Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 38-39 (20.5.1931)
- Date
- 1931-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 38/39, 20. V. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 239 Literatur-Blatt Warum ich aus Jemen auswandertc Verdeutscht von Dr. Fritz O 11 ס e i n. ln!:einem arabischen Land hl der semitische Orient so rein erhalten, nie im Jemen, dem Lande des Imam. Das fühlt man so recht, wenn man, wie der Verfasser, jahrelang in der arabischen Levante gelebt, hat und dann Jemeniten, diese charaktervollen Menschen, die durch und durch Kultur sind, trifft. Die im folgenden wieder• erzählten Erlebnisse gewähren einen intimen Einblick in die Lebens- Ordnungen des heutigen Jemen. Der Erzähler ist ein vor wenigen Monaten nach Palästina gekommener Jude am Amran, einer Stadl anderthalb Tagereisen von Sanaa. Die Juden sind ein unentbehrliches Glied in der Kaslenordnung der jcmenischcn Gesellschaft. Sie 11ertreten das (in Arabien nicht sehr geachtete) Handwerk und zum, Teil den Handel. Wie man hier sehen wird, leben Araber und Juden, ungeachtet der natürlichen und religiösen Scheidewände, c i n gemeinsames Leben. Eines sei bemerkt: Diese einfache — und eigentlich doch manschlieh recht, verwickelte — Geschichte ist ein Beispiel der echten semitischen Erzählungskunst, wie sie in einigen Teilen der Bibel und in den altarabischen GeschichLs- und Sagenbüchern vorliegt. Kennzeichnend für sie ist die höchst konkrete, nüchterne, fast unbeteiligt erscheinende Vortragsweise, die aber eben wegen ihrer Sachlichkeit so ergreifend wirkt. Gänzlich verschieden davon ist der aus Tausend und Eine Sacht bekannte, gewöhnlich ah arabisch be zeichnete Erzählungstyp, der in Wahrheit aus sehr komplizierten Kullurmischungen ent- Sprüngen ist. — Die Geschichte wurde mir im jemenisch-arabischcn Dialekt erzählt; ich verdeutsche sic, wie sie ist. Um Chalaf Der alte Chalaf war ein einfältiger Mann; er redete nichts über die Leute, und die Leute hatten nichts über ihn zu reden. Klug war er nicht, aber alle achteten ihn. Die Chalafs, die Mansuras (die Familie, aus der meine Mutter stammt) und die Gaartas sind die Säule von Amran. Keine Familie unserer Stadt kann sich mit ihnen an Reichtum und Macht vergleichen. Das Amt des Obermeisters der Juden war früher bei den Chalafs, jetzt ist es, wie du weißt, bei den Gaartas. Aber der Ibn Chalaf, der Sohn des Alten, ist ein Taugenichts. Noch nicht zwanzig Jahre alt, war er schon ganz dick und fett, wo doch sonst bei uns die Leute schlank und mager sind. Er ist ein Vielfraß ohnegleichen; er trägt zwei bis drei Hemden und ebensoviel oder noch mehr Leib- und Oberröcke; und dies warum? Weil wir in allen Kleidungsstücken Taschen haben, in denen wir Rosinen, Mandeln und allerhand Süßes mit uns führen, damit wir, wenn wir Hunger oder Langeweile haben, etwas beißen können. Der hat nun immer oben und unten alle Taschen voll; und damit nicht genug: wenn er jemand auf der Straße trifft, ist das erste, daß er mit seiner dicken Hand dem anderen in die Tasche fährt und herausholt, was darin ist. Er scheint einfältig wie ein Kind. Am Sabbat, wenn er mit den Burschen aus der Synagoge kommt, zerren