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Jüdische Rundschau · 1931-03-20 · Heft 22 (20.3.1931) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 22 (20.3.1931)
Date
1931-03-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 140 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 22, 20. III. 1631 Zur zionistischen Lage in Polen Streitigkeiten ohne Ende in KongreB-Polen. — Misrachi vor wichtigen Aufgaben. — Besuch Felix Rosenblflths. (Von unserem Berichterstatter.) —g. Warschau, 17. März. Die letzten Ereignisse im polnischen Zionismus, der Exodus der Revisionisten und der Eth Liwnoth-Gruppe aus dem zionistisehen Parteirat (s. ״Jüd. Rundschau“ v. 13. 3.) sind als logische Konsequenz der gar nicht so geradlinigen Entwicklung innerhalb der allgemein-zionistischen Organisation Polens in den letzten Monaten sowie als Auftakt zu den Kongreßwahlen zu beurteilen. Die Fortexistenz beider Gruppen ״Al Hamischmar“ und ״Eth Liwnoth“ stützt sich hauptsächlich auf persönliche Ressentiments, und nur um diese zu verschleiern, werden auch prinzipielle Differenzpunkte meist künstlich konstruiert. Hinzugefügt sei, daß die streitenden Parteien fast nur in Warschau bemerkbar sind, in den Provinzstädten Kongreßpolens aber die gegenseitigen Verhältnisse und Stimmungen zu einem Ausgleich und zur Fusion drängen, was sich deutlich anläßlich des letzten Parteitages herausstellte. Das gegenwärtige Zentralkomitee (nur aus Mitgliedern des ״AI Hamischmar“ zusammengesetzt) hat großes Interesse für die Mittelstandskolonisation, bekanntlich eine Parole der Eth Liwnoth, gezeigt und hat im Verhältnis zur Weltexekutive sich nicht nach den Parteidoktrinen, sondern im Bewußtsein der großen Verantwortung, die auf ihm als auf dem leitenden Organ der größten zionistischen Organisation der Welt lastet, gchandelt. Und dieses Verantwortungsprinzip und diese Scheu vor engem Parteidogmatismus war ja einstmals der leitende Oedanke der ״Eth Liwnoth“ in ihrem Kampfe mit der — Grünbaum-Gruppe. Nun haben seit zwei Jahren deren Rollen gewechselt, ohne daß dafür eine innere Notwendigkeit oder Berechtigung bestünde. Ke ״Eth Liwnoth“ sinef jetzt radikal in ihren politischen Losungen, und daher ihr Bund mit den — Revisionisten. Der Stein des Anstoßes für beide Gruppen war die bisherige Anteilnahme des Vertreters des polnischen Zentralkomitees an den Arbeiten der politischen Kommission in London und der Beschluß des Parteirates, auch zum zweiten Teil der Verhandlangen mit der englischen Regierung Abg. Grünbaum zu delegieren. Ke Opposition sprach diesem Parteirat das Recht ab, derartige Beschlüsse zu fassen, und nachdem ihr Antrag auf Einberufung einer Landeskonferenz abgelehnt wurde, verließen ihre Vertreter den Parteirat. Faktisch ändert dies die Lage im polnischen Zionismus gar nicht. Die Kongreßwahlen, an denen sich diese drei allgemeinzionistischen Fraktionen höchstwahrscheinlich mit selbständigen Listen beteiligen werden, wird über deren Stärke und Daseinsberechtigung entscheiden. Es ist nur zu bedauern, daß durch solche Zersplitterung die allgemein-zionistische Bewegung geschwächt und immerfort durch ״Sensationen“ von den eigentliehen zionistischen Aufgaben abgelenkt wird. Der Misrachi hat aut seinem ebenfalls im März abgehaltenen Parteirate seine bekannte oppositionelle Stellung zu den Beschlüssen der letzten Aktions-Comite-Sitzung und zu den letzten Schritten der Exekutive scharf formuliert und, wenn auch mit selbständigem Handeln, aber mit bedenklichen diplomatisehen Methoden, sich als weiteres Glied zur zionistischen üpposition hinzugesellt. Ueber die Stärke