Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 29 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 182 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 17. tV. 1031 Gegen die ״Krypto-Revisionisten“ Scharfe Abrechnung Wdtmumt mit den Allgemeinen Zionisten Palästinas Am 29. März fand im Klubraum der Allgemeinen Zionisten >״ Tel-Awiw eine Zusammenkunft der Allgemeinen Zionisten l'alistinas mit Dr. Weizmann statt, an der etwa 50 Personen aus <Jen führenden Kreisen der Allgemeinen Zionisten teilnahmen. Die Veranstaltung, über die im ״Haaretz“ ausführ- I di berichtet wird, verdient besonderes Interesse, weil Dr. Weizmann die Gelegenheit benutzte, um mit seinen palastiriensischen Gegnern abzurechnen, die insbesondere während der letzten Londoner Verhandlungen mit der Regierung die Politik der Exekutive dauernd durchkreuzt und ihn selbst mit Kundgebungen des Mißtrauens überschüttet haben, ln der Rede Weizmanns machte sich die Verbitterung über diese Haltung der Allgemeinen Zionisten Palästinas Luft. W|r folgen hier dem Bericht des Haareiz“, gemäß dem die Versammlung folgenden Verlauf nahm. Den Vorsitz führte Dr. Mossinson, der in seiner Eröffnungsrede auf die innere Zerrissenheit der Zionistischen Organisation als das schwerste Uebel hinwies. Darauf sprach Supraski über die Fragen der Einwanderung und Kolonisation. Die gegenwärtige Krise, die schlimmer sei als die vor-!1ergehenden, sei auf den Stillstand der Immigration zurückzuführen. Man müsse mit aller Energie eine Einwanderung des Mittelstandes betreiben, wofür gerade jetzt angesichts der Wirtschaftskrise in der ganzen Welt die Bedingütigen günstig seien. E. B er Hg ne sprach über die politischen Fragen. Er versuchte zu rechtfertigen, warum der Waad Leumi den ihm reservierten Platz in der Politischen Kommission nicht besetzt hat Man habe befürchtet, daß der Vertreter des Waad Leumi dort überstimmt werden wird, und man wollte sich die Möglichkeit wahren, daß, wenn die Leitung in London zu Konzessionen genötigt sein wird, der Jischuw später dagegen auf trete n kann, weil er an den Verhandlungen unbeteiligt war. In der Frage des Gesetzgebenden Rates könne der Jischuw auch einer Volksvertretung, die aus einem Drittel Araber, einem Drittel Engländer und einem Drittel Juden bestünde, nicht zustimmen, weil man sich auf die Engländer nicht verlassen könne. Wenn man den Gesetzgebenden Rat aufoktroyieren wird, wird sich der Jischuw daran nicht beteiligen. Der Redner führte weiter aus, daß der Jischuw das Vertrauen zur Mandatarmacht verloren hat und daß zur Wiederhersfellusg des Vertrauens eine vollkommene Umgestaltung der Administration in Palästina und eine Ersetzung der gegenwattigen Beamten durch neue erforderlich wäre. Weltmann» Antwort Weizmann antwortete in einer ausführlichen Rede, wobei er zunächst den Vorwurf zurückwies, als habe er kein Verttändnis für die Bedeutung des Mittelstandes. Die Arheiterschaft sei aber besser organisiert und darum ein größerer Machtfaktor. Auch der Mittelstand müßte sich organisieren. Die Allgemeinen Zionisten haben hierfür nicht das geringste getan. Ueberhaupt haben sie in der letzten Zeit nichts Po&itives geleistet, sondern sie haben sich — mit einigen Ausnahmen — im Schlepptau der Revisionisten bewegt. Die Haltung der Allgemeinen Zionisten falle schwer in? Gewicht, denn sie sind das Rückgrat der Bewegung. Und wenn sie früh und mittag und abend nichts tun au schreien, daß alles