Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 33 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33,!.V. 1031 IUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 207 Zum xm Ziomstenkon$re& Konjjrefjprogramm dar Vareinigten Zionistisch - Sozialistischen Liste (Poaie Zion — HspotUHsufr) I. In der Erkenntnis, daß der Erfolg des politischen Kampfes des Zionismus vor allem von unserer konkreten kolonisatoriselten Leistung und von der Stärke der jüdischen Positionen in Palästina abhängt, kämpft die Arbeiterschaft im Zionismus dafür, daß auch in der Zeit politischer Hindernisse die prak* tische Aufbauarbeitirolandeununterbrochen fortgesetzt wird. Das jüdische Volk muß klar erkennen, daß unsere Hauptstärke in den realen Errungenschaften liegt, die der Zionismus in Palästina schafft. Regierungserklärungen und politische Versprechungen können von dem Wechsel politischcr Konstellationen abhängig sein, während reale Positionen eine beständige und unerschöpfliche Kraftquelle sind. Die Arbeiterschaft fordert deswegen auf dem XVII. Kongreß, ohne ihren politischen Kampf zu unterbrechen, vor allem eine verstärkte kolonisatorische Tätigkeit in Palästina, in der Stadt und auf dem Lande, unter Anerkennung des Rechtes der Siedler aut freie Selbstbestimmung der sozialen Form ihrer Siedlung, die wirtschaftliche Festigung der Kwuzoth und aller übrigen Siedlungen, die bis jetzt nicht vollendet worden sind, die Beschleunigung der Ansiedlung der 1090 Arbeiterfamilien, die im vorigen Jahr beschlossen wurde, Unterstützung der Schchunoth Owdim, des Genossenschaftswesens, der Hachscharah der Chaluzim und der sozialen Institutionen der Ar* beiterschaft. Die Arbeiterschaft fordert von der Exekutive energische Maßnahmen, die die Verwurzelung des jüdischen Arbeiters in den Kolonien sichern und den Kampf des jüdischen Arbeiters 11m sein Recht auf Arbeit unterstützen. ir. In der Ueberzeugung, daß in Palästina noch heute für die An Siedlung großer jüdischer arbeitender Massen Platz vorhanden ist, ohne daß dadurch die Interessen der arabischen Bevölkerung in» Lande beeinträchtigt werden, in der Ueberzeugung, daß die jüdische Arbeitereinwanderung durch die Herbeiführung eines höheren Lebensniveaus, durch die gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Methoden die Produktivkräfte des Landes entwickelt, die Auflösung der hergebrachten feudalen Wirtschaftsformen im Lande beschleunigt und neue Lebensbedingungen auch für den arabischen Arbeiter und den Fellachen schafft, haben wir die Angriffe gegen unser Werk, die in dem Mehrheitsbericht der Shaw-Kommission und im Weißbuch der englischen Regierung vom 21. Oktober 1930 /um Ausdruck gekommen sind, ais eine unbegründete und ungerechte Beschuldigung unserer Befreiungsbewegung zurückgewiesen. In der Erkenntnis, daß die wesentliche Triebkraft des Zionismus in der Not des landlosen jüdischen Volkes und in seiner anormalen wirtschaftlichen und gesellsehaft'lcben Struktur liegt, die sich in Palästina von Grund aut ändert, werden unsere Vertreter auf dem Kongreß einen entschiedenen Kampf für freie Einwanderung und Kolonisation im Lande führen und sich den Versuchen einer Begrenzung und Einschränkung der Einwanderung und Kolonisation aus po'ithchen Motiven, unabhängig davon, ob sie Innerhalb der Bewegung vorgeschlagen oder von außen aufgezwungen werden, mit aller Kraft widersetzen. III. Die Arbeiterschaft erklärt der zionistischen Oeffentlichkeit klar und eindeutig, daß