Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 46 (16.6.1931)
- Date
- 1931-06-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46, 16. VI. 1031 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 285 Der T«ö der Ersttintfifrüdtie V'on unserem palästinensischen Korrespondenten. AG, Tel-Awiw, 27, Mai 1931. Es ist schon einige Jahre her, daß ich zufällig am Todestage Herzls mit einem palästinensischen Kind über den Führer sprach und mir erzählen ließ, was sich ein Neun- oder Zehnjähriger unter dieser Figur vorstellte. Es kam nicht viel Besonderes bei diesem Gespräch heraus, aber ein Satz blieb mir im Gedächtnis haften. Das Kind sprach von den Taten Herzls und begann mit der klassischen Märchcneinleitung: und es war vor langer langer Zeit, als die Juden noch nicht in Pa- Iastina, sondern im Galuth waren. Diese Haltung habe ich unter den Kleineren, die noch nicht recht in der ״Geschichte“ Bescheid wissen und noch kein nach Jahren und Jahrhunderten geteiltes Zeitbewußtsein besitzen, immer wieder gefunden. Auch wenn sie nicht hier geboren sind, haben sie schon nach wenigen Jahren sich so eingebürgert, daß ihnen alles ״Ausland“ (ein unendheh häufig gebrauchtes Wort!) sehr nebelhaft erscheint. Und bald bildet sich der Eindruck, daß das Galuth ״lange lange“ zurückliegt und gewissermaßen ein anderes Zeitalter darstellt. Man kann darüber streiten, ob diese Haltung zu bejähen ist. Sicher wird sie im Geschichtsunterricht stark verändert, vielleicht über den Haufen geworfen werden müssen, wenn nicht ein schiefes Weltbild bei der Jugend sich bilden soll. Andererseits liegt in dieser Selbstverständlichkeit, mit der sich der kindliche Geist zurechtfindet, etwas Tröstliches. Nirgends kommt die Sicherheit und Wurzelhaftigkeit in der Umgebung, die viele palästinensische Kinder zeigen, so plastisch zum Ausdruck wie bei den Festen, die sie als ihre besondere Domäne betrachten. Zu diesen Festen gehört ein großer Teil der Feiertage, und manche Daten, die im Galuth bereits viel von ihrem Glanz einbüßten, bekommen hier eine Spezialbedeutung. Lehrer, Eltern und besondere Institutionen, vor allem der Keren Kajemeth, sind eifrig darum bemüht, die alten Festesformen für die Gegenwart umzuwandeln. Eine dieser neuen Formen, die relativ ganz jung ist, ist die Darbietutig der Erstlingsfrüchte am Wochenfeste an den Keren Kajemeth. E*ne Tradition aus dem Galuth für diese Darbietung, an die man hätte anknüpfen, eine Form, die man hätte einfach übernehmen können, bestand nicht. Wenn man Vorbilder suchte, so mußte man bis in die Tempelzeit mit ihrem Opfer der Erstlingsfrüchte zurückgehen. Wie gefährlich, wie unmöglich das war, leuchtet ein. Man konnte also sich nur an alte Ideen anlehnen, die Formen mußte man neu schaffen. Das tat man auch und das Fest der ״Habaat Habikurim“ wird jetzt Jahr um Jahr von Schulen und Kindergärten gefeiert, und es beginnt sich so etwas wie eine Tradition heraus-?״bilden. Am festgesetzten Tage sicht man schon früh die Kindergärten sich sammeln und nach den verschiedenen Spielplatzen gehen. Man hat oft gesagt, daß die Früchte, die man aarbringt, eigentlich die Kinder selbst sind. Und etwas von diesem Eindruck haftet auch wirklich den langen Reihen von Kleinen an, die alle in Weiß mit Blumen bekränzt und mit Blumen in den Händen singend durch die Straßen ziehen und auf den freien Plätzen tanzen. Das große Fest des Tages bereiten die Lehrer vor, die mit dem Keren Kajemeth in Verbindung stehen. Ungleich sonstigen Festen ist diese Feier nur Eingeladenen zugänglich, die sich auf dem großen Sportplatz vor der Stadt einfinden. Der riesige Platz ist bekränzt und mit Fahnen verziert, in der Mitte