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Jüdische Rundschau · 1931-04-01 · Heft 25-26 (1.4.1931) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 25-26 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25/26, 1. IV. 1931 JIJEDJSCHE RUNDSCHAU Seite 103 Fünfzig Jahre Geschichte berWerdegang des amerikanischen Judeniums und seine vier Entwicklungsstadicn Von Sch. Gorelik ln einigen Tagen wird die jüdische Welt ein eigenartiges Jubiläum zu begehen haben. Vor 50 Jahren nämlich ist der erste jüdische Pogrom in Südrußland ausgebrochen. Dieser Pogrom aber, im Vergleich zu den Pogromen und Massakern der späteren Jahrzehnte nur ein Geplänkel, hat zwei gewaltige Bewegungen hervorgerufen: den Zionismus und die Auswanderung jüdischer Massen nach Amerika. So hatte das Unglück am Anfang der achtziger Jahre, das über das russische Judentum hcrcinbrach, Folgen, die sich später als segensreich herausstellten. Es hat den Anstoß zu jener Vorsicht und jenen Sparmaßnahmen gegeben, zu denen in Zeiten der Bedrängung das Judentum unbewußt gegriffen hat. Unter den vielen weisen Sprüchen unserer Volksfreundc befindet sich einer, der folgendermaßen lautet: ״Einen Vorteil gewährte Gott den Juden, und das ist: die Zerstreuung unter den Völkern.“ Dieser Spruch bedeutet keineswegs eine optimistische Betrachtung der Welt, sondern ist im Gegenteil der Ausdruck einer pessimistischen Auffassung; da kein Verlaß auf Menschen und Völker ist, so empfiehlt es sich, die Kinder Israels möglichst auf viele Völker, auf verschiedene Punkte der Erde zu verteilen. Nichts ist für das jüdische Volk gefährlicher, als es auf einen Punkt für sein Golus-Dasein zu konzentrieren. Es muß für Kolonien Sorge getragen werden, die, wer weiß, vielleicht später zu Metropolen bestimmt sein werden. 111 diesem Sinne natürlieh ist jene Gunst der Vorsehung zu verstehen. Jene Gruppen jüdischer ׳Emigranten am Anfang der achtziger Jahre bildeten die ersten Reserven, die später von dem bedrängten Judentum der Welt zur Hilfe herangezogen wurden. Allerdings die zur Reserve vom Schicksal Erkorenen wußten von dieser ihrer Bestimmung nichts, sie waren einfach unglückliche Juden, die ihr Heim, ihre Umgebung, ihre Verwandten, ihre Lebensweise verlassen mußten. Das neue Heim Amerika zeigte sich ihnen vorerst in Gestalt jener engen, schmutzigen, licht- und luftarmen Werkstätten, wo die Händler und Makler von gestern ihre schwere, ungewohnte Arbeit als Schneider und Schuster verrichten mußten. Ein bedeutender Dichter, MorrisRosenfeld, der auch zu den ersten Auswandererscharen gehörte, besang das Reich und den Schmerz der ersten jüdischen Proletarier, die gestern noch Getreidehändler und Gemara-Lerncr waren. Diese Proletarier waren keine Revolutionäre, keine Empörer. An den Nähmascliinen saßen sie mit bedecktem Haupt und dachten mit Wehmut an die Romantik ihrer Städtchen. Es waren vom Schicksal Ueberraschte, es waren Opfer der Verfolgungen und drakonischer Gesetze, deshalb konnten auch Rosenfelds Lieder keine Kampflieder sein, sondern nur Lieder des Schmerzes und der Sehnsucht. Man sang sie in den jüdisehen Häusern in Wolhynien und Podolien; die traurigen Meiodien stimmten mit dem Inhalt der Briefe, die die so plötzlich industrialisierten Juden an ihre litauischen und ukrainischen Verwandten schrieben, überein. Rosenfeld, der zarte Lyriker, dem die jüdische Poesie, und man kann wohl sagen, die Weltpoesic, Gedichte, wie ״Die Träne auf dem Eisen“ und ״Mein Kind“ zu verdanken hat, war zu gleicher Zeit auch nationaler Dichter. Er besang nicht nur die Werkstatt, die Not der Arbeiter, sondern auch jüdische nationale Helden, jüdische Vergangenheit und jüdische Feiertage. Seine Gedichte trugen solche Titel, wie ״Juda“, ״Sephirah“, ״Chanukkah-Lichtcr“, ״Jomkipur- Abend“, ״Kidusch Lewanah“, ״Laubhüttenfest vorbei“. Denn das war noch immer jene Welt, der alle Sehnsüchte der ersten jüdischen Amerika-Auswanderer gehörten. Vorläufig, in