Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 25-26 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653277--22251-2680446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 100 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 25/26, 1. IV. 103! Das liberale Gebetbuch Besprochen von Dr. Eni II Frankel, Manchen. Tephiloth lechol hascfiaria, Gebetbuch ffir das ganze Jahr, bearbeitet im Aufträge des Preußischen Landesverbandes jüdlscher Gemeinden von den Rabbinern Seligmann, Frankfurt am Main, Vogelstcin, Breslau, und Professor Ellbogen, Berlin. Das nunmehr in zwei Bänden vorliegende, zur Einführung In den liberalen Gemeinden bestimmte Gebetbuch bedarf schon bei der Bedeutung, das dasselbe sich selbst als ein allgemeines deutsches Gebetbuch für den liberalen Ritus beilegt, einer Bcsprechung vom allgemein jüdischen Standpunkt. Bei Anerkennung der Tatsache, daß dieses Gebetbuch nur liberal-gottesdienstlichen Zwecken dienen soll, muß doch betont werden, daß die Absicht der Herausgeber, mit der Tradition im Einklang zu bleiben, in vielen Teilen versagt hat. Nicht das soll gerügt werden, daß das Kürzungsbedürfnis wie Schon in anderen überalen Gebetbüchern sehr stark in den Vordergrund tritt, sondern die Art, wie gekürzt und das alte Traditionsgut behandelt würde. Es war vielleicht nicht richtig, an der Ausarbeitung der Sammlung nur Theologen m beteiligen. Abgesehen davon, daß es jüdische Laien gibt, die für solche Fragen oft genügend Vorbildüng und Verständnis zeigen, hätten auch Lehrer und vor allem aber bedeutende Kantoren hinzugezogen werden müssen. Von theologischer Seite wird natürlich der Wert der Predigt und. des Vortrags deutscher Gebete gegenüber den wertvollsten hebräischen liturgischen Gebeten maßlos überschätzt. Es ist das ja der alte Fehler der Reform, die vorausgesetzte Ignoranz der Synagogenbesucher auf hebräisch-traditionellen Gebieten nicht nur als Tatsache hinzunehmen, sondern diesen Zustand verewigen zu wollen. Wie eigentümlich muß es berühren, wenn einerseits berühmte alte poetische Perlen unseres Rituals wegen ״CJeberschwenglichkeit des Ausdrucks und Häufung synonymer Worte“ gekürzt werden, während doch andererseits gerade die Rabbiner in ihren Predigten nach den vermeintlichen Gesetzen der Rhetorik oft einen solchen Schwall von Worten produzieren, daß man ruhig behaupten kann, die moderne Predigt würde nur ein Drittel der jetzt üblichen Zeit dauern, wenn dieselbe sich auf den materiellen Inhalt der Belehrung oder Mahnung beschränken würde. Die geradezu unerhörte Kraft von Gebeten wie ״Ahawa rabba“, ״Emeth we jaziw“, ״Ja’ale we jawo“ und besonders des unvergleichlich großartigen ״Nischmath“ darf nicht deshalb geschwächt werden, weil die Uebersetzungskunst unserer modernen Theologen der Größe des Originals nicht nachkommen kann. Darin soll übrigens kein Vorwurf liegen, wohl aber fehlt offenbar die Einsicht, daß die Reichhaltigkeit und Innigkeit des religiösen Ausdrucks in der hebräischen Gebetssprache einfach in moderner Sprache nicht wiedergegeben werden kann, weil eben diese modernen Sprachen gegenüber dem Original zu arm sind. Im einzelnen möchten wir besonders folgendes hervorheben: Es ist sehr bedauerlich, daß oft nur der Reformsucht halber eindert und gekürzt wurde. So haben die werktäglichen Salmen das Wohlgefallen der Herausgeber nicht gefunden, nicht einmal der ebenso kurze, wie wichtige 103. Psalm, und man hat dieselben durch beliebige andere ersetz*, urd justament weil dieser 100. Psalm nach einem mit der Halacha im Zusammenhang stehenden Gebrauch n u r an Werktagen und nicht am Sabbat und Feiertagen gesagt wird, hat man gerade diesen Psalm für die Feiertage neu eingeführt. Man hat für jeden Werktag einen anderen Psalm bestimmt, aber beileibe nicht die für die einzelnen Werktage schon Seit mindestens