zwischen den Interessen der jüdi» sehen und arabischen Arbeiter im Lande kein Gegensatz besteht. Die jüdische Arbeiterbewegung ist sich bewußt, daß die arabische Bevölkerung organisch und untrennbar mit dem Lande verbunden ist. Der ein wandernde Jude wünscht nicht, den Platz der arabischen Bevölkerung einzunehmen, denn das jüdische Volk will und kann sein nationales Heim nicht aut den Trümmern des arabischen Volkslebens aufbauen. Der■ jüdische Arbeiter betrachtet den arabischen Arbeiter a’s seinen Genossen, mit dem ihn gemeinsame Interessen und eine gemeinsame Zukunft verbinden. Er erstrebt ein autonomes nationales Leben für Juden und Araber in Palästina, frei von jeglicher Herrschaft eines Volkes über das andere. In der Klassensolidar»tat der jüdischen und arabischen Arbeitenden in Erez-fsrael liegt die Garantie für die Entwicklung eines gemeinsamen freien Staatswesens. Es ist Aufgabe der zionistischen Leitung, alle Anstrengütigen zu machen, die zu einer jüdisch-arabischen Verständigung aut dieser Grundlage fuhren, und die Maßnahmen zu treffen, die eine jüdisch-arabische Kooperation auf allen Gebieten des Lebens fördern können. Im Sinne dieser Politik soll die Jewish Agency sich mit der Verfassungsfrage in Palästina beschäftigen. Unsere Vertreter werden sich auf dem Kongreß entschieden für die Durchführung dieser Forderung einsetien. IV. Die jüdische Arbeiterschaft hält daran fest, daß die volle Verwirklichung unseres Werkes in Palästina mir mit der Hille und der solidarischen Unterstützung der internationalen und britischen Arbeiterschaft vor sich gehen kann. Wir verurteilen die unberechtigten und schäd'ichen Tendenzen, die den Protest gegen die abzulehnenden Regierungsmaßnahmen zu einem Kampf gegen die englische Arbeiterpartei und die Arbeiterregierung benutzen wollen. Eine erfolgreiche zionistische Arbeit muß stets von den realen politischen Gegebenheiten ausgehen. Daher wenden wir 1ms aufs entschiedenste gegen die Aufstellung itlusionisfischer Forderungen und gegen jene Demonstrationspolitik, die die Vertretung unserer gerechten Sache durch eine hemmungslose Propaganda gegen die Zusammennrbeit mit der Mandatarmacht und durch die so entstehende Verschärfung der Beziehungen zwischen der Jewish Agency und der Regierung gefährden. Die Arbeiterschaft wird daher auf dem Kongreß alle Be- Strebungen, die zionistische Politik auf diesen Abweg zu ,führen,;>ufs schärfste bekämpfen. Wir stellen mit Befriedigung fest, daß es einer ebenso ent- «dnedenen wie verantwortungsbewußten Führung unserer Po- ׳'tik gelungen ist, die schwersten Schäden des Weißbuches zu beseitigen und die Möglichkeit zur Weiterführung unseres Werkes auf allen Aufbaugebieten wieder herzustellen, wie dies m dem Brief MacDonalas an Weizmann zum Ausdruck ge- 1'״mmen ist. V. Die Festigung und Stärkung der Zionistischen Organisation ist eine notwendige Voraussetzung für die Arbeitsfähigkeit der Jewish Agency. Die Arbeiterschaft erwartct>daß der Ausbau der Jewish Agency neue Kräfte mit dem Aufbauwerk in Palästina verbindet und eine ständige Erwei- «rung unserer kolonisatorischen Tätigkeit gewährleistet. Die Verwirklichung des Zionismus ist nur dtirdi die rege Mitarbeit und Beteiligung der Massen des jüdischen Volkes und insbesondere der jüdischen Arbeiter möglich. In der Ueber- 1.,׳'"Rung, daß die Schlagkraft des Zionismus und seine mora- 1^chen und politischen Erfolge In den letzten Jahren vor allem "en opferwilligen und hingehendes Leistungen