diesem ersten Stadium, waren sie noch verzagt und mutlos; sie empfanden hart die Schicksalsschläge und ahnten nicht, daß das Schicksal ganz besondere Pläne mit ihnen vorhatte, Pläne eines weisen Strategen, der für große Reserven Vorsorge treffen mußte. Sie vernahmen nicht die Stimme, die rief: al tiro abdi Jacob! Fürchte dich nicht, mein Knecht Jacob, Ihr werdet in Amerika, das Euch unter das Joch des Schwitz-Systcms zwang, gedeihen und mächtig werden, Ihr werdet Eure Familien kommen lassen und Euren Verwandten helfen. Diese Hilfe wird großzügige Formen annehmen und sieh auf das gesamte Judentum des Ostens in den Jahren der größten Not ausdehnen. Ihr werdet die Reichsten im jüdischen Volke sein, so reich, daß Ihr eine Weile Euch als die Klügsten betrachten werdet. Und gerade so kam es später. Damals aber, in den ersten fünfzehn Jahren jüdischer Auswanderung, war die Verzagtheit groß. Gemildert wurde diese erste tragische Periode durch einen höchst bedeutsamen Umstand. Gleichzeitig mit der Auswanderung aus materieller Not vollzog sich nämlich auch eine Auswanderung aus Ueberzeugung. Das waren enttäuschte, seelisch betroffene jüdische Revolutionäre und Sozialisten, die auf die Erhebung des r ussischen Volkes gegen den Zarismus hofften und statt dessen eine Erhebung nur gegen die Juden erleben mußten. Ihre Enttäuschung war um so tiefer, als sie sahen, daß gewisse Gruppen russischer Revolutionäre in den Pogromen hauptsächlich nur den Protest, den Unwillen, die Empörung des Volkes sahen und aus diesen Gründen sie begrüßten. Sehr charakteristisch, daß sich unter dem Aufruf, in welchem dieser merkwürdige Standpunkt zum Ausdruck kam, auch die Unterschrift eines jüdischen Revolutionärs befand. Diese enttäuschten jüdischen Revolutionäre, die ihre Hoffnung auf politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit zerronnen sahen, gingen nicht nach Zion, wie es jene Intelligenzschicht, die sich um die Bilu-Parolc sammelte, tat, sondern nach Amerika. In diesem politisch freien Lande, von dem sie im übrigen genau so wenig wußten, wie die aus- N'ot-Emigranten, wollten sie Siedlungen gründen, auf welchen sie alle Grundsätze sozialer Freiheit und Gerechtigkeit verwirkliehen zu können glaubten. In die Geschichte der Ideenbewegungen unter der jüdischen Intelligenz geht diese sehr kurz währende Episode als ״Am-01am“-Bewcgung ein. Die wahrhalt nationale Rolle dieser jüdischen Intellektuellen bestand aber darin, daß sie den Mutlosen Mut cinflößten, daß sie sich unter die jüdischen Volkstnassen mischten, die Organisation für den materiellen Kampf auf sich nahmen und in dieser fremden Welt, in dieser neuen Umgebung auch für geistige Ablenkung sorgten, ln der ״Jüdischen Rundschau“ wurde seinerzeit (bei der Würdigung der bedeutenden Memoriere von Ab. Kahan) auf den Dienst am Volke dieser emigrierenden jüdischen Sozialisten vom Schreiber dieser Zeilen ausführlich Angewiesen. Dieser Dienst am Volke wurde im übrigen dadurch erleichtert, daß diese Sozialisten ehemalige Schüler der großen Jeschiwoth von Woloschin, Tclsch und Mir waren. Sie kannten sich in dem Talmud noch besser aus als in den Werken von Marx und Engels und argumentierten auch in ihren sozialen Predigten mehr mit Betrachtungen über den Gesetzgeber Moses als mit dem historischen Materialismus. Der Sinn der dankenswerten Leistung war indes nicht der Sozialismus, welchen die Prediger selbst bald verließen, wichtig war der geistige und seelische Beistand während der ersten fünfzehn Jahre, die für die jüdischen Emigranten besonders schwer waren und die als das erste Entwicklungsstadium zu betrachten sind. * Im zweiten Stadium, das mit dem Ende der neunziger Jahre beginnt, hat das amerikanische Judentum die Elcndszcit bereits überwunden. Die Gewerkschaften, die immer mehr an Stärke gewinnen, heben den Lebensstandard der Arbeiter, und aus der zahlreichen Schicht der sogenannten Hausiercr bildet sich schon eine