Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 42 (2.6.1931)
- Date
- 1931-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 258 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 2. VI. 1631 genden Worten: Der unparteiische Betrachter, wohin Immer sich seine Sympathien neigen mögen, kann nur hoffen, daß trotz übertriebener Erwartungen und enttäuschend kleinen Anfängen dieser Gedanke (der positiven wirtschaftlichen Tätigkeit) weiter verfolgt werden wird; es ist eine nützliche Erziehung zum Staatsbürgertum, was sehr notwendig ist in einem Lande, das sich zu sehr auf ausländische Wohltätigkeit verläßt; auch wird auf diese Weise der oft gehörte Vorwurf entkräftet, daß nur diejenigen Araber an der Palästinapoütik interessiert seien, die persönlichen Profit daraus ziehen. Der jüdische Standpunkt ln dem zweiten Artikel, der der jüdischen Haltung gewidmet ist, weist der Redner auf zwei ihm bedenklich scheinende Fakten hin, nämlich auf die jüdische Haltung zur Frage einer jüdisch-arabischen Verständigung und auf die Haltung der Juden zu der britischen Beamten- Schaft. Ueber die Notwendigkeit einer arabisch -jüdischen Einigung oder wenigstens eines gewissen Maßes von Zusammenarbeit, so schreibt die ״Times“, wird viel gesprachen, und in abstrakto herrscht hierüber völlige Einigkeit; aber nicht nur gibt es nicht das geringste Maß von Erfolg, sondern auch verblüffend wenig wirklich auf dieses Ziel planmäßig gerichtete Tätigkeit. Natürlich ist hierbei die Haltung der Araber ein ungeheures Hindernis und vermag manche Mißerfolge auf der anderen Seite zu entschuldigen. Aber es ist charakteristisch für die palästinensische Situation, daß die Juden stets einer heftigeren Kritik ausgesetzt sind als die Araber; auch ist es die Ueberzeugung der meisten Araber, daß arabisch-jüdische Zusammenarbeit nichts anderes bedeute als Ausrottung der Araber, da etwas viel weitgehenderes als arabisch-jüdische Toleranz das Grundprinzip des jüdischen Daseins in Palästina ist. Und jeder Hinweis oder jede Betonung jüdischer Hoffnungen oder Absichten auf schließliche Herrschaft im Lande muß, das ist sonnenklar.daszarteGewebearabisch-jüdischerBe- Ziehungen in Fetzen reißen. Nicht nur stellt die große Mehrheit der jüdischen Führer das Problem der arabisch-jüdischen Annäherung nicht in den Mittelpunkt, sondern wenn irgendein Jude sich an die Schwierigkeiten dieses Problems ernsthaft heranwagt, wird er sofort der ״Begidah“ (der Berichterstatter der ״Times“ gebraucht hier das hebräische Wort), des Hochverrates bezichtigt. Dies ist das Los der kleinen Gruppe jüdischer Intellektueller in Jerusalem, an deren Spitze der Kanzler der Hebräischen Universität steht, die sich Brith Schalom nennen. Sie haben gewagt, sich für einen Gesetzgebenden Rat auszusprechen, auch wenn er nur eine jüdische Minorität enthält, weil er wenigstens den viel besprochenen Runden Tisch schaffen würde, an welchem Engländer, Araber und Juden sich miteinander aussprechen können, und sie haben erklärt, daß sie nicht an das Dogma glauben, das Ziel des Zionismus sei ein gänzlich jüdisches Palästina. Zwei Beispiele der letzten Zdt, fährt der Berichterstatter fort, illustrie* ren die gegenwärtige Haltung der Juden zu dem so ernsten Problem der Beziehung zur arabischen Bevölkerung. Als erstes Beispiel führt er das Prograntm des Verbandes der, jg. dischen landwirtschaftlichen Arbeiter an. Dieses Programm spricht sich׳ nachdrücklich für eine Hebung des Lebensniveaus des Fellachen aus, betont die Solidarität des jüdischen mit dem arabischen Arbeiter usw., zugleich aber wendet es sich heftig gegen die Zulassung arabischer Arbeiter auf dem jüdischen Arbeitsmarkt In jeder jüdischen Unternehmung verlangt das Programm hundertprozentige jüdische Arbeit. Dabei wäre, sagt die ״Times“, eine Zusammenarbeit jüdischer und arabischer Arbeiter gar nicht so unmöglich, wie sich z. B. bei der Bewerbung um den Bau des neuen Rockefeller-Museums gezeigt hat, wo jüdische und arabische Bewerber sich zu einem einheitlichen Angebot vereinigten; wobei zu bedauern ist, daß der Auftrag schließlich an eine ägyptische Firma (! — Red. ״J. R.