und Abenteuerromanen aus Massen rekrutieren, die äußerlich ein passives Leben führen. Aus Stubenhockern, Bankquetschern, Provinznaturen U. dgl. mehr. Aus Massen, denen es nicht gegönnt ist, eigene Abenteuer zu erleben und die sich daher auf fremde Schicksale stürzen, sich mit denen identifizieren und -׳■״• wenigstens in ihrem düsteren Geiste — sich im Lesen zu Heiden emporfiebern. Wer dagegen im Leben steht, sich offenen Auges den Titanen — und sei es nur einem Oerichtsvoli/.ieher — aussetzt, der wird an solcher Literatur wenig Gefallen finden. Denn wahrlich, abenteuerlicher noch als der meistgelesene Revolverroman ist das Leben bis in seinen grauesten Alltag hinein. Doch die Scharen derer, die sich niemals am eigenen und immer nur an fremdem Fetter wärmen können, sind beträchtlich, und es wäre falsch, sie mit überiegenem Achselzucken abtun zu wollen. Denn niemals noch war die Seele des Menschen — auch des eingefleischtesten Snießers nicht —• stabil. I Md heute ist sic labiler denn je. Und um diesem schicksalhaften Bedürfnis nach Labilität und Dynamik nachzukommen, sind die Abenteuerromane da. Denn der Mensch sehnt sich immer über sieh selbst hinaus. Das offenbart sich in seinem kleinsten, wie in seinem größten Tun. Da es ihm aber die politischen, wirtschaftlichen, psychischen und physischen Konstellationen verwehren, seinen Wunschträumen nach Fernen und Abenteuern nachzugeben, läßt er sich zu einem Abenteuer ״mitnehmen“. In der Straßenbahn, nachts auf dem Lager oder heimlich auf der Schulbank geht er mit ״Der Neger Juma" oder ״Der Mann mit den dreizehn Gesichtern“ auf Abenteuer aus. Der Konsum an solcher Literatur ist unermeßlich und die Millionen der Bibelexemplare in aller Herren Länder ist nichts dagegen. Also immerhin ein Faktor, mit dem zu rechnen ist. Ich besitze leider kein statistisches Material darüber, wie groß der Konsum an dieser Literatur in Palästina ist. Ich weiß nur, daß das Bedürfnis danach groß ist. Denn das Land Ist eng und von Meer und Bergen umschlossen. Auch weht etwas von den nahen Wüsten herüber. In hebräischer Sprache aber ist kaum etwas Derartiges erschienen. Nur Jabotinski hatte im Jahre 1023 den Versuch gemacht, im Verlage ״Hassefer“, Berlin, gute Abenteuerromane herauszugeben. Meines Wissens sind damals nur etwa zwei Romane erschienen, Werke guter englischer Autoren dieses Genres. Nur ist solche Literatur bei uns a priori verpönt. Die Pädagogen glauben bei uns, daß es genügt, solche Werke nicht herauszubringen, und die fugend wird sie eben nicht lesen. Grober Fehlschluß! Sie werden gelesen, aber nicht in־ hebräischer Sprache. Es steht mit dieser Leidenschaft wie mit einer ieden anderen: um sie zu bezwingen, muß man (nach Oscar Wilde), ihr einfach nachgeben. Und hier erst begönne die Arbeit der Pädagogen. Sie müßten eben dafür sorgen, daß nur gute Abenteuerromane herausgebracht werden. Nun ging vor einigen Monaten durch die gesamte jüdische Presse die Nachricht, daß ein Abenteuerroman eines Palistinenser Schriftstellers M. J. BenGabriel von einer deutschen Tageszeitung in Prag zum Abdruck gebracht wird. Später ist das Werk vom Verlag Meyer & Jessen, München, angenommen worden. Ich habe leider die deutsche Ausgabe nicht gelesen und mußte mich daher mit der hebräischen begnügen. Das Werk des Ben Gabriel erschien im Verlage ״Moriah“, Tel-Awiw 1930 und heißt ״Schakale in Jerusalem“. Ben Gabriel ist keine neue Gestalt für den deutschen Leser. Er schreibt deutsch und mehrere