Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 25-26 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25/20, 1. IV. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 159 Zionistische Organisation und Nidit(organisierter) Zionismus Von Gerhard Holdheira Der folgende Artikel Ist als Beitrag zur Diskussion der Pro- Herne der Organisation und Propaganda gedacht, denen der ״Werbemonat‘’ Nissan gewidmet ist. Der jüdische Historiker wird es einmal schwer haben, die so/ioiogisclicn Motive klarzulegen, die zur Gründung der erweiterten Jewish Agency führten. Warum eine Kategorie von luden, die objektiv als ,,Zionisten1‘ zu bezeichnen wären, mit solchem Gewicht sich als Nichtzionisten deklarieren, ist schon heute der Außenwelt meist unbegreiflich. Man stellt dort fest: Der zur Agency sich rechnende Nichtzionist hat das P.r-clcr Programm seinem Inhalt nach anerkannt. Er hat sich mit der Zionistischen Organisation durch Abmachungen ver-! :nidcii, die in bezug auf den Palästina-Aufbau den kardinalen zionistischen Prinzipien und Forderungen vollauf Rechnung tragen. Wird man nun gefragt, ob sich Zionisten und Nicht* /ionisten etwa dadurch unterscheiden, daß erstere den politischradikalen und letztere den gemäßigten Flügel bilden, so wird man antworten müssen, daß die politischen Differenzierungen durch die beiden Hälften der Agency hindurchgehen und es Sichtzionisten gibt, die einen politisch schärferen Kurs vertreten als manche Gruppen innerhalb der Zionistischen Organisation. Ist der Frager ein Nichtjude, so wird er vielleicht darauf bitweisen, daß Nichtzionisten in ihren Aeußerungen die Verbundenheit mit dem Vaterland gern öffentlich zur Schau steilen, und er wird fragen, ob vielleicht hier die Differenz liege. Wir werden ihm dann erwidern, daß wir uns höchstens darin von den Nichtzionisten unterscheiden, daß wir es für peinlich halten, Selbstverständlichkeiten, wie die Loyalität dem Staate gegenüber und das natürliche eingeborene Heimatgefühl, ständig zu expektorieren. Daß wir der Kultur und der Landschaft unseres wohnlandes verhaftet sind, gleichzeitig aber ״unsere Abstammung . . . etwas in uns gelegt hat, was uns zu keiner Stunde unseres Lebens verläßt, was jeden Ton und jede Farbe in unserem Leben . . . bestimmt, das Blut als die tiefste Machtschicht der Seele“ (Buber) — grade darin haben wir Zionisten von jeher das persönliche Judenproblem gesehen. Diese Dualität der jüdischen Existenz erkennen und empfinden aber auch jene Nichtzionisten, die nicht ans philanthropischen, sondern aus gesamtjüdischen Erwägungen ein Jüdisches Nationalheim in Palästina miterrichten wollen. Wenn das jüdische Einheitsbewußtsein und die seelische Bindung an die jüdischen Zusammenhänge von den Zionisten als ״Nationalgefühl“ und von den Nichtzionisten mit einem anderen Namen klassifiziert wird, so ist dies eine Divergenz, deren Erheblichkeit der fernstehende Betrachter nicht anerkennen wird. Nun aber wollen wir selbst uns fragen, worin schließlich und letztlich der Gegensatz beruht. In dem stärkeren Interesse der Zionisten, in der größeren Opferwiüigkeit? Fest steht, daß der aktive und wirklich mit der Palästinasache verbundene (wenn auch noch sehr kleine) Teil der andern Fifty in der materiellen Leistung es bestimmt mit jenen zahlreichen Zionisten aufnehmen kann, die jede Anzweiflung der Qualität ihres Zionismus zwar entrüstet von sich weisen, aber die Keren Hajessod-Forderung als einen unzulässigen Eingriff in ihre Persönlichkeitssphäre empfinden. Auch eine andersgeartete seelische Haltung zur Gaiuthexistenz wird man nicht ohne weiteres behaupten können, zumal psychische Vorgänge schwer durchschaubar und vor allem