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Jüdische Rundschau · 1931-06-19 · Heft 47 (19.6.1931) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 47 (19.6.1931)
Date
1931-06-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 47, 19. VI. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU ÖCHC Aus den üemeinden Der neue Berliner Gemctndevorsiand Wir haben in der vorigen Nummer kurz mitgeteilt, daß die Liberalen die Absicht haben, die Jüdische Volkspartei im Präsidium des Gemeindevorstandes unvertreten zu lassen. In der konstituierenden Sitzung des Vorstandes vom 16. d. M. haben die Liberalen diese Absicht verwirklicht Erster Vorsitzender ist Direktor Kleemann geworden. Seine Stell•־- Vertreter sind Kammergerichtsrat Wolf f und Adolf Schoyer. Die Dezernate wurden folgendermaßen verteilt: Kleemann (lib.): Zweites Waisenhaus Pankow, musikalisch-gattesdienstliehe Angelegenheiten und Leitung der Synagogenvorstände der Synagogen mit neuem Ritus; Kammergericntsrat Wolft (lib.): Austrittsangelegenheiten, DisripHnarangelegenheiten und Reichenheim’sches Waisenhaus; Moritz Rosenthal (lib.): Personalangelegenheiten, Plätzevermietung, die vier Altersheim# und das Hospital; Wilhelm Orltz (lib.): Finanzen und Jugendfürsorgeamt; Fuchs (Hb.): Friedhöfe, Bau- und Synagogenbauangelegenheiten; Direktor Stahl (lib.}: Wohlfahrts- und Jugendfürsorgeamt; Direktor Dr. Alexander (lib.): Schulangelegenheiten und Redaktion des Gemeindeblattes; Direktor Kareski (Volkspartei): Bibliothek, Kunstsammlung und Sportplatz; Dr. Kollenscher (Volkspartei): Allgemeine Zivil- und Strafrechtsangelegenheiten und Leitung der Synagogenvorstände der Synagogen mit altem Ritus; Dr. Sandler (Volkspartei): Neue Poliklinik in der Stadt und Gemeindekrankenhaus. Adolf Schoyer (kons.): Kaschruth, Quellenbäder und Steuerverwaltung. — Die bisher von Herrn Dr. Ismar Freund verwalteten beiden Dezernate (Verfassungsdezernat samt jüdischen Staatskirchenrechtsangelegenheiten, sowie Beziehungen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden) sind noch nicht besetzt. Aus dieser Verteilung geht klar die Absicht der Liberalen hervor, den Einfluß der volksparteilichen Vorstandsmitglieder auszuschalten, wiewohl wir nicht verkennen, daß man auch in den den Volksparteilern anvertrauten Dezernaten sehr viel Ersprießliches leisten kann. Es ist begreiflich, daß die Liberalen ihre Mehrheit nutzen wollen. Unbegreiflich bleibt, daß sie die Dezernatsverteilung nicht nach fachlich-sachlichen Gesichtspunkten, sondern einfach nach brutalem Machtprinzip vorgenommen haben. Eine derartige Handlungsweise liegt nicht im InteressederGemeinde. Es scheint, daß die Liberalen konsequent die Volkspartei in eine noch schärfere Opposition hineintreiben wollen. Wir behalten uns vor, die Haltung der Liberalen in diesen Fragen noch ausführlich zu behandeln. * Die Zusammensetzung der neuen Repräsentantenversammlung. Wahrend die bisherige Repräsentantenversammlung 10 Liberale, 7 Volksparteiler, 1 Poale Zion, 2 Mittelparteiler, 1 Konservativen zählte, verteilen sich die 41 Sitze der neuen Repräsentanz auf die einzelnen Parteien wie folgt: 24 Li b e r a 1 e: R.-A. Heinrich Stern, Bertha Falkenberg, Wilhelm Marcus, Wil- 1 heim Graetz, Landger.-Rat Dr. Martin Lesser, Studiendir. Dr. [ Joseph Gutmann, Dr. Sally London, Bruno Woyda, Martin Sobotker. Dr. Kurt Fleischer, Amtsger.-Rat Walter Michaelis, Alfred Jaulus, Elieser Ehrenreich, Dr. Hans Sachs, Max Eisenkrämer, Louis Wolff, Benno Salinger, Hedwig Witkowski, Eitel Rockmacher, Landger.-Rat Dr. Joachim Seligsohn, R.-A. Dr. Max Meyer, Studienrat Dr. Kurt Lewin, Dr. Hans Lewenz, Dr. Eugen Pinner. — 14 Volksparteiler: Dr. Alfred Klee, Prof. Dr. Heinrich Loewe, Ministerialrat Hans Goslar, Marcus Hornstein, Lina Wagner-Tauber, R.