Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 18 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18, 6. DL 1031 JUEDISCH E RUNDSCHAU Seite 115 Droht eine jüdische Wir tschaftskttiastrophe? Von Dr. Arthur Prinz Wir haben bereits mehrere Aufsätze in der ,Jüdischen Rundtchau“ den Problemen der Wirtschafisnot der deutschen Juden gewidmet. Nachstehend geben wir einer Aeußerung Raum, die sich in wesentlichen Punkten von den meisten bisher ausgesprochenen Ansichten unterscheidet und daher zur Belebung der Diskussion beitragen dürfte. Die Frage nach der wirtschaftlichen Zukunft der Judenheit wird in letzter Zeit immer häufiger gestellt und stets pessimistisch beantwortet Ganz besonders düstere Farben hat kürzlich die ״Jüdische Rundschau“ gewählt, als sie in einem Leitartikel ״Zeitenwende“ das jüdische Wirtschaft®־ Schicksal ausmalfe. Dabei sind aber in ziemlich apodiktischer Form Ansichten vertreten worden, die teils fragwürdig, teils nachweislich falsch sind, und die vor allem in ihrer Wirkung dem jüdischen Interesse so schweren Abbruch tun müssen, daß eine nochmalige Beschäftigung mit dem brennenden Problem notwendig erscheint. Die pessimistische Wirtschaftsprognose, die hier nicht nur der deutschen, sondern der Weltjudenneit gestellt wurde, fußte auf folgenden Behauptungen über die allgemeinen Tendenzen der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung: 1. Die augenblickliche Wirtschaftskrise sei keine bloße Konjunkturkrise, sondern eine Krise des kapitalistischen Systems. Wir lebten in einem Zeitalter des Üeberganges aus dem ״Spätkapitalismus“ in eine neue Planwirtschaft. 2. Infolge dieser unausbleiblichen Planwirtschaft gehe allem Anschein nach die ganze Welt einer Verarmung entgegen, in dem Sinne, daß zunächst das Lebensniveau der Völker gesenkt werden müsse: ״Es ist nicht so, daß man sich jetzt damit trösten könnte, die Geschäfte gehen heute schlecht, sie werden wieder einmal gut gehen. Die Geschäfte werden möglicherweise in der kommenden Zeit besser gehen als heute, gut gehen aber wie z. B. in den vorangegangenen Jahrzehnten vor dem Kriege werden sie menschlicher Voraussicht nach in diesem Zeitalter nicht mehr.“ — Vor der Planwirtschaft werde sich wohl zunächst überall ein Streben nach wirtschaftlicher Autarkie geltend machen. 3. Zu alledem komme als besonders erschwerendes Moment hinzu, daß in unserer Periode des Spätkapitalismus die Wirtschaft ״konzerniert und vertrustet wird, daß alle Berufe zwischen Produktion und Konsum überflüssig werden, daß eine ungeheuerliche Konzentration nicht nur des Produktions-, sondern auch des Handelskapitals vor sich geht, und als Folge dieser Erscheinung alle zwischen Produktion und Konsum stehenden Berufsgruppen, die den einzelnen Trägern eine Selbständigkeit ermöglichten, dem Untergange geweiht sind.“ Auf Grund dieser allgemeinen Konstellation wird dann der Weltjudenheit ein furchtbares Horoskop gestellt: die Ausschaltung des Handels, insbesondere der Selbständigen im Handel, vernichte das bisherige Wirtschaftsfundament der Juden. Die Entwicklung zu wirtschaftlicher Autarkie treffe sie ganz besonders schwer, weil sie, abgesehen von Palästina und den Kolonien in Südrußland und Argentinien, nicht die Möglichkeit hätten, ״auch nur in einem beschränkten Maße in autarker Wirtschaft auch nur wenige Jahre bei starker Senkung des Lebensniveaus zu existieren.“ Infolge all dessen werde die kommende Senkung des Lebensniveaus bei den Juden ganz besonders stark sein, und die Zeit, in der es einem beträchtlichen Teil der Weitjudenheit gut oder wenigstens leidlich gegangen sei ~ nämlich dem Drittel, das in den U. S. A., in Kanada, Südafrika, Deutschland und Westeuropa lebte, — scheine ״endgültig geschwunden“ zu sein: ״die jüdische Gesamtheit in der ganzen Welt wird wieder wie ehemals in ihrer Totalität arm werden.