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Jüdische Rundschau · 1931-05-08 · Heft 35 (8.5.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 35 (8.5.1931)
Date
1931-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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31 Nr. 35, 8. V. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 217 Migen :ommt wtlich fganich en [t Zu- Videreitung!מ auf kannte Refeisraclti :s von Kon«! Dar* 1z be- «ätzen Berkas t. Die nistenr Rieh- 5r Be- 3rund- Uebers Misslt und 1« Ein- 'en. iganda Erezh nach n. Die rbelten )rganl- -Israelmd die rach i;estelH, tnmeln, lisraebl if dem immer fanden, e Ziele snnten. Endziel :ht be• nd der ’ragen, iS Mis• irheits• 1b vert Kris? it allen ׳und•!Uglöse Insbe• Politik en Be•;en, bei 11 nicht raktion it, daß 1 ü b e 1 en zio• sich : die 1e ז• I. ״י die der s Strfr 1, ' irtit. Der ft, war Fahne e Le• tj׳ von znthere erwirke$ aufs BP d« Fakter Cesef* M*rk« jhapod 9 mH' ine herochen, fraroms ion g׳•' n, daß, ige des em aß* iftiiche. wi« <s zweifelhaft sein kann, daß das bisherige Verhältnis dem Mißtrauen Tür und Tor geöffnet hat und imstande war, der inneren Einheit und Geschlossenheit des Misrachi zu schaden und viele von den jungen Arbeitern, die ihrer kulturellen Auffassung nach zu uns gehören, in das Lager anderer Gruppen geführt hat, bei denen die Arbeiterschaft sich freier organisieren konnte, bei der aber die Grundlagen misrachistisch-kulturellen Lebens zerstört waren. Unsere Arbeiter sollen wissen, daß ihre praklischen und ideologischen Bestrebungen als wesentlicher Faktor zur Durchdringung des Palästina-Aufbaus mit dem Geiste der Thora gewürdigt werden, sollen wissen, wie wir ihre hinßcbungsvolle Tätigkeit einschätzen, sollen wissen, daß, wenn der misrachistische Poel seine Bestrebungen ״innerhalb der vier Ellen der Halaeha“ ausübt, dies keine Einengung bedeutet, und daß die Gesamtorganisation bereit ist, ihn in seinen Arbeiten mit ihrem moralischen und materiellen Einfluß zu stützen. Was für die Arbeiter gilt, die bereits produktive Arbeit mit Spaten und Hammer tun, das gilt auch für die Heranwachsende J u - gend. und so formulieren die Leitsätze der Konferenz: Der misrachistischen Jugendbewegung an den Misrachisriiulen sollen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Wird so die Hauptarbeit des Misrachi geführt auf seinem ureigensten Gebiet, auf dem religiös-kulturellen, werden so die übrigen Fragen, deren Bedeutung für unsere Bewegung ganz gewiß nicht unterschätzt wird, die aber nicht die ausschlaggebende Rolle innerhalb des Misrachi spielen dürfen, dem Fraktionszwang entzogen, so glauben wir, daß der Misrachi seine werbende Kraft verstärken kann. Das religiöse Judentum weiß heute, und jeder, der aus Erez-Israel zurückkommt, sagt es ihm aufs neue, daß die Zukunft des Judentums unlöslich verknüpft ist mit dem Aufbau der Nationalen Heimstätte. Keine Scheu vor dem Begriff ״Partei“ darf einen religiösen Juden abhalfen, sich wirklich ganz der Bewegung zu verschreiben. Er muß, indem er in die Reihen des Misrachi tritt, dem Misrachi die Möglichkeit geben, seinen Einfluß zu vergrößern. Die geistigen Führer des Judentums, die uns so häufig ihre Sympathien ausgesprochen haben, sich aber der Bewegung nicht .ingeschlossen haben aus dem Gefühl heraus, damit ein Gutteil ihrer individuellen Freiheit dem Parteiwesen zu opfern, werden einsehen, daß ihre Furcht unbegründet ist, und daß sie im Gegenteil durch ihren Anschluß eine Tribüne bekommen, von der aus ihre Stimme viel weiter reichend sein wird. Und nicht zuletzt werden wir innerhalb der Zionistischen Organisation werbend wirken können, die großen Gedanken des historischen Judentums, die wir innerhalb der Zionistischen Organisation vertreten, werden reiner dastehen und auf ihre eigene innere Schönheit gestellt, tiefer wirken können. Auch die