dem Bestehen des zweiten Tempels üblichen. Ein anerkannter Bestandteil des täglichen Gottesdienstes, die Keduseha, wird aus dem Privatgebet Überhaupt verbannt mt<| nur für den Oemelndegottesdienst mgelaisen, so daß der Liberale unbedingt täglich die Synagoge besuchen muß, wenn er die Keduseha sagen will. Die je nach Winters- oder Sommerszeit wechselnde Bene* diktion Maschib hamach Ist für beide Jahreszeiten zusammen* gezogen, wobei man nicht weiß, ob der liberale Ritus im Sommer frieren oder im Winter heiß machen will. Damit hingt dann vielleicht logisch zusammen, daß die Festgebete für ״Tal und Geschem" sich auf vier Zeilen beschränken, abgesehen von dem unvermeidlichen deutschen Gebet des Rabbiners. Allein logisch wäre ja jede Erinnerung an diesen Jahreszeitwechsel überflüssig, wenn derselbe im täglichen Gebet nicht zum Ausdruck kommt. Hier Hegt auch eine besondere Beeinträchtigung des kantoralen Gesanges vor, denn gerade hier war die Möglichkeit gegeben, durch herzerhebenden Vortrag einer traditionellen Weise die Ge* melnde zur Andacht zu stimmen. Daß In der täglichen ״Schmone-eßre" wie überall auch sonst alle Erinnerungen an Zion und Opferkultur einfach gestrichen werden, gehört ja zum frommen Katechismus der Reform. Dazu kommt aber noch die liberale Zensur von Stellen, die aus Assimilationsbedürfnis und Scheu vor der nichtjüdischen Umwelt geändert und gestrichen werden. So hat man zwar, offenbar um die Zahl der Benediktionen nicht zu ändern, diejenige für Jerusalem zugelassen, aber derart verändert, daß ihr Sinn ein vollständig anderer geworden ist, wobei man auch eine hebräisch wohl ganz unzulässige Konstruktion nur deshalb angewendet hat, um den Gkichklang mit der alten Form einigermaßen aufrechtzuerhalten. (Anstatt Berachamim faschtib -■- Racb^mim taschib.l Man hat die Owinu-malkenu Bitten möglichst zusammengestrichen, alles weggelassen, was irgendwie an die Einstellung der Umwelt uns gegenüber erinnern könnte, u. a. auch die allerwirksamste, sprachlich geradezu den Himmel zerreißende Stelle: Kera roa gesar dincmi, ein Ausruf, welcher gerade einem gelst- und andachtsvollen Kantor die größte Wirkung bieten müßte. Als Feindseligkeit gegen die hebräische Sprache muß es direkt bezeichnet werden, wenn man im Festgebet ״Ata be* chartanu“ geflissentlich die Stelle ״Weromamtanu mikol halscho* noth״ gestrichen hat. Die allerschlimmste aber und die Gesamttradi'ion des Judentums aller Welt verleugnende Tätigkeit haben sich die Herausgeber geleistet in der Art und Weise, wie man mit den Thora* und Prophetentexten der Festtage um* gesprungen ist. Wie man hier den Einfall eines einzelnen Her■ ausgebers an Stelle einer weit mehr als tausendjährigen Traditlon gesetzt hat, das muß man schon als Vermessenheit bezeichnen. Man denke doch, daß ein ausländischer Jude mit seinem Gebetbuch oder auch nur seinem traditionellen Gedichtnis sich in eine solche preußisch-liberale Synagoge verirrt, und nun beobachten muß, daß man nicht einmal die als allen Juden gemeinsam bisher betrachtete Festlektion beibehalten hat. Abgesehen von einzelnen Kürzungen, die kaum eine Minute ausmachen — wogegen Orgelvorspiel und Predigt ein Vielfaches an Zeit beanspruchen — hat man kaum einen Festtag des Jahres von Aenderungen in der Lektion verschont. An Stelle der Haphtara für den ersten Tag Peßach aus dem Buche JoSua, die uns die schlichte Geschichtserzählung des ersten Peßachs zur Zeit Josuas bringt, mit dem ergreifenden Schluß der Er* scheinung des Gottesboten vor dem Propheten (eine Parallele zur Offenbarung Gottes Im Dornbusch vor Moses) hat man das 43. Kapitel des Jesala gewählt, das auch nicht das geringste mit dem Peßcchfest zu tun hat. Nur um zu reformieren hat man anstatt der üblichen Haphtara für den zweiten Tag, welche die Peßichfeier unter König Joschijahu erzählt, dle'eni'»e