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Jüdische Rundschau · 1931-05-01 · Heft 33 (1.5.1931) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 33 (1.5.1931)
Date
1931-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 206 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 33, I. V. 1031 ״England und Palästina"' Eine Buchbesprechung Von Dr. Robert Welt sch. In der letzten Zeit mehrt sich die politische Literatur über Palästina. Zehn Jahre nach Kriegsende kann man bereits mit einiger historischer Objektivität auf die Ereignisse zurückbücken, die das politische Schicksal Palästinas im Kriege und nach dem Kriege bestimmt haben; die neue staatsrechtliche Form des ״Mandates“ bietet Gelegenheit zu interessanten juristischen Untersuchungen und die Art ihrer Aus- Wirkung in der Wirklichkeit ermöglicht bereits die kritische Ueberprüfung des Gewollten und Erreichten. Das Material an offiziellen Publikationen ist angewachsen und bedarf der Bearbeitung. Für den Teil der Zionisten, der sich auf Grund von Kenntnissen über die Wege zionistischer Politik ein Urteil bilden will, ist es überaus wichtig, neben der großen Propaganda-Literatur und den zahlreichen Reisebesehreibungen, die stets nur einzelne Seiten der Wirklichkeit zeigen können und mehr gefühlsmäßig orientiert sind, das relevante Tatsachenmaterial in geordneter und gewissenhafter Zusammenfassung zu besitzen. Von den juristischen und politischen Werken, die ihrer Anlage nach als ״Wissenschaftliehe“ Versuche zu bezeichnen sind, stammt erfreulicherweise die Mehrzahl von zionistischen Autoren. Dies beweist, daß in der jüngeren Generation ein ernstes Bedürfnis zur Erkenntnis der wirklichen Verhältnisse besteht, das die Hoffnung einer konstruktiven Verwertung der so gewonnenen Kenntnisse erstehen läßt. Es wird vielleicht dem Leser willkommen sein, wenn wir die wichtigsten Werke dieser Art hier nochmals nennen. Eine umfassende juristische Studie schrieb Dr. Manka Spiegel unter dem Titel ״Das völkerrechtliche Mandat und seine Anwendüng auf Palästina“; ein ähnliches Werk In englischer Sprache ״The Palesäne Mandate“ stammt von Dr. A. S t 0 j a n o w s k y. In jüngster Zeit erschien eine umfangreiche Doktorarbeit in französischer Sprache ״Le Mandat sur la Palcstine“ von Abraham Baumkoller. Eine vorwiegend juristische Studie, die an dieser Stelle ausführlich gewürdigt wurde, ist auch das Buch ״Palästina, ein werdender Staat“ von Ernst Marcus. Von nichtjüdischer Seite ist zu erwähnen ״Das Völkerbundsmandat für Palästina“ von Georg Schwärtzenberger sowie das nur teilweise Palästina behandelnde Buch von Erich Topf ״Die Staatenbildungen In den arabischen Teilen der Türkei seit dem Weltkrieg“; wichtig ist ferner das große Werk des englischen Orientforschers Arnold J. Toynbee ״The lslamic World since the Peace Settlement“, worin das spezielle Zionismus-Kapitel von Leonard Stein bearbeitet ist; und schließlich gibt in dem soeben erschienenen Buch von Hans Kohu ״Nationalismus und Imperialismus im Vorderen Orient“ (Frankfurter Socletäts-Veriag) das Palästina-Kapitel eine sehr instruktive Darstellung der politisch relevanten Tatsachen des letzten Jahrzehnts. Diesen Werken reiht sich nun die Interessante und wichtige Studie von Josef Cohn ״England und Palästina“ (Verlag Kurt Vowinckel, Berlin) an, die, aus dem politischen Seminar von Alfred Weber hervorgegangen, die Beziehungen zwischen England und Paläsiina und insbesondere die Rolle des Zionismus in den letzten 15 Jahren zum Gegenstand