Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 45 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 278 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 45, 12. VI. 1931 Ein übernationaler palästinensischer Arbeiterverband Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG, Tel-Aww, 4. Juni TOI. ln bescheidenem Rahmen, ohne besondere Aufmachung und von der allgemeinen Presse — abgesehen von dem Organ der Arbeiterschaft — nur spärlich kommentiert, fand vor einigen Tagen in Tel-Awiw die Konferenz der palästinensischen Arbeiter bei Eisenbahn, Post und Telegraphie statt. Die Konferenz hat ihre besondere Bedeutung, dem sie ist ein Versuch, jüdische und arabische Arbeiter in einen ge• m einsamen organisatorischen Rahmen zu bringen. Gerade heute, wo immer wieder über dieses Problem gesprochen wird, hat diese Zusammenkunft ein spezielles Interesse. Die Aufgabe, eine gemeinsame Gewerkschaft von Juden, und Arabern zu schaffen, war sehr kompliziert. Ein Teil der jüdischen Arbeiterschaft hatte im Grtmae nicht viel für den Plan übrig. Die Regierung hatte alles andere als Vorliebe für den Plan. Die Erörterung sozialer Fragen, die Forderung nach minimalen Arbeiterschutzgesetzen, der Einführung eines Ruhetages in der Woche, der Schaffung von Krankenkassen, der Ruf nach einem einigermaßen menschlichen Arbeitslohn — all das widersprach kolonialen Administrationsmefhoden. Die Unterschiede zwischen den beiden Teilen der Gewerkschaft, dem jüdisehen und arabischen, waren einschneidend. Andere Sprache, andere Sitten, ein verschiedenes Entwicklern gsniveau, verschiedene Kenntnisse, verschiedene Tradition. Dazu kam noch, daß die allgemeine Atmosphäre solchen Unternehmungen durchaus imgünstig war. Besonders in der letzten Zeit ist naturgemäß das Mißtrauen gegen jede gemeinsame Aktion außerordentlich groß. Und während unter den Juden der Einfluß der Arbeiterschaft im Jischuw so groß ist, daß ihre Absichten von anderen Schichten nicht gestört werden können, hat die arabische Arbeiterschaft, die erst im Entstehen begriffen ist, heute noch kaum eine Meinung, geschweige denn eine Stimme. Und die führenden arabischen Schichten sehen Annäherungen zwischen jüdisehen und arabischen Arbeitern aus nationalen und sozialen Gründen als verdächtig und gefährlich an. Die Organisation der Eisenbahn-, Post- und Telegraphenarbeiter war bisher ein kleines Anhängsel am großen Körper der jüdischen Arbeiterorganisation. Die letzte Konferenz brachte eine Aenderung. Die Gewerkschaft heißt jetzt: ״Intern ationaler Verband der Eisenbahn-, Post -und Telegraphenarbeiter in Palästina“. Als Ziel wurde erklärt: die Organisierung aller Arbeiter der Eisenbahn, Post und Telegraphie ohne Unterschied der Nationalität und Religion zwecks Verbesserung ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und professioneüen Lage, sowie Verteidigung ihrer Standesinteressen. Sämtliche Organe des Verbandes werden paritätisch von Juden und Arabern besetzt. Alle Publikationen erfolgen hebräisch und arabisch. Nach außen hin tritt der Verband als einheitliches Ganzes auf, auch gegenüber der Regierung. Die jüdischen Genossen gehören gleichzeitig der jüdischen Arbeiterorganisation an, in der sie eine geschlossene Gruppe bilden. Die arabischen Genossen nehmen an den allgemeinen arabischen Arbeiterklubs teil. Gemeinsames Ziel ist die Schaffung eines internationalen Arbeitcrverbandes, der alle Arbeiter Palästinas ohne Unterschied der Religion und der Volkszugehörigkeit umfaßt. Die Leitung des Eisenbahner-Verbandes wird mit der jüdischen Arbeiterorganisation über die Beteiligung der arabischen Mitglieder an den