un'er König Hiskia gesetzt, obwohl doch diese Peßachfeier nicht im Nissan, sondern als Peßach sehen! begangen wurde. Für den ersten Tag Schwuoth hat man die seit c\vi־ren Zeiten ein geführte Gotteserscheinung des Ezechiel gestrichen und dafür das Jegaia-Kapltei vorgeschriebe«, welches bereits als Haphtara für den Wochenabschnitt Jithro verwendet ist. Für den zweiten Tag dieses Festes hat man als ThoraleWon den Dekalo? aus dem fünften Buch Moses gesetzt und das herrliche Juwel der traditionellen Haphtara aus dem Propheten Habakuk (eines der poetisch großartigsten Stücke des ganzen Tenach) gestrichen und dafür ein Kapitel des Jeremias gesetzt, das mit dem Fest* gedanken nur höchst lose im Zusammenhang steht. Ebenso hat man für den ersten Tag Sukkoth die unerhört eindringliche Prophetie des Sccharja gestrichen und dafür ein Kapitel des Jesala gewählt, das überhaupt nicht das geringste mit dem Feste zu ־tun hat, übrigens in den aschkenasischen Gemeinden als Trost- Verheißung nach den Klageliedern am 9. Ab gelesen wird. Die Thoralektion für den zweiten Tag Ist so willkürlich gewählt! daß an ihrer Stelle jedes andere Kapitel aus dem fünften Buch Moses stehen könnte. Ebensowenig hat die Lektion für Sch mini azereth irgendetwas mit dem Feste zu tun. Für den ersten Tag Rosch Haschana hat man zwar gestattet, daß in manchen Gemeinden der alte Text aus der Abralmmsgeschichte gelesen wird, aber primär den Abschnitt Atem nlzabirri aus dem fünften Buch dekretiert, wohl deshalb, weil man diese Rede Moses an das Volk für besonders feierlich erachtete» Hier handelt es sich uni einen ganz willkürlichen Einfall, dessen Güte durchaus bezweifelt werden muß, abgesehen davon, daß man doch wenigstens die Liturgie für diesen Tag nicht hätte an tasten dürfen. Wenn schon die Abrahamsgeschichte das Mißfallen der Herausgeber erregt hatte, so wäre es doch ein besserer Einfall ewesen, wenn man wenigstens sinngemäß das von der Reaktion für Schminl azereth vorgescliriebene Stück 5. Buch Moses Kapitel 10 und 11 gewählt hätte, um den Festgedanken nahe zu bringen, denn im Kapitel 11 Vers 12 heißt es ״auf das Land (Israel) sind die Augen des Ewigen beständig gerichtet vom Anfang bis zum Ende des Jahres“, oder wäre die Zulassung dieser Textes ein zu starkes Zugeständnis an den Zionismus gewesen? Auch für den Versöhnungstag hat man wohlweislich neben dem alten, schon in der Mlschna vorgeschriebenen Aboda-Text die Lektion für den Sabbat der Zwischenfeiertage aus dem zweiten Buch Moses zugelassen. Die übliche Lektion für Mincha ist ebenfalls ganz willkürlich gegen ein anderes Kapitel aus dem dritten Buch Moses aus- «tauscht; auch hier wäre es, wenn schon der Einfall die Traition Umstürzen soll, weit geeigneter gewesen, das 30. Kapitel aus dem zweiten Buch Moses zu wählen, in dessen 10. Vers der Dienst des Hohepriesters am Verrdhflungstag ausdrücklich erwähnt ist und dessen Verse 11—16 den Gedanken aussprechen, daß Wohltätigkeit die beste Sühne der Seele ist. Aus dem übrigen Inhalt der zwei Bände sei noch als besonderes Unikum darauf hingewiesen, daß man auch die Vorlesung der Esthergeschichte verstümmelt hat. Das 9. Kapitel hat offenbar nicht vollständig den Beifall der Redaktion gefunden, insbesondere scheint sich dieselbe mit dem damaligen kriegerischen Geist der Juden in Susa und mit der Aufzählung der zehn Söhne Hamans nicht haben befreunden können. Daß am Versöhnungstag die allerschönsten Slichoth gestrichen sind — darunter Monumentalwerke der Synagogalpoesle erregt um so mehr Befremden, wenn man in Betracht zieht, daß ein Kenner dieser Literatur wie Ellbogen mit unter den Herausgebern figuriert. Als einen Bruch mit der historischen Verankerung unserer Feste in der Thora müssen wir es ferner betrachten, wenn man an den maßgebenden Steilen in der Tephilla, Kiddusch, Haphtara, Mussaph