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Jüdische Rundschau · 1931-05-15 · Heft 37 (15.5.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 37 (15.5.1931)
Date
1931-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37, 15. V. 1031 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 229 Warhclt und Dichtung Die Lage der Jaden in England Von N. GergeL Die jüdischen Kommunisten haben in der letzten Zeit in Deutschland eine Propaganda-Kampagne in Wort und Schrift begonnen, in der sie zu beweisen versuchen, daß Sowjet-Rußland das einzige Land ist, wo das jüdische wirtschaftliche und nationale Problem vollständig und au! die beste Weise gelöst worden ist. In der Monatsschrift ״Der rote Aufbau“ (November 1930) hat Frau Regina Rüben einen Artikel veröffentlicht: ״Die Lösung der judenfrage“. Die Gesellschaft für landwirtschaftliehe Umschichtung der Juden in Rußland (״Geserd“) hat öffentliehe Vorträge von Herrn Otto Heller über dasselbe Thema veranstaltet. Dabei haben sowohl Frau Rüben als auch Herr Heller die Tatsachen stark übertrieben und phantastische Zahlen genannt. Es soll daher im folgenden versucht werden, die Lage so zu zeigen, wie sie ist. Die rechtliche Lage. Zunächst einige Bemerkungen über die rechtliche Lage der Juden in Sowjet-Rußland. In dieser Hinsicht wird nach einer Schablone gearbeitet. Man vergleicht die rechtliche oder, richtiger gesagt, rechtlose Lage der Juden im zaristischen Rußland mit den jetzigen Verhältnissen. Man konstatiert, daß die Juden jetzt vollständig gleichberechtigte Bürger des Landes sind und man erblickt darin eines der größten Verdienste des Sowjet-Regimes. Indes muß man sich daran erinnern, daß zwischen dem zaristischen Regime und der Sowjet-Periode die kurze achtmonatliche Herrschaft der demokratischen provisorischen Regierung liegt und daß die demokratische Regierung die vollständige bürgerliche Emanzipation des russischen Judentums durchgeführt hat. Schon am 4. April 1917, also sieben Monate vor der bolschewistischen Revolution, ist durch die provisorische russische Regierung das Gesetz über die jüdische Gleichberechtigung erlassen worden. Die bolschewistische Revolution hat infolgedessen die russischen luden bereits nicht mehr als Menschen zweiter Klasse, sondern als vollständig gleichberechtigte Bürger des Landes vorgefunden. Man muß mit Anerkennung konstatieren, daß die Sowjet-Regierung auch ihrerseits die nötigen Maßnahmen zur Befestigung der noch jungen jüdischen Gleichberechtigung ergriffen und auch die national-kulturellen Rechte der jüdischen Bevölkerung anerkannt hat. Jüdische Schulen mit jiddischer Unterrichtsspräche, jüdische Berufsschulen, sogar jüdische Hochschulen werden von dem Staate unterhalten. Die hebräische Sprache ist allerdings faktisch verboten, nicht nur als Unterrichtsspräche, sondern auch als Unterrichtsgegenstand, mit Ausnähme der Hochschulen. Die Sowjet-Regierung führt mit propagandistischen und administrativen Mitteln auch einen ener- ' Rischen Kampf gegen den Antisemitismus. Der Antisernitismus ist leider nicht ״fast ganz im Verschwinden“, wie Frau Rüben schreibt; umgekehrt, er hat sich in den letzten Jahren verstärkt und hat auch solche Kreise ergriffen, die früher von diesem Gift frei gewesen sind: die Intelligenz und die Arbeiterschaft. Die Regierung macht Anstalten, diese ״Schande unseres Jahrhunderts“ auszurotten, sie sucht, die russischen Massen aufzuklären, den Judenhaß mit der Wurzel auszuroden. Man darf aber nicht vergessen, daß das bolschewistische Regime eine neue Form der Rechtlosigkeit mit sich gebracht hat, welche die Juden in stärkerem Maße traf als die christliche Bevölkerung. Nach der Sowjet- Verfassung besitzen kein Wahlrecht zu den Sowjets die jetzigen und triiheren Händler und alle die Elemente, welche fremde׳' Arbeit benutzt haben. Erst nach fünfjähriger, produktiver Arbeit (wie man sie in Sowjetrußland versteht) können diese Bevöl- 1• ■ •!:!!