der Arbeiterschaft zu verdanken sind, wird sich die Arbeiterschaft auf dem Kongreß mit aller Kraft für die Demokratisierung der zionistisehen Leitung und Verwaltung einsetzen. Sie wird sich jedem Versuch, ihren Einfluß auf die Gestaltung unseres Aufbauwerkes, dessen Träger und Pionier sie Ist, auszuschalten, euergisch widersetzen. Berlin, den 1. Mai 193t. Der genteiiiMune Wahlamtdiug Naphtali. Adler-Rudel, Landauer. * Berichtigung. Der Wahlausschuß der Allgemeinen Zionisten teilt uns mit, daß in der von ihm in der vorigen Nummer der ״J. R.“ bekanntgegebenen Kandidatenliste durch ein Versehen der Name von Dr. Hugo Schachtel-Breslau weggeblieben ist; er Ist hinter Dr. Nußbaum-Nßmberg an 8. Stelle •einzufügen. Die Flucht vor der Armut Die wirtschaftliche Situation der in Deutschland lebenden Juden verschlimmert sich von Tag zu Tag, und zwar in einem Ausmaße, das den Orad der allgemeinen Wirtschaftskrise übersteigt. Dieser Prozeß ist soziologisch begründet Er ist nicht nur eine Begleiterscheinung der allgemeinen Krise, sondern auch das Ergebnis der kapitalistischen Entwicklung, deren Kenn- Zeichen der Sieg des Monopolkapitals und die Konzentration des Handelskapitals sind, und mögen auch einzelne Juden Träger dieses Monopol- und konzentrierenden Handelskapitals sein, — die große Masse der selbständigen Juden verliert im Verlaufe dieser Entwicklung den ökonomischen Boden unter den Füßen und geht einer fortschreitenden Verarmung entgegen. Besonders hart betroffen in dieser Entwicklung sind die selbständigen jüdischen Zwergexistenzen, welche mit ungenügendem Kapital und ohne genügend« Förderung durch Finanzinstitute ihr Geschäft begonnen haben. Das bezieht sich in großem Maße aut die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland eingewanderten Ostjuden, von denen viele im Abzahlungsgeschäft eine Existenz zu finden hofften. Die Hauptkundschart dieser Abzahlungsgeschäfte sind Arbeiter und die fest Angestellten. Nun hat die starke Arbeitslosigkeit die Kunden der Abzahlungsgeschäfte zahlungsunfähig gemacht. Die meisten Inhaber von Abzahlungsgeschäften stehen infolgedessen vor dem Ruin. Selbstverständlich bemühen sie sich, außerhalb ihres ״angestammten“ Kundenkreises neue Kunden zu werben und neue Methoden bei der Kundenwerbung zu betätigen. Einige tun sich zusammen, kaufen sich ein Auto, errichten ein Miniaturwarenhaus auf Oummirädern und ziehen durch die Lande. Das alles ist nichts anderes als eine Flucht vor der Armut und eine Hetzjagd nach einem Markstück. Daß hierbei einzelne Elemente, getrieben von Not, übervorteilen und überhalten, vielleicht auch nicht alle Bestimmungen über den unlauteren Wettbewerb auf das Skrupulöseste beachten, liegt in der Natur des ganzen Geschäftes, liegt in der Notlage der Agenten, liegt an der Verzweiflungj der diese Händler und Vertreter anheim gefallen sind. Es ist darum eine UeBertreibung, wenn einzelne Fach Organe der T extilbranche von ״organisiertem Volksbetrug“ reden und, von Geschäftsmoral aufgeplustert, so tun, als ob die Methoden der Agenten und Vertreter, die den Kunden zu Hause aufsuchen, bei Ihnen ästhetisches und ethisches Grausen Hervorrufen. Es ist zu allen Zelten so gewesen, daß im Handel jeder auf seinen Vorteil bedacht war und wenn er hierbei nicht durch die Konkurrenz und die Vorsicht des Käufers behindert gewesen ist, dann hat er, wie es in der Textilbranche heißt, verdienen nur allzu gern mit einem großen F geschrieben. Die sittliche Empörung