zusammenbricht, daß die Leitung Schwäche -zeigt...und sogar Verrat trefbty wie kann nrin sIcB Afr - .wundern, wenn die ganze Oeffentlichkeit in Verwirrung gertt" und ihre Kraft wirklich erschlafft! Wie soll der Mittelstand ein wandern, wenn man ihm ununterbrochen erzählt, daß man kein Vertrauen haben dürfe, weder zur Regierung des Landes, noch zu der Regierung, die Ihr selbst buch gewählt habt? Die jetzige Lage ist eine Folge der Verwirrung, die wir selost geschaffen haben. Vielleicht wird das Vertrauen jetzt zurückkehren. Leicht ist die Sache nicht Immer ist es leichter zu zerstören als aufzuhauen. Die Allgemeinen Zionisten selbst haben den Allgemeinen Zionismus zerstört. Mit vielen von Euch stehen wir zusammen seit 40 Jahren in der Front Und plötzlich haben alle den Kopf verloren. Mail schreit: Es ist hoffnungslos, man »11 keine Ver- Handlungen mit der Regierung führen. So etwas kann man kurze Zeit sagen, aber doch nicht in alle Ewigkeit. Wir leben doch und arbeiten in Palästina und müssen dort arbeiten. Sogar wenn man das Weißbuch abschlachten will, muß man es doch zuerst packen. Ich verstehe ganz gut die Haltung des Waad Leumi. Er kann abseits stehen und sagen: Salvavi animan meam. Aber was ich nicht verstehe, ist, warum die Weisungen des Vorsitzenden des Waad Leumi auf dem Umwege über Amerika und nicht direkt aus Jerusalem kamen. (Dies ist eine Anspielung darauf, daß Ruthenberg, der Vorsitzende des früheren Waad Leumi, während der Londoner Verhandlungen mit der englischen Regierung seine Beziehungen zu Braadeis und Felix Warburg dazu benutzte, um durch ihre Vermittiung die Politik der Exekutive in London zu beeinflussen. — A. d. R. ״J. R.“) Ich verstehe sehr gut die Unzufriedenheit, auch ich selbst fühle sie. Aber manchmal muß man auch eine Wut hinunterwürgeji und Weiterarbeiten. Wenn Sie glauben, daß es mir leicht war, mit der Regierung zu arbeiten, dann irren Sie sich. Aber ich konnte nicht anders. Wir müssen mit ihr Weiterarbeiten. Zehn Jahre habe ich mit dem Colonial Office gearbeitet, und dann brach ich die Beziehungen ab und war sieben Monate nicht dort Erst vor drei Wochen war ich zürn ersten Male wieder im Kolonialatnt. Man hätte schon vor einigen Jahren England den Krieg erklären können, schon vor 5 -6 Jahren war Grund genug dazu, aber ich habe es zu vermeiden gesucht, solange die Möglichkeit der Aufbauarbeit gegeben war. Ich wußte, daß es zum Kampf kommen wird, aber ich dachte, es sei besser, daß man ihn uns autzwingt, als daß wir ihn beginnen, und daß wir inzwischen im Lande starker zu werden versuchen. Schließlich hat man uns gezwungen. Wir haben den Kampf in Ehren geführt. Es war ein schwerer Kampf. Die engliscne öffentliche Meinung verstand nicht die Tragweite des weißhuehes, und erst durch meinen Rücktritt ist man aufmerksam geworden. Hätte ich dasselbe vor 5 oder 6 Jahren getan, bitte cs nicht diese Wirkung gehabt. Wir hatten damals noch nicht den moralischen Kredit, den gerade unsere vorsichtige und loyale Haltung in all den Jahren uns geschaffen hat. Nicht Hysterie ist ein Zeichen von Kraft. Weizmann schilderte sodann den Gang der Verhandlungen mit der Regierung, die zu dem MacDonald-Brief führten, etwa in demselben Sinne, wie er es auch im Waad Leumi getan hatte. Wenn wir auf Gegnerschaft stoßen, sagte er, so soll man nicht gleich von Antisemitismus reden. 