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Jüdische Rundschau · 1931-04-14 · Heft 27-28 (14.4.1931) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 27-28 (14.4.1931)
Date
1931-04-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 28, 14. IV. 1031 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sdte 173 Presseschau Das politische Problem Palästinas Da־ bekannte englische liberale Journalist, J. A. S p e n ־ der. der kürzlich Palästina besucht bat, veröffentlichte in der Ldndoner liberalen Tageszeitung ״News Chronic Je“ eine Artikelserie über PaTästinaprobleme. Spender ist seit Jahren ein warmer Freund des Zionismus und äußert sich Ln seinen Artikeln mit größter Begeisterung über die jüdischen Leistungen, deren Früchte er in Palästina gesehen hat. Man dürfe nicht zulassen, daß ein so großartiges und heldenmütiges Unternehmen mit Ent־ iäuscHung endet. Im Anschluß daran kommt der Verfasser /u einer ausführlichen Erörterung der verwickelten po I i tischen Probleme. England müsse das Jüdische Nationalheim errichten oder das Mandat zurückgeben.. Aber die Durchführung dieser Aufgabe muß so erfolgen, daß die gegenwärtige Bevölkerung nicht beeinträchtigt wird. Spender wendet sich gegen die Anschauung derjenigen Christen im heiligen Lande, die scharfe Gegner der Mandatspolitik sind, und weist darauf hin, daß für viele Christen die Balfour- Deklaration gemäß Balfours Ausspruch die Wiedergutmachung des den Juden zugefügten Unrechtes darstellt. Die wahren Schwierigkeiten sind daraus entstanden, daß man 1917 meinte. ps handle sich um ein (jeschäft bloß zwischen Christen und Juden. Während des Krieges konnte man keine Bodenaufnahme in Palästina machen, und es wurde auch als selbstverstandlieh angenommen, daß die arabische eingeborene Bevölkerung, die man sich als unterdrücktes und unterwürfiges Volk vorstellte, mit der neuen Entwicklung der Dinge einverstanden sein wird. Heute jedoch stehe man vor der Tatsache eines starken arabischen Nationalismus. ״Die Juden sagen, diese arabische Bewegung sei von au ß c n s t e h c ti - den Agitatoren geschaffen worden und würde ihre Kraft verlieren, wenn die Mandatsregierung energisch dagegen aufträte. Ich fürchte aber, dies ist leichter gesagt als getan. Niemand, der orientalische Länder gesehen hat und ähnliche Probleme anderswo kennt, kann sich die Sache so einfach verstellen. Sicherlich sind Agitatoren am Werke, aber sie hätten keinen solchen Erfolg, wenn ihr Material nicht rnfzündlich wäre. Schaukhat Ali hat kürzlich den Arabern die Hilfe der Indischen Moslems versprochen. Wenn die moslemische Welt wirklich für diese Sache entflammt würde, dann könnte auch die Anwendung von Gewaltmitfefn nicht verhüten, daß das Leben der jüdischen Siedler äußerst schwierig und unangenehm würde. Die Zionisten können nicht wünschen, daß das Jüdische Nationalheim eine Art aufgepfropftes Ulster (die britisch gesinnte Nordprovinz Irlands, auf die sich England bei der Bekämpfung der irischen Unabhängigkeitsbestrebungen stützte — A. rl. R.) wird, unterstützt durch eine ausländische Garnison inmitten einer feindlichen Bevölkerung. Das aber ist cs, was allzu!eicht berauskommea könnte, wenn die beiden Völker nicht imstande sind, im Geiste einer freundlichen Verständigung miteinander zu leben.