Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 25-26 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 102 JUEDtSCHE RUNDSCHAU Nr. 25/20, UV. 1931 und der Arbeit werden. Das ist der Sinn des monotonen, aber la'denschaftsvollcn Liedes derer von ״Zrif ha-cz“. In Hunger und Krankheit baut der Mann die Holzbaracke, entsteint das Feldstück, grabt es um. Wenn er stirbt, bleibt die Baracke; andere kommen, bauen sie in schwarzem Basalt, umgeben sie mit Bäumen, bauen, pflanzen, pflügen, säen. Die Holzbarackc bleibt das Symbol des erwachten Aiifbauwillcns, des wiedergewomienei! Vertrauens zur Scholle. Die Männer vor! ״Zrif ha-cz“ wissen utn das (jeheimnis der Scholle. Erdarbeit macht das Denken sdme, und nimmt die Unruhe. Den ganzen Tag reißt der Pflug!1.11 Humus auf und schließt ihn wieder, und am Abend kclu -t du inikle und ruhig zurück, der Erclgeruch haftet an deinen Kleidern. Das Leben in ״Zrif ha-cz“ hat seine eigene Rangordnung: die erste Sorge gilt dem Vieh, die zweite den Kindern, erst in letzter Reihe steht Leben und (jesumlheit der Erwachsenen. Di'- Gleichberechtigung der Frau erscheint in ihrer vollen /.wiespaltigkeit: sie kämpft und weiß, daß ihr Kampf sie um ihr schönstes Recht bringt: das der Frau und ,Mutter. Die gemeinsamc Kindererzicliuiig raubt ihr die intimsten Freuden des ,Mutterseins. Die harte Arbeit entsteht ihre Schönheit und läßt sie früh altern. Kinder und Kindererziehung sind Sorge der Gemeinschaft. Strotzende, rotbäckige Gesundheit der Kinder t!n<l ihre frühe Gewöhnung an das Leben der Arbeit in Feld und Haus ist strahlendes G'.ück der Erwachsenen. Die Er- Ziehung ist trotz allem nicht ״elternlos‘' und eile Erwachsenensehaft steht ohnmächtig und trostlos vor jenen Kindern der Kwuzah, denen die Mutter wegstirbt. Die Leute von ״Zrif ha-cz“ weinen nicht; auch nicht am offenen Grabe des Genossen. Die Arbeit ist die große Trösterin. Sic ist das Leben und außer ihr ist das Chaos. Genügsamkeit ist erstes Gebot. Ohne sie wäre dies Leben untragbar. Es gibt nur ganz bescheidene Freuden: der Tag, an dem der Tourist, der aas Leben der Kwuzah mit eigenen Augen sehen will, ein paar ״fertige“ Zigaretten spendiert und die Burschen des ״Drelicns“ enthebt (hinterher nennen die Burschen ihn ״big Zionist“); oder wenn Sara, Mutter zweier Kinder, in ״Stimmung“ kommt, aus der Küche ein Messer holt, sich inmitten des Zimmers stellt und am Orte zu tanzen beginnt, das blitzende Messer über ihrem Kopfe schwingend, und die Burschen sie umtanzen und im Rhythmus in die Hände klatschen: El jiwneh hagalil, o-ho, o-ho, 0110־! auf sie zutanzen, und sie, stets am Orte sich drehend, die Angreifer abwehrt: O-ho, 0-110, 0-110! und die ״Wildesel“ (die Stutzer) stechend und hart: La — I a la heulen. Wird einer der Burschen ״owcl“, d. h. läßt er sich aus verschmähter Liebe einen Vollbart wachsen, so hat er das Mitgefühl aller für sich. Liebe — in ״Zrif ha-ez“ ein besonderes Kapitel. Es gibt keine heimliche Liebe. Jeder weiß um jeden. Der Verliebte ist dem Gehänsel der Burschen und dem lästigen Mitleid mütterlicher Genossinnen ausgesetzt. Die Intimität des Gemeinschaftslebens läßt nur sehr beschränkt individuelle Regungen, Absonderungsbedürfnis gelten. Kommt zu der Zahl der Verheirateten ein neues Paar, ist des Plänkelns der ״Wildesel“ kein Ende. Aber diese Spannungen brechen nicht zu Konflikteil aus, halten sich in den Grenzen witzigen Ironisierens. Dagegen hat die Chaweruth auch ihre guten Seiten: gegenseitige Hilfe, wenn der Ernst des Lebens hcrantritt. Eine viel größere Rolle als die Liebe spielt in der Kwuzah der ״Meschek , die Wirtschaft. Ihr gilt die wahre Liebe, Eitersucht und Trauer des Chawer. Alles andere ist Schaum des Lebens. Sie ist die Rechnung des Lebens. Geht die Rechnung auf, ist alles gut; wenn nicht, hilft alles andere nichts. In ״Zrif ha-ez“ geht die Rechnung zumeist aut. Der Fortschritt ist fühlbar. Die Rationalisierung der Wirtschaft nimmt zu. Der Kuhstall wird zur organisierten Milchwirtschaft, der Garten zu geordnetem, einträglichem Gemüsebau. Der Verkauf der Milch ip der Stadt wird immer leichter. Man kauft gern die Produkte der Kwuzah, denn es ist Qualitätsware. Das gute Geld der Einnahme aus eigener Produktion soll die schwierige, häufig entehrende Anlcincwirtschaft ablösen. Selbst der kostspielige Uebergang zur künstlichen Bewässerung stößt, dank der gesteigerten Produktion, nicht auf unüberwindliche Hindernisse. In ״Zrif ha-ez“ arbeiten zwei Gruppen junger nichtansässigcr Burschen: Bauarbeiter, die das Gebäude errichten, und Steinhauer, die im nahen Marmorbruch mit dem Geld eines wagenden Unternehmers den Marmor zu brechen und zu Tal zu fördern beginnen. Der Marmor ist gut und kostbar, aber der Transport ohne ganz große Mittel undurchführbar. Diese beiden Gruppen beleben den Eiutag in ״Zrif ha-ez“. Die Gruppe der Steinhauer ist nicht zufällig zusammengewürfelt. Erst vor kurzem ist sie ins Land gekommen. Bolschewikien hat sie ausgespieen. Gemeinsame Erlebnisse dort haben die intime Sphäre geschaffen, in der sie auch jetzt, im neuen Lande, leben. Revolution pocht in ihrem Blute. Niemals konnten sie sich an die Begrenztheit des Bäuernlebcns gewöhnen. Abhängigkeit von den Zufällen der Natur ist ihnen eine Art neuer Knechtschaft. Sie streben nach Mechanisierung und Unabhängigmachung der Arbeit von widrigen Faktoren. Mit den Jahren erschlafft der Geist des ersten Chaluztums. Ein Janr der Dürre bringt die innere Krise zum AasbrucH. Der Mut sinkt. Nicht einmal für das Vieh reicht der Ertrag des Feldes. Die Regierung kann nur Saat iür das nächste Jahr liefern. Für Kredite gibt es weder Geld noch genügende Grundlage. Der Hunger packt Tier und Mensch. Kaum, daß für Säuglinge und Wöchnerinnen Milch da ist. Das Zugvieh wird in die Hule-Steppe zur Weide hinabgebracht. Menachetn, der die Herde dort zu betreuen hat, wird vom Fieber des Sumpfes ergriffen. Fr lernt in seiner ׳Rekonvalescenz einen jungen Ingenieur kennen, der das Gelände des Hule-Sees zu wissenschaftlicher Feststellung seiner Entsumpfungsmöglich- Leiten vermißt. Er beschließt, zu seiner fachlichen ״Vervollkommnung“ nach Ucberland zu reisen, um nach mehrjährigem Fachstudium seiner Heimat nützlicher sein zu können. * Von ganz anderen Ausmaßen ist der zweite Roman Ewer Hadanis. ״Zrif ha-ez“ ist Idylle, ״H a m i f a I baarawa“ dagegen Menschheitspanorama. Zunächst ist schon die Landsehaft großartiger: die Jordansenke, das Ghor, Die ganze romantische Wildheit und Furchtbarkeit dieser Oede kommt zur Dar- Stellung: ein langgezogenes, unbebautes Steppenland, an beiden Seiten