Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1931-05-05 · Heft 34 (5.5.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 34 (5.5.1931)
Date
1931-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653252-2653284--22310-2680512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sehe 212 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 34, 5. V. 1931 Lebensstandards der Einwohner Palästinas und die Förderung des Wohlstandes des Landes anstrebt, Er wird neuerlich er• weisen, daß jüdische Immigration nur so weit gestattet "׳erden wird, als sie nachweisbar dem Heiligen Lande jJs ganzem zugute kommt; dies wird ein mächtiger Faktor bei Gewinnung des Wohlwollens der arabischen Bevölkerung sein. Im Augenblick sind die arabischen Führer weit davon entternt, die jüdischen Führer auf einem gemeinsamen Boden zu be• segnen, ebenso wenig Ermutigung kann man aus der Haltung desjenigen Teils der Juden in Palästina schöpfen, welche eine radikale Acnderung der Verwaltung Palästinas und eine Besserurig der jüdisch-arabischen Beziehungen als Vorbedingung jedes Laridentwicklungsplanes fordern. Denn es ist eine Tatsnehe, daß bei der heutigen Sachlage die Araber den Juden nicht entgegenkommen werden und daß es kein wirkliches Anzeichen einer Annäherung der Angehörigen der beiden Gemeinschaften gibt. Klarerweise steht daher jetzt nur der Landentwicklungsplan auf der Tagesordnung und alle Freunde Palästinas müssen dringend seinen Erfolg wünschen. Wenn die Mandatarmacht aut eine konkrete Leistung als Beweis für ihren Wunsch des Wohlergehens der Einwohner hinweisen kann, dann scheint es nicht übertrieben zu hoffen, daß sowohl Juden wie Araber von ihrem guten willen überzeugt werden und dann auch allmählich näher Zusammenkommen. Die Um- Wandlung der britischen Politik aus der Haltung des bloßen Zuschauers zur aktiven Förderung des Landesfortschrittes kann kaum ohne Eindruck bleiben. Der ״parlamentarische Korrespondent“ des Londoner ״jewish C11 ronic 1 e“ weist In seinem dieswöchentliclien Be* rieht darauf hin, daß die Ernennung Sir John HopeSimpsons zum Vorsitzenden der Landentwicklungs-Koinmission an dein unerwarteten scharfen Widerspruch der Jevvisii Agency gescheitert ist. Das Blatt will erfahren haben, daß der gegenwärtige Gouverneur von Malta, Lord Strickland, für den Posten ausersehen sei. Bekanntlich besteht in Malta gegenwärtig eine auf die Haltung des Vatikans zurückgeführte schwere konstitutionelle Krise und die englische Regierung hat eine Untersuchuneskommission nach Malta abgesandt. Der vom Vatikan schart bekämpfte Lord Strickland befindet sich in Lonüoi:. Wir vermuten jedoch, daß diese Information des schon häufig phantastischen Gerüchten erlegenen ״parlamentarischen Korrespondenten“ auf einer Verwechslung beruht. Wahrsiiieinlich hat er den Namen Strickland Im Zusammenhang mit den Palästinaverhandlungen nennen hören und meinte, es handle rieh um den aus der englischen Tagespresse jetzt sehr bekannten Lord Strickland. Wahrscheinlich aber war die Rede v on C. F. Strickland, Beamten des Indian Civil Service und Verfasser des (oben von uns erwähnten) Sachverständigen-Gutachtens über Kooperation in Palästina. Es gibt sogar noch einen dritten Strickland, nämlich den General Sir Peter Strickland, der im vorigen Monat die in Palästina stationierten englischen Truppen inspiziert hat. Die Nachricht, daß Lord Strickland nach Palästina geht, scheint uns höchst unwahrscheintich. Das neue Jerusalem Von Gerda Arlosoroff-Goldberg. Es ist noch nicht so sehr lange her — noch nicht einmal ein Jahrzehnt — da war Jerusalem eine sehr stille, unbewegliehe Stadt. Es war nicht