Arbeiten von ihm sind ln der deutschen, wie auch (wohl übersetzt) in der hebräischen Presse erschienen. Sein Name hat bet uns ein gewisses Gewicht, sein zu besprechender Roman ist eine Neuerscheinung in unserer Literatur und verdient es daher, daß wir uns mit ihm auseinandmrtzen. Einleitend sei gleich mit aller Offenheit gesagt, das Werk packt und man läßt es nicht eher aus den Fingern, Ms es zu Ende gelesen ist. Man ärgert sich zwar zuweiten, manchmal lacht man spöttisch auf. Aber man liest es zu Ende. Es ist schwer zu definieren, was uns eigentlich eine gewisse Ueberlegenheit über den Autor und seine Helden verschafft. Wir trauen ihnen nicht recht, das Kritische in uns setzt nicht aus. Auch dort nicht, wo die Ereignisse mit wirklicher Wucht eintreten. Und nichts ist einem Abenteuerroman (wie jedem dichterischen Werk schlechthin) weniger bekömmlich als diese Ueberlegenheit des Lesers. Sie schürt Zweifel auf. sie zeichnet — auch im besten Falle — ein spöttisches Lächeln um den Mund des Lesers. Dies ist die Gefahr, die Ben Gabriel nicht gemieden hat. Vielleicht liegt es am Sujet. Die Abenteuer rasen durch Palästina und die angrenzenden Gebiete. Die Gestalten sind uns ebenfalls heimisch, ouasi ״imsere Leut". Aber nicht allein daran liegt es. Belt Gabriel machte es sich allzu leicht. Es scheint, als wäre er in den an sich sehr dankbaren Stoff nicht eingedrungen. Er streifte sozusagen nur die Fassade der Dinge, ln solchem Falle hätte er mehr Distanz wahren müssen, mehr aus der Perspektive arbeiten müssen, uns die Dinge nicht aus allzu großer Nähe heranholen dürfen. Ich kann’s mir denken, daß der Roman ursprünglich für den fremden Leser gedacht und auf diesen eingestellt war. Der Einheimische aber, der Palästinenser, auch der wohlwollendste, muß zumindest den Kopf schütteln. Und nicht um die geographisehe, historische oder politische Wahrheit ist es dem Leser im Grunde 7u tun. Hier darf der Dichter ruhig erfinden, er darf sogar — in Gottes Namen! — historische Wahrheiten verschweigen oder ändern. Aber er darf nicht auf die Naivität des Lesers zu sehr spekulieren. Denn jeder einzige Blick desselben auf die Straße zeigt ihm (dem Leser) eine nähere, wirklichere, weniger herausgetüftelte Wahrheit. Dabei ist die Art des Ben Gabriel flüssig und seine Erzählerkunst mit wohltuendem Humor gemengt. Aber, wie gesagt, er hat es sich allzu leicht gemacht. Vielleicht hätte er noch warten sollen, mehr zuschauen, Menschen und Schicksale dieses brodehidcn Landstrichs Studieren. Vielleicht hätte er die zionistisch-politischen Momente auslassen sollen. Vielleicht. Dies die Geschichte des Romans: Eine weitverzweigte, über Riesensummen verfügende amerikanische Gesellschaft unterhalt fit Jerusalem eine Filiale unter dem mysteriösen Namen ״Orient-Abt. 8 M. M. Jerusalem 3“. Klingt vielversprechend, nicht? Die Filiale, die ebenfalls über Riesensummen verfügt und über einen ungeheuren Stab von Mitarbeitern (es kommt <ler Gesellschaft auf die Unterhaltskosten einiger Beduinenstimme nicht an) hat nichts weiter zu tun, als ~ Haschisch unter die Leute zu bringen. Natürlich zu guten Preisen. Zu diesem Zweck muß Schmuggel getrieben werden. Dies alles ist in Ordnung und trägt die charaktcristische Bezeichnung Aktion Nr. 1. Weniger in Ordnung ist die ebenfalls charakteristisch bezeichnte Aktion Nr. 2. Denn hier geht es nicht mehr um Haschisch, das von Mekkapiigcrn in Salzsäcken geschmuggelt wird, sondern um Politik. Zu welchem Zweck die