Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 43 (5.6.1931)
- Date
- 1931-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S«He 204 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 5 VI. 1031 Dieser vergrößerte Import wurde aufgenommen, ohne daß ein Sinken der Preise zu beobachten Ist Die Orange und insbesondere die Jaffa-Orange stellt tatsächlich das einzige Kolonialprodukt dar, das vom Preissturz der letzten Jahre verschont geblieben ist Insbesondere war der Preis der Saison 1930/1 ganz ausgezeichnet, nachdem er im vorhergehenden Jahre nicht gut gewesen war. Der Preis für Jaffa-Orangen im abgelaufenen Jahre war höher als der in den letzten drei Jahren erzielte. Er schwankte zwischen 12 bis 10 Shilling die Kiste, d. h. dürfte durchschnittlich (die genauen Ziffern liegen noch nicht vor) ca. 15 Shilling betragen haben. Das ist aber ein Preis, der eine ungemein hohe Verzinsung bedeutet (über 30 Prozent). 51: 3y*. Wie stark aber auch die Produktion in den nächsten Jahren wachsen wird, sie wird immer noch nicht die Möglichkeiten decken, die für eine Vermehrung des Weltkonsums bestehen. In den Vereinigten Staaten betrug der Verzehr an Orangen pro Kopf der Bevölkerung in den Jahren 1908/12 35 Stück jährlich, er stieg bis zum Jahre 1924/28 auf 51 Stück jährlich, ln England betrug der Konsum pro Kopf im Jahre 1929 40 Orangen das Jahr, während zur selben Zeit in Deutschland und Frankreich nur 15 Orangen jährlich pro Kopf verzehrt wurden. In ganz Europa aber haben wir nur einen Jahreskonsum von 31/2 Orangen pro Kopf zu verzeichnen. Hier liegen noch ganz ungeheure Möglichkeiten für die Vergrößerung des Konsums dar. Es wird ohne weiteres klar, daß bei geeigneter Propaganda und entsprechender Vertriebsorganisation (man braucht nur an die immense Vermehrung des Bananenkonsums in den letzten Jahren zu denken) auch eine um das Vielfache vergrößerte Pr> duktion mit leichter Mühe untergebracht werden kann, um so mehr, als es große Märkte außerhalb Europas gibt (Kanada, Indien, viele Länder Afrikas usw.), die der Jaffa orange offen stehen und bisher von uns kaum berührt wurden. Was kostet die Anlage eines Pardeß? Die Kosten der Anlage eines Pardeß werden von Kellner auf £ 75.—, von der Gesellschaft ״Yaehin“ (dem Pflanzungsunternehmen der Histadruth) auf £ 79.—, von der Jaffa Plantations Ltd. auf £ 85.— je Dunam geschätzt. Die Taxierungen schwanken je nachdem mit dem alten Dunam von 919 qm oder, wie die Jaffa Plantations das tun, mit dem neuen von 1000 qm gerechnet wird. Yachin nimmt einen Bodenpreis von 10 Pfund je Dunam an, die Jaffa Plantations einen solchen von £ 15.—. Tatsächlich kann man je nach Lage sogar guten Boden noch billiger als zu 10 Pfund erwerben, in der Nähe der Städte ist er in der Regel viel teurer. Die Schätzung der Jaffa Plaritations liegt nach alledem etwa in der Mitte deT andern und beruht auf den praktischen Erfahrungen, die die Gesellschaft bei der Anlage ihres großen Pardeß von 550 Dunam, einer der bestgelungenen Orangenanlagen Palästinas, gemacht hat. Die Güte einer Orangenpflanzung wird bedingt von der guten Durchführung ihrer Anlage. Ein moderner Pardeß kann nur mit einem nach den letzten Prinzipien moderner Produktions- und Wirtschaftstechnik rationalisierten Industrieunternehmen verglichen werden. Daraus ergibt sich, daß! zu seiner Anlage allerletztes Sachverständnis erforderlich ist. Für einen Besteller, insbesondere im Auslande, ist daher die Frage, wem er die Anlage seines Pardeß überträgt, eine reine Vertrauensfrage. Das Anlagekapital wird entsprechend der Dauer der An- Jage in der Regel in 15 Jahresraten, beginnend mit 30 und endigend mit 15 Prozent, eingefordert Zuzüglich Zins und Zinsesöns Jrostet daher ein Dunam angelegten Pardeß bis zum- Ende des 6. Jahres bei £ 85 Anlagekosten nmd £ 104.