Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 44 (9.6.1931)
- Date
- 1931-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44, 0. VI 1031 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 273 Presseschau Die Leihmgtfr&ge Im Londoner ״Jewish Chronicle“ vom 5. Juni kommt der Herausgeber, Mr. Oreenberg, der bekanntlich seit Jahren Weizmann bekämpfte und eine revisionismus-SImliehe Haltung einnahm, wieder auf die Lcitungsfrage zu sprechen und wirft die Frage auf, ob Harry Sacher nach seiner Genesung soweit wieder hergestellt ist, um die Führerschaft ־— wenigstens auf ein Jahr — zu übernehmen. Wenn er das könnte, so wäre das eine rettende Tat Obwohl der Verfasser mit Sacher in vielen zionistischen Fragen nicht übereinstimme, müsse er doch erklären, daß Sacher große Fähigkeiten besitze und vielleicht die verschiedenen Teile der Bewegung zusammenfassen könnte. Außer Sacher sieht Oreenberg noch vier andere ״Möglichkeiten“: Die eine, James Rothschild, scheide als undurchführbar aus. Die zweite, Jabotinsky, sei undenkbar, denn er würde außer seinen eigenen Anhängern niemandes Stimmen erhalten. Als dritte Möglichkeit nennt Oreenberg Dr. Magn es, der viel persönlichen Charme und geistige Höne besitze, aber wegen seines Zusammenhanges mit dem Brith Scbalom wahrscheinlich keine allgemeine Unter- Stützung finden würde. Die vierte Möglichkeit sei das besonders von den Amerikanern befürwortete K o m i t e e, die aber keine gute gewesen wäre. Alles in allem kommt Oreenberg Widder zu dem Resultat, daß es für Weizmann keinen Ersatz gibt, und daß man ihn wahrscheinlich ersuchen wird, die Leitung zu behalten. Dann freilich hätte er in seiner nun erwiesenen Unentbehrlichkeit die Stellung eines Diktators, die nur dadurch verhindert werden könne, daß der Kongreß feste Prinzipien der Politik beschließt, denen sich der Führer beugen muß. * JQdiich « arabische Diskussion Der sephardische Jude Ellas Sassuu, der schon öfter in der arabischen Presse für eine jüdisch-arabische Annlherung eingetreten ist, veröffentlicht in der Zeitung ״Al Chajath“ einen Brief, worin er an die Araber appelliert, ihre intransigente Haltung gegenüber den Juden aufzugeben. Die Araber sollten endlich verstehen, daß eine arabischjüdische Zusammenarbeit keineswegs die Errichtung eines Judenstaates in Palästina bedeute. Vielmehr wird sich daraus eine nationale und menschliche Leistung ersten Ranges ergeben; das Prestige Palästinas, das in den Augen des Okziaents 90 gesunken ist, wird hierdurch wieder gehoben werden. Auch werden Araber und Juden gemeinsam dann mit viel größerem Erfolge Forderungen an die Mandatarmacht stellen können, vor allem bezüglich der Regierungsform. — ״Al Chajath“ bemerkt dazu, dies seien freilich schöne Worte. Aber man habe derartige Worte noch niemals von einer verantwortlichen jüdischen Instanz gehört. Der Einsender sollte sagen, wieviel Juden dieselbe Anschauung haben wie er. Wie ist das Zahlenverhiltnii seiner Gruppe zu derjenigen jüdischen Gruppe, die offen erklärt, sie wolle Palästina so jüdisch wie England englisch machen? Stehen nicht sogar die gemäßigten Zionisten auf dem Standpunkt, daß die luden das Uebergewicht in Palästina bekoramen müssen? Man braucht nicht erst an die Revisionisten zu denken. Aber auch Weizmann, Ussischkin, Eder und Sacher haben sich so geäußert Zum Schluß betont das arabische Blatt den Friedenswillen der Araber, der jedoch nicht so weit gehen könne, daß sich die Araber von Haus und Hof vertreiben lassen. Im übrigen hofft das Blatt, daß die Worte Sassuns ein Echo in der hebräischen Presse finden werden. . ׳ .