-A. Dr. Siegfried Moses, Prof. Dr. Hermann Pick, Dr. Hermann Leiewer, Alfred Berger, Landger.- Rat Arthur Rau, Dr. Oskar Wolfsberg, Moses Goldmann, Philipp Grünbaum, Moses Waldmann. — Religiöse Mittelpartei l Mandat: Syndikus Dr. Alfred Wiener. — Poale Zion 1 Mandat: Dr. Oskar Cohn. — Ueberparteiliche Vereinigung 1 Mandat: Dr. Ismar Freund. Frankfurt a. M. In der Gemeindevertretung Frankj f urts fand am 10. und 11. Juni die Beratung des Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1931/32 statt. Der Etat weist I eine Endsumme von 1615 555 M. (gegen 1 847 466 M. im Vorj Jahre) auf, wovon 155 677 M. ein ungedecktes Defizit dar-! stellen. Ausstellung von Schülerarbeiten der Jüdischen Schule, Klopstockstr. 58. Die Ausstellung, die die ״Jüdische Schule“ in der Klopstockstraße veranstaltet, zeigt neben freien Auf-! sätzen und Niederschriften aus dem Unterricht in den wissen-; schädlichen Fächern eine Fülle von Zeichnungen, Malereien, Kleinplastik, Werk- und Nadelarbeiten, die von den Kindern; im Laufe des letzten Jahres geschaffen worden sind. Die mo- I derne Schule will dem Kind Hilfsmittel zu einer möglichst vielseitigen Entfaltung geben, will nicht nur den Intellekt, sonj dem auch Phantasie- und Gefühlskräfte schulen und Auge und Hand bilden, und denjenigen Kindern, die im rein Intellektuellen versagen, andere Wege zum Aufbau ihrer Persönlichkeit zeigen. Wie lebendig stellt aas Kind seine Umwelt dar, mit welcher Sicherheit weiß es seine Erlebnisse zu gestalten, — und man ן weiß ja, welche überraschenden Verbindungen von der Kinderj kunst zur Modernen und auch der Kunst der Primitiven bestehen. Sache des Lehrers ist es, jedes Kind dem ihm ge-! mäßen Ausdruck, die ihm zusagende Technik und Arbeits- י methode finden zu lassen. Wie es natürlich ist, spiegelt solche ‘ Ausstellung sehr deutlich die Interessengebiete der Kinder f wider: Sport, Theater, Leben in der Natur und Großstadt, I — und selbstverständlich nehmen jüdische und biblische The- 1 men, Bilder und Basteleien aus einem erträumten Palästina J einen breiten Raum rin und zeigen uns das Verwachsensein I unserer Jugend mit diesen Inhalten. — Die Ausstellung ist 1 Sonnabend, den 20., und Sonntag, den 21. Juni, von 10 bis I 7 Uhr geöffnet. Adele Reifenberg-Rosenbaum. Vom jüdischen Parlamentsklub In Rumänien. Am 15. Juni trat das neugewählte rumänische Parlament zusammen, um die Thronrede des Königs zu hören. Die Thronrede enthält eine Anerkennung des Prinzips der nationalen Minderheit. Die erste Sitzung des Parlaments leitete als Alterspräsident der berüch* tigte Radau-Antisemit Professor Cu za. Die auf den Listen der Jüdischen Partei gewählten Dr. Theodor Fischer Und Dr. Mayer Ebner haben gemäß einem noch vor der Wahl getroffenen Abkommen auf ihre Mandate zugunsten Dr. Michael Landaus und Dr. Singers verzichtet. Theodor Fischer wird weiterhin Vorsitzender der Partei sein. Er Und Dr. Ebner werden Mitglieder des Jüdischen Pariamentsklubs bleiben. Hlstadruth Techeleth Lawan. Kürzlich erschien das zweite Heft der Bibliothek des Haschomer-Hazair noar zofi chaluri. ln einer Reihe von Heften sollen alle die Führung in der Schomerbcwegung betreffenden Fragen behandelt werden. In diesem Heft ״Der Führer“ sind die erzieherischen und organisatorischen Grundlagen dieser Jugendbewegung festgelegC In einer knappen aber übersichtlichen Form bietet das Büchlein einen Einblick in die Jugendbewegung und enthält eine Reihe von Angaben über die Führungsarbeit in den einzelnen Altersstufen in der Jugendbewegung. Das Fuhrerhandbuch ist durch die Hanhagah-Haraschith des Techeleth Uwaa Brünn, Kröna 