Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 38-39 (20.5.1931)
- Date
- 1931-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 240 ]UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/3Ö, 20. V931! .׳ folgt daraus, daß er, und nicht wir, der Dieb ist.“ Wir wurden ins Gefängnis gebracht, diesmal an den Füßen gefesselt. Mein Onkel aber sagte: ״Jetzt ist’s genug. Ich fechte es durch, nach oben und nach unten.“ Gegen Ibn Chalaf wurde noch am selben Abend Klage beim Statthalter eingereicht. Der Statthalter war ursprünglich Diener beim Herrn des Landes von Amran. Jener Herr war dem Imam mit ganzer Kraft ergeben gewesen; damals herrschten aber die Türken; die waren ihm gram und verbannten ihn und dann auch seine Söhne; sie sind nie mehr nach Jemen zurückgekehrt; der Diener aber bemächtigte sich allen Gutes seiner Herren, zahlte Tribut dem Imam und den Türken zugleich und als der Imam Herr von Jemen ward, *wurde er zum Statthalter des Landes von Amran gemacht; er heiratete die Schwester des Kadis, der Scheich ist ihm feind. Der Statthalter, der Kadi, der Scheich und die Vornehmsten der Stadt waren versammelt, als am Abend der Ibn Chalaf, sich zu verteidigen, erschien. Aber statt sich zu verteidigen, erzählte er, als er die große Versammlung vor sich sah, die ganze Wahrheit, von Anfang bis zu Ende! So ist er eben, der Ibn Chalaf. Wir waren inzwischen im Gefängnis guter Dinge trotz unserer Ketten. Besonders vergnügt war Elijohu Koehen, ein Witzbold sondergleichen. ״Sidi Hamud,“ sagte er zura Gefängniswärter (der ist ein Sajjid, ein Nachkomme Mohammeds), ״wir sind gekommen, uns bei dir zu amüsieren. Jetzt streng dich aber an, damit wir was davon haben!“ Es verging auch nicht viel Zeit, da öffnete sich die Tür und hereingebracht wurde der Ibn Chalaf, nicht in Ketten wie wir, sondern im Block. Du meinst, er sei traurig gewesen? Gar nicht, er nahm teil an unseren Späßen die ganze Nacht. Was sich am nächsten Tage und die Woche darauf in Amran getan hat, läßt sich nicht beschreiben. Kurz, wir wurden nach acht Tagen entlassen und erhielten Entschädigungen, Ibn Chalaf bekam drei Monate schweren Kerker, nicht einmal am Sabbat durfte er nach Hause gehen. Zum Schluß mußte er der Stadt ein Schlachtopfer stiften. Ein Ochse wurde geschlachtet, der Statthalter, der Kadi, der Scheich und alle Vornehmen aßen davon. Der Sinn ist der: Du hast durch deine Untat die Stadt beschmutzt, wir essen vom Blute deines Sühnopfers und wischen sie dadurch aus. — Der Ibn Chalaf ließ sich nicht mehr bei mir blicken. Ein leizier Versuch Eines Tages sitze ich in meinem Laden; niemand ist drin, ich halte die linke Hand über meine Augen und trage verschiedene Posten von meinen Zetteln ins Hauptbuch ein. Auf einmal packt mich jemand mit aller Kraft am Nacken, ich fahre auf, es ist der lbu Chalaf, der mich ganz ruhig anlacht und sich dann gerade mir gegenüber hinsetzt; ohne ein Wort zu sagen, nimmt er mir meine Wasserpfeife aus der Hand und steckt sie sich in den Mund; er will etwas reden, besinnt sich aber anders, er schweigt und ich schweige. Ein Kabyle kommt ,,einkaufen; ich gebe ihm, was er verlangt und verschnüre seine Töpfe mit Sehnen; plötzlich sagt der Kabyle: ״Allah sende Fluch über dein Haupt!“ ״Und über deinen Bart! Warum denn?“ ״Nach allem, was dir jener Elende angetan hat,“ dabei schaute er auf Ibn Chalaf, ״hältst du mit ihm immer noch Freundschaft?!