hat. Das Buch von Josef Cohn ist folgerichtig aufgebaut. Es beginnt mit einer Darstellung der geistig-religiösen Voraussetzungen, die gerade bei den Engländern ein eigentüm- Wehes Verhältnis zu den Juden und zu Palästina erzeugt haben, zeigt dann in großen Zügen das englische Orientinteresse während des 19. Jahrhunderts und gelangt so zu den schicksalssehweren Tagen des Weltkrieges, in denen die Zukunft Palästinas plötzlich die größte Aktualität bekam. Der zweite Abschnitt des Buches, überschrieben ״Die Verwirklichung“, schein! uns der wertvollste und wichtigste zu sein, weil hier mit ruhiger und nüchterner Sachlichkeit die Zeit der Entstehung der Balfour-Deklaration geschildert und die wirkliche Tragweite der Ereignisse abgeschätzt wird. Ueber die in dieses Kapitel gehörigen Tatsachen waren und sind im zionistischen Lager die stärksten Irrtümer verbreitet, und hierdurch sind viele schmerzliche Erregungen und Enttäuschungen im jüdischen Volk hervorgerufen worden, ohne daß der zionistischen Politik dadurch Nutzen entstanden wäre. Cohn zeigt, daß zunächst sowohl bei den Engländern als auch bei den Juden die Vorstellung eines ״jüdischen Gemeinwesens“ vor- Wanden war, daß_ aber noch zur Zeit der Balfour-Deklaration bei vielen Engländern bereits Skepsis, Zurückhaltung und Vorsicht erwachte und die Engländer nach dem Grundsatz ״No commitments“ alle weitergehenden jüdischen Forderungen bezüglich des Wortlautes der beabsichtigten Regierungserklärungen zurückwiesen und die bekannte elastische Formel wählten. Insbesondere wurde dabei ausdrücklich abgelehnt, die ״Wiederherstellung Palästinas ah Jüdisches Nationalheim“ zu versprechen, statt dessen wurde Sympathie für ״ein Jüdisches Nationalheim in Palästina“ in Aussicht gestellt. (Der Unterschied der beiden Formeln ist klar.) Die von manchen Seiten gelegentlich aufgestellte Behauptung, diese Aenderung des. Textes sei vor allem auf den Einspruch der englischjüdischen Assimilnuten zurückzuführen, wird von Cohn sehr richtig zurückgewiesen. Während der Friedensverhandlungen hat dann schon der im Kriege von England mächtig geförderte arabische Nationalismus eine Rolle gespielt, den England vor allem gegen Frankreich ins Treffen führte. Der englisch-französische Gegensatz wird hier freilich nur angedeutet, nicht genauer ausgeführt, auch fehlt eine Darstellung der späteren Entwicklung dieser Beziehungen bis zu der neuen Wendung im Jahre 1926, die an die Stelle der erbitterten Rivalität ein gemeinsames Vorgehen der beiden Mächte im Orient setzte. Auch Wilson begünstigte den arabischen Nationalismus gegen Frankreichs Aspirationen, aber wenn Cohn die Zurückstellung des King-Crane Reports, der bekanntlich geheim gehalten und erst 1922 veröffentlicht wurde, ausschließlieh als einen Sieg des französischen Imperialismus gegen England hinsteüt, so wäre daran zu erinnern, daß der zionistenfreundliche Wilson bei einem Festhalten an diesem Bericht auch den Zionismus hätte opfern müssen. Der King-Crane- Bericht ist überhaupt ein in zionistischen Kreisen bisher sehr wenig beachtetes und wenig bekanntes, aber sehr lehrreiches Dokument; er ist der Prototyp aller späteren offiziellen und halboffizielien Berichte über Palästina, die alle ungefähr in demselben Sinne wie King-Crane auf die Gegensätze zwischen Zionismus und arabischem Nationalismus aufmerksam gemacht haben. Cohn meint, die King-Cranc-Kommission habe ״den so häufig gemachten Fehler begangen, die Ansichten einiger einflußloser zionistischer Extremisten mit der