111 der Unterhaus-Debatte sprach man über das Judentum in solchen Tönen, wie wir es noch selten aus diristlichem Munde im Verlaufe unserer Qaluthgeschjchte gehört haben. Wer so von den Judep spricht, kann nicht des Antisemitismus beschuldigt werden. Es scheinen hier tiefere Gründe vorzuliegen. Unsere Sache ist so kompliziert und präzedenzlag, daß es äußerst schwer ist, sie den anderen begreiflich zu machen. Auch viele Mitglieder der Regierung verstanden uns nach nicht Manche sagen, dies sei nur die Schuld der Exekutive, die nicht genügend Aufklärungsarbeit treibe. Aber Mac Donald und Henderson haben anderes zu tun und können unsere Bücher nicht lesen; nur was hier im Lande wirklich geschieht, wird sie belehren. Hier liegt der ganze Schwerpunkt. Die Sache hingt nur von uns ab. Vor zehn Jahren habe ich gefragt: Jüdisches Volk wo bist Du? Nur ein kleiner Teil des Volkes hat geantwortet. Wäre das ganze Volk gekommen, dann hätte man uns verstanden. ich bin dem Kampfe nicht aasgewichen. Ich habe gegen jedes Unre.ht und gege.t jeden unrechttuenden Beamten gekämpft. Unsere Archive beweisen das. Manchmal habe ich Erfolg gehabt, manchmal — in der Mehrzahl der Fälle — nicht. Dieser Kampf mußte im stillen geführt werden, zu einem öffentlichen Kampf war nicht der Platz. Bis heute sehe ich keinen anderen Weg der politischen Arbeit. Vielleicht gibt es fähigere Menschen, welche durch andere Mittel mehr erreichen werden. Ich bleibe bei meiner Ansicht: Wir müssen erstens hier im Lande mächtig werden und zweitens uns mehr und mehr die Sympathie der Welt gewinnen. Wer immer nur schreit ״Der Wolf kommt“, dem glaubt man nicht, wenn der Wolf wirklich kommt. Auch über die Frage des Legislative Council sprach Weizmann im selben Sinne wie itn Waad Leumi. Alle Bedenken des Jischuw habe er der Regierung gegenüber verfochten. Den versammelten Zionisten jedoch müsse er sagen, daß wir in dieser Sache nicht auf die Dauer einen rein negativen Standpunkt einnehmen können. Es wäre möglich, daß auch der Völkerbund uns zu einer anderen Haltung zwingt. Im Augenblick jedoch sei die Frage nicht aktuell. Was die Haltung der Beamten im Lande betrifft, so müssen wir fordern, daß besondere Richtlinien für den palästinensischen Verwaltungsdienst ausgearbeitet werden. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen zu dieser Fragf wies jedoch Dr. Weizmann darauf hin, daß wir selbst nicht ganz unschuldig sind an den unfreundlichen Beziehungen, die sich zwischen Juden und englischen Beamten herausgebildet haben. Vielleicht verstehen wir nicht die Mentalität der englischen Beamten und wissen nicht, wie man mit ihnen verkehren muß. Bedauerlicherweise aber ist es soweit gekommen, daß jeder Jude im Lande heute als an ti britisch gilt. Dies ist freilich nicht richtig, aber wir müssen uns hüten, einen derartigen falschen Eindruck zu erzeugen. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß eine scharfe Agitation gegen uns geführt wird, der die Engländer um so leichter erliegen, wenn sie unsere Haltung nicht vollständig verstehen. Weizmann gab der Versammlung zu bedenken, ob der Waad Leumi seine Haltung gegenüber den LondonerVerhandtun gen nicht revidiere« und von nun an an den Beratungen der Politischen Kommission tejlnehraen wolle. Man dürfe nicht taktische Momente über die sachlichen Interessen stellen. Der Vorwurf des ״Verrats“ Zum Schluß sagte Dr. Weizmann: Sie werden jetzt eine neue Leitung bekommen und einen neuen Prisideuten. Ich wünsche Ihnen viel Glück dazu. Ich erfülle jetzt meine letzte Pflicht und gehe nach Amerika. Viele von Ihnen haben mir die Arbeit recht schwer gemacht Nicht nur Sie Jjattä1״-vieL.