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Jüdische Rundschau · 1931-04-14 · Heft 27-28 (14.4.1931) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 27-28 (14.4.1931)
Date
1931-04-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 174 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27/28, 14. IV. 1931 Das liberale Gebeibuch Eine Erwiderung von Prof. Ism ir Elboge n Vorbemerkung der Red aktion: Die ,Jüdische Ilandschnu" ist, eine politische Zeitung und kann als solche, ebenso 11-ic die Zionistische Organisation, nicht :,u religiösen Streitfragen Stellung nehmen. Das kann aber nicht bedeuten, daß wir an kulturellen Fragen desinteressiert sind. Wir haben den Aufsatz von Dr. Frankel ah eine Meinung»• äußemng aus dem gcsetzcslreucn (und zugleich nniionaljädi• schm) Lager erst veröffentlicht, nachdem uns von kompefenirr Seite versichert wurde, daß die Kritik des neuen Gebet• buche» auch in nalianaljiiduch empfindenden religiösli be - raten Kreisen ah berechtigt betrachtet wird. Wir geben aber mit Vergnügen der Entgegnung Prof. Elbngens Baum, der für das Gebetbuch mitverantwortlich ist, und wir sind überzeugt, daß cs Freunden, und Gegnern des neuen Buches willkommen sein wird, von dieser autoritativen Seite Aufklärung über die Intentionen der Verfasser des neuen Buches zu erhalten. Diese Gesichtspunkte verdienen, gewiß respektvolle Auf merk• samkeit, auch wenn die konservativen Gegner sich dadurch nicht überzeugen lasten. Da mm mit solcher Klarheit ein Autor contra und einer pro gesprochen hat, ist unser Zweck der Information und A nregung der Leser erreicht und wir m üssen. — die einzelnen Streitpunkte, kompetenteren Stellen zur Amtrogung überlassend — die. Diskussion über diese, Frage schließen. In den nächsten Monaten wird die Frage der Einführung des ״liberalen“ Gebetbuchs in vielen Gemeinden verhandelt und dieses einer mehr oder minder berechtigten Kritik unterzogen werden. Entschiedene Zurückweisung verdient eine Kritik von der Art, wie sie Herr Dr. Emil Fränkel in Nr. 25/26 der ״Jüd. Rundschau“ (S. 160) übt. Wer bei jeder Wendung des traditionellen Gebetbuchs und jeder bestehenden Einrichtung des Gottesdienstes in Verzückung gerät, ist wenig dazu berufen, ein Buch zu besprechen, das vielfach bewußt von der Tradition abweicht und die geschriebene Tradition durch lebendige Religion zu ersetzen bestrebt ist. Es macht fast den Eindruck, als wäre Herr Dr. F1|nkel das erste Mal mit einem reformierten Gebetbuch in Berührung gekommen, und als ob er keine Gelegenheit gehabt hätte, das vorliegende Buch mit anderen •einer Art zu vergleichen. Daher überrascht es ihn so, daß nicht alle Juden unserer Zeit für die Wiederherstellung des alten Opferdienstes beten wollen, daß die Erwähnung von Zion und Jerusclialajim mitunter beseitigt ist, und er weiß nicht, daß sie im vorliegenden Gebetbuch an manchen Stellen wiederkehrt, wo sie früher gefehlt hat (was wiederum manche ״Liberale“ nicht verzeihen wollen). Die Gebete sind im vorliegenden Gebetbuch vielfach stark gekürzt —- auch an solchen Stellen, wo es die bisherigen reformierten Gebetbücher nicht getan haben. Weshalb? Weil in den allermeisten Synagogen, orthodoxen wie leider auch liberalen, die Gebete mit einer Schnelligkeit gesprochen werden, die für einen religiösen Menschen unerträglich ist Mehr Zeit scheinen die Besucher der Synagoge dem Gottesdienst nicht opfern za können oder zu wollen. Darum folgten wir dem Grundsatz, besser weniger mit Andacht als mehr ohne Andacht. Daher wurde die Zahl der üblichen