für gedankliche Feststellungen und Unterscheidungen unbrauchbar sind. Uebrigens zeigt sich — leider —, daß das Gros der Zionisten sich'für jüdische Vorgänge hierzulande mehr ertvSrrnt als für die ihnen zu weit abliegenden Realitäten Palästinas. So pflegen etwa Gemeindewahlen zu besonderem Eifer gerade solche zionistischen Kreise anzulocken, die für unmittelbare zionistische Arbeit nur schwer heranzuziehen sind. Kann man also von dem!Durchschnittszionisten keineswegs eine empfindungsmäßig palästinozentrische Einstellung behaupten, so weiß ich aus Erfahrung, daß so mancher Nichtzionist die zentrale Bedeutung Palästinas für die jüdische Zukunft anerkennt und den Eigenwert eines jüdischen Galuthlebens negiert. Ich glaube, wir würden an der Wirklichkeit Vorbeigehen und einen unechten ideologischen Gegensatz zwischen Menschen, die sich Zionisten hzw. Nichtzionisten nennen, schaffen, wenn wir die vieldeutigen Begriffe ״Galuthbejahung“ und ״Galuthverneinung“ als konstitutive Unterscheidungsmerkmale fixierten. Selbst eine radikale zionistische Theorie versteigt sich nicht zu der verwertliehen Forderung, die unmittelbaren Lebensbedürfnisse des Galuthjudentums zu negligieren und Menschen aus natürlichen Bindungen herauszureißen. Wir bejahen die Zerstreuung als eine unabänderliche Realität und erkennen nur, daß die Gaiuth- Positionen zu ihrer Lebensfähigkeit des Korrelats eines nationalen Zentrums bedürfen, das dem Judentum ermöglicht, sich selbst die Bedingungen seines Lebens zu setzen. Diese Einsicht teilen aber mit uns unsere nichtzionistischen Freunde, und ich halte es für ein Unglück, wenn seelische Differenzierungen einen unfruchtbaren theoretischen Streit verewigen und Menschen, die dem zionistischen Aktionsprogramm ergeben sind, hindern, sich der Zionistischen Organisation anzuschließen, die eine politische Kampfgemeinschaft und von ideologischer Einheitlichkeit mehr denn je entfernt ist. Worin besteht nun aber doch der Gegensatz, den wir mehr oder weniger deutlich fühlen? Was unterscheidet letztlich den tätigen, innerlich Anteil nehmenden und materielle Opfer bringenden Nichtzionisten von dem Zionisten? Mir scheint, es ist die Tatsache, daß die Zionisten fast durchweg in einer weit früheren Altersstufe und dadurch mit einem ganz anderen Eros zur Paläsfinaidce gelangt sind als unsere nichtzionistischen Partner. Jugend von zwanzig Jahren erlebt eine revolutionierende Idee primitiver und hemmungsloser als Männer, die seit langem ihr Weltbild geformt haben und neue Erkenntnisse und gar Empfindungen meist durch eine Portion Skepsis zu regulieren pflegen. Auch Zionisten, für die Zionismus ihre erste große immaterielle Liebe war, können, wie sich immer wieder zeigt, erkalten und sogar untreu werden. Aber die lange, aus der Sturm- und Drangzeit herrührende Bindung hat — man verzeihe die gewagte Wendung — ihr erotisches Gedächtnis nur selten ganz abtragen können. Diesen natürlichen Vorsprung, der die Zionisten ideologisch sicherer und unbe- Schwerter macht, kann jemand nur selten einholen, der Welt und Judenfrage jahrzehntelang mit anderen Augen gesehen hat. Es ist psychologisch begreiflich, daß den meisten auch der Wille dazu fehlt. Auch wer sich in vorgerückten Jahren aus Ueberzeugung in den Dienst der Palästinasache stellt, sieht sich aus seiner Vergangenheit Hemmungen gegenüber, die in ihm den Wunsch erzeugen, sich fein säuberlich von denen abzugrenzen, die er in früheren Jahren abgelehnt und bekämpft hat. Hier steckt viel unbewußtes Ressentiment, das sich schwer abgraben läßt. Das Verständnis, das wir den psychologischen Bedingungen unserer nichtzionistischen Partner entgegenbringen müssen, darf uns jedoch