der großen Textilfachzeitschriften rührt von der schlechten eigenen Geschäftslage her. Diese ״heilige Empörung“ ist um so neinlicher, als sie von immerhin noch besser gestellten Groß Juden der Textilbranche herkommt, welche den tadelnden Finger gegen armselige kleine Juden erheben und ziemlich unverblümt diese kleinen Juden als Ausländer und Ostjuden denunzieren, als ob westjüdische oder westchristliche kleine Abzahlungsgeschäftsleute in dieser Beziehung moralisch einwandfreier wären. Es ist zu bemerken, daß wir die Angaben der ״Textil- Woche“ und der ״Textil-Zeitung“ sowie der anderen Fachblätter zunächst als wahr unterstellt haben. Es wäre aber erst zu beweisen, daß tatsächlich solche Verstöße gegen Treu und Glauben vorgekommen wären, wie die genannten Zeitschriften behaupten. Es ist nicht anzunehmen, daß die Kundschaft im allfemeinen so blöde ist, wie es die Textilzeitungen nur zu dem wecke behaupten, um darzutun, daß die Abzahhmgsleute Unkenntnis und Naivität der Käufer ausnützen, damit dieses Trei* ben nur noch verwerflicher erscheine. Wahlen zum XVII. ZionlstanKongraß Bekanntmachung Nr. 8. 1) Die Frist für die Einreichung von Wahlvorschlägen läuft am 13. Mai, nachmittag! 6 Uhr, ab. Ein Wahlvorschlag darf nicht mehr als 20 Kandidaten enthalten. Kein Kandidat darf auf mehr als einem Wahlvorschlag kandidieren. Die Kandidaten sind mit Ruf- und Familiennamen und in deutlich erkennbarer Reihenfolge aufzuführen. Ein Wahlvorschlag muß von zumindest 100 Wahlberechtigten eigenhändig und deutlich lesbar unterschrieben sein, von denen ein für weitere Verhandlungen bevollmächtigter Vertreter zu bezeichnen ist. Kein Wahlberechtigter darf mehr als einen Wahlvorschlag unterzeichnen. Bei Einreichung der Wahlvorschläge stad eigenhändig unterschriebene Erklärungen der in einem Wahlvorschlag genannten Kandidaten vorzulegen, aus denen hervorgeht, daß die betreffenden Kandidaten bereit sind, eine auf Grund dieses Wahl Vorschlages erfolgende Wahl anzunehmen. Di» passive Wahlrecht ist an den Nachweis der Erfüllung der Verpflichtung gegenüber dem Keren Hajessod gebunden. Bei der Einreichung der Wahlvorschläge sind entsprechende Bestätigungen der zuständigen Keren riajessod-Büros vorn!- legen. 2) Es wird noch einmal darauf aufmerksam gemacht, daß Schekelzahler, die das 18. Lebensjahr bis zum Wahltag vollendet und den Schekel für 5691 rechtzeitig entrichtet haben, nur dann aktives Wahlrecht zum Kongreß haben, wenn die entsprechenden Schekel — unter Rücksendung der Schekelblocks— rechtzeitig mit der Landesschekelkommission verrechnet wurden. Die Ortsschekelkommissionen werden daher dringend ersucht, die entsprechenden Bekanntmaebungen der Landesschekelkommlssion auf das genaueste zu beachten. 3) Die nächste Sitzung der Hauptwahlkommission findet am Mittwoch, dem 13. Mal, abends 8y* Uhr präzise, Im Sitzungssaal, Meinekestr. 10, statt. Ne HauptwaniHommissioii Nr die Wahlen zum KVH. zlonistenHongreß in Deutschland Rosenblflth. In Maximian! J. Ch. Brenner (1881—1921) Von Dr. H. R u d y. Genau vor zehn Jahren geschah durch Menschenhände diese bestialisch schauderhafte Tat. Die Freunde, die damals J. Ch. Brenner nebst seinen anderen Bekannten ermordet fanden, erzählten In Ihrer Schilderung, daß Brenner mit ausgestrecktem rechten Arm lag und seine stark zusammengeballte Faust schien als hätte sie noch in abwehrendem Kampfe gelegen. Diese zusammengeballte Haltung war doch auch bezeichnend, beinahe symbolisch für das ganze