Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 36 (12.5.1931)
- Date
- 1931-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3% 12. V. 1931 JUED1SCHE RUNDSCHAU Sdte 22S Vor den jfidischen Gemeindewahlen in Polen Von unserem Korrespondenten, — g. Warschau, Anfang Mai. Mit der Einreichung der Kandidatenlisten in den zwei größten jüdischen Gemeinden, in Warschau und in Lodz, ist die Wahlagitation in ihre letzte, wichtigste Phase «ingetreten. Wie hier vorausgesagt wurde, hat das rücksichtslose Vorgehen der ״A g u d a n", die von der Regierung unterstützt wird, in der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit gewaltige Empörung hervorgerufen. Wir erinnern, «daß es der ״Agudah" gelungen ist, von der Regierung den Erlaß einer Wahbrdnung zu erwirken, worin eine Reihe von Bestimmungen enthalten sind, die nur dazu dienen sollen, nur der Agudah die Herrschaft ln den Gemeinden zu sichern. Darunter befindet Sich der jetzt schon in Po!« traurig berühmte ff 20, der ei erlaubt, auf Grund des Beschlusses der Mehrheit der Wahlkommission solche Personen aus der Wählerliste zu streichen, die ״öffentlieh gegen das jüdische Religionsgesetz verstoßen״. Unsere Befürchtungen, daß damit allerlei Mißbräuchen Tür und Tor geöffnet werden, haben sich leider als richtig erwiesen, ln Warschau, wo die Agudah keine Mehrheit in der Wahlkommission hatte, gelang cs ihr nicht, trotz mehrfachen Versuchen, die ihr unbequemen Wähler des Wahlrechtes zu berauben. In Lodz, wo die Agudah in der Wahlkommission über eine Mehrheit verfügte, wurden Führer der jüdischen Linken aus den Wählerlisten gestrichen. Schon nicht zu sprechen von allerlei Manövern, die es dazu brachten, daß in Lodz und vielen anderen Gemeinden mehrere tausende Juden ohne Grund aus den Wählerlisten verschwanden und Reklamationen der Betroffenen die größten Schwierigkeiten gemacht wurden. All dies bleibt aber int Schatten hinter dem Treiben der Agudah in der polnischen Provinz. Rücksichtslos wurden in vielen Städten und Städtchen angesehene jüdische Bürger aus den Wählerlisten gestrichen, nur weil sie als Zionisten oder Misrachisten oder sonst der Agudah unbequem waren. All dies geschah unter dem Deckmantel des berüchtigten § 20, der nach Bestätigung der polnischen Regierungsvertreter gegen die jüdischen Kommunisten gerichtet war, mit denen der agudistische Deputierte Münzberg von der Sejmtribiine schreckte. Aber in Wirklichkeit handelte es sich bei der Agudah um Beseitigung ihrer gefährlichsten Parteigegner. Und dies gelang Ihr vielerorts. In Radom 2. B. wurde der bisherige Vorsitzende (1) der dortigen jüdischen Gemeinde des Wahlrechts beraubt, nur weil er mit der Agudah und dem dortigen Rabbiner nicht Hand i!1 Hand gehen wollte. Seitdem die Agudah als Wortführerin der Juden Polens vor den Behörden auftritt, ist es ihr in k ef n e m einzigen Fall gelungen, irgendetwas Positives für die Juden zu erwirken, um ihre Situation zu erleichtern. Das Gesetz wegen Abschaffung der au® der Zarenzeit stammenden antijüdischen Verordnungen kann auf keinen Fall, wie von manchen Seiten (z. B. in der ״G.-v.-Zeitung״) behauptet wird, 41« Verdienst der Agudah angesehen werden. Menr als zehn Jahre kämpfte der jüdische Parlamentsklub um die Abschaffung dieser mittelalterlienen Be- Stimmungen und sämtliche polnischen Parteien schoben immerfort die Entscheidung darüber auf. Die gegenwärtige Re- In Wirklichkeit besteht auch innerhalb der Regierungskreise ״ne Unzufriedenheit mit diesem Bundesgenossen, dessen reak• tionare Politik in schroffem Gegensatz zu der sich als liberal gebärdenden Regierung steht; zumal die Regierung mit Ent• setzen beobachtet, wohin der J 20 des Gemeifldeteglententl f(4hrt und welchen Sturm dar Intrüatun# dieser Paragraph 4« jüdischen Kreisen, insbesonderrder jüdischen IntelligenzrW vorgerufen hat. Die Wirkung blieb nicht aus. An den Wahlen, insbesondere in Warschau, beteiligten sich weite Kreise der jüdischen Intel!!