ist ein Podium aufgebaut, das die Gaben der Kinder aufnehmen soll. Mit einem Trompetenstoß wird das Fest eröffnet. Und dann klingt über den weiten 'Platz Beethovens Psalm ״Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Die unsterbliche , vertraute. •Musik erscheint neu, als׳ sie über ׳die Kind«*״ Mnweht, die in langen Reihen sich an das Podium schließen, weiß und bunt von Blumen und Kränzen. Eine Stelle aus dem Tanach folgt, in den alten, immer wieder erschütternden Wendungen, die von dem Lande handeln, das dal Kindern Israels verheißen wurde und dem es seine Früchte verdankt. Das sind die großen Momente des Festes, die hinüberschauen lassen in graue Vergangenheit und mancherlei Fäden aufdecken, die aus jenen Zeiten hinüberführen in das immer noch zu neue Tel-Awiw. Dann kommt der eigentliche Akt. Jedes Kind bringt, was es zu geben hat, ein paar Blumen, Gemüse, Früchte, Geflügel und alles baut sich auf dem Podium zu einer großen Pyramide. Es gibt lustige Szenen dabei, wenn ein Huhn sich hartnäckig weigert, seinen Platz einzunehmen, über das ganze Feld Reißaus nimmt und mit großem Rennen und Hallo wieder eingefangen werden muß. Es gibt auch gelegentlich ein Durcheinander und Unordnung, aber schließlich fangen die Kinder von sich aus an zu tanzen, es wird ungezwungen und überall singt man, was einem grade einfällt. Der Keren Kajemeth ist zufrieden. Er hat wieder für seine Idee geworben. Manche ״Fachleute“ schütteln die Köpfe. So kann man Massenfeste nicht machen. Und in den Einzelheiten, die sie kritisieren, haben sie sicher recht Die Lieder klappten nicht, dies und jenes sah gekünstelt aus, es gab keinen richtigen Rhythmus. Im vorigen Jahr sei es viel besser gewesen usw. Daß sich viel kritisieren läßt, ist sicher. Aber was hier unternommen wird, ist eine Riesenaufgabe. Neue Formen für Massenfeste finden, noch dazu bei Kindern, denen man jede Regie sofort anmerkt, das ist sehr schwer. Es sind dazu noch diese Feste aus keinem speziellen Bedürfnis heraus entstanden, nicht aus einer Gewohnheit erwachsen, sondern wie am dem Boden gestampft. In den Kolonien ist es noch leichter. Dort hat das aufwachsende Kind wirklich mit der Ernte, dem Einbringen der ersten Früchte direkt zu tun, es weiß, was eine gute Ernte bedeutet, der ganze Vorgang ist ihm lebendig und verständlich. In der Stadt fehlt das alles und es ist kein kleines Unterfangen, Symbolik verständlich zu machen. ,Es gibt also viele technische Mängel, viele Einwände gegen oe Art der Veranstaltung — und doch liegt über diesem Fest etwas besonders Rührendes. Es macht nachdenklich und hoffnungsvoll. Es stellt uralte Verheißungen, uralte Sprüche und Wendungen in einen neuen Zusammenhang. Es läßt für eine kurze Stunde Politik, Sorgen und Schmerzen vergessen und führt zurück in die Urgründe des Volkstums. Das ist mehr, als man von vielen Festen sagen kann. Bei den Wahlen in die rumänische Kammer und den Senat wurden insgesamt elf jüdische Kandidaten gewählt, und zwar sechs Senatoren und fünf Kammerdeputierte, die Abgeordneten der Jüdischen Nationalpartei Dr. Mayer Ebner, Dr. Theodor Fischer, Dr. Josef Fischer und Dr. Max Diamant und der auf der Liste der Magyarischen Partei gewählte Deputierte Nandor Hegedüs. Als zwölfter jüdischer Parlamentarier kommt Oberrabbiner Dr. I. Niemirower, der als Vertreter des jüdischen Kultus dem Senat angehört, hinzu. Der Pogrom in Zloczew (s. vorige Nummer der ״Jüdisehen Rundschau“) ist in seinem Ausmaße viel größer gewesen, als man zuerst geglaubt hatte. Mehr als 200 Juden sind verwundet, fast alle jüdischen Geschäfte wurden demoliert. Der Pogrom wurde von langer Hand vorbereitet. Bauern der Umgebung waren unter Führung Ortseingesessener die Hauptexzedenten. Die Urheber des Pogroms sind die Lehrer der staatlichen Schulen in Zloczew. 