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Jüdische Rundschau · 1931-03-10 · Heft 19 (10.3.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 19 (10.3.1931)
Date
1931-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 18. 10. HT. 1931 JUEÖISCHE RUNDSCHAU Sehe!23 Die Schönheitskönigin Ein Purim •Brief am Tel-Awiw ...Mau geht durch die Straßen von Tel-Awiw und stößt überall auf Dinge, die mit Purim Zusammenhängen. Die unzihligen ״Galanteriegeschäfte“, bei denen man sich immer wieder wundert, wie sie es fertig bringen, Ihren Besitzern eine Existenz herauszuschlagen, schillern in allen Farben des Regenbogen« von Kostümen, bunten Hüten, Masken und Glasperlen. Von allen Seiten schreien die Plakate der Feste, Umzüge, Sportveranstaltungen und Spezialvergnügungen den Passanten an. Wer noch nicht beschlossen hat, sich an irgendeiner der großen Unternehmungen zu beteiligen, wird durch alle diese Anpreisungen und die vielen Fragen seiner Bekannten in den Wirbel hindngezogen. Daher kommt es auch, daß diejenigen, die nun einmal dieses Mal nicht ״mitmachen“ wollen, wenn irgend möglich der Stadt den Rücken kehren und für ein paar Tage fortfahren. Denn in Tel-Awiw kann man rieh Purim nicht ent* ziehen 1 Und das Plakat eines Festes scheint recht zu behalten, wenn es in bewundernswerter Konsequenz schwarz auf rotem Grunde immer wieder den Satz durchkonjugiert: Ich gehe zum Neschef Purim, Du gehst zum Neschef Purim, er geht usw. Schließlich kommt es darauf hinaus.... Man geht also durch die Straßen von Tel-Awiw und wundert sich. Man denkt an das vorige Jahr. Da hatte man — in der Stimmung der Unruhe, Trauer und Besorgnis — den Umzug abgesagt Es war nicht In der Ordnung, einen Karneval zu veranstalten, nach dem, was man erlebt hatte und erlebte. Aber auch Im vorigen Jahre ließ sich Purim nicht vertreiben. Einen Umzug gab es nicht, aber an Dutzenden von Stellen entschädigtea sich Tausende auf öffentlichen und privaten Festen. Und daraus konnte man schon lernen, daß dieser Karneval nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben sei. Es gibt Leute, die sagen, daß dieser ganze Betrieb mit seiner Reklame, seinem Aufwand und seiner Psychose nur eine kommerzielle An- Gelegenheit sei. Die Stadt müßte versuchen, Geld hereinzubekommen, der ״Ohel“ suche, sich durch seine Feste etwas aus den Geldverlegenheiten zu befreien, die Hotelbesitzer müßten auch etwas herausschlagen, ebenso die Schneiderinnen und die Manufakturläden. Natürlich ist daran viel Wahres. Es ist auch richtig, daß früher dieser ganze Karneval mehr von nationalen Körperschaften favorisiert wurde als jetzt Aber das trifft alles letzte« Endes nicht den Kern der Sache. Purim gehört eben ״schon dazu“. Und jeder hat irgendwie damit zu tun. Wer sich nicht selbst in eine Maske steckt, muß wenigstens für seine Kinder etwas herrichten. Wer nicht hingeht, um selbst mitzumachen, will wenigstens beobachten, und wer mit dem festen Entschluß zu Hause sitzt, so zu tun, als ob das alles gar nicht da wäre, der wird im letzten Moment von Freunden überfallen oder durch den unaufhörlichen Lärm auf den Straßen aus seiner vermeintlichen Ruhe aufgescheucht und weiß sich schließlich nicht zu retten. Mit den Wölfen muß man heulen. Es gibt viele, die mit Purim unzufrieden sind. Mehr als einmal hat man gegen die Wahl der ״Königin Esther“ protestiert, da man mit einer derartigen Schönheitskonkurrenz, die absonderlich schmeckte, nichts zu tun haben wollte. Aus orthodoxen Kreisen wurde protestiert, nationale Bedenken wurden yorgebracht, Warnungen ausgerufen gegen diese neue und fremde