Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 42 (2.6.1931)
- Date
- 1931-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42, 2. VI. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 259 Freie Kongreß •Tribüne Allgemeiner Zionismus Von Dr. Elias Auerbach. Panik und Erregung sind schlechte Ratgeber für politische Entscheidungen. Der bevorstehende XVII. Kongreß, dessen Hauptaufgabe das Herabsteigen aus Illusionen zur klaren Erkenntnis der Realität sein wird, verlangt trotz aller Erregung der zionistischen Herzen durch die Ercignisse der letzten zwei Jahre die Herrschaft der ruhigen Vernunft für die schwerwiegenden Entscheidungen, die das Schicksal der zionistischen Bewegung vielleicht für lange Zeit hinaus bestimmen werden. Die Fraktion der Allgemeinen Zionisten, die Fraktion der Mitte, geht auf den Kongreß mit der klaren Aufgabe, gegenüber den erregten Programmen der extremen Gruppen das Interesse der Gesamtbewegung voranzustellen und eine ruhige Entwicklung zu ermöglichen. Nicht durch Kompromisse und Verwischen prinzipieller Gegensätze, sondern im Gegenteil durch eindeutige Entscheidungen in allen wesentliehen Fragen. Das erste ist die Notwendigkeit einer politischen Willensbildung, die diese Entscheidungen unter voller Verantwortung zu treffen hat, und die in der Wahlder neuen Leitung zutage treten muß. Weiztnann ist zurückgetreten: der Kongreß muß durch seine Wahl der neuen Leitung klar zum Ausdruck bringen, welche politische Richtung für die nächste Zeit eingeschlagen wird. Die neue Leitung muß sich auf eine sichere Mehrheit stützen. Wir werden aufs schärfste gegen alle, auf früheren Kongressen übliche, taktischen Manöver einschreiten, die durch Stimmenthaltung und Schaukelpolitik schließlieh die Verantwortung einer Minderheit zuschieben; die der Leitung mißtrauen, aber sie nicht zu stürzen wagen; die ihre Vertretung in der Exekutive haben wollen, aber ihr nicht das Vertrauen aussprechen. Die neue Leitung soll vom Vertrauen einer starken Mehrheit getragen sein. Die Person Weizmanns darf nicht im Mittelpunkt der Entscheidung stehen. Ob er geht oder bleibt: die Riehtung seiner Politik muß bleiben. Die Beflissenheit, mit der von Revisionisten, Radikalen und einem Teil des Misrachi das Ausscheiden Weizmanns als Vorbedingung jeder Neuordnung gesichert werden soll, läßt den Verdacht aufkommen, daß hier persönliche Motive die sachlichen überdecken. Demgegenüber erklären wir mit aller Entschiedenheit, daß wir die allgemeine Richtung von Weizmanns Politik beizubehalten streben: Voranstellung der Palästina-Arbeit, Politik des Ausgleichs gegenüber England und gegenüber den Arabern, Fortsetzung der Agency-Politik. Es ist ein Unsinn, die schwere Krise der zionistischen Bewegung als den ״Bankrott des Systems Weizmann“ zu bezeichnen. Der Revisionismus wittert Morgenluft und verlangt den Uebergang der Herrschaft auf die Opposition. Darum sagen wir deutlich: Davon kann gar keine Rede sein. Die Krise ist vielmehr ein Bankrott mancher Illusionen, mit denen wir zum Teil bisher gelebt haben, und unter ihnen stehen obenan die Illusionen des Revisionismus. S i e sind die eigentlichen Geschlagenen in der Entwicklung der letzten zwei Jahre. Wir werden mit aller Energie dafür wirken, den Revisionismus von der Leitung der zionistischen Politik fernzuhalten. Wir halten seine Grundanschauungen für falsch, seine Methoden für gefährlich, seine Auffassung des Zionismus für unjüdisch. Seine Unterscheidung eines integralen und eines halben, eines großen und kleinen Zionismus lehnen wir ab. Es wäre ein Unglück für den Kongreß, wenn er durch das Geschrei extremer Formulierungen sich zu Konzessionen in der Tonart verleiten ließe. Hier darf es kein Paktieren geben, sondern nur reinliche Scheidung. Das wird sich zuerst bei der Behandfung der Araber-Frage zeigen. An sie muß der Kongreß mit tiefstem Ernst herangehen. Es genügt nicht, eine allgemeine Deklaration unseres Wohlwollens für die Araber abzugeben, wie es schon