ganz leicht, dort zu leben, wenn man europäische Ansprüche stellte. Die Wasserversorgung lag sehr im argen, sanitäre Einrichtungen ebenfalls. Die Straßen, eine unerschöpfliche Quelle von Staub im Sommer, verwandelten sich nach den Regengüssen in einen zähen Brei, durch den man watete und der einem bald die Hoffnung nahm, sich während der nassen Zelt einigermaßen passables F iißzeug zu erhalten. Brauchte man besondere Dinge, 80 kaufte man sie am besten nicht In der Hauptstadt, denn die hatte eine sehr beschränkte Auswahl. Eine Wohnung mit Badezimmer und einigermaßen europäischem Komfort war •14 ■■ t I * « I « 1; :* 1 ו 1 1 « 1B 15 #. 9 a.».ui׳ «j S) 8s ü,.8.v* _ x ,.i Ar mm King David-Hotel (P.B.K.J sehen und teuer. Hatte man wenig Geld, so mußte man noch vor wenigen Jahren in der Hauptstadt in einem Pseudo- Orienfalisinus leben, das heißt in einer Unbequemlichkeit, die nicht etwa malerisch war, wie der Orient in der Rege! dem Dcsuclier erscheint, sondern drückend, zeitraubend und anstrengend. Die Wege durch die Stadt waren nicht einfach. Man "kletterte bergauf und bergab über holprige oder ungepflasterte Wege, bei ungenügender Beleuchtung am Abend und steigenden Staubwolken am Tage. Man lernte sich wieder auf die Künste in der Behandlung einer Petroleumlampe besinnen und hatte manchmal Monate hindurch das Rechenexempel zu lösen, wie man mit zwanzig Liter Wasser am Tag für eine Familie auskommt. Wie schön ist diese Stadt, daß man auch in jenen Zeiten gern dort lebte und nur gezwungenermaßen das sehr viel bequemere Tel-Awiw für aas sprödere Jerusalem vertauschte! Heute ist sehr vieles anders geworden. Die Wasser- Beschaffung ist besser geregelt, wenn auch noch lange nicht gelöst. Denn obwohl zu den lokalen Zisternen die Sammelbecken der Salomonischen Teiche und die Quellen von Ejn Farrah aus der judäischen Wüste dazugekommen sind, hält die Versorgung mit der raschen Ausbreitung der Stadt nicht Schritt. Gerade für diesen Sommer sind die Aussichten keineswegs rosig:, weil die Regen in Jerusalem nicht genügt haben. Freilich sind die heutigen Verhältnisse mit denen vor fünf und sieben Jahren nicht mehr zu vergleichen. Die neuen Häuser, vor allem die größeren, haben fast alle Wasserkitungen und für die Besserbemittelten gehört die Zisterne mit ihrem Zieheimer und der Wasserträger mit seinen Blechbehältern schon der Geschichte an. Auch.die Petroleumlampe verliert ihr Feld. Die Eiektrifizierung der Stadt ist eine Tatsache, das Stromnetz breitet sich immer mehr aus. Die Straßen sind abends beleuchtet — wenn auch noch nicht genügend —, auch die ärmeren Viertel werden an die Kraftzentralen an geschlossen. War eine Durchquerung der Stadt früher mühselig, so wird sie jetzt immer einfacher. Zahlreiche Autobuslinien verbinden die weit auseinander liegenden Viertel und werden ausgiebig benutzt. Und Jerusalem ist die einzige palästinensische Stadt, die einen gut funktionierenden Taxi-Dienst besitzt, dank den immer häufiger werdenden Asphaltstraßen, die die Angst vor dem Staub der Sommermonate und dem Schmutz der Regenzeit immer mehr vermindern. ln ungewöhnlichem Maße hat die Bautätigkeit der letzten Jahre das Stadtbild verändert. Die außcnliegendem modernen Wohnviertel, die mit ein paar Häusern begannen und wie ein gewagter Versuch und ein unorganlsches Anhängsel des ״alten Jerusalem" anmuteten, haben sich geweitet, gestreckt, abgerundet. Sic tendieren dahin, sich langsam aneinander zu schließen und eine Stadt von ungewöhnlicher Mannigfaltigkeit und Ausdehnung zu bilden. Es ist bisher ln bemerkenswertem Maße gelungen, das Niveau der Bauten zu halten. Das gute Material, das