12, zum Preise von 1 M. za beziehen. Aus dar Redaktionsmappe Aus einer Reihe uns in der letzten Zeit zugekommener Zuschritten und Artikeln, die sich u. a. mit Kongreßfragen beschattigen, können wir aus Raummangel nur einige Aus- Züge wiedergeben. Fünf jahresplan als Vorbild. — Um die zionistische Arbeit wieder zu beleben, und das zionistische Gefühl von neuem zu erwecken, sollen die Zionisten der ganzen Welt zu einer kollektiven Leistung auf gerufen werden. Diese würde sich auf die verschiedenen Gebiete verteilen, z. B. müßte sich der KKL mit seinen Vertrauensleuten und Ortsgruppenführern auf der ganzen Welt in Verbindung setzen und erklären, daß innerhalb von sieben Jahren jedes Land, jede Stadt usw. eine bestimmte Summe aufzubringen hat. Dadurch würde jeder kleine Ort, ja sogar jede einzelne Familie all ihre Kräfte zusammennehmen, um zur Erfüllung dieser Aufgäbe das ihrige beizutragen. Jeder einzelne würde ergriffen und gepackt sein, und im Wettstreit mit seinem Nächsten stehen, und es könnte sogar eine Prämie ausgesetzt werden. Andererseits müßte sich der Jischuw in Erez-Israel ein bestimmtes Ziel stecken, das er innerhalb dieser sieben Jahre erreichen will. In allen Siedlungen, ja selbst in den Fabriken und Industriestädten, müßte ein Programm festgelegt werden, das innerhalb von sieben Jahren erfüllt sein muß. Auch hier könnte eine Belohnung ausgesetzt werden dergestalt, daß die Siedlung o. a. die ihren Verhältnissen entsprechend am meisten geleistet hat, doppelten Zuschuß bekommt o. a. Selbstverständlich müßte der ganze Plan durch eine großzügige Reklame propagiert werden, und eine aus bedeutenden jüdischen und zionistischen Personlichkeiten zusammengesetzte Kommission müßte Jahr für Jahr zusammentreten, um die Leistungen auf den einzelnen Gebieten festzustellen. — Martin Hauser, Berlin C 54. Keine Weizmann-Debatten! — Im Bewußtsein der selbst von seinen Gegnern nicht wegzuleugnenden Verdienste des bisherigen Präsidenten Weizmann sollten auf dem Kongreß alle Debatten über die Person Weizmanns unterbleiben. Seine bisherigen Freunde und Mitarbeiter brauchen seine Verdienste, die genugsam bekannt sind, nicht hervorzuheben. Andererseits mögen die Gegner und Gegnerchen, anstatt sich in Vorwürfen und Kritiken zu ergehen, ihre Redner- und sonstigen Talente zum Nutzen des Zionismus, welcher sich derzeit in kritischer Situation befindet, in die Waagschale werfen und eine einheitliehe Gesinnung und Schaffensfreudigkeit fördern. Zwistigkeiten, Unzufriedenheit sind bald geschaffen. Dem vorzubeugen, wäre folgendes zu empfehlen: Anstatt einen Präsidenten י־ welcher als einzelne Person viel zu große Verantwortung jetzt tragen müßte — möge erwogen werden, ein dreigliedriges Direktorium aus den drei größten Parteien, bis zum nächsten Kongreß, zu erwählen. —- Jakob Grünewald, Hamburg. Fußball am Sabbat. — Die Nachricht ״Fußball am Sabbat“ in der ״Jüd. Rundschau“ vom 12. 6. 31 Nr. 45, wonach Orthodoxe Steine auf die Makkabim geworfen hatten (ohne Kommentar der ״Jüd. Rundschau“), muß mich als 40jährigen Zionisten empören. Leben wir im Mittelalter? Haben die Agudisten ein Recht, unserer Jugend Vorschriften zu machen, wann ihre Spiele stattfinden sollen? Oder leben wir in der Zeit Spinozas? Herr Sonnenfeld hat kein Recht, Andersdenkenden Vorschriften zu machen. Unsere Chaluzim, welche nach Palästina fahren, tan Entbehrungen auf sich zu nehmen, werden sich für so ein Mittelalter bedanken. <— F. Rothmann, Köln. / Hebräische Kulfnrkonferenz in Berlin Tagesordnun g: Sonntag, den 21. Juni, 10,30 Uhr: 1. Er- Öffnung; 2. Wahl des Präsidiums und der Kommissionen; 3. Referat von Dr. S. Rawidowicz: Schaffung eines interterritorialen Bundes für die hebräische Kulturbewegimg. Sonntag, 3—6 Uhr nachm.: 1. Aussprache über das Referat; 2. Berichte über die Tätigkeit der Landesorganisationen ״Tarbufh“ und ״Hamoreh“. Sonntag, 8 Uhr abends: 1. Abg. J. Grünbaum, Warschau: Unsere Schulpolitik; 2. Jakob Kahan, Warschau: Die hebräisthe Literatur und das hebräische Buch in der Diaspora; 3. Dr. A. Rosenfeld, Berlin: Die hebräische Jugendarbeit. Montag, den 22. Juni, 10—1 Uhr: 1. a) Dr. M. Soloweitschik, Berlin, b) Redakteur Moses Kleinmann, London: Der erste hebräische Weltkongreß. 