“ Natürlich wußte die ganze Gegend von dem, was Ibn Chalaf getan hatte. ״Was für '*Freundschaft? Er kommt hierher gegen meinen Willen. Hinauswerfen tue ich keinen; für mich ist er wie ein Stein.“ Aber am nächsten Tag kam zu mir Elijohu Koehen, der Freund von uns beiden, ganz sachte und sprach: ״Bist du böse, wenn ich etwas mit dir spreche?“ ״Warum denn? Die Rede liegt auf der Straße.“ Da platzte er heraus: ״Ibn Chalaf gibt dir jede Summe, die du verlangst, wenn du auf die Mansaratochter verzichtest.“ Mein ganzes Gesicht flammte rat auf. ״Jetzt bist du doch böse!“ ״Ja freilich bin ich böse! Schäme dich, so etwas zu reden! Erstens des Schicksals wegen. Da sie mir verlobt worden ist — und wir nun auch schon zwei Jahre verlobt sind — ist es meine Bestimmung, daß ich sie heiraten muß; und gegen die Bestimmung darf man nichts machen. Und zweitens, ist denn die Frau wie ein Stück Vieh, das man für Geldeswert verkaufen kann?“ Jetzt aber hatte Ich genug. Ich schickte meinen Vatersbrüder und meine Vettern zu den Mansuras und ließ ihnen sagen, sie sollten die Hochzeit sofort machen, oder aus der Sache werde nichts. Sie drückten sich erst herum und meinten, nach dem Osterfest könne die Hochzeit veranstaltet werden. ,,Was,“ rief mein Vatersbruder, ״nach dem Osterfest, wo in der Landwirtschaft so viel zu tun ist?! Da werdet ihr sicher nicht können!“ Die Mansuras haben nämlich, ebenso wie die Gaartas und noch zwei andere Familien in Amran, großen Landbesitz. Schließlich wurde die zweite Woche des Monats Adar (März) zur Hochzeitswoche bestimmt; wir begannen sofort, zu mahlen und andere Vorbereitungen zu treffen; ganz öffentlich, jetzt war kein Grund mehr, irgend etwas geheimzuhalten. Die Konkurrenzhochzeit Wie der Ibn Chalaf hörte, daß ich Hochzeit mache, war er außer sich. Und nicht nur wegen der Mansuratochter, sondem auch, weil wir beide Altersgenossen waren und ich, die Waise, der wenig Bemittelte, vor ihm, dem Sohn des reichen Chalaf, Hochzeit haben sollte. Er erklärte seinem Vater, daß, wenn ich in der zweiten Adarwoche heirate, er in der ersten I heiraten müsse; für die Braut solle der Vater sorgen. Nun kam der Elijohu Koehen allwöchentlich nach Kuhlan, einer Ort• Schaft weit von unserer Stadt, in Geschäften. Dort sah er die Tochter eines Silberschmieds, der aus Sanaa gezogen war; dieser Mann ist ein ganz großer Meister in seiner Kunst und verdient jeden Tag einen Maria-Theresientaler — dem wirkliehen Werte entspricht das einem Verdienst von einem englischen Pfund in Palästina. Aber das Geld bleibt nicht bei ihm; denn was er tagsüber verdient, verzecht er in der Nacht. Er kann nicht anfangen zu trinken, ehe nicht drei große Becher voilgefüllt vor ihm stehen; dann leert er sie alle auf einmal; betrunken soll er nie werden. Seine Tochter ist wunderschön, war aber, ihres Vaters wegen, keine gesuchte Partie. Das kam also dem Chalaf gerade recht. Der Koehen nahm einmal einen Bruder des Ibn Chalaf mit, dem gefiel sie auch, und eine Woche später fuhren der alte Chalaf und seine Söhne (natür• lieh ohne meinen Ibn Chalaf) zur Brautwerbung. Der alte Chalaf ließ in Kuhlan von einer Frau ein erlesenes Mahl herrichten und brachte es ins Haus jenes Silberschmieds, dazu die besten Weine in unbegrenzter Menge. Der Silberschmied aß und trank ohne Maß, aber als der alte Chalaf mit seinem Anliegen begann, sagte er: ״Du meinst wohl, mir mit deinem Weine und deinem Fleisch die Sinne betören zu können? Weib, öffne die Vorratskammern und zeige ihnen, daß wir nichts und niemand nötig haben!