öfter geschehen ist. Da wir unser Recht als Nation auf Palästina geltend machen, müssen wir auch das Recht der arabischen Nation auf Palästina anerkennen. Wir haben mit der arabischen Nation als einem Faktor in Palästina nicht nur für jetzt, sondern auch für alle Zukunft zu rechnen. Alle Vorstellungen von einer Umsiedlung arabischer Bevölkerung aus dem eigentlichen Palästina in andere Gebiete, um für uns Raum zu schaffen, sind Wunschgebilde der Phantasie; sie sind gefährlich, weil sie undurchführbar sind, und weil sie schärfsten Widerstand Englands und der Araber gegen einen Zionismus, der sie fordert, entfesseln müssen. Aber diese Frage ist nicht aktuell, weil noch für viele Hunderttausende von Juden ohne Verdrängung von Arabern Platz in Palästina ist. Darum ist auch die Wieder- Vereinigung Transjordaniens mit Palästina — die wir auf Grund des Mandats und der Balfour-Deklaration nicht aufhören werden zu fordern — jetzt keine aktuelle Frage. Von höchster Aktualität dagegen ist der entschlossene Widerstand der zionistischen Bewegung gegen jeden Versuch, den Ausbau des jüdischen Nationalneims von vornherein durch die jetzt gegebenen Verhältnisse zu fixieren und durch andere Bedingungen als unsere Kraft und die Respektierung der arabischen Rechte zu beschränken — Versuche, wie sie der Simpson-Bericht und das englische Weißbuch von 1930 machen. Wir werden deutlich zum Ausdruck bringen, daß wir dieses Weißbuch nie akzeptieren werden, und daß wir <Üie Einstellung der Administration Palästinas gegenüber dem Jüdischen Nationalheim für mandatswidrig halten. Keine Anbiederungsversuche an die arabische Bewegung! Wir müssen erst stärker werden, damit sie mit uns von Volk zu Volk um einen vernünftigen Ausgleich verhandelt. Aber an Stelle von Deklamationen soll der Kongreß ein positives praktisches Programm für unsere Araber-Politik aufstellen. Wir sind — im wohlverstandenen eigenen Interesse! — für einen Landentwickfungsplan, der auch die Hebung des arabischen Fellachen zum Ziel hat. Nicht die jüdische Kolonisation ist der Bedränger des Fellachen, sondern der arabische Großgr und besitz. Ihn zugunsten des kleinbäuerlichen Besitzes aut dem Gesetzeswege zu beschränken, ist eine gewaltige soziale Aufgabe der Mandatsregierung und jedes Landentwicklungsplanes. Wir protestieren dagegen, daß die Regierung sich dieser Aufgabe entzieht und die Instinkte des Fellachen auf die jüdische Aufbau-Arbeit ablenkt. In der sozialen Befreiung des Fellachen liegt der Weg zu gemeinsamer Arbeit für Juden und Araber. Wir treten ein für die Hebung der Fellachen-Wirtschaft durch Verbesserung der Methoden und durch billigen Agrarkredit, weil dadurch gleichzeitig große Bodenflächen für jüdische Siedlung frei werden. Einem Legislative Council können wir nur dann zustimmen, wenn die Araber das Mandat und die Balfour- Deklaration anerkennen, d. h. unseren Anspruch auf die Nationale Heimstätte in Palästina. Mit England sind wir bereit — wie bisher — loyal zusammen zu arbeiten. Wir verlangen dafür ein positives Eintreten der leitenden Stellen für die konstruktiven Forderungen der Balfour-Deklaration und eine grundlegende Umstellung der Mandats-Verwaltung in Palästina gegenüber der jüdischen Aufbau-Arbeit. Wir halten es weder für richtig, mit Abfall von England zu drohen, noch ein besonderes Bundesverhältnis mit England zu verlangen, das wegen seiner unvermeidlichen Spitze gegen die arabische Bevölkerung uns niemals an geboten werden kann. Das Verlangen nach einem ״Kolonisations- Regime“ ist eine unklare Phrase des Revisionismus. Es ist gefährlich, weil es sich ebensogut gegen uns richten, wie uns fördern kann. Es ist unzionistisch, zu sagen, daß ohne ein solches Regime der Zionismus nicht realisierbar ist. Unerläßlich ist nur unser fester Wille und unsere Fähigkeit zum Aufbau. Dieser Wille zum Aufbau verlangt die Heranziehung der Gesamtjudenheit zum Palästina-Werk und damit die Agency- Politik, die Weizmann begonnen hat. Daß die Jewish Agency