Wohlfahrtseinrichtungen der nistadruth beraten. Von arabischer Seite waren Bemühungen gemacht worden, die arabischen Eisenbahner von der Teilnahme an der Konferenz fernzuhalten. Der Eisenbahner-Verband hat auf den Angriff des arabischen Arbeiterklubs in Haifa eine Antwort veröffentlicht, worin er darauf hinweist, daß der Verband sich nur mit Standesfragen, jedoch nicht mit nationalen und politischen Fragen beschäftigt. Prcssesdiau Ussischkin Wie wir bereits kurz mitgeteilt haben, hat Ussischkin vor den Kongreßwahlen in Palästina im Rahmen des Verbandes der Allgemeinen Zionisten eine große Rede über die politische Lage gehalten, der insofern eine größere Bedeutung zukommt, als Ussischkin von einigen Seiten als Kandidat für die Präsidentschaft der Zionistischen Organisation genannt wurde. Ussischkin hat in dieser Rede, in der er auch die deutsehen Zionisten angriff, sich offen und ehrlich zu seinem polisehen Programm bekannt. Die charakterfeste Art und geschlossene Anschauung Ussischkins machen stets seine Rede zu einem eindrucksvollen Erlebnis, und der Respekt vor dem Manne ist Grund genug, eine polemische Auseinandersetzung mit ihm nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir sind darum bisher auf diese Rede nicht zurückgekommen, zumal Ussischkins politische Anschauungen, seine intransigente Starrheit und Einseitigkeit bekannt sind. Bemerkenswert scheint uns jedoch das Echo, das die Rede in der palästinensischen Oeffentlichkeit gefunden hat. Im ״Dawar“ veröffentlicht Beilinson eine Entgegnung, die so zurückhaltend ist, daß sie im Ton und int Endergebnis einer Bejahung gleichkommt. Beilinson führt aus,daß Ussischkin nicht nach seinen Reden beurteilt werden dürfe, sondern nach seinen Taten. Wenn er z. B. sage, daß er ״die rote Fahne der Arbeiter haßt", so sei demgegenüber zu bedenken, wieviel er für die jüdische Arbeitersiedlung Palästinas getan hat. Ussischkin müsse gegen sich seihst verteidigt werden. Er meine nicht, was er sage. (Gerade bei Ussischkin, der kein ״Diplomat“ ist, gilt das Gegenteil. — A. d. R.) So z. B. sei seine Bemerkling, das Los von hunderttausend Fellachen könne gegenüber dem zionistischen Ideal nicht ins Gewicht fallen, nicht ernst gemeint gewesen. Beilinson polemisiert dann gegen Ussischkins politisches System, das charakterisiert wird durch die Feststellung, es gäbe keine Araberfrage, man dürfe über die Araber nicht reden, und wenn schon etwas in bezug auf die Araber getan werden müsse, so solle man darin von den Engländern und Franzosen lernen. Die Forderung, daß die palästinensischen Juden auch arabisch lernen, bezeichnet Ussischkin als eine Schmach, ebenso wie das Kondolenztelegramm der Exekutlve an Schaukhat Ali eine beispiellose Erniedrigung gewesen sei. Es gäbe nur eine englische Frage, und die Juden müßten durch Mobilisierung der öffentlichen Meinung auf England einen Druck ausüben, damit es seine Verpflichtungen gegenüber den Juden erfülle. Beilinson betont, Ussischkin zeige hier eine Blindheit gegenüber der Wirklichkeit, gleichzeitig aber liege in seiner Auffassung ein energisches Bekenntnis zu elementaren zionistischen Wahrheiten und ein Ausdruck tiefer und echter Instinkte, die sich gegen jede Verwischung unserer Ideale wenden. Diese mutige Unbeugsamkeit steht in den Augen Beilinsons höher als die mangelnde Erkenntnis der Tatsachen und ihrer Zusammenhänge. Wenn man bedenkt, daß Ussischkin unter den Führern der Arbeiterpartei zahlreiche persönliche Anhänger hat, so wird man sich die Frage vorlegen müssen, ob Beilinsons Anschauung für weitere Kreise der Arbeiterpartei — die mehr als die Hälfte der palästinensischen