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Jüdische Rundschau · 1931-04-01 · Heft 25-26 (1.4.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 25-26 (1.4.1931)
Date
1931-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 158 JUED1SCHE RUNDSCHAD Nr. W20׳, I. TV. 1931 1 1/ 1 illtllf י |ii J.'-'t ־^t! -f scheint ihnen unzureichend. Auch heute merken die meisten Menschen erst dann, wenn die Kanonen 10sgehe.it, daß es Krieg gibt, und solange man nicht selbst von der Erde verschlungen wird, interessieren einen die Berichte über Unglucksfälle in aller Welt nur nebenbei. Wenn nun gar die Freiheitsbewegung ihren wichtigsten Quell in dem Gedanken der Erneuerung des jüdischen Willens zum schöpferischen Aufbau eines neuen Lebens hat, dann ist man bemüht, mit einem Haufen von Gründen diesen Quell zu verstopfen. Die unwandelbare Grundlage des Zionisnms, sein ״historischer“ Ausgangspunkt bei Pinsker und HcrzI genau so wie sein aktueller bei jedem einzelnen Juden, der neu Zionist wird, ist das innerste Gefühl von der Unerträglichkeit der jüdischen Lage unserer Zeit und der Wille, die Wiedergeburt der schöpferischen Kräfte unseres Volkes in unseren Tagen vorzubereiten. Eindeutig ist heute wie einst der Ursprung des Zionismus; dementar und unaufhaltsam das zionistische Tun; unvoll־ kommen wie alles Menschenwerk und unberechenbar sind aber die Taten, die bei der Bewältigung der einzigartigen Aufgabe vollbracht werden. Ein Geschlecht der Wüste versucht, schrittweise vorwärts zu kommen, und im Fort־ schreiten muß es Ihm gleichzeitig gelingen, eine wider* strebende jüdische Welt mit sich zu ziehen. Nicht der Hinweis auf vorweggenommene Erfolge kann die Kraft der zionistischen Propaganda ausmachen. Nicht eine als Lockmittel hingestellte fertige Leistung, in der jeder sein politisches und wirtschaftliches Ideal ״erwirklicht findet, sondern eben nur jene Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit des äußeren und inneren jüdischen Lebens. Schon der erste Baseler Kongreß, in dem die zionistischen Leidenschaften jener Tage zum erstenmal in organisierter Form vor die Welt traten, formulierte im Grunde ein politisches Minimalprogramm als Ziel, während er gleichzeitig mit Recht die entscheidende Antwort auf die Judenfrage geben wollte. Wir sind im Werbemonat der Zionistisehen Organisation. Konzentrieren uns einmal wieder auf die Verbreitung der zionistischen Idee, wollen Nichtzionisten zu Zionisten machen, einer jüdischen Ju* gend den richtigen Weg weisen. Dabei kommt es darauf an, ob wir die Fähigkeit besitzen, die jüdischen Grundfragen aufzurollen: ob es uns gelingt, in vielen Juden die niemals ganz aus ihrer Seele verschwundene Sehnsucht nach einem menschlich vollwertigen Leben so stark werden zu lassen, daß sie sich endlich von einem Zustand befreien wollen, In dem sie als Juden nur mit ausgeklügelter Lebenstechnik zu existieren vermögen. Wer kann als Jude leben, wenn er in jedem Augenblick genau wissen muß, warum er Jude ist, und sich gewollt und ungewollt immer in einer Verteidigungsstellung gegenüber anst&rtnenden'GewaMfitt’:a1;bew׳egen-hat?VW» kann ein voBeg׳ Mensch sein, wenn er ln seinem Innern dauernd Prozentrechnungen anstellen muß, die Ihn belasten, und sich am liebsten zu der Formel aufschwingen möchte, gleichzeitig hundertprozentig auf verschiedenen Gebieten zu leben? D e Aufrollung der Frage nach freier menschlicher Ent- Wicklung für Juden schafft Beunruhigung. Wir dürfen und müssen diese Unruhe erzeugen, weil Beruhigtsein heute mit unverbindlichem Judentum, mit einer Banalisicrung unserer großen geschichtlichen Erinnerungen verblinden sein muß. Wir verlangen, daß alle Zionisten in diesen