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Jüdische Rundschau · 1931-03-20 · Heft 22 (20.3.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 22 (20.3.1931)
Date
1931-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22, 20. tll. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 139 Arbeü und Einwanderung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG. Tel-Awiw, den 12. März 1930. Die Beratung der allgemeinen Arbeiterorganisation, die heute in Tel-Awiw geschlossen wird, hat sich dadurch ausgezeichnet, daß zum ersten Male seit längerer Zeit in der Öffentlichkeit die wirtschaftlichen Fragen des Tages ausfühl lieh behandelt wurden, die im Laufe des letzten Jahres weit über Gebühr von den politischen in den Hintergrund «edrängt worden sind. Das Tatsachenmaterial, das sich bei einer Untersuchung des Arbeitsmarktes und der Einwanderungsbedingungen ergibt, ist fast durchweg bekannt. In den Idzten Monaten sind kaum neue Momente dazu gekommen, cs ist ntrr eine Entwicklung in der seit mehr als einem Jahre erkenntlichen Richtung zu verzeichnen. Nach den recht verläßlichen Angaben der Arbelterorgani- .Kation gibt es unter den Juden in Palästina zurzeit zirka 2000״ Arbeitslose. Dazu kommt — wie immer in solchen Fällen — eine bestimmte Anzahl Erwerbsloser, die statistisch nicht erfaßt werden, so daß man alles in allem mit gegen 3000 Arbeitslosen rechnen muß. Diese Zahl als solche ist nicht besonders hoch. Im Vergleich mit der europäischen und amerikanischen Wirtschaftslage kann man sie vielleicht sogar als niedrig bezeichnen. Eine Erschwerung der Situation tritt jedoch dadurch ein, daß die von der Arbeitslosigkeit Betroffenen in der Regel auf keinerlei Reserven zurückzu- ״reifen haben und auch bisher keinerlei Hilfe aus allgemeinen Mitteln erhalten. Die Periode der ״Arbeitslosenunterstützung“, eine der schlimmsten in den Wirtschaftskrisen des Jischuw, hat bis heute so lebendige Erinnerungen hinterlassen, daß mau bisher davon abgesehen hat, irgendein System für die Unter- Stützung der Arbeitslosen zu schaffen. Es verbirgt sich also hinter der lakonischen Zahl 3000 viel an Sorge, Elend und nackter Not. Die große Frage der Gegenwart heißt, wie und wann eine Besserung herbeigeführt werden kann. Um diese Frage zu beantworten, wurde auf der Beratung der Arbeiter zuerst nach den Ursachen der Lage geforscht. Es wurden nochmals die bekannten Gründe angeführt: Abnähme der Privatinitiative, teils wegen der allgemeinen Welt- Wirtschaftskrise, teils wegen politischer Bedenken; die katastrophalc Lage der zionistischen Fonds-, Einschränkung der Kredite; Beschränkung in einigen Indusfrieunternehmungen; neues Eindringen billiger Arbeit in die Kolonien; Abnahme der Bautätigkeit. Dieses sind, in Schlagworten zusammengefaßt, die Gründe für die Beschwerung des Arbeitsmarktes. Die Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bewegen sich ebenfalls auf bekannten Bahnen: Beschleunigung öffentlieber Arbeiten durch Regierung und Agency, Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei den Kolonisten, Lockerung der Kredite und dadurch Belebung von Handel und Industrie, vor allem der Baubewegung — das sind die wesentlichen Vorschläge, die gemacht werden. Fast alle von Ihnen haben das eine gemeinsam, daß ihre Amführung kaum erzwungen werden kann. In langen und hartnäckigen Verhandlungen mit Regierungsvertretern hat sich in den letzten Monaten gezeigt, daß von dieser Seite wenig zu hoffen ist, besonders wo die gegenwärtige Parole in London und in Jerusalem gleicherweise ״Sparen“ heißt. Die Agency weiß nicht einmal, wie sie den bestehenden Verpflichtungen nachkotnmen soll, hat die allergrößte Mühe, die Maschine in Gang zu halten und sieht sich nicht imstande, irgend etwas besonderes zu tun oder auch nur das eine oder andere Unternehmen zu beschleunigen. Eine andere Handhabung der Kreditwirtschaft könnte wohl in der Tat Erleichterung bringen und den Kreislauf beschleunigen. Aber hier befindet man sich in einem Zauberkreis. Dieselben Banken, die aus Furcht vor einer