—. Und wie steht es um die Rentabilität? Ein Verkaufspreis von nur 13 Shilling je Kiste ent• spricht nach Abzug der Transportspesen einem Preis von 5 Shilling am Baum. Ein Dunam Pardeß bringt vom zehn- <en bis zwölften Jahre ab 120 bis 150 Kisten, ja es gibt Pardessim, die bis zu 200 Kisten auf den Dunam tragen. Die Prodüktionsspesen betragen 12 Pfund je Dunam, oder bei 120 Kisten 2 Shilling je Kiste. Bei 5 Shilling ab Baum bleibt also ein Nettoertrag von 3 Shilling die Kiste, oder — bei 1» Kisten — von £ 18.— je Dunam. Kellner rechnet sehr vorsichtig mit nur 4*/s Shilling ab Baum, d. h. nur 8/י2ן Shilling Verkaufspreis in der Auktion. So kommt er zu einem voraussichtlichen Reinerträgnis von ״nur“ £ 15.— pro Dunam. Nach Smiliansky pflegte die Orangenzucht bisher ein Erträgnis voh 15 bis 18 Prozent auf das investierte Kapital zu bringen. Brünn und Pinner rechnen mit einer Mindesteinnahme von 18 bis 30 Pfund je Dunam und fügen hinzu: ״Diese Rentabilität dürfte bei Verwendung von veredelten Setzlingen im zehnten bis zwölften Jahre eintreten. Bereits im sechsten Jahre darf man auf einen Ueberschuß von 3 Pfund je Dunam rechnen und im siebenten auf etwa 10 Pfund je Dunam“. Im laufenden Jahre lag der Verkaufspreis in England zwischen 13 bis 19 Shilling je Kiste, entsprach also viel mehr der Brünn-Pinnerschen Schätzung als der von Smiliansky und Kellner. Jedenfalls rechnen wir überaus vorsichtig, wenn wir eine Verzinsung von 12 bis 15 Prozent ab zehntem Jahre annehmen. Werden nicht die Steuern alles fressen? O nein, in dem oben angegebenen Setz vo12 £ ״.— Produktionskosten je Dunam sind bereits alle Steuern einbegriffen. Eine Einkommensteuer gibt es bekanntlich in Palästina n icht. Ihre Einführung ist höchst zweifelhaft, in keinem Falle wird sie auch nur entfernt an die hierzulande üblichen Sätze heranreichen. Pardessim, die beste Grundlage der Masseneinwanderung. Wie die Dinge heute liegen, bedeutet die Anlage von Pardessim die beste Grundlage für Einwanderung und Siede- Jung. Smiliansky sagt darüber: ״Je 5 Dunam Orangengarten können eine Arbeiterfamilie erhalten“. In der Anlaue von Orangenpflanzung haben wir einen ausgezeichneten weg־, ohne die Inanspruchnahme der nationalen Fonds, eine dichte landwirtschaftliche Siedelung auf durchaus gesunder Basis zu schaffen. Dazu kommt, daß die Bewirtschaftung eines fertig angelegten Orangengartens keinerlei Ansprüche stellt, die nicht jedermann nach einer geringen Anlernling erfüllen kann. Hier ist ein Weg zu einer angenehmen Tandwirtschaftlichen Tätigkeit für jeden arbeitsfähigen Einivanderer gewiesen, gleichviel welchem Kreise und welchen Gewohnheiten er entstammt. Daraus ergibt sich... Die Orangenindustrie ln Palästina bietet eine sichere, hoch verzinsliche Kapitalsanlage. Sie ist sowohl in bezug auf Sicherheit, wie Rentabilität jeder anderen Kapitalsanlage gleichwertig. Pardessim nach ihrer Fertigstellung, aber auch schon vorher, stellen ein jederzeit mit Nutzen verkäufliches oder beleihbares Objekt dar. Auch was die Liquiditat einer solchen Anlage anlangt, ist sie daher nicht geringer als irgend eine andere in landwirtschaftlichen oder kolonialen Objekten zu beurteilen. Darüber hinaus wohnt ihr ein starker Gefühlswert und ein hoher