Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 33 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33, t. V. 1031 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 205 ״Der Jude im deutschen Kuliurkreis" Eine Buchbesprechung von Gustav Krojanker. Von Felix Goldman« ist im Philo-Verlag ein Buch unter dem Titel ״Der Jude im deutschen Kulturkreis“ erschienen. Es ist auffällig, wenn ein liberaler Rabbiner sich zu solchem Thema entschließt. Noch vor dem Kriege wäre das kaum möglich gewesen. Denn dies Thema, das schon durch seine Formulierung die Juden als eine nicht nur im Religiösen unterschiedliche Gruppe voraussetzt, hatte früher für einen liberalen Mann einfach nicht zu existieren. Inzwischen haben vir uns so beharrlich vernehmbar gemacht; inzwischen sind die Tatsachen selbst durch die peinlich veränderten Zeitläufe so viel deutlicher geworden, daß noch der Liberalismus nicht ganz umhin kann, von unserem Befund wenigstens Kenntnis zu nehmen. Goldmann seinerseits hebt also kühn und fortschrittlich an: er bekämpft die These von dem ״Deutschen mosaischer Konfession“; er stellt fest, daß die jüdische Note auf vielen Kulturgebieten innerhalb des Deutschtums erkennbar sei und daß man diesen Umstand aufjüdischeGruppeneigentümlichkeiten, die im jüdischen Menschen und seiner hlstorisehen Entwicklung liegen, zurückführen müsse. Und dann kommt ein ganzes Buch, das der Bagateliisierung dieses kühnen Eingangsgedankens gewidmet ist. Es gäbe zwar jetzt noch — so ist etwa der Tenor dieser ganzen Ausführungen — gewisse Unterschiedlichkeiten; sie seien aber lediglich als das letzte Nachklingen gewisser historischer Reminiszenzen zu betrachten und mit dem Fortschritt der gepriesenen Entwicklung ~ vertrauet nur — würden auch sie sich in jenes Nichts auflösen, das man jüdischen Liberalismus nennt. Wir werden bei unserer Erörterung des Buches zwischen jenen Partien zu scheiden haben, die sich an das Thema halten, also wirklich den Juden im deutschen Kulturkreis behandeln, und den anderen, mindestens ebenso umfangreichen, die einer Auseinandersetzung mit dem jüdischen Nationalismus gewidmet sind. Die Frage nach dem Juden im deutschen Kulturkreis ist eine Frage des Fingerspitzengefühls; es gibt hier keine objektiven Wahrheiten und keine gültigen Erkenntnisse. Es gibt hier eigentlich jenseits aller parteimäßigen Gebunden- Leiten nichts als das persönliche Niveau des Beobachters, nichts als den Tiefengrad, auf den hier einer hinabzuloten vermag. Das Resultat mag dann willensmäßig bestimmt sein. Aber es kommt nicht darauf an, wesentlich und fruchtbar ist hier der Weg, auf dem jemand dem Problem überhaupt nachzugehen imstande ist. Wir sind gesinnungsmäßig bestimmt mit Jakob Wassermanns berühmtem Buch über diesen Gegenstand nicht einverstanden, aber wir erkennen an, daß hier ein Geist die dunkle Verworrenheit des Problems durchleuchtet und daß es deshalb anschauungsmäßig noch dem Gegner zu mancher Erkenntnis verhiift. Goldmann soll also nicht meinen, daß es seine Schlußfolgerungen sind, die unsere Kritik veranlassen. Man kann auch als jüdischer Nationalist durchaus seiner Ansicht sein, daß nämlich die jüdische Mitwirkung an der deutschen Kultur — vom Deutschtum her gesehen — die Bereicherung dieser Kultur um eine wertvolle und sich einordnende Nuance bedeutet. Alles kommt darauf an, wie dieser Beweis geführt wird. Goldmann macht das sehr erheiternd. Er weist nach, daß die deutsche