Sitte. Es wurde auch dieses Jahr keine ״Königin“ ge* wählt, sicher sehr zum Leidwesen manch« Mädchens, die •ich gern diese öffentliche Bestätigung seiner Reize geholt hätte. Aber dann kam eine Ueberrasehung: Die Jemeniten machten sich selbständig. Sie hatten schon einmal Tel-Awiw eine ״Königin“ geliefert und ließen sich nicht abspeisen. Wenn schon nicht vor der ganzen Stadt, so wählten sie für sich allein. Diese Veranstaltung muß man gesehen haben. Man konnte viel dabei lernen, je nachdem wofür man sich interessierte, etwas über die Rassenmerkmale innerhalb des jüdischen Volkes (An־ schauungsunterricht zu Ruppins neuem Buch!), über Massenpsychose, über europäische Anzüge bei orientalischen Typen, über Parteiwesen, über Sinn und Resultate von Wahlen und noch vieles andere. Da gab es in einem abgelegenen Viertel am Rande von Jaffa eine Schule und da spielte das Orchester der freiwilligen Feuerwehr. In einem Klassenzimmer konnte man an diesem Abend, wo die Jemeniten auf einem Fest ihre Königin wählten, eine sonderbare Gesellschaft zusammenfinden. Da saßen, eingezwängt in die Schulbänke, jeder mit dem unvermeidlichen Glase Tee vor sich, ein paar Dutzend bekannter Leute aus Tel-Awiw: Künstler, der Bürgermeister in eigener Person, Honoratioren der Stadt und einfache Zuschauer. Den Platz des Lehrers auf dem Katheder hatte einer von den jeme-!«tischen Festleitern eingenommen und vor ihm standen, schön in einer Reihe aufgestellt, die Kronprätendentinnen. Fünf an der Zahl, die eine schön rund und fett, wie man sie in den arabischen Kabaretts sieht, eine noch ganz kindlich und schlank, eine, die man gut in einer Carmcnoper verwenden konnte, und während vier von den Frauen eine Art europäischer Kleidung trugen, zeigte die letzte ein von Brokat, Ketten und Münzen starrendes altes Jemenitenkostüm, anscheinend ein Stück aus einem Familienschatz, das auf jedem europäischen Fest Aufsehen erregt hätte. Man schätzte ab und stritt sich, aber während die ״Aschkenasim“ noch drinnen saßen, erhob sich draußen im großen Saal ein wütender Kampf um die Königin. Das Publikum machte eher den Eindruck irgendeiner Versammlung als einer Festmenge. Von jemenitischen Kleidern war kaum mehr etwas zu erblicken. Die Mädchen in westlichen Kleidern, mit levantinischem Geschmack in den schreiendsten Farben, die Männer in einfachsten Anzügen oder in Hose und Bluse, und dazwischen viele alte Frauen in Kopftüchern und mit erstaunten, neugierig aufgerissenen Augen. Der Kampf tobte zwischen zwei Kandidatinnen, der jüngsten und der alte* sten, die das goldene Kostüm trug. Und in wenigen Minuten batten es die Anhänger der Jüngeren im ganzen Saale verbreitet, daß die vielen Wahlzettel, die die Aeltere bekommen hatte, von ihrem Manne schon vor dem Feste gekauft seien. Also ״Wahlschiebung“ in ausgedehntem Maße. Was sich bei dem eigentlichen Wahlakte abspielte, läßt sich schwer beschreiben. Die beiden Parteien überschrien sich gegenseitig, so daß keiner mehr sein eigenes Wort verstand, der Leiter der Zere« monic war völlig machtlos, der Trompeter aus dem Orchester versuchte mit einem Signalruf Ordnung zu schaffen, wodurch das Chaos noch wilder wurde; auf der Bühne drängte man sich Kopf an Kopf, im Saal wurde geschrieen, gestikuliert, Reden gehalten, die niemand hörte, plötzlich saß einer der Anführer auf den Schultern seiner Nachbarn und machte mit wilden Gesten für seine Kandidatin Propaganda. Oben versuchte einer der ״Aschkenasim“ einen Kompromiß zustande zu bringen, was nur den Eindruck verstärkte, daß er eigentlich hier nichts zu suchen habe. Ueberall aufgerissene