Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 40-41 (20.5.1931)
- Date
- 1931-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40/41, 29. V. 1031 JUEDISCH E RUNDSCHAU Seite 251 Kongreß 'Programm der amerikanisdien Zionisten Wie wir bereits kurz initgeteilt haben, hat das Landeskomitee der amerikanischen Zionisten am 26. April «in Programm für den XViL Zionistenkongreß beschlossen, aus dein wir seinerzeit die Resolution über die Leitungsfrage wiedergegeben haben. Der volle Text des Programms ist im ״New Palestine“ vom 8. Mai veröffentlicht. Er lautet: 1. Neuerliche Feststellung der zionistischen Prinzipien Als Oberstes Organ der zionistischen Bewegung soll der kommende Kongreß die unwandelbaren Grundsätze des zionistisehen Ideals aufs neue bestätigen. Er soll unseren festen Ent- Schluß proklamieren, die vollständige Verwirklichung des Jiidischen Nationalheims innerhalb der historischen Grenzen von Erez-lsrael anzustreben und dem jüdischen Volke alle politischen Rechte zu sichern, die im Mandat anerkannt und durch das internationale Recht garantiert sind. Diese neuerliche Bestätigung ist notwendig infolge des Um- Standes, daß unter dem Druck äußerer Schwierigkeiten, die während der letzten zwei Jahre eine Verstärkung erfuhren, Vorschlage auftauchten, die zu einer Verwirrung des Zieles und einer Abschwächung des nationalen Willens führen: wenn diese Annahme fänden, würden sie die Niederlage des Zionismus zur Folge haben. II. Transjordanien Die willkürliche Abtrennung Transjordaniens vom übrigen Palästina hat Probleme erzeugt, wie die behauptete Bodenknappheit, welche sonst nicht entstanden wären. Beide Teile Palästinas bilden eine einzige historische und ökonomische Einheit. Der Wohlstand und das normale Wachstum des Landes als einer Einheit und die volle Entwicklung des Jüdischen Nationalheims verlangen die Aufhebung dieser künstlichen Schranke zwischen Ost- und Westjordanland. Der Kongreß soll dieses Verlangen klar formulieren und die kommende Exekutive anweisen, unaufhörliche Anstrengungen zu unternehmen, damit die öffentliche Anerkennung und Annähme dieser Forderung gesichert werde. III. Jüdisch-arabische Beziehungen Wir erklären, daß das jüdische Volk entschlossen ist, mit dem arabischen Volke in Palästina in Harmonie und gegenseifiger Achtung zu leben. Wir glauben jedoch, daß die Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen durch Versuche der Verständigung mit denjenigen arabischen politischen Führern, deren Politik auf arabische Herrschaft abzielt oder im Wege irgendeiner repräsentativen Regierung, die auf der gegenwärtigen numerischen Ueberlegenheit der Araber in Palästina gegründet ist, nicht befriedigend gelöst werden kann. Wir müssen die Bildung ein« Gesetzgebenden Rates ablehnen, solange nicht Bedingungen geschaffen sind, die seine Wirksamkeit zum besten Wohle aller Einwohner des Landes sichern, ohne die freie Entwicklung des Jüdischen Nationalheims zu schmälern oder zu verhindern. Wir glauben, daß die Mandatarmacht Schritte zur Schaffung eines Legislative Council erst dann unternehmen darf, wenn die Araber das Mandat voll und uneingeschränkt angenommen haben, wie es von den Juden akzeptiert wurde. Wir glauben, daß Anstrengungen zur Erzielung einer jüdisch-arabischen Versöhnung am allerbesten auf zwei Wegen sich bewegen sollen: a) die Pflege von jüdisch-arabischen Be- Ziehungen, innerhalb twd außerhalb der Grenzen von PWIstinlt; b) die wachsende Identifizierung der wirtschaftlichen Interessen von Arabern und Juden. IY. WirfichaWsprogramm Zum Zwecke der Verwirklichung des Jüdischen Nationalheims muß in der kürzest möglichen Zeit in Palästina eine beträchtliche Gemeinschaft von Juden unter derartigen Bedingungen angesiedelt werden, aie die Siedler instand setzen, sich wirtschaftlich selbst zu erhalten. Zu diesem Zwecke soll die Jewish Agency ihren gesamten Einfluß, ihre politischen und materiellen Hilfsmittel zur Stabilisierung und raschen Ent- Wicklung der jüdischen wirtschaftlichen Position in Palästina konzentrieren. Dies setzt ein geschlossenes Programm wirtschaftlicher