Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 29 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20, 17. IV. 1631 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite!83 Zum Thema: Abwehrarbelt Auf eine noch unaufgeklärte Weise ist vor einiger Zeit leider ein vertrauliches Protokoll einer Sitzung des Landes- Vorstandes der Z. V. f. D. vom Oktober vorigen Jahres in den Besitz nationalsozialistischer Kreise gelangt und auszugsweise im ״Völkischen Beobachter“ veröffentlicht worden. Wahrscheinlieh wurde das Dokument entwendet und es scheint, daß in dieser Zeit niemand vor derartigen Bübereien sicher ist. In der Sitzung, über die das Protokoll berichtet, hat sich der Undesvorstand mit dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland beschäftigt und begreiflicherweise haben eine Reihe von Rednern die üblichen Methoden der Abwehrarbeit, vor allem die Tätigkeit des Central-Vereins, scharf kritisiert Es wurde darauf hingewiesen, daß der Ausgang der Reichstags׳■ wählen vom 14. September einen Beweis dafür bietet, wie resultatlos die jahrzehntelange Abwehrarbeit des C.-V. gewesen ist. Die zionistischen Redner sind natürlich weit davon entfernt, den C.-V. für das Anwachsen des Antisemitismus verantwortlich zu machen; wir wissen, daß die Reaktion der Umwelt auf die durch die ungelöste Judenfrage gegebenen Probleme nach bestimmten Oesetzen verläuft, und daß gegenüber der instinktraißig hervorbrechenden Leidenschaft einer Massenpsychose die Mittel einer verstandesmäßigen Aufklärung versagen. Vor allem aber ist festzustellen, daß die bekannte Art der Loyalitits- Beteuerungen, die von Juden selbst ausgehende dauernde Versicherung ihrer eigenen Harmlosigkeit keinen Gegner überzeugt, dagegen der eigenen Seele schweren Schaden zufügt Das Anwachsen oder Abflauen des Antisemitismus vollzieht sich ganz unabhängig von der Tätigkeit des C.-V., und daher halten wir das für diese Art Abwehr aufgewandte jüdische Geld zum großen Teil für vergeudet Nach unserer Meinung würde es sich darum handeln, das Problem des Antisemitismus ernster zu nehmen als es bisher in den von veralteten Ideen der Emanzipationszeit beherrschten Kreisen des C.-V. geschieht Man müßte erkennen, daß die alten Theorien eines stetigen Fortschrittes der Menschheit, der automatisch auch den Antisemitismus beseitigen wird, ein naiver Irrtum waren, und daß es angesichts der harten Wirklichkeit, nach all den Erfalirangen des letzten Jahrzehnts, unzulässig ist, aus innerer Bequemlichkeit an solchen Theorien festzuhalten. Auf diese Weise geht es nicht, und niemand hat das Recht, das bedrohte jüdisehe Volk weiter mit solchen Beruhigungsmitteln einzuschläfern und dadurch seine Organisierung zu eigener Aktivität und zu entschlossener Selbsthilfe zu verhindern. In diesem Sinne wurde auch in der erwähnten Sitzung an der Tätigkeit des C.-V. Kritik geübt, in dem Wunsche, im Interesse des bedrohten deutschen Judentums neue Wege positiveT jüdischer Arbeit unter Mitwirkung aller jüdischer Kreise zu finden. Die Beschränkung auf eine gesinnungsmäß ig umgrenzte Gruppe scheint uns nicht im Interesse deT Abwehrarbeit zu liegen. Nach dem Debacle des 14. September bestand auch in einem Teile der zionistischen Kreise die Hoffruing, daß sich im C.-V. die Einsicht durchsetzen wird, daß cjn Zusammenschluß aller jüdischen Kräfte angestrebt und neue Methoden erprobt werden müssen. Diese Fragen waren der Gegenstand jener Oktober-Sitzung des Landesvorstandes der Z.V.!. D. Die ״CriV.-Zeitung“ hat in ihrer Nummer vom 13 ,März sich mit den Veröffentlichungen des .;,V&liffscliea Beobachters“ auseinandergesetzt und mit Recht darauf hingewiesen, daß es 'ich hier keineswegs um ״Enthüllungen" handelt, da die ablehnende Haltung der Zionisten gegenüber der Abwehrarbeit des C.