30 Exzedenten wurden verhaftet, Sensationeller Kommunisienproze$ Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG, Tel-Awiw, Ende Mal. In der letzten Woche wurde in Jaffa ein Prozeß durchgeführt, der mehr als lokale Bedeutung hat und im Lande berechtigtes Aufsehen hervorrief. Es handelte sich um einen der Kommunistenprozesse, die in den letzten Jahren in Palästina häufig geworden sind, der aber dieses Mal einen speziellen und charakteristischen Anstrich trug. Unter dem im Lande herrschenden System sind Anklagen gegen Kommunisten sehr leicht zu produzieren. Da die Behörden das Recht administrativen Eingriffs schon auf Grund eines bestehenden Verd a c h t c s haben, gibt es praktisch gesehen keine Grenze für die Anklage politisch verdächtiger Personen. Da außerdem bestimmte Beweisobjekte, wie kommunistische Broschüren oder Aufrufe, relativ sehr leicht zu fassen sind, ist die Regierung selten um die notwendigen Indizien verlegen. Man hat sich also im Lande ziemlich daran gewöhnt, es mit einer laufenden Kette von Kommunistenprozessen zu tun zu haben, die meistens mit der Ausweisung der Angeklagten, zumindestens mit einer kürzeren oder längeren Haft enden. (Der Oberkommissär im Lande hat bekanntlich das Recht, jede ״uncrwünschte Person“ des Landes zu verweisen.) Der letzte Prozeß aber unterschied sich von den früheren in doppelter Hinsicht: Es spielten bei den Verhandlungen Geheimagenten eine hervorragende Rolle und es zeigte sich, daß es auch unter den Arabern bereits Anhänger des Kommunismus gibt, die ihrer Sache treu bleiben wollen, sie vor Gericht verteidigen und einen neuen revolutionären Typus darstellen. Einen besonderen Aspekt bekamen die Verhandlungen noch dadurch, daß der wichtigste Belastungszeuge der Bruder des Angeklagt e n war und genau über ihrer beider Entwicklung, ihre kommunistische Erziehung, ihr Studium in Moskau und ihre Arbeit im Lande Auskunft gab. Dieser Zeuge ist auch in weiteren jüdischen Kreisen nicht unbekannt. Er war einer der wenigen arabischen Arbeiter, die auf der letzten Konferenz der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation Begrüßungsreden hielten. Es scheint, daß er längere Zeit für die kommunistische Bewegung arbeitete, dann in Moskau an der Hochschule für orientalische Völker studierte und nach Palästina zurückkam. In dieser letzten Zeit muß es der Regierang gelungen sein, ihn seinen früheren Zielen abwendig zu machen. Der englische Geheimdienst im Lande, der besonders in letzter Zeit außerordentlich aktiv ist, hat alle Anstrengungen gemacht, die unterirdisch arbeitenden Kommunisten lahmzulegen. .Es wurden immer wieder Leute wegen Verbreitung unerlaubter Literatur und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit angeklagt und verurteilt. In diesem letzten Prozeß jedoch, in dem Achmad Machdi gegen seinen Bruder zeugte, erwies sich, daß es der Polizei gelungen ist, bis in die Zentrale der Partei einzudringen, und zwar durch einen ihrer eifrigsten früheren Anhänger. Die Früchte dieser Anstrengungen erntete die Regierung in diesem Prozeß. Noch eine interessante Einzelheit hat sich während der Vernehmungen herausgestellt. In einem der letzten Kommunistenprozesse wurde es einzelnen Zeugen erlaubt, hinter einem Wandschirm auszusagen. Der Vorgang erregte natürlich unliebsames Aufsehen und gab sogar Anlaß zu einer Frage im House of Commons, was das Colonial Office zwang, gegen diese Art der Prozeßführung einzuschreiten. Es zeigt sich jetzt, daß dieselben Zeugen auch in dem Prozeß um Machdi eine Rolle spielen, daß