Leben und Ringen von Brenner, für all sein Schaffen und Tun. Brenner gehörte nicht zu jenen, die blind und trunken von Jugend In den Lichtschein der Schönheit hineintaumeln, ln äußerster Armut und Not geboren und aufgewachsen fühlte er sich schon als Kind verlassen, isoliert, ohne Wirme, ohne eine streichelnde Hand. Seine eminente Frübbegabung — er begann mit 14 Jahren Gedichte zu schreiben — brachte seiner Zucht und seiner Bestimmung die schwere Aufgabe, dauernd zu Außerordentlichem verpflichtet 7u sein. Glieder, Jeschiwa, Thorarollenschreiber, autodidaktisches Studium, polizeiliche Verfolgungen und politische Wandlungen, Wanderungen, Setzer, Redakteur, Schriftsteller und zuletzt Gymnasiallehrer und gelstiger Arbeiterführer in Palästina — das sind die Etappen seines kurzen Daseins. Seiner Anlage nach ein glänzender Schriftsteiler, erschöpfte sich seine Kraft nicht darin, Schriften zu produzieren. Sein Lebensideal war ein höheres, als ein rein literarisches. Daß er dabei einem inneren Zwiespalt nicht entging, ist klar. Das Ist der typische Fall bei allen Tatmenschen. Es sind sehr unglücklich veranlagte Naturen. Seine Helden waren daher kein Erzeugnis einer buntschillernden Phantasie, sondern meistens aus dem Leben selbst aufgefangen. Sie reden auch die Sprache seines Milieus, lachen nur selten und merkwürdig, Ausdrücke wie ״Sonne“, ״Licht“, ״Freude“, ״Schönheit“ könnte man in Brenners zahlreicher» Erzählungen direkt aufzählen. So hieß auch die erste Sammhing seiner Novellen ״Meemek achor“ (1900) — ״Aus trübem Tal“. Ueberhaupt scheint sein ganzes belletristisches Schaffen eine Analyse des eigenen Ichs gewesen zu sein, das er in verschiedenen Gestalten zu verkleiden pflegte. Zuerst war es der grübelnde Feiermann im ״Winter“, dann der mystisch veranlagte Abramson in ״Rings um den Punkt“, später Jochanam in ״Jenseits der Grenze“, sowohl der Unbekannte in ״Von da und dort“ und schließlich der zermürbte Jecheskel Chefetz in ״Trostlosigkeit und Sturz“. Ueberall das gleiche Ringen mit der Feindseligkeit des Außen, der gleiche unausgesetzte Kampf mit dem unerklärlichen inneren Feind. Das Suchen, aber auch das Finden, Ausfindigmachen des Punktes außerhalb dieser Welt, welche zu verstehen nicht möglich ist, welche zu verstehen sich wahrscheinlich nicht lohnt, welcher aber beimkommen ist von Jenem ״Punkte“. Feiermann, Abramson, Marschak, Chefetz und viele andere fußen ihr Dasein in einem Spiel von zwei polaren Gegensätzen, in dem nervösen Ringern zwisehen Isolationsgefühl und Expansionstrieb, Einkapselung und Lebensdurst, in dem Spiel des Ringens zwischen Melancholie und Sanguinität Die kleinen, engen OäBchen suchte Brenner gern auf, sah nach dem einzigen mittelbeleuchteten Mansardenlenster auf und wußte es: dort leben seine Gestalten, denen das Schicksal die schwere Hand auf die Schulter gelegt hat. Absonderlichen Menschen, kaum mehr dieser Welt entsprossen, Geschöpfen aus Nacht und Wahn geboren, folgt er verstohlen, um zu sehen, wo siq bleiben. Die Grundveranlagung von Brenner war eine oratorkche, er war Realist von Natur und daher auch die starke Wirkung, die seine Publizistik erzielte. Nach der Niederlage der ersten Revolution in Rußland und der ihr folgenden Reaktion, ais die ■ rassisch-jüdische Intelligenz verwirrt, verzweifelt' und erschütteri stand, kam Brenner, der ehemalige ״Bundist“, dem Zionismus und hebräische Literatur programmatisch fernliegen sollten, im Jahre 1905 nach London und begann mit der