2. Aussprache. Montag, 3 Uhr nachm.: 1. D. Lipetz, Kowno: Die zakünftigen Aufgaben des Weltbundes; 2. Aussprache; 3. Wahl des Aktions-Comitös des Bundes und der Exekutive. Montag, 9 Uhr abends; Geselliges Beisammensein. Im Rahmen der hebräischen Konferenz findet auch ein Vorirag von Dr. E. Carlebach über die Organisation der hebräischen Kulturarbeit in Deutschland und den benachbarten Ländern statt. Aus Berlin und anderen Städten Deutschlands sind zahlreiche Delegierte angemeldet, die von der hebräischen Schriftstelferorganisation, dem Lehrerverbande und den Jugendorganisationen entsendet werden. Das Zionistische Zentralkomitee in Polen delegiert die Herren J. Grünbaum, Grawicki, Dr. Ellenberg, Dr. Davidsohn und Dr. Lifscbitz. Aus Litauen sind Privatdozent Dr. Schapiro, Moses Kahan und D. Lipetz gewählt worden. Das ״jüdische Jahrbuch 1931" (Verlag Jüdisches Jahrbuch, Berlin S 42), das kürzlich erschien, ist eine würdige Fortsetzung dieser Publikation, die sich seit einigen Jahren bereits eingebürgert hat und ein nützliches Nachschlagebuch geworden ist. Das Buch enthält eine Anzahl von Aufsätzen über das Leben der Juden in Deutschland, darunter eine statistische Darstellung der Berliner jüdischen Bevölkerung, einen Jahresrückblick auf die Vorgänge in der Berliner Jüdischen Gemeinde, ferner Uebersichten über die Juden im deutschen Geistesleben, die jüdische Wohlfahrtspflege usw. Auch Fragen der Kunst werden gestreift, so der Architektur in dem Aufsatz von Regierungsbaumeister Beer über den jüdischen Kultbau, oder der Musik in einem Aufsatz über die jüdische Schallplatte. Der Hauptwert des Buches besteht wohl in dem Adressenverzeichnis der jüdischen Organisationen und Vereine, der Uebersicht über die Berliner Gemeindeverwaltung und die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Besonders hervorzuheben wäre die Bilderbeilage, darunter insbesondere eine Anzahl Porträts von jüdischen Persönlichkeiten, die Im letzten Jahre gestorben sind. Der Preis des gut ausgestatteten Buches beträgt 4,80 M. Auf dem ״Internationalen Kongreß für Städtebau und Wobnungswesen“, der unter Beteiligung von 26 Ländern vom 1. bis 6. Juni im Herrenhaus in Berlin tagte, berichtete der Leiter des Zentral-Amts für städtische Arbeiter-Siedlungen in Palästina, Leo Kaufmann, über den Bau billiger Wohnungen in Palästina. Der Bericht fand starkes Interesse des Kongresses und wurde in der Debatte lebhaft besprochen. In den nächsten Wochen erscheint im Verlag der Md. Sou.•Dem. Arb.-Örg, Poale Zion in Wien der erste Band der Schriften Borochows in deutscher Sprache, Auskunft erteilt das Berliner Sekretariat der Poab Zion, Berlin N 34, Augtulstr, 17., Ueber die jüdische Eigenart Von Prof. Dr. A. Katzinski, Königsberg. In dem ersten bisher (im Jüdischen Verlag, Berlin) erschieneaen Band ״Die soziale Struktur der Juden“ beschäftigt sich Ruppin auch mit der seelischen Eigenart der Juden. So treffend hier Einzelheiten von ihm dargestellt werden, so findet doch das wesentliche Moment des Problems keine ausreichende Erörterung. Auf einzelne dieser Faktoren, die mir ungenügend beleuchtet zu sein scheinen, sollen die