Wochen ihre Zeit und ihre Fähigkeiten dafür einsetzen, der Zionisfischen Organisation neue Mitglieder zuzuführen. Wir werden durch eine starke, dem Palästina-Aufbau freundliehe Peripherie nur dann die erhoffte Förderung erfahren, wenn wjr gleichzeitig den Kern verstärken und viele jüdisehe Menschen finden, die aus innerer Notwendigkeit den Anschluß an die zionistische Bewegung vollziehen. Die jüdische Welt trug ihren großen, uralten geistigen Besitz, den sie sich auf der Wüsten Wanderung und im eigenen Lande errungen hatte, durch die Jahrtausende des Galuth. Der ״portative Staat“ des Galuthjudentums existiert nicht mehr. An Stelle gemeinsamer Inhalte sind abgeblaßte Ueberzeugungen und Postulate getreten, an Stelle von gemeinschaftlicher Lebensform willkürliches Verhalten von Atomisierten. Es gibt keine Möglichkeit im Galuth, das ganze Erbe der jüdischen Vergangenheit anzutreten, man muß heute zum drittenmal den Weg in das verheißene Land gehen — Antizionisten benützen diese Ziffer, um durch den Klang des Wortes ״drittes Reich“ die ihnen vertrauten Instinkte zu wecken. Unsere neue Gemeinschaft sollte vor solchen Parallelen sicher sein. Der Zionismus war vom ersten Tage an mit dem Gedanken einer geläuterten Form des Gemeinschaftslebens verknüpft Herzl zeigt in seinem Roman ״Altneuland“, in dem er seine Innersten Wünsche enthüllt nicht den ״Staat“, sondern die Vision einer neuen Gesellschaft Alle Juden, die eine Neugestaltung der menschlichen Ge- Seilschaft erstreben, sollten erkennen, daß sie solches Tun in voller Freiheit nur in ihrem eigenen Volk und unter den neu geschaffenen natürlichen Bedingungen erreichen können, da ihnen sonst überall die Judenfrage als entscheidendes Hindernis in den Weg tritt. Am Anfang steht das Werk der Befreiung. In Mizrajlm entstand noch nicht Form, Gesetz und neues Volk. In der gemeinsamen Wanderung, im neuen Leben und Erleben fügen sich die Teile des Volkes allmählich zur neuen Einheit zusammen, und erst nach langen Entwicklungen wird die neue Einheit geboren. Heute kommt alles auf das einheitliche Streben zur Erreichung des nächsten Zieles an. Unsere Nationale Heimstätte muß wachsen, unser Ziel sind immer die nächsten hunderttausend Juden. Deshalb muß es auch bei allen Gegensätzen in der Organisation ein einheitliches Gefühl im Zionismus geben. Die Uebertreibung des Parte!- und Fraktions prinzips ist kein Zeichen für die Stärke unserer Sache. Gemeinsam kämpfen wir heute als werbende Bewegung um die Herzen der Juden, gemeinsam erringen wir die Freiheit für das Volk, von der Ueberzeugung durchdrangen, daß dieses echte, im Leben verwirklichte Freiheitsstreben jüdischen Geschlechtern einmal die große Erfüllung bringen wird. Und alle unsere Sehnsucht wird Wirklichkeit, wenn jeder Zionist als treuer Diener der Bewegung seine Pflicht tut. Wefzmanos Rede im Waad lenml Jerusalem, 26. März. (J. T. A.) Zu der von Dr. Welzmann im Waad Leumi gehaltenen Ansprache <8. JTA.-Meklung «»;״J.׳־R;“ :Nr;*'23)'׳ist!noch ׳folgende* Webtnann tagte, die ziojtistfedien Unterlindlir to Mtdin seien genötigt gewesen, sich Ober den von Amerika und Palästina erteilten Rat, die Verhandlungen mit dem englischen Kabinett abzubrechen, hinwegzusetzen. Das Ergebnis sei der Mac Donald-Brfe, nach de3ssn Veröffentlichung alles von den Juden selbst abhönge. Die neuen Varhandlungert wflrden am 14. April beginnen und sich mit dem Landentwlcklungsplan, für dessen Durchführung ein dreiseitiger Vertrag Voraussetzung sei, belassen. Dr. Welzmann beklagte sich schließlich Ober die Angriffe der Revisionisten und erklärte, die Angriffe von jüdischer Seit# seien schlimmer als die arabischen Angriffe. DieLeifungdesneuenWaadLeumi