des Misrachi wird man bald bei den Gemeindewahlen urteilen können. Der Misrachi hat jetzt eine eminent wichtige Aufgabe, das religiöse Judentum mögliehst dem Einflüsse der Aguda zu entziehen, zu erfüllen. Der Misrachi ist sich dieser Aufgabe bewußt, rüstet schon energisch zu den bevorstehenden Wahlen, an denen er selbständig teilnimmt. Vom Ausgang dieses Kampfes innerhalb der Orthodoxie, der, allerdings nicht in einer einzigen Schlacht, durch geführt werden kann, hingt sehr viel ab, sowohl für das polnische Judentum, als auch für den Zionismus. Es ist vom zionistischen Standpunkt zu wünschen, daß dem Misrachi die bevorstehende Offensive kräftig gelinge. * Felix Rosen bl üth, der im Aufträge der Exekutive im Zusammenhang mit dem Sokolow-Organisations-Monat gegenwartig Polen besucht, kam gerade nach Warschau, als die Gemüter im allgemein-zionistischen Lager nach der Parteiratssesslon etwas erregt waren. Während eines mehrtägigen Autenthaltes hier bekam aber "Rosenblüth Gelegenheit, mit samtliehen zionistischen Föderationen eingehende Besprechungen über die zionistische Lage und über die nächsten wichtigen Aufgaben, insbesondere auf dem Gebiete der Organisation, zupflegen. Auf diesen Gebieten hat gerade die gegenwärtige Leitung der allgemein-zionistischen Organisation Kongreßpoiens Ersprießliches geleistet und die Anregungen Rosenblüths werden hoffentlich zur wirkungsvollen Durchführung der Werbeaktion viel beitragen. Rosenblüth weilte auch zwei Tage in Lemberg, wo er auf dem speziell einberufenen Parteirate der allgemeinen Zionisten Bericht über die Lage erstattete und auch mit anderen Föderationen in Fühlung trat In Krakau, wohin sich heute Rosenblüth aus Lemberg begab, hat man Ende Februar auf der jährlichen Tagung der allgemeinen Zionisten einen befriedigenden Bericht über die im vergangenen Jahre geleistete Arbeit erstatten können. Aut sämtlichen Gebieten wird hier systematisch und fleißig gearbeitot. Was aut* diesem Delegiertentage besonders auffiel, war die, im Gegensatz zu manchen Tagungen in anderen Teilen Polens, ruhig und sachlich durchgeführte Debatte über die ideologischen Grundlagen des Zionismus. Das Hauptreferat hielt der verdienstvolle Vorsitzende der Exekutive in Krakau, Dr. Schwarrbarth, an der Debatte beteiligten sich ebenfalls revisionistische Delegierte, welche die bekannten Argumente wiederholten. Dizengoffs 70. Geburtstag. Anläßlich des 70. Geburtstages des Bürgermeisters von Tel-Awiw, M. Dizengoff, fand in Palästina eine Reihe von Veranstaltungen statt, in denen dem Jubilar als einem der Erbauer des modernen Palästina gehuldigt wurde. Besonders bemerkenswert war ein Bankett, das von drei Veteranen der Chibbath Zion, I. L. Gold b erg, Drujanoff und Rawnitzky׳, in Tel-Awiw veranstaltet wurde. Diese drei Führer der Chmvewe Zion waren im sogenannten ״Odessaer Komitee" Genossen von Dizengoff. Drujanoff, der Historiker der Chibbath Zion, erklärte in seiner Eröffnungsrede, daß im ganzen noch 15 ehemalige Mitglieder des ״Odessaer Komitees“ am Leben sind, von denen zwölf in Palästina leben und zehn an dem Bankett teilnahmen (zwei, nämlich Ussischkin und Bialik, weilen vorübergehend im Auslande). Außerdem seien im Saale fünf Ehrenmitglieder der Gesellschaft, von ihnen ist einer Dizengoff selbst. Zum Vorsitzenden der Veranstaltung wurde der greise A. S. Rabinowitsch gewählt, der seinerzeit in Rußland Vertrauensmann des O. K. war. Eine große Zahl von Begrüßungstelegrammen von Chowcwe Zion aus aller Welt waren eingelangt, ferner ein herzlicher Brief von Ussischkin aus New York. Unter den überaus zahlreichen Rednern