nachfolgenden Bemerkungen hinweisen. Bei der Betrachtung der seelischen Eigenart sind drei Gcsichtspunkte zu unterscheiden. Einmal hat man die Beziehungen zwischen köiperlichen und seelischen Merkmalen zu betrachten. Hier vertritt Ruppin die berechtigte Auffassung, daß die äußeren Merkmale der menschlichen Gestalt, wie Schädelform u. ä., keinen direkten Einfluß auf die geistigen Anlagen haben, daß dagegen die Drüsen mit Innerer Sekretion, deren Bedeutung früher nicht berücksichtigt wurde, die seelische Eigenart des Menschen weitgehend bestimmen. Sicherlich haben diese Drüsen eine größere Bedeutung als die Körperformen. Man muß sich aber hüten, an Stelle der ״Schädelformel“ die ״Drüsenformel" zu setzen und sie weitgehend zur Grundlage seelischer Differenzen zu machen. Das ist schon deshalb nicht statthaft, weil das Zusammenarbeiten der einzelnen Drüsen und ihrer Auswirkung auf Seelisches im einzelnen noch völlig unsicher und unbekannt ist. Wir wissen noch gar nicht sicher, in welchem Ausmaß diese Beeinflussung stattfindet, wie sie sich auswirkt, welche Veränderung die Drüsenfunktionen durch seelische Vorgänge erleiden können. Alle diese Vorfragen müssen erst geklärt sein, ehe man die Bedeutung der Drüsen für die seelische Eigenart näher zu bestimmen versucht. Endlich muß daran erinnert werden, daß die körperlichen Formen und Finde־• tionen nur «ine Bedingung des Seelischen darstellen. Doch soll darauf hier im einzelnen nicht eingegangen werden. Zweitens hat man die sozialen, historischen und sonstigen dispositioneilen Faktoren einer genaueren Analyse zu unterziehen. Diesen Fragen hat Ruppin vor allem seine Aufmerksamkeit zugewandt. Er glaubt die seelische Eigenart der Juden hinreichend dadurch zu charakterisieren, daß die Juden, ähnlich wie die Chinesen, die Stufe der Vorherrschaft der Instinkte bereits in höherem Maße hinter sich haben als neue Kulturvölker. Die Mentalität, die die Juden von heute zeigen, sei die Mentalität der Nichtjuden von morgen. Er glaubt, daß in den Vereinigten Staaten sich auch unter den Nichtjuden schon heute ein den Juden verwandter Rationalismus zeige. Er stellt die Fähigkeit zu schneller Ideenassoziation als Quelle der jüdischen Mentalität hin. Nach ihm ist also die Hauptursache für die geistige Eigenart der Juden in dem hohen Alter ihrer Kultur zu suchen. Dazu kommen noch soziologische Faktoren, wie z. B. die Tatsache, daß die Juden seit 2000 Jahren Stadtbewohner sind, daß sie sich vorwiegend mit Handel beschäftigen u. ä. So unbestreitbar diese Tatsachen sind, so berühren sie doch nicht den Kern der jüdischen Eigenart. Alle die Merkmale, die Ruppin nennt, und die er als Mentalität zusammenfaßt, wie geistige Beweglichkeit, Findigkeit, Zielstrebigkeit usw. sind nur technische Mittel, mit denen sich der Mensch in der Umwelt durchzusetzen und zu behaupten versucht. Hier handelt es sich nur um periphere geistige Leisterngen, um Randerscheinungen des Seelischen. Es ist zuzugeben, daß sich oft die Unterschiede verwischen, aber Ruppin selbst nennt ein Beispiel, das den Unterschied zwischen Christen und Juden kennzeichnen soll. Er erwähnt die Untersuchungen von Nemezek, Ruppin u. a., die die Btldbeschreibung von Sch fflern zum Gegenstand hatten. Diese Untersuchungen, deren Methodik im übrigen durchaus anfechtbar ist, mögen einen Vergleich jüdischer und nichtjüdischer Mentalität erlauben, aber midi nicht mehr. Hier scheinen ändere Untersuchungen, so z. B. über die verschiedene Art, wie die Engländer und die Franzosen physikalische Probleme betrachten und zu lösen versuchen, überzeugender zu wirken. Der Franzose versucht durch Verbindung von Prinzipien und Hypothesen die Erscheinungsreihen zu erklären