also die Regierung schon damals auf den großen Coup hinarbeitete, sich aber scheute, ihre Zeugen vorzuführen und sie hinter dem Wandschirm versteckte. -.. .' - ־ Der Prozeß hat ein helles Licht auf den unterirdischen Kampf geworfen, der sich mit verstärkter Wucht in der letzten Zeit zwischen Regierung und kommunistischen Emissären abspielt. Er zeigt weiter, daß unter gewissen — selbstverständlieh kleinen — Kreisen der Araber eine starke Umwälzung vor sich geht, die' einzelne Typen wie den Angeklagten zu bewußten Verteidigern revolutionärer Ideen macht. Es ist das eine Entwicklung, die viele überrascht haben wird, die aber nicht übersehen werden darf, weil sie das Bild־'der in Palästina aktiven politischen Kräfte vervollständigt. Eindrücke aus Ben Schemen Im Rahmen der ״Jüdischen Waisenhilfe“ gab Käte B a e r einen eminent anschaulichen Bericht über die Erfahrungen, die sie während ihrer pädagogischen Tätigkeit in Ben Schemen gemacht hat Die Kinder, die hier ein Heim gefunden haben, erwecken den Eindruck eines bunten Völkergemischs; sie kommen aus dem Orient, aus Rußland, Polen, aus dem Kaukasus, Persien, Jemen usw. In Ben Schemen haben die Kinder Heim, Schule, landwirtschaftliche Ausbildung, vor allem ein vorbildliches Gemeinschaftsleben, dessen innere Ordnung nicht durch äußeren Zwang, sondern eben von einem kollektiven Gemeinschaftsbewußtsem her geregelt wird. Die drei- bis sechsjährigen Kinder leben 1m Kindergarten, noch abgetrennt vom Kinderdorf, unter weiblicher Aufsicht. Sie haben eine kleine Gartenwirtschaft, die sie selber betreuen. Auch die Sechs- bis Achtjährigen, die schon mit den Anfangsgründen der Schule beschäftigt sind, sind noch von dem eigentlichen Jugenddorf ziemlich isoliert. — Die nächste Stufe bildet die ״Chevrath Jeladim“, das sind Kindergemeinschäften im Alter von 71/3 bis 15 Jahren. Sie werden von einigen Erwachsenen und einigen Jugendlichen geleitet. Hausvater und Hausmutter vertreten Vater- und Mutterstelle und schaffen in fest geschlossenen Gruppen eine Art von Famiiienstil. Die Neun- bis Zwölfjährigen lernen nach der sogenannten Projektmethode: eine Zeitlang wird ein bestimmtes Thema von allen möglichen Gesichtspunkten bearbeitet. Für die Elf- bis Dreizehnjähriger» und die Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen hat sich eine andere Methode als günstiger erwiesen: mehrere Tage hintereinander beschäftigt man sich mit einem Fach, dann wieder mit einem anderen. Ein Teil des Tages bleibt der Schularbeit reserviert, die unter starker gegenseitiger Hilfe der Kinder vor sich geht. Neuerdings winl viel Arabisch gelernt. Ein Araber kommt nach Ben Schemen und, da er kaum ein Wori hebräisch kann, vollzieht sich der Unterricht in einem Gemisch von Cheder- und 13er« litzmethode. Bei den Erwachsenen ist Arabisch als Pflichtfach eingeführt. Der eigentliche Träger des geistigen Lebens sind die Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen, die sogenannten ״Chevrath Hanoar“. Diese Jugendgemeinschaft von etwa 50 Mitgliedern setzt sich aus den nunmehr herangewachsenen Zöglingen des Heims, aus Elementen der Arbeiterjugend des Landes und Kreisen aus dem Herzl-Gymnasium zusammen, die zum Teil zur Landwirtschaft übergegangen sind. Die jugendlichen Bewohner von Ben Schemen spiegeln vielfach die Züge der übrigen palästinensischen Jugend wieder. Gegen jede Art Chauvinismus suchen die Erzieher Ben^ Sehemens durch Diskussionen zu wirken (Araberfrage, Gewaltherrschaft, Krieg. Heldentum, soziales Leben). Ein schwieriges Kapitel bildet die religiöse Erziehung. Die Jugend ist areligiös. Wie überall in dieser Generation, so ist auch für sie die Ueberschätzung der