Ent- Wicklung zur Erreichung bestimmter Ergebnisse innerhalb einet׳ begrenzten Zahl von Jahren voraus. Bei Durchführung eines derartigen Programms muß in erster Linie die Aufmerksamkeit Projekten und Betätigungen zugewendet werden, welche: a) die wesentlichen Grundlagen für eine solide wirtschaftliche Struktur entwickeln (und zwar in bezug auf Boden, Bodenschätze, lndustrien, Landwirtschaft und Gartenkultur, Kreditinstitutionen usw.); b) das Maximum an Möglichkeiten für Arbeit und Ein- Wanderung bieten, und c) begründete Aussichten auf Erträge für private Kapitalanlagen schaffen. Dieses Programm kann am besten durchgeführt werden durch Institutionen ähnlich der Palestine Electric Corporation, der Palestine Potash Comp, und der Palestine Economic Corporation, wie auch durch einzelne Investoren. Die Exekutive soll die Arbeit der verschiedenen Institutionen und Korporationen miteinander in Einklang bringen und möglichst wenig in die Führung ihrer Geschäfte eingreifen. V. Ausschuß für ökonomische Entwicklung Um den Plan eines ökonomischen Programms, das wir vorschlagen, zu entwerfen und zu überwachen, schlagen wir vor, daß ein spezieller Ausschuß für ökonomische Entwicklung (Board for Economic Development) geschaffen werden soll. Dieser Ausschuß soll in Palästina seinen Sitz haben und aus Personen bestehen, die durch ihre technische Ausbildung und praktische Erfahrung für die Aufgabe befähigt sind. Er soll: a) die Tatsachen feststellen, welche vor Inangriffnahme einer sinnvollen ökonomischen Arbeit in Palästina bekannt sein müssen: alle Daten in bezug auf ökonomische Tätigkeit in Palästina koordinieren und dieses Material den Juden in und außerhalb Palästinas in Form von Publikationen zugänglich machen; b) Sachverständige anstellen, die als Berater für Fabrikanten bezüglich der Grundprobleme, die vor ihnen stehen, fungieren können, insbesondere in bezug auf Märkte für Rohmaterial, Finanzfragen und Kalkulation; c) soweit als möglich alle jüdischen finanziellen und Kredit- Institutionen in Palästina koordinieren und bezüglich ihrer künftigen Politik und Entwicklung Vorschläge machen; d) Möglichkeiten für die Schaffung neuer ökonomisch durchführbarer Unternehmungen in Landwirtschaft und Industrie ausfindig machen; e) mit der Regierung wegen entsprechender Regelung von Steuer- und Zollfragen, sowie über Fragen des Verkehre, Straßenentwicklung u. ä. verhandeln; f) die Bildung ökonomischer Komitees bei den verschiede- 11 en zionistischen Verbänden der ganzen Welt an regen, die mit dem Board Zusammenarbeiten und Kapital für die vom Board empfohlenen Unternehmungen aufbringen sollen; g) die lokalen Märkte untersuchen, um sie für die Erzeugnisse der palästinensischen Industrie und Landwirtschaft so schnell als möglich voll zu erschließen; h) eine umfassende Untersuchung der Märkte im Nahen Osten und im übrigen Ausland machen, so daß der Export von Palästina nach diesen Märkten vergrößert werden kann; 1) einzelne Siedler ermutigen, daß sie sich in Palästina mit ihren eigenen Mitteln niederlassen. Für die Auslagen dieser Körperschaft soll eine betrachtliehe Summe aus den Einnahmen des Keren Hajessod oder eines ähnlichen Fonds zugewiesen werden, VI. Oeffenfliche Fonds Die nationalen Fonds, Keren Hajessod und Keren Kajemeth, repräsentieren die Gesamtanstrengung des jüdischen Volkes in bezug auf das Nationalheirn. Sie geben dem nationalen Gefühl und dem Willen zum nationalen Ideal greifbaren Ausdruck. Wir anerkennen voll die Errungenschaften des Keren Hajessod und des Keren Kajemcth auf ihren eigenen Gebieten. Wir glauben jedoch, daß, wenn das ökonomische Programm durchgeführt werden soll, gewisse Unterschiede im Nachdruck gemacht werden sollen. a) Der Keren Hajessod sollte hauptsächlich für diejenigen Phasen von Immigration und Kolonisation und anderer ökonomischer Tätigkeit Gelder zur Verfügung stellen, welche nicht durch Anlagekapital finanziert werden können. Die Uebertragung der Verantwortung für Gesundheitswesen und Erziehung an die Knesseth Jisrael sollte sobald als möglich vollzogen werden. An die Palästina-Regierung