bisher keine wirksame Erweiterung unserer Arbeit gebracht hat, ist durch die Weltkrise genügend erklärt. Wir erwarten vom Kongreß, daß er diese von uns für richtig gehaltene Agency-Politik energisch fortsetzt und für ihre Ausbreitung in der Judenheit der ganzen Welt neue Wege sucht. Vorbedingung dafür ist eine vernünftige Wirtschaft in Palästina. Bei der Aufstellung der Budgets dürfen keine Summen auf dem Papier bewilligt werden, die nicht in der Wirklichkeit zu decken sind. Schuldentilgung und Sparsamkeit müssen voranstehen. Soweit als möglich müssen die Aufgaben, die der Jischuw selbst schon heute übernehmen kann, auf ihn übertragen werden, damit unsere Mittel für den weiteren kolonisatorischen Aufbau frei werden. Unsere öffentlichen Mittel, Keren Hajessod. und Keren Kajemeth, sollen in erster Linie für die Pioniera r b e i t eingesetzt werden, die sonst der Staat leistet, also vor allem für die Ansiedlung der kapitalarmen Elemente in Land und Stadt. Nur so kann die Basis für einen raschen Aufbau gewonnen werden. Die Gruppe der Allgemeinen Zionisten betont nachdrücklieh die gewaltige Aufgabe, die der privaten Initiative im Aufbau zufällt. Diese hat auch bisher, kapitalmäßig betrachtet, drei Viertel des Aufbaus geleistet. Aufgabe der organisierten Leitung des Palästina-Werkes muß es weit mehr als bisher sein, diese Initiative, die die lebendige Verbundenheit der Galuth mit Palästina darstellt, zu ermutigen, zu organisieren, zu beraten und ihrer Arbeit die besten Wege zu weisen. Denkt an die vierte Alijah, was hier versäumt worden ist, und was in Zukunft geschehen kann, um den Drang nach Palästina fruchtbar zu machen. Um diese Kräfte nutzbar zu machen, bedarf die Zionistische Organisation einer Erneuerung von Grund auf. Die deutsche Gruppe des Allgemeinen Zionismus sieht ihre Schicksalsaufgabe darin, diese Erneuerung in die Wege zu leiten. Wir brauchen einestarke Mitte im Zionismus, als wichtigsten Träger der Weltorganisation. Auch die Flügelparteien brauchen diese starke Mitte. Fort mit den Gruppen und Grüppchen, die sich nicht durch Weltanschauung, sondern nur durch Taktik — und durch Personen unterscheiden! Der innere Kampf zwischen ihnen läßt keine Kräfte für die gesamt-zionistische Arbeit übrig. Der Kampf aber muß nach außen gerichtet werden. Die Bewegung muß wieder kämpferisch in die Judenheit einbrechen, nach innen dagegen alle Kräfte in die Palästina-Arbeit werfen. Das ist die entscheidende Forderung für die Gesundung und die Expansion des Zionismus. Der ״Allgemeine Zionismus“ muß wieder ein allgemeiner Zionismus werden. Dieser Aufgäbe, ohne Schonung kleiner Empfindlichkeiten, werden wir auf dem Kongreß dienen. Wählt revisionistisch! Von Richard Lichtheim. Die Zeit der Diskussion ist vorüber. Die Abstimmung beginnt. Es ist nicht möglich, hier nochmals in einem Artikel darzustellen, was der Revisionismus seit vielen Jahren warnend und fordernd gesagt hat. Dies sind nur Schlußbemerkungen, die der augenblicklichen Lage und den Notwendigkeiten der Kongreßpolemik entspringen. I. Unser Aktionsprogramm für den XVII. Kongreß ist bekannt. Wir fordern — erfreulicherweise im Bunde mit anderen starken Gruppen der Bewegung — eine Klarstellung des zionistischen Ziels und eine grundlegende Aenderung der politischen und wirtschaftlichen Methoden. Wir fordern die Reform der unmöglichen Agency und die Erneuerung der Zionistischen Organisation unter einer Führung, die unsere Anschauungen repräsentiert. Das Kongreßprogramm der Amerikaner, welches im Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“ vom 29. Mai schart kritisiert worden ist, lehnt sich in vielen Punkten an unser Programm an. Ob die Amerikaner mit diesem Programm Ernst machen werden, müssen wir noch abwarten. Auch andere Gruppen — im Misrachi und bei den Allgemeinen Zionisten mancher Länder — vertreten heute Anschauungen, die eine Verständigung zwischen Ihnen und uns möglich machen. Die ״Linken“ hingegen und die ״Allgemeinen“ in Deutschland