• genz, die bisher meistens den jüdischen öffentlichen Fragen noch dazu Gemeindefragen, fremd und passiv gegenüber statt' den. Ein kleiner Teil blieb zwar noch stecken in den Ideen• gangen und Begriffen der Assimilationsbewegung, aber — und dies soll mit Nachdruck betont werden — der größte Teil dei jüdischen Intelligenz in Warschau, Insofern er überhaupt au jüdischen Dingen Interesse hat, stellt bereits Forderungen aui und vertritt Ideen, die man ohne weiteres als zionistisch bezeichnen kann. An der Spitze dieser Gruppe, die sich jetzl speziell zu den Gemeindewahlen organisiert hat, steht der hochgeachtete Führer der nichtzionistischen Agencymitglieder ir Polen, Dr. Samuel Goldflam, und Dr. Oerschon Lewin eine der bekanntesten Persönlichkeiten Im jüdischen Öffentlicher Leben m Köngreßpolen. Es fragt sich nun: warum geht diese natiortalgeslnrite, au persönlichen Qualitäten reiche Gruppe ihren eigener Weg, obwohl sie sich von den Zionisten, insbesondere was das üememdeprogramm betrifft, nicht stark unterscheidet. Warum S־lhl^enÄtc! « |4me'nsa״e Eiste mit den Zionisten, mit dener sie doch e[ne Einheitsfront gegen die Agudah bilden? " 3;:,-ו? zionistische Programm, auch vielfach in lande®• politischen Fragen, ist heute Gemeineigentum der überwie■ genden Mehrheit der polnischen Judenfieit, deren Intelligeni ment ausgenommen. Die zionistische Idee hat sich bei der meisten durchgesetet. Die Zionistische Organisation ah '/"י?4־ hat aber in Polen gar keine Werbekraft, und bei sei chen Anlassen, wie z. B. Gemeindewahlen, finden es Gleich« gesinnte für unmöglich, unter zionistischer Flagge zu mar schieren. Bei manchen werden wohl opportunistische Moment( mitspielen, aber wir glauben die Situation richtig Zu beurteilen wenn wir bei diesen ehrlichen und mutigen Kämpfern für natio nale Forderungen eine Abneigung gegen das zionistische Par teil eben feststellen. Es wlre am Platze, gerade im Anschluß an den Soko iow-Monat über dieses Organfsatlonsprobfem nachzü uenken. Denn ohne Zweifel liegt der größte Teil der Schule an diesen Verhältnissen auf Selten der revisionistischen Partei oder richtiger Parteien, in Polen. Zu den Gemeindewahlen tritt jede zionistische Föderatfor gesondert auf, und es bedurfte großer Mühe, um wenigstem die allgemeinzionistischen Fraktionen auf eine Liste zu ver einigen. (Es soll als ein Kuriosum verzeichnet werden, daß ft Lud(, in Wolhynien zu den dortigen Stadtratwahlen (!) die Re vts io nisten getrennt gingen, mit einer Konkurrenzliste (1 gegen die Allgemeinen Zionisten.) Der Misrachi, Hitachdütl und Poale Zion (Rechte und Linke) treten fast überall ml eigenen Listen auf. Allerdings werden mehrere dieser Liitei miteinander gekoppelt werden. Der Wahlkampf wird ein erbitterter und schwerer sein er wird aber viel zur Klärung und politischen Erziehung de jüdischen Massen in Polen beitragen. Der Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agemtur, Jakob Landau, der eine Reihe von europäischen Ländern bereist und mit zahlreichen Staatsmännern Gespräche gehabt hat, hatte ש der vergangenen Woche Gelegenheit, in verschiedenen Kreisen führender deutscher Juden aller Parteirichtungen ln Berlin über die Tätigkeit derJTA. zu berichten, Auch das Auswärtige Amt veranstaltete ein Frühstück, an dem der Reichspressechef Zechlin und andere Herren des Auswärtigen Amtes sowie eine Reihe v°n jüdischen Persönlichkeit« tduahtn«. Hamburger Brief Von unserem Korrespondenten. Die Winterarbeit der Hamburger