des Abends befanden sich die verschiedenartigsten Funktionäre der Chowewe Zion-Bewegung in Rußland, die aus dem Schatz ihrer Erinnerungen viel Anekdotisches zur Geschichte des Zionismus zum Besten gaben. Zum Schluß sprach Dizengoff, der besonders Erinoetungea an Dr, Pinsker und Michael Erlanget .wiedergab. Delegiertentag der Zionismen - Revisionisten Am letzten Sonntag fand in Berlin eine revisionistisehe Parteikonferenz statt, die ah ״Delegiertentag“ bezeichnet wird, jedoch eine geschlossene, der Presse nicht zugängliche Beratung war. Wir erhielten darüber von dem Büro der Revisionisten in Berlin einen Bericht, den wir nachstehend wiedergeben: Am 15. März fand in Berlin eine gut besuchte, konstltuierende Tagung des Landesverbandes statt, zu der die meisten revisionistischen Gruppen aus Deutschland Vertreter entsandt hatten. Als stimmberechtigte Mitglieder nahmen 26 gewählte Delegierte aus Berlin, Breslau, München, Frankfurt, Köln, Stettin, Leipzig, Dessau und Magdeburg teil. Eine große Anzahl von Gästen folgte den Verhandlungen. In seinem Referat über die politische Lage führte der Vorsitzende, Herr Richard L i c 11111 e i m , aus, daß der MacDonald- Brief inhaltlich sehr unbefriedigend sei und daß die Form, in der dieser Brief zu einem Kommentar des Weißbuches gemacht wurde, ebenfalls sehr bedenklich erscheine. Besonders sei auch dagegen zu protestieren, daß Dr. Weizmann auf der voreiligen Veröffentlichung dieses Dokumentes bestanden habe, obwohl sogar in der Politischen Kommission und in der Zionjstischen Exekutive starker Widerstand gegen die Veröffentlichung sich geltend machte. Die kommenden Verhandlungen über die wichtigsten Fragen (Transjordanien, Verwaltung, Landcntwicklungsplan und Parlament) seien von solcher Tragweite, daß die Exekutive ein schweres Unrecht begehe, wenn sie nach der von ihr erzwungenen Kongreßverschiebung daraut hindränge, auch diese Verhandlungen unabhängig von der Willensäußerung des Kongresses zu führen. Die Exekutive sei diesen Verhandlungen nicht gewachsen und habe zu den wichtigsten Fragen nicht einmal festumrissene Vorschläge. Daher habe das Revisionistische Exekutivkomitee auf seiner letzten Tagung in Paris mit vollem Recht beschlossen, gegen die Fortführung der Verhandlungen durch die jetzige zionistische Leitung zu protestieren. Dabei dürfe es sich allerdings nicht um einen Protest gegen die formelle Zuständigkeit der Exekutive bzw. der Jewish Agency!!andein, sondern um einen sachlichen Protest gegen die Unzulänglichkeit der bisherigen Führung. Die innere Situation im Revisionismus erfordere eine Klärung, da sowohl die Revisionistische Exekutive wie auch sicherlich die überwiegende Mehrheit aller Revisionisten mit der Taktik der Revisionistisehen Partei in Palästina, die neuerdings von Dr. von Weis! geführt wird, nicht einverstanden seien. Die von den palästinensischen Revisionisten ausgegebene Parole auf Zurückziehung der revisionistischen Vertreter aus dem Aktions-Comit6, auf Austritt aus der Organisation, auf Verlassen der Assefath Haniwcharim und die hieraus folgenden vorgeschlagenen Sonderaktionen stehen in schroffem Gegensatz zu der bisherigen Haltung der Union. Die oft erörterte Frage unserer zukünftigen Beziehung zur Zionistischen Organisation erfordere keine neuen Beschlüsse, sondern nur die Bestätigung der bereits mehrfach gefaßten. Alles komme für den Revisionismus und damit auch für den Zionismus darauf an, zum XVII. Kongreß eine so große Zahl von Mandaten zu erobern, daß der Wille des Revisionismus zu einem entscheidenden Faktor auf dem Kongresse werde. Es folgte eine lebhafte