-zu-leiden, sondern auch ich. Aber n}cht in einer heroischen Gälte liegt unsere Rettung. Wir brauchet! Arbeit, System, Geduld, manchmal Schläge zu ertragen und aut bessere Zeiten zu warten. England hat uns gegenüber nicht recht gehandelt. Aber Ihr habt mir gegenüber nicht recht gehandelt. Zur Zeit der großen Sünden des Weltkrieges war in meinem Herzen das erhebende Gefühl: Qas Volk Israel weiß, was Gerechtigkeit ist, die Juden sind nicht vergiftet von den Methoden des Chauvinismus. Und heute sind Tage gekommen, da ich einsehen muß, daß dies eine Täuschung war und daß auch wir diese Lehre anenommen haben. Der Unterschied ist nur der, daß jene die acjjit haben und wir nicht. Unsere Macht kann nur darin bestehen, daß wir uns den verlogenen Phrasen nicht zuwenden. Wenn wir den Weg des Rechtes verlassen, dann sind wir verlassen. Ich mußte das Wort ״Verräter“ hören, aber es könnte sein, daß dieses Wort mir zum Ehrennamen wird. An Weizmajins Rpde schloß sich noch eine kleine Diskussion an, in der eine ganze Reihe von Anwesenden Fragen stellten, die Weizmann beantwortete, worauf die Versammlung mit einem Dankeswort von Dr. Mossinson geschlossen wurde. Landeskonferenz von Etil Liwnoth Warschau, 14. April. (J. T. A.) In Warschau wurde am Montag, dem 13. April, die Landeskonferenz des Verbandes der Allgemeinen Zionisten Polens, ״Eth Liwnoth“, In Anwesenheit von 80 Delegierten aus allen Teilen des Landes eröffnet. Die Hauptreferenten der Tagung waren Dr. Gott lieb, Redakteur Heftmann, Hindes ., Levite und Zeitiin. Die Redner erhoben heftige Angriffe gegen die P o 1 i t*i k der Zionistischen Exekutive unter Führung Dr. Weizmanns, sprachen sich gegen die Verständigung mit der Labour-Regierung aus und warfen der Londoner Exekutive Mange! an Verständnis für das Problem der Mittelstandskolonisation vor. An die Partei wurde der Appell gerichtet, den Kampf gegen die Zersplitterung im Zionismus aufzunehmen. Nach einer längeren Debatte, in der einige Redner die Weizmannsche Politik verteidigten und die Rückkehr der Vertreter von Eth Liwnoth in den polnischen Parteirat forderten, wurde eine Resolution angenommen, in der der Austritt der Vertreter von Eth Liwnoth aus dem zionistischen Parteirat gebilligt wird. Ferner wurde beschlossen, den Delegierten von Eth Liwnoth auf dem Zionistenkongreß die Weisung zu geben, sich für eine großzügige Palästina-Kolonisation, insbesondere eine Mittelstandskolonisation und die Schaffung einer Industriebank und einer Hypothekenbank, einzusetzen. Schließlich erhob die Konferenz Protest gegen den § 20 der Wahlordnung für die jüdischen Gemeinden Polens. Der Bahnhof von Haifa Er gehört der Witwe Laurence OUphants. Jerusalem, 13. April. (J.T.A.) Das Bodengericht hat ein Grundstück von 15 Dunam, aut dem die Eisenbahn- Station von Haifa errichtet ist, der Witwe des im Jahre 1888 verstorbenen berühmten englischen Novellisten und Christliehen Vorläufers des Zionismus, Laurence Oliphant, Mrs. Templeton, zugesprochen, obwohl des Grundstück im Jahre 1893 auf den Namen der türkischen Regierung registriert worden war. Mrs. Templeton erhebt nunmehr nach Abschluß ihre« langwierigen Prozesses gegen die Palästina-Regierung hohe Ersatzansprüche für das Grundstück. Zeitschriften - Schau In der ״Neuen Rundschau“ (Verlag S. Fischer) ver■ öffentlich! Wilhelm Hausenstein eine sehr beachtenswert Artikelserie über ״Europäische Städte“. Der Kunsthistoriker Hausenstein beschäftigt sich naturgemäß vor allem mit dem architektonischen Stadtbild, aber er läßt den sich darin ausdrückenden Geist und Stil aus der Darstellung seiner soziale.