“ Irgendwelche erfolgversprechenden Mittel gegen diese furchtbare Entwicklung gebe es kaum; man solle aber wenigstens die Lage klar erkennen und nach Möglichkeit zu geschlossenen Siedlungen zu gelangen suchen. Da es auf der Hand liegt, daß die Aufzeichnung eines solchen unentrinnbaren Verhängnisses nur zu lähmendem Fatalismus, nicht aber zu erhöhter Gebefreudigkeit für Palästina oder irgendeiner anderen erfreulichen Aktivität führen kann, so sollten wohl solche düsteren Orakel besser unterbleiben, selbst wenn sie noch so gut begründet wären. Doppelt unverantwortlich aber sind solche pessimistischen Prognosen, wenn sie auf einer zum großen Teil nachweislich falschen Diagnose der heutigen Zustände fußen, wie es hier der Fall sein dürfte! Zu 1. Ob wir uns in irgendeiner Weise dem Ende des Kapitalismus nähern, ist wissenschaftlich höchst umstritten. Bedeutende Gelehrte, wie z. B. Adolf •Weber in seiner Schrift ״Das Ende des Kapitalismus“, verneinen die Frage rundweg, und erblicken keinerlei ernstere Anzeichen für ein baldiges Ende des Systems. Daß die augenblickliche Wirtschaftskrise keine bloße Konjunkturkrise ist, dürfte freilich gewiß sein; wohl aber wird man sie als eine vornehmlich durch den Krieg hervorgerufene Strukturkrise anzusehen haben, deren der Kapitalismus auch schon mehrere überwunden hat. Selbst ein ausgesprochener Sozialist wie Professor Adolf Löwe schreibt: ״Wenn heute. wachsende Hoffnungslosigkeit sich weiter Kreise bemächtigt und die radikalen Gruppen aus der Weltwirtschaftskrise die Endkrise des kapitalistischen Systems ableiten wollen, so spiegelt sich in dieser Stimmung die verzweifelte Lage gewisser mittelständischer Schichten, a1 er keineswegs das objektive Entwicklungsstadium der herrsehenden Ordnung als solcher.“ Im übrigen sollte man allmählich etwas mißtrauisch geworden sein, nachdem seit dem ״Kommunistischen Manifest“ von 1847 das Ende des Kapitalisraus unzählige Male für die nächste Zukunft prophezeit worden ist! « Zu 2. Von einer bevorstehenden Senkung des allgemeinen Lebensniveaus der Völker kann aber vollends gar keine Rede sein! Nach der unseres Wissens einstimmigen Ansicht der kompetentesten Sachkenner ist vielmehr das Gegenteil, nämlich eine starke Hebung der Lebenshaltung zu erwarten. Professor Keynes, im allgemeinen wirklich kein blinder Optimist, vertritt jetzt die Ansicht, ״daß wir unsere Aussichten und auch die der übrigen Welt ganz falsch beurteilen. Wir leiden nicht an Altersbeschwerden, sondern an den Wachstums« schmerzen eines allzu raschen Aufschwunges.“ Keynes, der seine äußerst günstige Prognose u. a. auf gewisse Berechnungen über das Wachstum des Produktiv- Kapitals stützt, weist darauf hin, daß wir vermutlich vor Verbesserungen in der Nahrungsmittelproduktion stehen, die nicht geringer sein werden als die in der Fabrikation und im Verkehrswesen, und kommt zu dem Resultat, daß wir im Begriffe seien, das Wirtschaftsproblem überhaupt (!) zu lösen, und daß die Lebenshaltung in 100 Jahren in den fortgeschrittensten Lindern etwa vier« bis achtmal so hoch sein Kleiner Kommentar zum MacDonaid - Briet Von Richard Lichtheim. Der Brief MacDonalds an Dr. Wcizr. ann hat in der zionistischen Oeffentlichkeit eine recht verschiedenartige Beurteilung erfahren. Immerhin ist festzustellen, daß wir — die revisionistische Opposition — uns mit den Anhängern der Leitung in der Konstatierung begegnen, daß nach diesem Briefe alles auf die Praxis der Palästinaverwaltung und auf die noch ausstehende Regelung der k on k reten Kolonisationsfragen (TransJordanien, Ländernwicklungsplan, Verwaltung) ankommen wird. Die positiven Ergebnisse liegen — das gibt auch der ״Dawar“ zu — hauptsächlich in den allgemeinen Floskeln, die zur Beruhigung der Juden bestimmt sind und eine Art Ehrenrettung des Zionismus gegenüber den Verunglimpfungen des Weißbuchs darstellen. Dagegen ist alles Konkrete (mit ganz geringfügigen Ausnahmen) in einen Wortschleier gehüllt, der jede Deutung zuläßt. Immigration und Kontrolle des Landerwerbs werden — ganz im Sinne des ״dominierenden Dokuments“, wie MacDonald das Weißbuch nennt — auch in Zukunft von der Administratfon nach ihrem Ermessen geregelt werden und die hierfür aufgestellten allgemeinen Prinzipien machen jede Praxis möglich. Ob man dieses magere Resultat nun als ״Erfolg“ oder als ״Mißerfolg“ der Leitung aufzufassen hat — das läßt sich nicht aus dem Text des Briefes allein ableiten. Diese Frage wird danach entschieden, was man überhaupt als Aufgabe der zionistischen Politik ansieht und wie man die Aera Weizmann im Ganzen mit ihren Erfolgen und Mißerfolgen politisch einschätzt. Diese Diskussion kann hier nicht geführt werden. Trotz mancher Konzessionen und trotz des Abrückens von manchen Wendungen des Weißbuchs können wir einen ernsthaften Erfolg nicht konstatieren. Hingegen muß die zionistische Oeffentlichkeit auf einen Punkt hingewiesen werden, der in den Kommentaren der Presse bisher kaum erwähnt wurde. Wegen dieses Punktes allein müßte die Opposition den MacDonald-Brief scharf ablehnend beurteilen und gegen die Leitung den Vorwurf erheben, daß sie voreilig und leichtfertig die Wiederherstellung des Friedens mit der Mandatarmacht proklamiert hat. Es handelt sich um die auffällige Art, in der MacDonaid die Verpflichtung der Mandatarmacht zur Unterstützung des jüdischen Kolonisationswerks mit der Verständigung zwischen Juden und Arabern in Verbindung bringt. Wohlgemerkt: Diese Verständigung (über deren Möglichkeit und Wichtigkeit bekanntlich Meinungsverschiedenheiten bestehen) soll hier ohne weiteres als Postulat zionistischer Politik akzeptiert werden. Aber ganz unerträglich wird die politische Situation des Zionismus, wenn die Mandatarmacht die Ausführung ihrer Verpflichtungen von einer vorangegangeilen Verständigung zwischen Juden und Arabern abhängig macht. : ׳ ־•' Das beißt nämlich, die Araber in ihrem Widerstand gegen den Zionismus ermutigen. Das ist das verdammenswerte Spiel, das die Palästina-Administration so lange gespielt hat: Nichts für die Juden, tun, weil die Araber dagegen sind, und dies laut sagen; hiermit den Angriffsmut der Araber beleben, und wenn es zu Pogromen kommt, achselzuckend erklären: Mau sei überrascht worden — aber im übrigen sei der Zionismus eben eine unausführbare Sache. Es muß mit aller Schärfe gesagt werden, daß dieser gefährliche Gedankengang auch in MacDonalds Brief wieder zum Ausdruck kommt. Dort heißt es (in Punkt 7), daß die Rechte und die Stellung der Araber nicht geschädigt und die Wirkung der jüdischen Kolonisation auf die ökonomische Lage der Nichtjuden berücksichtigt werden müsse. Das bedeute keine ״Kristallisierung“ der Bedingungen, im Gegenteil! Und nun heißt es sehr charakteristisch: Ke Förderung der jüdischen Einwanderung und Kolonisation ״bleibt“ eine positive Verpflichtung des Mandats und sie ״k a n n“ erfüllt werden, ohne die Rechte und Lage der Araber zu beeinträchtigen. Warum werde wie jetzt! Einen ähnlichen Optimismus vertritt z. B. Professor Julius Hirsch, den sein sanguinisches Temperament allerdings nicht selten irreführt Wese überaus günstige Prognose dürfte freilich für die jungen überseeischen Länder, wie die U. S. A., Kanada usw. viel mehr gelten, als für Mittel- und Westeuropa, wo sich besonders Deutschland und England durch die Industrialisierung der übrigen Welt vor die Notwendigkeit einer weitgehenden volkswirtschaftlichen Umstellung und eine schwierige liebergangszeit gestellt sehen. Adolf Löwe, dem wir beistimmen, ist der Ansicht, daß die amerikanische Krise nur als typische Liquidation vorausgegangener Fehlinvestitionen anzusehen sei; die ״nach erfolgter Bereinigung wieder in die mächtig aufwärts strebende Kurve des industriellen Fortschrittes einbiegen“ werde. Es