wird aus drei Arbeitervertretern, einem Allgemeinen Zionisten, einem Misrachisten und einem Sepharai bestehen. Von der Arbeiterpartei werden vermutlich Dr. Arlosoroff, Ben Zwi und Dr. Abraham Katzeneison, von den Allgemeinen Zionisten Elljahu Berligne, vom Misrachi Rabbi Ostrowski und von den Sepharaim Elmateh in die Leitung des Waad Leumi entsandt werden. Die Reglerangsverhanllmigeii Reden Eders und Brodetsky*. L o n d o n, 25. März. O. T. A.) In einer Versammlung der Zionistischen Vereinigung Tür Großbritannien und Irland erstatteten der Präsident der E. Z. F. und Mitglied der Politischen Kommission der Zionistischen Organisation, Dr. M. D. Eder» und das Mitglied der Exekutive, Dr. S. Brodetsky, Bericht über die politische Lage und die Verhandlungen der Jewish Agency mit der englischen Regierung. Die Behandlung der Frage der Einsetzung einer Gesetzgebenden Versammlung für Palästina, erklärte Dr. Eder, sei von der Regierung bis zur Rückkehr Dr. Weitmanns aus Palästina zuruckgestellt worden. Die Vertreter der Jewish Agency seien entschlossen, der Einsetzung einer Gesetzgebenden Versammlung nicht früher zuzustimmen, als nicht eine Vereinbarung hierüber zwischen Arabern und Juden zustandegekommen sei. Sie stellen die Forderung auf, daß eine endgültige Entscheidung über diese Frage vor Einberufung einer Konferenz zwischen Juden und Arabern, ähnlich der Round Table-Konferenz für Indien, nicht f" ... Verlaut und das Ergebnis der Verhandlungen verantwortlich sei, sondern daß sich die gesamte Exekutive der Jewish Agency und die politische Kommission gleichmäßig in die Verantwortung teilen. Zur Besprechung des MacDonald- Briefes übergehend, stellte Dr. Eder die vom Aktions-Gomitö der Zionistischen Organisation und der Politischen Kommission der Jewish Agency im November 1030 gefaßten Resolutionen den ihnen entsprechenden Absätzen des Briefes MacDonalds gegenüber, wobei er nach wies, in wie weitgehender Weise den zio- Bistischen Forderungen Rechnung getragen worden ist Dr. S. Brodetsky wandte sich gegen den der Exekutive gemachten Vorwurf, sie hätte ihre Vollmacht in den Verhand- Jungen überschritten. In einer Hinsicht sei der MacDonald- Brief durchaus unbefriedigend: Er gebe keine positive Erkllrung über das Ideal eines Jüdischen Nationalheims. Doch sei er als Erfolg zu werten, wenn man ihn mit dem vergleicht, was im Weißbuch über unsere Arbeit gesagt wurde. Auf dem Wege der Diplomatie sei eine richtige Auffassung des Begriffs ״Jüdisches Nationalheim“ nicht zu erreichen, sondern nur durch praktische Arbeit in Palästina. Wenn wir zeigen werden, daß wir unter dem Begriff ״Jüdisches Nationalheim“ eine uneingeschränkte Massen-Einwanderung nach Palästina verstehen wird es uns möglich sein, auch andere zu unserer Auffassu״# zu bringen. Zum Schlüsse erklärte Dr. Brodetsky, der Regierungsbrief bedeute keineswegs, daß eine Vereinbarung zwischen Regierung und Jewisn Agency zustandegekommen sei, sondern steile eine einseitige autoritative Erklärung der Regierung dar. In Beantwortung einer Reihe aus der Mitte der Versammlung gestellter Fragen erklärte der Ehrenanwalt der Jewish Agency, Leonard Stein, die Besprechungen mit der Regierung oder mit Teilen der Regierung seien noch nicht ab geschlossen. Solche Besprechungenfinden dauernd statt. Ob das Regierungskomitee wiederernannt wurde, sei ihm nicht bekannt: auch könne er keine bestimmte Antwort auf die Frage geben, mit wem die zukünftigen Verhandlungen geführt werden würden. Doch würden zweifellos Mittel und Wege gefunden werden, die Anschauungen der Jewish Agency der Regierung und die Anschauungen der Regierung der Jewish Agency zu übermitteln. ________ Für die