Diskussion. In der Nachmittags- Sitzung erstatteten die Herren Dr. Pollack und Alexander Reiter Referate über die Jugendarbeit und Dr. Silbert über Organisation und Finanzen. Ein erheblicher Betrag wurde für die Londoner Zentrale aufgebracht und das Budget der Berliner Zentrale Wurde gesichert. Die Tagung schloß abends mit einer Schlußansprache des Vorsitzenden. Es wurde ein Zentralkomitee für Deutschland, bestehend aus 25 Mitgliedern, gewählt. Den Landesvorstand bilden folgende Herren: Richard Lichtheim (Vorsitz), Dr. Hans Bloch, Beliiowsky, Dr. Ettiseh, Dr. Elias Fischer, Alexander Reiter, Julius Reiter, Dr. Schloß. Folgende Beschlüsse wurden gefaßt: Besch iüsse, I. Der Delegiertentag erklärt, daß er auf dem Boden der von der Prager Konferenz und vom Parteirat gefaßten Be- Schlüsse steht, wonach es die Aufgabe der Revisionistischen Union ist, den Zionistenkongreß zu erobern und die Zionistische Bewegung zu erneuern. II. Der Delegiertentag fordert die Leitung der Revisionistischen Weltunion auf, für strikte Durchführung der von den obersten Parteiinstanzen gefaßten Beschlüsse zu sorgen und die Unterordnung aller Teile der Revisionistischen Bewegung ijnter diese Beschlüsse zu sichern. III. Der Delegiertentag spricht den Revisionisten Palästinas seinen herzlichen Glückwunsch zu ihren bedeutungsvollen Wahlerfolgen aus. Er wendet sich aber gegen die politische Taktik der gegenwärtigen Leitung der Revisionisten In Palästina und lehnt die von ihr vorgeschlagenen Aktionen ab, die im Widerspruch zu den bisherigen Beschlüssen der Union stehen. IV. Der Delegiertentag fordert, daß alle Kräfte der Bewegung jetzt für das Ziel der Eroberung des XVII. Kongresses zusammengefaßt werden. Die Entscheidung über die Zukunft der Zionistischen Bewegung hängt wesentlich davon ab, ob es dem Revisionismus gelingen wird, durch Gewinnung einer großen Zahl von Mandaten auf dem nächsten Kongreß den Prinzipien der Revisionistischen Bewegung zum Sieg zu verhelfen. V. Der Delegiertentag macht es allen Revisionisten zur Pflicht, sofort den Dinar an die Londoner Zentrale zu zahlen und, gemäß den Beschlüssen zur Finanzfrage, Beiträge für den deutschen Landesverband der Union zu entrichten. VI. Der Delegiertentag erklärt, daß der MacDonald-Brief völlig unbefriedigend ist und keineswegs die Basis für die Kooperation mit der Mandatarmacht bilden kann. Der Delegierxentag protestiert gegen die Fortführung der Verhandjungen durch die jetzige Leitung der Zionistischen Organisation und fordert, daß keine Festlegung in politischen Fragen erfolge, bevor nicht der Kongreß eine neue Leitung gewählt habe. Insbesondere weist der Delegiertentag auf die drohende Gefahr hin, daß ein Parlament in Palästina geschaffen wird, das eine Bedrohung des ganzen zionistischen Werkes bedeuten würde. Sir Herbert Samuel hielt dieser Tage im Londoner Rundfunk (für Amerika) einen Vortrag über das Palästina- M an aat. Er gab einen Ueberblick über die politische Entwlcklung Palästinas seit 1920 und charakterisierte die politischen Probleme, mit denen die Regierung in Palästina zu tun hat, vor allem die Beziehungen zu Juden und Arabern und den sich daraus ergebenden doppelten Aspekt des Mandates. Hierbei betonte er auch den großen Nutzen, den die jüdische Einwanderung dem Lande gebracht hat. Am Schluß des Vortrages, der im wesentlichen rein informativ gehalten war, betonte Samuel, daß das moderne Palästinaproblem etwas völlig Neuartiges in der Geschichte der Welt darstellt. Es ist eine ganz große Aufgabe, die England mit Unter- Stützung des Völkerbundes zu lösen hofft — Der Vortrag wurde auch