braucht aber wohl nicht näher auseinandergesetzt zu werden, welche Bedeutung ein weiterer Aufstieg der amerikanischen Wirtschaft für die Zukunft der Judenheit und insbesondere Palästinas haben würde! Zu 3. Für die weitverbreitete Ansicht, daß die moderne Entwicklung zu einer zunehmenden Verdrängung des Handels, und besonders der Selbständigen im Handel, führe, lassen sich gewiß bedeutsame Argumente ins Feld führen. Trotzdem sieht man auch hier die Entwicklung meist völlig verzerrt Denn während auf der einen Seite Neubildüngen vorwiegend organisatorischer Art — Kartelle, Truste, gemischte Werke, Konsumgenossenschaften, Warenhäuser usw. — den Weg der Ware vom Produzenten zum Konsumenten BiögHchst verkürzen, trägt die technische Entwicklung, vor allem durch Verbilligung der Transportkosten und Herausbildung immer größerer Betriebe, zur Erweiterung des Marktes und zur Vermehrung der umgesetzten Waren bei. Hierzu kommt der überall wachsende Anteil der Städter, besonders der Großstädter, an der Gesamtbevölkerung, und der ständige Rückgang der Erzeugung für den eigenen Verbrauch. Endlich ist die weltwirtschaftliche Verflechtung trotz aller Zölle usw. im ganzen nicht im Rückgang, vielmehr war z. B. ira Jahre 1928 die Ausfuhr der meisten yriebtigen .Wdttatmielsllnder ebenso TRIBÜNE dies ״bleibt“ und ״kann“ — warum nicht ״ist“ und ״muß‘? Weil offenbar, wie im § 4 des Briefes gefordert wird, eine Verständigung zwischen Juden und Arabern vorangehen muß, ehe die Mandatarmacht willens ist, das Mandat auszuführen. Denn die Mandatarmacht kann ״das Bestehen verschiedener Standpunkte und Interessen nicht übersehen“, welche ״an sich nicht unvereinbar“ sind, aber nur durch eine jüdisch-arabische Verständigung ausgeglichen werden können. ״Bis dies jedoch erreicht ist, muß . . . die Aufrechterhaitun g'desGlcichge nichts mitbestimmend sein.“ Und da es nicht erreicht ist — so ist eben das Mandat nach seinem eigentlichen Sinne nicht ausführbar, wenngleich die Verpflichtung zur Förderung der jüdischen Einwanderung und Kolonisation eine Verpflichtung ״bleibt“ und ausgeführt werden ״kann“. Niemals durfte eine politisch reife Leitung diesen gefährlichen Standpunkt akzeptieren, dessen offene Proklamierung den jüdisch-arabischen Ausgleich nicht fördert, sondern hinter treibt. Wiederum hat England durch diese zweideutigen Erklärungen dem arabischen Chauvinismus eine Waffe geliefert. Wenn der Mufti sich nicht vergleichen will (-— und er will es jetzt gewiß nicht —) so kann England eben nichts tun und die Mandatsbestimmungen ״bleiben“ — statt daß sie ausgeführt werden. Andere kritische Bemerkungen, zu denen das Dokument Anlaß gibt, seien hier zurückgestellt. Daß der MacDonaid* Brief nicht nur von uns recht kühl beurteilt wird, zeigt ja auch der Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“ vom 27. F•- bruar, in welchem — mit vollem Recht — die Frage aufgeworfen wird, ob es mit Rücksicht auf den arabischen Gegenstoß ״opportun war, die Resultate des ersten Verhandlungsteils gesondert und gerade jetzt zu veröffentlichen“. Aber der Verfass er des Artikels irrt, wenn er meint, diese Besinnung komme post factum und die ״gesamte zionistische Oeffentlichkeit“ habe durch ihre Haltung die Exekutive zur Publikation ihrer ersten Verhandlungsergebnisse gezwungen. Das ist falsch. Die Oeffentlichkeit forderte Zurückziehung des Weiß-, buchs oder jedenfalls eine Haltung der Regierung, die dem Zionismus Genugtuung und größere Möglichkeiten als bisher gab. Die Oeffentlichkeit hat dagegen niemals die voreilige Publikation zweifelhafter Teilergebnisse der politischen Verhandlungen gefordert, die uns in der Tat mehr schaden als nützen wird. Wer dies forderte? Henderson und Weizmann; der eine wegen Genf, wo er jetzt den Weizmann-Brief als Beweis für die Beruhigung der Judenheit vorlegen kann, der andere aus naheliegenden