sehr beträchtliche Zahl Wohlhabender. Der ökonomischen Krise am Anfang der neunziger Jahre folgte bald ein rapider Aufschwung, und die Juden taten mit. Eine gewaltige Bautätigkeit setzte ein, eine unglaubliche Hausse in Häuser- und Bodenverkauf schaffte über Nacht Reiche. Bei allen diesen Unternehmungen in New York — lesen wir in Kahan’s Memoiren — haben die russischen, polnisehen und galizischcn Juden die wichtigste Rolle gespielt. Oft kam es vor, daß ein Jude, der kaum ein Wort englisch sprechen konnte, ganze Häuserblocks baute, und sehr oft brachte er es mehr mit Kopfkombinationen als mit barem Oelde zuwege. Die daheim Maurer, Tischler oder gar Melamdim waren, haben mit den paar tausend zusammengeborgten Dollars Millioncn-Unternehmungen eingeleitet. Nicht selten endeten solche Leute im Armen- oder Irrenhaus, aber oft sind sie auch Millionäre gcworden. Es ist die Zeit, als in den Briefen an die Verwandten, denen kleinem‘ oder größere Schecks und Schiffskarten beigelegt wurden, nicht mehr von Sehnsucht nach der alten Heimat die Rede war, sondern von der neuen großen Wohnung mit den schönen Möbeln, und wie man ״macht a Leben“. Der früheren Verzagtheit ist Zuversicht, ist das Bewußtsein der Kraft gefolgt. Das Ziel, den Besitz, den Wohlstand zu vermehren, erfaßt den ganzen Menschen und läßt auch den Juden die traditionelle Pflege des Geistes vergessen. Die Freude am Materiellen, Sachlichen erfaßt auch die Sozialisten und Idealisten von gestern. Zwar sicht sich schon die New Yorker jüdische Gemeinde nach einem der großen Rabbiner und Magidim aus der alten Heimat um, aber nicht aus Sehnsucht nach dem Geistigen, sondern von dem Standpunkt aus: ״Wir können es uns leisten." Im Rahmen dieser kurzen Betrachtung ist cs wichtig, auch über die Beziehungen des russischen Judentums, das sich trotz politischer Bedrückung als jüdisches Volk fühlte, zu der jüdisehen Kolonie in Amerika — denn als Kolonie wurde das amerikanische Judentum damals aufgefaßt — zu sprechen. Diese Be- Ziehungen waren durch das Bewußtsein bestimmt, daß der Preis, den der ausgewanderte Teil des jüdischen Volkes für seine bessere ökonomische und politische Lage zahlen mußte, ein sehr hoher war. Dieser Tatbestand weckte Gefühle des Mitleids für die Brüder jenseits des Ozeans und gleichzeitig eine gewisse Geringschätzung ihres erworbenen Glücks. Diese Einstellung währte eigentlich bis zum Weltkriege. Nichts, aber gar nichts außer dem großen materiellen Wohlstand war im jüdischen Leben Amerikas während des zweiten Stadiums dazu angetan, diesen Beziehungen eine andere Richtung zu geben. Die jüdische Presse, die sich großer Auflagen erfreute? Ihr Niveau bewirkte, daß in demselben Dichter Rosenfeld, nunmehr Mitarbeiter jüdischer Zeitungen, die Sehnsucht nach der elenden Schneiderwerkstatt erwachte. Ergreifenden Ausdruck fand die Verbitterung über einen flachen, sensationslustigen, hemmungslos geschwätzigen Journalismus in den folgenden Strophen Rosenfelds: Nicht geträumt und nicht gesungen Schon seit langen langen Wochen. Tief verwundet ist die Seele Und mein Geist, der ist gebrochen. Zeile muß um Zeile schuften, Der zum Singen war erkoren Und die Spur der freien Göttin Meiner Kunst, habe ich verloren, f ine schmutzig graue Karre Muß mein stolzer Cherub ziehen, Der mich einst in Himmel führte, Wo die lichten Träume blühen. Und diejenigen, die die Hauptschuld für diese gelbe Presse tragen, waren es nicht hauptsächlich jene, die vor zwanzig Jahren als Idealisten, als Träumer einer neuen Gesellschafts- Ordnung nach Amerika gekommen waren? Nun, cs stellte sich heraus, daß im zwanzigsten Lebensjahr es leichter ist, Ideale zu haben, aber daß das wahre Verdienst darin besteht, sie bis ins vierzigste Lebensjahr zu behalten. Fast keiner von den Stürmern jener Zeit behielt sie. Der ehemalige Schwärmer und Menschheitsbeglücker saß in der Redaktionsstube der machtigen sozialistischen Zeitung und hatte die Aufgabe, Briefe