“ — Der Verfasser weist dann darauf hin, daß bei normalem Gang der Dinge die Untersuchungen, die letzt Simpson angestellt hat, vor Erlassung der Balfour- Deklaration hätten unternommen werden müssen. Vielleicht wäre man dann in der Formulierung der Balfour-Deklaration vorsichtiger gewesen und bitte auf diese Weise auch die späteren Enttäuschungen der Juden verhütet Aber während des Krieges war natürlich an solche Untersuchung nicht zu denken. Aus dieser Abnormalität hat sich die gegenwärtige verwickelte Situation ergeben. Vielleicht wären die Dinge anders geworden* wenn die Zionisten eine Politik friedlicher Durchdringung gemacht und die Araber von Anfang an als Teilnehmer in ihr Unternehmen hineingezogen hätten. Für die nächste?eil sei jedenfalls npr, m»e vorsichtige Politik insbesondere in bezug auf iääisehe Ein- Wanderung möglich. Zum zweiten Teil der Verhandlungen ״The Near East and!ndIa“ erklärt in seiner Nummer vom 9. April, vor Abschluß der am 13. April zwischen Dr. Weizmann und der Londoner Regierung hcwinnenden Verhandlungen könne in der Angelegenheit des Landentwfcklungspfanes kein Schritt vorwärts geschehen. Dieser Aufschub sei bedauerlich, aber anscheinend unvermeidlich. Jedenfalls ist auf diese Weise Zeit gewonnen zur Abkühlung der Gemüter. Araber und Juden sollten ehrlicher als bisher prüfen, wo ihre wahren Interessen liegen. Die Regierung könne sich nur von dem Prinzip der Vorwärtsentwicklung Palästinas als ganzen leiten lassen. Es ergibt sich eine seltene Gelegenheit für die Zusammenarbeit von Juden und Arabern in einem segenbringenden Unternehmen. Wesentlich Ist, daß dieser Entwidclungsplan außerhalb des politischen Streites gehalten wird. — Im weiteren Verlauf des Artikels wendet sich die Zeitschrift gegendie palästinensische Presse, die auf beiden Seiten Jedes Verständnis der Situation vermissen läßt. Wenn die jüdische oder die arabische Presse von Frieden spricht, so versteht sie darunter stets nur Vorteile für die eigene Partei, ohne zu begreifen, daß wirkliche Friedensbereitschaft auch Opfer für die gemeinsame Sache verlangt Trotzdem meint das Blatt, daß auf beiden Seiten Menschen vorhanden sind, die ehrlich eine jüdisch-arabische Annäherung wollen, nur leider wird ihre Stimme von dem Tumult übertönt, wie es gewöhnlich in solchen Fällen geschieht. Glücklicherweise sei nicht immer die Presse der wahre Gradmesser für den Fortschritt eines Landes. Der Londoner ״J e w i s 11 Chronic! e“, der durch die Verbreitung der Nachricht, der ״zweite Teil“ der Verhandhingen mit der Regierung werde nicht stattfinden, viel Verwirrung gestiftet hat, erklärt am 10. d. M., Weizmann müsse am 13. April mit Lord Passfield Zusammenkommen, um die Einzelheiten des Entwicklungsplanes zu beraten. Passfield 'eerdc in diesen Verhandlungen nur von einigen ständigen Beamten des Kolonialarates unterstützt werden, deren Haltung kaum zionistenfreundlich sein dürfte. Der Lord Advocate, Dr. Aifchinson, sei nur für juristische Fragen zuständig und habe überdies keinen Kabinettsrang, und aie Teilnahme Malcolm MacDonaids, des Sohnes des Premiers, beruhe auf rein personlichem Interesse und verpflichte die Regierung zu nichts. So sei nunmehr Weizmann genötigt, zu den alten Met h o d e n gelegentlicher Unterredungen mit Passfield und Beamten des Kolonialamtes zurückzukehren. Im Leitartikel der ersten Nummer der neuen revisionistisehen Tageszeitung ״Haam“ (Jerusalem) vom 24. März er- Wärt Jabotin5k v, alle Juden wünschten Frieden mit den Arabern und eine günstige Entwicklung der arabischen Bevölkejung, aber eine jüdisch-arabische Verständigung sei unmög- Weh, und zwar wegen der drei arabischen Hauptforderungen: Kontrolle der jüdischen Einwanderung, arabische Föderation, Unabhängigkeit von den europäischen Mächten. Am 26. Mirz verlangt derselbe Verfasser in־ demselben Blatt, daß der zweite Teil der Londoner Verhandlungen bis nach dem Zionisten- Kongreß verschoben werde. * Weizmann und die Wirtschaftslage Die Wochenschrift der palästinensischen Kolonisten ״Bustenai“ veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 29. März e1n«n bemerkenswerten Leitartikel anläßlich der Anwesenheit von Dr. Weizmann in Palästina. Der Artikel, der allem Anscheine nach von dem Herausgeber des Blatt«, Mo&cheh Smilansky, herrührt, betont, daß die wirtschaftliche Lage ein weit schwierigeres Problem darstellt als die politische. Die Krise des Zionismus liege darin, daß wir seit Jahren nicht vörwärtekommen und den toten Punkt offenbar nicht überwinden können, obwohl alle erkennen, daß üns nur noch eine kurze Frist zur Verwirklichung des Zionismus zur Verfügung steht. Unsere Politik müsse von drei Gesichtspunkten ausgehen: 1. England wird unser Werk nicht für uns machen, wir müssen es selbst tun. Die Hauptsache, die wir von der Mandatarmacht fordern müssen, ist freie Hand zum Arbeiten. 2. Das Land gehört nicht nur uns und wird niemals nur uns allein gehören. Ein anderes Volk wohnt bereits darin, und wir sind durch das Schicksal gezwungen, das Erbe unserer Väter mit ihm zu teilen. Heute sind sie die überwältigende Mehrheit; wir hoffen, daß wir einmal die Mehrheit werden. Aber das Land wird immer beiden Völkern gehören, 3. Die Kraft des . verstreuten jüdischen Volkes ist keine materielle, sondern eine m o r a - 1 i s c 11 e , und eine solche Macht muß man mit großer Vorsicht und Geduld gebrauchen und niemals den Bogen überspannen. — Nur eine Politik, die auf diesen drei Grundsätzen aufgebaut ist, ist eine wahre Realpolitik, und es ist Weizmanns Verdienst, daß er sich auf dieser Linie bewegt hat. Viel schwieriger liege die wirtschaftliche Trage. Wer meint, daß die Knappheit des Bodens das Haupthindernis der Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft ist, irrt vollkommen. Das Grundiibel ist vielmehr der Mangel an Landwirten, an Kapital und an Bildung. Das Unglück der Landwirtschaft ist die an Raubbau grenzende extensive Wirtschaff. Kapital, neue Landwirte und Bildung bringt aber nur die jüdische Einwanderung ins Land. Die Getreide- Wirtschaft ist infolge der Weltverhältnisse fast zusammengebrochen, auch die Pflanzungen auf unbewässertern Boden leiden durch den Preissturz und sogar der Plantagen bau ist durch die scharfe Konkurrenz auf dem Weltmarkt, durch Baumkrank 11 eiten usw. in eine schwierige Lage geraten, die er nur durch größte Rationalisierung und Sparsamkeit überwinden kann. Die Ansicht, daß die politische Lage an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten schuld sei, ist mir eine billige Ausrede. Ebenso falsch ist es, alles auf die Regierung zu schieben; in Wirklichkeit hat die Regierung durch ihre Verwaltung die Chancen des Zionismus verbessert. Es ist nur unsere eigene Unfähigkeit, die uns verhindert, größere Erfolge zu erzielen. Hieraus müsse auch Weizmann ein Vorwurf gemacht werden. Die zionistische Wirtschaft sei nicht gesund, sie hat keinen verantwortlichen Leiter, an Stelle von Sachverständigen stehen Schönredner oder unwissende Beamte- Weizmann, der auf politischem Gebiet Realpolitiker war, ist auf wirtschaftlichem Phantastereien erlegen. Statt Idealen von Gerechtigkeit nachzujagen, hätte man sich zunächst darum kümmern sollen, daß das ins Land zurückkehrende Volk einen sicheren Lebensunterhalt finde. Auch die Arbeit der Fonds leidet darunter, wenn man erfährt, daß die wirtschaftlichen Erfolge ausbleiben. Ebenso schwindet die Lust zur Privatinitiative, weil wir sie nicht ermutigt, sondern eher abgestoßen haben. Zum Schluß wendet sich der Artikel wieder an Weizmann und fordert ihn auf, bei seinen künftigen Propagandareisen nicht nur für die Fonds zu sammeln, sondern auch Privatinitiative zu propagieren. Menschen sollen mit ihrem Vermögen und mit ihrer Person