“ — ״Wir kommen wegen deiner Tochter.“ ״Begrüßt und willkommen! Zweihundert Maria-Theresienthaler“; das ist das Zehnfache des Brautpreises, der zu erwarten war. Schließlich einigten sie sich auf hundert und die Chalafs mußten die Reittiere stellen, nicht nur für den Silberschmied und seine Sippe aus Kuhlan, sondern auch für affe möglichen Verwandten aus anderen Städten; und der Silberschmied bedingte für sich ein besonderes Haus mit allem, was dazu gehört, für die ganzen Tage seines Aufenthalts in Amran. Die Hochzeit war auch richtig in der ersten Adarwoche, die ganze Stadt war eingeladen; aber niemand kam; auf diese Weise zeigt man bei uns einem, was man von ihm hält. Am Donnerstag Abend darauf war meine Trauung; niemand fehlte von der ganzen Gemeinde, auch die Chalafs nicht, obgleich wir nicht zu ihnen gekommen waren. Da* Bedere weicht Nun ist es bei uns Sitte, daß der Mann, der zuletzt ge• heiratet hat, den Ehrenplatz neben dem Bräutigam einnimmt, — in meinem Fall also der Ibn Chalaf! Der kam auch und brachte sich Wein, Ochsen* und Hühnerfleisch mit und stellte alles vor sich hin. Meinen Verwandten war sein Erscheinen höchst peinlich; gegen die Sitte zu handeln, ist freilich un* möglich. Mein Schwager trat an mich heran und flüsterte mir ins Ohr: ״Nimm dich vor ihm in acht; er tut dir vielleicht einen Zauber an heute Nacht oder noch etwas Schlimmeres; sprich nicht mit ihm und iß nicht von seinen Speisen!“ Ich war sehr bestürzt; syie sollte ich nicht mit dem Ibn Chalaf sprechen, wo er doch mein Altersgenosse war und den Ehrenplatz neben mir innehatte? Uebrigens war es mir furchtbar heiß; die Luft war schwer vom Odem von zweihundert Menschen; dazu brannten sechs große Lampen; und der Hochzeitsstaat ist so schwer, daß ich mir ununterbrochen die Stirn wischen maßte. Auf einmal fing ich an, zu weinen; die Tränen flössen nur so herunter, ich wollte sie aufhalten, aber ich konnte nicht. Die Leute fingen alle an, auf mich zu schauen; mein Vatersbruder kam, packte mich am Arm und sagte: ״Nu!“ Aber es half alles nichts, ich weinte ohne Unterlaß; mein Muttersbruder, der Vater der Braut, war wütend: ״Schau doch die Leute an! Willst du wohl meine Gäste vertreiben?!“ Man führte mich hinaus; ich bat, mir doch etwas vom Hochzeitsstaat abzunehmen; aber das, sagten alle, sei ganz unmöglich. Endlich beruhigte ich mich und kehrte wieder ins Festzimmer zurück. Da fiel es mir ein, den Ibn Chalaf etwas zu ärgern; obgleich ich gar keine Lust hatte, aß und trank ich von dem, was vor mir stand, nahm aber nichts von seinen Speisen. Sechs Monate liebte Ibn Chalaf seine Frau, dann fing er an, sie zu hassen; sie durfte nicht mehr zu ihm Ins Zimmer kommen, und wenn er sie dort traf — z. B. wenn sie ihm Essen hinstellte oder aufräumte — schlug er sie und jagte sie hinaus. Sie liebte ihn gewaltig, er aber ging zu anderen. Und warum dies alles? Weil er immer noch an der Frau hing, die meine Frau Ist. Sieh, wie groß die Macht der Bestimmung ist; seine Frau ist viel schöner als die, die meine Frau ist, und hat alle guten Eigenschaften, er hat aber kein Gefallen an ihr — 1yn der anderen willen. Da dachte ich, es sei nicht recht, des anderen Unglück zu sein und es kam mir in den Sinn, das zu tun, was so viele in Amran und anderen Städten Jemens getan haben, nämlich nach Palästina auszuwandern. So verließ ich denn Amran mitsamt meiner Mutter und meiner frau — wie das geschah und von der Reise