tägliehen Psalmen »ehr stark beschränkt, damit für die beibehsl- Mnen die nötigä Aufmerksamkeit bleibe, und sie wurden nach ■ dem Inhalt und nicht gerade nach der Tradition ausgewählt. Daher wurde in manchen Gebeten auch die etwas üppige Au«- drucksweise gekürzt. Daß wirklich ״die unerhörte Kyaft von Gebeten“ leidet, wenn ״Emeth we jariw“ nicht 16 oder ״Ja’ale we jawo“ nicht 8 Synonyme hat, glaubt Herrn Fränkel kein deckender Mensch, und ich möchte einmal ein Gutachten des Waad Halaschon in Jerusalem sehen, ob wirklich in diesen Häufungen gleichartiger Worte so viel Reichhaltigkeit und Inpigkeit liegt, wie in orthodoxen Kommentaren zum Gebetbuch behauptet wird. Ein Opfer der Kürze ist auch die im traditionellen Gebetbuch mehrfach wiederholte Keduscha geworden. Herr Fränkel beanstandet, daß sie ,,aus dem Privatgebet überhaupt verbannt und nur für den Gemeindegottesdienst zugelassen ist“ — aber, da die Keduscha ein Wechselgesang ist, gehört sie unbedingt nur in einen Gemeindegottesdienst, Daß es eine ״Feindseligkeit gegen die hebräische Sprache“ bedeutet, wenn ״Weromamtanu mikol halschonoth“ weggelassen ist, kann Herr Fränkel nur meinen, wenn er falsch übersetzt ״du hast uns über alle Sprachen erhoben“ — was er dem Verfasser des Gebets nicht Zutrauen sollte, dieser hat nicht Mensehen mit Sprachen verglichen, sondern ״leschonoth“ im Sinne von Völkern genommen, und der Satz ist darum weggeblieben, weil dieser Gedanke bereits am Anfang ausgedrückt ist. Als Unikum wird bezeichnet, ״daß man auch die Vorlesung der Esther-Geschichte verstümmelt hat“. Da darf ich vielleicht eine kleine Geschichte erzählen. An dem Tage, an dem ich die Kritik des Herrn Dr. Fränkel erhielt, fragte mich ein auf dem Boden des Misrachi stehendes junges Mädchen, wieso denn Purim ein jüdisches Fest sein könne, und begründete diese seltsame Frage gerade mit den Stellen des Buches Esther, die im ״liberalen Gebetbuch“ weggclassen sind. Es gibt eben heute viele sonst sogar völlig traditionstreue Juden, denen es mit dem Gedanken ״keine Verherrlichung von Krieg, Mord oder Rachegelüsten“ ernst ist, und die in dieser Frage auch der jüdischen Tradition keine Sonderstellung einräumen wollen. Mit dem Kapitel der Schriftvorlesung komme ich zu einer Gruppe von Sünden, die Herr Fränkel uns als die allerschlimmsten ankreidet. Das traditionelle Judentum hat sich in der Auswahl der Thora-Abschnitte für die Festtage nicht ge• rade sehr schöpferisch erwiesen. Wir lesen an den Wallfahrt«- festen je dreimal die Abschnitte über die Feste aus dem dritten bzw. fünften Buch Moses. Es ist wirklich nicht besonders anregend, wenn z. B. an beiden Sukkot-Tagen hintereinander der ganze lange Abschnitt über alle Feste vorgelesen wird. Auch 'der tradjticm »treueste Synagogenbesucher wird in der Thora-Vorlesung für den ersten Tag Rosch-Haschanah nicht sehr viel finden, was in ihm auf das ernste Fest bezügliche Gedanken anregt. Da haben wir nun das Verbrechen begangen, diesem Mangel abzuhelfen, für jeden Festtag eine eigene Vorlesung zu wählen, auch für den Neujahrstag eine seinem religiSsen Gehalt mehr angemessene zur Auswahl zu stellen. Wir können geirrt haben, aber immerhin sollte man das S t r eb e n nicht völlig verkennen. Herr Dr. Fränkel schlägt für das Neujahrsfest einen Text vor, den w׳ir für Schemini azereth gewählt haben, fügt aber die überlegene Frage hinzu: ״Oder wäre die Zulassung dieses Textes ein zu starkes Zugeständnis an den Zionismus gewesen"? Diese Bemerkung muß niedriger gehängt werden, denn da wir den Text für das Schlußfest gewählt naben, haben wir damit zu erkennen gegeben, daß wir ihn nicht vermeiden wollen. — Auch die Auswahl der Prophetenabschnitle für die Festtage ist im traditionellen Gebetbuch nicht immer von inhaltlichen Gesichtspunkten diktiert, die Verbindung mit dem Festtage ist mitunter sehr lose. Auch da haben wir neue Vorschläge gemacht. Freilich auch nicht Scheu getragen, ״das herrliche Juwel der traditionellen Haphlara aus dem Propheten Habakuk“ durch ein Stück aus Jeremia zu ersetzen. Würde cs sich um eine religionsgeschichtliche oder exegetische Vortragsreihe handeln, in der Gelegenheit wäre, dieses Juwel nach allen Seiten zu beleuchten, 80 wäre der Einwand berechtigt; im Gottesdienst aber ist zu der erforderlichen gründlichen Erläuterung kein Raum, es würden daher viele Stellen vollständig unverständlich bleiben, andere aber wiederum, weil sie eine dem religiösen Menschen von heute völlig entgegengesetzte Mentalität verraten, mehr Anstoß als Bewunderung erregen. Und nun ist es wiederum bezeichnend für Herrn Fränkel, daß er das dritte Kapitel Hahakuk, obwohl es höchstens im Anfang eine Beziehung zum Erscheinen Gottes vom Sinai her haben könnte (wenn diese Auffassung unbedingt richtig ist), für das Wochenfest außerordentlich geeignet findet, während er nicht sieht, daß das vom uns gewählte Kapitel aus Jeremia von dem neuen Bund spricht, den Gott mit Israel schließen will, der von den Propheten immer in Beziehung oder in Gegensatz zu dem alten Bund gestellt wird. So ließe sich an den meisten Bemerkungen des Herrn Dr. Fränkel zeigen, wie einseitig seine Kritik ist. Das Gebetbuch wird sicher viele Mängel oder Fehler enthalten, und Einsichtige mögen sie nennen, damit sie in Zukunft verbessert w erden können. Keineswegs aber ist das der richtige Weg, daß man immer nur die Splitter sieht am Werke der Neueren und nicht die Balken, welche mit der Tradition verknüpft sind. I. Elb oge n. Der Zoologe Aharoni vermißt Jerusalem, 10. April. (J.T.A.) In jüdischen Kreisen Jerusalems herrscht tiefe Besorgnis wegen des Schicksals des Zoologen der Hebräischen Universität Jerusalem Aharoni, der mit seiner Gattin vor längerer Zeit eine wissenschaftliche Expedition in die syrische Wüste unternommen hat Aharoni beabsichtigte in kleinen Tagg»reisen die gesamte Wüste von Damaskus nach Mossul auf dem Weg über Palmyra und Bagdad zu durchqueren. Seit etwa einem Monat ist in Jerusalem keine Nachricht von ihm eingetroffen. Da der Gelehrte ein genauer Kenner der Wüste ist, darf immerhin noch gehofft werden, daß das Ausbleiben der Nachrichten bloß darauf zurückzuführen ist, daß er keine Gelegenheit zur Weiterbeförderung seiner Post fand. Inzwischen ist der englische Zoologe Dr. Jour dain in Jerusalem eine troffen, der sich der Expedition Aharonis an geschlossen atte und ihn vor etwa einem Monat verließ. Die Palästina- Regierung hat sich mit den Behörden von Syrien und Irak in Verbindung gesetzt. Es dürften Expeditionen sowie Flugzeuge zur Suche nach den Vermißten ausgesandt werden. Jüdische Industrie und Vorderer Orient Ueber die Expansionsmöglichkeiten der jungen jüdischen Industrie in Palästina, die sich im Vorderen Orient ihr natürliches Absatzgebiet erobern muß, gibt nachstehender interessante Bericht, der uns von unterrichteter Seite zugeht, Auf- Schluß. Eigen größeren Möbelauftrag, bestehend aus zehn Zimmereinrichtungen im Werte von £P 4M führte die Kunstraöbelwerkstatt von Fritz Koch, Tel-Awiw, im Auftrage des Orientalischen Institutes der Chicagoer Universität aus. Die Irak-Expedition