offiziellen zionistischen Politik zu verwechseln“. Für diese Feststellung gibt es unseres Erachtens keinen Anhaltspunkt, vielmehr gibt der Report eine sehr loyale Darstellung dessen, was ihm von kompetenter Seite als Zionismus vorgetragen wurde. Und Cohn selbst zitiert ja die etwa gleichzeitig abgegebenen Erklärungen der zionistischen Vertreter vor der Friedenskonferenz, wobei er noch hätte hinzufügen können, daß dem in London versammelten Aktions-Comite die von Weizmann in Paris vorgetragenen Forderungen (60000 Einwanderer jährlich, Palästina so jüdisch wie England englisch) nicht weit genug gingen. Wen hätten denn King und Crane als maßgebenden Interpreten des Zionismus betrachten sollen? Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mH der ״Wirklichkeit“, also mit dem Jahrzehnt von 1920—1930. Auch von diesem Teil gilt dasselbe, wie von den früheren zwei Kapiteln: Es ist hier mit großem Fleiß das einschlägige Material zusammengestellt und interessant beleuchtet, der Autor hat die Quellen und die große politische Literatur genau studiert und zum Teile auch neues Quellenmaterial zur Verfügung gehabt und bietet eine nützliche Uebersicht. Wenn im Rahmen dieser Besprechung kritische Bemerkungen gemacht werden, so soll damit der Wert des Buches als ganzen keineswegs in Frage gestellt sein, vielmehr liegt es im Wesen einer Besprechung, daß gerade jene Punkte, wo der Rezensent mit dem Autor nicht übereinstimrot, stärker in den Vordergrund treten. Es ist begreiflich, daß der dritte Abschnitt, der in die Wirklichkeit hereinführt, am meisten Anlaß zur Kontroverse bietet, und es ist anzunehmen, daß dieser Teil, der — gewissermaßen als Krönung des ganzen — auch ein Kapitel ״Zionistische Politik“ enthält, von den verschiedenen zionistischen Gruppen je nach ihrer Anschauung attackiert werden wird. Najhjimserer Meinung ist Cohn der Verlockung einer Art Aj5a®gTO?*3ilessen, was ihm als zio־ nistische Politik vorschwebt, nicht ganz entgangen. Damit aber ist weder dem Zionismus, noch der Klärung des wirkliehen Sachverhaltes ein Dienst erwiesen. Durchaus legitim ist, wenn Cohn auf Grund seiner Studien zu einer bestimmten Auffassung gelangt, wie zionistische Politik sein sollte und was allein zionistische Realpolitik wäre. Nun aber im Rahmen einer historischen Arbeit es so darzustellen, als ob diese Cohnsche Vorstellung auch die empirische zionistische Politik dieser zehn Jahre beherrscht hätte, scheint uns unzulässig. Cohn sagt z. B. richtig, das Churchill Statement habe ״an Stelle des reinen Judenstaates den binationalen Staat gesetzt“; zwar kann man nicht sagen ״an Stelle des reinen Judenstaates“, denn diesen hatte England nie versprochen, aber richtig ist, daß auf Grund des sehr klaren Churchiil-Samuelschen Weißbuches in der zionistischen Vorstellungswelt dieser Umschwung sich hätte vollziehen müssen. Das Wort ״binational“ kommt im Weißbuch nicht vor, aber dem Sinne nach entspricht es dieser Konzeption . Nun fährt Cohn fort: ״Dieso Interpretation entspricht auch ganz und völlig denn zionistischen Programm, insbesondere auch dem auf solch ethisch kulturcllcn Werten wie Recht und Gerechtigkeit, Toleranz, Loyalität usw. aufgebauten jüdischen Nalionnlgcdanken. Demzufolge ist auch die zionistische Politik auf einen Ausgleich mit den Arabern, auf ein# jüdisch-arabischo Verständigung abgestellt.“ (S. 175. Adlnlieh S. 130.) Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, daß Colin in einer Polemik gegen Buber und Reiner die ethischen Elemente aus der auf ״Machtzuwachs״ abzielenden Politik ausgeschaltet sehen will und schon eine Seite weiter, sowie in dem oben angeführten Zitat, selbst ethische Momente einführt. Aber die Darstellung der zionistischen Politik, die er hier gibt, entspricht einfach nicht der historischen Wahrheit. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, und wir würden es sogar begrüßen, wenn in einer innerzionistischen Streitschrift die Cohnsche Anschauung zum Ausdruck käme. In einer wissenschaftlichen Abhandlung hingegen müßte auf die T a t s a e h e n zurückgegriffen werden. Als anläßlich des XIV. Kongresses am 14. August 1925 in der ״Jüdischen Rundschau“ der Artikel ״Worum es geht" erschien, worin zum ersten Male in klarer programmatischer Form gefordert wurde, daß der Zionismus das Churchill-Samuelsche Weißbuch bewußt zur Grundlage einer konstruktiven Politik mit dem Ziel eines binationalen Palästina macht, da braqh ein Sturm der Entrüstung in der ganzen zionistischen Welt aus und der Verfasser des Artikels hatte Mühe, einem zionistischen Ketzergericht zu entgehen. Und man braucht von da nur eine direkte Linie bis zu jener verhängnisvollen A.-C.-Sitzung vom August 1930 zu ziehen, wo Weizmann sich zum ersten Male klar für den Oedanken eines binationalen Palästina aussprach, 1|1n unter dem Druck des hierin völlig geschlossenen A.-C. am nächsten Tag dieses Programm wieder sehr weitgehend einzuschränken, — um sofort zu erkennen, wie irreführend in diesem Punkte Cohns Darstellung ist. Als Illustration diene noch, daß Cohn die Gründung und das Programm des Brith Schalom sogar als einen Beweis für die politische Einstellung des Zionismus anführt, obwohl er doch wissen muß, daß die Mitglieder des Brith Schalom beinahe persönlich verfehmt sind und sehr einflußreiche Zionisten der Meinung sind, der Brith Schalom stehe bereits außerhalb des Zionismus. Folgerichtig werden von Cohn die wirklich maßgebenden Aeußerungen der zionistischen Zielsetzung nicht einmal erwähnt, z. B. die tragische Aussage des Exekutiv-Mifglieds Dr. Eder vor der Haycraft-Kommlssion, der erklärte, das Ziel der Juden sei die Vorherrschaft (״Predominance“) in Palästina und es sei in diesem Lande Platz nur für ein, nicht für zwei Nationalheime. Dieser Ausspruch geistert doch in der politischen Literatur seit damals fort, und wenn Cohn die Protokolle der Shaw-Kommission, ein für seine Arbeit wohl unerläßliches Dokument, studiert hat, so wird er wissen, daß Eders Aeußerung kombiniert mit einer neuen Rede Dr. Eders vom September 1929, noch vor der Shaw-Kommission eine erhebliche Rolle gespielt hat Man braucht nicht auf die Revisionisten, die als Oppositionspartei eine Sonderstellung haben könnten, zurückzugreifen, um zu zeigen, daß die Judenstaats-Vorstellung keineswegs so überwunden ist, wie Cohn glauben machen will. Und die Führer der zionistischen Politik, die einsehen, was hierdurch angerichtet wurde, können nicht wagen, die Aeußerungen zionistischer Persönlichkeiten, die Cohn als ״einflußlose Extremisten“ bezeichnet, klar zu desavouieren, weil sie Gefahr laufen, dann selbst als ״Verräter“ dazustehen. Die Neigung, äußerst schwierige und komplizierte Dinge zu verharmlosen, ist auch in Cohns Darstellung der arabischen Haltung gegenüber dem Zionismus bemerkbar. Er Ist der Meinung, daß die jüdische Einwanderung in Palästina die Funktion ausübt, welche ״dem emporstrebenden europäischen Bürgertum (Frankreich 1789, 1830, England 1832) zugefallen war“. Schon dieser Vergleich hinkt, denn