von hohen schwarzen Basaltmassen cingeschlossen, in der Mitte die schmutzig-grüne reißende Flut des Jordans; bewohnt von wilden Halbnomaden, denen die Blutrache heiliges Gebot ist; die alles, was in diese Urwelt der Wüste cinzudringen wagt, als den Fremden, den Feind betrachten. In sengender Gluthitze beginnen Gruppen jüdischer Arbeiter sich ans Werk zu machen: zunächst an den Ausbau einer tragfähigen, asphallierteil Straße längs des Flußlaufs. Stoßmaschinen und Walzen erobern lärmend und keuchend jeden Meter neuen Weges, auf den! später Maschinen aller Art lierbeigeschafft werden. Es erfolgt die Errichtung der ersten Station des EIcktrizitätswerkes. Die Arbeiternennen sic ״Tachanath ha-ajefut“(״Station der Ermüdung“). Dann beginnt das eigentliche Werk der Flußregulierung, der Ausbaggerung des künstlichen Flußbettes mit all seinen Vorrichtungen. Zwanzig Meter hohe Eisenbetonträger leiten in Strängen die gewonnene Kraft dorthin, wo sie gebraucht wird. Geistiger Urheber der Idee und zugleich oberster Bauherr ist der geniale Ingenieur Agar, ln der Lösung der schwierigen Aufgabe, hier eine der unmittelbaren Gegenwart angehörige Persönlichkeit in den Roman als spiritus rector ein zuführen, zeigt sich die starke Darstellungskraft des Dichters. Dieser Agar ist, wie uns scheinen will, ein großer Wurf. Sein erster Besuch in deoArawa, bei dem die! Idee in ihm reift, die zieB• bewußte Ausarbeitung des Planes, die Inangriffnahme des! Werkes selbst, die Art, wie dieser Mann von seinem ersten Auftreten an das Herz des Arbeiters zu packen versteht und sein Vertrauen für immer gewinnt, wie er Industrie und Kolonisation durch sein Werk in das Wiistcnland zu ziehen gedenkt, die Wirtschaft, mit der er auch die Arbeitskraft der Urbevölkerung durch Bildung eigener Arbeitskaders nutzbar zu machen weiß —- das alles ist in großartigen Bildern vor unsere staunenden Augen gestellt. Das Seherische dieser Darstellung wirkt beinahe verletzend in jener visionären Schilderung eines großen Dammbruches, der gerade in diesen Monaten, also nach Abfassung des Werkes, leider zur bitteren Wirklichkeit geworden ist. Einer der unvergeßlichen Momente des Romancs ist die Szene, in der Agar, hoch auf der Brücke seiner Kraftstation stehend, vor geladenen Großindustriellen des Landes zum erstenmal, eis Einweihung des Werkes, das reißende Wasser des Flusses ins Bctoiihctt cinströmcn läßt. Der kühne Führer hat sich ein I leer treuer Helfer geschaffen. Diese Typen der Wegebau er, Maschinenführer, Steinmet/o, Bdonarbeitcr sind mit der Kraft einer großen Liebe gezeichnet. Sie prägen sich in all ihren hundertfältigen Diskussionen über Sinn des Lebens und der Arbeit tief ins Gedächtnis. Diese Arbeitsleute sind zu innerst überzeugt von dem schöpferischen Wert ihrer Arbeit und würden ohne diesen Glauben das entbehrungsreiche, kraftverzehrende Leben rastloser Arbeit nicht ertragen. Arbeit ist ihnen kein Fluch, kein Uebcl, aber ein Zwang, dem sich niemand entziehen kann und darf. Sie sind mit ihrem Führer eines Sinnes: cs gilt ein großes Werk zu vollbringen, das das Leiden der Menschheit zu verringern vermag. Hat ja der Führer nicht nur die Ausbeutung der Wasserkraft des Flusses, sondern viel weitergehende Pläne im Auge! Kr trägt sieh mit dem Gedanken, die ganze Flußsenkc in