dieses Instituts beginnt in diesem Winter mit ihren Ausgrabungen in Tel-Asmar in der Nähe von Bagdad und hat zu diesem Zwecke dort unweit von Bagdad aut dem Wege zu der berühmten Palastrume von Ktesiphon ein großes Gebäude errichten lassen, wo die Irakforscher der ganzen Welt die Grabungen auf den Trümmern dieser alten städtischen Siedlung aufnfliraen werden. Die in Tel-Awiw angefertigten Möbel sind für das groß* Wohnhaus bestimmt und wurden nach besonderen Konstruktionen ausgeführt, da das Klima von Bagdad und der überaus schwierige Transport in Lastautos 1500 km weit über 1800 m hohe Libanonstraßen und steinige Wüstenwege riesige Anforderungen an die Haltbarkeit stellen. Die Möbelfabrik von Fritz Koch, hervorgegangen aus den Bfau-Weiß-Werkstätten, ist wohl die einzige ihrer Art, nicht nur in Palästina, sondern im ganzen Vorderen Orient, die diesen zugleich in geschmackvollsten Formen ausgeführten Auftrag auch zur vollsten Zufriedenheit des Expeditionsleiters erfüllen konnte und trägt somit zur industriellen Vormachtstellung Palästinas im Vorderen Orient bei. Kleine Nadiridiien Am 5. April fand in Tel-Awiw zur Frier des 70. Geburtstages des Bürgermeisters Dizengoff eine Festbefeueht u n g statt. Im Laufe der Woche wird mit der Pflanzung des zu Ehren Dizengoffs ״Gan Mayer“ genannten neuen Stadtgartens begönnert. Die hebräische Tageszeitung ״Doar Hajom“ hat eine Dizengoff gewidmete Festnummer herausgegeben. ptamens der Z. V. f. D. hat Herr Blumenfeld rin Glückwunschtelerranim an Bürgermeister Dizengoff zur Feier seines 70. Geburtstages gesandt. Bei den Wahlen zu der demnächst stattfindenden dritten Tagung der vor 20 Jahren gegründeten jüdischen LandarbCiteroTganisation Palästinas wurden bisher — einige Orte stehen noch aus — 6844 Stimmen abgegeben, und zwar 5310 für die Vereinigte Arbeiterpartei (78,5 0/0), 065 für Haschomer Hazair (14 ״» und 499 für linke Poale Zion und Borochowliste (7,5 יי׳). Am 12. d. M. wurde in Danzig die Weltkonferenz des Bn'th Trumpeldor unter Anwesenheit von Jabotinsky eröffnet. Am 17. März wurde in Rechowoth das neue moderne Pack haus für Orangenes port bei Anwesenheit des Gouverneurs des Süddistriktes, Campbell, eingeweiht. Luftmarschall Sir John Salmond inspizierte vorige Woche die in Palästina und Transjordanien stehenden englischen Fliegertruppen. In Moskau fand Ende März rin jüdischer antireligiöser Kongreß statt, der einen scharfen Kampf gegen die jüdische Religion zu organisieren beschloß. Auf dem Kongreß wurde u. a. festgestellt, daß die Rabbiner durch Einführung von Reformen nach westeuropäischem Vorbild die jüdische Religion in Rußland retten wollen und auch bereit sind, eine Reihe ritueller Vorschriften zu opfern. Die tschechoslowakische Regierung hat eine Verordnung erlassen, derzufolge von Mai 1931 angefangen zunächst in der von zahlreichen orthodoxen Juden bewohnten Stadt Bratislava (Preßburg) und späterhin im gesamten Gebiete der Slowakei die absolute Zwangssonntagsruhe eingeführt werden soll. Eine vielhundertköpfige Menge demonstrierte am letzten Sabbat vor dem Laden ■des Trödlers Diamant im jüdisehen Viertel von Bratislava gegen die Entweihung des Sabbats durch Offenhaltung des Geschäftes. Berittene Polizei mußte eingreifen und die Demonstranten zerstreuen. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Wie aus Radun gemeldet wird, beabsichtigt der berühmte orthodoxe Rabbiner Chof ez Cha jim, kurz nach den Peßachtriertagen mit seiner Familie nach Palästina zu reisen und sich dort dauernd niederzulassen. Kunstausstellung in Tel-Awiw Am ersten Tage Purim wurde, leider bei strömendem Ret" * * * ” ... net. Es war der erste Versuch, das Schaffen jüdischer Künstler Palästinas dem Publikum in Auswahl zugänglich zu machen. Besondere Aufmerksamkeit wurde den jüngsten Künstlern zuteil, wobei weniger auf technisches Können als auf Persönlichkeitsäußenmg gesehen wurde, was zum Teil sehr interessante Resultate zeitigte, zum Teil aber dazu führte, daß neben wirklieh großen Kunstwerken richtige Schülerarbeiten hängen. Leider war es nicht möglich gewesen, Krakauer zur Mitarbeit zu bewegen, und so mußte der Besucher den Anblick von Bildern entbehren, die vielleicht das Größte darstellen, was die jüdischpalästinensische Kunst bisher hervorgebracht hat. Man vermißte auch die hochbegabte Anna Tycho, die augenblicklich im Auslande ausstellt, Abel Pann und viele andere. Ungefähr 80 Künstler, darunter viele Frauen, hatten sich beteiligt. Es ist sehr schwer, aus der Fülle der Namen die bedeutendsten herauszugreifen. Leider kann man viele Bilder ohne weiteres als Kitsch bezeichnen — man bekommt da immer wieder dieselben Jugendgestalten aus Mea Schearim, dieselben Hügellandschaften, dieselben Palmen und dieselbe KJagemauer zu sehen. Man wird aber entschädigt durch eine Fülle künstlerisch außerordentlich wertvoller Bilder. Der Gipfelpunkt des Kitsches ist wohl der ״Tod Trumpeidors“ von einem gewissen Lifschitz, ein großes Bild, worauf Trumpeldor in opernhafter Pose, von Kameraden umgeben, die Arme zum Himmel ausstreckt. Es ist wirklich schade, das Andenken Trumpeldors durch diesen gewiß gutgemeinten und aufrichtig empfundenen, aber nichtsdestoweniger höchst geschmacklosen ״Versuch“ entweiht zu sehen. . . . Ganz in der Nähe befindet sich die herrlichste Skulptur, die ich jemals in Palästina gesehen, ein ergreifendes und aufrüttelndes Kunstwerk: der junge Bildhauer Wlodawsky versucht, die Erschütterung, die die Massakers von Hebron bei ihm hervorriefen, plastisch darzustellen: aus einer goldbraunen Holzmasse erwächst ein leidensverzerrtes, im letzten Schrei erstarrtes Gesicht, darüber eine hilfesuchend ausgestreckte Hand. Die Rückseite der Plastik zeigt grauenhaft auseinandergesprengte menschliche Glieder. . . . ״Hebron“. Und derselbe Wlodawsky stellt rin anderes Werk aus, das in seiner Zartheit und religiösen Ergriffenheit einzigartig ist: ״Neschammah Jethera“, die Sabbat-Seele, die Seele, die den Sabbat über beim Juden weilt, um ihn am Ende des Sabbats wieder zu verlassen. Eigentlich ist die Neschammah Jethera eine ostjüdische Frau, eine einfache Mutter mit sanften, durch Sorgen und Leid früh gealterten Zügen, eine Frau, die man hundertmal in Wilna oder in Mea Schearim gesehen zu haben glaubt; und doch ist sie die Neschammah Jethera. Der Künstler hat die typischen Züge einer Frau aus dem Volke zu einer religiösen Allegorie sublimiert. Hermann Struck stellt zwei vollendete Radierungen aus, darunter einen wunderbar getroffenen Einstein-Kopf. Prof. Schatz einen ״Jeremias“, der nicht auf der Höhe seines früheren Schaffens zu stehen scheint. Rubin ein großes Gruppenbild, das auch ein Selbstbildnis enthält. Er hat einen originellen, stark persönlich gefärbten Stil geschaffen, von dem er auch diesmal nicht abgewichen ist; man kann ihn ablehnen oder annehmen, muß aber seine Eigenart anerkennen. Dasselbe gilt, In anderer Hinsicht, von dem bekannten Landschaft- Ier Arieh Allwei 1. Dadurch, daß jeder Künstler nur zwei Arbeiten, manchmal nur eine Arbeit ausstellt, gewinnt der Besucher ein anschauliches Bild von