ist die Forderung zu stellen, daß sie für diese Zwecke hinreichende Aufwendungen macht - - mindestens entsprechend den jüdischen Beiträgen zu den Landeseinnahmen. Die Konzentration des Keren Hajessod auf ökonomische Arbeit könnte dann ohne Opfer der Lebensbediirfnisse von Gesundheits- und Erziehungswesen durchgeführt werden. b) Jedes gesunde ökonomische Programm muß den Erwerb zusammenhängender Strecken Landes ins Auge fassen, nicht nur für unmittelbare Kolonisation, sondern aucii als entsprechende Landesreserve besonders in gewissen genau umschriebenen Gebieten. Entsprechend der ungeheuren Wichtigkeit dieser Arbeit müssen sowohl durch den Keren Kajemeth, als auch durch private oder halbprivate Bodengesellscbaften Anstrengungen gemacht werden. Die Tätigkeit all dieser Körperschaften ist zu koordinieren. c) Die Sammlung aller öffentlicher Gelder für Palästina, einschließlich der von zionistischen Sonderverbänden oder Parfeien aufgebrachten, soll durch Maßnahmen des Kongresses und des Councils der Jewish Agency so geregelt werden, daß konkurrierende Geldsammlungen vermieden werden. VII. Handel und Industrie Die ungerechtfertigten Einschränkungen der industriellen Entwicklung Palästinas im Simpson-Bericht, zusammen mit den nachteiligen Maßnahmen der Palästina-Regierung in bezug auf industrielle Entwicklung in den letzten Janren, weisen auf einen Mangel an Sympathie für Industrie sowie auf die Absicht hin, das Wachstum des Jüdischen Nationalheims innerhalb der Grenzen landwirtschaftlicher Kolonisation zu beschränken. Da die Aufnahmefähigkeit des Landes offenkundigerweise in hohem Maße von den Möglichkeiten der Arbeit und Immigration, die von Handel und Industrie herkommen, abhängt, obliegt es der künftigen Exekutive, unablässig darauf hinzuarbeiten, daß die Mandatarmacht eine Politik annimmt, die eine derartige Entwicklung erleichtert. VIH. Arbeit Wir erklären uns für eine stetige Ermunterung aller Formen sozialer Kooperation, die mit gesunden wirtschaftlichen Grundsätzen vereinbar sind,, und für die Wahrnehmung «Her Arbeiterihferessen bei allen Arbeiten, die sowohl von der Jewish Agency wie auch von der Regierung unternommen werden. Wir nehmen Anteil an den Bestrebungen der organisierten Arbeiterschaft, die Ideale der sozialen Gerechtigkeit, unser gemeinsames Erbe, in lebendigen Formen zu verwirkliehen. IX. Zionistische Erziehung Die leidenschaftliche Sehnsucht unseres Volkes, seine geistigen und kulturellen Werte lebendig zu bewahren, kann nur durch die Wiederherstellung des Jüdischen Nationalheims in Palästina erfüllt werden. Für die Durchführung dieser Aufgäbe trägt die Zionistische Organisation die Hauptverantwortung und ist zugleich ihr Hauptwerkzeug. Das ist der Aus druck und der Niederschlag der historischen Bestrebungen, die unsere Vorfahren beseelt haben und uns als heiliges Vermächtnis überantwortet wurden. Im Lichte der Gefahren, die unser Volk überall umgeben, ist es die Pflicht der Zionistischen Organisation, die jüdische Welt zur Erkenntnis ihrer Verantwortlichkeit aufzurütteln, unserer Jugend bei der geistigen Wiedergeburt durch eifrige Hingabe an das zionistische Ideal zu helfen und in den Massen unseres Volkes den Willen zur Befreiung von dem Joch der Galuth zu erzeugen. Zu diesem Zweck soll die Zionistische Organisation ein ausgedehntes und in sich geschlossenes Programm öffentlicher Erziehung schaffen, entsprechend dem Geiste des zionistischen Ideals, der Belebung der hebräischen Kultur, wie auch der Pflege von innigen und persönlichen Beziehungen zwischen den Juden in der Diaspora und dem sich erneuerndem Palästina. X. Die JewUh Agency Die Jewish Agency ist gegründet auf der Idee, alle Teile des jüdischen Volkes in die Bahn der Verantwortung für die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims zu führen. Die erweiterte Jewish Agency, geschaffen in Zürich im August 1929, begann ihre Tätigkeit unter äußerst widrigen Umständen. Wir stellen mit Befriedigung fest, daß auf dem Gebiete der politischen Tätigkeit eine geschlossene Front hergestellt wurde. Wir anerkennen auch den Emst, mit