zionistischer Wert bei, sie gibt die breiteste Chance für eine großzügige und zukunftsreiche Besiedelung von Er« Israel. Oie amerikanische KonflreßdelegaUon New York, 2. Juni. (J.T.A.) Die jiddischen Tages- Zeitungen «Morning Journal“ und ״Tog“ befassen sich in den Leitartikeln vom 1. Juni mit der Wahl der amerikanischen Delegierten zum XVII. Zionistenkongreß. Beide Blätter erklären, daß die amerikanische Delegation in dieser Zusammen- Setzung nicht den amerikanischen Zionismus repräsentiere. Der ״Tog“ wendet sich dagegen, daß die Delegation zum größten Teil aus Gegnern W eizman ns besteht, was dem Standpunkt der zionistischen Ge- Samtorganisation Amerikas widerspreche. Die kleine Gruppe, die gegenwärtig an der Spitze der Zionistischen Organisation Amerikas steht, habe Leute aus ihrer eigenen Mitte gewählt und die Empfindungen und Ueberzeugungen der zionistischen Massen mit Füßen getreten. Im Leitartikel von ״Morning Journal“ wird u. a. ausgeführt: Sicherlich kann die Liste der amerikanischen Delegierten nicht als wirkliche Repräsentanz der zionistischen Massen Amerikas betrachtet werden. Die Tatsache bleibt bestehen, daß ihre Auswahl von niemandem außer einem Minjan von Leuten getroffen wurde, die 20 Delegierte und 20 Ersatzdelegierte ״wlhtten“. Dk Leitung hat von dem Privileg, das die 'Kongreßwahlordnung für den Fall einer Vereinbarung über eine Einheitsliste vorsieht, Gebrauch gemacht. Wir sind der Ansicht, daß das gesamte Problem der Kongreßwahlordnung einer Revision bedürftig Ist. Die von der Leitung der Zionistischen Organisation Amerikas zusammengestellte Liste der auf Orund des intenfraktionellen Wahlabkommens den Allgemeinen Zionisten Arnerikas zustehenden 20 Kongreßdelegierten weist folgende Namen auf: Julian Mack, Louis Lipsky, Robert Szold, Stephen S. Wise, Pearl Franklin, Morris Rothenberg, Israel Brodle, Jacob de Haas, Mrs. David Greenberg, Abe Goldberg, Richter William Lewis, Mrs. Schufzinger, Emanuel Neumann, Abraham Tulin, Mrs. William Lewis, Mrs. Archibald Silverman, Mrs. Nathan Rome, Jacob Fishman, David Podolsky, Elihu Stone. London, 2. Juni. (J. T.A.) Nach den bisher eingelangten Ergebnissen werden voraussichtlich die A11 g e - meinen Zionisten von den England zustehenden zehn Mandaten sechs erhalten. Den Misrachisten werden vermutlich zwei Mandate, den Revisionisten und Poa 1 e Zion je ejn Mandat zugesprochen werden. Die Stellung der Revisionisten hat sich nach der Zählung der Stimmen aus der Provinz, wo ihnen weniger als 10 ״/״ der Stimmen zufielen, gegenüber der ersten (Londoner) Stimmenzlhlung verschlechtert. Die Wahlergebnisse aus einzelnen größeren Provinzstädten, wie z. B. aus Leeds, stehen noch aus. Das endgültige Wahlergebnis dürfte vor Ende dieser Woche nicht bekannt werden. * In der Würdigung der palästinensischen Kongreßwahlen hebt der ״Dawar“ folgende Umstände als besonders bemerkenswert hervor: 1. die große Wahlbeteiligung trotz der schlechten Wirtschaftslage; 2. die geringere Zahl der Listen im Vergleich zu früheren Wahlen, ein Beweis, daß die provinzielle Zersplitterung aufhört; 3. die Schwäche des Augemeinen Zionismus in Palästina, die darauf zurückzuführen ist, daß die Wirklichkeit Palästinas eine bestimmte Stellungnähme zu den verschiedenen Lebensfragen erfordert; aber auch das Bestreben, den Revisionisten nachzueifern, habe den pa- 'ästinensischen Allgemeinen gauftsdet. d&m e®.;.besteht.:kein!? Bedürfnis naeh zwei revisionistischen Gruppen; 4, auch für de» Misrachi gilt das Letztgesagte. Seine Neigung zum