־_ ־_ ־ -י;' Antisemitismus in Amerika Die fortschrittliche New Yorker Wochenschrift ״Nation“ bringt einen interessanten Aufsatz über den meist unterirdisch wirkenden amerikanischen Antisemitismus. In einem eben erschienenen Buch von Heywood Broun (einem der Herausgeber der ״Nation“) und George Britt ״,Christians O n I y“ (״Nur christliche Bewerbungen erwünscht“) wird ataführlich geschildert, in welchen Formen sich der wirtschaftliche und gesellschaftliche Antisemitismus auf den Universitäten, den Stellennachweisen, in den Klubs und Hotels usw. auswirkt. Besondere Schwierigkeiten hätten die Juden bei der Anstellung bei Banken, Versicherungen, öffentlichen Unternehmungen, Eisenbahnen usw.; wesentlich leichter fänden sie Zugang ln der Konfektion, der Juwelierbranche und den Fabriken. Besonders schlimm *eien die Verhältnisse in New York: ״Ein arbeitsloser Jude, der Anstellung sucht, hat Chancen wie 1 :10.“ Diese letztere Ansicht hält allerdings die Rezensentin des Buches für sehr übertrieben; es seien in normalen Zeiten verhältnismäßig nicht zu viele Juden arbeitslos. Außerordentlich bezeichnend für die Einstellung ״wohlwollender“ Kreise zur Judenfrage ist die Tatsache, daß die beiden christlichen Verfasser des Buches die Rettung in einer — Ausdehnung der Mischehen, und in der Aufgabe der Orthodoxie auf beiden Selten sehen! Und die Rezensentin fügt noch hinzu, die Juden müßten sich bemühen, allmählich ihren Verfolgungs-Komplex loszuwerden, und sollten ihren Kindern nicht mehr so viel von ihren Leiden in fremden Ländern erzählen 1 A. P. * Die Buber - Bibel Ueber Bubers Bibelübersetzung, von der bisher 11 Bände (bei Lambert Schneider, Berlin-Dahlem) erschienen sind, berichtet das ״Berliner Tageblatt“ am 5. d. M. in einer Würdigung von Leo Hirsch, worin es u. a. heißt: ״.... Wer die Bibel nur deutsch kannte, lernt erst hier, daß das Original in Versen geschrieben ist, nur mit bestimmten Musiknoten lesbar. Denn es sind Rhythmen einer Art, die es sonst weder in den neuen noch den antiken Poesien gibt Nun ist nicht zu zweifeln, daß Buber philologisch der erste durchweg sichere Bibelübersetzer ist, aber er versucht auch die deutsche Sprache in Wortbildung und Rhythmus dem Urtext anzugleichen. Luther hat monumental und falsch übertragen, Buber kommt dem Original näher, bis zur Onomatopaesie näher, als es selbst Kenner für möglich halfen konnten.Die Bibel, diese ,jüdische Pyramide“, Ist durch Buber erst in ihrer ganzen Größe den Deutschen zugänglich, in einer Zeit, die dem größten Werk der Weltliteratur weder im Sinne der Verehrung und Hingabe noch der Anfeindung und Bekämpfung gewachsen ist.... Ea handelt sich für uns nicht dämm, Beifall zu klatschen oder, wie es beim Anfang der Arbeit von einigen kritischen Pinschern versucht wurde, auszusetzen. Das Echo dieser Arbeit wird spät kommen und langsam wachsen. Von einem Opus, das zweitausend fahre Welterfolg hinter sich hat, wird auch die glanzvolle Uebertragung Zeit zu wirken haben.״ Die Exekutive der Zionistischen Organisation teilt mit, daß sie im Einvernehmen mit dem Vorsitzenden des Ko»• greßgerichts das Direktorium des Keren Hajessod aufgefordert hat, einen Vertreter zu den Verhandlungen des K 0 n greßgerichts zu entsenden, der bei der Prüfung der Delegiertenmandate in bezug auf die Erfüllung der Verpflichtung gegenüber dem Keren Hajessod (laut § 23 Org.