Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 38-39 (20.5.1931)
- Date
- 1931-05-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38/39, 2a V. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 241 VON JÜDISCHER MUSIK Redigiert von Alice Jacob- Loewenson Die füdisdie Schallplatte (Westösiliches) Der ״Minhag Aschkenas“ um&ßt die liturgische Musik der deutschen, polnischen, russischen, rumänischen, ukrainischen, ungarischen Juden. Da jedoch die Aschkenasitn in sefardischen oder z. B. orientalischen Gegenden der dauernden Einwirkung der andersartigen Bräuche ausgesetzt sind, so ist eigentlich mh den Begriffen ״aschkenasisch‘r»und ״sefardisch“ — mit denen bisher fast ausschließlich operiert wurde — nicht auszukommen. Die folgenden Beispiele aschkenasischer Musik zeigen, für eden Laien spürbar, die Atmosphäre der verschiedenen östichen Gegenden. Rumäniens Kantor David! Rachem nu (Odeon A. 199380a). Wenn diese Platte auch nicht nach neuestem Verfahren aufgenotnmen ist: der orientalische Klang entschädigt. Im ru• manischen Ritus findet sich vielleicht am meisten Orientalisches, mehr als sonst im Osten. Die Koloratur ist ganz uneuropäisch: kleine, schnelle Parlandogruppen wechseln mit langen Fermaten; ähnliches kennen wir aus den arabisch-islamischen Musiken. Dieses Rezitativ ist mit der entsprechenden Form bei Bach und Händel (die von Lewandowski und seinen Zeitgenossen in die Jüdische Musik eingeführt wurde) nicht zu vergleichen. Die Beziehung zum Inhalt, zu den Affekten, zum religiösen Hintergrund — all das ist im Osten noch elementar und meist noch ganz echt. — Der Kantor David hat eine sehr bewegliche Baßstimme, der man okzidentale Schule schon anmerkt. Die begleitende Geige wirkt in den hohen Lagen oft fast wie eine orientalische Flöte — eine Wirkung, die man auf Schallplatten häufig beobachten kann, die aber noch lange nicht genügend ausgenutzt wird. Oberkantor Elias Klein: Ahawas Aulom (Homocord J. 4-122-11). Eine der schönsten und wertvollsten jüdisch-synagogalen Platten! Durch die Skala fis g a h äs d e — die in eigenartigausdrucksvoller Weise angewandt wird — fühlt sich nicht nur der Musiker ln eine andere Welt versetzt Der Anfang ist langsam-tanzhaft (im Dreivierteltakt), später wird es hymnischer. Erst bei der Steigerung zu größerem Tonumfang wird hörbar, daß es sich um ein Stadium zwischen Orientalischem und Okzidentalem handelt Aber die immer morgenländische Ornamentmelodie tut das ihre: durch überraschende Halbton- Intervalle, die die Tonbewegung auf unerwartete Art färben. Das elektrische Aufnahmeverfahren bringt die herrliche Stimme effektvoll zur Geltung. Jugoslawiens Oberkantor Amold Grusmaim, Belgrad: Hinenl, heonl mlmaas (Homocord J. 4-120-1). Im Gegensatz zum italienischen Beicanto, das unendlich fließend ist, hat sich der jüdische Koloraturgesang von geilten Ursprüngen her eine mehr stoßweise Technik bewahrt, die jeden Ton zusammen mit dem Affekt, den er ausdrückt, Isoliert. Die riesenhafte Stimmsubstanz dieses serbischen Chasens, noch enorm gesteigert durch raffinierte europäische Gesangskultur, durchbricht aber die Grenzen der orientalischen Melodik: das Melos weist schon nach Russisch-Polen und zeigt sogar schon europäische Elemente. Das Rezitativ ist etwas schematisch und ohne große und originale Eingebung. Trotzdem eine wunderbare Aufnahme! Arnold Grusmann, Belgrad: W'szeorew lefonecho (Homocord J. 4-120-11). Das Stück hat eine gewisse Aehnüchkeit mit dem obenerwähnten rumänischen ״Rachem nu“. Die ״liberale“ Orgel stört das — auch im musikalischen Sinne — ״orthodoxe“ Rezitativ empfindlich. Durch derartige Beispiele wird die jüdisch-liturglsche Anwendung der Orgel am evidentesten ad absurdum geführt. Jüngere chasonlsche Strömungen verdrängen bereits Urwüchsiges. Jede Steigerung und Passage, die hur dazu dient, den stimmlichen Ehrgeiz zu befriedigen, bedeutet ein Abweichen vom rechten Weg. Doch auch dies ist stellenweise ein sehr beachtlicher ״Diskus“. Polens Oberkantor Alexander Slrota: Rlbono scbel olam (Homocord J. 4-12111־). Das Anfangsmotiv spielt sich nach streng-orientalischer Sitte innerhalb weniger Tone ab, die teilweise ineinander übergehen. Dieser musikalische Charakter wird fast während des ganzen Stückes beibehalten und durch langgezogenen Kehlgesang unterstützt. Der widersinnige Harmoniumklang wird dadurch etwas gemildert, daß die Begleitung einen festen Orgelpunkt durchhält. Die Ekstase der Monotonie, wie sie in aller orientalischen Musik in Erscheinung tritt, wird durch diese fast vollendete Platte begreiflich. (Sie wäre ohne Begleitung ganz vollkommen.) Der Sänger verwendet sein enormes Stimmvolumen mit sympathischer Oekonomie. Alexander Sirota: W’szeorew (Homocord J. 4-121-1). Hier bietet sich dem großen Sänger schon mehr Gelegenheit zur Entfaltung seiner Stimme: gleich läßt die innere Intensität nach. An einigen Stellen vermählen sich südslawische Anklänge mit Reminiszenzen aus der deutschen Romantik. Ola Lilith-Warschau: Die alte Mold (Homocord J. 4-107-II). Der Gegenpol der Ritualmusik ist die Kabarettmusik. Die jüdische ist bekanntlich von zahlreichen synagogalen und Volksliedartigen Bestandteilen durchsetzt. Die Platte zeigt ein recht charakteristisches jiddisches Couplet. Der Text ist sehr anspruchslos, er handelt von einem Mädchen, das die wohlgemeinten Ratschläge eines Schadchen traurig und temperamentvoll ablehnt. Ola Lillth und WI. Godik: Bandura (Homocord J. 4-107-1). Ein jüdisch-ukrainisches Duett. Grundlage ist fraglos ein ukrainisches Volkslied. Die Aufnahme ist folkloristisch, formal und sprachlich von höchstem Interesse. Besonders reizvoll ist der im Duett gesummte Schlußrefrain. Palästinas R. Levinson-Kaplan: Drei Lieder von .1. Engel: Minhag chadasch. Goldener Pfau, Hymnus an den Dichter (Kalliope K. 1648 und K. 1649). Es ist geradezu beschämend, daß erst unlängst zum ersten Male Lieder von Engel aufgenommen worden sind, zumal dieser Komponist doch der Beginner der neuen jüdischen Musikbewegung war. Es war ein glücklicher Griff der Sängerin, gerade Engels volkstümlichste Lieder zu wählen. Die Stimme und der hebräische Vortrag der palästinensischen Interpretin sind zart und warm. Wir hoffen auf mehr. Hollands S. H. Engländer-Amsterdam: As Moschfach wet kummen (C. 4863), Hamawdil (B. 4818), Freitag oif der Nacht (B. 4817), Ohawtie (C. 3862), arrangiert von Engländer (״Hls Master's Voice“). S. H. Engländers Chor der ״Grooten Synagoge tc Amsterdam“ lät wohl einer der besteh jüdischen Chöre, die heute existieren. Der aus zwölf Ostjuden bestehende Acapellachor hat große musikalische Kultur. Das Stimm-Material ist prachtvoll und die Intensität von Kapellmeister und Chorgemeinschaft sind eine selten erfreuliche Erscheinung. Engländers Beirbeitungen sind aus dem besonderen Charakter und den snezifischen Erfordernissen und Fähigkeiten seines außerordentlichen Chors herausgewachsen. Die Prinzipien des Chorgesangs, die hier gepflegt werden, können aber auch sonst jedem jüdischen Chor, der es ernst meint, zur Richtschnur dienen: 1. Stark betonter Wechsel von Chor und Rezitativ, wodurch viele plastische Kontrastwirkungen zu erzielen sind. 2. Freie Ausgestaltung des Solo-Rezitativs. 