Zionist{• sehen Vereinigung, über deren Auftakt und erste Veransfaltungen der letzte ״Hamburger Brief״ berichtete, fand im Februar, März, und April ihre Fortführung, in einer großen Reihe von Veranstaltungen einerseits der Ortsgruppe selbst, andererseits vor allem des — besonders rülirigen — Zionistisch-Akademischen Clubs. Der Palästina-Kurs der Ortsgruppe wurde Im Februar durch ein sehr Instruktives Referat von Dr. E. Ascher, Berlin, über ״Die Entwicklung der zionistischen Kolonisation«- programme״ fortgesetzt. — Aus Anlaß des Kartelltags des K. J. V., der in Hamburg stattfand, sprach Dr. Gustav K r 0 - janker, Berlin, am 29. Februar in einer öffentlichen, gemein* sam vom Präsidium des Kartells und der Zionistischen Ortsgruppe veranstalteten Kundgebung über die ldeenmißlgen Grundlagen des Nationalsozialismus, dargestellt vom Aspekt de* jüdischen Betrachters. Das Referat, dessen in der ״Rundschau“ im Zusammenhang eines Berichtes über den Kartelltag bereits Erwähnung getan worden ist, beeindruckte die zahlreiche Zuhörerschaft aus äußerste; Dr. Krojanker analysierte die Bewegung des Nationalismus unter stärkster Beachtung ihrer vielverästelten sozial-wirtschaftlichen und geistig-politischen Verwurzelung und gab von dieser Basis aus eine eindrucksvolle, wenn auch in manchem nur skizzenhaft gehaltene Deutung von Gegenwart und Zukunft der deutschen Juden. Einige Wochen später hatten wir die Freude, Dr. Schwär ja Lewin in Hamburg begrüßen zu können. Er sprach vor einer zahlreichen Hörerschaft über ״Das Leben in zwei Welten“; sein Vortrag, der in ungemein geistreicher Weise aut historische Zusammenhänge und Entwicklungen des jüdischen Lebens in, Ost und West hinwies, mündete in einen temperamentvollen, durch unwiderstehliche Beredsamkeit gesteigerten Apjzell an das Hörerpubiikum ein, alle Kräfte für den Palästina-Aufbau zusammenzufassen. — Im Rahmen des Sokolow-Monats sprach Dr. Edgar Marx auf einem Aussprache-Abend der Orts* gruppen-Mitglieder Mitte März über ״Wege zionistischer Propagandä“ und Dr. Michael T r a u b über ״Aktuelle jüdische Wander- und Wirtschaftsfragen“. Der Vortrag Dr. Traute, der eine Woche später über ein ähnliches Thema in einer hier vom ״Ort״ einberufenen öffentlichen Veranstaltung wirkungsvoll sprach, hinterließ besonders nachhaltigen Eindruck durch die vom Referenten gebotene Fülle des statistischen und tätsächliehen Materials, auf dessen Grundlage Dr. Traub die Bedeutung einerseits der Umschichtung des Nachwuchses in produktive Berufe, andererseits Palästinas als des Ortes darstellte, der wie für die geistige, so auch für die wirtschaftliche ״Judennöt“ die Lösung zu bringen habe. Im Zionistisch-Akademischen Club hatte, wie in der ״Rundschau“ bereits berichtet wurde, Dr. Michael Traub einige Monate zuvor, mit ähnlicher Tendenz, über jüdische Wänderungsfragen gesprochen, im März lud der Club zu einem Vor• trage unseres Gesinnungsgenossen, Rabbiner Dr, Joachim Prinz, Berlin, über ״Psychoanalytische Phänomene des religiösen Bewußtseins" ein. Diese Veranstaltung machte eine erliebliche Zahl unserer Hamburger Gesinnungsfreunde mit den Fragen der Psychoanalyse und der bekannten Deutung, die sie dem religiösen Bewußtsein und seiner Entwicklung gibt, erstmalig vertraut; es nimmt unter diesen Umständen nicht wunder, daß die gehaltvollen, zugleich aber häufig zu überraschenden Konsequenzen führenden Gedankengänge des Referenten neben stürmischer Zustimmung religiös-liberaler, bzw. areligiöser Hörer doch auch manchen Widerspruch hervorriefen. — Nach diesem Referat kam der nächstfolgenden Veranstaltung des Clubs, auf der Dr. Emst Heppner über ״Jüdisch« Lebensgestaltung als rionlaBsehe Aufgabe“ sprach, eine gesteigerte