Kultur gerade dann, wenn das Christentum von der jüdischen Lehre abweicht, ״die Tendenz der Rückkehr 7ur ursprünglichen jüdischen Lehre besitzt“. Der Staat verlangt nämlich nicht, daß man seinen Feind liebt. Der Staat gewährt dem Eigentum stärksten Schutz; die Grundideen seiner Steuer- Gesetzgebung atmen altjüdischen Geist. Er propagiert auf jüdische Art Ehe und Kindersegen. Die Sozialpolitik, also die Verwirklichung sozialer Forderungen durch Gesetz, entspricht dem jüdischen System. ״Und diese Uebereinstimmung der religiösen Anschauung mit den Grundlagen der deutschen Kultur ermöglichte die Einfügung in die deutsche Kultur als etwas Selbstverständliches.“ Das hat er alles drucken lassen: S. 73—76. Lnd jetzt bleibt nur noch die Frage übrig, wie es eigentlieh möglich war, daß das Christentum sich der deutschen Kul- (ur eingefügt hat und wie das Judentum sich zu jener Zeit einfügte, als der Staat an Sozialpolitik und ähnliche Errungenschäften auch im Traume noch nicht dachte. Hier liegt — neben mehreren anderen Gedankenfehlern — eine geradezu groteske Verwechslung der in allen modernen Ländern höchst gleichartigen Sphäre staatlichen Lebens mit den Besonderheiten der Volkskulturen vor. Wenn der altjüdische Geist mit so speziell deutschen Zügen wie der mangelnden Feindesliebe, der Steuergesetzgebung ui^ dem Wunsch nach Kindersegen mühelos in Einklang gebracht werden kann, dann darf man allerdings guter Hoffnung voll sein. Ebenso einfach macht sich Goldmann das Problem, wenn er die Eingliederung des einzelnen Juden betrachtet und dabei Erscheinungen wie Heine und Marx kurzerhand ausschaltet (dafür aber Josef Kainz zum Juden macht!). ״Wir Juden“ jedenfalls ■— so behauptet Goldmann in kühner Verailgemei:::rung — rechnen Heine und Marx nicht dazu: sie haben sich nämlich taufen lassen, und Marx hat sich noch dazu antisemitisch geäußert. Den Täufling aber betrachten w ir nicht als Juden, ״weil er nicht den Wunsch hat, als solcher betrachtet zu sein“. Das ist ausgesprochen das Ei des Columbus. Jetzt bleibt nur unklar, wozu das ganze Buch eigentlich geschrieben wurde. Neunzig Prozent aller deutschen Juden haben den gleichen Wunsch, also gibt es den Juden im deutsehen Kulturkreis gar nicht, sondern nur den Antisemiten, der ihn behauptet, und den liberalen Rabbiner, der seine Nichtoxistenz beweist. Da war eigentlich der Liberale alten Schlages, der sich noch nicht mit unseren Gedanken modern herausgeputzt hatte, wesentlich erträglicher; er war wenigstens gedanklich konsequent. Aber wenn jemand fertig bekommt, im Ungang etwa vom Kunstwerk eines Juden ausdrücklich zu sagen, daß es aus jüdischem Schicksal und jüdischer Seinshetrachtung sein Sondergepräge trage, auch wenn der Urheber v°n seiner Konfession nichts mehr weiß <S. 11), und wenn er dann in dem Augenblick, wo es gilt, diese Erkenntnis anzu- " enden, plötzlich nicht mehr das objektive Sein, sondern den subjektiven Willen zum Maßstab jüdischer Sonderart macht <S, 77) — dann ist das eine so heillose Verwirrung der primi- 1׳vsfen Begriffe, daß sie jede Erörterung völlig unfruchtbar machen muß. Und auch da, wo Goldmann das Judentum an sich betrachtet, zieht er aus seinem Grundgedanken von der jüdischen Uruppeneigentümlichkeit, die auch jenseits des Religiösen be-?M1t, keinerlei Konsequenzen. Wir nehmen nun nicht etwa a״> daß diese Erkenntnis schon notwendig zum jüdischen Nahonalistnus und seinen Folgerungen führen müsse — es gibt