und zwicken und schieben sie ihn, stoßen ihn auch einmal auf ein Mädchen — was doch keineswegs anständig ist —, aber er lacht nur dazu. Dabei ist er gar nicht dumm und oft sogar recht schlau. Freilich, richtig in der Thora lesen kann er noch heute nicht. Bei uns liest ja nicht ein Vorbeter aus der Thora vor, sondern jeder, der aufgerufen wird, muß es selber tun und wehe ihm, wenn er einen Vokal oder eine Modulation an die falsche Stelle setzt. Der ibn Chalaf muß noch jetzt seinen Abschnitt wochenlang vorher mit dem Schulmeister repetieren, und wenn dann schließlich die Reihe an ihn kommt, ״zerbricht“ er die ganze Litanei, es ist das reinste Gotteslästern. Das schlimmste aber ist, daß er so auf die Weiber aus ist. Nachmittags, wenn alle Leute in die Synagoge beten gehen, setzt er sich an den Weg, auf dem die Frauen zur Quelle herabsteigen, um Wasser zu holen, und gafft sie an. Zuerst geriet er an eine, die wir das Mädchen vom Heiligen nennen. Heilig heißt nämlich bei uns das Gemeindehaus (wo z. B. die Kinderschule ist), die Gemeindekasse, und überhaupt alles, was nicht einem, sondern allen gemeinsam gehört; und so ist — vergleichsweise — auch jene. Ihr Vater war zur Türkenzeit Armeelieferant; da gingen die schmucken Offiziere in seinem Hause aus und ein; zuerst wurde sie verführt, dann machte sie es mit Lust, zum Schluß trank sie eine Medizin, um unfruchtbar zu werden, und jetzt würde sie nicht einmal einen Aussätzigen zurückweisen. Ihre Brüder sind sehr brave Leute, und jedesmal, wenn sie etwas Skandalöses begeht, sind sie wie von Sinnen und trauern, als ob ihnen ein Sohn gestorben wäre. Mit jener also ließ er sich zuerst ein und das dauerte so eine ganze Weile. Da fand auf einmal die Frau, die jetzt meine Frau ist, ein Mädchen aus dem Hause Mansura, meine Kusine, Gefallen bei ihm, und zwar so heftig, daß er sogleich sie zu heiraten beschloß und seinen Vater bat, für ihn um sie zu freien. Der tat auch, was dazu nötig ist, erhielt aber einen Wink, daß diese Verbindung nicht gewünscht sei. Trotzdem gab der Ibn Chalaf sein Begehren keineswegs auf und die ganze Stadt wußte, daß er jenes Mädchen zu heiraten wünschte. Das war nun den Mansuras gar nicht angenehm, und eines Tages kam zu mir einer von ihnen (natürlich nicht einer ihrer Brüder — das wäre unpassend —), ein Vetter von ihr, und schlug mir vor, sie zu heiraten. Nun war mein Vater gestorben, als ich zwei Jahre alt war, und da es beim Imam Gesetz ist, daß jedes jüdische Kind, wenn es das Unglück hat, seinen Vater zu verlieren, gewaltsam zum Islam bekehrt wird — die Muslime halten nämlich ihre Religion für die natürliehe, die anderen Religionen aber für ein Herkommen, das zwar ein Vater seinem Kinde überliefern darf, mit dem,Tode des Vaters aber aufgehoben ist — um mich also von diesem Lose zu bewahren, wurde ich von meinem Muttersbruder, dem Mansura, zum Schein an Kindesstatt angenommen, und wohnte so mit meiner Mutter in seinem Hause, obgleich wir von meinem Vater her ein eigenes Haus haben. Aus diesen Gründen dachte der Vetter, der mit dem Heiratsvorschlag zu mir kam, daß ich besonders geneigt wäre, ihn anzunehmen. Ich aber meinte gerade, es sei nicht gut, eine