Münder, Augen von Fanatikern und wild fuchtelnde Hände. Obe» auf dem Podium standen nebeneinander ganz still die beiden Rivalinnen und das blasse kleine Mädchen neben ihrer goldstrotzenden RivaHn sah mit großen Augen drein. Man wußte nicht recht, war das alles für sic ein schlimmes Erlebnis oder der größte Tag ihres Lebens; wahr* scheinlich beides zugleich. Der Ausgang des Kampfes ist nicht wichtig. Ein Melancholiker würde sagen, es sei nur natürlich, daß in unserer Zeit die Frau mit den gekauften Wahlzetteln und dem goldenen Kleid den Sieg davon tragt. (So war es zufällig auch.) Es kommt nur darauf an zu sehen, mit welcher Leidenschaft hier Geschmack und Ueberzeugung verteidigt werden und schließlich noch eine bedeutsame Kleinigkeit: es gab keine Prügel trotz aller Wut. Die Juden sind eben ein altes und zivilisiertes Volk, selbst in dem Moment, wo sie sich mit der Wahl einer Schönheitskönigin oder anderen Wahlen befassen. Man schreit und tobt, aber man schlägt nicht Das ist ein großer Vorzug. Man geht durch die Straßen und wundert sich. Wundert sich, woher wohl diese allgemeine Lustigkeit kommt, die sich jetzt entlädt, trotz Politik und Wirtschaftssorgen, trotz schweren Erfahrungen und Enttäuschungen. In den Cafös und auf den Straßen üben sich die Intellektuellen im Rätselraten: Was kommt als nächstes' politisches Ereignis? Kommt Weltmann wirklich für Verhandlungen mit den Arabern? Und was soll der Besuch von Colonel Kisch bei Hussein und Abdullah? Was und Was. Und jeder hat seine Spezialerkitrung und dazwischen kommt ein neuer Witz aus einer der Purimzeitungen. ״Und es war in der Zeit Passfields.“ W. K. Purim in Tel-Awiw Tel* Awiw, 5. März. (J.T. A.) An den Purimfestlich־ keifen in Tel-Awiw nahmen Tausende von Juden aus allen Teilen des Landes und hunderte ausländische Touristen teil. Tausende von Arabern waren gleichfalls nach Tel- Awiw gekommen. Lebhaftes Maskentreiben herrschte in den Straßen. Das größte Kontingent stellten die traditionellen Maskenfiguren Königin Esther, Mordechai, Haman und Aliasverus, es gab aber auch eine Fülle von Phantasjckostümen aller Alt Die in einer großen Reihe von Sälen veranstalteten Purimfestspiele und Tanzvergnügungen wiesen einen Massenbesuch auf. Das Hebräische Fest der Jugend. ״Dem Boden Erlösung, dem Volke Beseelung!“ Standarten, Plakate und Spruchbänder an den Wänden, eine Bildreihe von riesigen Ausmaßen rings um die Galerie, zwei mächtige Nationalfondsbüchsen als Bühnenrahmen bringen immer und immer wieder das Motto des Hebräischen Festes zum Ausdruck, das nun schon zum drittenmal zu Purim die gesamte zionistische Jugend Berlins im Spichernsaal versammelte. Der Keren Kajemeth Lejisrael darf stolz darauf sein, daß er als einziger Faktor Im zionistischen Leben alle Gruppen, Bünde und RHitungen der Jugend zu Veranstaltungen wie zur Arbeit zu eine« weiß. Und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Georg K a r e s k i, hatte recht, als er dem Hebräischen Jugendrat und seinem Leiter Nachum L e w i n besonders für seine Tätigkeit dankte, die dem imposanten Fest, wie überhaupt der Jugendarbeit Berlins die starken Impulse hebräischer Sprache und die Inhalte hebräischer Kultur gibt. Die Rede Kareskis, die den Gedanken der innere« Freiheit und Sicherheit des neuen Juden plastisch herausarbeitete, hinterließ einen starken Eindruck. Ernste Chöre eröffneten die Reihe der Darbietungen (Das vierzigste Kapitel Jesaias, von Händel, besonders schön), eine Szene nach Schalom Asch, Musik von Be n Uri , folgte, dann erschien, schon im Programmheft als Dichter der Jugend, Natur und