überhaupt keinen rein logischen Weg, der ihn unabweisbar macht —, aber sie müßte doch wenigstens den jüdischen Mensehen als das Primäre anerkennen: unentbehrlich in seiner Eigenschaft als Schöpfer sowohl wie als künftiger Träger eben jenes Gedankenguts, das der Liberalismus verselbständigt und zu einer inhaltlich bestimmten, letzten Endes von ihren Trägern unabhängigen Konfession gleich allen anderen gemacht hat. Die Erkenntnis von dem Juden als einem Menschen besonderer Prägung bedeutet historisch die Erkenntnis des nationalen Zuges in der jüdischen Religion, die bis zum 19. Jahrhundert Gesetzesichre einer Nation, als solche dogmenlos und im großen nicht übertragbar war; die in ihrer besonderen Form, auf die es allein ankommt, einen Ausdruck des nationalen Selbsterhaltungstriebes bildete. Goldmann aber, wenn er von der jüdischen Religion spricht und dem hervorragenden Anteil, den sie an der Bildung des jüdischen Menschen genommen hat, versteht darunter nichts als jene Summe abstrakter Ideen, die das 19. Jahrhundert aus einer mehrtausendjährigen Entwicklung als Extrakt herausdestilliert hat. Aber diese Inhalte hätten schon damals den jüdischen Menschen so wenig zu prägen vermocht wie sie ihn heute zu ^ijiiiiiiiiiiiiiiniiiiiuiitiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiniiiRHiiiiiitiHniiiiiiiHiiiiiituimüiiiRiifiiHiiiiiiniiiiiUiiiiiitiiiiiiniu, S' Sb Ü Montag, den 4. Mai, abends 8 J/s Uhr || H im Logenhaus, Kleiststraße 10 g 1 Oeffentliche Kundgebung | | der Allgemeinen Zionisten | I ״Tor dem XVII. Zioiilsfenkondreft“ | S5S SS §§ Referenten: jj| §§ Dr. Elia■ Auerbach ü i Dr. M. Bileski 1 § Kart Blumenfeld 1 ^1(11111]!n11111111111111n111111!i11111111111f1i111111111n111111!1111Ni1111!N1t111111111t11m111t1im1n!1i11n11i11m1tn1(n1m1n1!111fll^ prägen vermögen. Formend war durchaus das nationale Prinzip der Gesetzeslehre. Und immer sind es die Formen, niemals die Inhalte, die als unterscheidendes Merkmal menschlicher Gruppen angeführt werden können. Sonst entstehen so komische Sachen wie jener Nachweis von der Uebereinstimmung deutscher Kultur mit altjüdischem Geist, der für jede Kultur der Welt gleich tiefsinnig geführt werden kann. Das gilt für die historische Betrachtung. Was aber die Gegenwart anbelangt, so ist es wahr, daß auch der Zionismus in seiner Mehrheit diese Formen nicht mehr lebt. Es ist wahr — und brauchte von Goldmann nicht erst mit großem Aufwand nachgewiesen zu werden —, daß der moderne Zionismus den nationalen Gedanken des 19. Jahrhunderts übernommen hat, wie sehr viele andere Völker auch, ohne deshalb erst dadurch zu Nationen geworden zu sein. Aber gleichviel: auf keinen Fall läßt sich doch dem ahistorischen nationalen Judentum das ausgelaugte liberale Judentum des 19. Jahrhunderts als das historische gegenüberstellen. Das ist genau ein paar Jahrzehnte älter und insofern allerdings historisch, ln Wahrheit sind beide Richtungen Fortentwicklungen, die durch die Macht der Umstände geboten wurden. Die eine Richtung aber hat Inhalte übernommen — oder besser; das, was sie dafür hält; sie wird aus den Dokumenten immer herauslesen, was der Zeitgeist jeweils erfordert —, die andere aber den Menschen, den lebendigen Träger dieser ganzen jüdischen Welt. Sie scheint also doch den Ursprung nicht ganz zu verleugnen, insbesondere dann nicht, wenn sie zur Schaffung jener historischen Daseinsform auf ruft, die erst der Liberalismus aus dem Judentum entfernt hat. Und