politisch waren diese Schichten die Träger der Forderung nach Demokratle, während in Palästina heute die Gruppen, die Cohn ״die bedrohten ständisch-feudalen Kreise“ und ״Repräsentanten des konservativen Denkens“ nennt, ein demokratisches Parlament fordern. Aber wenn Cohn nach Erwähnung der feudal-wirtschaftlichen Interessen der arabischen Effendis fortfährt: ״Nur von dietacn Gesichtspunkt aut sind in der Hauptsache die beute noch vorhandenen Widerstände der Araber gegen das National Home zu verstehen“ (S. 126), so sind in diesem Satz zwei kleine Wörtchen falsch, nämlich das ״nur“ und das ״noch“. Und wenn er fortfährt, daß außer einigen wenigen Notabein ,die große Masse der Araber der jfldischen Einwanderung durchaus sympathisch gegenübersteht“, so macht er sich hier eine Theorie zu eigen, die zwar manchmal von zionistischer Seite vertreten wurde, der objektiven Nachprüfung aber keineswegs stand hält Und der bei dieser Stelle angebrachte Hinweis auf S. 47 des Fünf Jahresberichtes von Herbert Samuel ist gleichfalls zu beanstanden, da Cohns Wiedergabe keineswegs der von Herbert Samuel gegeben«! Darstellung entspricht. Samuel äußert sich viel vorsichtiger, und die Theorie des feudalen Interesses der Effendis kommt bei Samuel überhaupt nicht vor. Meint Cohn, daß der erbitterte Kampf der Araber gegen den von ihnen — nicht ganz grundlos — stets als Streben nach politischer Vorherrschaft aufgefaßten Zionismus kleiner werden wird, wenn an die Stelle der Notabeln-Schicht die inzwischen erwachsene bürgerliche Intelligenz treten wird, die nämlich bei den Arabern genau dieselbe Funktion hat wie das von Cohn irrtümlich mit den Juden verglichene europäische Bürgertum des Vormärz? Man erweist dem Zionismus keinen Dienst, wenn man derartige Illusionen ausstreut. Wir müssen unsere Bemerkungen auf diese Hauptpunkte beschränken, obwohl auch in Einzelheiten manche Mcinungs- Verschiedenheit besteht. Die Darstellung des Gesamtkomplexes der englischen Orientpolitik, in der Palästina ein Teilgebiet darstellt, ist bei Cohn etwas zu kurz gekommen, infolgedessen leidet auch das Verständnis für die Zwangslage des im Jahre 1922 politisch sehr bedrohten Zionismus. Eine Darlegung der verschiedenen Systeme und Versuche englischer Verwaltungsmethoden in Palästina im Sinne des ״zweiseitigen Charakters“ des Palästina-Mandates und eine Analyse der Haltung der Mandatskommission des Völkerbundes wäre eine interessante Bereicherung des Buches gewesen. Cohn bcschränkt sich beinahe ganz darauf, die Beziehungen Englands zum Jüdischen Nationalheim aufzuzeigen und andere wichtige Dinge, wie z. B. die englische Tätigkeit auf dem Gebiete der Verfassung und Verwaltung, Gesetzgebung und Verkehrswesen usw. werden höchstens nebenbei hier und dort erwähnt, während das Thema ״England und Palästina“ eigentlich erfordert, hiervon auszugehen und überhaupt mehr den englischen als den jüdischen Gesichtspunkt in den Vordergrund zu stellen. Auch für den zionistischen Leser wäre mehr gc- Wonnen gewesen, wenn Cohn seine großen Kenntnisse hier entsprechend verwertet hätte. In diesem Rahmen hätte dann der arabische Nationalismus viel ernster dargestellt werden müssen, als es bei Cohn geschehen ist. Von kleineren Druckfehlern, die dem Rezensenten bei der Durchsicht aufgefallen sind, sei nur ein besonders störender erwähnt: Auf S. 238 bei Erwähnung der Lupin-Begegnung muß es statt Hussein richtig heißen Feisal. Zum Schlüsse möchten wir wiederholen, daß wir dem Buch, das eine Fülle belehrenden Materials