Schönheit gefeiert und mit einer stürmischen Ovation des tausendköpfigen jüdischen Auditoriums minutenlang begrüßt, Saul Tschernic h o w s k 1 und las eigene Gedichte. Nach der Pause sprach der Vorsitzende der Landes-Kommission des KKL, Eh. Albert B a e r. Die neue politische Situation stelle den Bodenfonds vor große Aufgaben, aber sie stärkt auch unseren Mut zu größerer Arbeit. Wer in der jetzigen Wirtschaftskrise vor Sammeltätigkeit zurückschreckt, verkennt, daß gerade jetzt die Stunde des KKL mit seiner methodischen Kleinarbeit ist, die gesteigert werden muß. Auch in der schwierigen Zeit haben die Bodenkäufe des KKL nicht aufgehört, die neue Einwanderung wird weitere große Erwerbungen gesichert vorfinden müssen. Nicht nur diese oft durch Beifall unterbrochene Rede, sondern der ganze zweite Teil des Programms war auf Palästina eingestellt. Ein Flötenkonzert brachte palästinensische Melodien, eine Persiflage des Zionisten-Hebräiscn erweckte große Heiterkeit Besonders gefiel ein Chaluztanz von Dania L e w i n, die sich In Berlin zu einer starken Interpretin jüdischen Wesens entwickelt hat Sie ist von einer Gemessenheit, auch in der Ekstase des chassidtsehen Tanzes, einer Herbheit der Bewegung und einer Musikalität, welche ihre Vorführungen zu Glanzpunkten des Abends machten. Das Hebräische Studio wird Dania Lewin, der auch die Regieführung des Abends sehr zu danken ist, nur ungern wieder nach Palästina ziehen lassen. Das Schlußbild war ein Sprech- und Bewegungschor ,.Angesichts der Wüste“, Text von Schlionsky, sehr starke Musik von Sambursky, in Idee, rhythmischer und sprachlicher Gestaltung zweifellos die eindrucksvollste Darbietung des gelungenen Festes, Die Veranstaltung hat dem KKL und dem Hebräischen Jugendrat, welch letzterer hoffentlich bald in sein eigenes Heim einziehen kann, sicher viele neue Freunde gebracht. m. ,.Hazefirah“ erscheint wieder. Uns wird geschrieben: Am 15. März d. J. beginnt in Warschau die im Jahre 1862 begründete Tageszeitung ״Hazefirah“ wieder zu erscheinen. Der Leitung ist es gelungen, sämtliche namhaften hebräischen Schriftsteiler als Mitarbeiter zu gewinnen. Ein weitausgebreitetee Korrespondenznetz in allen europäischen und außereuropäischen Zentren wird das Blatt mit Originalkorrespondenzen und reichhaltigem Informationsmaterial versehen, indem wir dies allen Freunden der hebräischen Literatur und Presse zur Kenntnis bringen, ersuchen wir sie um Förderung des Blattes durch Werbung von Abonnenten. Abonnementspreis: pro Monat $ 1,25. Adresse: ״Hazefirah“, Warszawa, Leszno 54. Zeitschrift ״Palästina“. Der neue 14. Jahrgang Nr. 1/2 wird durch eine instruktive Abhandlung von Dr. A. Oranovsky, Jerusalem, ״Der Entwicklungsplan Simpsons — Die Siedlungsmoglichkeiten Palästinas“ eröffnet Dr. Zw! Luft, Tel-Awiw, schreibt ״Ueber die Rentabilitätsrechnung in den Arbeitersiedlungen des Keren Hajessod“. Julius Berger, Tel- Awiw, berichtet ausführlich über ״Schchunath Borochow, den gelungenen Versuch einer vorstidtisehen Kleinsiedlung in Palästina“. A. Sabarsky, Tel-Awiw. schreibt über ״Die jüdischen Produktionsgenossenschaften m Palästina“. Es existierten anfangs 1930 42 Genossenschaften mit ca. 705 Arbeitern. In der Rundschau berichten über Politik Gerda Arlosoroff- Goldberg und über ״Jewisli Agency“ Dr. Robert WeHsch. Reichhaltige Nachrichten und Daten sowie BÜcherbesprechungen beschließen das Heft. In nächster Zeit erscheint in englischer Sprache im Verläge Peter Davies, London, ein von Hans Rosenkranz verfaßtes Buch ״Wetterleuchten in Toledo“. Das Werk stellt da Essay-Buch über Cervantes und El Greco