von hier aus wird auch verständlich werden, warum wir die besondere Nuance im jüdischen Menschen so stark betonen. Sie ist im Zustand der Assimilation ein wesentliches, ja, nach Erschütterung der Religion in allen ihren Formen das wesentlichste Positivum, an das man sich halten kann, wenn von einer Zukunft der jüdischen Gemeinschaft die Rede sein soll• Goldmann irrt, wenn er glaubt, sich mit seiner Skepsis in die Stärke und Dauerhaftigkeit dieser jüdischen Besonderheit in absolutem Gegensatz zur nationalen Auffassung zu befinden. Klatzkin z. B. würde darin noch viel weiter gehen. Der Unterschied liegt nicht in einer Verschiedenheit der objektiven Auffassung der Situation; er liegt in der Willensrichtung. Oder deutlicher: die von Goldmann dargestellten Tatsachen schmerzen uns um des Judentums willen, sie freuen ihn um des Deutschtums willen. Hier ist der Kernpunkt. Und deshalb unterstreichen und fordern wir allerdings alles, was uns einen Anhalt für die Existenz jenes jüdischen Menschen gibt, auf den allein wir eine jüdische Zukunft glauben bauen zu können, während er dies alles mit breitem Behagen bagatellisiert und schon in froher Erwartung jener Zeit lebt, in der der Jude auch dem Typus nach so angepaßt sein wird, wie er es jetzt schon sprachlich ist. Er schwimmt munter obenauf mit der sogenannten Entwicklung; wir aber greifen in jene tieferen Schichten, in denen das Gedächtnis ruht, um von hier aus unruhevoll und sehnsüchtig eine andere, von uns selbst bestimmte Entwicklung anzubahnen. Und es ist schon einigermaßen grotesk, wenn gerade der Sprecher liberaler Kreise vom Nationalismus auszusagen wagt, er verleihe ״jenes Abschließende, das eine Weiterbildung nicht mehr zuläßt, das darum subalterne Naturen vielleicht zufrieden macht“. Es ist bisher wahrscheinlich nur noch nicht genügend bekannt geworden, daß der Liberalismus den Typ des unruhevollen Gott- Suchers geradezu herdenweise gezüchtet hat. Die Kernfrage für uns ist eben nicht, ob wir uns mehr oder weniger gut einordnen, sondern lediglich die, was aus dem Judentum wird. Und da findet sich nun in Goldmanns Buch einmal ganz nebenbei ein einziges kleines Satzchen, das nicht weiter belegt ist — es würde auch schwer sein, es zu belegen —, und gerade um dies winzige Sätzchen dreht sich in Wahrheit unser ganzer Gegensatz. Alles andere ist Paraphrase und intellektuelle Spielerei. Von uns aus soll er in allem recht haben: er mag die jüdische Sonderart nach dem Willen bestimmen; er mag den Zionismus als eine völlig ahistorische Erscheinung definieren; er mag das historische Judentum ganz für sich in Anspruch nehmen. Von uns aus; was liegt daran? Aber daß dies historische Judentum, das er vertritt, ״lebt und um seine Ziele weiß“ — das ist nicht wahr, das wird er uns nie beweisen können. Es lebt eben nicht. Es hat seine historische Mission gehabt, die darin bestand, die nach Erschütterung der Orthodoxie sich verlierenden Massen aufzufangen und dem Judentum in loser Form wenigstens noch zu erhalten. Aber wie lange kann das noch gehen? Heute ist diese Form bereits so lose, daß sie ohne den Druck von außen längst auseinandergefallen wäre. Und nun kommt der amtliche Vertreter eben dieses Zustandes und preist mit vielen schönen Reden die Entwicklung der Ab- Schleifung und Einreihung, weil sie dem Nationalismus seine Grundlage nehmen wird. Aber bestimmt wird die jüdische Religion dabei herrlich gedeihen. Wie kurzsichtig, zu