- gischen Grundlagen hervorwachsen. Im letzten April-Heft be schreibt er die Stadt Prag, diese großartige Schöpfung 814viseher, italienischer, deutswer und jüdischer Geistesniiscnung Dabei widmet er einen besonderen Abschnitt dem Prager Judentum. Heute befindet sich auch diese Stadt in dem Uebergang zur großstädtischen Uniformierung, aber das Käthelisch« und das Jüdische, die hier nahe beisammenstehen, sind nicht auszulöschen. Die Altneu-Synagoge mit ihren gotischen Kreuzgewölben hat christliche Bauformen, dennoch kann e1 kaum etwas Jüdischeres geben, als diese Synagoge. ״Ihre Atme- Sphäre ist auf eine wahrhaft hintergründige Weise jüdisch, Hausenstein wendet sich auch gegen die Verstümmelung de־ im Herzen der Stadt liegenden alten Judenfriedhofes, von dem ein Stück den Bedürfnissen des ״Verkehrs“ zum Opfer ״ Man geht, von einer so nie erlebten und derart gewiß nie wieder zu erlebenden Schwermut heimgesneht, einer Schwermut, die schon über dem Schicksal steht, auf den planlosen Wegen des Friedhofs umher... Sieht man nachher im Jüdischen Museum die Köpfe der alten Rabbiner, Köpfe, die zugleich di<* letzte menschliche Einfachheit und eine verschwiegen heroische Geistesgröße bezeugen, so versteht man freilich, aus der Tief!־ des Jüdischen heraus, die ungeheure Beharrung, die sich im Jüdischen dem Pragertum mitgeteilt hat... Iefi suche nach einem Gleichnis und möchte sagen: Das Jüdische und Prag sind miteinander ein Synkretismus, wie das Jüdische und da׳ Holländisch-Germanische in Rembrandt, dem Bewohner der Jodenbreestraat, ein Synkretismus sind. Prag hat, so gesehen, etwas mit Amsterdam, etwas mit dem Holland des Spinoza pi tun. Nur daß die Einheit mit dem Jüdischen dort die Sache einer Seehandelsstadt ist und hier, in Prag, die Sache eine־ zähen festländischen Daseins .. * im April-Heft der ״Deutschen Rundschau“ wird die in dieser Zeitschrift begonnene Auseinandersetzung über die Judenfrage, über deren Beginn wir in Nr. 1 < der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet haben, durch drei weitere Beiträge fortgesetzt. Max Naumann vertritt den bekam!- ten Standpunkt der nationaldeutschen Juden mit seiner Einteilung der Juden in Nationaldeutsche, Nationaljüdische und Zwischenschicht. Nach seiner Meinung liegt der wahre Grund des Antisemitismus in der bewußten und überheblichen Selbstabschließung der Juden gegenüber der Umwelt Nach der Emanzipation sei ein geistiger Libertinismus entstanden, der sich in jenem Kunstbetrieb geltend macht, von dem Dr. Fechter in dem einleitenden Aufsatz dieser Diskussion gesprochen hat. Naumann meint, daß der Antisemitismus Tausende von ,,Verbitterungsjuden“ züchtet und daß daher gegenseitig:־ Rücksichtnahme nicht nur auf sachlich berechtige, sondern auch auf nur verständliche Gefühle nottut. — Der zweite Beitrag stammt von unserem Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter Arthur Prinz. Im Gegensatz zu Naumann betont Prinz, daß an dieser Stelle ״schon aus Oründen des Geschmacks innerjüdische Polemik vermieden werden soll“. Aber er weist darauf hin, daß gerade von einem ganz anderen Standort als dem der nationaldeutschen Juden, nämlich vom Standpunkt des se in e r Absta m m ung .u nd - Art freudig