-V. b e k a n n t sei und auch die Nationalsozialisten, wenn sie sich dafür interessieren, sich hierüber aus der ,Jüdischen Rundschau“ hätten informieren können. Der C.-V. hält selbstverständlich die Kritik, die in den betreffenden Reden an ihm f'eübt wurde, für unberechtigt. In Anbetracht der Art und Weise, wie diese zionistischen Aeußerungen ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind, halten wir es für richtig, aus naheliegenden Gründen nicht weiter auf diese Dinge ein zuketten. Wir möchten nur betonen, daß auf Seite des ״Völ- ,rischen Beobachters“, der die Inferna der innerjüdischen Diskussion nicht kennt, eine Reihe von Mißverständnissen unterlaufen sind. Z. B. wurde von keinem zionistischen Redner bchauntet, daß die Millionen Mark, die für die Wahlen ausgegeben wurden, Geld des C.-V. waren. Aber was den Tenor dieser Kritik betrifft, so kann uns natürlich auch die bedauerliehe Art der erfolgten Veröffentlichung nicht daran hindern, an unserer grundsätzlichen Auffassung festzuhalten. Wir müssen dies um so entschiedener tun, als der C.-V. in der gewiß berechtigten Hoffnung auf unsere Loyalität und Solidarität gegenüber der feindlichen antisemitischen Welt sich Ober unsere Einwände hinwegsetzen zu können glaubt und auch noch aus seinen Mißerfolgen Ruhm schönfen will. Im Rahmen des Preußischen Landesverbandes haben die Führer des C.-V. mit ihrer eigenen Gefolgschaft eine Resolution angenommen, mit der sie sich selbst die großen Verdienste des C.-V. attestieren. Die Resolution segelt unter der Flagge des Landesverbandes, wurde aber faktisch nur vom C.-V. selbst beschlossen, dessen Angehörige Innerhalb des Landesverbandes die Maiorität haben. Die nicht dem C.-V. angehörigen Mitglieder des Landesverbandes, Insbesondere die!üdische Volkspartei, haben dagegen gestimmt. Ein Dankesvotum an eine Organisation könnte aber doch nur dann von Wert sein, wenn es von jemand anderem als der Organisation selbst beschlossen wird, ln diesem Falle ist leider nichts anderes als eine Komödie herausgekommen. Die Folge dieser Taktik des C.-V. ist für uns klar. Wenn der C.-V. sich dagegen wehrt, den gewählten Organen der preußischen Judenschaft ihr natürlichstes Recht, nämlich die Vertretung der jüdischen Interessen gegenüber dem Staate und der Gesellschaft zuzugestehen, dann haben wir eben überh aypt keine politische Repräsentation der preußischen iuden, sondern die politische Aktion innerhalb Deutschlands löst sich auf in eine Reihe von Gruppenaktionen, bei denen jeder Verband natürlich nur für seine eigenen Mitglieder zu snrechen und Politik zu machen legitimiert ist Auch die Ziönistische Vereinigung hat nun das unbestreitbare Recht erworben, auch ihrerseits nach ihren Grundsätzen und nach ihrem Gutdünken jüdische Politik in Deutschland mit demselben Anspruch wie der C.-V. zu fuhren. Um Mißverstandnissen vorzubeugen, sei noch betont, daß der Antrag der jüdischen Volksnartei im Landesverband keineswegs beabdehtigte, die Existenz des C-V. anzutasten; seine Abwehrwheit, soweit sie Rechtsschutz ist, sollte er ungestört fortführen. Aber die Frage der politischen Reprisen- 1 a t i 0 n der preußischen Juden Sollte im Sinne einer wirkliehen Zusammenfassung gelöst werden. Der C.