dar. Selbstling und Begeisterung (Gedanken zu Stefan Großmanns ״Ich war begeistert“. — 5. Fischer Verlag Berlin.) Theodor Lessitig, viel umstritten und viel bestreitbar, bat kürzlich in einem scharf formulierenden Buche unter dem Titel ״Der jüdische Selbsthaß״ eine Reihe von mehr oder minder tragischen jüdischen Gestalten darzustellen gesucht. — Seine Galerie ist größer als er selbst weiß. Wir empfehlen ihm zu seinen Tragikern, Psychopathen, Lebensverneinen! und Lebensflüchtigen die Gestalt eines begeisterten Lebensjahers, Weltwanderers, Kunstfreundes, Frauenfreundes — die dennoch unter aller rosenroten Schminke das alte Kains- Zeichen jenes ״Selbsthasses“ nicht verleugnen kann: Stefan Großmanns Lebensbuch ״Ich war begeistert“. Stefan Großmann, geboren in der Nähe des Stefansdomes, dem er seinen Vornamen verdankt — wie er nicht verfehlt uns zu erzählen — uns allen bekannt als Verfasser jener ironischklugen Blicke auf Leben und Politik, vielleicht auch als redlieber Freund aller arbeitenden Menschen, beschreibt in diesem Buche den Zickzackweg eines Lebens, das ihn vom heimischen Wien nach Paris und Berlin, aus einem verschollenen Oesterreich ins gärende Deutschland der Kriegsjahrc und der Inflation führte und das ihm zwischendurch nicht nur schwedisehen Sommerfrieden, sondern schließlich auch ein Ruhepüfzehen an den Ufern der Havel schenkt — Grund genug für ein rechtes Herz, das ja von Not des Tags und von Krankheit des Leibes nicht umzubringen ist, zur Begeisterung! Er hat recht: Immer wieder wird der Himmel blau..... Nur für ein Faktum seines Lebens fehlt ihm jede Begeisterung, und fast möchte man sagen: jedes Begreifen. Das ist seine jüdische Geburt Und das bedeutet vielleicht einen typischen Vorgang in seiner Wesensart und in seiner Generatian. Er stammt ״von verarmten Wiener Bürgern“, wie er erzählt Daß es Juden sind, wird schamhaft verschwiegen; aber vielleicht hätte er gesagt ״weiß es eh jeder“ — I? — ln» Vater liebt er eine gewisse Art ״orientalischer Passivität“, die vor Kaffeehäusern sitzt und träumt; die Mutter aber, die mit der bekannten Tatkraft jüdischer Famüienmütter sich quält und abrackert, um für den Unterhalt der Kinder zu sorgen..... die wird seinem jungen sozialistischen Empfinden — hier muß er selbst ein wenig lachen ־— zur ״Vertreterin der kapitalistischeu Weltanschauung“. Der Haß des Sohnes gegen solches ״Zweckdenken“ fördert in ihm ״antisemitische Regungen“. ״Es kam gerade den jüngsten Führern des Sozialismus darauf an, sich von dem jüdischen Kleinbürgertum, dem sie entsprossen, zu distanzieren.“ So faßt er sein Widerstreben historisch zusammen. Hier liegt sicherlich die Wurzel mancher jugendlichen Ablehnung nicht nur des Elternhauses und nicht nur der Familie, sondern des unbegriffenen Judentums überhaupt Großmann findet dann später ähnlichen ״instinktiven Antisemitismus“ bei seinem Freunde Peter Altenberg, dem gottgewollten Müßiggänger; der haßt die ״jüdische Lebensgier“, den Mangel an Gelassenheit und Demut vor dem Schicksal: ״Immer wollen sie noch etwas!“ — Mancher Glanz und manche Schwäche heutigen Judentums, und besonders heutigen Großstadt-Judenturns, mag hier von dem genialen Nichtstuer scharf erfaßt sein. Aber Großmann ist weder genial noch Nichtstuer. So hat er im Leben manch ehrlichen Kampf gekämpft, manch tapferes Wort gesagt — sein Verdienst um die Besserung der Verhältnisse m österreichischen Zuchthäusern soll ihm unvergessen bleiben. Auch führt ihn sein viclumgetriebener Lebensweg zu manch bedeutendem Menschen, manch bedeutendem Juden. Im Mittelpunkt steht für ihn Viktor Adler, dem