-Stat) die Interessen des Keren Hajessod wahizuaehmen hätte. Tagungen und Vorträge Jahresversammlung der Akademie Die Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums fand im Berliner Logenhause unter dem Vorsitz von Direktor Oscar Wassermann statt Der Vorsitzende gedachte in warmen Worten des im Berichtsjahr verstorbenen ersten Schriftführers Professor Carl Lewin. Die Wissenschaftliehe Arbeit der Akademie, über die Professor Guttmann berichtete, ist von der Not der Zeit nicht unberührt geblieben. Neue Mitarbeiter konnten diesmal nicht eingestellt, neue Arbeiten nicht unternommen werden. Eine Ausnahme bildete die ״Philosophie der jüdischen Geschichte“ von Prof. David Koige n, für deren Durchführung der Akademie von besonderer Seite Mittel zur Verfügung gestellt worden waren. Mehrere Akademie-Arbeiten konnten hingegen beendet und veröffentlicht werden. So der erste, Preußen behandelnde Band von Professor Heinrich Silbergleits StandaTd-Werk ״Die Lebens- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich“, dem «in zweiter Teil ״Die nichtpreu sehen Länder“ folgen soll; ferner der zweite Band der Edition der klassischen Grammatik des Jonah ibn Oanach, Sefer ha-Rikma von Dr. Michael Wllensky. Außerdem ist ein vierter Band der großen Mendelssohn-Jubiläumsausgabe (Band II, Philosophisches), bearbeitet von Dr. Fritz Bamberger und Dr. Leo Strauß, erschienen. Im Druck eben abgeschlossen ist Dr. Ch. Albecks erster Ergänzungsband ״Midrasch Bereschit Rabba“, die allgemeine Einleitung enthaltend; der Registrierband wird als letzter folgen. Der Druck anderer wertvoller, fertig vorliegender Manuskripte mußte für einige Zeit zurückferteilt werden. Es sind die Fortsetzungsbände von Prof. Fritz aers ״Die Juden in Spanien“ und von Dr. Selma Sterns ״Der preußische Staat und die Juden“, die Edition ״Das Propheten-Targum“ von Prof. Landauer-Augsburg und Privatdozent Dr. Sperber-Bonn, der soeben auch die Ausgabe des ״Targum Onkelos“ im Manuskript vollendete, Dr. Fritz Bambergers philosophische Studie ״Die Gottesidee des Malmonides“ unef die von aem Heimgegangenen Professor Josef Horovitz angeregte und geförderte, aber erst kurz nach seinem Tode abgeschlossene Arbeit von Dr. Wilhelm Speyer-Breslau ״Die biblischen Erzählungen, im Koran“. Den Geschäftsbericht des Verwaltungsvorstandes erstattete der Generalsekretär Dr. Israel Auerbach. Gegenüber dem Jahre 1929 mußte der Ausgabenetat um ein ganzes Viertel, auf 145 000 M., herabgesetzt werden. Für 1931 ist ein Uebergangsetat mit nur 111000 M. vorgesehen. ״Die griechische Weliansdiauungslehre bei Römern and Jaden" Anschließend hielt Prof. Dr. J. Heinemann-Breslau einen interessanten kulturphilosophischen Vortrag über die Ein- Wirkungen des Griechentums auf die römische und jüdische Kultur. Die Nachwirkungen Roms und Judäas auf den gesamteuropäischen Kulturkreis bis in die Jetztzeit, führte Prof. Heinemann aus. ist nur auf die Tatsache zurückzuführen, daß beide Völker sehr viel von den Griechen gelernt haben. Im Judenturne setzt sich über Philo, Saadja, Malmonides, Kreskas, Mendelsohn und Cohen der befruchtende Einfluß griechischer Wissenschaft bis zur Gegenwart fort. Um dieses Pftänomen zu erklären, ring der Vortragende dazu über, die Berührungen, die zwischen Rom und Hellas einerseits und Judäa und Hellas andererseits vor sich gegangen sind, zu charakterisieren. Drei Periode» waren es, die diese Berührungen zum Teil begünstigt und gefördert haben. Zuerst war es die rein äußerliehe Berohrung, die »ich etwa dadurch manifestiert, daß man ia Rom das griechisch« Alphabet übernahm und in Judäa •eit den Eroberungszügen Alexanders d. Gr. viele griechische Fremdwörter, vor film griechische Namen elndrahgen. Die»• i— mehr oberflächlichen — folgte im 2. vorchr. Jahrhundert eine zerstörende Berührung. Die nahe Bekanntschaft mit der griechischen Kulte löste sowohl in Rom wie