Herausgäbe seiner Zeitschrift ״Hameorer“, wo er gleichzeitig Setzer, Redakteur, Administrator und Hauptmitarbeiter war. Seine publizistische Tätigkeit, die mit dem ״Hameorer“ sich stark zu entfalten begann, war weder ein buchgclehrtes Denken in der Darstellung, noch Sammlung geistreich eingekleideter Ansichten, es ist ethisches und politisches Werk. Von derselben Art sind auch seine größeren literarischen Abhandlungen über 1. I. Gordon, Mendale, Bediczewskv und Tscliernichowsky, mit denen er sich geistig verwandt fühlte. Nüchtern b'icktc er auf die Wirklichkeit unserer Zeit, bekämpfte unerbittlich ihre läppischen, falschen und übersteigerten Gefühle, Weichlichkeit und Feigheit, sowie die kleinbürgerliche Genügsamkeit und allgegenwärtige Geschäftigkeit. Als er nach Palästina übersiedelte, erkannte in ihm die jüdische Arbeiterschaft sofort ihren würdigen geistigen Führer und Ideenträger. — Ein lebendiger Mensch war er — kein Gelehrter, kein Künstler, kein Prophet — am allerwenigsten ein Heiliger, mit dessen Namen manche Vergötterer ihn zu nennen pflegen. Aber im Innern des zerrissenen Herzens von J. Ch. Brenner gab es einen festen, funkelnden Kristall, worin alle Strahlen sich trafen und brachen. Dieser Kristall war sein Wille, richtiger definiert: sein Wille zur Wahrheit und zura Guten. Jüdische Denkmäler 1: Die Jüdische Katakombe der Villa Torionla ln Rom. Bearbeitet von Hermann Wolfgang Beyer und Hans Lietzmann, Mit 11 Textabbildungen und 32 Tafein. Groß-Oktav, IV, 47 Seiten. 1930. Verlag von Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig. Geb. RM. 30,—. (Studien zur spltantiken Kunstgeschichte, im Aufträge des Deutschen Archäologischen Instituts herausgegeben von Hans Lietzmann und Gerhart Rodenwaldt, 4.) Die vorliegende Veröffentlichung leitet eine Reihe ״Jüdische Denkmäler“ ein, welche Monumente des Judentums der römischen Kaiserzeit der Forschung zugänglich machen soll. In dem ersten Band wird zum erstenmal das ganze Material der 1920 entdeckten Katakombe vollständig vorgelegt. Die Bilder und wichtigsten Inschriften werden auf 21 Lichtdrucktafeln photographisch wiedergegeben, ferner sind zur Erläuterang Abbildungen jüdischer Sarkophage, Goldgläser und Münzen beigefügt. Die nach sorgfältiger Prüfung der Originale abgedruckten Inschriften sind mit ausführlichem Kommentar versehen. Dem Bericht über den archäologischen Befund der Katakombe folgt eine eingehende Würdigung der Malereien. Hierbei geben die Verfasser nicht nur eine kunsthistorische Bewertung, sondern sie beschäftigen sich eingehend mit den verschiedenen auf den Grabdenkmälern abgebildeten j ü - dischen Symbolen, z. B. dem siebenarmigen Leuchter, der nicht, wie manche wollen, astral-eschatologisch als Zeichen der ״Seelenerleuchtung“ zu verstehen ist, sondern einfach als der Leuchter des Jerusalemer Tempels, dessen Vorhandensein eine Kultstätte an deutet. Auch sonst bleiben die Verfasser erfreulicherweise auf dem Boden der nüchternen Wirklichkeit und lehnen überspitzte Kombinationen ab. Andere Gegenstände, die auf den Grabdenkmälern abgebildet sind, sind: Delphine, Culab und Ethrop, Horn, Thorarolle, Thoraschrein, Tiere (Widder, Pfauen). Das Werk ist ein wertvoller Beitrag zur Kenntnis eines wichtigen Abschnittes jüdischer Geschichte. Man muß den Veranstaltern der Herausgabe dieser ״Jüdischen Denkmäler“, deren weitere Bände wir mit Interesse erwarten, ebenso dankbar sein wie dem Verlag für die tadellose Ausstattung des | Bucha,