nicht dazu verführen, die Legitimität einer Anschauung anzuerkennen, die inhaltlich Zionismus will, aber sich bewußt als Nicht-Zionismus präsentiert. Die Bedenklichkeiten der Agency-Politik lagen für mich nicht in erster Reihe auf politischem Gebiete und auch nicht entscheidend in der Kompliziertheit und Peinlichkeit der organisatorischen Form. Eine Gefahr sah ich nur darin, daß hier eine künstliche Scheidung von uns stabilisiert wird und der Erfassung einer großen Kategorie neuer für die Zionistische Organisation prädisponierter Menschen dadurch Schwierigkeiten bereitet werden, daß wir selbst die ideologische Berechtigung eines sich von unserer Parteigemeinschaft bewußt absentierenden Standpunktes sanktionieren. Wenn wir, die Anhänger der Agency-Politik, den Begriff eines nichtzionistischen Palästinafreundes einführten, so sollte er nur seine (Geltung haben für zweierlei Kategorien von Juden: die kleine Oberschicht, die das Palästinaziel gemeinsam mit uns verwirklichen will, jedoch aus psychologischen und soziologischen Gründen sich von uns distanzieren zu müssen glaubt, außerdem jene anonyme Masse, die, sei es aus jüdischem Desinteressement, sei es aus mangelnder Fähigkeit zur Aufnähme überindividueller Dinge, für Zionismus nicht in Frage kommt, aber nicht abgeneigt zu sein braucht, einen jährlichen Keren Hajessod-Beitrag in ihren Wohlfahrtsetat aufzunehmen. An die Möglichkeit einer nichtzionistischen Palästina b e w e - gung haben wir nie geglaubt, und dem Versuch der theoretisehen Fundierung eines neuen Agency-Zionismus hätten wir nie unser Placet gegeben. Der antizionistische Standpunkt hat eine ideologische Existenzberechtigung, nicht aber eine Vor- Stellungswelt, deren Träger das zionistische Aktionsprogramm akzeptieren und daher von jedem Nichtjuden als Zionisten enipfunden werden müssen. Die Zionistische .Organisation, die Revisionismus und Brith Schalpm, Orthodoxie und Atheismus» Kapitalismus und Sozialismus, übrigens auch (den Nichtzionisten sei es gesagt) so unbestreitbare ״Patrioten“ wie Brandeis und Melchett in sich beherbergt, bietet auch Juden, die sich gedanklieh und in manchen Einzelfragen distanzieren, durchaus die Möglichkeit, sich dort auszuleben und zur Geltung zu bringen. Wir müssen endlich beginnen, die vielen wertvollen Kräfte, die unorganisiert seit Jahren ihr tätiges Interesse an Palästina bekunden, in die Zionistische Organisation hinüberzuziehen. Und wir dürfen uns nicht länger damit begnügen, Neugewonnene nur zu Keren Hajessod-Zeichnern, Empfängern von Drucksachen, gelegentlichen Besuchern von Zirkelabenden und bestenfalls Mitgliedern des Initiativkomitees der Jewish Agency zu machen. Es gibt eine große Anzahl von Dreißig- bis Vierzigjährigen, die entweder von der Palästinaidee innerlich schon erfaßt oder für deren Rezeption persönlich prädisponiert sind, andererseits jene Abgrenzung nicht benötigen, die die Führerschicht unserer Agency-Partner aus den mehrfach erwähnten Gründen vom Eintritt in die Zionistische Organisation fernhält. Daß jugendliche Menschen (die für eine nichtzionistische Palästinaideologie wohl nur in den seltensten Fällen Verstandnis haben werden und denen gegenüber unser Gegner die reine Assimilation vorwiegend in ihrer kommunistischen Erscheinungsform ist) leichter für den Zionismus zu gewinnen sind als Menschen in vorgerücktem Alter, versteht sich. Die starke Auflockerung aber, die durch die immer eindringlicher in die Erscheinung tretende ״objektive“ Judenfrage bewirkt wurde und bisher abseits stehende Kreise zu überzeugten Keren Hajcssod-Zcichnern gemacht hat, bietet uns reichliche Hilfe bei einem ernsthaften Versuch, volle Zionisten zu