-V. wollte es anders, obwohl er selbst Im Landesverband die Werte -Ahlten des Ken» Haiessod In Berlin Aul Beschluß des PrSsldlums des Deutschen Keren Hajessod beginnt to den nächsten Tagen in Berlin eine großzügig angelegte Werbeaktion für den Keren Hajessod, die dem Pallstlnagedanken und dem Palästinawerk neue Freunde und Förderer zuführen soll• Zum ersten Male soll hier der Versuch gemacht werden, ln einer auf wenige Tage konzentrierten Besuchsaktion ausschließlich durch ehrenamtliche Helfer den Kreis der Freunde des Palästlnawerkes zu erweitern, und es kann mit Genugtuung festgestellt werden, daß sich auf den Appell des Keren Hajessod- Präsidiums hin mehr als hundert Mitglieder und Freunde des Keren Hajessod für diese Aktion zur Verfügung gestellt haben. Der Keren Hajessod kündigt die Aktion ln der soeben erschienenen März-Nummer von ״Unser Werk“ an, die neben einem Aufsatz über die Industrie in Palästina und einem Artlkel des General von Schoenalch auch einige kurze Beiträge führender Jüdischer Persönlichkeiten in Deutschland enthält. Die Kundgebungen von Direktor Oscar Wassermann und Max M. Warburg (Hamburg) geben wir nachstehend in Faksimile wieder. # ״ ו, r> w י/ ■ * /1 ' - ן —• Mehrheit hat Da auf diese Weise die Möglichkeit einer vorhergehenden internen Prüfung der Aktionen wegfällt, so kann am allerwenigsten verhindert werden, daß von zionistischer Seite die Wirksamkeit des C.-V. mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgt wird, selbst auf die Gefahr hin, daß die bestehenden Differenzen durch unreine Kanäle auch bis zu den Nationaisozialisleri durchsickern, was wir gewiß bedauern. C.-V. und Natlonal|adenfnm Lieber die Art und Weise, wie sich ein Teil des C-V. — glücklicherweise nicht der ganze — die ״erfolgreiche“ Bekämpfung des Antisemitismus vorstellt, informiert eine Mitteihmg, die wir der ״Chemnitzer Gemeinde-Zeitung“ entnehmen: Der Vorstand der Ortsgruppe Chemnitz (des C.-V.) nahm folgende Resolution Georg Mecklenburg zur Vorlage an die demnächst hier tagende Landesversammlung und Weitergäbe an die Berliner Hauptversammlung an: ״Alle nationaljüdischen Bestrebungen, die eine Absonderung jüdischer und nichtjüdischer Menschen 11 erbeiführen müssen, droben die Juden aus dem deutschen Volk zu entwurze^ und dadurch die Emanzipationsrechte zu erschüttern. Wir beantragen daher: Die Leitung des C.-V. hat diesen Bestrebungen in aller Oeffentlirtikeit in schärfster Weise en*gegenrut^e‘en und in der C.-V.-Zeitung an hervorragender Stelle die Ideologie des jüdischen Volkstums gründlich zu widerlegen.״ Herr Mecklenburg, der schon auf der vorigen Haupfver- Sammlung des C.-V. einen ״Sieg״ über die palästinaframdiiche Gruppe des C.-V. errungen hat, glaubt also, durch Entfesselung des schärfsten inneriüdischen Kampfes der deutschen Judennot abhelfen zu können. In Wahrheit würde aut diese Weise das ganze deutsche Judentum in den Augen Außenstehender zu einem kläglichen Schausoiel der Selbst- Zerstörung. Die Methode, einen Teil der eigenen Gemeinschaft anzugreifen, um sich selbst zu empfehlen, wird niemandem Respekt einflößen. ״Das Experiment des Judentums". Am Sonntag, dem 12. April, sprach Ministerialrat Hans Goslar im Logenhaus im Rahmen der von der Jüdischen Gemeinde veranstalteten religiösen Vorträge über das Thema ״Das Experiment des Judentums". Ausgehend von der PeRach-Erzählung legte der Vortragende die Entwicklung des göttlichen Elements dar, durch das ein Sklavenvolk zu einem Volk gemacht werden soll, das in Gottesnähe ein L eben geistiger Leidenschaft führt. Das Gesetz, mit dessen Hilfe das Volk seine neue Bestimmung erfüllen soll, muß ihm zunächst aufoktroviert werden. Immer wieder wird die Sehnsucht nach den Fleischtönfen Aegyptens, nach geistiger Unverantwortlichlceit wach. Erst später empfindet das Volk das Gesetz als etwas Eigenes, aus ihm selbst Emnorgewachsenes. Die innige Verschlingung mit dem Gesetz hält den Einreinen im Mittelalter davon ab, durch Hinaustreten aus dem Ghetto äußerem Druck zu entgehen. Am Beispiel einer Reihe von Komplexen des Gesetzes, der Regelung des Geldwesens, der Ordnung der Bodentrage und des Sabbat״edankens