wollen die Fortdauer des bisherigen Systems, den ״Weizmannismus ohne Weizmann“. Es wird nun darauf ankommen, ob die revisionistische Fraktion so stark sein wird, daß sie im Bunde mit den ihr nahestehenden Gruppen die Mehrheit auf dem Kongreß erlangen und die Leitung bilden kann. Geschieht dies nicht, so bleibt nicht nur, was war: dann kommt das Chaos der Weizmann-Epigonen. Der Wähler möge die Entwicklung dieser zehn Jahre noch einmal überdenken und dann entscheiden, welche der beiden Möglichkeiten er wünscht. II. Die ,.Jüdische Rundschau“ wendet sich gegen die Forderung nach klarer Formulierung der zionistischen Zielsetzung. Sie kritisiert das amerikanische Programm, welches die auch von uns seit langem vertretene Einbeziehung Transjordaniens in das vom Zionismus zu fordernde Territorium und die Ablehnung des ״binationalen Staates“ im Sinne des Brith Scha- 10m ausspricht. Die ״Jüdische Rundschau“ wirft uns politische Ahnungslosigkeit vor, weit wir es für nötig halten, wieder vom Juden- Staat zu sprechen. lieber die Frage, ob die offene Verkündung der zionistisehen Ziele im Hinblick auf die außenpolitischen Faktoren klug ist oder nicht, wollen wir hier nicht streiten. Man kann die Frage je nach Zeit und Umständen mit ja oder nein beantworten. Die Ergebnisse der zionistischen Politik beweisen zumindest nicht, daß die ״andere“ Methode, die angeblieh kluge Methode der bisherigen Leitung, die richtige Methode war. Wir behaupten allerdings, daß unter den besonderen Umständen, unter denen das jüdische Volk lebt, und unter dem Mandat, wie es nun einmal vom Völkerbund bestätigt wurde, n 11 r die Proklamierung unseres Ziels — wenn auch gewiß immer nur ״zur richtigen Zeit und am richtigen Ort“ — uns die zur Durchführung unserer Sache notwendigen Sicherungen schaffen kann. Jeder auch nur scheinbare Verzieht auf unsere Ziele muß unter dem Mandatssystem angesichts der dauernd wirksamen Gegenkräfte zu unserem Unheil werden. Aber das ist ja eine jener großen politischen Streitfragen, die uns vorn Standpunkt der ״Jiki. Rundschau“ und der bisherigen zionistischen Leitung trennen. Auch diese Frage muß der Kongreßwähler entscheiden; und er wird dabei nicht übersehen dürfen, wohin die ״andere“, die bisherige Methode geführt hat! Jedoch ist das nur die eine Seite des Problems. Wir sprechen vom Judenstaat vor allem deshalb, weil die zionistische Bewegung in Gefahr ist, ihren Sinn einzubüßen, weil der Zionismus des Brith Schalem, mit dem der deutsche Zionismus so gut wie identisch ist, nach unserer Meinung die Bewegung zerstört. Es ist gewiß nicht nötig, daß eine nationale Bewegung, die sich ihrer Ziele bewußt ist, fortwährend auf offenem Markte diese Ziele verkündet. Aber es ist nötig, von diesen Zielen zu sprechen, wenn man die Geister sammeln will, um die Bewegung zu beginnen — oder um die verirrte Bewegung zu ihrem Sinn zurückzuführen. III. Zur Frage der Jewish Agency isf neuerdings ein Vorschlag des Herrn Sprinzak aufgetaucht, der einer Zurückweisung bedarf. Daß die Agency eine organisatorische Mißgeburt ist, daß der wahnsinnig kostspielige Doppelapparat der Agency plus Zionistischer Organisation nicht aufrechterhalten werden kann, wird schon überall eingesehen. Daß die materiellen Ergebnisse der Agency-Politik miserabel sind, weiß die Welt. Nun kommt Herr Sprinzak mit einem neuen Vorschlag: Eine Million Juden, die je ein Pfund Beitrag zahlen, soll aut die Beine gebracht und in einer ״demokratisierten“ Jewish Agency organisiert werden. Und wozu dann die Zionistische Organisation? Wir hörten• doch immer, die Agency solle uns das Geld der reichen Leute bringen? Nun, dies ist nicht gelungen. Die Agency wird dein Kongreß und ihrem Council ein Budget von 450 000 Pfund vorschlagen, worin aber bereits 100 000 Pfund der Hadassah und 100 000 Pfund für Rückzahlung von Schulden an zwei bekannte Geldgeber der Agency enthalten sind. Bleibt ein ״Arbeitsbudget von 250 000 Pfund. So endet dieser Tanz ums Goldene Kalb, das gar nicht