gewinnen. Nun könnte man einwenden, eine solche Anstrengung sei unnötig, da nicht die Zugehörigkeit zu unserer Organisation wesentlich sei, sondern Interesse und Leistung (ür Palästina, die auch außerhalb denkbar ist und tatsächlich in manchen Fällen verzeichnet werden kann. Darauf ist zu erwidern, daß wir die zionistische Organisierung aller erreichbaren Kräfte nicht aus kleinlichem Parteiinteresse, sondern um der Sache willen erstreben. Wir müssen verhüten, daß Freunde der Palästinasache in dauernder Isolierung leben. Eine Organisation der palästinensischen Nichtzionisten gibt es nicht, und es ist meine Ueber- Zeugung, daß Tendenzen, die zu einem derartigen Zusammen- Schluß drängen, erfolglos bleiben werden. Aber selbst und grade wenn Vereinigungen von Nichtzionisten sich bilden würden, müßten wir mit erhöhter Energie die Werbetätigkeit für unseren zionistischen Kreis aufnelimen. Denn bei aller Wert- Schätzung der Leistungen einiger führender Agencv-freunde halte ich es für ausgeschlossen, daß diese Gruppe zionistisch so attraktiv sein könnte, neue Menschen dauernd an steh zu fesseln. Der Propagandafeldzugfiir die Zionistische Organisation darf nicht nur nicht an den als ,,Nicht- Zionisten“ uns bereits Nahestehenden Vorbeigehen, sondern er muß diese in erster Linie berücksichtigen. Von Ausnahmen abgesehen, wird es gelingen, die der zionistischen Organisierung entgegenstehenden Hemmungen zu überwinden. Wir brauchen nicht nur das Geld, die Sympathie und die gelegentliche Leistung, sondern die ganze politische Aktivität der Palästinafreunde. Grade Leute, die in reifen Jahren zu uns kommen und zionistisch noch undifferenziert sind, werden unsere Diskussionen befruchten und den Zusammenkünften neue Impulse geben können. Wir erstarren ja sonst in den Fcstgclcgtheiten unseres Parteienstreits und der geistigen Inzucht, die wir nolens volens treiben. Für die Zionistische Organisation ist es eine Lebensnot- Wendigkeit, daß Menschen, die nicht auf Meinungen eingeschworen sind und die Unbefangenheit aufbringen, 'auch Dogmen in Frage zu stellen, befreiende Beunruhigung hineinbringen. J. H. Thomas Ober die Balloor-Deklaration Eine Feier des englischen Judentums. London, 25. März. (J. T. A.) Anläßlich des 75jährigen Jubiläums des Jews’ College, der theologischen Lehranstalt der englischen Judenheit, des 70jährigen Jubiläums des aschkenasischen Synagogenverbandes (United Synagogue) und des 60jährigen Jubiläums des jüdisch-religiösen Erziehungsausschusses (Jewish Reiigious Education Board) fand in London unter dem Vorsitz des Präsidenten der United Synagogue Lionel de Rothschild ein Festbankett statt. Der Hauptredner des Abends war der Minister für die Dominions, J. H. Thomas. Weitere Ansprachen hielten der tranzösische Großrabbiner Dr. Israel Levi, Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz, Sir Robert Waley Cohen, Sir Francis Montefiore u. a. Minister Thomas führte aus, das jüdische Volk habe in allen Heimsuchungen, Widerwärtigkeiten und Leiden seine oecle bewahrt. Wenn die Geschichte der Nationen geschrieben und die Vergangenheit der Völker wahrheitsgemäß aufgezeichnet werden würde, werde es kein stolzeres Kapitel in dieser Geschichte geben als jenes, in welchem der weg eines verfolgten, gehetzten, beargwöhnten und mißhandelten Volkes dar;״ gestellt wird.. .Es kam dann eine Zeit״ da die Botschaft an die-. Weil' erging, die. Judenbeit habe endlich triumphiert, sie' dürfe endlich ihre eigene Sprache, ihren eigenen Glauben lehren und ihren eigenen Idealen leben. Es gab keinen Juden in der Welt, der nicht stolz und glücklich war, als diese Deklaration erlassen wurde. Gestatten Sie mir, fuhr Minister Thomas