am Simchath Thora das Fest anstatt richtig als Schmini azereth, mit Simchath Thora bezeichnet wird. Zum Schluß möchten wir nun unserem Bedauern Ausdruck verleihen, daß nicht aus den Kreisen von liberalen Rabbinern oder jüdischen Gelehrten, besonder» auch solchen, die nach Ihrer Einstellung die Feindseligkeit gegen die jüdisch-nationale Seite unserer Gebete und synagogalen Poesie unerträglich findet» müssen, ela lauter Protest gegart diese (!»historisch«! ästhetisch falsche und geradezu parteimäßige Entstellung der Tradition erhoben wurde. AdoII Frledemann 60 Jahre alt Am 11. April d. J. wird Dr .Adolf Friedemann 60 Jahre alt Den älteren Zionisten in Deutschland braucht man Kaum zu sagen, wer Adolf Friedemann ist. Die junge Generation der deutschen Zionisten aber, die die führenden Persönlichkeiten der Frühzeit des Zionismus kaum mehr dem Namen nach kennt, soll an diesem Tage erfahren, was Friedemann dem deutschen Zionismus und der zionistischen Gesamtbewegung in ihrer Frühzeit gewesen ist. Friedemann gehört zu den wenigen deutschen Juden, die bereits vor dem Erscheinen von Herzls ״Judenstaat“ nationaljüdische und zionistische Gedankenginge in Deutschland vertraten. In enger Verbindung mit jenen! Kreise russisch-jüdischer Studenten in Berlin, aus dem u. a. Chaim Weizmann, Leo Motzkin, Victor Jacobson, Schmarja Leviit hervorgegangen sind, beteiligte sich Friedemann 1895 an der Gründung der ״Vereinig.ung jüdischer Studierender“ an der Berüner Universität, die ihre Entstehung zum Teil ebenfalls diesem Kreise von Menschen verdankte. Als Herzl den ״Judenstaat“ veröffentlichte und die Zionistische Organisation schuf, fand Friedemann nicht nur bald Anschluß an die politisch-zionistische Bewegutig, sondern wurde von dem Führer ganz besonders nahe mit der politischen Aktion der Bewegung verbunden. Er wurde von Herzl wiederholt mit politischen Aufträgen betraut, so ins* besondere in der Zeit des El Arisch- und Uganda-Projektes, und genoß bis zum Tode des Führers dessen besonderes Vertrauen. So konnte er nach dein Tode Herzls aus besonders enger Kenntnis der Lebensarbeit des Führers der Bewegung dessen erste Biographie schreiben, Sie erschien 1914 im Jüdischen Verlag unter dem Titel ״Das Leben Theodor Herzls“ und ist seitdem auch in andere Sprachen übersetzt lind neu aufgelegt worden. Die gleiche enge Verbundenheit verknüpfte Frledemann auch mit David Wolffsolin, den er in allen seinen Kämpfen für den ,.politischen“ Zionismus immer unterstützt hat. Nach dem Siege des ״praktischen“ Zionismus zog sich Friedemann aus dem Vordergründe der zionistischen Bewegung zurück, gehörte jedoch 1903—1914 dem Großen Aktions-Comitd an. Nach dem Weltkrieg nach Holland übersiedelt, übernahm Friedemann hier die Organisation und Arbeit für den Keren Hajessod, dem er seitdem völlig seine Arbeitskraft gewidmet hat. Er bereiste vielfach und mit großem Erfolge im Dienste des Keren Hajessod die Länder Mittel- und Osteuropas und hat sich um die Aufbringung der Keren Hajessod-Eingänge aus diesen Ländern, aber auch um die Ausbreitung des zionistischen Pallstina-Gedankens in ihnen große Verdienste erworben. Die deutschen Zionisten, zu deren Pionieren Friedemann gehört, wünschen Ihm auch für seine fernere, zionistische Arbeit den besten Erfolg. Georg Herlitz. Für Rundfunkhörer. Wie wir erfahren, werden die Reden auf dem zu Ehren Lloyd Georges am 11. April in London von der Englischen Sektion der jewlsh Agency veranstalteten Bankett gehaltenen Ansprachen durch Radio übertragen werden. Außer Dr. Weizmann, der den Vorsitz führt, und dem Ehrengast Lloyd George werden auch He.bert Samuel und andere englische Politiker, sowie mehrere zionistische Füh* rer sprechen. Man rechnet damit, daß die Reden auch in Palästina und in anderen Ländern gehört werden können. Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Leser, die Rundfunktcilneh* mer sind, schon heute auf diese Veranstaltung, damit sie am II, April abends die Londoner Welle einschaiien. Zwei französische Juden AndrAGIde, einer der glänzendsten Schriftsteller unserer Zelt, hat mit 50 Jahren seine Selbstbiographie zu schreiben begonnen, die in ausgezeichneter deutscher uebursetzung von Ferdinand Iiardekopf unter dem Titel ״Stirb und Werde“ (in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart) erschienen ist Gide ist 1869 geboren und «eine Erinnerungen au» der Kindheit enthalten nicht nur viel psychologisch interessantes Material, sondern auch eine rindringiieh bildhafte Schilderung des bürgerliehen Frankreich vor der Dreyfus-Zelt. Gide stammt aus atrong christlicher hugenottischer Familie, ln deren Traditionen die Erinnerung an das Schicksal einer verfolgten Minorität noch lebendig ist Den moderneren Erziehungsgrundsfltzen dea frfll» verstorbenen Vaters stellt die — dem Kinde unaympatiidebe, aber von dem alternden Schreiber der Memoiren W jabte — Auffassung der Mutter gegenüber, die Ihre Erziehung#* grotidsätze in einem (freilich christlich gedachten) Vergleich raü dem hebräischen Volk zusammenlaßt: Man müsse nach dem Gesetz gel.obt haben, bevor man in der Gnade leben dürfe. In den Kindheitserinnerungen begegnen wir auch dem Onkel Charles Gide, dem großen Volkswirtschaftler, der dem zionistischen Publikum durch sein wiederholtes warmherziges Eintreten für den Zionismus bekannt ist. Wir können an dieser Stelle den großen menschlichen und künstlerischen Wert diesos großartigen Buches, das wohl auch einigen deutschen Metneirenschreibern der letzten Zeit Vorbild gewesen ist, nicht in» einzelnen analysieren; es gibt aber einige wertige, dafür besonders interessante Stellen, die auf die Beziehungen Gide# zu Juden und Judentum ein Licht werfen. Der Verfasser, dessen erster Lieblingsdichter Heinrich Heine ist, lebt in sei» neu Jünglingsjahren im Kreise des literarischen und künst- 1 «rischen Paris. Unter den vielen interessanten Gestalten,_ die 11■ m dort begegnen, sind ab und za auch Juden. Ueber einen dieser Jaden schreibt er: ״Edouard Simon war Jude. Aber abgesehen vielleicht von der Bildung seines Gesichts waren die Merkmale seiner Rasse an ihm kaum erkennbar. ^Vielleicht war ich auch noch zu jung, um sie za bemerken.) Edouard Simon lebte sehr bescheiden, obgleich er nicht ohne Vermögen war. Freude fand er nur an einem: Seinen Mitmenschen zu helfen. Ehemals war er Ingenieur gewesen; aber seit vielen Jahren sah er seiaen einzigen Beruf in der Philantropio. Beziehungen unterhataad, sowohl zu stellenlosen Arbeitern wie zu Arbeitgebern, hatte er in seiner Wohnung eine Art kostenloser Stellenvermittlung eingerichet, die viel Gute» wirkte. Im übrigen vergingen »eine Tage mit den mannigfachsten ,Schritten‘ und Gängen im Dienst« Hilfsbedürftiger, mit Besuchen in den Häusern der Armen. Dabei trieb ihn, vermute ich, weniger, die Liebe zum menschlichen Einzelwesen, als eine idealistische Hingabe an die Menschheit im allgemeinen, oder, noch abstrakter: An das Prinzip der Gerechtigkeit. Er gab seiner Mildtätigkeit die Formen einer sozialen Pflicht; und bewährte sich dabei doch wieder sehr als Jude." Gide begegnet auch Bernard Lazare, der bekanntlich io der Frühzeit de» Zionismus sieh begeistert der Bewegung angeschlossen, sie *ber später aus Abneigung gegen Herzls ״»indemokratisches“ Diplometisieren wieder verlassen hat Gide charakterisiert ihn Folgendermaßen: ״Bernard Lazare, ein Jude aus Nimss, verfügt« über ein Aeußeres, das allgemein mißfiel. Er war nicht gerade klein, hatte aber etwas rettungslos Kurzes und Dickes in seiner Figur. Sein Gesicht schien ganz au• Backen zu bestehen, sein Rumpf ganz aus Bau :h, seine Heine ganz aus Schenkeln. Durch sein Monokel