■:*schichten das Wahlrecht zu den Sowjets bekommen. Infolge der spezifischen sozialen Struktur der jüdischen Bevölkerung zählt sie rqjativ viel mehr Wahlrechtlose als die übrigen Nationen. Durchschnittlich sind bei den Wahlen im Jahre 1929 wahlrechtlos gewesen 4—6 0/0 der nichtjüdischen, aber bis zu 40 0/0 der jüdischen Bevölkerung! ln einer großen Zahl von Städtchen ist mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung wahlrechtlos geblieben. Das sind keine Gutsbesitzer, keine Kapitalisten, Bankiers, Großindustrielle, Großkaufleute, die das Sowjet-Regime bekämpfen, sondern es sind kleine Händler, kleine Handwerker, welche kaum ihr tägliches Brot verdienen. Ihre ״Sünde“ besteht einzig und allein darin, daß sie gehandelt oder einmal mit gedungenen Kräften gearbeitet haben. Kein Wahlrecht in Rußland besitzen, heißt politisch und auch wirtschaftlich rechtlos sein! Der Wahlrechtlose (und auch seine Kinder!) hat kein Recht, sich im Arbeitsnachweis einzntragen, um Arbeit zu erhalten, er kann seine Kinder nicht in eine Berufsschule schicken, damit sie ein Fach erlernen, ja er hat sogar kein Recht auf die Brotkarte, welche so wichtig für den russischen Bürger ist. Erst 1930 hat die Sowjet-Regierung ihre Bestimmungen in bezug auf einige Gruppen der jüdischen Wahlrechtlosen etwas gemildert. Ungefähr die Hälfte der früheren Wahlrechtlosen hat jetzt politische Rechte bekommen, aber auch jetzt bleiben zirka 20 0/0 öcr jüdischen Bevölkerung rechtlos. Juden bilden auch jetzt eine Ausnahme und zählen vier- bis fünfmal mehr Rechtlose als die anderen Nationen. Die wirtschaftliche Lage. Und jetzt zu der wirtschaftlichen Lage. Auch in dieser Hinsicht wird von kommunistischer Seite ständig ein Vergleich gezogen mit dem Zustand vor der Revolution, und dabei wird ein falsches Bild von dem jüdischen ökonomischen Organismus im alten Rußland gegeben. Es ist nicht wahr, daß das russische Judentum eine dünne Oberschicht von Kapi- Misten hatte und die ganze übrige jüdische Bevölkerung aus armen Leuten bestand, aus einer unproduktiven Masse,; ■aus kleinen Händlern, Hausierern oder armseligen Hand-! "erkern“, wie Frau Rüben behauptet. Es ist wahr, daß die j wittrialterlichen Begrenzungen und Schikanen den Juden nicht j die Möglichkeit gegeben haben, ihre Kräfte zu entwickeln, i daß ein bedeutender Teil des russischen Judentums in großer I k’ot gelebt hat und gezwungen war auszuwandern, aber trotz aller 1 dieser Verfolgungen ist doch in Rußland eine große jüdische Intelligenz und ein ganz bedeutender Mittelstand entstanden. Vom sowjetistischen Standpunkt ist das allerdings eine schädliehe Erscheinung. Aber selbst nach sowjetistischen Begriffen Ut ungefähr zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung im zaristi-?chen Rußland mit produktiven Berufen beschäftigt gewesen, ^ach der Volkszählung von 1897 haben sich rund 50 0/0 der jüdischen Erwerbstätigen mit manueller Arbeit beschäftigt. Rechnen wir hinzu die Angestellten der privaten Unternehmungen und der öffentlichen Anstalten, so bekommen wir un- Refähr 65 «A> produktive Elemente, selbst nach der bolsche- "istischen Terminologie. Im Handel sind im Jahre 1897 im I Ranzen 31 0/0 der jüdischen Erwerbstätigen beschäftigt gewesen, I davon waren ein Drittel Angestellte. I . Unter der sowjetistischen Regierung ist ein großer Teil der I jüdischen Bevölkerung vollständig entwurzelt worden, nicht nur I die Bourgeoisie, sondern auch das Kleinbürgertum, welches I den Kern des jüdischen Volkes gebildet hat, ist vollständig I ruiniert worden, es ist eine gewaltige Armee von deklassierten I Dementen entstanden. Das sind allgemein bekannte Tatsachen, I die auch von den Kommunisten nicht in Abrede