Politik getrieben werden soll, bleibt nicht ganz verstündlich. Doch, beinah hatte ichs vergessen. Es geht um Kon- Zessionen für die unheimliche amerikanische Firma. Um Petroleum und alle anderen ״eventuell vorhandenen“ Mineralien, Um diese Konzession zu erlangen, werden ganze Völkerscharen auf die Beine gestellt, Kirchen gegen Kirchen Ms aufs Blut gehetzt. Und Menschen fallen wie Fliegen im Herbst. Audi das hätte unter Umständen in Ordnung sein können. Die Weltgeschichte kann von Derartigem berichten. Daß aber das Morden in Tel Chaj, der Tod Trumpeldors und die Unruhen des Jahres 1920 damit im Zusammenhang stehen sollen -- c'cst plus fort que moi.... Natürlich sind wir keine Barbaren mehr, natürlich wissen wir alle etwas von der materialistischen öcschiditsauffassung. Aber diese von Ben Gabriel an den Haaren herbeigezogene Erklärung geht doch über — über den Kamelbuckel... Sie ist allzu naiv, als daß wir sie uns zu eigen machen können. Natürlich wissen wir, welch dunkle Kräfte 'im Spiele sind, wir wissen auch, daß hinter der Maske einer humanen Idee nur allzu oft Mammon sichtbar wird. Aber dies allein ist nicht entscheidend. Möge mich der Autor ruhig ״Melamed“ nennen. Die Vertreter dieser Gesellschaft arbeiten also im Dunkeln. Alle Segel sind gehißt, die Arbeit siedet und erstreckt sich bis Mekka lind Persien. Alles klappt. Juden, Araber, Christen werden am hellichten Tage in den Straßen Jerusalems und Haifas gemordet, jeder erhebt sich gegen seinen Nächsten. Die Gesellschaft ist in ihrem Fahrwasser, ein gnädiger Wind bläht die Seg«f, und man kann schon beinah die Dividenden im voraus berechnen. Bis ein Stein in die Maschine geworfen wird. Die Arbeit stockt. Wo ist der dcus cx machin»? Diesmal sind es wirklich nicht die Radfahrer, sondern die Juden. Die geheimnisvolle Sith (Frau) Aja. Audi dieser Name ist vielversprechend. Besagte jüdische Dame will.... sie will ein Kind von ihrem Mann. Dies Ist an sich beileibe nicht verwerflich. Es ist eher verständlich. Denn Sith Aja, eine schöne Orientalin, hat es sich zur Aufgabe gcmacht, die Rassengegensätze zwischen Juden und Arabern zu überbrücken. Und ein Kind, das unter solchen Auspizien erzeugt wird, dürfte sicher zur Verständigung beitragen, Um so mehr, als besagter Gatte, aus unerklärlicher Furcht vor dieser Zeugung, in die Wüste fleucht und zum Führer eines arabischen Nomadenstammes wird. Auf der Suche nach der Ueberbrückung der Rassengegensätze und nach dem noch ungeborenen Kino, wandert Sith Aja über den ganzen Orient. Zwar gelingt ihr unterwegs, nur eine ihrer Sehnsüchte zu erfüllen — sie findet ihren Gatten mitten in der Wüste und dieser erhört sie und schenkt ihr ein Kind, das andere aber ist schwieriger. Gleich nach Erfüllung seiner Pflicht verschwindet der hartherzige Gatte abermals, und so muß sich Sith Aja — die Inzwischen glückliehe Mutter geworden ist — ganz der Ueberbrückung widmen. Natürlich finden die amerikanischen Spürhunde sofort heraus, wer ihre wohlerwogenen Pläne zu durchkreuzen wagt, und ihr Meister stellt sich ebenso natürlich der Frau Aja entgegen. Diese aber bldbt hart und sehend. Audi sie weiß altes, und sogar etwas von einem politischen Vamp hat sie an sich. Mao bedenke, eine orientalisch« Jüdin, die seit Generationen nichts war als Mutter und Dienerin.... Sie hantiert mit dem Revolver, wie.... wie unsere Oroßmütterchcn mit dem Gebetbuch.... Sie reitet alles, sogar Kamele. Aber all das hätte ihr wenig geholfen bei ihrem Kampf gegen