und zu verstehen. Der Engländer versucht es, sich den Sachverhalt anschaulich in Gestalt eines Modells vorzustellen und so zur Lösung des Problems zu kommen. Aber selbst derartige feinere, nicht vom Statistischen abhängige Unter- Scheidungen sind nicht geeignet, wesentliche Differenzen in der Eigenart verschiedener Völker zu berühren. Auch die Frage, ob quantitative oder qualitative Differenzen bei der geistigen Verschiedenheit zwischen Juden und Christen vorliegen, scheint mir nicht von wesentlicher Bedeutung. Es״ kommt vielmehr auf die verschiedenen Struktur -und Lagerungsverhältnisse in der Seele der einzelnen Völker an. Die einzelne, sowohl mentale wie auch tiefenseelische Eigenschaft mag bei den verschiedensten Völkern Vorkommen. Wie sie der Gesamtstruktur eingegliedert ist, wie sie sich in der gesamten Lebenshaltung auswirkt, das ist maßgebend für die Erkennung der jeweiligen Wesensart. Es dürfte auch nicht so belanglos sein, wie Ruppin es glaubt, ob der Einfluß der seelischen Rassenanlage auf die Umwelt oder der Einfluß der Umwelt auf die Rassenanlage das Primäre ist. Das zentrale Problem ist vielmehr: Ist die jüdische Wesensart in ihrem Kern konstant oder ist sie durch die Geschichte und die sozialen Bedingungen auch in ihrer Kernsubstanz verändert? Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hier eingeschaltet, daß unter rassenmäßiger Anlage nicht die Reinheit im somatobiologischen Sinne gemeint ist. Gewiß ist es richtig, daß die jüdische Seele nicht allein rassenhaft zu erklären ist. Hier wird jeder mit Weißenberg, Ruppin, Herz, Judt, Luschan und anderen Autoren, die diese Auffassung vertreten, übereinstimmen. Denn die Juden sind ja keine Rasse im landläufigen Sinne und waren es auch nicht zur Zeit ihrer Volkswerdung. Damit braucht aber nicht im Widerspruch zu stehen, daß die jüdische Seele in ihrem Kern konstant ist. Die Vitalität der Juden, die Gestaltung ihres Schicksals, müssen aus den äußeren Bedingtheiten herausgelöst werden, erst dann wird es möglich sein, zum Kern des jüdischen Wesens zu gelangen. Die technischen Mittel der Mentalität stellen nur Randerscheinungen dar. Wesentlich ist es aber, die seelische Grundhaltung des Menschen zur Umwelt, zur Natur, zu den großen Geschehnissen des Werdens und Vergehens, zu den Mitmensehen zu betrachten. Wir müssen uns z. B. fragen, wie hat der Jude den Tod und das Leben bewertet, welches Verhältnis nimmt er zum Schicksal und zum Leid ein? Welche Bedeutung hat für den Juden Sein und Schein, wenn er Wertungen vornimmt? Wie assimiliert der Jude sich der Umwelt, wie gestaltet er diese seiner Art entsprechend um? Gibt er dabei sich selbst in wesentlichen Dingen auf? Auch die Frage des Ressentiments, des Lebensneides im Verhältnis zu den anderen Völkern und seine Bedeutung für die Gestaltung des Schicksals und der seelischen Grundhaltung führt zu dem Kern des Problems. Welche Rolle spielt das Triebleben, die Triebhemmung, der Triebverzicht? Tatsachen, um ein konkretes Beispiel zu nennen, wie die, daß sich der Jude kein Bild von seinem Gotte machte, sind geeignet, zur Erkenntnis des Wesentlichen zu führen, Wollte man derartige Tatsachen nur durch soziologische und historische Momente erklären, so würde man nie zur letzten Erkenntnis gelangen. Die oft geäußerte Behauptung, daß das Gesetz und die Absperrung von der Außenwelt die Dauer der jüdischen Art bedingte, dürfte nicht zu treffen. Mir scheint, daß es sich vielmehr umgekehrt verhält. Die seelische Vitalität der Juden hat alle jene Anpassungs- und Mentalitätserseheinungen hervorgerufen, die nötig waren,!um die. Konstanz des jüdischen Wesens zu erhalten«

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