3. Chorgesang mit Tendenz zur linearen Einstimmigkeit und zur instrumentalen Behandlung der Stimmen. 4. Verwendung der natürlichen Klangfarbe der ostjüdischen Stimmen. 5. Musikalische Auswertung der Eigentümlichkeiten des Hebräischen und des Jiddischen (Kehllaute, Falsett usw.). Die Bearbeitung jüdischer ״Volkslieder ist eine sehr schwierige und problematische Angelegenheit. Im allgemeinen kann man sagen, daß diejenigen Bearbeitungen die besten sind, die mögliehst wenig hinzutun und die sich bemühen, alles virtuosenhafte und fremdartige Beiwerk zu vermeiden. Engländers Arrangements kommen derartigen Grundsätzen schon sehr nahe. Deuisdüandt Oberkantor Karl Neumann: Blrchas Kohanim von Jassinowsky (Homocord 4-9071-1). Ausgeglichene Stimmkultur. Musik und Interpretation wirken zwar noch jüdisch, aber die Kraft ist nur mehr rein physische Kraft Karl Neumann: Das jüdische Lied (Homocord 49066־). Ein Potpourri mit sinfonischem Vorspiel und Zwischenspielen, ausgeführt von einem Kammerorchester. Die Bearbeitung ist ein Mißgriff; derart opernmäßige Aufmachung sollte heute schon unmöglich sein. Oberkantor Salomo Pinkasovicz: Wehoofanim (Homocord J. 09). Pinkasovicz ist wohl der östlichste Chasen Berlins. Er hat noch das echte, ungenierte und ungeschminkte ״Gejammere“ (das häufig so professionell wirkt) und seine Rezitative haben noch die Ueppigkeit und ungehemmte Kraft früher Chasonus. Salomo Pinkasovicz: Weal jedej awodecho (Homocord J. 09). Reiches Melisma auf besonders hervorgehobenen Worten. Bis zum Schluß herrscht ungebrochene Spannung. Die Triller sind geradezu von tierhafter Elementarkraft Pinkasovicz: Reeh no w’onjenu (Homocord J. 017-11). Rollende Koloraturen, die sich in dynamischen Rhythm•* wiederholen, und wildes Parlando geben der Aufnahme ein fanatisch-explosives Gepräge. Pinkasovicz: Hejeh im pifijoss (Homocord J. 033). Sprechgesang über nur wenige Töne. Entstehung der Musik aus der Sprache, der Singmelodie aus der Sprachmelodie. Das Rezitativ steigert sich stellenweise bis zur Exaltation. Radio. Die Berliner Funkstunde, die sich erfreulicherweise trotz aller Anfeindungen verschiedenster Natur unausgesetzt die Pflege der zeitgenössischen Musik zur Aufgabe macht, brachte unter Hermann Scherchen eine Suite für Orchester von Karol Rathaus zur Erstaufführung. Das Werk mutet sehr östlich an. Es findet sich viel Romantik, lmpressionismus, sogar Programmusikalisches, wenn auch in moderner ״ge* reinigter“ Form. Man spürt, daß der Komponist sich in einem ״dramatischen“ Stadium befindet. (Seine letzten Arbeiten sind bekanntlich: Die Habima-Musik zu ״Uriel Acosta“, die Oper ״Fremde Erde“, der Tonfilm ״Der Mörder Dmitri Karamasoff“ und die Musik zu Döblins ״Ehe“.) Symptomatisch darin ist die Tendenz des Komponisten von heute, sich von abstrakter Musik weg und in mehr ״handgreiflichen“ Bahnen zu bewegen. Alle diese Strebungen sind aber nicht als etwas Reaktionäres, sondern vielmehr als Ergebnisse eines längeren Entwicklungs- Prozesses anzusehen. Die Erfahrungen der Uebergangszeit, die sich «inen neuen Stil erobern mußte, werden nun zugunsten einer mehr lebensnahen Kunst verwertet So verwundert es nicht, daß diese Komposition selbst in Scherchens schart pointierter Interpretation kaum etwas Revolutionäres hat. Trotz der Knappheit der Diktion (vier kurze Sätze) und vieler Kühnheiten in aer Harmonik müßte es jeder Hörer goutieren können, der auch sonst Liebhaber romantischer und lyrischer Musik ist Sehr eindrucksvoll klingen die düster-brausenden Bässe, die den Fonds des zweiten Satzes