fruchtbares Land zu verwandeln und so ein großes Gebiet der Neukolonisation zu eröffnen. Hier nimmt die Erzählung beinahe utopische Gestalt an. Das Programm Agars ist es, auf dem vorbereiteten Areal der Jordansenke eine landwirtschaftliche Kolonisation von einer halben Million Klcinsiedler und in deren Gefolge die Ansiedlung einer ganzen Million werktätiger Menschen zu ermöglichen. In den Arbeitern lebt der tiefe Glaube an diese Ausmaße der zukünftigen Entwicklung, und er ist cs, der sic aufrechterhält. Allerdings nicht allen vermag dieser große Glaube aut die Dauer über das Elend der Gegenwart, die Unbarmherzigkeit des Proletarierdaseins hinwegzuhelfcn. Ein Teil von ihnen, wohl mehr die Aelteren, Verheirateten, sehnen sich nach stillerem Glück in engeren Grenzen. ,Sie sehnen sich nach landwirtschaftlicher Ansiedlung. Auf eigene Rechnung können sie das nicht. Zu wirtschaftlich unsicheren Experimenten hat sic ihr schweres Arbeitsleben in der Vergangenheit unfähig gemacht. In unübertrefflicher Formulierung lehnt einer dieser Arbeiter den Vorschlag eines jüngeren, beweglicheren landwirtschaftliehen Sachverständigen ab, der zur Gründung eines Fonds aus den Sparpfennigen der Arbeiter rät: ״Unser Geld ist schwer.“ So bleibt nichts übrig, als vorläufig auszuharren. In ״Teura“, nördlich der ״Müdigkeitsstation“ am Rande der Arawa, entwickelt sich seit der Inangriffnahme des Agarschen Projektes fieberhafte Tätigkeit. Amerikanische und europäische Kapitalisten errichten In Voraussicht des kommenden Wirtschaftliehen Aufschwungs Fabriken, beschäftigen Hunderte von Ar• beitem in Steinbrüchen, ameliorieren und kultivieren den dort anbaufähigen Boden usw. Nach anfänglich günstiger Entwicklung geraten die Arbeiten ins Stocken. Der Dammbruch am Jordanwerk hat durch Zufall ein Menschenopfer aus den Reihen jener arabischen Arbeiter gefordert, die von Agar eingestellt waren. Von diesem Augenblick an beginnen hoch oben in den Bergen die Zelte in geheimnisvolle, unheimliche Bewegung zu geraten. Man munkelt dort, es sei kein Zufall gewesen, daß gerade einer der ihren getötet wurde. Es sei ein Wink des Himmels, zum Angriff auf das Teufelswerk der ״Fremden“, der Weißen in der Talsenke überzugehen. Auch in den Arbeitskaders der Eingeborenen gärt es. Ihr Führer sagt im Namen aller den Dienst auf. Fs drohen Ueberfälle. Die Leute von ״Teura“ beginnen auch ihrerseits Maßnahmen zur Verteidigung zu treffen. Die Wüste rüstet in diesem kritischen Augenblick zum entscheidenden Schlag gegen die fremden Eindringlinge. Das Ghor im Kriegszustand! Der Angriff erlahmt zwar in seinen ersten Anfängen, aber die Nachricht über die Vorgänge hat das Auslandskapiial kopfscheu gemacht. Die Geldmittel in ״Teura“ werden knapp, das junge Werk der Industrie droht zu zerfallen. Eintretender Arbeitsmangel treibt die werktätige Bcvölkerung ״Teuras“ zu Straßendcmoiistrationen. Da greift Agar, der mit wachsender Sorge die Krise vorfolgt, mit sicherer Hand ein. In gemeinsamer Sitzung mit den Industriellen von ״Tcura“ werden Maßnahmen ergriffen, die weitere Schäden vermeiden sollen. Unter anderem wird auch, als sichtbares Zeichen der Wendung zum Guten, die Gründung eines besonderen Kolonisationsfonds, des Jechicl-Fonds, zur An- Siedlung der ersten tausend Arbeiterfamilien in ״Tel