und gleichsam «yaböitoche Bedeutung zu. Dr. Heppner «üdrta, indem *t die besondere ' iüdiach-rellgiöse Situation dufch eine Analyse der Begriffe ״Konfession׳" und ״Religion״ vorweg klärte, von den urreliglös-ethisehen Elementen der Uebertiefe* rung, der ״Lehre״, das ״Gesetz“ als den Inbegriff der Formen abzulösen, die für den Charakter des jüdischen Volkes als einer Lebens gemeinschalt maßgebend seien, und forderte die Verblndlichkelt dieser Formen auf einer solchen gedanklichen Basis für jeden Zionisten, gleichgültig welcher Stellung zur Religion. In besonder* interessanter Aussprache grenzten sich einerseits Vertreter jüdisch-sorialistlscher Auffassungen, andererseits Wort* iührer der Orthodoxie von diesem Standpunkte ab. Für die nächsten Wochen ist neben der Schlußveranstaltung des Palästina-Kurses ein Vortrag K a p 1 a n s k i 9 in Aussicht genommen. Die Winterarbeit der Hamburger Zionistischen Ver* einigung wird damit Ihr eigentliches Ende erreicht haben, wenn die Folge der Veranstaltungen auch keinen Abschluß findet, sondern sich in der W a h 1 a r b e i t für den nahenden Kongreß unmittelbar fqrtsetzen wird. Im ganzen hat der Winter den Han|burger Zionisten eine nicht unbeträchtliche Fülle von ln* formationsmaterial, Eindrücken und Gedankengängen nahegebracht. So wenig sich die Wirkung dieser Bemühungen exakt abschätzen läßt, und so sehr die wirtschaftlichen Verhältnisse es verhindert haben mögen, daß die Arbeit der Ortsgruppenleitung ihren angemessenen Ausdruck in einem entaprechenden Wachstum der Schar von Schekelzahlern und der Einginge für die Fonds fand, so gewiß sind die Wintermonate nicht nur für den Kreis der Hamburger Gesinnungsfreunde, sondern darüber hinaus für das jüdische Leben dieser Stadt von nicht zu unterschätzender Bedeutung gewesen. Ein guter Maß- Stab hierfür ist die in vielem sehr erfreulich« Entwicklung der Jugendarbeit, so im Bar Kochba, im Zeire Misrachi und u. a. auch im J. J. B., der in reger Zusammenarbeit mit der hiesigen poale-ziönistischen Gruppe tätig ist und sich erst kürzlich aut einer ״Maifeier“ mit ihr zu gemeinsamer Aktion vereinte. Den gesellschaftlichen Mittelpunkt des Winters bildete für die Hamburger Zionisten das Purim -Kostümfest, das unter dem Motto ״Ahas und Veros, Purim und Eros“ im Februar femeinsartt Von der Ortsgruppe, der Jüdischen Volkspartei und em Bar Kochba veranstaltet worden war. Es hatten sich etwa 1000 Besucher eingefunden, die eine angeregte, fröhliche Stirnmung bis in die ersten Morgenstunden *Usammenhieit, nachdem der Abend durch eine vielbelachte, von Hamburger Gesinnungsfreunden mit Witz verfaßte und großem Geschick einstudierte Revue ״Die westöstliche Diwa“ eröffnet worden war. Ein sonderbarer Sozialdemokrat. Im Preußischen Landtag erfuhr man am 9. Mai aus dem Berichte des kommunistischen Abgeordneten K a s ק e r, der Über die Aufhebung der Itnaiuniüt des sozialdemokratischen Abgeordneten Wilke in einer Beleidigungssaeht referierte, eigentümliche Dinge. Wilke, der auch Stadtverordneter von Stettin ist, beleidigte in einem öffentlichen Lokal den jüdischen Kaufmann Hirsch leid, nachdem er diesen mit der Faust ins Gesicht geschlagen hatte, mit den Ausdrücken ״Judenlümmel“, ״Lausejunge“, ״vollgefressener Juden junge“. Kasper gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten nicht der Aufhebung der Immunität Im Ausschuß zugestimmt hätten. Der demokratische Abgeordnete Nuschke trat für die Aufhebung der Immunität ein, über die in der Sitzung vom 13. Mai entschieden werden wird. — Dieser Wilke scheint ein sonderbarer Sozialdemokrat ZU sein. Wenn es sich bei den erwähnten Beleidigungen nicht um einen Exzeß in einem getrübten Be« wußtseinszustande gehandelt bat, so müßte sich die sozialdemokratische Parteileitung den Herrn Wilke genau ansehen. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler, wenn man in der Zeit der Nazi-Hochflut sozialistischen Führern derartige ״Geständnisse“ verzeihen wollte. s.n. Ans im CemeindeB Berliner Reprisentantenversammlung. In der Sitzung vorn 7. d. M. wurden eine Anzahl laufend״ Angelegenheiten, darunter viele Subventionsgesuche erledigt. Hervorzuheben ist die Gewährung einer Subvention von 3000 M. an den Verband der russischen Juden, Zu einer längeren prin* zipielleu Debatte kam es bei der Beratung der Vorlage, betreffend die Mietung von Räumen zur Unterbringung der Kunstsammlung der Gemeinde, die sich gegenwärtig im Amtsgebäude, Oranienburger Straße 29, befindet. Im gegenwirtigen Zustande gleicht die Kunstsammlung einer Rumpelkammer. Der Gemeindevorstand hatte den Abschluß eines giiitstigen Mietvertrages im Westen der Stadt vorgeschlagen, der den Gemeindeetat jährlich mit einem Mehr von 3000 M. belastet hätte. Wiewohl die Frage keine Parteisache ist und alle Redner die Wichtigkeit dieser kulturellen Institution zwecks Interessierung weiter jüdischer Kreise Zugaben, stellte R.-A. Heinrich Stern einen Vertagungsantrag, nachdem der Ausschuß in *einer Sitzung vom Mittwoch, dem 6, d, M.( sich gegen den Vorschlag des Vorstandes ausgesprochen hatte. Von Volks* parteilicher Seite (Dr. Klee, Goslar, WaIdmann) sowie seitens Direktor K « r e s k 1 s wurde betont, daß trotz der großen Notlage die kulturellen Aufgaben der Gemeinde so wenig wie möglich restringiert werden dürfen. Durch die Unterbringung der Kunstsammlung in geeigneten Mietsriiunien — die Bereit- Stellung eines eigenen Gebäudes oder die Unterbringung der Sammlung als Leihgabe in einem öffentlichen Museum kommt vorläufig aus verschiedenen Gründen nicht in Frage — könnten Führungen veranstaltet und Kreise, die ein Spezialinteresse für die jüdische Kunstsammlung haben und im jüdischen Museums- Verein organisiert sind, zu einer stärkeren Förderung dieser Institution veranlaßt werden, die über sehr wertvolle Kunstschätze verfügt. Obwohl diese Gesichtspunkte auch von den Liberalen durchaus gewürdigt wurden, stimmten sie doch für die Vertagung bis zur Aufstellung des Etats, d. h. das Projekt der Unterbringung der Kunstsammlung in den günstigen Räumen im Westen der Stadt wird nicht zur Durchführung gelangen. Offenbar haben sich die Liberalen von Rücksichten leiten lassen, die angesichts der allgemeinen Notlage zunächst auf Ausgaben für kulturelle Zwecke verzichten, mögen diese auch, in einem höheren Sinne, lebensnotwendig sein. — Eine kürzere Debatte entspann sich im Zusammenhang mit der Beschwerde eines Arlikeleinsenders an das Jüdische Gemcindebfatt Über die Redaktionsführung dieser Zeitung. Der Wert und die Bedeutung dieser Publikation wurden gewürdigt: trotzdem aber gab man der Ansicht Ausdruck, daß man den literarischen Teil zugunsten von Ankündigungen der Gemeindeverwaltung fegebenenfalls einschränken solle. Auch mit dieser Ansicht kann man sich nicht befreunden. Das Oemeindeblatt Ist eine* der werbekräftigsten Bindemittel von Gemeindeverwaltung und Gemeindemitglledern. Es soll belehrend und erziehend wirken und alle für diesen Zweck aufgewendeten Mittel machen sich zweifellos moralisch und auch materiell bezahlt. Allerdings ist es durchaus wünschenswert, daß das Gemeindeblatt in einem Sinne ausgebaut werde, der dieses Organ nicht als eine Prämie für hereits jüdisch sehr Interessierte erscheinen läßt, sondern eher als eine Publikation zur Interessierung solcher Kreise, die leider durch verschiedene Umstände dem jüdischen Leben wenig Aufmerksämkeit entgegenbringen. Also keine konventionellen