fort, der ich Mitglied der ersten Arbeiterregierung war und stolz darauf bin, an der Wiederverkündung der Balfour-Deklaration beteiligt gewesen zu sein, zu erklären, daß ich niemals geglaubt habe und auch heute nicht glaube, es gebe irgendeinen Juden in der Welt, der diese Botschaft so aufgefaßt hat, als solle er nu n nt e It r jemand anderen verdrängen. Keiner beabsichtigt oder beabsichtigte jemals die Verdrängung anderer. Dies widerspräche seinem innersten Glauben. Es wäre ein Verrat an allen in der Vergangenheit gebrachten Opfern. Der Jude sagte sich, daß ihm hier eine Gelegenheit geboten sei, den Genius seines Volkes vor aer Welt zu beweis e n, zu beweisen, daß er mit anderen in gutem Einvernehmen Zusammenleben und seinen Beitrag zu den höchsten Gütern der Menschheit leisten kann. Wer vermöchte, schloß Minister Thomas seine Ansprache, bei der Betrachtung der Geschichte des heutigen Palästina zu leugnen, daß diese Hoffnung gerechtfertigt war? ״Und wenn er nicht kommen sollte?“ ״Dann wird wohl nichts geschehen.“ ״Na, dann seid versichert, daß es keinen Streik gibt. Verlaßt Euch auf mich. Aaron, vvetm er will, kann er!“ IV. Alle erinnern sich noch an die Geschichte mit dem Gabbe: Wie Aaron ihm aufpaßte, als er die Ziege tränken wollte und ihn in den Ziegenstall für die ganze Nacht einsperrte, zusammen mit seiner Ziege. Und merken soll er sich’s, der saubere Gabbe, daß man Aaron am Simchas-Thora bei der Aiijah nicht ungestraft übersieht. — Das erzähle ich Euch, damit Ihr’s glaubt, dies: ״Aaron, wenn er will, kann er.“ Am nächsten Morgen, halb zehn, weihte Aaron die Gesellen in seinen Plan «in, erläuterte jedem, was er zu tun habe, und befahl: ״Welfke, spring mal schnell hinüber und hol׳ Jossel zur Probe. Er soll aber, sag’ ihm, sofort kommen!“ Jossel kam, und Aaron nahm ihn in die ״Arbeit“. ״Rüben, bring’ mal die Hose!“ kommandierte er. ״Ziehen Sie an, Pane Josef ... so ist’s recht . . . sehen Sie! Das ist ja ein Gedicht und keine Hose. . . . Welfke, zeig’ mal den Rock her. . . . Haben Sie die Güte . . . nicht so, Pane Josef, Sie haben sich mit der Deichsel ins Futter verirrt ... So! . . . Na, was sagen Sie dazu, wie das sitzt! . . . Was fühlen Sie da? Meinen Sie die Falte? Unsinn! Wird alles aufgebügelt. . . . Sie können ausziehen, so . . . Rüben, hilf mal, schnell, spute dich! — Lassen Sie sich nicht stören, Pane Josef, Frauen kommen hier nicht herein . . .“ Beim Probieren der Beinkleider arbeitete Aaron sehr lange und intensiv: gerichtet, aufgetrennt, gezeichnet, und endlich meldete er, daß ein Kleidungsstück herauskommen würde — gut genug für den Kaiser. ״Jetzt wollen Sie herunterzielien ... so ... Sie können sich wieder an ziehen.“ Er reckte sich und ging wieder an die Arbeit. Jossel lief in der Unterhose hin und her, vor sich hinbrummend und etwas suchend. ״Was suchen Sie?“ ״Ich suche meine . . . meine Hose . . ״Wieso denn? Sie hat doch noch eben hier gelegen. Meierke, Welfke, sucht schnell Josefs alte Hose, rührt Euch!.״“ Man durchsuchte die Stube, aber keine Hose war zu finden. Auch Aaron ״half“ mit, schimpfte, fluchte, bis ihm einfiel, daß Rüben, der dem Gutsherrn den Anzug wegbrachte, die Hosen vertauscht haben müsse . . . Natürlich, da hängen ja auch des Gutsherrn breite Beinkleider ... ״Verdammter Bengel! Paßt nicht auf, was er tut! Lauf schnell, Meierke, vielleicht erreichst du ihn noch unterwegs'...