“) vergeben wurde. Auch in den Pica-Kolonien arbeiten Juden und Araber zusammen. Aber die große Differenz zwischen arabischen und jüdischen Löhnen ist eine Schwierigkeit, die bei der Vergebung von Regierungsarbeiten stets eine Rolle spielen. Die Regierung hat bisher noch nicht den Mittelweg zwischen Fairness gegenüber den jüdischen Arbeitern und der gebotenen Sparsamkeit bei Verwendung öffentlicher Mittel zu finden vermocht. Das zweite Beispiel ist ein noch größeres Kuriosum und zeigt, wie wenig die palästinensischen Juden imstande sind, die Delikatesse der Situation zu erfassen. Kürzlich erschien ein kleines hebräisches Buch über die Kreuzzüge, verfaßt von dem Sohn des zionistischen Führers Ussischkin. Das kluge Buch zieht eine Parallele zwischen den Ursachen des Unterganges des lateinischen Königtums in Jerusalem im Mittelalter und den Gründen, die für ein Fehlschlagen des Zionismus in Betracht kommen. Beides seien Versuche, abendländische Lebensformen in eine orientalische Umgebung zu übertragen. Der Zusammenbruch des Kreuzfahrer- Reiches gehe darauf zurück, daß man den Enthusiasmus und Heroismus der ersten Zeit nicht aufrechterhalten konnte und auch die hingebungsvolle Unterstützung der übrigen christlichen Welt nachließ, vor allem aber daß nicht während der Zeit des ersten Enthusiasmus eine Mehrheit westlicher Bevölkerung in Syrien angesiedelt worden ist. Die Widerstandskraft des lateinischen Königtums wurde gebrochen durch die Vermischung der europäischen Rasse mit orientalischem Blut, durch das Eindringen orientalischer Gewohnheiten und schließlich durch die Rivalitäten der christlichen Fürsten selbst, denen auf der anderen Seite das Wachstum der patriotischen moslemischen Bewegung unter Saladin entgegenstand. Ebenso wie das Kreuzfahrer-Reich zugrunde ging, erklärt nun Ussischkin, muß auch die zionistische Bewegung früher oder später scheitern, wenn die gleichen Ursachen, von denen sich in Palästina und im Zionismus bereits einige zeigen, nicht in ihrer Entwicklung gehemmt werden. Daher liege die einzige Erfolgsmöglichkeit des Zionismus in der Schaffung einer jüdischen Majorität in Palästina während der ersten Well e des zionistischen Enthusiasmus, ferner in der Ausschaltung der Rivalitäten und Konflikte der jüdischen Führer, und vor allem in dem Festhalten an dem jüdischen Lebensstandard, ohne jede Anfechtung durch Verbindungen sozialer oder moralischer Natur mit Orientalen. Diese Parallele könnte deprimierend erscheinen, wenn nicht ihre Geltung beeinträchtigt wäre durch die Tatsache, daß noch ein drittes Element vorhanden ist, nämlich die Mandatarmacht, bzw. der Völkerbund. Dies führt zu der zweiten beunruhigenden Erscheinung int jüdischen Palästina: Die heftige Unzufriedenheit, die die Juden gegen die lokale britische Administration empfinden und der Glaube der Juden, daß die britischen Beamten mehr oder weniger feindlich gegenüber der Idee des Jüdischen Nattonalheims geworden sind. Dies ist eine schwierige Frage, deren Ursprünge bis auf die Zeit der militärischen Besetzung zurückgehen und die zum großen Teil auf die Psychologie des Osteuropa- Ischen Juden und des Durchschnittstypus des britischen Beamten zurückgelten. Es ist eine beklagenswerte Tatsache, daß sogar nach zwölfjähriger Bekannt- Schaft die beiden Elemente auffallend wenig geistige und soziale Berührungspunkte haben. Vor den Unruhen von 1929 waren die jüdischen Beschwer- (den nicht besonders scharf, und mit Ausnahme einzelner Fälle wurden sie nicht offen geäußert. Man hoffte, daß die Mißverständnisse sich vermindern werden, wenn erst die Mitglieder der britischen Administration mit den humanitären Idealen der zionistischen Bewegung besser vertraut sein werden. Aber seit 1929 sind die Juden überzeugt, daß diese Hoffnungen vergeblich sind. Sogar ihre Leiden bei den Unruhen — so stellt sich