Frau zu heiraten, mit der man von den ersten Tagen an in einem Hause aufgezogen worden sei; auch sei sie zu nahe verwandt. Jener ließ nicht locker, bis ich schließlich sagte: Ich werde die Ent- Scheidung meiner Mutter überlassen; wenn sie sagt: ja, heirate ich, wenn nicht, nicht. Warum meiner Mutter? Weil sie den ganzen Tag mit dem Mädchen zusammen ist und weiß, was sie taugt, aber ich, was weiß denn ich? Meine Mutter entschied so: Wenn der Mansura (also ihr Brüder) Ja sagt ohne Bedenken, ohne Bedingungen und ohne Aufschub, solle ich freien, wenn nicht, nicht. Ich schickte also am selben Abend die Brüder meines Vaters und deren Söhne zu dem alten Mansura. Der meinte zwar dies und das und wollte jenes und überienes, aber zum Schluß kam es, wie meine Mutter gefordert hatte, die gegenseitigen Verpflichtungen wurden festgesetzt, wir waren verlobt. Die Sache wurde vorläufig geheim gehalten. Zwischen Verlobung und Hochzeit ist ja bei uns ohnehin ein ganzes Jahr und bei mir wurden es zwei und ein Vjertel; einmal war die Mutter der Braut krank, ein andermal starb eine Tante — und in Wahrheit wollten die Mansuras zum Schluß eigentlich doch nicht; denn sie sind reich und ich nicht. Obgleich also die Verlobung nicht öffentlich war, wußte doch am nächsten Tage die ganze Stadt darum — und das war ja die Absicht. Nun mußt du aber wissen, daß der Ibn Chalaf mich liebte — ich kann dir nicht sagen, wie stark — und auch ich hafte ihn sehr gern; — wie man einen so unwürdigen Menschen gern haben kann? So! so war es bestimmt. Der ibn Chalaf pflegte daher schon ohnehin oft zu mir zu kommen, seit meiner Verlobung aber kam er jeden Tag in meinen Laden und saß dort stundenlang. Jeden Tag fragte er nach der Verlobung und jedesmal sagte ich, ich wüßte von nichts. Allmählich fing er an, mich zu hänseln und es schien, daß er böse Absichten hatte. Beim Schulmeister - Barbier Eines Freitags saß ich beim Schulmeister und ließ mir den Kopf rasieren. Wie denn, beim Schulmeister?! — Der Schulmeister unterrichtet die Kinder fünf Tage; am Donnerstag nachmittag schert er die Knaben, am Freitag haben sie frei und dann kommen zu ihm die Leute der Gemeinde und lassen sich den Kopf rasieren. — Ist das denn nicht höchst unpassend? — Gar nicht. Du hast insofern recht, als bei den Muslimen der Barbier höchst verachtet ist; kein Muslim wird einem Barbier oder Bader (der die Schröpfköpfe auflegt) oder Gerber seine Tochter zur Frau geben; die heiraten nur unter sich. Wenn ein Muslim einen anderen ״Barbier“ schimpft, kann er ihn vor Gericht fordern. Bei uns Juden aber wird nie jemand wegen seines Berufes verachtet; man heizt bei uns die Bäder mit getrocknetem Mist, und zwar nicht nur mit Kuhmist, sondern auch — mit Verlaub — mit dem, was man den Abortgruben entnimmt (man mischt es mit Kuhmist); glaube nicht, daß man die Leute, die sich damit beschäftigen, deshalb für geringer hält als irgend jemand anderen. ״Adel“ ist bei uns nur, daß jemand aus einer unbescholtenen Familie stammt und sich durch eigene Arbeit ernähren kann. Ich saß also beim Schulmeister, mein Kopf war schon angefeuchtet, als auf einmal der Ibn Chalaf ins Haus trat und sofort rief: ״Nimm mich zuerst dran!