in Palästina ganz deutlich gehört Aus den Gemeinden Der Reichsverband der deutschen Juden Die Ausführungen von Sandler in Nr. 18 bedürfen m. E. in einem Punkte einer Unterstreichung und Präzisierung. Das ist die Kompetenzfrage. Sandler schlägt vor, an Steile der Breslauerschen Fassung zu dem früheren Wortlaut zurückzukehren, nach dem ״die Pflege des Gesamtbewußtseins der deutsehen Juden“ eine der vornehmsten Aufgaben des Verbandes sein sollte. Diese Formulierung erscheint unglücklich, weil sie einen überaus vagen Begriff an die wichtigste Stelle des Verfassungswerks setzt. Was ist ״Gesamtbewußtsein“ und — vor allen Dingen — wie ״pflegt“ man es? Was wir fordern müssen, und was für uns unumgängliche Voraussetzung sein muß, ohne die der Reichsverband jeden Sinn verlieren würde, ist sehr einfach und unmißverständlich auszudrücken: Der Reichsverband vereinigt die jüdischen Gemeindeverbände zur Vertretung der Gesamtinteressen der deutschen Juden und der jüdischen Gemeinden. Diese umfassende Zweckbestimmung genügt und bedarf keiner Spezifizierung. Wenn man ein übriges tun will, so mag man im § t noch, ent* sprechend dem Breslauerschen Entwurf, fortfahren: ״Er vertritt insbesondere die Gemeindeverbände und die ihnen angeschlossenen Gemeinden im Rahmen seiner Zuständigkeit gegenüber Reich, Oeffentlichkeit und Ausland sowie auf Antrag von Landesverbänden gegenüber ihren Ländern. Die Selbständigkeit der Gemeindeverbände und Gemeinden in Verfassung und Verwaltung, in Unterricht, Kultus und Ritus wird durch die Zugehörigkeit zum Reichsverband nicht berührt.“ Damit aber wäre allen Erfordernissen Rechnung getragen. Die von Breslauer vorgeschlagenen weiteren Absätze des Kompetenzparagraphen müßten wegfallen. Max Birnbaum. * Recklinghausen. Wir erhielten von dem Vorsitzenden der Synagogengemeinde Recklinghausen, Dr. Schoenholz, eine Berichtigung, zu der sich unser Gewährsmann nachstehend äußert: Der Vorstand der Synagogengemeinde wendet sich in einer Zuschrift unter Berufung auf § 11 des Preßgesetzes, dessen Voraussetzungen aber nicht vorliegen, gegen unsere Notiz vom 24, Februar. Die Gemeinde behauptet, sie habe aus vollkommen freiem Ermessen der Regierung mitgeteilt, sie werde für die Wahl im Jahre 1933 das Verhältniswahlrecht einführen. Demgegenüber verweisen wir auf unseren Bericht vom 8. August 1930. Die Gemeinde bestreitet ferner die von uns zitierte Behauptung des offenen Briefes der Jüdisch-Konservativen Vereinigung, die Wahl sei durch unlautere Machenschäften des Predigers herbeigeführt worden. Das Gericht wird darüber entscheiden. (Vgl. aber ״Jüdische Welt“ vom 16. April 1930.) Die Gemeinde spricht dem Prediger auch die Eigenschaft eines fanatischen Ostjuden- und Zionistengegners ab. Nach einem Bericht des Gemeindeblattes Duisburg sagte dieser Prediger dort in einem Vortrag vor der C.-V.-Jugend am 13. Februar 1930, es sei vor allem notwendig, eine Trennungslinie zwischen sich und den Zionisten zu ziehen. Denn die Antisemiten könnten sich auf die Zionisten stützen, um ihre Behauptungen zu beweisen. Auch gegen die Jewish Agency müsse man scharf Stellung nehmen. Palästina werde niemals einen Einfluß auf die Judenheit ausüben. Nach der ״Jüdischen Welt“ vom 16. April 1930 sprach der Prediger die Hoffnung aus, daß den ostjüdischen Kaufleuten die Errichtung von Geschäften in Deutschland untersagt werden würde. Naeh dem gleichen Berieht erklärte er bei der Ausländerpolizei, er verstehe nicht, daß man so human mit den ausländischen Juden umgehe, in Polen verfahre man mit den Deutschen ganz anders, schließlieh beruft sich der Vorstand auf eine