Macht der Technik, der Macht des Menschen usw. bezeichnend. Der Fr/Hier lut liier die Aufgäbe, andere Kriterien entgegenzusetzen. Das beste Gegengewicht bildet die hohe Wertschätzung, die dem ״Isch Chevruthi“ gezollt wird, dem Menschen mit Gemeinschaftssinn. Ein anderer hcrvorsteliender Charakterzug ist das starke Verantwortlichkeitsgefühl jeder übernommenen Arbeit gegenüber, auch der unangenehmsten. Diese Einstellung zur Arbeit ist natürlich Resultat eines langsamen Erziehungsprozesses. Das Palästina-Mandat Wie bereits kurz mitgeteilt, erschien im Verlag Rousseau & Cie., Paris, eine Arbeit von Abraham Baumkoller ״Le Mandat sur la Palestine“. Es handelt sich um eine Doktorarbeit an der staatswissenschaftlichen Fakultät in Paris. Das Buch ist eine nüchterne Darstellung des Inhalts und der Geschichte des Palästina-Mandates. Wiewohl es im Wesen der Sache liegt, daß dem Kenner des Gegenstandes hier wenig Neues geboten werden kann, ist doch die Behandlung und Gliederung des Buches auch für bereits informierte Leser anregend und interessant. Der Verfasser schildert zunächst die Entstehung des Mandatssystems und seine Grundlegung im Art. 22 des Völkerbundpaktes, und befaßt sich dann im ersten Hauptteil des Buches mit der Situation des Landes Palästina und der für dieses Land bestimmenden Faktoren. Dabei wird ein kurzer Umriß der arabischen Nationalbewegung vor dem Kriege sowie des Zionismus gegeben. Im zweiten Hauptteil werden die verschiedenen, während des Krieges abgeschlossetien, auf Palästina bezüglichen Verträge analysiert und schließlieh die endgültige Regelung der Palästinafrage auf der Konferenz von San Retno sowie im Entwurf des PalästinarMandates beschrieben. Der wichtigste Teil des Buches ist der dritte Abschnitt, worin die Einzelheiten des Mandates, sein« Eigentumlichkeiten und seine bisherige Durchführung in großen Zügen Umrissen werden. Sachgemäß und zutreffend teilt der Verfasser diesen Abschnitt in drei Kapitel: Verpflichtungen der Mandatarmacht gegenüber dem Mandatsgebiet, Kontrolle des Völkerbundes über das Mandat und schließlich das Jüdische Nationalheim. In dem Mandat werden bekanntlich die Macht- Vollkommenheiten der Regierung geregelt. Es finden sich Be- Stimmungen über die Selbstverwaltung, wobei freilich der Mandatarmacht die Führung der zentralen Regierung unbeschränkt durcii das Mandat übertragen ist, während Selbstverwaltung partikulär eingeführt wird, einerseits für die Munizipalitäten, andererseits für die religiösen Gemeinschaften. Ueber die Finanzverwaltuirg, eine der wichtigsten Fragen, enthält auffallenderweise das Mandat keine Bestimmungen; die finanzpolitische Selbstverwaltung Palästinas leitet sich aus Art. 22 des Völkerbundpaktes her. Der Abschnitt über das Jüdische Nationalheim bespricht nicht nur die einzelnen hierfür wichtigen Artikel des Mandates und ihre Anwendung, sondern enthält auch bereits eine Diskussion des Weißbuches vom 20. Oktober 1930, wobei die bekannten Einwendungen gegen dieses Weißbuch erhoben werden. Zusammenfassend kommt Baumkoller zu dem Ergebnis, daß gemäß dem Text und Sinn des Mandates der Mandatarmacht eine zweifache Verpflichtung obliegt, nämlich einerseits die Verwaltungspflichten gegenüber dem Mandatsland, andererseits die spezielle Verpflichtung zur Durchführung der Balfour-Deklaration betreffend das Jüdische Nationalheim. ״Die Mandatarmacht hat Palästina zu einer unabhängigen Staatsform zu entwickeln. Aber das Mandat verpflichtet ebensowenig zur Schaffung eines jüdischen Staates wie eines arabischen Staates. Das Endziel des Palästina-Mandates ist der p a 1 ä s t i n e n s i s c h e Staat.