“ (Es war nämlich einmal vorgekommen, daß der Schulmeister einen Fremden vor einem Ortsansässigen, der an der Reihe war, drangenommen hatte; der sagte gar nichts, aber nach ein paar Tagen erhielt der Schulmeister eine Vorladung ans muslimische Gericht wegen Beleidigung; er erhielt drei Tage Gefängnis. Wir Jemeniten sind leider so, daß wir wegen jeder Kleinigkeit ״Prozeß beim Scheich“, ״Prozeß beim Gerichtshof“ schreien). Der Ibn Chalaf wollte natürlich nur mit mir anbinden. Ich sagte nun auch ganz leise: ״Was, einen ,Barbier‘ soll inan zuerst dran nehmen?!“ Kaum hatte der Ibn Chalaf das gehört, als er zwei, drei Leute, die dasaßen und auch aufs Rasieren warteten, packte und sie anschrie: ״Ihr müßt Zeugen sein, er hat mich ,Barhier‘ genannt!“ Und du weißt ja schon, daß bei den Muslimen ,Barbier‘ ein arges Schimpfwort ist, er mich also beim musiimischen Gericht verklagen konnte. Den Freitag darauf erhielt ich die Vorladung zum Scheich. Scheich nennt man bei uns den Schultheiß; vor ihm werden kleinere Prozeßsachen entschieden, größere kommen vor den Gerichtshof des Kadi; einen solchen gibt es auch in Amran. Der Ibn Chalaf verklagte mich am Freitag Morgen, weil da im Laden am meisten zu tun ist, ich also den größten Schaden hatte. Ich wollte einen Vatersbruder als Rechtsvertreter schicken, der Ibn Chalaf bestand aber daraujf! claß ich selbst käme. Ich leugnete natürlich, daß ich ,Barbier‘ gesagt hätte, doch es half nichts, der Scheich verurteilte mich zu acht Tagen Gefängnis, wahrscheinlich dem reichen Chalaf zu lieb. ״Was,“ rief ich, ״das ist Recht?! Ich werde zum Kadi gehen und Ihn anfragen, ob man für so etwas acht Tage bekommt!“ ״Gut,“ sagte der Scheich, ״geh’ zum Kadi!“ Der Scheich ärgert sich natürlich, wenn man gegen ihn Berufung einlegt und ich hatte keine Lust, es mit ihm zu verderben. ״Ich gehe lieber nicht zum Gerichtshof des Kadi, obgleich ich unschuldig bin; doch will ich dem Scheich Ehre erweisen und, wenn er einverstanden ist, drei Tage im Gefängnis sitzen.“ Der Scheich war einverstanden und wollte mich abführen lassen. ״Den Sabbat hat Mohammed unter seinen Schutz genommen, ich werde erst morgen Abend ins Gefängnis kommen.“ Der Ihn Chalaf erklärte, dies nicht erlauben zu können. Nun ist das Gericht im Haus des Scheichs, der Scheich sitzt in der Mitte und richtet, und wer nichts zu tun hat von den besseren Leuten, kommt hin, nimmt mit seiner Wasserpfeife Platz und bemerkt, was er zu bemerken für gut hält. Als N. N., einer der allervornehmsten Muslime, ibn Chalafs Widerrede hörte, stand er auf und sagte: ,Jch bürge für diesen da, marsch nach Hause!“ Der Ibn Chalaf wollte noch etwas einreden, da schimpfte aber der Scheich: ״Hundesohn! N.N. hat gebürgt und du bist’s nicht zufrieden!“ und schickte uns weg. Am Sabbat begegne ich dem Ibn Chalaf, er grüßt mich mit der größten Herzlichkeit und will mit mir plaudern, wie gewöhnlieh. ״Höre, du, ich gehe jetzt zum Scheich und bitte ihn, dir die Strafe zu erlassen.“ ״Nein, mein Lieber,“ sage ich, ״daraus wird nichts; ich würde auch drei Monate im Gefängnis sitzen, nur um einen Grund zu haben, dir böse zu sein und dich so los zu werden.