welehern einzelne nichtzionistischc Mitglieder der Jewish Agency sich bemüht haben, die jüdischen Rechte entsprechend den! Mandate zu schützen und ihre Pflichten bei der Vorsorge für die laufenden Bedürfnisse in Palästina zu erfüllen. Es bleibt jedoch die Tatsache, daß die erweiterte Jewish Agency bis jetzt ihre potentiellen Energien noch nicht entfaltet hat in einem ihrer Aufgabe entsprechenden Maße. Der Zionistischen Welforganisation obliegt die Pflicht, alle Sektionen der Jewish Agency zur Zusammenfassung aller für sie in Frage kommenden Kräfte anzuspornen, damit sie ihrer Verantwortlichkeit gegenüber dem gemeinsamen Unternehmen wirksam nachkomme. Die künftige Exekutive der Zionistischen Weltorganisation soll beauftragt werden, solche Modifikationen der Struktur der Jewish Agency in Erwägung zu ziehen und vorzuschlagen, die den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Bewegung entsprechen. XI. Die Führung Das Exekutivkomitee würdigt die historischen Verdienste Dr. Weizmanns um die Sache des Zionismus. Mit Hingabe und Geschick hat er die Verhandlungen geführt, deren Ergebnis die Erlassung der Balfour-Deklaration und ihre Erhebung zu einem Bestandteil des internationalen Rechts durch ihre vom Völkerbund vorgenommene Verankerung in dem England übertragenen Palästina-Mandat war. Mit gleicher Hingabe hat er sich der Organisierung des Keren Ha- Jessod und der Aufbringung von Mitteln für Palästina gewidmet. Seine unermüdliche Energie hat in hohem Maße dazu beigetragen, daß sich der Jischuvv ungeachtet der großen politischen und finanziellen Schwierigkeiten entwickeln konnte. Seine nie nachlassenden Bemühungen, die den Juden auf Grund des Mandats zustehenden Rechte in der Zeit seit den Ereignissen im August 1929 gegenüber großen Schwierigkeiten und einer mächtigen Gegnerschaft, zu verteidigen, verdienen unsere volle Anerkennung. Wir bedauern es, daß Umstände einetreten sind, die Dr. Weizmann zu dem Entschluß bewogen aben, sein Amt als Präsident der Zionistischen Weltorganisation nicht weiter auszuüben. Wir vertrauen jedoch darauf, daß sein Rat und seine Dienste seinem Volke und unserer gemeinsamen Sache weiter zur Verfügung stehen werden. Dr. Weizmanns Rücktritt als Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation macht die Frage der Leitung zu einer dringenden und unmittelbaren. Im Hinblick auf die tiefen Spaltungen, die heute im Zionismus bestehen, treten wir für die Wahl einer mchrgliedrigen Leitung ein, die mit der Durchführung der vom Kongreß zu beschließenden politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen beauftragt und kollektiv mit den bisher dem Präsidenten der Weltorganisation zugestandenen Befugnissen ausgestattet werden soll, Befugnissen, die sie zeitweilig nach Belieben einem einzelnen oder mehreren Mitgliedern der Leitung übertragen kann, XU. Schhifjreiolutionen Die Mehrheit dieser Vorschläge sind, abgesehen von der Verteilung des darauf ruhenden Nachdrucks, übereinstimmend mit Ansichten, welche zu anderen Zeiten und anderwärts in der zionistischen Bewegung zum Ausdruck gekommen sind. Bei ihrer Aufstellung sind wir weniger von dem Wunsche geleitet gewesen, die Differenzpunkte herauszuarbeiten, als von dem Wunsche, eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sich zionistische Gruppen einigen können, um in geschlossener Hingabe auf die unabweislichen gemeinsamen Ziele hinzuarbeiten. Es ist jedoch von wesentlicher Bedeutung, daß der Kongroß nicht nur das Programm annimmt, sondern auch eine neue Exekutive wählt, zusammengesetzt aus Personlichkciten, die durch Erfahrung, Weitblick, Fähigkeit und Tem- ״ Der Rediissdiuiz der deutschen Juden Wir haben in der vorigen Nummer berichtet, daß der Rat des Preußischen Landesverbandes einem Be- Schlüsse /»gestimmt hat, wonach der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden die Rechte der in Preußen lebenden Juden zu schützen und deren gesamte Interessen gegenüber den Organen der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung wahrzunehmen hat. Dieser Beschluß ist einstimmig erfolgt, d. h. auch die