b e - wußten Juden, die These Fechters weitgehend bejaht werden kann. Gerade der Zionismus habe die Juden gelehrt, ״die Tatsache ihrer Abstammung und Sonderart mit einem tiefen und leidenschaftlichen Amor fati zu umfassen, der an den Naturgrundlagen des eigenen Wesens nicht zu ändern, sondern nur auf ihnen das rechte und angemessene Lebe״ aufzurichten wünscht“. Eine krampfhafte Assimilation kan« nur zu einem inneren Bruch der Persönlichkeit, zu Unechtheit. Unfruchtbarkeit und Verfälschung führen. ״Trotzdem wissen auch wir, wie tief wir deutscher Kultur verhaftet sind. Ist es doch bezeichnend, daß selbst die Rückkehr zum bewußten stolzen Judentum sich unter dem starken Einfluß der deutschen Philosophie vollzogen hat; es ist nicht schwer zwischen Buber־ Reden über das Judentum und Fichtes Reden an die deutsch" Nation Zusammenhänge zu finden. Wollen wir im Jüdischen ernst und wahrhaftig sein, so ist es schwer möglich, daß wir dem Deutschtum, das uns teilweise fremd und zum Teil ganz nah vertraut ist, ohne tiefe Ehrfurcht gegenüberstehen.“ S : peinlich gerade für innerlich vornehme Juden jedes ״Abrücken“ ist, so ergibt sich doch aus dem Gesagten, wie wir zu jenen Juden stehen, die das Deutschtum und seine Gcschichte beschmutzen. Die meisten dieser Juden sind übrigen־ auch dem Judentum gegenüber nicht minder eifrige Hasser. Me Spannung zwischen Juden und Deutschen läßt sich zwar nicht mechanisch aus der Welt schaffen, aber sie sollte statt destruktiv zu wirken, als ein Element fruchtbarer Belebung gestaltet werden. — Paul Fechter schließlich erwidert auf die in der ״J. R.“ vom 10. März gleichfalls zitiert״ Aeußcrung der ״Literarischen Welt“, die durch statistisch; Angaben seine Behauptung von der beherrschenden Stellung der Juden im Kunstbetrieb widerlegen wollte. Fechter ist der Meinung, daß diese Statistik unrichtig war und kommt atu Grund seiner neuerlichen Behauptungen zu wesentlich anderen Resultaten als der Einsender in der ״Literarischen Welt“. * 111 der ״Europäi sehen Revue“ April-Heft, gibt Leo Matthias Impressionen von einer Reise im Vordere* Orient, worin er die Europäisierung der arabischen Linder und die sich daraus ergebenden kulturellen Konflikte sc hüdert. — In demselben Heft bespricht das deutsche Mitglied der Mandatskommission, Julius Kuppel, unter der Ueber• schrift ״England und Palästina“ das gleichnamige 1יי von Josef Cohn. Ruppel rühmt das Buch als eine solide wissenschaftliche Arbeit von bemerkenswerter Objektivität und Selbständigkei des Urteils. Es wird sodann der Oedankenga׳״! des Buches wiedergegeben und die große Leistung der Juden beim Aufbau der jüdischen Heimstätte hervorgehoben. * In ״Palestiae and Near East“ veröffentlicht Heinrieh Margulies eine Studie ״Palästina-Finanzen und Einkommensteuer“. Er zeigt, daß die bis Anfang 1930 glänzenden Regierungsfinanzen (ueberschuß Ende 192;: 773000 Pfund) sich im Jahre 1930 trotz weiterer Steigerung der Einnahmen zwar verschlechtert haben, well die Ausgabe״ in unsparsamer Weise vergrößert wurden und Palästina in unf' י״. ' ' Regierung keine besonderen Aiaßnahmen verlange und ne1״’ Steuern nur zur Thesaurierung von Geldmitteln in de״ Regierungskassen führen würden. Ohnedies bewirkt jüdische־ Kapital und jüdische Einwanderung eine solche Entwicklung Eine Einkommensteuer würde keine wesentliche Eh'־ nähme für die Regierung bedeuten, wäre dagegen eine ung- rechtfertigte Belastung der Städte und vor allem 0(( Juden.