Forderungen finanzieller und wirtschaftlicher Natur, mit denen sich die Beschlüsse der Konferenz befassen und die wegen ihrer Dringlichkeit ultimativen Charakter tragen, sind nicht losgelöst von dem bisher Gesagten zu betrachten. Die Finanznot, unter der auch die zionistische Organisation, die Jewish Agency und alle anderen Organisationen leiden, hat nur Mißstände noch akuter werden lassen, über die der deutsche Misrachi von jeher Klage geführt hat. Die Expansionspolitik, die der Merkas ohne Aussicht auf die notwendigen Mittel geführt hat, muß liquidiert werden, an deren Stelle muß eine mit straffsten organisatorischen,Mitt^In.JurchgefüJifte, Ksnjtejj^Üps.j^Ljiefjwpisat׳ liebsten Gebie&p tretea..; Die Führung der Geschäfte muß nach rireng kaufmännischen Prinzipien durchgeführt werden und die י andesorganisationen müssen gezwungen werden, Garantien für die Bereitstellung der für die Fortführung der Arbeit notwendigen Gelder zu leisten. In Konsequenz dieser Grundsätze soll an die Spitze des Misrachi ein neuer Merkas treten, der dem Jischuw und der jüdischen Welt die Gewähr dafür gibt, daß diese Methoden misrachistischer Arbeit durchgeführt werden. Die Berliner Beschlüsse werden durch die am Sonntag gewählten Delegierten des deutschen Misrachi der in der Woche vor dem Kongreß zusammentretenden Weltkonferenzdes Misrachi unterbreitet werden. Unsere Forderungen sind nicht nur solche des deutschen Misrachi, obwohl hier und da versucht wird, sie als ״deutsch" zu diskreditieren. Wir wissen vielmehr, daß wir nur in der Oeffentlichkeit ausgesprochen haben, was auch in anderen Landesorganisationen in der Golah und in Erez-Israel seit langem gedacht und gefordert wird. Wir hoffen, daß auch die Weidah des Ernstes der Situation bewußt ihre Verantwortung empfinden und unsere Forderungen zu den ihrigen machen wird. Nazi-Exzesse an der Berliner Universität Obwohl die deutschen Universitäten der Ausgangspunkt des akademischen Antisemitismus in der ganzen Welt sind, haben sie sich bis vor kurzer Zeit vor Roheiten in acht p nommen, wie sie an der Wiener Universität oder ״ar in R mänien und Ungarn seit Jahren üblich sind. In der letzten Zeit scheinen die Nationalsozialisten diese Zurückhaltung nicht mehr üben zu wollen. Vorgänge, die am 2. Mai in Berlin vorgekommen sind, unterscheiden sich in ihrer Kulturlosigkeit in nichts von Exzessen, deren man nur studentische Balkan- Jünglinge für fähig gehalten hat. Auffallenderweise sind diese widerwärtigen Szenen vom 2. Mai in der Presse kaum erwähnt worden. Der Grund lag darin, daß die Universitätsbehörden es unterlassen haben, eine polizeiliche Intervention anzufor- Hern und auch keinen Bericht über die Vorgänge, die sich im Universitätsgebäude abspielten, der Presse übergaben. Nachstehend geben wir einen Bericht wieder, den jüdische Studenten über die widerwärtigen Vorgänge jüdischen Zeitungen zugänglich gemäht haben. Am 1. Mai wehte auf der Universität für einige Augen• blicke eine Sowjetfahne. Wer den Streich verübt hat, ist noch nicht festgestellt worden. Der Zwischenfall führte zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen rechts- und links•?:richteten Studenten. Es kam zu Zusammenstößen, bei welchen die nationalsozialistischen Studenten schlecht abschnitten. Sie kündigten an, daß sie am nächsten Tage ״a n den Juden Rache nehmen“ werden. Am Sonnabend, dem 2. Mai, besetzten vormittags Trupps nationalsozialistischer Studenten die Eingänge der Universität. Studenten und Studentinnen, die als Juden erkannt wurden, wurden unter den Rufen ״Juda verrecke!