“ Auf Grand dieser Ueberlegungen, so schließt der Verfasser, muß dieses Staats- ■wesen eine ganz spezielle Struktur erhalten. Der Staat Palästina muß künftig aus zwei Elementen zusammengesetzt sein: .'*tfw!r־׳EteWent,־das auf Grund ■seiner 1m'״Mandat‘anerkannten > ״historischen Verknüpfung“ ins Land gekommen ist und dort sein Nationalheim errichtet hat, und dem anderen Element, das durch die gegenwärtige Bevölkerung gegeben Ist. Die Aufgabe ist also die Ausgestaltung Palästinas.in einen (!!nationalen Staat, in der Form einer Föderation, falls dies sich empfiehlt, oder aber in irgendeiner anderen Form, die von der politischen Entwicklung herbeigeführt werden wird. Dieses Ziel ist freilich noch weit von der Verwirklichung entfernt. Aber nichtsdestoweniger muß man begreifen, daß hierin die Idee des Palästina-Mandates enthalten ist. Der Autor vermochte nach der ganzen Anlage des Buches gewisse Einzelfragen der palästinensischen Verwaltung und des geltenden Rechtes nur in Allgemeinheiten zu behandeln, auch wird man über manche juristische Interpretationen streiten können. An einzelnen Stellen verfällt er aus der juristischen Deduktion in politische Polemik. Sein Buch wird in der politischen Welt, die vielfach sich der französischen Sprache bedient, der Sache des Jüdischen Nationalheims zweifellos wertvolle Dienste leisten. Auch für die zionistische Bewegung selbst ist dieses Buch ein Gewinn, da im französischen Sprachgebiet die zionistische Literatur nur sehr unvollständig ist und insbesondere an sachlich informierenden, von Wissenschaftlichem Gesichtspunkt geschriebenen Darstellungen es bisher gefehlt hat. Der Klagemauer-Entscheid. Der Genfer Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“ meldet, daß die ganz überraschende Verfügung des Oberkommissars für Palästina, der den Entscheid der Klagemauer-Kommission sofort in Kraft gesetzt habe, gerade in dem Augenblick, als in Genf die Mandatskommission des Völkerbundes zusammengetreten ist, vielfach mit einigem Staunen auf genommen worden ist. Der Korrespondent meint, die englische Regierung habe sich beeilt, eine vollendete Tatsache zu schaffen, da sie wußte, daß• der Entscheid beide Teile mehr oder weniger enttäuschen werde. Das schließe jedoch nicht aus, daß trotzdem von der einen oder anderen Seite dagegen beim Völkerbund noch protestiert wird. ln einem Leitartikel des ״Manchester Guardian“ wird darauf hingewiesen, daß die Entscheidungen der Klagemauer-Kommission größtenteils zugunstenderMoslems ausgefallen sind. Es wurde ihr Eigentumsrecht an der Klagemauer anerkannt, und die einzig ihnen aufericjpen eschränkun- ־־ ‘ ־'*׳ ׳ ” ' .. ~ ־ . . . , .§ kaum ermutigend. Die Moslems haben schon vor dem Erscheinen des Berichts der Kommission sich geweigert, seine Rechts- Verbindlichkeit anzuerkennen. Auch die Juden seien anscheinend jetzt ebensowenig wie früher mit einer Einschränkung ihrer hergebrachten Gepflogenheiten, einverstanden. Die für die Mandatarmacht einzig mögliche Lösung scheine die zwangsweise Inkraftsetzung der Entscheidungen der Klagemauerkommission, als einer völlig unparteiischen Körperschaft, zu sein. Am 8. Juni wurden von der Völkerbundskommission zur Prüfung der Frage der Kalenderreform die jüdischen Vertreter, Grand Rabbin Levi, Chief Rabbi Hertz, Rabbiner Hy amson, Rabbiner Pinchas Kohlt und Oberrabbiner Lewenstein, empfangen. Sämtliche genannten Herren legten in eindrucksvoller Weise dar, daß die jüdische Gemeinschaft aus religiösen Gründen jede Kalenderreform ablehnt, die durch Einführung eines Blankotages eine Beweglichkeit des Sabbat zur Folge hätte. Am nächsten Tage hörte das Komitee die Vertreter Deutschlands, Rabbiner Dr. Jakob Horowitz und Dr. Samuel Grünberg.