bilden. Landschaftsreminiszenzen stellen sich beim wolkenhaften Auftauchen kantilenenartiger Motive ein. Die dumpf und schrill klingenden leeren Bläserintervalle im dritten Satz klingen wie springendes Glas. Tanz- und Marschrhythmen führen in eine kurze Schlußapotheost über. Der staatlich-ukrainische Chor ״Evoka n z“ (unter Leitung des Komponisten und Dirigenten Sc he in in), der sich die Pflege eines ganz neuartigen jüdischen Volks-Chorstils zur Spezialaufgabe macht, wird im kommenden Winter in Berlin konzertieren. — Der Chor hat unlängst bei der ״Olympiade“ in Charkow einen außergewöhnlichen Erfolg gehabt. ״wie wenig der Adel Verständnis für seine eigene Poesie hat“, so läßt er bei dieser Gelegenheit auch die Bemerkung fallen: ״Dasselbe gilt übrigens für das Judentum: Ein Neffe der Lady Rufus Israel, der Moses hieß, wurde in der Gesellschaft gewöhnlieh Momo genannt.“ Seltsam auch, daß Proust, um eine Situation zu beleuchten, oft Gleichnisse aus der jüdischen Begriffs- und Gefühlswelt gebraucht. Bei einem englischen Schriftsteller würde man das auf die ausgiebigen Kenntnisse der Bibel zurückführen, be! Proust aber wirkt es stets wie ein ferner Klang der Stimme Jakobs. * Im dritten Roman, ,.Die Herzogin von Guermantes“, wo die Salons der Frau von Villeparisis und der Herzogin Oriane von Guermantes geschildert werden, nimmt auch die Dreyfus- Affäre einen breiten Platz ein. Erstaunlich übrigens — und diese Tatsache ehrt das französische Volk — welchen gewaltigen Niederschlag diese dramatische und heroische Episode in der französischen Literatur gefunden hat. Bei seinen Schilderungen der französischen aristokratischen Gesellschaft behandelt Proust die Dreyfus-Affäre nicht mit derselben Leidenschaftlichkeit wie zum Beispiel Romain Rolland es in seinem ״Jean Christoph“ (Deutsch bei Rütten & Loening, Frankfurt a. M.) oder Roger Martin du Gard in seinem Roman ״Jean Barois“ (Deutsch bei Paul Zsolnay, Wien) getan haben. In den Salons des Faubourg Saint-Germain ist nur ein gedämpftes Nachhallen des tobenden Kampfes zu vernehmen. Frau von Marsantes beschließt, Lady Israel nicht mehr zu kennen, und der Diplomat Norpois monologisiert vor dem Dramatiker Bloch unendlich lang über die ״Affäre“, aber es bleibt unklar, ob der Diplomat für oder gegen Dreyfus ist En Meisterstück voll niederschmetterndem Sarkasmus ist die Wiedergabe Jener Kunst, viel zu reden, mit dem ausschließlichen Zweck, nichts zu sagen und die wirkliche Melnung zu verbergen. Die passive philosophische Betrachtungsweise, die Proust eigen ist, macht es erklärlich, daß er keine Bilder der Dreyfus -Kämpfe gibt, dafür aber findet man im Lichte dieser Affäre genug Beispiele menschlicher Dummheit und Begrenztheit. Ueber die Wandlungen, die diese Dreyfus- Affäre in Swann hervorgerufen bat, wird viel gesprochen. Die warme Sympathie, ja Bewunderung, die der Verfasser für diese seine Lieblingsgestalt hegt, kommt immer zum Ausdruck, wenn von ihm die Rede ist. Auch das Herz des Lesers hängt an dieser bezaubernden Gestalt. Swann, dessen Großvater schon getauft war, der sich selbst aber als Jude betrachtet und von allen seinen Freunden als Jude genommen wird, gehört zu jenen seltenen Menschen, denen Bewunderung und tiefste Zuneigung nicht auf Grund irgendwelcher Leistungen zufließt, sondern nur auf Grund der ihnen innewohnenden geistigen und seelischen Kultur. Auch nach der Emanzipation wurde dem Juden der Zutritt zu der nichtjüdischen Gesellschaft im allgemeinen nur dann gestattet, nachdem er erst auf irgendwelchem Gebiete Rekorde geschlagen hatte. Er muß ein großer