gestellt werden I Rönnen. Die Armut in der jüdischen Gasse war im Steigen begriffen und hat so gefährliche Formen angenommen, daß die Sowjet- Regierung die Notwendigkeit zur Ergreifung von speziellen Maßnahmen eingesehen hat. Zu diesem Zwecke hat die Regierung im Jahre 1924 das Komitee zur Ansiedlung von Juden auf dem Lande (״Komset“) geschaffen. Später ist diesem Komitee auch die Aufgabe gestellt worden, die Juden in die Industrie zu überführen. Zahlreiche Beschlüsse der zentralen und örtlichen Organe beziehen sich auf die aktive Unterstützung der Handwerker und die wirtschaftliche Eingliederung der Kleinstadtjuden. Es hat nicht an gutem Willen gefehlt, der jüdischen Bevölkerung zu helfen, sich aus der Lage herauszureißen, in die sie durch die sowjetistischen Verhältnisse versetzt wurde. Auf verschiedenen Gebieten hat man auch beträchtliche Resultate erreicht. Die jüdische Kolonisation ist von Erfolg gekrönt gewesen, den Handwerkern ist eine Reihe von wichtigen Erleichterungen gewährt worden. Auch in der Großindustrie haben Juden sehr wichtige Positionen erlangt. Genaue Daten über die Zahl der jüdischen Arbeiter im sowjetistisehen Verband gibt lediglich die Zählung vom 17. Dezember 1926; damals hat man zirka 146 000 jüdische Arbeiter in allen Zweigen gezählt. Diese Zahl ist in den letzten vier Jahren bedeutend gewachsen, aber bei weitem nicht in solchem Maße, wie es Frau Rüben darstellt. Sic schreibt, daß ״durch den ,Komset‘ mehr als 400000 Lohnarbeiter in die Industrie einrangiert worden sind“. Diese Zahlen sind phantastisch und einfach aus den Fingern fesogen. Nach den letzten kommunistischen Daten betrug die ahl der jüdischen Arbeiter im allgemeinen (nicht nur in der Industrie) 227 000. (״Emes“ Nr. 271 vom 25. November 1930.) Der ״Komset“ übt seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Industrialisierung erst seit drei Jahren aus und hat während dieser Zeit in der Industrie höchstens 20000 Juden untergebracht. Die überwiegende Zahl der Juden, die in der Industrie beschäftigt sind, sind von sich aus dorthin übergegangen, und die Angaben über die großen Leistungen des ״Komset“ auf diesem Gebiete sind nichts mehr als Reklame. Aber in der Tat sind Juden jetzt in der Industrie beschäftigt, hauptsächlich in der leichten Industrie (Bekleidungs- und Lederbearbeitung, Lebensmittelindustrie u. dgl.). Die Tatsache, daß die jüdischen Arbeiter aus kleinen Handwerkstätten herausgeführt wurden und in großen Fabriken konzentriert sind, hat eine große Bedeutung. Man muß noch daran erinnern, daß auch in die Schwerindustrie bereits eine beträchtliche Zahl von Juden eingedrungen ist, besonders in die Metallindustrie; leider kann man solche Erfolge auf anderen Gebieten nicht verzeichnen. Umgekehrt: Der Linkskurs, der im Jahre 1927/28 begonnen hat und sich besonders im letzten Jahre im Zusammenhang mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in dem Fünfjahrplan verdientet hat, hat der jüdischen Bevölkerung einen neuen schweren Schlag versetzt und von neuem tausende und abertausende jüdischer Familien ruiniert, unter ihnen nicht wenig solche, Welchen die Sowjet-Regierung selbst geholfen hat, sich umzuschichten. Das ganze frühere Arbeits- Programm ist als falsch erkannt worden, aus den landwirtschaftlichen Kollektiven und aus den Handwerker-Genossenschäften wurden alle Wahlrechtlosen ausgeschlossen und selbstverständlich erst recht die vermögenden (״kulakischen“ nach der offiziellen Terminologie) Elemente, es wiederholte sich der schwere Steuerdruck, welcher Tausende von Existenzen zugrunde gerichtet hat. Der legale Handel wurde ganz und gar liquidiert und viele tausende jüdischer Kleinhändler (nach der Zählung vom 17. Dezember 1926 waren in Rußland noch 121000 jüdische legale Händler) haben ihre Verdienstquellen verloren. Aber nicht