der Gesamtentwicklung der neuesten palästinensischen Kunst. Sie hat ein erstaunliches Niveau erreicht, das muß man immer wieder trotz vieler wertlosen Sachen konstatieren. Auffallend ist auch das zahlreiche Vorhandensein junger Kräfte, von denen viele zum ersten Male vor die Geffentlichkeit treten. Da ist zunächst Chaja Schwarz, die ein schönes Selbstbildnis ausstellt, das außer seinem persönlichen Gehalt typisch für die junge Generation Palästinas sein könnte; ein kräftiges, ernstes, aber lebensfrohes junges Mädchen, einfach gekleidet und frisiert, mit einem halb gutmütigen, halb ironischen Lächeln um die Lippen; ein schönes Gegenstück dazu ist die ״Chaluzah“ von A. 'S. Schor. Dann eine Land״ schaff und ein Stilleben von Sahabah Zalel, einer Autodidaktin, erstaunlich sicher im Technischen, wenn auch noch etwas unpersönlich und kraftlos; und zwei interessante Aquarelle zu Andersens Märchen von Paul F 0 d 0 r, trotz einer etwas gesuchten Naivität neuartig und fesselnd. Interessant ist auch ein ״Straßenjunge“ von Sehulamit Wittenberg und das tief empfundene, leider etwas affektierte Bild von Genia Meiseles ״Zwei Menschen“. Die palästinensische Landschaft, die an den Künstler so ungeheure Anforderungen stellt, nimmt selbstverständlich viel Raum ein. Aronow, Gutmann, Halevi, Tannenbäum, David Lemberg und viele andere haben sich an ihr versucht, manche mit überraschendem Erfolg. Besonders bcliebt ist das Thema ,Jerusalemer Altstadt“. Hier gelingt es besonders dem jungen Künstler L e n d e r, uns die einzigartige Stimmung der Altstadt nahezubringen. Auch die aus aller Welt zusaramengekommenen orientalischen Juden, die fast ausnahmslos Tn Palästina die malerischen Trachten ihres Herkunftsortes beibehalten haben, haben zu einigen gelungenen Bildern Modell gestanden. Da ist z. B. das Bildnis eines Jemeniten von Lender und ein schönes Porträt einer Jüdin aus Mossul von Gur-Arieh, der selbst ein orientalischer Jude ist. Die bekannte Bildhauerin Chana O r 10 i f, deren Werke vom Tel-Awiwer Museum erworben wurden, stellt ein Portrat und einen Akt aus, kraftvolle Werke, die vielleicht an seelischem Gehalt, nicht aber an künstlerischer Vollendung vom Schöpfer der ״Neschammah Jethera“ übertroffen werden. Zum Schluß möchte ich zweier origineller Künstler gedenken: der junge Maler Hendl er stellt Stilleben von einer unerhörten Farbenpracht und Lebensfülle aus, die einen undefinierbaren Persönlichkeitsstempel tragen. Und Arieh N a bun zeigt eine entzückende Karikatur von Jabotinsky, die einzige Karikatur der Ausstellung. Sie ist herrlich. Diese geblähten Nüstern. Dieses erstarrte hochmütige Lächeln. Dieser Hals . . . aber ich möchte beileibe nichts gegen Jabotinsky verlauten lassen. Es handelt sich um die Karikatur. Bevor man aber die Ausstellung verläßt, sieht man sich noch schnell zwei Vitrinen mit Puppen an. Frau Stark־ Avivit stellt Puppen aus, Achaschwerosch und Esther und ein jemenitisches Brautpaar. Das ist nicht mehr Kunstgewerbe, sondern wahre, ernstzünehmende Kunst. Tel-Awiw, Ende März. Ma n ja Rosental. Die Konferenz der jiddischen Autoren Amerikas, die unter dem Vorsitz von Dr. Chaim Sdiitlowskv in New York stattfand, hat beschlossen, die Konferenz zu einer dauernden Einrichtung zu machen und jährlich einmal tagen zu lassen. Ferner wurde die Einleitung einer Kampagne zur Aufbringung von 50 000 Dollar zur Unterstützung erwerbsloser jüdisdier Autoren und zur Förderung jtddisch-wissen* schädlicher Forschungen beschlossen.

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