hebräische Universität . N,ew, York, .27.. März. Q •T. A.) Auf titum zu Ehren י fe» ‘KiiJhlers der'.Hebräischen Universität Jerusalem, Dr. J. L. Magnes, vom Komitee der jüdischen Aerzte Amerikas veranstalteter! Bankett, an dem über 233 Mitglieder des Komitees teilnahmeji, entwickelte Dr. Mag n e s den Plan der Schaffung eines großen medizinischen Zentrums im An- Schluß an die Hebräische Universität zu Jerusalem, welches ein Spital und die Abteilungen der medizinischen Fakultät umfassen soll. Hierfür ist ein Fonds von 103 000 Dollar erforderlich, aus dem innerhalb der nächsten fünf Jahre die Abteilungen der Hebräischen Universität in den letzten Jahren 350 000 Dollar aufgebracht hat. Wahlsieg ln Danzig Die Repräsentanten wählen der Jüdischen Gemeinde in Danzig erbrachten folgendes Ergebnis: Für die Liberalen wurden E3? (gegen 550 Stimmen bei den letzten Wahlen), für die Jüdische Volkspartei 474 (gegen 327 Stimmen bei den letzten Wahlen) abgegeben. Die Jüdische Volkspartei erhielt hierdurch «inen Vollreprä entanten und einen Stellvertreter mehr als bei den letzten Wahlen. Der Streik in Kasrileschok EinePeßachgeschfchte von Israel Majofis. L Mendel der ״Lieferant“ ist immer ein großer Schlemihl, bei ihm geht alles schief. Kauft er im Winter ein Säckchen Aepfel im Dorf, so erfrieren sie unterwegs; ersteht er ein Kalb, so kann man darauf wetten, daß es treife wird. Und so geht es Mendel mit allen seinen Geschäften. Würde er In der Großstadt leben, in der heutigen Zeit der Rekorde, dann genösse er mit seiner Frau und seinen sieben Kindern gewiß den Ruf hervorragender Hungerkünstler. Da unsere Geschichte aber in Kasrileschok, einem kleinen Stadtchen im Rußland der Vorkriegszeit, spielt, fasteten sie im stillen, starben dreimal täglich vor Hunger, ohne besonderes Aufsehen zu erregen. Ein Glück, daß Aaron der Schneider, in dessen Haus er die Kellerräume bewohnte, ihm wegen der Miete nicht zusetzte. Daraus werdet Ihr entnommen haben, daß Mendel weder Eisenbahnlieferungen, noch ähnliche große Unternehmungen hatte. Den Titel ״Lieferant“, den er das ganze Jahr beibehielt, verdankte «r den zwei Erew Peßachwochen, in denen er eine M a z z 01 h - ״F a b r i k“ betrieb. In dieser Zeit lebte Mendel auf, fühlte er sich wie ein Fisch im Wasser. Denn zu dem ungewohnten Klange einiger Rubel in der Tasche, der Tatsacne, daß im Chomez-Zimmer ein Laib Brot sich befand, kam noch, daß er sich wie ein richtiger Fabrikant fühlte, was zu seiner gehobenen Stimmung nicht wenig beitrug. Ist es etwa eine Kleinigkeit, über zwei Dutzend Menschen zu , herrschen“? lieber einen Kneter, elf ״MazzeroIIerinnen“ und all die dazugehörigen Gehilfen! Mendel war Spezialist im Mazzebacken. Niemals verbrannten die Mazzoth bei ihm und niemals entstanden jene Falten, die geeignet sind, sie für das Fest unbrauchbar zu machen. Und daher fehlte es nicht an Kunden und Aufträgen. Den ganzen Tag knisterte das Feuer lustig im Backofen, klapperten die Roilhölzer, und in das Quietschen des Rades mischten sich die fröhlichen Stimmen der weißgekleideten, rotbackigen Mädchen. Am Vorabend, wenn die Sonne ihre letzten Strahlen in den Pfützen des Städtchens badete, stürmte die ganze Gesellschaft aus dem Keller: Aaron mit seinen drei Gesellen, weiche in dem oberen Stockwerk arbeiteten, kamen auch dazu, und das ganze Gäßchen erklang vom jungen, hellen Lachen. II. Josse! Agulnik, der für die Peßachferien aus Wilna nach Hause kam, war damals sechszehn Jahre alt und besuchte die siebente Klasse des Wilnaer Gymnasiums. Er trug eine Brille, hatte stets ein Buch in der Hand, um seine ״Bildung“ zu dokumentieren und sprach mit dem Apotheker russisch. Kein Wunder, daß alle