Revisionismus hat seine Wähler vermindert; 5. der!beträchtliche Rückgang der Revisionisten im Vergleich zur Assefath Niwcnarim. Dies sei ein Beweis, der Oesundung des Jischuw, der die Methode, die zionistische Notlage in Parteiprofit umzumünzen, nfcht mehr mitmachen will. Das sechste und wes ent- Iichste Merkmal ist der gewaltige Sieg der Arbeiterpartei, dertenigen Gruppe, die die Hauptlast der Verwirklichung des Zionismus trägt und in guten, wie in bösen Tagen sich der Verantwortung nicht entzieht. leib JfaOe In Finnland Helsingfors, Ende Mai. Nach fünf Jahren ist Leib Jaffe wieder in unserer Mitte, um die dies:ährige Keren Hajessod-Aklion durchzuführen. Leider hat er diesmal bei uns eine durchius verschlechterte Lage der Juden gefunden. Auch war die Keren Hajessod-Arbeit in Finnland leider vernachlässigt und die vorigen Aktionen nicht zweckmäßig durchgeführt worden. Das finnische Judentum, klein an Zahl, hatte früher den ersten Platz bei der K. H.-Arbeit eingenommen. Aber oft waren die Delegierten, die zu uns kamen, einfache ״Oeldsammler“, die keine organisatorische oder erzieherische Arbeit leisteten und so ist es begreiflich, daß in der jetzigen wirtschaftlichen Notlage die K. H.-Zahler, die Leib Jaffe vorfand, etwas ermüdet waren. Mit Jaffes Ankunft ist ein Umschwung zu verzeichnen. Er hat in Versamtnlangen, für die Jugend, bei der Wizo, für das allgemeine Publikum, in den wenigen Tagen sehr viel an erzieherischer zionistischer Arbeit geleistet. Die Versammlungen waren so besucht wie noch nie. Die gesamte Jugend wurde mitgerissen; die dichterischen Schilderungen Jaffes, begleitet von Erez-fsrael- Bildern, haben uns zum ersten Male die wirkliche praktische Palästina-Aufbauarbeit erleben lassen. Bei dieser Gelegenheit sei der Wunsch ausgesprochen, daß in unser abseits gelegenes Land jüngere Palästinenser gesandt werden, die die Jugend organisieren, damit ein zionistischer Nachwuchs geschaffen wird. Jaffe wurde auch vom Staatspräsidenten empfangen. Der Präsident hörte mit Interesse die Ausführungen über die Erez- Israel-Arbeit an und übersandte dem jüdischen Volke einen Gruß und der Palästina-Arbeit seine besten Wünsche. Die gesamte Presse, so die bürgerliche finnische und schwedische, die sozialdemokratische und die religiöse Kotimaa, haben ausführliche Referate abgedruckt und Ihre Sympathien für die Erez-lsrael-Aufbauarbeit gezeigt. Das praktische Resultat ist durchaus zufriedenstellend und wir hoffen, daß die neu organisierte Arbeit für das nächste Jahr dem Keren Hajessod großen Nutzen tragen und daß es uns wieder gelingen wird, den ersten Platz bei der Erez-Israel-Arbeit zu gewinnen. LeopoIaGoroitz. AnBerordenUiche Slenernachlässe in PalSsllna Jerusalem, 2. Juni. (J.T.A.) High Coitunissioner Sir John Chancellor Ist am Montag, dem I, Juni, wieder ln Jerusalem eingetroffen. Aus diesem Anlaß erschien abends eine Sonderausgabe der ״Offkial Gazette“, ln der ein weiterer 20<>/«iger Nachlaß des Zehents rar 1930 außer dem bereite Int Juli v. J. gewährten 33folgen Nachlaß und gleichzeitig auch für das Jahr 193’ ein 50 v/01 g e r N a c h I a ß kundgemacht wurde. Dieser Nä:h aß bezieht sieh jedoch nicht auf Orangen- Pflanzungen. D ־!gegen sind weiter« Hilfsmaßnahmen für beide Jahre für Landwirte in Aussicht geno innen, deren Ernten durch Heuschrecken, Feldmäuse oder Dürre vernichtet wurden. Jüdische Studenten - Seelsorge Die neu gegründete jüdische Studenten-Seelsorge hatte am 3. d. Mts. ihre erste Veranstaltung in der Universität. Der Saal war dicht