selber habe ich dir ja schon erzählt. Dies ist, wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, der eigentliehe Grund dafür, daß ich nach Palästina ausgewandert bin — ganz abgesehen davon natürlich, daß es das Land der Heiligkeit und der Freiheit ist. Zwei Gedidite der Rachel Ein deutscher Zionist sendet uns die nachfolgenden zwei Gedichte der kürzlich verstorbenen Dichterin Rachel, die er ins Deutsche zu übersetzen versucht hat. Sie sind dem seinerzeit an dieser Stelle aus• führlich besprochenen Gedichtband ״Safiach“ entnommen. m Stets wechselnd bin ich hienieden Stets wechselnd bin ich bienieden. Gefühl, das erst eben erblüht, Wie Herbstes fallende Blüten Dahin in die Winde entflieht. In Treue doch bin ich verbunden Mit dir, Mutter Erde, allein; In leidvollen, traurigen Stunden, Wie dann auch, wenn Tröstung kehrt ein. Wie ich einst in der Jugendzeit Prangen Stets in Treue nach dir mich gesehnt, So auch jetzt meine blasse Wange An die Bräune der deinen sich lehnt. Frühling Hab' die Läden denn ich nicht verschlossen, Versperrte nicht recht meine Tür? Gar flink ist hinein er geschossen, Frohlockt nun und stürmt über mir. Was wohl von der Stillen du wolltest, Du duftendes, flammende» Rot? Just nicht entdecken du solltest, Was im Winter ich raffte mit Not. Soll ich nun in Groll mit dir leben, Verwischen vor dir meine Spur? Oder mich vollends ergeh«! Noch einmal .... dies eine Mal nur? (Uebersctzt von H. H.) Dietzenschmldf: ״Der Verräter Gottes“. Im Rahmen dei ״Werkgemeinschaft“ las Ernestine Münchheim einige Szenen aus dem Judasdrama: ״Der Verräter Gottes“ von Dietzenschmidt. Der Dichter — nach eigenem Bekenntnis ״ein schlechter, aber leidenschaftlicher Katholik“ — gibt eine neue und ungewöhnliche Deutung des Judas Ischariot, den er zum Mittelpunkt des seelisch-dramatischen Geschehens macht. Judas wird hier als der leidenschaftlichste, gläubigste und treueste der Jünger dargestellt, der sich für die Person Christus opfert, um die I d e e Christus zu retten. Ais ״König der Juden“ hätte Jesus seine eigentliche Funktion nicht erfüllen können (nicht einmal der gekrönte und ungekreuzigte Christus hätte sie erfüllen können); die Juden — damals ein Volkstyp von inadäquater Normalität — waren ungeeignet, Gefäß für eine derartige Idee zu sein. Die Szene, in der das Volk den Christus verwirft, den es nicht versteht, und sich statt seiner den Strafling Bar-Abbas freigeben läßt, der durch die plötzliche Erkenntnis des Christus-Schicksals zura Baal-T’schuwah geworden ist, ist außerordentlich packend. — Der Dichter glaubt, ״daß jedes Volk zu j e d e r Zeit genau so handeln und entscheiden müßte (und würde) wie es damals Schicksalsberufung des jüdischen Volkes war“. — Eigentlich gibt es nur eine Person in diesem Stück: Judas,י- Christus, dessen überragendes Geschick die Tragik des Judas bagatellisieren würde, beschattet das Geschehen,, ohne an ihm als dramatische Person mitzuwirken. Die übrigen Personen sind als zeitlose Symbole gedacht. — Die Diktion der Dichtung ist knapp und gedrängt, wie es einem modernen Bühnenwerk geziemt. Die Intensität der Gestaltung wurde durch die zwingende Darstellung Fräulein Münchheims aufs höchste gesteigert. A. J.