ha-scheket“ (״Hügel der Stille'Ö beschlossen. ״Tel ha-scheket“, eine Art Tochtersiedlung von ״Tcura", lief im Ghor unten gelegen, ist auf seltsame Weise entstanden. Der alte Jechiel, eine beinahe tolstoianische Gestalt,_ will die Arawa nicht durch Geld, sondern auf dem Wege des Geistes, der Liebe, der Menschheit zurückgewinnen. Er verachtet die Methoden des Kapitals nicht weniger, wie dieses die Macht des Schwertes und der Gewalt. Eine phantastisch-romantische Schöpfung des Dichters, der seine besondere Liebe gehört. Dieser Jcchiel, der von Haus aus großen Reichtum mit ins Land bringt, deponiert bei den Industriellen in ״Teura“ sein ganzes Vermögen und zieht mit einigen wenigen Getreuen hinab ins Ghor, um dort sich dem Lande und seinen Bewohnern durch das reine Mittel der Liebe neu zu vermählen. Er wird, sein Lied der Liebe auf den Lippen, von den Aufständischen hinterriieks niedergeknallt. Er war eben auf dem Wege begriffen, die Idee der Liebe sowohl den alten Zeltbewohnern des Tals, wie den neuen Eroberern zu predigen. Mit seinem Nachlaß wird auf Beschluß der Industriellenversammlung ״Tel ha-scheket“ zur Tausendschaftssiedlung ausgebaut. Das ist in großen Zügen Inhalt und Idee dieses zweibändigen Romans. Wir müssen es uns hier versagen, auf die große Reihe hochinteressanter, mit bewunderungswürdiger Kunst und Liebe dargestellten Typen und Milieus sowohl aus dem Kreise der der jüdischen Arbeitslegion in der Jordansenke wie der alten Zeltbewohner des Tals und der Berge und der Kapitalistengruppc näher einzugelien. Unserem Auge entrollt sich ein Panorama größter Ausmaße, in scharfen Konturen, mit gerechter Verteilung von Licht und Schatten, von sicherer Hand gekennzeichnet. Am schlechtesten schneidet der Vertreter der Polizeimacht ab, der naturgemäß an der guten alten Ordnung festhält, ohne selbst von seinem Standpunkt recht überzeugt zu sein. Ewer Hadani hat dem jüdischen Land- und Bauarbeiter unserer Tage mit diesen beiden Werken ein unvergeßliches Denkmal gesetzt. Man muß es also als ein besonderes Glück empfinden, daß die Arbeiterschaft Palästinas aus ihren eigenen Reihen einen Mann aufgestellt hat, der mit solch innerer Legitimation und zugleich mit solch großem Vermögen des Sehens und Gestaltens die Arbeit und das Leid, aber auch die Schönheit und Freude, den tieferen Sinn dieses Lebens im Material der Sprache festhält. Das Hohelied der Arbeit hat einen neuen, großen europäischen Vorbildern ebenbürtigen Dichter im Vorpostenland des erwachenden Orients gefunden. Jerusalem. Max Mayer. Ein Jiddischist über Roths ״Hiob" Ein Brief an Conslantin Brunner Sehr geehrter Herr, daß Sie sich doch die Zeit genommen haben und das übersandte Buch aus dem Jiddischen des Bergelson so rasch riesen haben, hat mich ordentlich gerührt. Auch als Zeichen afiir, wie restlos Sie bemüht sind, Ihre Urteile zu prüfen. Denn darüber halten Sie ja wohl keinen Zweifel, daß ich mit der Ucbcrsctzung des Buches — ohne es iür den repräsenfativen Gipfel zu halten — die Absicht hatte, Ihrem Urteil über die jiddische Literatur zu opponieren. Wenn Sie allerdings in Ihrer Schrift ״Von den Pflichten der Juden“ der deutschen Literatur nur drei Dichter zugestehen — Goethe, Kleist und Heine —, so darf man sich nicht wundern, daß die jiddische Literatur gar