“ beschimpft ״nd verprügelt. Dabei wurden einige ausländische jüdische Studenten nicht unerheblich verletzt, ein niedergeschlagener jüdischer Student mußte mit der Bahre ins Krankenhaus befördert werden. Die Universitätsbehörden wurden auf die skandalösen Vorgänge aufmerksam gemacht, allein sie unternahmen nichts, um die Ordnung wieder herzustellen und die Mißhandelten und Bedrohten zu sU1ützen. Die Polizei wurde nicht verständigt. Die Exzesse dauerten ohne Unterlaß bis 2 Uhr nachmittags. Da die Polizei nicht verständigt wurde, sind diese Vorgänge bis heute nicht zur Kenntnis der Oeüestllchkeit und der Presse gelangt. Ein notwendiges Buch Dr. Alfred Marcus: Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden. Eine soziologische Untersuchung. Verlag von Georg Stilke, Berlin 1931. Ohne von Natur aus ein Skeptiker zu sein, gelangt man allmählich zur Erkenntnis, daß die meisten auf den Markt kommenden Bücher, im Grunde genommen, überflüssig sind. Man erinnert sich an den berüchtigt gewordenen Auslpruch des ehemaligen Führers der Wiener Christlichsozialen, B i e 1 0 h 1 a v e k, der im österreichischen Reichsrat in einer Debatte über einen Antrag, Leo Tolstoi zu ehren, freimütig erklärt hat, daß er kein Verständnis für diesen ״ollen Teppen“ aufbringen könne und daß die Bewunderung für Bücher ihm, dem Redner, ganz unverständlich sei. Er sagte wörtlich: ״Die Büchein haoe ich gefressen. Es ist ohnedies nur das, was ein Jud’ vom andern abschreibt.'‘ Natürlich sind Rede und Formulierung jener antisemitischen Leuchte nicht ernst zu nehmen. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt doch in der Feststellung, da 8 Bücher auf dem Gebiete der jüdisch-statistischen Literatur zumeist so entstehen, daß man aus den zehn vorhandenen Büchern Auszüge macht und diese zu einem elften zusammenstellt. Es berührt darum angenehm, wenn man ein Buch in die Hand bekommt, das erstens nicht überflüssig und zweitens nicht abgeschrieben ist. Ein Buch dieser Art ist die soziologische Untersuchung, die Dr. Alfred Marcus unter dem Titel ״Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden“ angestellt hat und in einem Buche von Oktavformat (184 Seiten) erscheinen ließ. Im Vorwort kennzeichnet der Autor seine Absicht mit folgenden Worten: ״De Arbeit will das natürliche Schicksal des jüdischen Bürgertums in Deutschland einer Prüfung unterziehen, der Schicht also, die den Kern des deutschen Judentums bildet. Dese Schicht scheint in ihrer wirtschaftlichen Existenz einem radikalen Umformungsprozeß zu unterliegen. Ausmaß und Intensität dieses Prozesses gehen deshalb über die Erscheinungen der allgemeinen Wirtschaftskrise hinaus, weil eben das deutsche Judentum eine wesentlich im Handel tätige mittelständische Schicht darstellt und die Betätigung im Handel aus ganz, objektiven Gründen mehr und mehr gefährdet wird. Es handelt sich hier nicht nur um Konjunkturerscheinungen. Ein starker Zug zur Proletarisierung des deutschen Judentums ist spürbar geworden. Gefühlsmäßig wird er bereits vielfach empfunden. Man kann Entwicklungen dieser Art nicht richtig begreifen, solange man sich auf gefühlsmäßige Eindrücke verläßt, eine große Anzahl von Einzelvorgängen sieht, nicht aber dazu gelangt, diese Einzelvorgänge zu ordnen und in ihrer Summe zu erfassen.“ Hier wäre, den Tatsachen entsprechend, hinzuzufügen, daß nicht nur ein starker Zug zur Proletarisierung des deutsehen Judentums spürbar geworden ist, sondern daß eine P a u - perisierung wahrgenommen werden kann, die, absolut genommen, vielleicht die Verarmung der entsprechenden nichtjüdischen Schichten nicht übersteigt* aber von den jüdischen Opfern dieses Prozesses aus zahlreichen Gründen viel intensiver empfunden wird, weil sich unbewußt oder bewußt die Erkenntnis hinzugesellt, daß eine Aenderung dieses Zustandes für die betroffene Generation kaum und für die nachfolgende auch nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit eintreten wird. Es bleibt das Verdienst von Dr. Alfred Marcus, daß er nun entsprechend der Aufgabe, die er sich gestellt hat, mit außerordentlichem Fleiß einige Berufsgruppen, in denen die deutsehen Juden stark oder vorwiegend dominiert