nur Händler, welche ständig ein Dorn in den Augen der Sowjet-Regierung gewesen sind, und die unter dem Sowjet-Regime schließlich verschwinden mußten, hatten unter dieser Liniepolitik zu leiden, sondern auch die Handwerker, welch ein den letzten Jahren als nrodukttve Eiemente betrachtet wurden und eine Reihe von Vergünstigungen von der Regierung erhalten haben, sind ruiniert worden. Ein großer Teil der jüdischen Handwerker ist in der Winterzeit 1929/30 gezwungen worden, die Werkstätten zu schließen. Allein in Weißrußland sind innerhalb eines halben Jahres — vom 1. Oktober 1929 bis zum 1. April 1930 -» 900 Handwerker- Werkstätten geschlossen worden. (״Oktjabr“ vom 10. Juni 1930, Minsk.) Wieweit der Linkskurs die Lage der jüdischen Handwerker gedrückt hat, beweisen die folgenden Zahlen von Herrn Kantor, dem Führer des ״Komset“ in der Ukraine. Herr Kantor hat ausgerechnet, welcher Prozentsatz des jüdischen Handwerks deklassiert und überqualifiziert ist und in andere Arbeitszweige umgeschichtet werden mußte. Im Jahre 1929 hat dieser Prozentsatz 15 und im Jahre 1930 40 betragen! Der Linkskurs hat auf diese Weise eine große Zahl von Handwerkerwirtschaften zugrunde gerichtet, welche in den Jahren 1925—27 mit Hilfe der Sowjet-Regierung ausgebaut worden sind. Auf diesem Gebiete verzeichnen wir nicht nur keine Verbesserung, sondern sogar einen großen Abstieg. Die Kolonisation. Was die.Kolonisation anbetrifft, so war in dieser Hinsicht ein bedeutender Erfolg erzielt worden. Bis zum Jahre 1930 sind durch den ״Komset“ mit Hilfe der ausländischen jüdischen Organisationen 16000 jüdische Familien auf dem Lande angesiedelt worden (Frau Rüben verzichtet auch hier nicht auf phantastische .Zahlen, nach ihr sind bis zum Jahre 1929 16 000 Familien mit mehr als 200 000 Seelen angesiedelt worden, also 12—13 Seelen auf eine Familie; wozu Uebertreibungen führen!). Durchschnittlich bis 3000 jüdische Familien jährlich zu kolonisieren, ist gewiß ein Erfolg, aber die Kollektivierung hat der jungen jüdischen Landwirtschaft einen schweren Schlag versetzt und hat die Perspektiven auf diesem Gebiet bedeutend eingeengt. Kaum daß die jüdischen Einwanderer sich hinreichend auf dem Lande festgesetzt und große Schulden auf sich genommen hatten, entdeckte man bereits ״Kulaken“ unter ihnen, bei denen man das ganze Vermögen konfisziert hat! Herr Heller hat in einem seiner Vorträge auf einen Zwischenruf eine Rechtfertigung dafür vorgebracht, daß man die vermögenden Bauern der alten jüdischen Kolonien, in denen eine Menge Spekulanten vorhanden waren, ״dekulakisiert“ hat. Das entspricht nicht der Wahrheit. Man hat als ״Kulaken“ 9 °/0 der jüdischen Uebersiedler im Kalinindorfer Rayon, welche sich erst in den letzten Jahren angesiedelt haben, erklärt. Das hat der Führer des ״Komset“, A. Mereshin (״Emes“, Nr. 47 vom 16. Februar 1930), festgestellt. Derselbe Mereshin hat erklärt, daß man als ״Kulaken“ Bauern charakterisiert, welche keine fremde Arbeit exploitferen, welche ausschließlich von ihrer eigenen Arbeit leben und ein Einkommen von 30 bis 40 Rubel monatlich haben. Man hat oft auch die ärmsten Eie■ mente als ״Kulaken“ erklärt. In einem Städtchen in Weißruß■ land hat man eine Witwe mit einer alten Mutter von 80 Jahren, die zusammen ein Vermögen von U/s Hektar Land hatten, als ״Kulaken“ erklärt (״Oktojabr“, Nr. 100 vom 29. April 1930). Die traurige Wirklichkeit sieht durchaus nicht so aus, wie sie Herr Heller malt. Die Kollektivisierung hat überdies (kr jüdisehen Kolonisation dadurch großen Schaden zugefügt, daß die Bauern den Stimulus zur Arbeit verloren haben, und ein großer Teil verläßt infolge der Kollektivierung das Dorf. Die Jugend läuft besonders stark in der letzten Zeit aus den Dörfern fort und dies stellt die ganze Zukunft der jüdischen Kolonisation in Frage. Infolge der