Kongreßmandate hat — charakteristisch ist. In diesem Falle würde auch die Kandidatur Ussischkins als Präsident eine neue Beleuchtung erfahren. Es gibt freilich innerhalb der Linken auch andere Strömungen, die eine offizielle Bekräftigung der politischen Ansichten Ussischkins für einen Kurs halten, der für den Zionismus bereits in kurzer Zeit verhängnisvoll enden müßte. Es sei noch hinzugefügt, daß in einer der folgenden Nummer des ״Dawar“ J. Burla, der Leiter des arabischen Büros der Histadruth, sich gleichfalls gegen Ussischkin wendet und die Notwendigkeit, der Tatsache der Existenz von 700 000 Arabern in Palästina Rechnung zu tragen, begründet. Auch seine Polemik ist jedoch auffallend gemäßigt und rein defensiv gehalten. * Weizmann Im Rahmen einer Artikelserie über die Kongreßprobleme beschäftigt sich Lofban im ״Hapoel Hazair“ vom 5. Juni mit der leitungsfrage und analysiert ausführlich die Stellung von Weizmann innerhalb der Bewegung. Weizmann sei der ein• zlge überragende zionistische Staatsmann, der Schöpfer der zionistischen Politik, der dieser erst einen Weg in die Wirklichkeit gebahnt hat. Er hat das schwere Los und die Leiden der Verwirklichung innerhalb einer Welt der Widerstände auf sich genommen, die er gewiß nicht immer überwinden konnte, aber er wußte auch, daß Politik nur Mittel zum Zweck ist und daß alles auf die konstruktive Pioniertat des jüdischen Volkes ankomme. Weizmann ist auch der Träger des zionistischen Ethos und er besitzt das auf Juden und Nichtjuden wirkende faszinierende Charisma des Führers. Nur völlige Blindheit könne die Bedeutung dieser Persönlichkeit für die Bewegung verkennen. Wir besitzen keinen Ersatz für ihn. Aber wenn Weizmanns Rücktritt vom Schicksal bestimmt sein sollte, dann bleibt noch immer die Frage des Weizmannschen Systems. Dieses System darf nicht beseitigt werden, wenn nicht der Zionismus einem verantwortungslosen Aventurismus ausgeliefert werden soll, der zu politischem und wirtschaftlichem Debacle führen würde. Wir haben, so schließt der Artikel, uns noch nicht mit dem Gedanken einer Leitung ohne Weizmann abgefunden. Aber wenn er heute gelien sollte, dann wird es nicht für lange Zeit sein. Wahrscheinlich werden die, die ihn heute mit Schmutz bewerfen, bald fühlen, was die Bewegung verloren hat. Wir — mit diesem ״Wir“ ist ־wohl die Arbeiterschaft oder ein beträchtlicher Teil von ihr gemeint — werden ihm die Treue bewahren. * Im Zusammenhang mit dem Kongreßprogramm der amerikanischen Zionisten, mit dem wir uns in Nr. 40/41 beschäftigt haben, veröffentlicht einer der Führer des amerikanischen Zionismus (Brandeis-Gruppe), Richter Mack, eine Betrachtrag in der jüdischen Presse Amerikas, worin er darauf hinweist, daß immer mehr zionistische Gruppen in den einzelnen Ländern Beschlüsse über die wichtigsten Kongreßfragen annehmen, die mit dem Programm der amerikanisehen Zionisten überein sti mm en. Hierzu schreibt das offizielle amerikanische Organ ״TheNew Pa 1 estin e“: ״Mack nennt besonders Eth Liwnoth, die Mehrheitsgruppe der polnischen Zionisten. Pressemeldungen zufolge stellen auch die Zionisten in Kanada und Südafrika und anderen Länder« auf unserem Standpunkt des ״Groß-Zionis!nus“, d. 11. der Forderung einer vollen Verwirklichung des Basler Programms innerhalb der historischen Grenzen Palästinas, einschließlich Transjordaniens, ökonomische Entwicklung unter Leitung qualifizierter Experten, die die Basis einer rapiden und gesunden Steigerung der Aufnahmefähigkeit des Landes schafft, und einer kraftvollen Führung, die entschlossen ist, das genannte Programm in seinen politischen und ökonamisehen Teilen durchzuführen. Dieses