haben, untersucht, daß er gründliche Nachforschungen angestellt hat, um den jüdischen Anteil an den betreffenden Berufsgruppen und die Entwicklungskurve dieses jüdischen Anteils festzustellen. Mit fRf£ljt tetppt ^WWs^äa^ÄSTOrliegwdttt-aU'f^meinem statistischen Angaben sowie die Arbeiten jüdischer Autoren von ganz anderen Voraussetzungen ausgingen «nd ihm bei der Verwirklichung seiner Absichten nur als Rohmaterial dienen konnten. Marcus gliedert sein Buch in eine Einleitung und sechs Kapitel, ln den vier ersten Kapiteln behandelt er vier Berufsgruppen, in denen die Juden seit jeher in besonders hohem Maße sich betätigt haben. Es sind dies Metallhandel, Bankwesen, Textilwirtschaft und Getreidehandel. Mit großem Fleiße hat er festzustellen vermocht, welche Firmen der genannten Berufsgruppen jüdisch sind. Das ist nicht so einfach, wenn man bedenkt, daß bei den zahlreichen Aktiengesellschaften und Gesellschaften m. b. H. es nicht von vornherein klar ersichtlich ist, auch nicht aus dem Namensverzeichnis der Aufsichtsrat- und Verwaltungsmitglieder oder der Anteilscheinbesitzer der G. m. b. H., wer der wirkliche Träger und Inhaber der Firma ist. Um das mit einiger Bestimmtheit feststellen zu können, gehört eine genaue Branchenkenntnis, muß man Um- und Rückfragen ansteTlen und muß sich geradezu mit Leidenschaft in die Materie verbeißen. Marcus _1at dieser Aufgabe lange Zeit gewidmet, denn er hat mehrere Untersuchungen der gleichen Art, die er dann in seinem Buche vervollständigt hat, schon früher in jüdischen Zeitschriften veröffentlieht. Er kommt zusammenfassend zur Erkenntnis, daß der Anteil der Juden an der deutschen Wirtschaft immer geringer wird, und daß die Juden sogar in den Berufsgruppen, in denen sie bis zum Kriege 1914 dominiert haben und die sie eigentlich als erste zu einer mehr oder weniger großen Bedeutung gebracht haben, an Boden verlieren, pierbei handelt es sich nicht nur um Verdrängungsprozesse, die sich aus der anwachsenden antisemitischen Bewegung erklären lassen, sondem um das Ergebnis einer objektiven Entwicklung, nämlich der Durchsetzung des kollektivistischen Wirtschaftsdenkens und kollektivistischer Wirtschaftsformen gegenüber dem von den Juden mit ungeheurer Beharrlichkeit vertretenen Individual- System. Im Rahmen einer Besprechung kann man die Ergebnisse dieser vier Kapitel, Metallhandel, Bankwesen, Textilwirtschaft und Getreidehandel, nicht wiederholen. Man muß den Leser darauf verweisen, daß in jeder der angegebenen Zahlen sehr viel Arbeit steckt und daß es sich hierbei um Werte handelt, die annähernd die Sachlage widerspiegeln, ohne naturgemäß den Anspruch auf absolute unbedingte Zuverlässigkeit erheben zu können. Das ist jedoch im Grunde genommen nicht not■ wendig. Denn es handelt sich hier darum, Tendenzen festzu■ stellen und nicht eine hieb- und stichfeste statistische Erhebung zu' pflegen. Darum verdienen die Resultate der mühevollen Sammelarbeit des Autors besondere Beachtung um so mehr, als eigentlich zum ersten Male in so umfassender weise diese Seite des Problems in Zahlen und Daten Umrissen wurde. Man kann natürlich gegen den Autor einwenden, daß auf die angegebenen vier Berufsgruppen sich die Betätigung״ der deutschen Juden nicht beschränkt. Man kann sagen, daß der geistige Habitus des deutschen Juden nicht nur von Metall■ Händlern, Bankiers, Konfektionären und Getreidehändlern reprä sentiert wird, daß vielmehr die Vertreter der freien Berufe die jüdischen Künstler, Schriftsteller, Journalisten usw. in weit höherem Maße das Bild des deutschen Juden und nicht nur das geistig-psychische, sondern in erheblichem Teile auch das ökonomische, beeinflussen als man meinen könnte, wenn man nur die vier genannten Berufsgruppen im Auge behält. In dieser Hinsicht ist das Buch von Marcus unvollständig. D. 11 es wird hier die Bitte ausge'nrochen. M!»rc«s möere mit der gleichen