“ Nach Sabbatausgang nahm ich Decken, Kissen, eine Matratze und meine Wasserpfeife und ging ins Gefängnis; vier bis fünf Freunde gingen auch mit (ein jeder mit seiner Pfeife), um mir Gesellschaft zu leisten. — Wie denn, im Gefängnis? —• Ja freilich, so ist es bei uns; und wenn man will, zum Beispiel, wenn Muslime, die unsauber sind und voller Ungeziefer, im selben Raum gefangen sind, gibt man dem Gefängnis¬ Wärter anderthalb Bugschae — das sind drei Milim nach hiesiger Rechnung (6 Pfennige) — und dann läßt er einen zu Hause schlafen. So tat auch ich diesmal. ״Aber komm nur morgen früh recht zeitig, ehe die Leute auf die Straße gehen.“ Es war auch noch ganz grauer Morgen, als ich am nächsten Tag von Hause ging, nur gebetet hatte ich vorher. Auf diese Weise saß ich meine Strafe ab, und zahlte dann bei der Entlassung die üblichen Gebühren für den Aufenthalt im Gefängnis. Der Ibn Chalaf ließ sich vorläufig nicht sehen, machte aber keine gute Miene. Eine kräftige Medizin Eines Tages brachte mir mein kleiner Vetter das Mittagessen in den Laden. Du mußt wissen, daß es in Amran, wie sonst im Jemen, «ine gesonderte, Stadt der Juden neben der muslimischen gibt. Dies nennt man kurz ״die Stadt“, jene ״das Dorf“; zwischen beiden ist der Markt und dort hatte ich meinen Laden. Wie nun mein kleiner Vetter — er war ein Mansura — mit den Schüsseln aus dem Tor der Judenstadt herausgehen will, hält ihn der Ibn Chalaf an und sagt ihm: ״Warte einmal, du, ich will dir etwas ins Essen hineinschütten, daß dein Vetter davon recht stark und kräftig wird!“ Was versteht so ein Kind? Kurz, der Kleine hielt ihm die Schüsseln hin und der Ibn Chalaf mischte unter den Mehlbrei ein Gift. ״Du darfst ihm aber nichts davon sagen; sonst hat es keine Wirkung!“ Doch kaum war der Kleine in meine Sicht gekommen, als er rief: ״Versuche doch einmal das Essen! Der Ibn Chalaf hat dir etwas Wunderbares hineingeschüttet, davon du stark und kräftig wirst.“ Ich ließ mir alles genau erzählen; dann befahl ich ihm, das Essen auszuschütten, ja, das ganze Essen, und die Schüsseln zu zerbrechen. Der Mansura wußte gar nicht, warum; und ich sagte ihm auch nichts; dann ließ ich mir von meinem Nachbar Schüsseln borgen, die noch nicht von den Speiseresten gereinigt waren und sagte dem Kleinen: ״So, jetzt geh nach Hause!“ Der Ibn Chalaf wartete schon auf ihn am Tor der Judenstadt. ״Wie,“ fragte er den Kleinen und er sah cfabei ganz sonderbar aus, wie mir dieser später erzählte, ״dein Vetter hat alles aufgegessen?“ ״Ja, alles,“ log der Kleine, ״und es hat ihm wunderbar wohlgetan.“ ״Was, ist ihm nicht übel geworden? Hat sich seine Gesichtsfarbe nicht verändert?“ — dumm war nämlich der Ibn Chalaf doch. ״Nein, gar nicht. Geh nur hin und überzeuge dich selbst davon!“ Lange konnte der Ibn Chalaf nicht an sich halten; bald sah ich ihn in der Ferne stehen und einen Kabylen, der aus meinem Laden kam, ausfragen. Kabylen nennt man bei uns, was hier Fellachen sind, doch sind sie alle kriegerisch, sie dürfen Gcwehre haben, soviel sie wollen, und jeder trägt von Kindheit an einen Dolch vorne im Gürtel. Der Kabyle verstand gar nicht, warum er sich so erregt nach meiner Gesundheit erkündigte, lachte ihn aus und ging weiter. Den ganzen Tag strich nun der Ibn Chalaf um meinen Laden herum; schließlieh verlor er die Geduld und gerade als ich meinen Laden schließen will, um zum Abendgebet zu gehen, tritt er zu mir1 herein. ״Dein Abend sei gesegnet!