Programm ist umfassend, unzweideutig, praktisch den Realitäten der Situation Rechnung tragend und obendrein der Ausdruck der Hoffnungen und Aspirationen der großen Mehrheit der Zionisten überall in der Welt. Innerhalb der Aeußerungen von amerikanischen Zionisten, die dem ״New Palestine“ zugekommen sind, waren Meinungsverschiedenheiten nur über einen Punkt, nämlich über die Wähl eines Kollegiums statt eines Präsidenten, die viele für unratsam halten. Es besteht aber Einmütigkeit über die Notwendigkeit einer Führung, die in staatsmännischer Weise, furchtlos und kompromißlos unsere gegenwärtigen Probleme bewältigt• Unter den heute herrschenden Umständen scheint uns ein Kollegium der einzig mögliche Weg zu einer solchen Führung zu sein.“ * Die Juden und der deutsche Konservativismus In der volkskonservativen ״Politischen Wochenschrift“ veröffentlicht ein jüdischer Student, Georg S c h m e rling, einen interessanten Aufsatz ״Die Juden in Deutschland. Ein offenes Wort an das deutsche Bürgertum.“ Der Verf., der sich zu einer bürgerlich-konservativen Lebensauffassung bekennt, vertritt die Ansicht, daß das deutsche Bürgertum in seinem Kampfe die deutschen Juden, besonders wegen ihres großen Einflusses auf Wirtschaft und öffentliche Meinung, als Bundesgenossen nicht entbehren könne. Die Juden seien auch überall, wo sie sich wirtschaftlich und kulturell frei entfalten könnten, ״ein gerade wegen seiner Eigenart wertvoller Bevölkes rungsteil“, während sie da, wo sie von Mitarbeit und Aufbau ausgeschlossen würden, zersetzend wirkten. Die starke Hinneigung der Juden zum Sozialismus sei früher, in der Zeit des blutsaugerischen manchesterlichen Kapitalismus, äus ihrer starken sozialen Gesinnung 7.1t erklären gewesen, heute dagegen, ״im Zeitalter des gemeinnützigen Kapitalismus“ (sic), sei die Zahl der aus sozialen Gründen sozialistischen Juden gering. Der wirkliche Grund für die starken Sympathien der Juden für die Sozialdemokratie sei der Antisemitismus des Bürgertums. Die bürgerlich gesinnten deutschen Juden würden sich nie entschließen können, den Sozialismus zu bekämpfen, solange die Möglichkeit einer sozialdemokratischen Regierungsbeteih'gung die einzige Sicherung gegen den Antisemitismus zu sein scheine, ״Und dies Paradoxon, obwohl die meisten deutsehen Juden ökonomisch an der bestehenden Gesellschaftsordnung interessiert“ seien. Das deutsche Bürgertum müsse deshalb seine feindliche Reserve gegenüber den deutschen Juden aufgeben und sie als wichtigen deutschen Kultur- und Wirt- Schaftsfaktor anerkennen, damit die bürgerlich gesinnten Juden in- und außerhalb der jüdischen Kreise den Kampf gegen den Sozialismus aufnehmen könnten. In sympathischer Weise — besonders in wohltuendem Gegensatz zu den Naumannianern, die ja auch das Wohlwollen der Rechten zu gewinnen suchen, —י betont aber Schmerling, daß nur der Jude, ״der auf seine Eigenart Stolz ist und seine Kinder in ehrfurchtsvoller Liebe zur jüdischen Ueberlieferung aufzieht,“ ein Anhänger des nationalen Gedankens sein könne, während der Verlust der deutschjüdischen Eigenart nicht etwa zu blutbedingtem deutschen Volkstum, sondern zum Kulturbolschewismus führe. ״Das deutsche Bürgertum tue darum alles, um den deutschen Juden ihr Juden tum zu erhalten — insofern ist es auch an der Schaffung einer jüdischen Kulturstätte in Palästina interessiert — und unterlasse es jedenfalls, den Juden ihr Judentum zu erschweren.