Hingabe und der gleichen Gründlichkeit seine Unter■ suchungen auf andere Berufsgruppen erstrecken, in denen die Juden in besonderem Grade repräsentativ beteiligt sind. Im fünften Kaoitel seines Buches behandelt Marcus die wirf• schaftliche Entwicklung der Berliner Juden. Er skizziert kurz die Geschichte der Konzentration der Juden in Berlin, ihren Anteil an Neugründungen in.,den Nachkriegsjahren, an den Löschungen dieser Neugründungen, am allgemeinen Handel, im Export- und Importhandel, an der Textilwirtschaft, an der Berliner Konfektion, an der Metall- und Radioindustrie, am Verlags- und Reklamewcsen, am Automobilhandel, ain Versiehe• ruiigswesen, am Leder-, Fleisch-, Holzgroßhandel usw. Mit einigen Worten streift er auch die ostjüdische Siedlung in Berlin. Was er über die wirtschaftliche Entwicklung der Berliner Juden zu sagen hat, in der sich die gleichen Tendenzen bemerkbar machen, wie in den ausführlich behandelten großen vier Berufsgruppen, ist von um so größerer Wichtigkeit, als in Berlin ein Drittel aller in Deutschland lebenden Juden konzentriert ist und als die Juden aus verschiedenen Gründen in Deutschland sich in den großen Städten zusammendrängen, so daß die in Berlin vor sich gehende Entwicklung typisch für die Tendenzen des weiteren Verlaufs der jüdischen Wirtschaftlichkeit in den anderen großen Städten Deutschlands ist. Die Schlußfolgerungen aus seiner Arbeit zieht Dr. Marcus im sechsten Kapitel, das er ״Wandlungen des jüdischen Wirt- Schaftsdenkens“ betitelt. Am liebsten möchte man dieses Kapitel vollinhaltlich abdrucken. Was er über die Wandlung des jüdischen Wirtschaftsdenkens und über die tieferen Ursachen dieser Wandlungen zu sagen weiß, ist hart, nüchtern und pessimistisch. Man merkt, daß es dem Autor nicht leicht fiel, diese düsteren Prognosen zu stellen. Er sieht einen unaufhaltsamen Auflösungsprozeß, eine Assimijationstendenz, die durch die wirtschaftliehe Entwicklung wesentlich bedingt und verstärkt wird, und andererseits stellt er den Mangel an Willen bei der Masse der deutschen Juden fest, aus Gründen der jüdischen Arterhaltung sich diesen Tendenzen entgegenzustemmen. Er verweist darauf, daß der deutsche Jude gegenwärtig überhaupt nicht mehr Pionier sein kann, sowohl aus psychologischen Gründen, wie auch aus objektiven Gründen, weif für Pioniertum in der;egenwärtigen in Deutschland sich immer stärker durchsetzenen kollektivistischen Wirtschaftsform einfach kein Platz mehr vorhanden ist. Die Zeit für die führende Tätigkeit der Juden in der deutschen Wirtschaft ist, nach Marcus, vorüber. Der Jude versucht zwar heute immer noch, in der alten individualistisehen Weise zu arbeiten, ist sich aber unbedingt klar darüber, daß er eigentlich ״gegenüber den Ausdrucksformen, welche das deutsche Wirtscliattsdenken seit Kriegsausbruch geschaffen hat, einen Anachronismus darstellt“. Nach Marcus stehen wir jetzt an einem ganz entscheidenden Punkt des jüdischen Wirtschafts־ denkens in Deutschland, entscheidend für das künftige Schicksal der Juden in Deutschland überhaupt. Deser Gegensatz zwischen kollektivistischer Theorie, die einzelne hervorragende Juden in Deutschland am stärksten vertreten haben, und individualistischer Wirtschaftsform, an der die Juden bis zum heutigen Tage krampfhaft festhalten, stellt die wirtschaftliche Tragik des deutsehen Juden dar und erschwert außerordentlich den unvermeidliehen Proletarisierungsprozeß, den die deutschen Juden, wotern sie sich als wirtschaftliche Existenzen erhalten wollen, werden durchmachen müssen. Die Anpassung des Juden an die kollektivistischen Wirtschaftsformen in Deutschland wird den restlosen Sieg der Assimilationstendenz innerhalb des deutschen Judentums beschleunigen. Einzelne Juden mögen sich, trotz der Anpassung an das kollektivistische Wirtschaftsdenken der großen Mehrheit des deutschen Volkes, ihre Eigenart