Schriftsteller, großer Geiger, großer Schauspieler oder Gelehrter sein, ehe ihm die Tore der Gesellschaft geöffnet werden. Swann schreibt keine Bücher, malt keine Bilder, macht keine Entdeckungen in der Wissenschaft, aber seine Gestalt ist von hoher Anmut, sie strahlt Geistigkeit und seelische Feinheit aus. Es gibt Naturen, bei denen die Summe ihrer Lebenswahrnehmungen, all das von ihnen Erschaute, Erlebte und Erlernte nur dazu dienen, ihr Menschentum zu steigern, ihrer Seele die edelste Prägung zu geben. In Swann ist der wahre Aristokrat geschildert und zum erstenmal vielleicht ein gefeierter, bewunderter Jude gezeigt worden, dem eine Huldigung zuteil wird, ohne daß er dafür große Leistungen vollbringen muß, und der im übrigen diese Huldigung mit seltener Gelassenheit und Kühle hinnimmt. In Faubourg Saint Germain weiß man zwar, daß es ein Glück bedeutet, Swann während einer italienischen Reise zum Reisegenossen zu haben und mit diesem Kunstkenner durch die Bildergalerien zu wandeln, aber nicht hierauf gründet sich die Bewunderung, die man für ihn hegt. Auf den letzten Seiten des Romans ״Die Herzogin von Guermantes“ begegnen wir noch einmal Swann während seines Besuehes bei der Herzogin Oriane, und hier können wir die Wand- Jungen beobachten, die die Dreyfus-Affäre in ihm verursacht hat Den Umgang mit den Aristokraten hält er aufrecht, aber er weiß und fühlt stärker als zuvor, welche innere Welt ihn von ihnen trennt. ״Der Dreyfusionismus“ — lesen wir bei Proust — ״hatte Swann ganz naiv gemacht, seinen Anschauungen einen bemerkenswerten Impuls gegeben und sie noch mehr aus ihrer gewohnten Bahn gebracht als ehedem seine Heirat mit Odette; seine neue Deklassierung hätte besser eine Reklassierung geheißen und sie gereichte ihm nur zur Ehre, denn sie lenkte ihn zurück auf den Weg, den die Seinen gekommen waren und von dem ihn sein Umgang mit den Aristokraten abgelenkt hatte.“ Dieser Besuch Swanns und der Roman selbst schließt mit einer wunderbaren Szene, die uns den großen Künstler und Desillusionisten Proust zeigen: Swann kommt gerade zu der Zeit, als Herzog und Herzogin Vorbereitungen treffen, um zu einem Diner zu fahren. Die Herrschaften sind in großer Toilette und der Wagen steht schon vor dem Haus. Es werden nur noch kurze Worte gewechselt und Im übrigen auch darüber gesprochen, wie gut es doch wäre, in einiger Zeit mit Swann eine Reise nach Italien zu machen. Swann erwidert: Das sei wohl kaum möglich. Die Herzogin will unbedingt wissen, weshalb es unmöglich sein soll. ״Aber, liebe Freundin“, antwortete Swann, ״ich werde dann einige Monate tot sein.“ Und er berichtet über den Befund der Aerzte, die ihm nur noch eine kurze Lebensfrist gaben. Große Verwirrung der charmanten Herzogin, die zwischen einem verspäteten Diner und dem totkranken Freund zu wählen hat. Der Lakai hat schon die Glastür des Vestibüls geöffnet. Der Herzog ist ungeduldig und klagt über Hunger. Das Diner siegt, nicht ohne Swanns Bei- Hilfe, der sie zum Gehen drängte. ״Er wußte, für die anderen gehen die eigenen gesellschaftlichen Verpflichtungen dem Tode eines Freundes vor, und er versetzte sich in seiner großen Höflichkeit in ihre Lage.“ Vielleicht bereute sogar Swann die Unvorsichtigkeit, daß er anderen seine Leiden mitgeteilt hatte. Er dachte wohl nicht an die schönen Worte Kierkegaards: ״Ich sage von meinem Leid, was der Engländer von seinem Hause sagt: Mein Leid ist my Castle.“ In New York starb zweiundsiebzigjährig David Belasco, der ״Nestor des amerikanischen Theaters“. Der Verstorbene nahm am jüdischen Leben in New York lebhaften Anteil.