die Steine der Umgebung liefern und die längeren Erfahrungen im Steinbau, die Tatsache, daß hier mehr Nachfrage nach geräumigen und komfortablen Wohnungen besteht, wirken zusammen, um bequeme und schöne Bauten entstehen zu lassen. Neben dem sehen Vorstadt Tatplath, im Osten der Straße nach Bethlehem. Das Gebäude ist weithin sichtbar, und obwohl es kein riesiger Regierungspalast ist, gewinnt es schon äußerlich durch seine Lage außerordentlich. Die Fassade ist sehr geschmackvo’-l Im orientalischen Stil gehalten, aus weißen Quadersteinen, etwas unsymmetrisch durch den Turmaufbau der einen Seite. Besonders gerühmt wird die Inneneinrichtung; das Haus besitzt Zentralheizung und außerdem Kamine nach englischer Art. Durch die Vollendung des Regierungsgebäudes erhält der Süden Jen!• salems ein neues Aussehen. Zugleich wird damit der Zustand der Heimatlosigkeit der Regierung beseitigt, die seit dem Erdbeben im Jahre 1026, das bekanntlich das alte Regierung«- gebäude, die deutsche Auguste-Vlktorla-Stiftung auf dem öelberg beschädigt hatte, in verschiedenen Mietshäusern provisorisch untergebracht war. Ostern in Jerusalem Wohnungsbau spielt die Anlage großer Geschäfts - und Bürohäuser eine bedeutende Rolle. Um das Zentrum der Stadt sammeln sich die Banken, die Reisebüros, die Grossisten, die wichtigsten Läden. Großzügige Anlage, gute Ware, sogar eine gewisse Neigung zum Luxus kennzeichnen die gegenwärtige Entwicklung. forscht man nach der zentralen Ursache dieser Veränderung, so trifft man auf eine bedeutsame Tatsache: Jerusalem ist heute mehr als je zu einer internationalen Stadt geworden., Di! geradezu sprichwörtliche Buntheit seiner Einwohner bekommt heute noch eine besondere Note ÄSPifii; Bau der Munizipalität und der Barclays-Bank (P. B. K.) durch die Betontheif des englischen Elements, das heute mehr als früher durch die Besatzung zu spüren ist und durch die immer größere Anziehungskraft auf Besucher aus aller Herren Länder, die diese Stadt ausübt. Es ist kein Zufall, daß gerade jetzt das erste Hotel internationalen Standards in Jerusalem in Betrieb genommen wurde. Noch vor wenigen Jahren hätte dieses riesige Steinmassiv sich einigermaßen sonderbar in dieser Umgebung ausgenommen und die sich hier sammelnden Touristen hätten außerhalb seiner Mauern nur wenig Bequemlichkeit gefunden. Heute ist die Entwicklung so weit vorgeschritten, daß ein solcher Hotelbau mög'ich wurde, der wieder seinerseits dazu beitragen muß, den internationalen Charakter der Stadt zu verstärken. . . So wie sich in den Straßen die verschiedenartigsten Typen miteinander mischen, sind auch die geschäftlichen Be- Ziehungen der einzelnen Nationalitäten und Religionen vielfach ineinander verschlungen. Und auch die nationale gesellschaftliche Abgeschlossenheit ist hier sehr viel geringer als anderswo. Für einen Bewohner von Tel-Awiw zum Beispiel ist schon der Besuch des zentralen Caf6s der Stadt eine ungewöhnliche Erfahrung, weil hier Juden, Engländer, Araber, Griechen, Armenier, Aegypter und Amerikaner bunt durcheinander sitzen und wenigstens die äußerliche Scheidewand nicht besteht. Und was für das Straßenbild gilt, Ist — freilieh in einem viel geringeren Maße — auch für die menschliehen Beziehungen wichtig. Die Tatsache des engen Neben einanderlebens wirkt sich aus. ln der Regel pflegen bei solchen Entwicklungen die Freunde des Alten, die Liebhaber historischer Stätten, die Anhänger unverfälschter Bilder, das Verschwinden des Alten zu beklagen. Gerade in Jerusalem scheint jedoch bisaheute noch relativ wenig Grund dazu. Es klingt paradox, aber es ist so: das eigentliche, das alte, das ״ewige“ Jerusalem, die Stadt des Tempelplatzes, des Oclberges, die Stadt der Mauern und Höhlen, der Via Dolorosa und des Tales Josaphat, scheint gleichmütig und wissend all dieser Modernisierung zuzusehen. Es will so aussehen, als könnte sie ihr nichts anhaben. Der Bewohner eines der modernen Viertel kann freilich heute jahrelang in dieser Stadt leben und das alte Jerusalem nicht kennen. Für den Freund des wahren Jerusalems ändert sich wenig oder nichts. Die alte Stadt mit ihren Bazaren und Gäßchen ist unberührt ebenso wie die umliegenden Berge und Zypressen. Den eigentlichen Duft dieser Felsenburg hat alle Modernisierung nicht zerstreuen können. Die neue Residenz Ende März Ist der High Comntissioner, Sir John Chancellor, mit seiner Familie und dem Rcgierungss'ab In das neu errichtete Regierungsgebäude übersiedelt. D.s Gebäude, dessen Photographie aus diesem Anlaß von mehreren englischen Zeitungen veröffentlicht wird, liegt im Süden der Stadt auf einem hocheihobenen Punkte in der Nähe der jiidiln der ״Frankfurter Ztg." vom 27. April veröffentUthi der Jerusa’emer H. K.- Korrespondent der Zeitung folgende eindrucktvolle Schilderung der Ottertage in Jerumtem: Ostern in Jerusalem bedeutet viel mehr und dauert viel länger als Ostern sonst. Es ist keine beginnende Auferstehung der Natur wie in Europa, denn diese hat schon Wochen vorher eingesetzt, ganz Palästina, selbst die kahlsten Steine, denen man das nie zugetraut hätte, ist auf dem Höhepunkt seines bunten Blumen- und Blütenschmucks, um, wenn einmal die Touristen abgereist und die Feste verrauscht sind, sehr bald wieder in seine graue Dürre zurückzusinken. Aber dafür gibt es in Palästina vier Osterfeste, und die Erregung Ist um diese Zeit nirgendwo auf der Erde so groß wie in Palästina. Da ist das Peßachfest der Juden, Erinnerung an den Auszug aus Aegypten nach Palästina, Hoff- 11ung auf: Nächstes Jahr in Jerusalem! Die frommen Chassiditn Pelz verbrämten Samtkai gehen in ihren mit die orieutalijggillili ׳ ״ ־/ ׳ ׳•' ׳ '׳ י ,j״■ - mm Nebi Muss 1029 auf dam Haram esch Sdierff (Tempelplati) Phot R. W. appen, sehen Juden in ihren farbenprächtigen Seidenkaftanen herum, Chaluzim und Chaluzoth, wie Wandervögel anzusehen, heiter und sehnig, kommen aus den Siedlungen des Flachlands in das hochgetürmte Jerusalem. Das uralte biblische Wallfahrt«- fest, der Anstieg nach Jerusalem, feiert seine moderne Wiedergebürt. Kein jüdisches Fest ist reicher an historischen Erinnerungen als der Sedcrabend des Peßachfestes. Da sind die Osterfeste der Christen, das der westlichen Christenhe it, der Katholiken und Protestanten, um eine Woche früher als das altertümlichere der östlichen, der Griechen, Russen, Kopten und Abessinier, Welch Gedränge von Mönchen und Nonnen, Pilgern und Einheimischen in der Via Dolorosa, in Üethsemane, in der Grabeskirche. Ostern an der Stätte, wo Jesus gelitten hat und gestorben ist, wo die Steine an jede Phase der großen Passion gemahnen, die seither für so viele Millionen Mittelpunkt ihres Daseins geworden ist. Um die Spannung zu erhöhen, das Gcwühle unheimlich zu verstärken, haben auch die Mohammedaner Palästinas Ihr lokales Osterfest, die Prozession des Nebi Mussa, des Propheten Moses, der nach mohammedanischer Tradition nicht im Ostjordamland begraben ist, sondern zwischen Jerusalem und Jericho, ln Jerusalem sammeln sich die frommen Pilger, mit ihren Bannern und Schwerttänzen, aus den Städten und Dörfern, und ziehen von hier, den Mufti von Jerusalem auf weißem Zelter voran, nach Moses׳ Begräbnisstätte. Das alles aber ist mehr als buntes Schauspiel für Touristen, als Steigerung religiöser Glut, als