ihnen die Sache dar — haben nur dazu gedient, sie ins Unrecht zu setzen, die Feindschaft gegen sie zu erhöhen und die britische Beamtenschaft zu Bundesgenossen des arabischen Antizionismus zu machen. Diese Stimmung der Unzufriedenheit muß man feststellen, aber man sollte nicht vorschnell Tadel aussprechen. Der einseitige Enthusiasmus und die Ueberempfindlichkeit muß sich notwendigerweise verletzt fühlen durch den Mangel einer entsprechenden enthusiastisehen Gegenhaltung bei dem Beamten, dessen Pflicht aber schließlich und endlich nicht so sehr die ist, Gefühle der Sympathien zu zeigen, als vielmehr die jüdische Gemeinschaff so friedlich als möglich durch ein überaus schwieriges Stadium ihres palästinensisehen Entwicklungsganges hindurchzusteue r n. Wer die beiden Parteien kennt, wird ohne Schwierigkeiten bei dem lebhaften, idealistischen, phantasiereichen ostcuropäisehen Zionisten Züge feststellen können, die bei dem Durchschnittstypus des britischen Beamten kein sympathisches Verständnis finden können. Der erstere lebt in einer Welt der Ideen und der letztere muß den bestehenden Tatsachen nach bestem Vermögen gerecht werden. Der Jude hat eine übertriebene Fähigkeit, jede kleinsteKleinigkeltin der Routine-Arbeit eines Beamten, die ihm unangenehm ist, als planmäßige antijüdische Handlung zu interpretieren. Der britische Beamte auf der anderen Seite ist kein Uebermensch und mag es auch an Feinsinn und Anpassungsfähigkeit fehlen lassen, er mag auch geistige Interessen außerhalb seiner gewohnlichen Amtspflichten nicht haben, aber es braucht keineswegs als Akt der Geringschätzung aufgefaßt zu werden, wenn er mit der hebräischen Sprache nicht zurechtkommt oder wenn er es unterläßt, ein gründliches Studium der Geschichte, Philosophie und Sozialauffassung des Zionismus zu betreiben. Der Palästina'Pavillon in Paris Von unserem Berichterstatter. ar. — Paris, 29. Mai 1931, In den weitläufigen Parkanlagen von Vincennes, wo im Rahmen der Internationalen Kolonialausstellung die Wunder aller Erdteile vor dem Beschauer lebendig werden, hat auch Palästina sein Territorium gefunden: Das Ausstellungsgebäude, eine Wiedergabe des Grabes der Rachel, ringsum Verkaufsgebäude in der Bauweise des Landes mit palästinensischen Produkten, das Vorherrschen jüdischer Besucher, der starke Einschlag hebräischer Sprache, dies alles ruft nach dem Weg durch so viele exotische Landschaften plötzlich das beglückende Empfinden wach, auf einem Stück vertrauten jüdischen Bodens zu stehen. Die palästinensische Ausstellung ist die einzige aus dem Gebiet des britischen Kolonialimperi׳• ums. Im Gegensatz zu allen übrigen Kolonialmächten hat England an der Ausstellung sich nicht beteiligt. So war die Initiative ausschließlich Privaten überlassen; Es; war Senator Justin Godart, der unermüdliche Fürsprecher zionistischer Interessen in Frankreich, der auch hier die Wege zu bereiten verstand; es war Baron Edmond de Rothschild, der die Verwirklichung dieser Ausstellung ermöglichte. Vor der Eröffnung der Ausstellung, die heute stattfand, ließ Baron Rothschild sich in den Schauräumen umherführen, in denen so vieles an positiven Zeugnissen seiner durch fünf Jahrzehnte unermüdlichen Hilfe zu danken ist. Gestützt auf den Arm eines Begleiters prüfte er mit Eifer die ausgestellten Produkte, während die Besucher mit gerührtem Interesse an der uralten Patriarchenerscheinung hingen, die, fast nicht mehr wesenhaft, wie eine Inkarnation jüdischer Klugheit und Güte erschien. Die Ausstellung wurde vom Senator Justin Godart eröffnet, der darauf hinwies — es ist in zionistischen Kreisen wenig bekannt —, daß Frankreich zuerst unter den Mächten eine offizielle Erklärung für Errichtung des Jüdischen Nationalheims abgab. Er versicherte Palästina der werktätigen Freundschaft Frankreichs. Weitere Ansprachen hielten Ko- Ionialminister Reynaud, Marschall Lyautey, der große Organisator des französischen Kolonialimperiums, Herr Ascher, der Präsident des Komitees. Außer zahlreichen