die mächtige amerikanische Gesellschaft.... Und hier kommt dem Ben Gabriel sein genialster und originellster Einfall. Der gekochte amerikanische Agent verliebt sich in Sith Aja.... Merkwürdig, besagte Dame hat eine feine Nase, sie wittert das unverbrauchte Menschtum in diesem Agenten. Ob sie ihm wohl verfällt? Nein, bis zu einem regelrechten Ehebruch haben wir es in der hebräischen Literatur noch nicht gebracht.... Nein, Sith Aja fillt nicht, sie überwältigt den amerikanischen Agenten und seine Helfershelfen Und so kann nun das Land dem Frieden frönen.... Die hebräische Sprache ist stellenweise direkt barbarisch. Ich weiß nicht, wer die Uebersetzung besorgte. Sie strotzt von Germanismen. Und doch, wer von der Leidenschaft des Lesens von Abenteuerromanen befallen Ist, der wird das Buch lesen. Abenteuer anderer Art, wirkliche Abenteuer des Alltags, wie wir sie alle erlebten, packen uns in einem schönen Band des Sch elomoh Hillels. Erst vor kurzem ist ein anderes Werk von diesem jungen Dichter an dieser Steife besprochen worden. Diesmal ist es eine Sammlung köstlicher Erzählungen. Das Buch erschien im Verlage ״Dwir“, Tel-Awiw, und heißt ״Reisen und Ausfllkge“. Nein es sind dies keine Reisen des dritten Benjamin, einfache Ausflüge sind« zum Fluß und zum Kirschbaum. Wer um das prickelnde Gefühl des Kindes weiß, das am heiligen Sabbat verbotene Früchte klaut, wer erfassen kann, wie wohl «s der kleinen Kinderseele tut, wenn der Rabbi vom Flecktyphus befallen wird, der wird über diese fröhlichen Erzählungen jubeln. Es ist keim Meisterwerk, will es auch gar nicht sein. Es erzählt einfach von Abenteuern des Alltags, von der Lebenslust ״ungeratener“ Kinder und von der Schönheit dieser kleinen Welt. Nein, man braucht nicht in die Feme schweifen um Riesenabenteuer zu erleben. Dicht vor der Nase sind diese da und locken. Oder ist etwa der böse Hund des Nachbars, oder das Examiniertwerden durch einen gelehrten Verwandten (draußen sinkt die Sonne, Sabbat ist es, und die Freunde schwimmen schon längst im Fluß oder spielen mit Nüssen....) nicht Abenteuer genug? Wer dies zu behaupten wagt, der war nie ein richtiger Junge und sollte lieber zu Hause hocken und die ״Sprüche der Väter“ Wiederkäuen.... Nicht wahr, ihr Berelecn und Mojschelech....? Literaturpreis für Esriel Carlebach. Der von den Deutschen Buchwerkstätten ausgeschriebene Erzählerprds für das Jahr 1931 entfiel zu gleichen Teilen auf Alexander von Keller und Esriel Carlebach. — Carlebach, der im 22. Lebensjahr steht, ist in der deutsch-jüdischen, hebräischen und jiddischen Presse durch zahlreiche Aufsätze, Erzählungen und Reiseschilderungen bekannt geworden. Seine preisgekrönte Novelle behandelt eine Begebenheit, die, sich vor kurzem im jüdischen Viertel der Jerusa - Ferner Altstadt zugetragen hat. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler, Frankfurt a. M., Fahrgasse 146, hat soeben eine neue Nummer Ihrer Notizblätter herausgegeben. Dieses Heft Nr. 27 zeigt einen speziell Frankfurter Charakter, wobei wichtige neue Auf- Schlüsse über Anfänge des Hauses Rothschild gegeben werden. Durch die zahlreichen Abbildungen wird auch ein oberflächliches Durchblättcrn des Heftes belohnt. Der jiddische Publizist und frühere Minister für jüdische Angelegenheiten in der Ukraine, W. Latzki-Berth 0 Idi, gegenwärtig Redakteur der Rigaer jiddischen Tageszeitung ״Frimorgn“, vollendete, vor kurzen! sein 50. Lebensjahr und war aus diesem Anlaß Gegenstand von Ehningen,