Liberalen Ratsmitglieder, welche die Mehrheit im Rate bilden, haben der Auffassung zugestimmt, daß angesichts der Bedrohung der jüdischen Gesamtheit in Preußen durch die politische und wirtschaftliche Entwicklung es die natürliche Aufgabe der Gesamtorganisation der preußischen Juden ist, die Vertretung der in ihr zusammengefaßten jüdischen Menschen in jeder Hinsicht wahrzimehmen. In der Verbandstagung im Monat März ist bekanntlich ein in der gleichen Richtung gehender Antrag abgelehnt worden* Die Stellungnahme des Rates bedeutet also unserer Auffassung nach einen begrüßenswerten Fortschritt und ist ein Zeichen für die wachsende Erkenntnis, daß allgemeine jüdische Interessen am besten gewahrt sind, wenn sie nicht von privaten Organisationen mit bestimmten Innerjüdischen Programmen, sondern von einer in jüdischen Dingen überparteilichen Gesamtkörperschaft wahrgenommen werden. Naturlieh ist von der Annahme eines Beschlusses wie des eingangs zitierten bis zu einer Umsetzung dieses Beschlusses in Aktionen ein sehr weiter Weg. Es versteht sich von selbst, daß dieser Beschluß niemandem zu Leide und niemandem zur Liebe gefaßt wurde. In dieser Frage handelt es sich für die gesamte Judenheit um so einschneidende Interessen, jaß jeder Partei- Standpunkt am besten aus dem Spiele bleibt, wir sind uns klar darüber, daß die objektive Situation der preußischen Judenheit zu dieser Ansichtswandlung innerhalb der Zeit von März bis Mai geführt hat. Der Sinn dieses Beschlusses ist unseres Erachtens der, daß alle Aktionen im Interesse des Rechtsschutzes der deutschen Juden koordiniert werden und im Geiste eines allgemeinen jüdischen Konsensus geführt werden müssen. Wenn der Beschluß des Rates des Preußisehen Landesverbandes dieser Entwicklung einen wirksamen Antrieb geben wird, so ist er auf das lebhafteste zu begrüßen. In welcher Weise angesichts der in Deutschland obwaltenden Verhältnisse im jüdischen Lager dieser Beschluß rieh Im Leben durchsetzen kann, hängt vom guten Willen aller jüdischen Faktoren ab. Wir sind überzeugt, daß es in dieser Hinsicht an gutem Willen bei keiner Richtung innerhalb des deutschen Judentums fehlen wird. Es verdient vermerkt zu werden, daß der Rat seinen Be- Schluß betreffend die Verpflichtung des Landesverbandes, die Rechte der in Preußen lebenden Juden zu schützen und ihre gesamten Interessen wahrzunehmen, nach einer Debatte angenommen hat, die sich an die Entschließung des Verbandstages knüpfte, in der der Preußische Landesverband den zur Bekämpfung des Antisemitismus berufenen Organisationen für ihre tatkräftige Arbeit dankte. Im Namen der Volksparteiliehen Mitglieder gab, wie wir in der vorigen Nummer kurz mitgeteilt haben, Dr. Sandler eine Erklärung ab, die folgenden Wortlaut hatte: ״Wir bestreiten den privaten Organisationen, die sich mit der Bekämpfung des Antisemitismus befassen, das Recht, gegenüber der deutschen Öffentlichkeit und gegenüber den Behörden die Interessen der Gesamtjudenheit zu vertreten. Eine private Organisation, solange sie von ausgesprochenem Parteicharakter ist und deren Bekämpfungsmethoden wir nicht billigen, können wir als die Wortfünrerin der deixtsehen Juden nicht anerkennen. Wir verlangen, daß die legitimen Vertretungen der deutschen Judenheit, Landesverbände und späterhin der Reichsverband, den Schutz der uns verfassungsgemäß zustehenden bürgerlichen und Staatsbürgerliehen Rechte übernehmen. Der Preußische Landesverband hat die gesamten Interessen der preußischen Juden gegenüber den Organen der Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung wahrzunehmen. Er hat den wirtschaftlichen Antisemitismus zu bekämpfen und demgemäß die sozialpolitischen Arbeiten in all ihren Formen auszubauen und die jüdische Wirtschaftshilfe zu fördern.“ Zwl Masliansky 75 Jahre. Anläßlich des 75. Geburtstages des Nestors des amerikanischen Zionismus, Zwi Masliansky, fand in New York ein Festbankett statt, an dem über 500 hervorragende Repräsentanten des jüdischen öffentlichen Lebens teilnahmen. Dr. We i z mann, der ein Schüler Masliankys ist, hatte ein Begrüßungstelegramm geschickt.