nach Palästina übersiedeln und dort ihre Existenz gründen. Wir zittern um das Schicksal des Zionismus, wenn wir hören, daß Weizmann Zurücktreten will, und wir beschwören ihn i« Namen des Landes, er soll das Steuer nicht aus der Hand geben. Zugleich aber fügen wir hinzu, daß er die ganze Arbeit nicht allein machen kann. Er soll die Politik führen, daneben soll jedoch ein Mann von großer Energie und Erfahrung, von Charakter und System, ais Leiter der praktischen Arbeit treten. In einem zweiten Artikel desselben Blattes wird die Tat- Sache der gleichzeitigen Anwesenheit Weizmanns und Sachers in Palästina unterstrichen und der Enttäuschung Ausdruck gegeben, daß Sacher die ihm 1927 übertragene Aufgäbe nicht durchführen konnte. Das Blatt spricht den Wunsch aus, daß Sacher wieder an die Spitze der Jewish Agency-Exekutive in Jerusalem treten möge, um die durch den Züricher Kongreß durchkreuzten Reformbestrebungen wieder aufzunehmen. Dadurch würde sicherlich auch das Vertrauen in den Golusländern wieder hergestellt werden. Weizmann und Sacher zusammen könnten die verfahrene Situation entwirren. Die Arbeiterzeitung ״Da war“ bezeichnet in einem Leitartikel die Wirtschaftslage als die ernsteste und schmerzlichste Frage der gegenwärtigen zionistischen Situation, _ Sie drückt sich aus in einer nicht geringen Zahl von Arbeitslosen und Erwerbslosen. Wenn wir ihrer nicht Herr werden, so drohen ernste Gefahren, die auch politische Folgen haben würden. Das Blatt schlägt dreierlei Maßnahmen zur Erleichterung der Lage vor, erstens Forderungeiran die Regierung, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, zweitens Appell an das Galuth und drittens Organisation der inneren Kräfte des Jischuw. Wie aber könne man eine Besserung erwarten, wenn in den Kolonien die jüdischen Arbeiter immer mehr zurückgedrängt werden und wichtige jüdische öffentliche Arbeiten wegen interner Streitigkeiten immer wieder verschoben werden? Weizmann, der mit neuem Vertrauen von weiten Kreisen des Landes empfangen wurde, müsse dieses Vertrauen dazu benützen, um seinen Einfluß zugunsten verstärkter Wirtschaftlieber Tätigkeit geltend zu machen. Man habe Dr. Weiraianns Rede im Waad Leumi mit Spannung erwartet, aber die Sensationsfreudigen sind nicht auf ihre Kosten gekommen. Weizmann ist kein Zauberer, und er kann nicht Botschaften bringen, die nicht in der Wirklichkeit begründet sind. Wunder auf dem Gebiet der Politik erwarten nur Kinder und Revisionisten. Um so wichtiger aber sei es, daß Weizmann mit Vertretern aller Wirtschaftskreise darüber berät, was zu tun ist, um der wirtschaftlichen Stagnation ein Ende zu bereifen. * Die an anderer Stelle der heutigen Nummer erwähnte Konferenz Dr. Weizmanns mit einigen ausländischem Journalisten am 27. März hat bereits in einigen Zeitungen ihren Niederschlag gefunden. So berichtet der anwesende katholische Vertreter Dr. Mombelli darüber an die Wiener christlichsoziale ״Reichspost״. Diesem Bericht zufolge soll Dr. Weizmann gesagt haben: ״Was die Juden der Diaspora und besonders jene von Amerika noch mehr als die Wirtschaftskrise verhindert, ihre Kapitalien nach Palästina zu senden, ist der Umstand, daß sie zu England kein Vertrauen mehr haben. Das Weißbuch der Londoner Regierung vom Oktober 1930 erweckte bei den Juden den Eindruck, daß sie nur für die Araber arbeiten, wenn sie die Entwicklung Palästinas begünstigen. Der letzte Brief Mac- Donalds hat diesen Eindrude noch nicht genug verwischt.