Feiertagsartikel, sondern lieber lebendige Darstellungen des jüdischen Lebens in der ganzen Welt! 8. n. Bericht Ober die Arbeit der Hebräischen Lebraustah der JUdlschen Gemeinde zn Berlin Die Hebräische Lehranstalt besteht seit dem Januar 1919. Sie will ihren Schülern das hebräische Schrifttum von der Bibel bis zur Literatur der Gegenwart erschließen und sie zur Beherrschung des Hebräischen in Wort und Schrift führen. Nach einer Einführung in die Sprache an Hand verschiedener Lehr- und Lesebücher geht man so rasch als angängig zur Lektilfe der Bibel über, und zwar werden in der Unterstufe die lelchteren erzählenden Texte behandelt, in den mittleren und oberen Klassen sind gemäß der fortschreitenden Kenntnisse der Schüler die prophetischen und poetischen Teile der Bibel Gegenstand des Unterrichts. Auf allen Stufen wird eine Inhaltliche Vertiefung des Stoffs angestrebt. Besondere Veranstaltungen von Lichtbilder- und anderen Vorträgen tragen zur Vetanschäülichung des Gegenstandes bei. Neben der Bibellektilre werden Lesebücher und Chrestomathien, später Werke der neueren Literatur zum Unterricht herangezogen. Für besonders Intel־- essierte werden auch Uebungenln Mischna und Oemara und In mittelalterlicher Literatur veranstaltet. Als Vorbereitung auf die Fest* und Gedenktage des jüdischen Jahres werden außerhalb des sonstigen Plans entsprechende Stoffe aus Bibel, Mischna, Siddur und Machser, Schulchan Aruch USW. und literarische Behandlungen der Feste durchgenommen. Die Schüler werden zu regelmäßigen schriftlichen Uebungen angehalten. Grammatische Uebungen werden Im Anschluß an die Lektüre getrieben. Der Unterricht wird in den Anfängerklassen zunächst auf Deutsch erteilt. Sehr bald wird daneben das Hebräische als Unterrichtssprache eingeführt, bis ״ es endlich in den oberen Klassen ausschließlich gebraucht wird. Da die Hörerschaft der Hebräischen Lehranstalt nach Alter, allgemeiner und jüdischer Vorbildung außerordentlich verschieden gestaltet ist, so muß namentlich bei der Stoffauswahl und auch bei dem Gang des Unterrichts auf diese Verschiedenheiten Rücksicht genommen werden. Es werden daher in Parallelkursen möglichst homogene SchiUerkiassen zusammengestellt. Bei der Auswahl der Lektüre wird nach Möglichkeit den Wünschen der Schüler Rechnung getragen. Die Teilnehmer der Kurse setzen stell aus Schülern Im Alter Von 12 Jahren aufwärts, Studenten, Kaufleuten und Lehrern zusammen, Die Kurse finden statt in der Schule Große Hamburger Straße 2f, und In der Schule Klopstockstraße 58. Der Unterricht wird nachmittags^ und abends abgehalten. In der Regel wird zweimal wöchentlich insgesamt 4—5 Wochenstunden unterrichtet. Für ganz besonders Interessierte bestehen Klassen mit 6—8 Wochenstunden Unterricht, ln einzelnen Klassen wird der Unterricht einmal wöchentlich 2stündig abgehalten. Das Schulgeld beträgt 2 Mark monatlich, für Studenten, Schüler und Lehrlinge 1 Mark, Zum Zwecke der Anschaffung von Lehr- und Lesematerial wird ein Bibliotheksbettrag von monatlieh 50 resp. 25 Pf. erhoben. Auf Antrag kann das Schulgeld erlassen werden. Im abgelaufenen Wintersemester war die Anstalt in acht Stufen gegliedert. Für viele von ihnen gab es Parallelkurse, insgesamt umfaßte die Schule 42 Oruppen mit ca, 500 Schülern. Das Lehrerkollegium bestand im Winter- Semester 1930/31 aus folgenden Herren: Alexander Barasch, Nissan Berggrün, David Josef Bornstein, Josef Braalawski, Dr. Arje Dörfler, Dr. Moses Goldmann, Walter Heilbrunn, M. E. Jernensky, Nahum Lewin, Mayer Mohr, Moses Schianger, Dr. Alexander Rosenfeld und Wolf Werba. Das Sommersemester hat am 1. Mai begonnen. Anmeldungen zu sämtlichen Kursen Straße 58, 7.3Ö—8.30 Uhr abends. Telephonisch: 3—4 Uhr, Brabant 501.