aus Gold war. Um nun hierüber zu trösten, soll die Agency nun flugs wieder umgegründet werden: statt die zionistische Bewegung zu erneuern, statt die Zionistische Organisation -— das lange verkannte Aschenbrödel — endlich wieder in Ihre Rolle einzusetzen, will man die Agency ganz und gar an die Stelle den Zionistischen Organisation treten lassen. Herr Sprinzak will seine Million Juden ausdrücklich nicht für die Zionistische Organisation gewinnen, weil diese aus Parteien bestehe. Sie sollen parteilose Agency-Mitglieder ä 1 Pfund sein. Im Kongreßprogramm der ״Hitachduth“ wird dies folgendermaßen ausgedrückt: ״Die Agency kann nicht nur die wohlhabenden jüdischen Schichten, sondern auch die Volksmassen um den zionistischen Gedanken sammeln.“ Diesen Satz soll man sich merken. Er zeigt, wohin die ״Linken“ mit ihrer Agency-Politik geraten sind. Die Agency soll die Massen um den zionistischen Gedanken sammeln? Wir dachten immer, der zionistische Gedanke solle die Massen um die Zionistische Organisation sammeln. Aber das ist lange her. In jenem scheinbar absurden Satz des Hitachduth-Programms spiegelt sich die ganze Entwicklung der letzten Jahre. Man spricht stolz vom ״zionistischen Gedanken“, aber man meint die zionistische Kasse. Um die soll das Volk sich sammeln und Beiträge geben —den Rest wird die Hitachduth besorgen. Das ist das ,,Wirtschafts- Programm“ der Linken und das war in der Tat die Wirt- Schaftspolitik der letzten Jahre, von der wir ja wissen, wohin sie geführt hat. Hier setzt unsere Kritik der Wirtschafts- und Finanzmethoden der Leitung und der mit ihr auf Gedeih und Verderb verbundenen ״Linken“ ein. Daher auch der Haß jener Gruppen gegen den Revisionismus, der nicht ״reaktionär“ und nicht ״wirtschaftsfaschistisch“ ist, der aber die Alleinherr־ Schaft der Arbeiterpartei über die zionistischen Mittel, über die Gelder des Keren Hajessod, zugunsten besserer Arbeitsmethoden beseitigen und die Organisierung der Privatinitiative in Angrift nehmen will. Und eben dies wollen die ״Linken“ nicht. Sie wollen, was bisher war: Einen von ihnen beherrschten Keren Hajessod, um den sich das jüdische Volk — meinungslos aber geldspendend — zu scharen hat. Das ist der wahre Sinn des Kongreßprogramms der Hitachduth und des Sprinzakschen Vorschlags der ״demokratisierten“ Agency. Wiederum hat sich der Kongreßwähler zwischen zwei Methoden der Organisierung des jüdischen Volkes und der Wirt- Schaftsgestaltung in Palästina zu entscheiden: zwischen der revisionistischen und zwischen der ״anderen“, der bisher herrsehenden — deren Resultate ja ebenso klar vor Augen liegen, wie die Resultate der äußeren Politik. IV. Zum Schluß ein Wort der Abwehr. Die Beschimpfung des Revisionismus und seiner Führer ist heute das letzte Mittel, mit dem ein bankrottes System sich zur Wehr setzt. Dabei bedicnen sich unsere Gegner eines beliebten Mittels. Während sie selbst recht gröblich schimpfen, behaupten sie kühn, daß wir durch die Maßlosigkeit unseres Tons und die Rüdigkeit unserer Angriffe die feinen Herren der anderen Parteien aufs bitterste kränkten. Zum Beweis dieser Behauptung wird mit Erfindunen nicht gespart. Durch die ganze jüdische Presse gingen erichte über eine Rede Dr. v. Weisls in Cairo, in der er Dr. Weizmann als ״Agenten Englands“ angegriffen haben sollte. Die Rede ist nie gehalten worden. Der ״Haint“ ließ sich aus Wien über große Skandalszenen der Revisionisten berichten — und mußte dann zugestehen, daß der Bericht erfunden war. Wo in einer Versammlung gelärmt wird, telegraphiert man in die Welt hinaus, die Revisionisten hätten Stinkbomben geworfen. Wir wollen uns mit all’ diesen Dummheiten nicht lange aufhalten. Natürlich gibt es da und dort Lärm und Unruhe und selbstverständlich kann es geschehen, daß irgendwo revisionistische Jugend Herrn Grünbäum nicht zu Worte kommen läßt — als nur zu verstandliehe Antwort auf eine Pariser Rede Grünbaums, in der er versicherte, er werde Jabotinskys Reden in Polen ״nicht dulden“.