betrogener Bräute, Briefe, deren Veröffentlichung durch die Zeitung ihr den größten Auflageerfolg brachte, zu beantworten. Wenn ein gebrochenes Herz die Redaktion fragte, ob cs mit dein jungen Mann, der ihm den Hof macht, den cs aber nicht liebte, ausgehen darf, ungeachtet dessen, daß seine Liebe einem anderen gehört, welcher es verlassen hat, so antwortet der chemalige Apostel des Sozialismus in einer Weise, die der amerikanischen Nüchternheit und dem Sinn für die praktische Seite des Lebens gerecht werde, ohne dabei mit einigen sehr vulgären Worten auch den Sozialismus außer acht zu lassen. Das, was von der Presse gesagt wurde, gilt auch für das Theater und die schöne Literatur. Niedriges Niveau oder, was Kunst und Geist betrifft, völlige Bedeutungslosigkeit. Und schrieben amcrikanische jüdische Schriftsteller ein einigermaßen anständiges Buch (David Pinsky ist einer von denen, die anständig Mittelmäßiges produzierten), so war es kein amerikanisches Milieu, keine Helden aus dem jüdischen Amerika, sondern immer wieder das litauische Städtchen, immer wieder das russische Judentum. Die Gedanken und das Herz des Dichters hingen immer an der alten Heimat. Zum Zwecke materieller Erholung kam cs schon vor, daß jüdische Schriftsteller, ernste Publizisten sich auf einige Zeit nach Amerika begaben, aber gewöhnlich hielten sic dort nicht lange aus. Von seiner ersten Amerika-Reise hat Scholcm Aleichcm nichts zu berichten. Trotz des enthusiastisehen Empfanges war er glücklich, zmrückzukcliren. Als ein Schriftsteller, der den Posten eines Redakteurs an einer New Yorker Zeitschrift annahm, in Hamburg aber, wo er sich einschiffen sollte, plötzlich kehrt machte aus Angst, in Amerika dem Ungeist zu verfallen, wurde er keineswegs als 8011dcrling betrachtet. Ich erwähne dies, damit man einen Begriff davon bekommt, wie das amerikanische Judentum in allem, was jenseits des ״all right"-tums lag, ciugcscliätzt wurde, Ueberhaupt ist zu sagen, daß das amerikanische Judentum bis zum Ausbruch des Weltkrieges keine nennenswerte Rolle im ostjüdischen Leben spielte. Das sechs Millionen starke Judentum Rußlands mit seinen großen Kulturzentren Wilna, Odessa, Kiew, mit seiner begeisterten Jugend, mit seiner großen Zahl intcllektueller Kräfte hatte das Gefühl, daß es trotz politischer Bedrückung doch ein Volksleben führte. Von Eydtkuhnen bis Jclisabefgrad fuhr mau mit der Eisenbahn mehr als zwei Tage und zwei Nächte und in den unzähligen Städten, die man passierte, herrschte starkes jüdisches Leben. Es gab ein jüdisches Volk, Die bevorstehende Katastrophe noch nicht ahnend, im Bewußtsein seiner Kraft und Verantwortung für die jüdische Zukunft und für den Erfolg der jüdischen geistigen und uationalen Bewegungen, kümmerte sich das russische Judentum nicht sonderlich viel darum, ob dort, aus der entfernten Amerika- Kolonie, außer dem Dollarsegen auch noch anderes zu erwarten sei. Gewiß, wenn ein Beilis-Prozcß, wenn ein Pogrom Milllionen russischer Juden iit Gefahr versetzte, waren die Wellen der Erschütterung, waren die Proteste und Wchcrtife, die von Amerika kamen, Linderung und Trost. Wenn Juden in Gefahr waren, pochte das Herz des amerikanischen Judentums stark, und, ungeübt noch in der Kunst, in großzügiger Weise Hilfe zu organisieren und vor der Ocffcntlichkeit der Welt jüdische Solidarität eindrucksvoll zu bekunden, nahm es Zuflucht zur systematischen Sentimentalität, indem cs Bäche von Tränen vergoß, als die Chasonirn auf den Protcstversaminlungcn nach den Reden das El mole Rachamim und die Klagelieder, unter dem Eindruck der Ereignisse schnell komponiert, sangen. Die Sentimentalität, die heißen Gefühle, schätzte man ein, fand sie aber auch natürlich, denn schließlich waren es doch Verwandtschaftsgefühle, aber ebenso natürlich fand man es, daß auf einem zionistischen Kongreß die amerikanische Delegation klein war und sehr bescheiden und nicht viel zu sagen hatte. Denn die