Vertretern der jüdischen und der französischen Oeffentlichkeit wohnten auch mehrere arabische Persönlichkeiten der Eröffnung bei. Die Radfahrergruppe, die von Tel-Awiw zu Rad zur Er- Öffnung der Ausstellung nach Paris gekommen war, flankierte den Eingang. Ehe Ausstellung ist fast ausschließlich von jüdischen Ausstellern beschickt. Das Ausstellungsgebäude Ist nach den Plänen von Georges Wybo gebaut; die Inneneinrichtung hat Architekt Sapoinikow aus Tel-Awiw besorgt. Das Ausstellungsgebäude trägt die französische und die englische Fahne. Da die Ausstellung grundsätzlich als palästinensische, nicht als jüdische gedacht ist, wollte das Komitee von einer Hissung der jüdischen Fahne absehen, um nicht den arabischen Einspruch wachzurufen. Die revisionistische Jugend protestierte dagegen; sie entfaltete während der Feierlichkeiten eine blau-weiße Fahne; es geschah dies in so besonnener Weise, daß ohne Verletzung nach irgendeiner Seite allen Empfindungen Genüge geleistet wurde. Die Resultate der jüdischen Gemeindewahlen in Polen Von unserem Korrespondenten. —g. Warschau, Ende Mai. Die am 20. und 27. Mai in dem Gebiete des ehemaligen Kongreßpolens durchgeführten Wahlen zu den jüdischen Gemeinden haben keiner der beteiligten Hauptparteien entsch.idende Erfolge gebracht. Die ״Agudah“ kämpfte mit allen Mitteln, mit der Hilfe der Rebbes und der ihr willigen Staatsorgane um ihre Vormachtstellung in den Gemeinden. Wenn wir nun die gesamte Front überblicken, können wir feststellen, daß die ״Agudah“ dieses ihr Ziel, gewisse Orte ausgenommen, nicht erreicht hat. Wenn wir nicht nur die Wahlresultate in Betracht ziehen, sondern auch die Stimmungen und Strömungen in der jüdischen Gesellschaft, die während des Wahlkampfes zum Vorschein kamen, können wir behaupten, daß die Mehrheit der polnischen Judenheit sich mit Entrüstung von der ״Agudah“ abgewandt habe. Diese Gefühle waren aber nicht stark genug, weder subjektiv noch objektiv, um bei den gegebenen Verhältnissen sichtbare und entscheidende Taten zu erzeugen. Die orthodoxen Massen, die der ״Agudah“ nachhingen, sind 110• mögen, leidenschaftlich im Auftreten, fanatisch, ihren Führern treu bis zur Blindheit, leicht erfaßbar. Eine einheitliche, kompakte, lebhaft agierende Masse. Ihr gegenüber standen Gruppen und Grüppchen, zerspalten und zerklüftet, nicht nur nach Ideologien und Weltanschauungen, öfter meistens nach kleinlichen Interessen und — persönlichen Ambitionen. Aller Losung hieß: ״Nieder mit der Agudah“, jedoch vermochten diese, in summa eine Mehrheit bildende Parteien nicht einheitlich aufzutreten. In Warschau und Lodz z. B., wo 50 bzw. 25 Gemeinderäte zu wählen waren, traten zirka 30 Listen auf den Plan! Dazu kommt, daß in diesem Lager der Anschauung nach der fortgeschrittenste, aufgeklärteste Teil der jüdischen Bevölkerung sich befand, also vornehmlich die jüdische Intcllif”. war ‘ sehr schwach, wurde während der Wahlperiode nicht genügend geweckt. Die Intelligenz konnte und wollte zu keinem energischen Auftreten sich aufraffen, teils infolge der sie seit jeher kennzeichnenden Apathie und Gleichgültigkeit in öffentlichen jüdischen Fragen, teils aus Widerwillen vor «den Wahlmethoden der ״Agudah“. Nur so ist es zu verstehen, daß in Warschau kaum 30 °/0 der Berechtigten sich an den Wahlen beteiligten. Dies war noch eine Folge des Umstandes, daß die ״Agudah“ bet der Regierung — gegen jede bisherige Gepflogenheit im Lande — als Wahltag einen gewöhnlichen Arbeitstag (Donnerstag bzw. Mittwoch) durchsetzte. Die Wählermasse der ״Agudah“ war vollzählig mo׳ bilisiert, ihre Gegner waren kaum zu bewegen. Und doch gelang es der ״Agudah“ nur in den ganz kleinen Orten und außerdem in Lodz und Umgebung eine Mehrheit der Mandate zu erzielen. In Lodz und in den benachbarten Ortschaften geschah dies mit Anwendung von allerlei Manövern, die alles bisherige in dieser ״Kunst“ übersteigen, ln Warschau hat zwar die ״Agudah“ die größte Zahl der Mandate erreicht (19 von 50), eben soviel