“ Stunden vergingen, Boten liefen und kamen, aber Rüben mit des Gutsherrn Anzug war wie von der Erdoberfläche ver• schwunden. Und auch der Bote, der zu Jossels Wohnung lief, um eine andere Hose zu bringen, kam unverrichteter Dinge zurück, die Türe sei verschlossen . . . V. Die ״Arbeiterschaft“ in der Fabrik hat eine halbe Stunde sabotiert, aber als sie merkte, daß der Führer sie verlassen hatte, fühlte sie sich genarrt und verraten. Mit Wut nahm man die Rollhölzer wieder auf und produzierte Mazzoth, so knusperig und so dünn wie Papier. VI. Man erzählt sich, daß große Weltrevolutionäre einmal keine Hosen zum Anziehen hatten. Was aus unserem Helden später geworden ist, weiß ich nicht. Eins aber weiß ich: daß er an jenem Tage, um die Minchazeit, als er endlich seine Hose zurückbekommen hatte und ausgehungert Aarons Werkstätte verließ, erfüllt war von Zorn nicht nur gegen Aaron und seine Gesellen, sondern er haßte alle Schneider und Schuster und alle Arbeiter der ganzen Welt. (Aus dem Jiddischen von Chanah Majofis.) Erich-Walter Sternberg hat einen Zyklus für sechs- bis neunstimmigen a capella Chor und Schlagzeug auf Texte von Mathias Claudius und solche aus dem Shi-King t :endet. Das Werk trägt den Titel ״Inferno“. Seine Uraufführung findet am 20. April, abends S Uhr, in der Singakademie im Rahmen des letzten Kammerkonzerts von Michael Taube statt. Das Programm enthält ferner das Bachsche Werk ״Der zufriedengestellte Aeolus“ mit Hermann Scliey als Solisten. Eine weitert: Uraufführung einer viersätzigen Klaviersonate von Erich- Walter Sternberg findet am 23. April in der Singakademie in dem Klavierabend von Claudio Arrau statt. Madonna vom Wedding Von Hans Rosenkranz. Oben am Wedding lebt — seit kurzem erst in Berlin — die Malerin Hilde B. Rubinstein. Vor Jahren sah ich in einem kleinen Atelier an der Pforte Maillol in Paris zum erstenmal ihre Bilder und seitdem schaue ich in größeren und kleineren Abständen dem Wachsen ihres Werkes zu mit jener Ergriffenheit, die man immer empfindet, wenn man vor dem Wunder der vollendeten Gestaltung steht. Sie begann mit Skizzen, hunderten an Zahl, einem Kaleidoskop der Welt, gesehen mit den Augen einer Malerin, die den Blick für das Wesentliche einer Bewegung, für den Charakter einer Landschaft oder eines Menschen hat. In Oel wurde dann manche dieser Skizzen zu komponierter Gestaltung, das Bild eines Trinkers werde ich nie vergessen und niemals die Höfe und Dächer von Paris, die sie gemalt. Nun, nach langer Pause, sehe ich die Fülle dessen, was inzwischen entstand,' vom Oclbild ist sic zum Aquarell gelangt: ein Selbstbildnis findet sich unter diesen Aquarellen, vor dessen Kraft, vor dessen Schönheit man verstummt. Daneben Landschaftsbilder aus Ostende und ein Bild, das die Malerin zeigt mit ihrem Kind: einer, der es sah, hat es ״Madonna vom Wedding“ genannt. Ich bin kein Kunsthistoriker von Profession, und ich will hier nicht über die malerische Technik der Hilde B. Rubinstein etwas sagen; das mögen Berufenere tun. Aber ich wünschte, daß eine Stimme für sie aufstände, deren Wort gehört wird in den Ländern von Europa, ich wünschte, daß einer sich fände, der mit einem Wort wie ein Trompetenstoß ihr Werk vor die Augen der Welt stellt, so wie vor manchem Jahrzehnt Hermann Banr ein namenloses Ballettmädchen der Petersburger Oper in einem Monat zur Weltberühmtheit machte. Zunächst aber soll mein Wunsch bescheidener sein: ich glaube, daß Hilde B. Rubinstein eine große j ii d i s c h e Malerin werden könnte. Noch findet sich in ihren Stoften nichts von jüdischem Gehalt Aber wenn es gelänge, das Jüdische in ihr zu starkem Leben zu erwecken, dann glaube ich, daß eine Maaifestation unseres nationalen Genius entstehen könnte von tiefer Bedeutung und von Wirkung vor der Welt. Ich wünschte, daß es bald Hilde B. Rubinstein vergönnt sei, Palästina zu sehen, und ich weiß, daß in ihren Bildern das Land unseres Volkes leben würde wie Südfrankreich in dem Werk van Goghs.