besetzt, zahlreiche jüdische Studenten aller politischen Richtungen waren anwesend, und man bemerkte auch eine ganze Anzahl von Nichtjuden. Die neue Einrichtung kann sehr bedeutendes für die Hebung des jüdischen Studententum leisten. Sie schafft einen Rahmen, in dem man sich frei und unbefangen über die Fragen und Schwierigkeiten aussprechen kann, die dem jüdischen Studenten begegnen. Auch jene jungen Leute, die nicht viel über jüdische Fragen naendenken und noch keinen festumrissenen Standpunkt haben, können hier zu einem tieferen Verständnis Ihrer eigenen Situation «!geleitet werden. Denn um sich in einer oft sehr feindlichen Welt zu behaupten, bedarf es vor allem der Selbsterkenntnis, der Kenntnis des Judentums, seiner Vergangenheit, seines Schrifttums und seiner ethischen Werte. Man muß es dem Leiter der neuen institution, Rabbiner Dr. Prinz, hoch anrechnen, daß er seine Funktion nicht in engherzigem Sinn als ״Seelsorge“ auffaßt, sondem den jüdischen Studenten viel mehr geben will, nämlich f‘ sammenhängenden Angelegenherten. Diesen Sinn und Zweck seines Amtes hat Dr. Prinz an dem ersten Abend in einer sehr eindrucksvollen Weise in einer kurzen programmatischen Ansprache zum Ausdruck gebracht Die jüdische Studentenseelsorge, so führte er aus, habe sich von der übrigen sonstigen protestantischen und katholischen zu unterscheiden, nämlich dadurch, daß sie sich nicht nur auf religiöse Dinge zu be» schränken hat, sondern daß sie die ,,Politisierung“ des jüdischen Studenten in die Wege zu (eiten hat in dem Sinne, daß sie ihn zu interessieren hat an allen Fragen der Gegenwart. Sie hat die Aufgabe, die Verbindung mit der jüdischen Vergangenheit wieder nerzustellen, richtet Kurse ein, in jedem Monat einen Akademiker-Abend und kleine DiskussionszirkeL Es soll angestrebt werden, eine jüdische Art von Volks- Bewegung, d. h. eine Verbindung der jüdischen Studentenschaft mit dem Leben und den Auftaben aer übrigen jüdischen Gemeinschaft. Redner dankt dem Vorstand der Jüdischen Oemeinde Berlin, der die Einrichtung der Studenten-Seelsorge ermöglicht hat. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Direktor Kareski, gab seiner Freude über das Zustandekommen der Studenten-Seelsorge Ausdruck und betonte, welchen vorzügliehen Leiter die neue Institution in Dr. Prinz gefunden hat, der es versteht, jüdische Jugend zu fesseln und echtes Interesse «n jüdischen Dingen zu wecken. In der heutigen Zeit der wirtschaftlichen und politischen Nöte, so führte der Redner aus, bedürfen wir eines engen Zusammenschlusses, einer gemeinsamen Front der Abwehr nach außen, aber auch! der gegenseitigen Hilfe nach innen. Freilich gibt es innerhalb des Judentums verschiedene Anschauungen, Differenzierung in politischer und religiöser Beziehung. Alle diese Gegensätze sollen und müssen offen und ehrlich bekannt und im geistigen Ringen ausgetragen werden. Aber über alle diese Unterschiede hinweg bedarf es eines S a nt m e I - beckens, wo alle jüdischen Strömungen auf natürliche Weise einmünden und wo das Gemeinsame wieder über das Trennende erhoben wird. Diese Funktion erfüllt die jüdische Gemeinde Es ist daher nur selbstverständlich, daß die jüdische Gemeinde auch alle anderen Bestrebungen zur Sammlung und Zusammenfassung, zur Stärkung des jüdischen Interesses und der aktiven jüdischen Betätigung fordert. Vor allem soll die Kluft zwischen den Generationen überbrückt werden, auch zwischen akademischen Bürf'. ‘ ‘ ■ - - ■ •*■•-- - - ־ Weise “und eine Förderung dieses Prozesses Verspricht sich