verkenneu, daß wir aus demselben Reservoir, den lebendigen Triebkräften des jüdischen Menschen, schöpfen und daß unser Tod der letzte Gnadenstoß der liberalen Agonie sein müßte. Der Liberale ist gegen den Zionismus, aber der Zionist nicht gegen die Religion, denn sic ist ein Zeichen jüdischer Kraft; und unter den wirklich religiösen Juden wird der Zionismus eher Widerhall finden als unter jenen Auchjuden, die sich heute unter dem Deckmantel der Religion allem Jüdischen entziehen. Und deshalb ist cs eine leere Redensart, wenn Goldmann wünscht, daß die Religion den Nationalismus überwinden möge. Wenn sie bei diesen Liberalen überhaupt wieder wahrhaft zu beleben sein sollte, so könnte das der Zionismus auch im Interesse seines Zieles nur begrüßen. Jetzt aber lebt sie nicht und weiß nicht um ihr Ziel, und gerade daher stammt ihr Widerstand gegen ein lebendiges und zielstrebiges Judentum. Allerdings: wenn Judentum ein Inhalt ist und sonst nichts — dann hat Goldmann recht, dann kann es nicht zugrunde gehen. Dann mag sich getrost in den Städten der Welt ein aussterbendes Geschlecht, ohne Artung und ohne Gedächtnis, herumtreiben — einst kommt ja der Tag, an dem der Löwe neben dem Lamm grasen wird. Wir geben nichts auf solche Jenseitshoffnungen. Wir glauben nicht an ein Judentum als Dokument, sofern nicht dahinter jene Menschen lebendig am Werke bleiben, deren Geist einst die Urkunde empfangen hat und deren Lebenssinn darin besteht, sich um ihrer Verwirklichung willen auch selbst 7u erhalten. Und deshalb sehen wir auf Palästina. Neben dem jüdischen Menschen, dessen Existenz wir nun allmählich auch dem Liberalismus begreiflich gemacht haben, ist Palästina das zweite schwere Problem, das wir ihm aufgegeben haben. Goldmann bewertet Palästina durchaus ernst und positiv. Da er aber damit gedanklich nicht fertig werden kann, sucht er zwischen dem Nationalismus der Diaspora, den er wortreich und papieren nennt, und Palästina selbst einen Gegensatz zu konstruieren, muß aber im gleichen Atem zugeben, daß es der Ideenkreis eben dieses papierenen Natio nalismus war, der im wesentlichen Palästina geschaffen hat. Was wortreicher und unwirklicher ist: ob unsere lebendige Tat in Palästina oder die liberale Synagoge — das zu entscheiden, können wir getrost der Geschichte überlassen. Im übrigen aber wollen wir diese Verlegenheitswendungen Goldmanns nicht sehr tragisch nehmen. Er steht wirklich vor einer unlösbaren Aufgabe. Als ein Mensch, dem es sicher heiliger Ernst ist mit allem Jüdischen, kann er unmöglich ganz an unserem Denken und unserer Leistung vorübergehen. Und nun ist er genötigt, diese neuen Erkenntnisse dem alten Gedankensvstem des Liberalismus einzugliedern; sie lassen sich nicht eingliedern. Sie wirken auf dein alten Gebäude des Liberalismus wie die neue Linie des modernen Ladens, die einer verschnörkelten Fassade unorganisch und unvermittelt aufgesetzt wird. Goldmanns Buch wird einst historisch interessant sein als Dokument für eine peinliche Uebergangssituation des jüdischen Liberalismus. Ein schwarzer ffldtseher Legionär Die Teilnehmer der Zionistischen Jahreskonferenz in London 1920 erinnern sich gewiß noch des schwarzen Soldaten in englischer Kakhi-Uniform, der zusammen mit anderen Mitglicdern der damals gerade in Auflösung begriffenen jüdischen Legion die Funktion des Saalordners ausübte. Dieser schwarze jüdische Legionär muß offenbar identisch sein mit dem Verfasser eines