er entscheidende Einflüsse verdankt; Gustav Landauer wird er wohl flieht ganz, gerecht, wenn er ihn in zwiefach!» Sinne den ״kurzsichtigen Propheten“ nennt; aber Räthenau ist scharf S- _ konnte — seine Mutter. Und dann begegnet er Theodor H erzi —- und erliegt wohl doch trotz aller anfänglichen Einwände dem Magnetissnus des außergewöhnlichen Menschen. Zwar den ״Lockungen der zionistischen Bewegung“ — selten ist dieser vieles vom Menschen fordernde Gedanke so sirenenhaft dargestellt worden — ist er keinen Augenblick verfallen. Aber die drei Bände von Herzls Tagebüchern schätzt er noch heute als die ״erschüt* temdste Offenbarung reinsten jüdischen Prophetentums“. Stefan Großmanns weitere Prophezeiungen über die Zu* lnmft des Zionismus kann man zum Glück mit einem oder mehreren Fragezeichen versehen. ״Der Zionismus ist gescheitert... weil er einer religiös-historischen Reminiszenz nachgelaufen ist: dem Heiligen Lande... Der Engländer ZangwQl, der das zionistische Uganda wollte, hat vor der Geschichte Recht behalten.“ Der Wiener Jude Großmann wird mit dieser Feststellung vor der Geschichte nicht recht behalten — so könnte man sagen, wenn man sich zu ihm auf den Stahl der Pythia setzen wollte. ... Es ist verwunderlich und bezeichnend zugleich, wie dieser sonst liebenswürdige und kluge Interpret der Gegenwart ״im Dunkeln tappt“, weil er niemals gelernt hat, sich ״von dreitausend Jahren Rechenschaft zu geben“. Es ist dagegen nicht weiter verwunderlich ־— Theodor Lessing würde es als kräftiges Argument für seine Thesen an• sehen —, daß dieser Semit von Jugend auf eine schwärmerische Vorliebe für nordische Menschen und nordische Stimmungen hatte. Das Leben erfüllt ihm diesen Jugendtraum: er führt eine schwedische Frau heim, zwei blonde Töchter wachsen ihm auf, die mit fünf Jahren über alle Berge Norwegens liefen und mit zehn Jahren in allen Meeren um die Meisterschaft schwammen, wie der von altjüdischer Vatereitelkeit beseelte Vater getreulich berichtet. Aber mitten in diesen Rhapsodien über nordische Stimmung und schwedische Pfarrerwitwen steht eine absonderliche Geschichte. Den begeisterten Lebens* freund hat eine Krankheit überfallen, er muß operiert werden. Als er aus der Narkose aufwacht, sieht er noch, kaum ins Leben zurückgekehrt, drei Nonnen in großen Flügelnauben sich über ihn beugen — die Krankenschwestern des Spitals. Er macht die Augen groß auf — und langsam kommts über seine Lippen: ״ich bin ein Jude....“ Aus welchen Tiefen des Unterbewußtseins kommt Ihm dies Wort? — Auf jeden Fall: dieses Wort verrät mehr als dieses Buch... verschweigt. Bertha Badt-Strauß. Künstlerischer Wettbewerb. Wir erhalten folgende Mittcilung: Der Verlag der Hebräischen Universität, Jerusalem, schreibt nierdurch unter Künstlern Palästinas und Auslandes einen Wettbewerb um den Entwurf seines Signets aus. Teilnehmer an dem Wettbewerb wollen Namen und Adresse dem Verlag (P. O. B. 340, Jerusalem) mitteilen. Sie erhalten daraufhin das Jahrbuch der Universität, in welchem Information über den Verlag sowie die Reihe seiner Veröffentlichungen enthalten ist Der Vertag ist gern bereit, auf An* fragen weitere Auskunft zu geben. Die Entwürfe sind bis zum 18. April 1931 einzureichen. Sie werden im Ausstellungsraum der National- und Universitätsbibliothek ausliegen, das Original der zur Ausführung angenommenen Entwurfes verbleibt, mit dem Namen seines Verfassers versehen, in der National- und Universitätsbibliothek. Bezüglich des Zeitpunktes der Urteilsverkündung ergeht eine besondere Mitteilung.

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