bewahren und an ihr heroisch testhalten. De Masse wird sich so völlig in die Gesamtheit eingliedern, daß zwischen dieser und ihr kein Unterschied vorhanden sein wird. Kurz gesagt, Marcus geht von der Auffassung aus, daß das jüdische Sonderleben, das die Juden bis heute geführt haben, nur auf der Basis von zwei Faktoren möglich war: bestimmten von Juden bevorzugten und vpn ihnen beherrschten Wirtschafteit flf« 0e!tet־Miung_ und Beibehaltung dieser Wirtschaftsgruppen ermöglichten und ihnen soviel Ertrag brachten, daß sie imstande waren, für ihr Sonderdasein, d. h. für ihr ludentum bestimmte Aufwendungen zu machen. Noch kürzer au gedrückt: Die Juden waren bis jetzt imstande, ihr Judesein zu bezahlen. In der Zukunft werden sie dazu nicht mehr in der Lage sein, und zwar aus zwingenden ökonomischen Gründen, und im Widerstreite zwischen menschlicher und jüdischer Existenz werden die meisten Juden das Opfer ihres jüdischen Daseins bringen. Was Marcus über den Geist der sozialen jüdischen Arbeit bemerkt, was er über die Stellung der jüdischen Frau und über die Notwendigkeiten der jüdischen Umschichtung sagt, ist so klug, daß man unschwer erkennt, er hat diesen Teil seiner Arbeit nicht so sehr aus Zahlen und Daten wie aus intuitiver Erkenntnis geschöpft. Diese Gedanken kommen aus dem Herzen und sind darum, nach dem Ausspruch der Franzosen, die besten. Wenn es verstattet ist, ein persönliches Wort zu sagen, so sei erklärt, daß dem Rezensenten die Lektüre des Buches ein überdurchschnittliches Vergnügen bereitet hat. Er hat in dieser Studie eine Bestätigung all dessen gefunden, was er seit Jahren in diesen Blättern, in zahlreichen Vorträgen und in öffentlichen jüdischen Körperschaften zum Ausdruck gebracht hat. Diese unheroische, von jeder Apologetik sich ternnaltende Art, jüdische Probleme zu sehen, sie zu deuten und nach einem Ausweg zu suchen, erscheinen ihm als einzig würdige Form, wie ein verantwortlicher Jude diese Fragen zu behandeln vermag. Das Buch von Ma.cus wird Leser finden und wird zweifellos außerordentliche Wirkung üben. Erstens weil es innerlich wahrhaftig ist und zweitens weil der Autor klar, schmucklos und darum formvollendet schreibt und, von innerem Feuer durchglüht, an die Bewältigung seiner Aufgabe herangegangen ist. Moses Wald mann. ln aller Kürze In Jerusalem verlautete, daß der Bericht der vom Völkerbund zum Zweck der endgültigen Lösung der Klagemauerfrage eingesetzten internationalen Klagemauer-Kommission noch in dieser Woche veröffentlicht werden wird. Wie der JTA. von maßgebender Seite in London mitgeteilt wird, werden die Verhandlungen zwischen englischer Regierung und Jewish Agency, betreffend den Landentwicklungsplan, in den nächsten Tagen wieder aufgenommen. Das Organ der palästinensischen arabischen Exekutive ״Felestin“ erklärt, die arabische Exekutive habe es zwar abgelehnt, in Verhandlungen mit der Regierung einzutreten, es bestehe aber kein Hindernis, daß sie die Vorschläge der Regierung bezüglich der Palästina- EntwickTungs- Anleihe entgegennehme und gegebenenfalls billige. Der Schöpfer des Plans der Siedlung in Biro-Bidschan, Professor Boris Bruck, wurde am 4. Mai nach Kazakstan in einen in der Nähe von Almaata, das seinerzeit Trotzki als Zwangsaufenthalt zugewiesen wurde, gelegenen Ort verbannt. ״Haarez“ meldet, daß nicht der Chefsekretär Young, sondern der High Commissioner Sir John Chancellor, der sich auf der Reisenach London befindet, neben dem Unter- Staatssekretär Dr. Shiels der akkreditierte Vertreter Englands auf der nächsten Tagung der Permanenten Mandatskommission sein wird. Am 25. April trat die Moaza der Vereinigten Jüdischen Arbeiterpartei in Tel-Äwiw zu einer Sitzung zusammen, die sich mit den Problemen des bevorstehenden Zionistenkongresses beschäftigte. Es referierten Sprinzak und Arlosoroff.

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