Buches ״An African Savage’sOwn Story“ namens Lobagola, das als Nr. 4960 in der Tauchnitz- Edition, Leipzig, erschienen ist. Wenn man das Buch liest, ist man freilich nicht ganz sicher, ob es sich um eine gewollte Satire oder um eine phantastische Ausschmückung teilweise wirklicher Erlebnisse handelt, Das Buch ist voll der skurrilsten Einzelheiten über das angebliche Leben der Wilden und über des Verfassers eigenes Leben und seinen Werdegang. Er behauptet, daß er zu einem jüdischen Stamm gehöre, der inmitten der Fetisch-Anbeter an der Westküste Afrikas heimisch ist. Diese Juden, die sich ״Bnei Ephraim“ nennen und die Thora, aber nicht den Talmud besitzen, sind angeblich nach der Zer- Störung des Tempels nach Marokko gekommen und von dort aut einer beschwerlichen Wüstenwanderung quer durch die Sahara, die drei Generationen dauerte, in Timbuktu eingetroffen, von dort nochmals drei Tage lang nach Süden gewandert und haben sich dann in der Wildnis niedergelassen. Dies und noch vieles andere wird dem gegenwärtig 2000 Mitlieder zählenden Stamm von seinen Rabbinern überliefert, ln en äußeren Sitten und Lebensgewohnheiten scheinen aber diese Juden, obwohl sie die jüdischen Feste feiern, vollständig den Lebensgewohnheiten der Wilden angepaßt zu sein, so z. B. erzählt Lobagola sehr amüsant die Heiratszeremonien, unter welchen er im Alter von elf Jahren sechs Frauen an einem Tag heiraten mußte. Lobagola kam später auf vielen Irrwegen nach Amerika, nachdem er in England wegen eines kleinen Deliktes bestraft worden war, hielt in Amerika Verträge und ließ sich noch mancherlei zuschulden kommen. Nach Kriegsausbruch wollte er zuerst in die amerikanische Armee aufgenommen werden. Als er jedoch als vorbestrafte Person zurückgewiesen wurde, kam er auf den Gedanken, sich der j ii d i - sehen Legion anzuschließen, für die damals in den Synagogen in New York Propaganda gemacht wurde. Lobagola sagt bei dieser Gelegenheit Von sich, er sei seiner jüdischen Abstammung nicht ganz sicher, gehöre aber doch zur jüdischen Religion. Er tritt in Verbindung mit der Zionistischen Organisation und wird ein Agitator für die jüdische Legion. In ganz New York hält er in Schulen, Synagogen und an Straßenecken Propagandavorträge. Schließlich wird'er selbst eingereiht und geht über Kanada und London nach Palästina ab. In der jüdisehen Legion scheint er nicht sehr beliebt gewesen zu sein, wenigstens beschwert er sich über schlechte Behandlung. Nach Kriegsende hält er zunächst in Palästina Vorträge in einem katholischen Kolleg, wird aber dann als demobilisiert nach Engiand zurückgeschickt, wo er ein Gesuch einreicht, wieder nach Palästina gehen zu dürfen, was auch bewilligt wird. In Pa- Kstina tritt er dann zur katholischen Kirche über. Schließlich kehrt er nach Amerika zurück. Diese Autobiographie ist sicherlieh ein verblüffendes und überdies ein fast spannendes Buch, das in keine der gewohnten Kategorien einzureihen ist. Als Grundlage folkloristischer oder ethnologischer Erkenntnisse wird es wohl nicht dienen können. Aber einiges, was er aus seinem späteren Leben und über seine Verbindung mit der jüdischen Legion erzählt, mag doch wahr sein. Jabotiasky selbst hat kürzlich in einem Artikel bestätigt, daß Lobagola in der Legion gedient hat. So erhalten wir hier eine lllustration der eigentümlichen wirren und abenteuerlichen Verhältnisse, die während der Kriegszeit auch das jüdische Leben er* schüttert haben. sch.