Wiedererwachen oder Fortleben uralter Legenden und volkhaft er Bräuche in den gefäßrhth überfüllten, engen, winkeligen und geheimnisvollen Gißeben dieser uralten Stadt, die -לfern Jedem Wasser, Baum oder'Ackerfeld einsam in unwirtlicher Felsenöde, inmitten einfc großartigen Panoramas himmelnahe und überall hin beherrsehend — niemals wie andere Städte leben kann, sondern nur als Heilige Stadt denkbar ist, von dem sagenhaften Melchissedek an bestimmt durch Namen wie David, Jeremias, Jesus, Gottfried von Bouillon und Saladin. Aelter als Athen und Rom und unendlich ehrwürdiger als sie. Die Heilige Stadt der gesamten Bevölkerung der Erde, wenn man vom Fernen Osten und der Mehrheit Indiens absieht, und wie zur Zeit der Kämpfe zwischen Hebräern und Kanaanitem, zwischen Kreuzfahrern und Mohammedanern der Schauplatz des schärfsten Zusammenstoßes zwischen den drei monotheistischen Religionen, zwischen Orient und Okzident, ein heiliges, aber Mutiges und unheilvolles Schlachtfeld. Dieses Gepräge trägt auch das Osterfest. Die Erbitterung des nationalen Kampfes in diesem kleinen Land greift auf die religiösen Feste über, an Symbolen des Glaubens entzündet sich die nationale Glut. Die Erregung ist an solchen Tagen aufs höchste gestiegen, die für Zeit. Ort und atmosphärische Spannung so charakteristischen Gerüchte und Befürchtungen durchschwirren die Luft, britisches Militär durchzieht in Feldausrüstung die Straßen, die Züge der arabischen Festteilnehmer am Nebi Mussa werden von Panzerautos im Auge behalten, jüdische Umzüge ferngehalten, am Damaskus- und Jaffator stehen Maschinengewehre, die Nachkommen der Kreuzfahrer, die englischen Offiziere, danken Gott, wenn Osterzeit in Jerusalem vorüber ist. Denn da ist nicht nur immer die Möglichkeit, daß katholische, griechische und armenische Mönche sich um irgendein legendäres Recht in der Grabeskirche so streiten, daß Blut fließt, daß in diesem oder jenem Winke! aus zufälligem Wortwechsel des sprachlichen Mißverständnisses angespeicherter Haß sich entlädt, daß der Vatikan schon in dem bloßen Besuch eines anglikanischen Kirchenfürsten eine Gefahr für die große katholische Kirche sieht, die Menge ist durch und durch politisiert, an die Stelle religiösen Fanatismus ist ein ebenso heftiger Nationalismus getreten, und die Rufe der mohatnmedanischen Prozessionen lauten: ״Mit dem Schwerte werden wir uns unser Recht erobern“ oder ״Fort mit der Balfour- Deklaration“. Von den Schultern der Menge herab halten Lehrer Reden, die auf den gleichen Ton gestimmt sind: Kampf um das Heilige Land. Uralte Melodie in uralter Stadt. Hunderttausend Menschen drängen sich in den engen Gassen: Pilger, Touristen, Einheimische, Kämpfer Gottes, Streiter des Dämons. Darüber wölbt sich der tiefblaue unendlich weite Himmel de; Landes. Eine einzigartige faszinierende Wirkung geht von dieser Stadt aus, ko«- densiert sich in diesem Feste, ■wächst ungeachtet der Lichtfülle manchmal in> Gespenstische. Größer als die Helle des Tages wirkt doch die Helle der Vollmondnlchte. Unvergeßlich die Nacht in dem Amphitheater der H«־ briischen Universität mit dem Ausblick auf das Tote Meer und auf di« in schnellen Wellen dahin abfallende judiische Bergwüste. Und von der anderen Seite die ewige Stadt, der Tempelplatz, zweifellos der großartigste Platz der Erde, an architektonischer Schönheit, in Größe der Proportion und des Anblicks, an religiöser Bede«• iung. Und aus der Klarheit und Still« der Mondnacht steigt auch über dies« Stadt mit all ihren wirren und Gegen־ sätzen, ihren Erregungen und Spannungen die Harmonie des Friedens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.