“ Gerade das aber täte das Bürgertum fortwährend, — wofür Sch. eine ganze Reihe aufschlußreicher Fälle aus der jüngsten Zeit aufzuführen weiß. Während z. B. die SPD. prominente Mitglieder zu jüdischen Veranstaltungen als Festredner delegiere, habe es ״Proteste gehagelt“, als ein Rabbiner bei der Berliner Kundgebung zum Schutz der abendländischen Kultur gegen den Bolschewismus aüfgetreten sei! Jeder Staat habe die Juden, die er verdiene, — wenn Deutschland den bürgerlich-konservativen Juden haben wolle, so müsse das deutsche Bürgertum sich dementsprechend verhalten! Zu diesem Aufsatz, der manches Oberflächliche oder Falsche enthält ־— z. B. über das Verhältnis der Juden zum Sozialismus —, der aber von anständiger Gesinnung zeugt und für den inneren Zwiespalt aller mehr konservativ empfindenden Juden charakteristisch ist, — zu diesem Aufsatz macht leider die Schriftleitung eine Vorbemerkung, in der zwar die Notwendigkeit betont wird, ״die Winkel auszukehren, in denen sich die störenden Ressentiments verborgen halten“, im übrigen aber die Ansicht vertreten wird, daß vor allem die Adresse, *an die sich Schmerling wende — nämlich das deutsche Bürgertum — v.erfehlt sei! Wahrscheinlich ist die Schriftleitrag der P. W. der Ansicht, zunächst müßten sich die Juden bessern, dann werde der Antisemitismus nachlassen?! Wer der Ansicht ist, daß eine offene Aussprache mit anständigen Gegnern nur zur Besserung der jetzigen kaum erträglichen Situa- Hon beitragen kann, muß jedenfalls wünschen, daß die ,״Politische Wochenschrift“ Ihren Standpunkt nicht nur andeutet, sondem recht bald präzisiert und begründet! Dr. Arthur Prinz. Jabotlnsky in Gen! Genf, 9. Juni. (J. T. A.) Am Montag, den 8. Juni, nachmittags, fand in Genf eine von der Union der Zionisten-Revisionisten veranstaltete Pressekonferenz statt, in der Jabot i n s k y über die politische Lage und Dr. S o s k i n über Wirtschaftsfragen im Zusammenhang mit der Tagung der Permanenten Mandatskommission referierten. Jabotinsky unterzog u. a. den MacDonaid-Brief einer Analyse und wies darauf hin, daß MacDonaid in seinem Briefe ein Prinzip aufstellt, das selbst der Autor des Weißbuches nicht zu formulieren gewagt habe: das Prinzip, daß ״eine vollständige Lösung des Problems abhängig sei von einer Verständigung zwischen Juden und Arabern“. Solange eine solche Verständigung nicht zustande gekommen sein werde, ״werde bei der Festlegung der Politik unvermeidlicherweise die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts mitbestimmend sein.“ Dies bedeute nichts anderes, als daß den Arabern ein Vetorecht bezüglich aller prozionistischen Bestimmungen des Mandats eingeräumt werden soll Die Araber hätten es wohl verstanden, daß es nunmehr genüge, eine Verständigung mit den Juden abzulehnen, um jede prozionistische Bestimmung des Mandats zunichte zu machen. Ihre Führer haben es abgelehnt, selbst mit einem so gemäßigten Zionisten wie Dr. Weizmann auch nur zusammenzukommen. ln dem Wunsche nach Verständigung, fuhr Jabotinsky fort, seien alle Zionisten einig. Die Oeffentliehkeit der zivilisierten Welt aber müsse verstehen und müsse es auch der Mandatarmacht zu verstehen geben: wir können in Palästina nicht auf eine von künstlicher Beschränkung freie Einwanderung verzichten. Ein Verzicht hierauf wäre gleichbedeutend mit der Negierung des Zionismus. Nun ist es aber gerade die Einstellung der Einwanderung, die die Araber als Preis für eine Verständigung fordern. Wenn MacDonaid dem Zionismus als condido sine qua non für die loyale Durchführung des Mandats eine Pflicht zur Verständigung mit den Arabern auferlegt, so weiß er wohl, daß er von uns etwas verlangt, was nicht von uns abhängt. Darüber hinaus aber suche die englische Verwaltung in Palästina eine solche Verstand!