“ lieber das Verhältnis der Araber zum Zionismus sagte Dr. Weizmann: ״Es gibt viele Araber, die bereit sind, mit uns einen Modus vivendi zu beraten. Aber sie fürchten, wenn sie das tun, durch die Exekutive und die Presse als Verräter des Vaterlandes denunziert zu werd e n. Ich bin aber dennoch der Meinung, daß die Juden und die Araber sich einmal verständigen und Zusammenarbeiten werden, wenn die Engländer diese Entente nicht verhindern.“ — Bei der Besprechung war auch der Vertreter der JTA-, Herr Agronsfcy, anwesend, dessen Bericht hierüber wir in der vorigen Nummer der ״J. R.“ auf Grund telegraphischen Berichtes bereits wiedergegeben haben. * Aus der deutschen Presse Che ״Germania“ vom 25. März bringt einen Leitartikel ihres Haifaer Korrespondenten über die ständige Verschärfung des englisch-russischen Gegensatzes im Orient, der dort allmählich alle Mächte und Bewegungen zwingen werde, unter Aufgabe aller Sonderwünsche sich bedingungslos in die englische oder russische Front einzureihen. Rußland bemühe siel! jetzt, nach dem Scheitern seiner Versuche zur Organisierung einer großen revolutionären Erhebung der asiatischen Völker, die wirtschaftliche Hegemonie Englands zu untergraben, indem es ohne Rücksicht auf die Gesetze der Kalkulation in die Domänen des englischen Handels eindringe. Dabei habe es namentlich in Persien und den Ländern um den Persischen Golf erhebliche Erfolge erzielt. Dagegen suche England seine Interessensphäre durch ein kombiniertes System wirtschaftlicher und politischer Schutzmaßnahmen gegen die Gefahr eines weiteren russischen Vordringens zu isolieren, wobei vor,■ allem die Pipeline Haifa-Mossul und die Bahn Hai f a—Ba gdad den Grundstein einer neuen chinesischen Mauer um die englische Interessensphäre bilden solle. Es sei nicht zu glauben, daß die ungeheuren Kapitalien — schätzungsweise 40—50 Millionen Pfund — nur wegen des Petroleums, das ja schon in Kürze durch technische Fortschritte seine Bcdeutung einbüßen könne, angelegt würden; auch könne eine Verzinsung auf diese Weise nicht erzielt werden. Da aber eine Industrialisierung der Gebiete längs der Bagdadbahn in großerem Maße nicht möglich sei, so werde sich ״die Notwendigkeit landwirtschaftlicher Massensied tungen im Bereich der Bagdadbahn“ früher oder später als einziger Ausweg herausstellen. ״Es wird eine der Schicksalsfragen nicht bloß Englands, sondern auch der übrigen Menschheit sein, ob und wie schnell die britische Staatekunst diese Idee konzipieren wird, und in welcher Form und mit welchen Mitteln sie dann an ihre Realisierung gehen wird. Möglicherweise kehrt Eingland auf einem solchen Umweg zueinerelirlichenlnterpretationdesMandatsgedankens zurück.“ Allerdings berechtigten die bisherigen Ansätze noch nicht zu einer solchen Hoffnung, sondern vorläufig wolle England offenbar aus dem Mittieren Osten ein Reservatgebict für seine veraltete und anderwirte zurückgedrängte Wirtschaft machen, — was selbstverständlich der russi-, sehen Agitation neuen Auftrieb gebe. Im übrigen sei die russisehe Stellung neuerdings auch durch die Annäherung Italiens, das über seine Ausschaltung vom Oelgeschäft erbittert sei, verstärkt worden, und auch Amerika mache der englischen Politik Schwierigkeiten, indem es Ibn Saud Rückendeckung gegen England gewähre und mit ihm wegen eines Vertrages verhandele. — Selbstverständlich sei es nicht etwa sicher, daß es bald zu einem englisch-russischen Krieg kommen müsse, aber jedenfalls sei der Mittlere Osten, wie zur Zeit des englisch-deutschen Bagdadbahn-Konfliktes, wieder einer der Brennpunkte der Weltpolitik. A- P. In einem anderen Artikel der ״Germania“ vom & April bespricht der Haifaer Korrespondent die Rivalität der christlichen Kirchen in Palästina und die Pläne einer Fusion der anglikanischen Kirche mit der jetzt heimatlosen Erzbischofs1 yfi» Ganterbury' 0f. iLang, feemh#«0r aBgir׳ Wf der Besorgnis der Katholiken wegen dieser Machtpolitik der anglikanischen Kirche, denn durch einen Zusammenschluß mit der griechisch-orthodoxen Kirche würde England eine außerordentliche Erweiterung seines Einflusses im Orient errieten und auch bei der Auseinandersetzung über die Hdligen Stätten der Christenheit ira Vorsprung sein. Der Orient verhalte sich aber skeptisch gegenüber der anglikanischen Kirche wegen ihrer Verbindung mit dem angelsächsischen Imperialismus. ״Das Ziel der Entwicklung, der der Osten eatgegeatreibt, läßt sich zwar noch nicht mit Sicherheit bestimmen, aber eine Reihe von Anzeichen deutet darauf hin, daß er zu einer seinen natürlichen Bedingungen entsprechenden Lebensform zurückfinden will und daß er nur gewillt ist, europäische Einflüsse zu akzeptieren, soweit sie diesen Forderungen gerecht werden. Die Reform und die Wiedergeburt des Ostens wird sich daher nur unter der Mitwirkung jener abendländischen Mächte und geistigen Strömungen vollziehen, die hi der Periode des Uebergangs den Beweis erbringen werden, daß sie daran als verständnisvolle Helfer und nicht als Agenten von den östlichen konträren Interessen teilnehmen wollen,“ * Genera] a. D. Freiherr von Scboenaich hat zur Osterzelt Palästina wieder besucht; bekanntlich hat er über seine erste Palästiuareise ein sehr sympathisches und sachkundiges Buch geschrieben, in dem er als Pazifist den Zionismus bewertet und als Landwirt zu den Problemen der palästineosischen Landwirtschaft Stellung nimmt (Verlag Meyer, Halberstadt). Vor seiner jetzigen Reise veröffentlichte Herr von Schoenaldi im Dortm under ״General-An* Zeiger“ einen Artikel ״Warum ich nach Palästina geh e“, worin es u. a. heißt: ״Ich betrachte Palästina als die Summe fast aller Weltproblem e. Rein geographisch gesehen ist es die Völkerhrücke zwischen Orient una Okzident In dieser Hinsicht ähnelt es Deutschland, das von jeher die Brücke war zwischen Ost- und West-, zwischen Nord- und Südeuropa. Völker, die auf solchen Brückenländern wohnen, haben nur die Wahl, Bindeglied aller Nachbarn zu sein, oder Ttuittnelplatz aller, nachbarlichen Kämpfe. Als ich vor fünf Jahren das erstemal dort war, hatte ich den Eindruck, daß die natioaalen Gegensätze zwischen Juden und Arabern im Schwinden wären. Seitdem haben die bekannten bedauerlichen Kämpfe um die Klagemauer stattgefunden. Hatte ich mich damals geirrt: Ich habe die Presse genau verfolgt Ich glaube auch heute noch, daß diese Kämpfe hinter den Kulissen geschürt worden sind von den großen arabischen Paschas, die aus der Anwesenheit der sozial höherstehenden Juden Befürchtungen hegten für das soziale Erwachen der arabischen Fellachen. So weitet sich die nationale zur sozialen Frage. Das Zusammenleben von Juden und Arabern wird zum Schulbeispiel der brennenden Frage der völkischen Minderheiten. Besonders wertvolle Anregungen wird auch der Soziolöge finden. Es bilden sich dort ganz neue Formen der G e - mein Wirtschaft heraus. Einige der neuen Siedlungen bevorzugen die Einzelwirtschaft, aber mit stark genossensehaftliehen! Einschlag. Andere gehen in gemeinschaftlichem Leben und Wirtschaften noch über den russischen Kommunismus hinaus. Die Ergebnisse, deren Auswertung natürlich sehr lange Zelt gebrauchen wird, sind deswegen mit besonderer Spannung Zu erwarten, weil es sich dort im Gegensatz zu Rußland um volle Freiwilligkeit handelt, ausgeübt von sozial untereinander ziemlich gleich gearteten MenMien von starkem Persönlichkeitsgefülu.... Dazu kommen gewaltige Wirtschaftliehe Probleme.... Die allerbrennendste Frage greift auf die Politik des Völkerbundes über. . ,

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