Wirtschaftskrise den Kredit verringern, fürchten sich eben vor einer jeden nicht ganz ״sicheren“ Transaktion und tragen dadurch zur weiteren Komplizierung der Verhältnisse bei. Und was die Frage der Arbeit in den Kolonien betrifft, so haben gerade die letzten Monate gezeigt, daß die Pflanzer gegenwärtig den Argumenten nationaler Propaganda recht gleichgültig gegenüberstehen. Es ist zwar richtig, wie die Arbeiter argumentieren, daß bei einer gemeinsamen Anstrengung aller genannten Fakinren eine Aenderung der Situation in kurzer Zeit bewirkt werden könnte, aber eben diese gemeinsame Anstrengung ist bisher nicht zu erreichen gewesen. Und auch in naher Zukunft sind die Aussichten auf einen Erfolg in dieser Riehlung nur gering. Im Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit hat die Konferenz einen wichtigen Plan erörtert und ihn im Prinzip bc- ■'chlossen: die Schaffung eines Fonds für Arbeitslosen- Versicherung. Der Mangel eines solchen Fonds hat sich immer wieder in Krisenzeiten als ein Unglück erwiesen. Die Jevvish Agency kam dadurch immer in die Lage, eine große Anzahl von Menschen völlig ohne jede Hilfe darben zu lassen «kr große Summen unproduktiv der Unterstützung zu widmen. Eine Arbeitslosenversicherung würde in Notlagen einen wichh’gcn Rückhalt bieten. Es kam auf der Konferenz deutlich zum Ausdruck, daß die Initiatoren des Planes sich über die Schwie- ״gkeiten seiner Ausführung keinen Illusionen hlngaben. Für die Schaffung eines soknen Instrumentes ist die Zusammeni licit von Arbeitgebern und -nehmem und von öffentlichen hiMitutionen, seien es die nationalen oder die Regierung, ’’ '1■'•vendig. Es wurde daher beschlossen, den Plan in seinen I mzclheiten zu prüfen und einer zweiten Konferenz, die vor (l<m Korgreß stattfinden soll, vorzulegen. * fft enger Verbindung mit der Arbeitstage steht die Frage II r Einwanderung. Nachdem die Sommermonate durch kn Kampf um die Wiederöffnung der Tore ausgefüllt waren, wurden schließlich der Agency für den Winter 14S0 Zertifikate ־!»׳׳ Verfügung gestellt. Davon gingen 450 für spezielle Zwecke ab (Touristen, Rußland), so daß etwas über 1000 übrig ׳'heben. Es stellte sich jedoch jetzt heraus, daß die Agency n ich t imstande fand, diese Zertifikate zu benutzen, da ״ die finanziellen Mittel zur Unterbringung der Einwanderer ncftt zur Verfügung standen. Die Zertifikate lagerten also n den verschiedenen Palästina-Aemtem, ohne daß von Jeruj em die Erlaubnis zu ihrer Benutzung erteilt wurde. Nur «wa 320 Chaluzim konnte die Agency die Ueberfahrtserlaubnis gebem der Rest der Zertifikate droht zu verfallen. Die Arbeiterorganisation hat nach ihren eigenen Berichten ״ Agency einen Plan zur Unterbringung der Einwanderer 1«gelegt, die Agency sah sich jedoch außerstande, ihn zu 1 zepheren. Es wurde bei der Regierung um eine Proion- 1«ung der Erlaubnisse nachgesucht, was die Administration < och ablehnte. Während der Beratung haben die Arbeiter י«> mals eine Delegation an die Agency entsandt, um die Ausfutzung der Zertifikate unter allen Umständen m verlangen, wobei sie von dein Standpunkt ausgingen, daß eine bestimmte kontinuierliche Einwanderung aufrecht erhalten werden müsse, unabhängig davon, wie die wirtschaftliche und politische Lage im Moment aussehen mag. Die Delegation kam ohne Resultate zurück, und die Konferenz hat sich weiter mit der Frage beschäftigt. Unter andern! haben die Wirtschaften des Keren Hajessod sich erboten, die Einwanderer unterzubringen. Es ist wichtig, daß die Fragen der Arbeit und Einwan• derung in völliger Offenheit und ohne Schönfärberei aut dieser Konferenz behandelt wurden. Wäre das früher gcschehcn, so hätte vielleicht doch ein Weg gefunden werden können, um eine Stabilisierung der Wirtschaft einzulciten. Wir wissen zwar, daß sich solche Komplikationen im Laufe längerer oder kürzerer Zeit auch von selbst lösen, wie wir cs schon mehrmals im letzten Jahrzehnt erlebt haben. Aber durch ein rechtzeitiges Vorbeugen dürfte sich viel Not und Elend vermeiden lassen, das: sieh jetzt im Lande bemerkbar zu