-L. Im Verlag ■von Ernst Rowohlt, Berlin, erschien eine Broschüre ״Der Film ,Im Westen nichts Neues‘ in Bildern“. Ohne begleitenden Text werden einfach auf 128 Seiten charakterisüsche Einzelbilder aus dem verbotenen Film vorgeführt. Das Erschütterndste daran sinff vielleicht nicht einmal die Bilder des Zerstörens und des Grauens, sondern das anschauliche Hervortreten des Gegensatzes von jugendlicher Träumerei und grausamer Wirklichkeit. Ahnungslos und fröhlich begrüßen diese jungen Menschen den Krieg und die sich erschließenden Mög- Iichkeiten romantischer Erlebnisse; dann kommt das Kasernenleben, das Frontleben und alles, was die heute 35 Jahre und mehr alten Menschen noch im Gedächtnis haben sollten. In der furchtbaren Not des Krieges werden freilich auch beste menschliche Eigenschaften bewährt; aber die Bilder machen es, verständlich, warum dieser Film allen jenen verhaßt sein mußte, »t! au^ e'neP nePen Krieg hintreiben und wieder Nutznießer der Ahnungslosigkeit der inzwischen herangewachsenen Jugend sein wollen. Dies in kurzen Worten über Proust im allgemeinen. Ueber das Jüdische bei Proust ist, wie Ich glaube, noch nirgends gesprochen worden. Wohl wird auf die Tatsache, daß er Halbjude war — seine Mutter war eine geborene Weil — hingewiesen, aber das geschieht hauptsächlich wegen der biographisehen Genauigkeit, und Ernst Robert Curtius, in dessen Buch ״Französischer Geist im ׳ neuen Europa“ Grundlegendes und Wesentliches über Proust gesagt wird, vergißt sogar, diese Tatsache zu erwähnen, indessen finden wir in den Büchern von Proust viel Jüdisches. Jüdische Menschen werden geschildert, Jude ist auch Swann, der Lieblingsheld Prousts, der geistige und seelische Aristokrat. Auffallend oft begegnen wir Bernerkungen und Aeußerungen über jüdische Dinge, die, Gemeingut jedes nationalen Juden, bei einem Proust doch überraschend wirken. Das heißt aber keineswegs, daß sich Proust mit dem Juden turne allzu sehr belastet. Von den ״bösen drei Gebresten: Armut, Körperschmerz und Judentum“, von denen Heine spricht, trifft für Proust nur der Körperschmerz zu. Nein, allzu belastet mit dem Judentum war er nicht. Nur wie ein ferner Verwandter edelster Art wirkt er, ein Verwandter, der ferne Erinnerungen in seiner Seele trägt und sie nicht zu verdrängen sucht Eine große Wärme verspüren wir aus den vielen hingestreuten Bemerkungen über Juden und Jüdisches. Es ist die Stimme Jakobs, die zu uns herüberklingt, und wenn er über feige Judenseelen herzieht und sie verspottet, mutet er fast wie ein Nationaljude an. Schneidend wird seine Ironie, wenn er auf das Verwischen nationaler Eigenarten zu sprechen kommt, auf jenen Meister der Mimikrikunst, der sich ״das Aussehen eines Lords geben kann, und dessen Manieren so französiert sind, daß bei ihm eine rebellische Nase, die wie Kapuzinerkresse in unvorhergesehener Richtung wächst, mehr an die Nase Maskarillos als an die Salomons gemahnt“. Wenn Proust die Tatsache, daß Baron von Charius im Kreise der Seinigen Palamede oder ״Meine“ genannt wird, erwähnt und in diesen Abkürzungen und Verstümmelungen der Namen ein Zeichen sieht, Jüdisches bei Marcel Proust Von Sch. Gorelik. Marcel Proust — geboren 1871, gestorben 1922 —- führte bis zu seinem 35. Jahre das Leben eine Salonmenschen. Er genoß den nicht zu verachtenden Vorteil, im Besitze eines bedeutenden Vermögens zu sein und konnte sich infolgedessen einzig der Anhäufung geistiger Güter widmen. Obzwar bürgetlicher Herkunft und Halbjude, standen ihm die Häuser der höchsten Aristokratie offen. Es kostete ihn keine Mühe, dorthin zu gelangen, er brauchte sich nicht zu drängen, vielmehr wurde er wegen seiner großen literarischen Kultur und seines überaus scharfen und