enthält, in zionistischen und nichtzionistischen Kreisen viele Leser wünschen. Das Begräbnis von Rachel Das Begräbnis der verstorbenen hebräischen Arbeitcrdichteriu R a ch ei (Blmvsiein) gestaltete sich zu einer gewaltigen Trauerkundgebung. Beim Hause der Histadruth in Tel- A w i w machte der Trauerzug Halt. Als erster sprach der greise A. S. Rabinowicz, es folgte Ascher Barasch für den Schriftsteiler-Verband und schließlich sprach Rubaschoff namens der Histadruth ergreifende Worte des Abschieds. Sodann wurde der Sarg per Auto nach Kinereth überführt, der ersten palästincnsischen Arbeitsstätte der Verbliebenen, wo sie auch bcgraben werden wollte, ln Afuleh, wo sich Vertreter der Arbeitergruppen aus dem Emek versammelt hatten, wurde ein kurzer Aufenthalt gemacht und mehrere Reden gehalten. Dem weiteren Trauerzug schlossen sich eine ganze Reihe von Genossen und Genossinnen in Autos an. In Kinereth hatte sich eine große Versammlung eingefunden, nicht nur die Siedlungen des Jordantals waren vertreten, sondern aus dem Emek waren zahlreiche Trauergäste hierher gewandert. Der Sarg wurde in das alte Gebäude der Mädchenfarm getragen, das Jetzt vom Haschomer Hazair bewohnt wird, sodann fand das Begräbnis auf dem Hügel Kerak am Tiberiassee statt. Die ganze Umgebung war versammelt, von den ältesten Kolonisten Kinereth' bis zu den jüngsten Genossen des Haschomer Hazair. Nach Beendigung der Zeremonien wurde das Gedicht der Rachel: ״Wenn das Schicksal befiehlt...“ vorgelesen, dann zerstreute sich die Versammlung in aller Stille. Rachel Bluwstein wurde 1890 im nördlichen Rußland geboren und verbrachte ihre Jugend in Poltawa, wo sie ein ru?sisches Gymnasium besuchte. Sie trat dann in die Ma'.erschu'e in Kiew ein, ging aber 1909 mit ihrer Schwester Schoschana nach Palästina, wo sie, nach einem Jahr fleißigen Hebräiseh-Studium-; in Rechoboth, die ihr angemessene Arbeitsstätte in der von Hanna Meisel geleiteten Mädchenfarm in Kinereth fand. 19n ging sie zur Vollendung ihrer Studien nach Toulouse; und infolge des Kriegsausbruches mußte sie in Europa bleiben. Das erste nach dem Kriege aus Odessa nach Palästina abgehenöe Schiff, der bekannte ״Ruslan“, brachte sie Ende 1919 wieder ins Land. Sie arbeitete in Dagania, bald aber!nachten sich An- Zeichen der Schwindsucht bemerkbar und sie mußte in die Stadt übersiedeln. Ihre schriftstellerische Tätigkeit begann in ru־sischer Sprache während des Krieges. Sie übersetzte u. a. Gcdichte von Schneur und Fichman ins Russische. Ihr erstes hebrii- Ischen Gedicht, A. D. Gordon gewidmet, erschien im Haschiloadi nach dem Kriege. Die meisten ihrer Gedichte entstanden dann fn den Jahren ihrer Krankheit. Die im Verlage ״Dawar“ in Tel-Awiw erschienenen Gedichtbände wurden in der ״'üdUchen Rundschau“ ausführlich von Max Maver a'8 eine außerorden‘• liehe Erscheinung der hebräischen Dichtung gewü-digt Und ungewöhnlich war auch die rührende und lieblrhe Erscheinung der Dichterin, einer der merkwürdigen, gejsterfüllten und \vi'- lensstarken Gestalten, die der Zionismus und die Palästinaliebe hervorgebracht und heimgefordert hat. Professor William Ste rn in Hamburg wurde am 29. April 60 Jahre alt. Stern gehört mit zu den Begründern des kritischen Personalismus und gilt als einer der hervorragendsten Vertreter der angewandten Psychologie. Sein Standardwerk ist die ״Psvchologie der früheren Kindheit“, sein philosophisches System hat er in dem Werk ״Person und Sache“ niedergelegt.

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