in Palästina einen Verfall der strengen Sitte und Tradition aus. ln Rom/ kämpfte dagegen der alte Cato, in Israel die Makkabäer. In der dritten Periode wird aber für Rom und Judentum der griechische Einfluß befruchtend. In Rom wird die Stoa zur Stütze alter Römertugenden herangezogen, und unter den Juden Alexandriens mit Philo an der Spitze führt sie zu einer gedanklichen Vertiefung und sittenstrengeren Ethik. Man vermißte in dem Vortrag jedoch einen klaren gedanklichen Unterbau für den Uebergang vom zweiten zum dritten Stadium. Es ist, was das Judentum betrifft, unserer Meinung nach eine gewisse Ueberschltzung, wenn man dem Griechentum« und »einem Mittler, der alexandrinisch-jüdischen Philosophie, eine so entscheidende Bedeutung für das Judentum beimißt. Heinemann selbst konnte nicht umhin, die Einschränkung mzugestehen, daß Palästina und Babylonien von diesem Einfluß ganz unberührt geblieben sind. Aber gerade hier lag doch der Schwerpunkt des Judentums, und nicht etwa im gräzisierten Alexandrienl man daraus aber einen Beweis für den entscheidenden Einfluß des Griechentums auf das Judentum konstruieren will, scheint uns weit hergeholt Heinemann scheint mit Philo eine gewisse Seelenverwandtschaft zu empfinden. Bekanntlich prägte Philo den Satz von ״Israel als dem Priester der Menschheit“, ein Gedanke, der in der Philosophie Cohens von der Mission des Judentums keine unbedenkliche Rolle spielt Daß Heinemann darin unbedingt einen neuen, vom griechischen Universalismus befruchteten Gedanken sehen will, ist ebenso verführerisch wie zum Teil irrig. Die Propheten waren doch die ersten, die dem Universalismus im Judentum zum Durchbruch verholten haben, und sogar schon aas 2. Buch Mose 19, 6 spricht von Israel als dem Priestervolke. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß Heinemann durch die besondere Hervorkehrung des Missionsgedankens bei Philo diesen Gedanken, der in der liberalen Ideologie von heute einen starken Eckpfeiler bildet, unterstreichen wollte. Es ist von unserem Standpunkte aus nur zu bedauern, daß dieser echte jüdische Philosoph in seinem Judentum nicht den Selbstzweck, nicht die lebendigen positiven Kräfte des zu seiner Renaissance strebenden jüdischen Volkes, sieht, sondern an das Problem Judentum vom Gesichtspunkt eines negativen Liberalismus, dem er etwas von positiver Orthodoxie beimischt, herantritt. Dr. J, M. ״Rassenmischung bei Juden und Nichtjuden.“ Am 1. Juni hielt der Direktor des Institut» für physische Anthropologie der Universität Frankfurt a. M., Prof. Dr. Franz Weidenreich auf Einladung der ״Gesellschaft für jüdische Familienfofsctiung“ im Brüdervereinshaus zu Berlin einen Vortrag über das Thema ״Rassenmischung bei Juden und Nichtjuden in alter und neuer Zelt“. Professor Weiaenreich bemerkte einleitend, man müsse sich darüber klar •ein, daß es Rassen und Rassenunterschiede febe, wenn es auch manchmal schwer falle, sie auseinander zu alten. Auch entspreche das von den Anthropologen als besonders charakteristisch herausgehobene Repräsentativbild einer Rasse durchaus nicht dem Durchschnitt einer solchen Bevölkerungsgruppe. An der Hand eines reichen Lichtbildmaterials zeigte der Vortragende, daß die besonderen Eigentümlichkeiten des jüdischen Typus in einer Mischung von Merkmales der vorderasiatischen, orientalischen und mediterranen Rasse Hestehen, und daß dieser jüdische Typus mehr oder weniger deutlich auch bei Angehörigen anderer Volksgruppen der Gegenwart und Vergangenheit, sogar bei Indem und Japanern, auftritt. Die Unrichtigkeit der von den antisemitischen Rassetheoretikem aufgestellten Behauptung, daß