machen beginnt. * Jerusalem, 17. März. (J.T.A.) Auf Grund einer eingehenden Beratung mit Vertretern der Allgemeinen jiidisehen Arbeiterorganisation Palästinas hat die Exekutive der Jevvish Agency beschlossen, von den ihr noch zur Verfügung stehenden und bis Ende März gültigen 286 Arbeitereinwanderungszertifikaten sofort 156 an 40 Familien von Chaluzim aus z u g e b e n. Aus dem arabischen Lager Losungen: Boykott der Juden, Gegen England, Arabische Föderation, Nationale Sitten. Jerusalem, 15. März. (J.T.A.) Die Palästinensisch- Arabische Exekutive hat eine voa ihrem Sekretär Dschamcl Husseini Unterzeichnete Proklamation erlassen, in der alle gesellschaftlichen und politischen arabischen Organisationen aufgefordert werden, den Boykottgedanken zu verbreiten, jedoch ״ohne Lärm und D r o 11 u n g e n“. Der Aufruf wendet sich im besonderen au die arabischen Frauen, die ״ihre Eignung für diese Arbeit wiederholt bewiesen“ hätten, und richtet an sie den Appell, in der Ermutigung der arabischen Industrie und den! Schutz der Ehre der arabischen Nation beispielgebend voranzuschreiten. Die alte Losung der Palästinensisch-Arabischen Exekutive: ״Verkauft den Juden alles außer Boden und kauft von Juden nichts außer Boden!“ wird neuerdings ausgegeben. Die arabischen Kauflente werden aufgefordert, die Boykottbevvegimg nicht durch Preiserhöhungen zu persönlichera Gewinn auszunutzen. (Bereits in dem Boykott, der nach den Augustunruhen des Jahres 1929 proklamiert wurde, wurde den arabischen Kaufleuten der Vorwurf eigennütziger Handlungsweise gemacht. — Red.) Schließlich ergeht in dem: Aufruf an die arabische Bevölkerung der Appell, in Nachahmung des von Gandhi gegebenen Beispiels die ausländische Kleidung abznlegen und bloß die arabische Nationaltracht zu tragen, um so den wahren arabischen nationalen Geist zu bekunden. * Die arabische Jaffaer Zeitung ״Al Akda m“ teilt mit, daß sich am 6. März in Kfar Saba mehrere Persönlichkeiten zufällig getroffen haben, darunter der High Commissioner, C01. Kisch, David Yellin, eine führende Person der arabischen Exekutive und zwei andere arabische Führer. Diese Zusammenkunft, so schreibt das Blatt, sollte wohl die Ankunft von Dr. Weizmann vorberciten und die Möglichkeiten einer Round Tablc-Konferenz zwischen Juden und Arabern prüfen. An diese Nachricht knüpft das Blatt die Frage, ob etwa innerhalb der arabischen Exekutive eine Spaltung Ungebeten sei. Die Arabische Exekutive dementiert die Nachricht, daß eine solche Besprechung stattgefunden habe, und erklärt, jeder, der Verhandlungen über den Zionismus mit Zionisten oder anderen cinleiten sollte, werde als Verräter gcbrandmarkt werden. Die Zeitung ״Ei S c 11 a a b“ in Damaskus schreibt, man müsse sich über die Naivität der Zionisten wundern, die der arabischen Presse verschiedene Communiques zur Veröftentlichung zuschickcn, die nur darauf berechnet sind, den schlceliten Eindruck des MaeDonald-Briefcs zu verwischen. Auch der Besuch von Co!. Kisch iu Amman habe diesem Zweck gedient. Der Emir Abdullah und König Hussein seien aber bewährte arabische Nationalisten, die sieh nicht werden bestricken lassen. Sollte aber der Emir Abdullah doch bcreit sein, den Zionisten zu helfen, dann müsse man sich darüber Idar sein, daß er nur eine Privatperson ist, ein Einzelner, der in dieser Sache keine Gefolgschaft bei der arabischen Nation finden wird, auch nicht mit Hilfe zionistischer Gelder. Die arabische Zeitung ״M arath El Scher k“ knüpfi an eine Maske im Tel-Awivvcr Purim Umzug, die MacDonald mit einem Doppelgesicht darstellte, eine längere Betrachtung. Die Juden, so schreibt das Blatt, haben in der letzten Zeit die Trügerischkeit der englischen;Politik erkannt. Die Engländer halten Palästina in ihrem eigenen Interesse bcsetzt, nicht um der Araber oder der Juden willen. Wenn die Zeit gekommen sein wird, werden sie den Zionismus im Stiche lassen. In der Beurteilung der englischen Politik hat eine große Annäherung zwischen Juden und Arabern stattgefunden. Gestern Weißbuch, heute MacDonald-Brief, und wer