schleudert« er stechende Blicke aui Menschen und Dinge, und er sch en alias, was er nicht gerade bewunderte, grenzenlos zu verachten. Dabei beseelten fhn die edelsten Emufindangea, d. h.: Er war in atändHgär׳ Empörung gegen die Dummheit und Gemeinheit seiner Zeitgenossen. Nur daß er die Existenz dieser Dummheit und seiner Entrüstung gegen sie zu brauchen schien, um sich seines eigenen Wesens bewußt zu werden: ließ di# Spannung und Opposition einmal mach, so blieb ihm nichts als Reflexe; und er schrieb den ,Spiegel der Legenden‘ . . . Das Wesen Beritard Lazare# erregte in mir Furcht. Undeutlich spürte Ich Möglichkeiten in ihm, die weit abführten von den Gefilden der Kunst . . . Und als Lazare dann mit dem Aufflammen der Dreyfus-Affäre hoch zu Roß in den Kampf sprengte und dl® wichtige Aufgabe übernahm, die ihm Vorbehalten war, da begriffen wir, daß er seine Linie gefunden und bis dahin nur im Vorzimmer der Musen auf seine Bestimmung gewartet Diese meisterliche Charakteristik zweier repräsentativer Figuren spricht Bände über das Wesen und die seelische Situation der Juden des endenden 19. Jahrhunderts und zeigt zu* gleich, wie diese Juden sich im Bewußtsein der besten Nichtjuden darstellen. Den Worten Gidcs muß nichts hinzugefügt werden, um eine Welt zu verstehen, die in ihrer Art eine ״postassimilatorische“ Blütezeit des jüdischen Idealismus be* deutete und im weiteren Verlaufe der sich wandelnden und vom Liberalismus entfernenden Zeiten unterging, nicht ohne aus, sich heraus den Keim zu einer neuen Renaissance des Juden* tun» gelegt zu haben. ■ Die Universitätsbibliothek In Jerusalem hat In letzter Zeit eine Reihe wertvoller Bücherüberweisungen bekommen. So sandte die Gesellschaft der Freunde der Universität in Warschau zehn Bücherkisten mit einer großen Auswahl neuer hebräischer und jiddischer Bücher, die im letzten Jahre in verschiedenen Teilen Polens erschienen sind. Ferner ent- Hielt die Sendung die Bibliothek de» verstorbenen Gründers der genannten Gesellschaft Boris D. S t a w s k I, zumeist Werke der neuhebräischen Literatur. — Mit dem gleichen Transport kam and» das Archiv von Rabbiner Elias Gutmach er nach Jerusalem, das zirka 10 000 Ausschnitte enthält. — Der italienische Kriegsminister sandte durch Vermittlung von Rabbiner Dante Lattes eine Kollektion von Büchern zur Geschichte des Weltkrieges. — Der tschechoslowakische Bildungsminisfer sandte eine Kollektion von Büchern zur Geschichte der Slawen. — Die Baronin Felix de Menasche überwies die Prachtausgabe der tnohammedanisehen Kunstausstellung in Alexandria vom Jahre 1925. — Auch aus Amerika erhielt die Bibliothek in letzter Zeit versehiedene Büchersendungen. Darunter befand sich eine Kollektion offizieller Publikationen der Vereinigten Staaten mit zahlreichen Büchern über jüdisch-historische Themen, die aus dem Nachlaß von Dr. Louis Großmann stammen. — Dr. Hugo Schachte! In Breslau überwies eine Kollektion Ärztlicher und juristischer Bücher und Handschriften. —־ Mit dem vor einigen Wochen erschienenen vierten Heft der Bibliographischen Zeitschrift ״Kirjath Sefer“ schließt der siebente Jahrgang dieser wertvollen bibliographischen Publi- Ration, die neben bibliographischen Aufsätzen eine fast erschöpfende Ueberslcht über alle laufenden Erscheinungen auf dem Gebiete der Judalca und örientalia gibt Joachim Stutscliewsky, der bekannte Cellist und Propagator jüdischer Musik, hat sich nun auch als Komponist einen Namen gemacht. Seine ״vier jüdischen Tanzstücke‘‘ für Klavier haben liberall großen Erfolg erzielt Zahlreiche Pianisten haben die Stücke m ihr Repertoire aufgenommen. Aufführungen haben in Wien, der Schweiz, Italien, Deutschland, New York, Polen lind Palästina stattgefunden. Es sind auch tänzerische Aufführungen vorgesehen. Soeben erschien ein neues Tsazstück, *Rikkud“, für Klavier.