“ ״Und der deinige!“ ״Wie ist dein Befinden?“ ״Dank sei Gott, gesund und wohl!“ ״Bis( du gar nicht krank, nicht ein bißchen?“ ״Nicht ein bißchen, Preis sei Gott; ich bin gesund wie ein Esel.“ ״Ich glaube, du siehst schlecht aus, ist dir nicht doch vielleicht übel?“ ״Im Gegenteil, seit ich mir aus Sanaa eine Medizin mit nach Hause gebracht habe, bin ich doppelt kräftig.“ ״Was für eine Medizin? Gib mir doch ein bißchen davon!“ ״Nein, mein Lieber, sie ist zu teuer und außerdem komme ich nur selten nach Sanaa und ich möchte nicht, daß sie mir ausgeht.“ Von jetzt ab kam der Ibn Chalaf wieder beständig in meinen Laden und mein Haus, um sich bei mir, meinen Kunden und meinen Verwandten nach meinem Wohlsein zu erkundigen. Als nun Wochen vergingen und ich gesund blieb, kam ich ihm noch wunderbarer und lieber vor als früher, besonders auch wegen jener Medizin aus Sanaa. Du hast wahrscheinlich nicht vergessen, daß der ibn Chalaf ein Vielfraß ohnegleichen war. Du kannst sicher sein, daß es bei den Chalafs gut zu essen gibt; aber Ihm war es nicht genug, und da er nicht mehr bekam, ging er nach jeder Mahlzeit zu einer Frau (einer verheirateten), die gut kochen konnte und gern etwas nebenbei verdiente und aß ein zweites Mal. Ganz früh am Morgen, zu einer Zeit, wo andere Menschen noch nichts zu sich nehmen, mußte ihm die Frau ein Huhn mit Zuspeisen kochen; er aß es auf, ganz, mitsamt den Knochen und der Fleischbrühe. Ich muß aber bemerken, daß er stets zwei Mahlzeiten bestellte: eine für sich und eine für die Frau, die jetzt meine Frau ist, die Mansuratochter, die er so gerne, heiraten wollte. Jene Wirtin machte ihm nämlich weis, daß sie jedesmal die Mahlzeit der Mansuratochter brächte; die gewönne ihn deshalb immer lieber und würde ihn dafür zu» Schluß sicher heiraten. Daran war aber kein wahres Wort; jene war nur aufs Geld aus. So ging es ein, anderthalb Jahre. Auf einmal, ich weiß nicht mehr wie, erfuhr er, daß alles Lug und Trug war; außerdem hatten wir schon einmal (für die Hochzeitstage) großes Mehlmahlen gehabt, es war nur der Tod der Tante dazwischen gekommen. Da beschloß der Ibn Chalaf gegen alle, nämlich gegen die betrügerische Frau, gegen mich und meine Familie (von Vatersseite natürlich) und meinen Freund Elijohu Koehen — der auch sein Freund war — einen Hauptschlag zu führen. Der grofje Schlag Eines Freitags, ganz früh am Morgen — man steht am Freitag ja sowieso früher auf — speiste er, wie gewöhnlich, bei jener Frau. Alles war schon zur Arbeit gegangen; niemand war im Hause; nur die Frau mahlte, was für Sabbat nötig ist, unten im Untergeschoß. Da stieg der Ibn Chalaf zur guten Stube hinauf (die ist bei uns oben im zweiten Stock), öffnete den Familienschrank (das ist wie ein kleines Zimmer in der Mitte der großen Stube) deckte die Truhe auf, raffte heraus, was er konnte, Gargusche, Bücher und Schmucksachen und machte sich davon. Gargusche heißen die kostbaren Mädchenhauben, an denen Gold- und