nicht mehr unter Ihren allzu steilen Gesichtswinkel fällt. Aber auch so manche andere Literatur muß bei solchem Maßstab 'verschwinden. Und weil Sic damit also mehr beweisen als Sie wollen, — beweisen wolllcn Sir, daß die Ostjuden gar kein Volk sind und cs so auch keine lebendige Leistung von ihnen gibt —, habe ich doch gczweifelt, ob Sie diesen großen Maßstab ernst meinen. Nun schreiben Sic mir nach der Lektüre des Bcrgelson, ich möchte ״die Schwächlichkeit und das dunkle Ungenüge“ erkennen, wenn ich ״solche Produktion mit der von Juden vergliche, die aus dem separatistischen Gefängnis sicii befreit haben, z. B. mit Roths ״Hiob“. (Verlag Kiepenheuer, Potsdam.) Ich habe darauf dieses Buch mit besonderem Interesse gelesen, um einmal an einem zum Vergleich geeigneteren Beispiel zu erfahren, was Sic genauer meinen. Nun, ich bin ehrlich erstaunt. Verstehen Sic mich recht, ich will hier nicht über Roths Buch schlechthin sprechen und urteilen, sondern nur aus dem Gesichtswinkel Ihrer Gegen- Überstellung. Da muß ich einfach sagen: der Roth, der sich ״aus dem separatistischen Gefängnis befreit1‘ haben soll — dieser ״Hiob“ ist im Grunde nur eine Ueber- Setzung aus de m Jiddischen. Tollcrs Urteil aut dem Umschlag spricht von ״klassischem Deutsch“ — nicht mit Unrecht. Und trotzdem — nachdem cs einmal nicht in Jiddisch geschrieben wurde, halte das Werk ebenso in Englisch oder Französisch geschrieben werden können. Niemand wird es ohne Unbehagen zur deutschen Literatur rechnen können. Es ist nicht auf deutschem Boden gewachsen. Wer jiddisch versteht, erkennt die Ucbcrsctzung. Um nur einige Beispiele hervorzuheben, — das Wort ״Jude“ geht auf die andere Nuance zurück, die ״Jid“, ״Jjdene“ im Jiddischen hat, wo es oft überhaupt nur ״Mann“, ״Frau“ bedeutet, jedenfalls ein weiterer Begriff als unser Konfessionsterminus ist; ebenso ist ״Lehrer“ eine ganz unzureichende Uebcrsetzung für ״Melamed“; den gering geachteten ״Melamed“ meint die Stichelrede der Frau, auf den ״Melamed“ geht die Parallele vom Sohn, dem Krüppel (der ״Kalikc“), und Vater, dem Lehrer, die man so nicht versteht. Und heimatlos ist das Buch, weil cs sich dann doch auch nicht einfach ins Jiddische zurücksetzen läßt: manche Stellen sind für Nichtjudcn geschrieben oder widersprechen wenigstens der Empfindung des Ostjuden. Vor allein die Hiob-Analogie, die Wunderrabbigeschichte um Menuchin und dergleichen würden im Osten, wo das alles nicht Poesie ist, sondern um den lieben Gott noch gekämpft wird, abgeschmackt wirken. Doch übrigens, auch auf uns wirkt das zu absichtsvoll. Selbst in Hamsuns ״Segen der Erde“ ist der Bibelton nur Poesie aus zweiter Hand. Mendels Hader mit Gott gar und die Trostreden seiner Freunde, deren einer dann auch noch beim happy end die Parallele zum Hiob aufweist, oder die Versöhnung mit dem Tefillitnsack sind gewiß nicht das reinste in dem Buch. Der Aufbau des Romans hat etwas Filmhaftes. Was aber immer wieder versöhnt, ist Roths feine Gestaltung, der Hauch seines Wcltgefühls. Aber diese Lyrik des Menschenschick• sals, wie sic Maupassant in ״Uiie vic“ so groß geformt hat, gibt Roth uni der Hiobiade willen nur in schlecht zusammen• passenden Bruchslücken. Das Bibelpathos zerschlägt den lyrischen Realismus, der allein Roths organisches Teil ist. Ich sage