doch anmutigen Geistes gesucht und verwöhnt, ln den Salons des Faubourg Saint Germain, aber oft auch in den Cafehäusern der Literaten erfreute und überraschte er die Zuhörer mit glänzenden Apercus, mit wunderbar tiefen Gedanken, denen er in erlesenster Form Ausdruck verlieh. Später aber besann er sich, ob nicht die Zeit für ihn gekommen sei, all das, was er erlebt, gesehen und erkannt hatte, im Wort festzuhalten, es künstlerisch zu gestalten, d. h. Schriftsteller zu werden und damit die ihm obliegende Pflicht zu erfüllen, über Welt und Dinge gewichtige Aussagen zu machen. Und so zog sich denn Marcel Proust von der großen Gesellschaft zurück, um in jahrelanger Arbeit — die auch Jahre schwerer, unheilbarer Krankheit waren — sein gewaltiges, heroisches Werk zu schaffen, jene zahlreichen Bände, die den allgemeinen Titel ״A la recherche du temps perd u“ tragen. In deutscher Uebertragung unter dem Gesamttitel ״Auf den Spuren der verlorenen Zeit“ sind bisher drei Romane: ״Der Weg zu Swaim“, ״Im Schatten der jungen Mädchen“, ״Die Herzogin von Guermantes“ im R. Piper-Verlag, München, erschienen, und die ihn zu einem bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs und der Weltliteratur machten. Er konnte noch Zeuge und Genießer seines aufsteigenden Ruhmes sein, dessen Größe nach seinem Tode noch ständig zunimmt Die Bücher Prousts sind In affe Kultursprachen der Welt * übersetzt, und die Literatur über ihn, die Betrachtungen über sein Werk sowohl wie die Erinnerungen über seine faszinierende Persönlichkeit häufen sich immer mehr. Indessen wird Proust niemals Modeschriftsteller eines breiten Leseipublikums werden, weil seine Bücher zu der Kategorie der Literatur gehören, die zu lesen ernste geistige Arbeit erfordert, was ein bequemer Leser und ein Snob stets zu vermeiden suchen wird. Für denjenigen aber, der sich zu einer konzentrierten Aufmerksamkeit bereit findet, ist der Ertrag an künstlerischen, geistigen und seelischen Werten bedeutend. Proust ist nicht nur ein genialer Gestalter menschlicher Charaktere, nicht nur ein kaum zu übertreffender Meister des Wortes, sondern auch ein scharfer, origineller Denker, und die häufigen, langen Abschweifungen auf das Gebiet der bloßen Betrachtung und des Philosophierens sind von nicht geringerem Reiz al* sein Malen seelischer Landschäften. Seiten wohl weisen lange Sätze soviel Inhalt und soviel Anmut aüf. Die Kritik, die das Amt hat, dem Schriftsteller seinen Rang in der Literatur zuzuweisen, stellt ihn in die erste Reihe der ganz Großen. In Proust ist die Gestaltungskraft Baizacs, die hohe Kunst der seelischen Analyse Stendhals und die skeptische Weisheit Montaign es vereinigt. Diese Einordnung allein genügt aber nicht, denn als Schilderer der französischen Aristokratie kommt Proust noch der Ehrenplatz eines Klassikers zu, neben dem großen Chronisten Saint-Simon. Die Tatsache, daß hauptsächlich das aristokratische Milieu der Gegenstand der Proustschen Schilderungen ist, darf nicht zu der irrtümlichen Annahme führen, als wäre Proust nur Gestalter einer bestimmten Gruppe der menschlichen Gesellschaft. Das aristokratische Milieu spielt dieselbe zufällige sekundäre Rolle wie bei dem großen Menschenkenner Chamfort, dessen Maximen größtenteils beginnen: Graf X. begegnete dem Fürsten Z. Proust fehlte die Leidenschaftlichkeit, d. h. die Enge und Begrenztheit, Enthüiler einer bestimmten Klasse zu sein. Er enthüllte die raenschliehe Seele überhaupt... *