alter Kulturfortschritt auf den Einfluß der nordischen Rasse zurückzufüliren sei, lasse sich leicht nach weisen, wenn man auch nicht in den Fehler verfallen dürfe, nunmehr ln entgegengesetzter Weise kulturschöpferisch« Fähigkeit ausschließlich den Vertretern des vorderasiatisch-orientalischen Typs zuzuschreiben. Die Ausführungen des Vortragenden wurden von dem zahlreichen Auditorium mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Es folgte eine Aussprache, an der sich Direktor Feist, Professor Boris Brutzkus, Dr. Lewin und andere beteiligten. Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches veranstaltete ihre diesjährige Tagung während der Pfingsttage in Frankfurt a. M. Den Mittelpunkt der Tages- Ordnung bildete ein im Lesesaal der Stadtbibliothek veranstalteter öffentlicher Festakt, der dem Buche des Judentums 6.. . " ’ ' ' יי.י י י' ' r Gesellschaft, Professor Dr. Heinrich Loewe-Berlin, sprach über ״Die Juden als das Volk des Buches“. Er zeigte, daß das Buch vom Urberinn an Wesen und Eigenart des jüdischen Volkes bestimmt habe, und legte die Bedeutung seiner buchkünstlerischen Durchdringung im Sinne der Bestrebungen der Gesellschaft dar. Professor Dr. Freim a n n - Frankfurt gab in seinem Festvortrag ״Die Iilustration im hebräischen Buch der Frühzeit“ einen Ueberblick über die Entstehung des hebräischen Buches. Nach eingehenden Darlegungen über das Wesen der hebräischen Hand- Schriftenillustration und über den Anteil von Juden an ihrer Herstellung verfolgte er in seinen gehaltvollen Ausführungen die Geschichte der Illustration in den Zeiten des Buchdrucks. Die anschließend eröffnete Ausstellung: ״Das illustrierte hebräische Buch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts“ bot eine Menge auserlesener Schätze. Neben reich in Gold und Farben ausgeführten Handschriften wurden die besonders seltenen Er- Zeugnisse der hebräischen Presse aus den Anfängen der Buchdruckerkunst, die sogenannten Inkunabeln, in Staunens* wert frischen und gut erhaltenen Exemplaren gezeigt. Ein indischer Bildhauer Jüdische Ideen und Gestaltungen werden lebendig in den Plastiken des jungen Bildhauers Jakob Brandenburg, der — nun seit 1920 in Berlin — in den ursprünglichen jüdischem Gefühlstiefen seiner östlichen Heimat verwurzelt blieb. Ein Gang durch da» Atelier dieses jungen Talentes gibt einen interasan ten Aufschluß über die Wirkungsmöglichkeit spezifisch jüdischer Gemütswerte auf künstlerisches Schaffen. AUe diese sehnsüchtigen Gestalten des Künstlers, diese Wandernden, Suchenden, Prophetischen, Liebenden sind ebenso symbolische Träger allgemein-menschlichen Empfindens, wie sie der Ausdruck jüdischer Sehnsucht, jüdischen Zukunftswillens, jüdischen Heim verlangens sind. In Holz geschnitten, in Stein geschlagen, in Ton geknetet hat der Künstler seine Visionen, und mit Sicherheit ist hier überall das richtige Material für die verschiedenen Motive gefunden. Brandenburg ist Autodidakt und hat sich erst später seine technische Vervollkommnung auf der Berliner Kunstgewerbeschule in drei-semestrigem Studium erworben. Der Bildhauer Obst, Prof. Lederer und Hermann Struck waren seine Lehrer. Sein stark gefühlsmäßig bedingtes Talent unterlag stilistisch zunächst Schwankungen und den Gebundenheiten des noch unsicher Suchenden, aber die neueren Arbeiten, und gerade die der letzten Zeit zeigen eigenen Charakter und berechtigen zu der Erwartung, daß hier ein Talent zu voller Entfaltung gelangt. Brandenburg hat auch als Porträtist Beachtlich« geleistet und ein« Reihe bekannter jüdischer Köpfe fest gehalten. Der Kern •einer Begabung liegt aber