das, weil ich auch nicht zugeben kann, daß Roths Buch künstlerisch Bergelsons ״Ende vom Lied“ (Jüdischer Verlag, Berlin) überlegen ist. Lyrischer Realismus — das ist auch Bergelsons Stil und der Vergleich deshalb sehr er• leichtert. Allerdings malt Roth Pastell, sehr reizvoll, aber mit Verlust an Gewicht, wohingegen Bergelson herb ist, schwer und ganz eigen. Aus unbewußteren Tiefen als Roth gräbt Bergelson sich, ein blinder, sehnsüchtiger Maulwurf, erst durch zum Licht. Ihnen gefällt die intellektiverc Gewandtheit und Helligkeit Roths. Aber ich bestreite, daß Bergelsons unbe-׳ wußteres Graben an den ersten Quellen ״dunkles Ungenüge“ und ״Schwächlichkeit“ bedeutet. Von Roths Zerstückune zeigt der jiddische Roman Bergelsons nichts. Er ist ausdauernd ganz und wurzelt tief. Eine Generation erkennt sich in diesem ״dunklen Ungenüge“, die Generation, der das jüdische Städtchen eng und sinnlos wurde. Das Buch hat eine Heiinat! Was bedeutet Roths ״Hiob“ der deutschen Literatur? Noch ein schönes Buch! Was gar dem deutschen Leben? Nichts! ״Das Ende vom Lied“ aber hat im jüdischen Leben Epoche gemacht, weil es aus diesem Leben kommt, aus der ersten Einmaligkeit dieses Lebens zum ewigen Ziel gestaltet. Mirel ist eine Jüdin der Kleinstadt und das ewige Objekt der Männerliebe zugleich (erinnern Sie sich an die Steile gegen Ende, wo die Leute, die in den Droschken vorüberfahren, bei ihrem Anblick eine unbekannte Sehnsucht fühlen?). Für den Ostjuden ist das Buch vielleicht etwas, wie ״Madame Bovary“ für die Franzosen. Und da zeigt sich auch die Kehrseite der ״Befreiung aus dem separatistischen Gefängnis“. Was ist Roths ״Hiob“ für wen? Es ist ein Werk der ״Weltliteratur“? Sollte man das, was da gemeint ist, nicht richtiger Allerweltsliteratur nennen? Als jiddisches Werk aber, für den Ostjuden, wäre Roth nicht einmal neu. Was er pastellartig streift an Problemen ostjüdischen Lebens, ist in der jüdischen Literatur schon ernster und tiefer behandelt worden. Ich weiß nicht, ob Sie Perez und Asch in Roths Legende erkennen. Das Umbrucherlebnis des emigrierten Ostjuden in Amerika aber hat am plastischsten Scholern Asclis ״Onkel Moses“ behandelt, aus einem großen sozialgeschichtlichen Gesichtspunkt. Kurz, ohne die jiddische Literatur, die Sie in Ihrem ״Judenhaß und die Juden“ eine ״dreizehnten Ranges“ nennen und der Sie nun also Roths ״Hiob“ als Muster dafür entgegcnstellen, was aus ihr werden kann, wenn sie sieh ״aus dem separatistischen Gefängnis befreit“ — ohne diese jiddische Literatur, sage ich, wäre Roth nicht einmal möglicli. Nach Ihnen soll der urlaut das Echo zum Vorbild nehmen. Roths ״Freiheit“ hat nichts Verlockendes. Ich sage das nicht gegen den ״Hiob“, der wundervolle Stcllen hat, ich sage das gegen Ihre Unterschätzung der jiddischen Literatur. Die Nutzanwendungen aber überlasse ich Ihnen, dem ich gern glaube, daß er aus treuem Herzen und Meinen so lehrt und aus dem heißen Wunsch, einen Umschwung zum Bessern herbeizuführen in der schmerzlich verworrenen Judensache. Leipzig. A. S u h 1. Im Alter von 74 Jahren verstarb in New York Jacob Koppel Sandler, der Dichter und Komponist des berühmten jiddischen Liedes ״Eli, Eli“ in dem das Schicksal der jüdisehen Einwandererinassen in den Anfängen der Einwanderung nach Amerika geschildert wird.