Anzahl ostjüdischer Gemeindemitglieder. Nun hat sowohl das Organ des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland, die ״Jüdische Welt“, wie die Leitung dieses Verbandes sich scharf gegen diejenigen Ostjuden in Recklinghausen gewandt, die sich durch Gemeindebeamte vor der Stimmabgabe für die Liberalen zur schriftlichen Verpfändung ihres Ehrenwortes hatten bestimmen lassen und so den Ostjuden in den Rücken gefallen waren. In der Jüdischen Gemeinde Recklinghausen ist den Ostjuden leider schon manches Unrecht zugefügt worden. (Vgl. auch unsere Notiz vom 8. April 1930.) Veranstaltungen im Beth-Am. Das Jubiläum des IÖ0. Geburtstages des hebräischen Dichters J. L. Gordon (״Jalag“), der im P-na und im Weltjudentum Gegenstand großer Ehrungen war, ist am 21. Februar in Beth-Am Iwri in besonders würdiger Weise gefeiert worden. So hatte auch das hebräische Berlin Gelegenheit, sich des Dichters der Haskalah und seines Zeitalters zu besinnen. Dr. P i n e s sprach einleitend über die Stellung der älteren und der jetzigen Generation zu Jalag. Dr. Simon Bernfeld hielt den restvortrag. Der Redner würdigte Jalag nicht nur als Dichter, sondern auch als Menschen, als Sohn seiner Zeit. Dr. Bernfeld, der mit dem Dichter im Brief- Wechsel stand, konnte unter allgemeiner Spannung des Publikums eine Reihe von Begebenheiten aus der Zeit und dem Wirkungskreise Jalags berichten. Die zahlreichen Zuhörer dankten dem Referenten für den schönen Vortrag. Im Namen des hebräischen Jugendrats, der an der Feier teilnahm, wfirdigte Herr Nachum Lewin in längeren Ausführungen den Dichter Jalag. Herr Meir Mohr las ein von ihm für dieses Fest verfaßtes Gedicht zu Ehren Jalags. Der Künstler Josef Gofand rezitierte mit viel Gefühl aus den Werken Jalags. ־ - Der Purimabend im Beth-Am, am 3. März, gestaltete sich dieses Mal zu einer grandiosen Feier. Der Andrang war so groß, daß die Räume des Beth-Am kaum die große Zahl der Gäste lassen konnten; trotzdem herrschte Ruhe und Spannung für das dargebotene Programm. Am literarischen Teil beteiligten sich Baruch Krupnik mit seinen ״Akdamoth“, die humorvoll Fragen der jüdischen Politik und des gesellschaftlichen Lebens behandelten. Meir Mohr und Mosche Sch langer- Mohr trugen speziell für dieses Fest verfaßte Gedichte und Verse vor und fanden starken Beifall. Das Publikum beteiligte sich eifrig an den Refrains der Verse. Frl. Machtey trug eine Purimparodie vor. Im Konzertprogramm wirkte die dem Berliner hebräischen Publikum wohlbekannte Sängerin Frau Betty Krupnik-Landau mit, die in dankenswerter Weise immer wieder neue Uebersetzungen hebräischer Lieder bringt. Der palästinensische Sänger Amram Benjamin! sang mit wohlausgeglichenem Bariton Lieder von Engel, Arien aus ״Carmen“ und ״Faust“ ln hebräischer Uebersetzung. Sarah Schapiro spielte wirkungsvoll Brahms und Chopin. Zum Erlebnis der Feier wurde der Tanz der jugendlichen Künstlerin Dora Bertonowa, die sich als ausgezeichnete Typen-Dar* stellerin gezeigt hat. Das begeisterte Publikum spendete ihr reichen Beifall und verlangte Immer wieder nach ihrem Tanz. Es wäre zu wünschen, Frl. Bertonowa in einem besonderen Konzert tanzen zu sehen. Im Anschluß an die Feier brachte, zur angenehmen Ueberraschung des Publikums, Herr Dr. Jakob Klatzki n Imitationen von alten Draschoth und Nigunim zum Vortrag. Die Feier stand unter der Leitung von Dr. Torczyn e r und Dr. Rawidowicz. Diese Feier war die letzte in den Räumen Grolmanstr. 36. Das hebräische Berlin hofft, daß das Beth-Am bald den Einzug in seine neuen Räume feiern wird.

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