Verantwortung für die jüdische Zukunft lag nicht bei ihr. Man war so gewöhnt, dem jüdischen Leben in Amerika keine allzu dominierende Stellung beizumessen, daß man einen recht bedeutungsvollen Prozeß, der sich mittlerweile vollzog, außer acht ließ. Zugegeben, Presse, Theater, Literatur standen auf einem niedrigen Niveau, aber Hunderttausende. von jüdisehen Kindern besuchten die amerikanischen Schulen. Und diese neue Generation wuchs zu stolzen jüdischen Bürgern Amerikas heran und, obwohl mehr Sportler als Disputanten über geistige Dinge, konnten sie doch einen schönen Vorzug ihr eigen nennen: ihnen fehlte das Gefühl, daß sie für das erworbene Bürgerrecht jemanden zu Dank verpflichtet seien, ein Gefühl, von dem sich der europäische Jude bis heute nicht ganz befreit hat. Die Kraft, die Organisation der jüdischen Gewerkschäften, welche eine imponierende Größe annahmen, wurden übersehen. Es gibt keinen der sogenannten freien Berufe, in welchem die Juden nicht in gewaltiger Zahl vertreten sind. Hier sammeln sich Riesenkräfte, und die Anglisierung der jüdischen Massen schreitet vorwärts. All diese Faktoren blieben wenig beachtet, und erst nach dem Kriege wurde ihre Wirkung offenbar. * Als die blutigen Schleier auseinandergingen, sah man das Ostjudentum am Boden zerschmettert und dezimiert liegen. Eine Katastrophe ohnegleichen verurteilte das russische Judentum zur Ohnmacht und zum Schweigen. Statt der dominierenden Rolle im Weltjudentum trat seine völlige Ausschaltung ein. Nur noch Objekt des Mitleids und der philanthropischere Hilfe. In dieser verhängnisvollen Zeit erscheint auf der Szene das amerikanische Judentum, um seine historische Mission zu erfüllen und jenem denkwürdigen Vorgang, der vor fünfzig Jahren seinen Anfang nahm» einen hohen Sinn zu geben, Und so beginnt das dritte Entwicklungsstadium des amerikanischen Judentums, das durch einen beispiellosen ökonomischen Aufschwung gekennzeichnet ist, begleitet vom stolzen Bewußtsein der Macht und der Freiheit. Der Vorzug, Bürger der siegreichsten und stärksten Nation der Welt zu sein, verleiht den amerikanischen Juden «in Gefühl von bisher noch nie in solchem Maße empfundener Sicherheit, und es ist interessant zu vermerken, daß auch der Hochmut, den der Amerikaner, besonders in den ersten Nachkriegsjahren, dem geschwächten Europa gegenüber an den Tag legte, auf die jüdischen Bürger Amerikas ein wenig abfärbte. Indes dieser Hochmut war gutmutiger Art und dauerte auch nicht so lange, zumal das Ost- Judentum, dankbar zw׳ar für die in wahrhaft großzügigerWeise gewährte Hflfe, es auch jetzt nicht unterließ, ab und zu auf die Vernachlässigung des Geistigen hinzuweisen. Auf diesem Gebiete hatte sich nicht besonders viel geändert. Die Tagespresse hat .wohl die grobe, kulturlose Form der Sensation von sich abgetan und dank dem Umstande, daß ein großer Teil der jüdischen Publizisten aus Rußland in die Redaktionsstuben kam, bedeutend an Inhalt gewonnen. Das Theater ist noch immfer schlecht, und wenn das jüdische Amerika auf einige begabte Schriftsteller und feinsinnige Dichter hinweisen kann, die jiddisch produzieren, so muß doch gleich festgestellt werden, daß ihre Bücher meistens keine Verleger und keine Leser finden. Das jüdische Amerika verläßt die jiddische Sprache. Die Tages- Zeitungen sind schon jetzt mit großen Beilagen in englischer Sprache versehen. Mit jedem sterbenden Juden der alten Generation stirbt auch ein jiddischer Abonnent, der von keinem neuen ersetzt wird. Wahrscheinlich wird es nach zwanzig Jahren keine Presse in jiddischer Sprache mehr geben. Zeitsetoriften, außer der Monatszeitschrift ״Die Zukunft“, die ihr Dasein der Subvention des ״Vorwärts“ zu verdanken hat, gibt es nicht mehr, dafür aber eine sehr große Zahl äußerlich fein ausgestatteter Wochen- und Monatsschriften in englischer Sprache, arm an Inhalt, aber reich an Photographien der sich

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