Koltekiivisierung ist der Zufluß von neuen Uebersiedlern stark vermindert, und der ״Geserd“ sah sich genötigt, mehrere spezielle Bevollmächtigte und Kommissionen nach den Städtchen der Ukraine und Weißrußlands zu schicken, jun jüdische Siedler zu werben. Trotz großangelegter Propa■ ganda sind die Erfolge der ״Geserd“-Emissare vorläufig sehr mäßig. Diese Schattenseiten, welche dem wichtigen jüdischen Kolonisationswerk großen Schaden bringen, darf man nicht verschweigen. Und zum Schluß über Birobidschan. Nach dem anfänglichen Plan sollten im Laufe der ersten fünf Jahre 10 000 Familien angesiedeit werden; nach dreijähriger Arbeit halten wir erst bei 2600 Seelen, Handwerker, Bauarbeiter und Traktorenführer inbegriffen. Die landwirtschaftliehe Bevölkerung zählt zirka 1250 Seelen (״Stern“ vom 11. Dezember 1930). Die außergewöhnlich schlechten Bedingungen in Birobidschan, die schlechten klimatischen Bedingungen in der weiten Taiga, die gefährliche Fliege ״Gnus“, die schwere Regen- Sommerzeit, die vollständige Wildheit des Landes machen das ganze Unternehmen, dort ein ״jüdisches Land“ zu schaffen, außerordentlich problematisch. In Rußland allein herrschen darüber große Zweifel; eine Reihe angesehener Kommunisten hält den ganzen Plan für aussichtslos, und hier im Ausland singt man diesem ״gelobten Land“ Lobeshymnen. Frau Ruhen schreibt z. B., daß die Ansiedlung einer Familie im ganzen 2000 bis 2400 Mark kostet. Es ist einfach unverständlich, wie man so etwas im Jahre 1930 schreiben kann. Schon im Jahre 1928 hat man gerechnet, daß die Ausgaben für eine Familie 2000 Rubel betragen, d. h. mehr als 4000 M. Seitdem hat sich das Budget für eine Birobidschan-Familie mindestens um 100 °/0 erhöht. Nach Frau Rüben aber kann man jetzt sogar eine Familie für 1000 bis 1200 Rubel ansässig machen. Herr Heller hat in seinen Referaten Birobidschan als ein Land von ״Milch und Honig“ gemalt. Und da ist es in der Tat unverständlich, warum die Rückwanderung von Birobidschan 60 1ס/י übersteigt. Frau Rüben erzählt, daß der ״Agrojoint“ nach der günstigen Expertise seiner Kommission 42 Millionen Mark und viele Traktoren für Birobidschan gesandt hat ln Wahrheit hat d e r ״Agrojoint“ niemals eine Kommission nach Birobidsch a n geschickt, die Kommission ist von der amerikanisch-kommunistischen Organisation ״Ikor“ delegiert worden. Der ״Agrojoint“ beteiligt sich überhaupt nicht an derKolonisat ionsarbeit von Birobidschan. Die 10 Millionen Dollar, welche er assigniert hat, sind für die Krim und die Ukraine bestimmt und nicht für Birobidschan. Ueber die wirkliche Lage der Juden, welche sich in Birobidschan befinden, schreibt der bekannte sowjetistische Journahst W. Fink, welcher mit der erwähnten amerikanischen Kornmission in Birobidschan gewesen ist: In außergewöhnlicher Enge, in Schmutz wälzen sich Jugendliche, junge Frauen, alte Leute, kinderreiche Familien. Die Baracken würden sogar als ein Gefängnis eine Schande bedeuten. Man treibt, sich dort zwei bis drei Monate herum, man ißt den Kredit, den man für die Wirtschaft erhält, auf, und man wird zum Bettler. Besonders schrecklich ist die Lage der ledigen Frauen, gegen ihren Willen werden sie zur Prostitution getrieben, sie tahren zu diesem Zwecke gewöhnlich nach Chabarowsk; aber auch in Tichonke haben sich im September/Oktober 1929 jüdische Frauen mit Prostitution beschäftigt (Monatsschrift ״Sowjetskoje Stroitelstwo“, Moskau, Mai 1930). Das ist die bittere Wahrheit über Birobidschan! Die jüdische Kolonisation verdient gefördert zu werden, aber nicht die Arbeit in Birobidschan, die keine Aussichten auf Erfolg eröffnet. Konklusion. Wenn wir alle Tatsachen zusammenfassen, so kommen wir zu dem Schluß, daß das Judenproblem in Rußland bei weitem noch nicht gelöst ist. Ein gewisser Teil der jüdischen Bevölkerung ist umgeschichtet