Silbermünzen und Geschmeide aller Art befestigt sind; eine kann an die zwanzig englische Pfund wert sein; auch die Bücher sind bei uns viel kostbarer als hier; denn wir benutzen noch viel handgeschriebene, besonders Prachtbibeln mit aramäischen und arabischen Ueber- Setzungen; solche waren auch unter denen, die der Ibn Chalaf stahl. Er brachte alles, wohin, wirst du bald erfahren, und zog dann mit seinen Brüdern in die Dörfer, Schulden einzukassieren. Die Frau war inzwischen mit dem Mahlen fertig geworden und zur guten Stube hinaufgestiegen, um alles für Sabbat in Ordnung zu bringen. Da sah sie den Familienschrank offen, die Truhe offen und alles darin in wüstem Durcheinander und das Kostbarste weggestohlen. Nur der Ibn Chalaf konnte es getan haben! Niemand sonst war im Hause gewesen. Und sie konnte sich auch wohl denken, warum! Gleich lief sic iu ihrem Vatersbruder; der sagte nur: ״Halte den Mund und komm mit mir zum Scheich.“ Der Scheich hörte sich alles an und sprach: ״Wenn du mir versprichst, den Mund zu halten und niemandem etwas zu sagen, wirst du all deine Sachen wiedererhalten; wenn nicht, wird dir nur Böses widerfahren; der Ibn Chalaf ist ein ״Sohn von Leuten“, den kann man nicht vor Augen aller beleidigen.“ Sie war’s zufrieden, und als am Nachmittag der Ibn Chalaf von den Dörfern zurückkam, wartete auf ihn schon der Diener des Scheichs am Tor der Judenstadt. Stolz und erhobenen Hauptes ging der Ibn Chalaf zum Scheich: Ich bin ein Sohn von Reichen, was kann mir passieren?! Dei Scheich nahm ihn unter vier Augen vor. ״Du hast bei jener Frau dies und das gestohlen!“ ״Ihr scherzt wohl!“ ״Ich weiß auch, wo die Sachen liegen!“ ״Dann bringt sie nur der Bestohlenen zurück!“ ״Ibn Chalaf, wenn du es mir nicht gleich eingestehst — und du weißt doch, es wird dir nichts geschehen — wenn du es nicht eingestehst, komme ich morgen früh, wenn die ganze Gemeinde in der Synagoge zum Thoralesen versammelt ist, hin und rufe dich als Dieb aus. Zerbrich nicht die Ehre deines Vaters!“ Da gestand Ibn Chalaf und erklärte ihm, wie alles gekommen sei und bat ihn, die Sachen noch ein paar Tage nicht zu fordern, da er damit anderen einen Streich spielen wolle. Der Scheich war damit einverstanden! Das kommt dir wunderbar vor. Aber der Scheich ist nun einmal so ein Hurensohn. Am nächsten Tag, Sabbat Nachmittag, kam der Scheich mit großem Gefolge, Ibn Chalaf war auch dabei, in die Judenstadf, um die gestohlenen Sachen zu suchen. Er ging geradenwegs ins Haus meines Vatersbruders, und zwar in den Stall an die Stelle, wo die getrockneten Mistlaibe aufbewahrt werden; dort ist kein Fenster, sondern nur ein rundes Guckloch, durch das hatte der Ibn Chalaf einen Gargisch und einige Bände von einer Prachtljibel geworfen. Von da ging es zum Hause von Elijohu Koehen, von da zu dem meinigen; überall wurden die gestohlenen Sachen gefunden. Wir wurden verhaftet und öffentlieh verhört. ״Wer hat die Sachen gestohlen?“ Mein Onkel, der ein furchtloser Mann ist, sagte: ״Der Scheich!“ ״Was?! ich, der Scheich? Du willst wohl Prügel bekommen?“ ״Wenn du mich prügeln läßt — du bist eben Scheich; da aber der Scheich gewußt hat, wo das gestohlene Gut ist und wir nicht,