- gung mit den Arabern zu verhindern. Es könne schon jetzt versichert werden, daß der Zionistenkongreß es fast einstimmig ablehnen werde, den MacDonaid-Brief als Basis für eine Kooperation zwischen Zionisrnus und Mandatarmacht anzuerkennen. Auf seiten der Zionisten handle es sich nicht um ״imperialistische Ambitionen“, sondern darum, die unter wirtschaftlicher ־und moralischer Not leidenden jüdischen Massen allmählich nach Palästina zu überführen. Diese gebieterische Notwendigkeit, diese Idee eines großen menschlichen Rettungswerks stelle in Verbindung mit einem unzerstörbaren Nationalgefühl die Daseinsberechtigung der zionistischen Bewegung dar. Der humanitäre Charakter des Zionismus erfordert unbedingt die Durchführung einer Ein- Wanderung großen Stils. England habe sich durch die Uebernähme des Mandats verpflichtet, alle zur Erleichterung der Ein- Wanderung notwendigen Maßnahmen zu treffen. Diese Verpflichtung könne nicht durch irgend einen ״Ersatz“, wie etwa Schaffung eines ״geistigen Zentrums“, das die jüdischen Massen in den Ländern des AnÜsemitismus hoffnungslos in einem Zustand der Not beließe, aufgehoben werden. FoBbaU am Sabbath Demonstrationen und Verhaftungen. Schon seit längerer Zeit wird in Palästina ein heftiger Streit über die Frage der Zulässigkeit von Fußball-Weitspielen am Sabbath geführt. Die Orthodoxie hat schon mehrmals gegen die Abhaltung dieser Wettspiele heftig protestiert und gelegentlich auch Demonstrationen veranstaltet. Vor einigen Monaten wurde, wie wir seinerzeit berichtet haben, ein von zahlreichen Persönlichkeiten des geistigen Lebens Palästinas unter Führung von B i a 1 i k Unterzeichneter Aufruf veröffentlicht, der die Abhaltung solcher Wettspiele am Sabbath verurteilt und die jüdische Jugend auffordert, die alte Sitte der Beschäftigung mit geistigen Gegenständen am Sabbath wieder aufzunehmen, pieser Aufruf war auch von zahlreichen Nichtorthodoxen unterzeichnet. Die jüdischen Sportverbände wiesen demgegenüber darauf hin, daß ihnen zu sportlicher Betätigung keine andere Freizeit zur Verfügung steht als der gesetzliche Ruhetag. So haben sich die Konflikte immer mehr verschärft. In der vorigen Woche mußte ein Wettspiel wegen der drohenden Demonstration abgesagt werden. Am 6. Juni sollte jedoch in Jerusalem wieder ein Wettspiel zwischen einer jüdischen und armenischen Mannschaft stattfinden. Die Bemühungen des Waad Leural, die Abhaltung des Wettspiels zu verhindern, scheiterten an dem Widerstand des Makkabi. Daraufhin hat Rabbi Sonnenfeld, der Führer der Agudah, durch Vermittlung des armenischen Patriarchen auf die armenische Mannschaft einen Druck ausgeübt und diese zur Absage des Spiels veranlaßt. Der Makkabi gab sich damit nicht zufrieden und veranlaßte eine andere jüdische Mannschaft, anstelle der Armenier sich an dem Spiel zu beteiligen. Es kam nun zu außerordentlich stürmischen Demonstrationen, die das Eingreifen der Polizei zur Folge hatten. Das Wettspiel war von Tausenden Personen, teils Anhängern der spielenden Mannschäften, teils orthodoxen Gegnern, besucht, unmittelbar nach Beginn des Wettspiels setzten Protestrufe ein. Etwa 300 Demonstranten waren ins Spielfeld eingedrungen, wurden jedoch von der Polizei entfernt. Als dann von einer Anzahl Demonstranten Steine in das Spielfeld geschleudert wurden und ein britischer Polizist durch einen Steinwurf verletzt worden war, ging die Polizei mit dem Gummiknüppel gegen die Demonstranten vor, von denen zwölf, alle Mitglieder der orthodoxen Organisation Agudas Jisrael, verhaftet wurden. Trotz ihrer Weigerung, am Sabbath zu fahren, wurden die Verhafteten in Autos zur Polizei geführt. Nach Schluß des Wettspiels mußte die Polizei die Menge Zentren«•