bekamen auch die zionistischen Listen samt den sogenannten ״Demokraten“. Leider hat aber keine dieser Gruppen eine Mehrheit, und dies bedeutet die Unmöglichkeit einer produktiven, ersprieüliehen Tätigkeit in der größten jüdischen Gemeinde Europas. Außer wenn es gelingt, eine arbeitsfähige Koalition zu schaffen, der ndöst den Zionisten auch andere nationale Parteien sich anschließen. Die Wahlresultate sind für die zionistische Bewegung in Polen, wenn man alle Umstände in Betracht zieht, zufriedensteliend. In sehr vielen Orten haben die Allgemeinen Zionisten und der ״Misrachi“ eine Mehrheit, in anderen eine erhebliche Stimmenzahl erreicht. Auch den Poale-Zionisten (Rechte) gelang es diesmal, in verschiedenen Orten ihre Kandidaten «lurchzusetzen. Die zionistische Wählerschaft zeigte viel Elan, Disziplin und politische Reife während der Wahlen. Es muß aber gesagt werden, daß erheblich größere Res.dtäte erzielt werden konnten. Die Organisation ist nicht überall mit gehöriger Schlagkraft aufgetreten. Die Fraktionszer- Splitterung innerhalb des Allgemeinen Zionismus wirkte auch hier schädlich. Nirgends gelang es,' die zionistischen Föderationen zusammenzubringen, ja in Lodz z. B. haben sogar Allgemeine Zionisten und Misrachl ihre Listen nicht gekoppelt. Es fehlten auch im allgemeinen finanzielle Mittel, ohne die doch keine Wahlpropaganda entsprechend geführt werden kann. Auch diesmal konnte man sich überzeugen, wie stark die zionistische Idee in den Massen wirkt, wie krank aber die Organisation sei. Von anderen politischen Parteien haben nur die Poale- Zion-Linke und die Folkisten (Volkspartei) einzelne Mandate erhalten. Eine Unmenge orthodoxer Gruppen (Gegner der ,,Agudah“) und lokaler, meist philanthropischer Vereine hatten ihre eigenen Listen aufgestellt und in manchen Orten Erfolge erzielt. Die Zersplitterung war enorm. Sprlozaks Vorschlag Wir haben bereits den wesentlichen Inhalt von zwei Artikeln von Sprinzak aus dem ,״Dawart in ״J. R.“ Nr. 37 wiedergegeben. Der von dem Autor dort und an anderen Stellen vertretene Vorschlag kann etwa folgendermaßen zusammengesetzt werden: Er setzt als Ziel die Werbung von 1 Million — nicht ״Spender“, sondern Mitglieder der Jewish Agency. Er wünscht diese nicht für die Zionistische Organisation zu gewinnen, weil letztere in Fraktionen und Parteien geteilt ist, sondern sein Wunsch ist, diejenigen Massen, die an keiner dieser Parteien und Fraktionen interessiert sind, zu gewinnen. Und das ist in der Tat, was die Anhänger der Erweiterten Jewish Agency in Zürich gewollt haben. ״Die Demokratisierung der J. A. wird zu einer Veränderung in ihrer Konstitution führen, sie wird den Massen die entscheidende Stimme geben und das Ideal eines jüdischen Weltkongresses für den Aufbau Palästinas realisieren.“ Das Endresultat wird sein, daß die Zionistische Organisation von der J. A. aufgesogen werden wird, und unter solchen Bedingungen ist das sehr zu wünschen. Als Mitgliedsbeitrag zur Agency schlägt der Autor einen Schekel von 1 £״“ vor, welcher indes, wie der zionistische Schekel, den wirtschaftlichen Bedingun■ gen und dem Kurs in den verschiedenen Ländern angepaßt werden kann. Die Losung der Aktion zur Gewinnung von 1 Million Mitgliedern muff sein: Beginn einer neuen Kolonisation. Der Zweck der Zeichnung von £ 1 ist, ein festes Minimaleinkommen zu garantieren, das unabhängig ist von philanthropischen Schenkungen. Die Aktion muß von der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency durch die Kräfte der Jugend und der Frauenorganisationen durchgeführt werden. Hadassah und Wizo haben schon ein Beispiel gegeben, wie man neue Kräfte für das palästinensische werk gewinnt; jeder einzelne Jude muß bearbeitet und zur gleichen Zeit müssen die verschiedenen jüdischen Organisationen gewonnen werden. Das Projekt wird dem KKL und dem KH keinen Schaden ztrfügen; es wird für sie neue Spender und Propagandisten gewinnen. Inzwischen müssen wir weiterkämDfen mit Hilfe unserer alten Fonds.