weiß, was morgen für ein Dokument kommen wird, aber alle diese Dokumente sind nicht ernst gemeint. Die wirkliche Gefahr für das Land, schreibt das Blatt weiter, ist nicht der Zionismus, sondern die englische Herrschaft. Die Araber sollten aufhören, den Zionismus zu bekämpfen, der eine vorübergehende Erscheinung ist, und sollten erkennen, daß alles Unglück davon kommt, daß England Palästina zu seiner Kolonie gemacht hat. Solange das Mandat in seiner jetzigen Form bcsteht, wird der Konflikt nicht beseitigt werden. England hat Palästina zu einem Schlachtfeld zwischen Juden und Arabern gemacht, tim die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abzulenken. Anläßlich des Jahrestages der U11 a b 11 ä n g i g k e it s - erklirung Syriens unter Emir Feisal (8. März 1920) fand in Nablus eine große Feier statt, auf der ein Mitglied der arabischen Exekutive über die nationalen Ziele der arabischen Bewegung sprach. Wenn die Araber nicht zu einer energischen organisatorischen, kulturellen und wirtschaftlichen Selbsthilfe greifen, werden sie ein ähnliches lende nehmen wie seinerzeit in Spanien. Es sprachen noch mehrere Redner, die u. a. auch gegen Bodenverkauf an Juden Stellung nahmen. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen, die die Vere i n i g u n g a 11 e r a r a b i s c 11 e 11 Länder in einem freien arabischen Gemeinwesen fordert. Ferner wurde ein Antrag auf Einberufung einer all-arabischen Konferenz gegen den Iniperialismus angenommen. Numerus clausus und Staatenlosigkeit Bukarest, 12. März. (J.T.A.) Das Dekanat der Buk.1rester medizinischen Fakultät hat von der Pariser tnedizinisehen Fakultät eine Zuschrift erhalten, in welcher cs u. a. heißt: Gegenwärtig studieren an der Pariser medizinischen Fakultat 511 rumänische Studenten. Von diesen beanspruchen 43(> nach Absolvierung der Studien ein französisches Staatsdiplom zur Ausübung des Acrzteberufcs. Dieser Zustand darf nicht mehr weiter ,indauern, dem! von diesen Studenten beabsiclitigen wenigstens 400 nach fünf Jahren sich in Frankreich zu installieren. Wir sind daher gezwungen, Maßnahmen zu treffen, um den Zustrom zur medizinischen Fakultät seitens der Ausländer Unziidämmen. Wir müssen zu dem Zwecke ein Gesetz schaffen, unter dessen Bestimmungen auch die rumänischen Studenten fallen werden. Wir würden sehr gerne die bisherige Bevorzugung der rumänischen Studenten weiter aufrechterhalten. Aber dies ist leider nicht möglich. Wir haben diese 436 Studenten nach ihrer Herkunft klassifiziert und festgestellt, daß 20 <V0 derselben aus den neuen Provinzen stammen. 85 ״/» der Gesamtzahl dieser Studenten sind jüdischer Konfession, Es ist uns mitgefeilt worden, daß ein Großteil dieser jüdischen Studenten keine rumänischen Staatsbürger sind, nicht das Wahlrecht besitzen und auch keinen Militärdienst geleistet haben. Ist dies riehtig? (Sie würden Militärdienst leisten, wenn man sic einbürgern würde. Red.) Wenn dem so ist, würde es uns sehr leicht fallen, den erwähnten St 11d c n t e n die 111 s k r i b ic ru n g zu verweigern. Die rumänische Gesandtschaft in Paris hat uns diese Angaben nicht bestätigt. Uns bleibt demnach kein anderer Ausweg übrig, als den numerus clausus für jene ausländischen Studenten einzufiihrcn, die ein französisches Staatsdiplom bcanspruchen. Nach Einführung dieser Maßnahme werden bloß 20 bis 30 rumänische Studenten an der Pariser medizinischen Fakultät aufgeiiominen werden. Zwecks Auswähl dieser Studenten macht die Pariser medizinische Fakultat den Vorschlag, daß eine rumänisch-französische Kommission eingesetzt werde, die aus einem Vertreter der Pariser rumänischen Gesandtschaft sowie mehreren Professoren der Pariser und der Bukarcster medizinischen Fakultat bestehen soll. Diese Zuschrift ist vom Leiter der Pariser medizinischen Fakultät, Professor Balthazar, unterzeichnet. Die Bukarcster medizinische Fakultät übermittelte diese Zuschrift dem Unterrichtsminister Costachescu. Der Unterrichtsminister erledigte diese Zuschrift in dem Sinne, daß der numerus clausus-Vorschlag und die