großen Respekt vor 11!m hatten. Sein Vater hätte mit ihm zufrieden sein können, wenn sein Kopt nicht voller Dummheiten gewesen wäre. Wenn er anfing, über die Arbeiterschaft und den Sozialismus zu sprechen, so konnte man von einer Ohnmacht befallen werden. Wie kamt ein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, verlangen, daß Rothschild und Aaron der Schneider und der Row und der Bader alle gleich sei!» sollen?! Meschugge! Der Teufel mag wissen, wieso solche Dinge in sein Hirn geraten sind. Jossel hatte einen neuen Anzug zu Peßach bei Aaron zu Erobieren. Diese Gelegenheit benutzte er, um ״mit der Areitermasse in Kontakt zu kommen“, das heißt mit den Helfern aus Mendels Bäckerei, welche den einzigen ״Großbetrieb“ im Städtchen bildete. Mendel hatte gerade, den Backofen hergerichtet und war zum Markt geeilt, um ein neues Schüreisen zu holen. Diese Pause benutzte denn jossel, um die ״Arbeiterschaft“ über ihre Lebensweise auszufragen. Als er genau informiert war, wandte er sich an sie mit folgender Rede: ״Schwestern und Brüder! Der Kapitalismus streckt seine Krallen aus, die Arbeiterklas.e zu erwürgen! Auch Ihr werdet ausgesaugt von Eurem blutdürstigen Arbeitgeber, der Euch zwingt, von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends zu backen. Und was bekommt Ihr dafür?! — Der Mehlschütter bekommt 10 Kopeken für den Zentner und der Dreher — 30 Kopeken! Ist das nicht himmelschreiend? Schwestern und Brüder! Die internationale Arbeiterschaft steht hinter Euch. Ihr müßt Euch organisieren, denn Marx lehrt uns . . Lange noch sprach Jossel über Marx und über den Ktaseimmpf, bis dk Mädchen vor lauter Mitleid mit dem Armen schließlich bereit waren, ihrem Arbeitgeber, dem Ausbeuter, den Streik zu erklären. Der ״Arbeiterschaft“ aber fehlte Mut und initiative. Keiner wollte die Führerrolle übernehmen, keiner wollte Sprecher sein. Manche hatten Angst vor ihren Eltern und andere brachten es einfach nicht übers Herz, Mendel auf solche Weise gegenüberzutreten. Darum erklärte Jossel, er würde morgen früh um 10 Uhr persönlich in der ״Fabrik“ erscheinen, die Arbeit würde niedergelegt, worauf er mit der entsprechenden Motivierung im Namen der sozialen Gerechtigkeit den Streik erklären würde. Die Forderungen: achtstündiger Arbeitstag und 50prozentige Erhöhung der Arbeitslöhne. III. Abends saß Berl der ״MazzeroIIer“ bei Aaron dem Schneider und erzählte über Jossels Rede und den geplanten Streik. Grimmig hörte Aaron zu und erwiderte: ״Mendel ist ein blutarmer Mann, sein Weib ist krank, daß sich Gott erbarme; die Kinder laufen umher, nackt und hungrig. Hätte ich ihnen in diesem Winter nicht einige Wägelchen Hob verschafft, man hätte sie erfroren aufgefunden. Und wenn man merkt, daß solch ein Armer im Begriffe ist, einige Rubel für Peßach zu verdienen, geht man hin und hetzt ihm einen Streik auf den Nacken. . , . Schämen sollt Ihr Euch alle in Euren tiefen Hals! . . . Pfui!. . ״ich meine auch.“ antwortete Berl schuldbewußt, ״daß es unrecht ist ... 30 Kopeken für den Zentner ist genug.. . . Aber Marx, meint er, sagt, man müsse 50 Prozent mehr fordern. . . ״Wer ist dieser Marx?“ ״Weiß ich? Wohl ein junger Mann aus Wilna . . In Aaron kochte der Zorn: ״Alle bösen Träume über sein Haupt!! . . . Soll er bei sich in Wilna herrinreden und nicht bei uns! . . . Oder soll er lieber Mendel einige Rubel verschaffen, damit er seine Kinder in den Cheder schicken kann, wenn er schon ein Wohltäter sein will. . .“ ״fch denke auch so, aber Jossel sagt . . .״ ,,Josske?! ...dieser Lümmel, dieses rrechmaul, diese Rotzrus'i ’. .׳ . der also wird morgen den Streik verkünden?“ ״Ja.“

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