wies sodann der Redner die lebensreformatorische Wirkung des Gesetzes nach. Den heute lebenden Juden, die ebenfalls Oaranten für das Gelingen des göttlichen Experiments sind, fällt die Autrmbe zu, zu zeigen, daß sie sich in geistiger und körperlicher Freiheit ebenso zu bewähren imstande sind, wie sich ihre Vorfahren in Zeiten der Not bewährt haben. — Die Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Dlsraell und der Orient Zum 50. Todestage Benjamin Disraelis (19. April 1931). Das Leben und Schaffen des Benjamin Disraeli, Lord Beaeonsfield, des Premierministers und. wie manche ihn nannten, des Diktators von England, das vor 50 Jahren zu Ende ging, ist dem Menschen von beute aus vielerlei Gründen kenne®־ wert: kennenswert für den Menschen, weil hier ein heroisches Leben an jedem scheinbar unüberwindlichen Hindernisse Immer mehr erstarkt, bis es zum von allem Anfang her erschauten Ziele gelangt; kennenswert für den Juden — zumat für den deutschnationalen Juden! — weil er hier lernen kann, wie ein überzeugter Stammesjude, der aus dieser seiner Ueberzeugung niemals ein Hehl macht, dennoch ein leidenschaftlicher englischer Patriot und Politiker sein kann. Kennenswert endlich für den Zionisten: denn in Disraeli zeigt sich wieder einmal die merkwürdige Erscheinung, daß das Gefühl von der ״Ewigkeit des Blutes״ sich auch in dem Juden durchsetzt, der längst dem Bckenntnis nach kein Jude mehr ist... Denn bekanntlich ward Benjamin Disraeli im Alter, da der jüdische Knabe Barmizwah wird, von seinem Vater dem Christentum zugeführt. Zu rechter Zeit erscheint darum gerade jetzt im Verlage ״Kedem“, Berlin, die sorgfältige und kenntnisreiche Arbeit von Boris Segalowitsch, ״Beniamin Disrae'is Orientalismus‘־. — Der Verfasser geht von der klar erfaßten These a®, daß ״die Tatsache, daß Disraeli nicht nur von Juden abstammt, sondern zeit seines Lebens im Banne dieses Schicksals gestanden hat, immer mehr in den Mittelpunkt seiner Biographie gerückt werden muß״. So untersucht er denn folgerichtig zunächst den Orientalismus, wie er sich in Disraelis eigener Persönlichkeit im Kontrast zur englischen Umgebung farbig und geheimnisvoll — ״Asian Mysterv״ nannte man ihn ja — widerspiegelte; verfolgt dann Disraelis eigene Stellung zum Orient, wie sie sich in seinen literarischen Werken ausprägt. Hier verrißt Segalowitsch nicht, seiner Bedeutung als Vorläufer des Zionismus (S. 87 f.j zu gedenken — wenn er ihn auch mit gutem Grunde, wie Zangwill, noch unter die ״Träumer des Ghetto“ rechnen muß. Denn seine ganze ungebrochene Tatkraft gehörte ia nicht seiner ״alten, heiligen Rasse״, wie er sie in einem Briefe an Lord Rothschild nannte, sondern seinem englischen Vaterlande, dessen Politik zur Zeit von Disraelis Wirken deutlieh den Charakter des Orient-Imperialismus tragt. Was der romantische Schriftsteller am Anfang seiner Laufbahn in seinen Orient-Romanen erträumt hatte, das hat der ״oHenta'ische Heißhunger dieses Juden", wie es Dibelius bezeichnete. in unerhörter Staatskunst zur Vollendung gebracht. Durch Disrae’i ist Großbritannien wirklich mehr ״ein asiatisches, als ein europätsches Weltreich“ geworden, wie es das von Disraeli selbst geprägte Motto dieses dankenswerten Buches ausspricht B. B.-St. Die Stodentenkonfereoz 10 Nyoa Aut der zweiten internationalen Studenfenkonferenz, die vom Weltstudentenwerk (international Student Service) elnbcrufen und am 13. April abends ln Nyon eröffnet wurde, hielt der Dekan der theologischen Fakultät der Genfer Universität, Professor Auguste Gampert, eine Ansprache, in der er die besonderen Schwierigkeiten der jüdischen Frage hervorhob. Auf der Konferenz werden eine Anzahl von Referaten über die Judenfrage von Juden gehalten werden.