nicht un Detau, sondere im Symbolischen, in der großzügigen Deutung. Diese Anlage und die in seinen Schöpfungen natürliche Verbindung zwischen jüdischer Ideenwelt und künstlerischem Ausdruck führten ihn in letzter Zeit zu der Idee, ein Denkmal jüdischer Renaissance zu entwerfen. Das Modell, das schon vollkommen ausgeführt ist, zeigt als Grundstein einen mächtigen Steinsockel, um den an den vier Seiten Symbole der irdischen Liebe, wilde und zahme Tiere in friedlichem Beieinander, Bildnisse des Muttertums und Prophetengestalten gruppiert sind. Das Ganze ist gekrönt von einem Herzl-Standbild. Man möchte wünschen, daß das ideenreiche Schaffen dieses Talentes zu weiterer Reife gelangt und den bisher so engen Kreis einer im Wesentlichen jüdischen Kunst bereichert. _ Will Pleß. Ein Leitfaden lm zionistischen Parteien-Gewirr Dr. Walter Kohner, den meisten zionistischen Kongreßbesuchen! als organisatorischer Beistand der Karlsbader Kongresse bekannt, hatte die gute Idee, als Leitfaden der Orientierung im Labyrinth der heutigen zionistischen Anschauungen eine Broschüre herauszugeben, in der die Parteien und Strötramgen im heutigen Zionismus in Selbstdarstellungen zu Worte kommen. (Herausgegeben von der jüd. akadem. techn. Verb. Barissia, Prag, iDfouha 41.) Auf dem knappen Raum von 62 Seiten werden acht verschiedene Gruppen dein Leser vorgestellt. Der Herausgeber verweist in seinem kurzen Vorwort auf den bedauerlichen Niedergang der öffentlichen Sitten im Zionismus; seine Broschüre soll einen bescheidenen Beitrag zu dem Versuche bilden, aus dein Streit um Taktik und Personen, aus dem leeren demagogischen Gezänk auf ein höheres Niveau würdiger Auseinandersetzung und ernsten Meinungsaustausches zu gelangen. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Absicht des Herausgebers erreicht wurde. Die Beiträge sind, obwohl stellenweise polemisch, doch durchaus sachlich gehalten und versuchen, die prinzipiellen Punkte herauszuschälen. Freilich sind, was wohl schwer zu vermeiden war, die Beiträge insofern ungleich, als nicht alle Verfasser die Aufforderong des Herausgebers in demselben Sinne verstanden haben. Manche Gruppen beschränken sich auf einen kurzen historischen Abriß oder auf eine kurze ideologische Skizzierang, während andere, weiter ausholend, die aktuellen politischen Fragen in den Kreis der Betrachtung einbeziehen. Der Herausgeber hat die Gruppen alphabetisch angeordnet, so folgen aufeinander: Allgemeine Zionisten (Dr. Alfred Landsberg), Brith S c h a l o m (Dr. Hugo Bergmann), Hitachduth (Dr. Arjeh Tartakower), Misrachi (Älexander Adler), Poale Zion (Prof. Dr. Salomo» Goldeimann), Radikale Zionisten (Dr. Nahuni Goldmann), Revisionisten (Richard Lichtheim) und schließlich eine auf Bitten des Herausgebers erfolgte individuelle Aeußerung von Dr. Robert Weltsch. Eine Besprechung, bzw. Stellungnahme zu dem Inhalt dieser Broschüre ist natürlich unmöglich, da eine solche Stellungnahme nur von dem speziellen Gesichtspunkt des jeweiligen Rezensenten aus erfolgen könnte, somit wieder eine Parteimeinung hervorkehren würde, was ja den A!bsichten dieser Broschüre widerspräche. So bleibt nichts anderes übrig, als die Broschüre als ganzes anzuzeigen und festzustellen, daß durch ihre Herausgabe ein nützlicher Zweck erfüllt wurde und daß sie als Hilfsmittel der Orientierung eine weite Verbreitung in zionistischen Kreisen verdient und zweifeilos auch finden wird. Die von Dr. Goebbels redigierte Berliner nationalsozialistische Abendzeitung ״Der Angriff“ wurde vom 4. Juni bis 4, Juli 1931 wegen Beleidigung der Polizei und wegen Aufforderung zu Gewalt vabotca.