innerpolitischen Gründen. Sogar Mitglieder der Exekutive waren gegen die voreilige Publikation. Nun ist sie geschehen. Den Juden ist nicht damit gedient, die Araber haben wieder Anlaß zum Protest, und was die künftigen Verbandlungern bringen werden, kann man nur mit banger Sorge vermuten. Es ist sonderbar, daß diese Exekutive — in der auch der Misrachi nicht mehr vertreten ist — mit allen Mitteln bestrebt ist, die Organisation noch vor dem Kongreß auf eine Politik festzulegen, von der sie doch weiß, daß sie von sehr großen Teilen der Bewegung mit Mißtrauen und Gegnerschaft aufgenommen wird; Angeblich will Dr. Weizmann gehen! Warum dann diese Festlegungen? Diese Verhandlungen auf der Basis des Weißbuchs — denn das sind sie nach MacDonalds Erklärungen. Diese übereilte Teilpublikation? Glaubt Dr. Wetzmann, durch so hastige Maßnahmen (zu denen übrigens auch seine jetzige Palästinareise zählt) eine ernsthafte und dauernde Wendung der Politik zu unseren Gunsten erreichen zu können? Die Verschiebung des Kongresses spricht dafür, daß die Leitung hofft, in wenigen Monaten jahrelange Versäumnisse gutmachen zu können. Eine falsche Rechnung — und nur geeignet, die ernsthafte Politik zu beeinträchtigen, die gerade jetzt still und geduldig getrieben werden müßte. Der Kongreß wurde bekanntlich mit der Begründung verschoben, daß die Finanzlage sofortige Aktionen in Amerika, vor allem Entsendung einer Kommission mit Dr. Weizmann an der Spitze, verlange. Aber kaum war die A.-C.-Sitzung vorbei, als der Plan wieder in Vergessenheit versank. Dr. Weizmann fuhr nach Palästina und von der Kommission ist keine Rede mehr. Aber wenn die Opposition andere Motive als die ״offiziellen“ vermutet, so ist sie illoyal. groß oder noch größer als 1913; von 1895 bis 1913 war aber der Außenhandelsumsatz pro Kopf der Bevölkerung z. B. für Deutschland in einer kaum glaublichen Weise gestiegen! (Tendenzen zu wirtschaftlicher Autarkie werden sich höchst wahrscheinlich nur innerhalb sehr großer Wirtscliaftsräume — wie Rußlands, des englischen Empire, der U. S. A. und eines mehr oder weniger umfassenden europäischen Zusammen- Schlusses — durchsetzen.) Im ganzen werden jedenfalls die Tendenzen zur Ausschaltung des Handels durch die entgegengesetzte bei weitem überkompensiert und das Resultat besteht in einer ungeheueren Zunahme der im Handel Beschäftigten in führenden kapitalistischen Ländern wie Deutschland und den U. S. A. So hat Hoover 1025 in Washington festgestellt, daß im letzten Jahrzehnt die Zahl der in der Verteilung der Waren Beschäftigten achtmal so schnell gestiegen,war wie die Zahl der in der Produktion Tätigen, eine Feststellung, die den grandiosen Wirtschaftliehen Aufschwung der amerikanischen Judenheit erst reent verständlich macht! In Deutschland wurden bei der Berufs- Zahlung von 1925 in der Abteilung ״Handel und Verkehr“ fast 1,8 Millionen hauptberuflich Erwerbstätige in ehr festgestellt als 1907! Abgesehen vom Gesundheitswesen haben Handel und Verkehr mit einer Zunahme der Erwerbstätigen um mehr als die Hälfte das größte prozentuale Wachstum seil 1907 aufzuweisen. Verfolgt man die Entwicklung über längere Zeiträume, so wird die sogenannte ״Kommerzialisierung“ unseres Wirtschaftslebens erst recht evident: 1882 waren 8,6 % 1895 10,9 q/0> 1907 13,9 0/0 und 1925 16,5 "/#' aller Erwerbstätigen im Handel beschäftigt! Besonders bemerkenswert ist aber die Tatsache, daß auch die Zahl der Selbständigen im Handel seit 1907 sehr stark, nämlich um 270 000 Personen zugenommen hat, während sie in Landwirt- Schaft und Industrie fast gleich geblieben ist Auch die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen hat sich ira Handel besonders stark vermehrt. Sicherlich hat nun diese Zunahme der Selbständigen im Handel teilweise unerfreuliche Ursachen; besonders die Vernichtung der meisten Mittdstandsvermögen .........