worden, aber die Zerstörungsprozesse sind stärker als die Aufbauarbeit. Eine Million Juden befindet sich infolge der sowjetistischen Wirtschaftspolitik in schwerer Not, und die Aussicht(*» für die nächste Zukunft sind durchaus nicht befriedigend. Der Weg zur Arbeitsbeschaffung für die Ausgestoßenen ist noch nicht gefunden worden, und Birobidschan ist gewiß nicht geeignet, die Antwort auf dieses Problem zu geben. Die judenfeindlichen Ausschreitungen in Mexiko. Aut Grund einer Intervention des Ordens Bnei Brith in Amerika hat das Washingtoner State Department den amerikanischen Gesandten in Mexiko telegraphisch beauftragt, die Meldungen über Mißhandlung von Juden zu überprüfen und festzustellen, ob hierbei amerikanische Bürger betroffen wurden. Man rechnet in jüdischen Kreisen damit, daß die Tatsache, daß die amerikanische Regierung sich mit der Angelegenheit befasse, eine Wirkung aut die mexikanische Regierung ausüben wird. Die Zahl der Juden in Mexiko City wurde im Jahre 1925 auf 17 000—18 000 geschätzt. Auch in anderen mexikanischen Städten wie Monterrey, Torreon, Chiguahua und Tampico gab es damals bereits größere ludengemeinden. Es fand eine ständige Zuwanderung ausländischer Juden statt, die zeitweilig auf 400—500 Serien monatlich stieg. Anläßlich der rumänischen Parlamentswahlen hat die neugegründete Jüdische Reichspartei ihre Kandidatenliste in Bukarest angemeldet. Die Partei stellt in 45 von insgesamt 72 Wahlbezirken Kandidaten auf. Zwischen der jüdischen Partei und der Union rumänischer Juden hat der politische Kampf im ganzen Lande eingesetzt, ln Altrumänien behaupten die Unionisten, in den übrigen Teilen des Reiches die Jüdischnationalen das Feld. — Der Unterstaatssekretär für die nationalen Minderheitsfragen im rumänischen Kabinett, der Deutsche Dr. Rudolf Brandsch, gab seiner Meinung Ausdruck, daß er prinzipiell für die Schaffung eines j ü - dischen Direkt oriats in seinem neuen Zentralamt sei. Budget der Stadt Jerusalem. Wie ״Haarez“ vom 27. April aus guter Quelle mitteilt, bestätigte die Regierung das Budget der Stadtverwaltung Jerusalem für das Jahr 1931 in Höhe von £ 70 000 gegenüber £ 65 000 im Vorjahre. Die Regierung beteiligt sich an der Deckung des Budgets mit £ 12 750 an Stelle £ 12 000 im Vorjahr. Für außerordentliche öffentliche Arbeiten enthält das Budget einen Posten von £ 9000, die in der Haupt- Sache zur Asphaltierung der König-Georg-Straße bestimmt sind. Spaltung Im Wiener Verband demokratischer Zionisten. Die JTA. meldet: Eine Minderheitsgruppe des Verbandes demokratischer Zionisten unter Führung von Dr. Leopold Plaschkes und Dr. Israel Waldntann ist wegen des unter Führung von Robert Stricker vollzogenen Eintritts des Verbaitdes demokratischer Zionisten in die Wdtunion der Zio- ,nisten-Revisionisten aus dem Verbände ausgetreten. Dr. Plaschkes und Dr. Waldmann haben eine Aktion zur Gründung einer neuen radikal-zionistischen Gruppe in Wien eingeleitet. Die Jüdische Frauenliga für Frieden und Freiheit in der Tschechoslowakei faßte die folgende Protestresolution gegen die Danziger Beschlüsse des Brith Trumpeldor: ״Die Jüdische Frauenliga für Frieden und Freiheit gibt ihrem schmerzlichen Bedauern Ausdruck über den militärischen und aggressiven Geist, welcher diese Resolutionen erfüllt und der geeignet ist, in der jüdischen Jugend künstlich jene Weltanschauung der rohen Gewalt zu züchten, die dem Geiste des Jüdischen Nationalheims widerspricht. Die Jüdische Frauenliga für Frieden und Freiheit wünscht, daß die jüdische Jugend in jener wahrhaft nationalen Erkenntnis von Einigkeit, Gerechtigkeit und Friedensliebe erzogen wird, die ihr allein Gewähr bietet, daß sie aus eigenem Empfinden den gerechten Weg für die Erneuerung des jüdischen Volkes findet.“ (JTA.)

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