Einsetzung einer gemischten Kommission für die Auswahl der rumänischen Studenten akzeptiert werden. Der am 18. d. M. in Bukares t versammelte Generalrat für die Juden Rumäniens beriet unter dem Vorsitz von Dr. Adolf Stern über die Frage der Zuerkennung der Staatsbürgerrechte an jene Juden, die laut Friedensvertrag einen Anspruch auf Einbürgerung besitzen, aber als Staatenlose betrachtet werden. Das Referat über das Problem der Staaten- Iosigkeit hielt Senator Dr. Meyer Ebner. In der Sitzung wurde auch die Angelegenheit des numerus clausus ander medizinischen Fakultät an der Pariser Universität gegenüber jüdischen Studenten aus Rumänien behandelt. ♦ Diese MeMtug rührt. an zwei der traurigsten Probleme der Juden in Osteuropa; an die Frage des gesetzlichen numerus clausus wie in Ungarn oder des faktischen numerus clausus wie in Polen und in Rumänien; ferner an die Frage der einer ungeheuren Anzahl von Juden in den Nachfolge- Staaten Oesterreich-Ungarns noch nicht gewährten Staatsbürgerschaft. Numerus clausus und Staatenlosigkeit bestimmen das Schicksal einer großen Anzahl von jüdischen jungen Menschen, die in ihren Wohnländern keine Aufnahme an den Hochschulen finden und im Auslände, auch im Falle ihrer Zulassung zum Studium, nicht gern gesehen werden und keine Unterstützung durch die diplomatischen Vertretungen ihrer Heimatsländer finden. Die Zuschrift der medizinischen Fakultät der Pariser Univer• sität kann nicht ohne weiteres als eine judenfeindliche Maßnähme gewertet werden. In ihrer Auswirkung aber trifft sie 85 «0 der in Paris studierenden jüd. Studenten aus Rumänien. Die Pariser medizinische Fakultät versucht, formal einem Probleme beizukommen, das nicht nach Grundsätzen bestehender Vorschriften, sondern nach formloser Menschlichkeit behandelt werden sollte. Der Vorfall ist ein Symptom der traurigen Lage der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa. Wenn man sich überdies an die numerus clausus-Bewegung in Oesterreich und in Deutschland erinnert, so blickt man mit ernster Besorgnis in die Zukunft. Das nngeistlge ffldlsche Amerika S. Niger Uber die Zukunft des amerikanischen Judentums. Zu Ehren des in Berlin weilenden jiddischen Literaturkritikers Samuel Niger veranstaltete der Verband ״ORT“ einen Teeabend, zu dem eine große Zahl persönlicher Freunde und Verehrer Nigers, sowie die in Berlin lebenden jiddischen Schriftsteller und Gelehrten erschienen waren. In Beantwortung der zahlreichen Begrüßungsreden sagte Niger, er verfolge die Tendenz, die europäische und die amerikanische Strömung im jüdischen Leben zu vereinigen. Die große Gefahr für die jüdische Kultur in Amerika sei nicht drohende Assimilation und Anierikanisierung, sondern die allgemeine Ungeistigkeit. Man lese weniger jüdische Bücher, nicht weil die fremde Kultur vordringe, sondern weil überhaupt weniger Bücher gelesen werden. Man schicke die jüdischen Kinder nicht in die mit großen Opfern erhaltenen jüdischen Schulen, weil man nicht Zeit finde, sich mit geistigen Problemen zu befassen. Das Problem aller Probleme sei der Rückgang der intellektueilen Minderheit unter den Juden an Zahl und an Qualität. Es sei ein weitgehender Verlust des Respekts vor geistigen Werten zu konstatieren. Die geistig Schaffenden seien heute tief vereinsamt. Der einzige Lichtblick in dieser Situation sei die Hoffnung, daß der begabte literarische Nachwuchs den verminderten Kontakt zwischen der großen Mehrheit des Volkes und der Minderheit der Geistigen wieder festigen werde. Die vom Weltstudentenwerk Unberufene Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus wird am 13. April d. J. in Nyon bei Genf beginnen. 40 bis 50 Studentendelegierte, die Hälfte jüdische, die andere Hälfte nicht jüdische, werden an der Konferenz teilnehmen. Den Vorsitz wird Prof. Pierre Bovet vom ״Institut Jean Jacques Rousseau“ in Gent führen. Ministerialdirektor Hermann Ba dt wird über die politische, Dr. Nahum Gold mann über die kulturelle Seite de* Judenfrage referieren. \

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