die Jüdische Gemeinde von der neuen Studenten-Seelsorge. Zum Thema des ersten Abends hatte man den ßerient über die Studentenkonferenz in Ny on gewählt. Dieser Gegenstand muß bei allen jüdischen Studenten auf lebhaftes Interesse stoßen, denn es geht dabei um Lebensfragen des jüdischen Studenten. Das im christlichen Geiste geleitete Welt-Studenten werk hat erkannt, daß der Hochschulantisemitismus eine der wichtigsten, die Kultur unserer Zeit zutiefst erschütternden Fragen ist, und hat daher der Judenfrage eine große Tagung gewidmet, die natürlich nicht• sofort praktische Resultate haben konnte, aber dock wie Dr. Baut betonte, psychologisch von weittragenden Folgen sein und einen Umschwung in der Auseinandersetzung zwisehen Juden und Nichtjuden herbeiführen kann. Ueber die Vorgänge in Nyon berichteten sehr interessant ein zionistischer und ein nichtzionistischer Referent, Ministerialdirektor Dr. Badt und Dr. Friedrich Brodnitz. Den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ sind die Vorgänge in Nyon aus den ausführlichen Berichten, die wir seinerzeit veröffentlicht haben, bekannt, und wir können uns daher damit begnügen, festzustellen, daß die Referate der beiden Herren im Kreise der Berliner jüdischen Studenten das Gefühl erweckten, daß hier eine notwendige Auseinandersetzung noch keineswegs abgeschlossen, sondern erst begonnen worden ist. Es ist begreiflich, daß in Berlin vor allem die deutschen Verhältnisse interessieren, zumal da auch in Nyon gerade Deutschland einen sehr breiten Raum eingenommen hat Die Referenten wiesen darauf hin, welche Schwierigkeiten die Beteiligung an einer derartigen Veranstaltung und die wahrheitsgemäße Darstellung der Dinge für Studenten aus anderen Ländern mit sich gebracht hatte. Für Deutschland ist charakteristisch das Referat von Dr. Stapel, das Brodnitz mit Recht als ein seltsames Gemisch von Romantik und Politik bezeichnete. Dieses Refe* rat, das jetzt im vollen Wortlaut in der Jungkonservativen Wochenschrift ״Der Ring“ vom 30. Mai erschienen ist, wird noch zu einer eingehenden Beschäftigung Gelegenheit geben. Dies ist um so wichtiger, als — wie Dr. Badt ausführte — der Einfluß Stapels in intellektuellen Kreisen der deutschen Jugend ejp beträchtlicher ist. Mit diesen Tat- Sachen muß auch die jüdische Seite rechnen, und es ist zu begrüßen, daß wenigstens begonnen wurde, das Eis der Iso- Herung aufzutauen und eine Brücke des Gespräches zu bauen, die sich vielleicht mit der Zeit als belastungsfähig erweisen wird. Die Araber an die MaadatskonunlssIoB Jerusalem, 1. Juni. (J.T.A.) Wie die JTA. erfährt, hat die Arabische Exekutive am Sonnabend, dem 30. Mai, im Wege der Palästina-Regierung 50 Kopien des von Auni Bey Abdul Hadi verfaßten Memorandums zum Weißbuch vom Oktober 1930 und eines vom Präsidenten der Arabischen Exekutive Muni Kazim Pascha Unterzeichneten Begleitbrfefes an die Mandatskommission des Völkerbundes nach Oenf gesandt. In diesem Begleitbrief erhebt die Arabische Exekutive folgende Forderungen an die Mandatskommisslon: 1. Widerrufung der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandates, da diese im Widerspruch zum Artikel 22 des Völkerbundpaktes stehen. 2. Einsetzung einer Regierung, die einer gewählten Volksvertretung verantwortlich sein soll. 3. Verhinderung der Eigentumsübertragung an Grund und Boden an Nichtaraber. 4. Endgültige Einstellung der Einwanderung. 5. Wohlfahrtsmaßnahmen zugunsten der notleidenden Fellachen, insbesondere der durch jüdischen Bodenkauf depossedierten Siedler.