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Jüdische Rundschau · 1931-03-03 · Heft 17 (3.3.1931) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 17 (3.3.1931)
Date
1931-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 17, 3. Hl 103t JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 111 Dr. Tlcho behandelt Exkönig Hasseln Jerusalem, 27. Februar. (J. T. A.) Der bekannte jüdisclie Spezialarzt für Augenkrankhelten, Dr. Tlcho, Ist von Emir Abdullah von Trans Jordanien ersucht worden, nach Amman zu kommen, um die Behandlung des Vaters des Emirs, des 80 jährigen Exkönigs Hussein vom Hedschas. zu über* nehmen. (Dr. Ticho, der seit mehr als 25 Jahren in PalSstina ansässig ist. erfreut sich in allen Kreisen der Bevölkerung außerordentlicher Beliebtheit Im November 192) wurde er von einem jungen Araber überfallen und durch einen Messer* stich verletzt. Das Attentat wurde auch von der arabischen Presse verurteilt Dr. Tlcho war seinerzeit einer der ersten, die die Petition des Brith Schaiom an «Me Palästina-Regierung um Begnadigung der im Zusammenhang mit den Augustunruhen zum Tode verurteilten Araber Unterzeichneten.) Kundgebung der Zionisten Polens Warschau, 25. Februar. (J.T.A.) Nach der Rückkehr des Abg. J. Orunbau m, Vorsitzenden der Zionistischen Organisation Kongreßpolens, aus London, hielt das Zionistische Zentralkomitee eine Sitzung ab, in der, nach dem Referat Grün* bauras, eine Reihe Beschlüsse gefaßt wurde. Das Komitee, heißt es in den Beschlüssen, nimmt mit Befriedigung Kenntnis davon, daß der Brief MacDonalds an Dr. Weizmann, der dem High Commissioner in Palästina als verpflichtende Instruktion über* sandt, dem Völkerbund notifiziert und dem englischen Paria* ment als authentische Interpretation des Weißbuches von 1930 unterbreitet wurde, zu einem großen Teil das Unrecht des Passfidd-Weißbuches aus der Welt geschafft hat. Es werden in einer Resolution die Zugeständnisse des MacDonald- Briefes im einzelnen Umrissen und die Zionistische Exekutive sowie die Politische Kommission aufgefordert, bei den weiteren Verhandlungen, betreffend den Entwicklungsplan, die gerechten zionistischen Forderungen mit Hartnäckigkeit und Ausdauer zu vertretet; es dürfe keinem Plane zugestlmrat werden, der das Recht der Juden auf Palästina und die Entwicklung des National* heims irgendwie einschränkt Insbesondere darf die Zionistische Organisation nicht ihre negative Steilung gegen den Plan eines Legislative Coundl in Palästina aufgeben, aa die Araber, die das Mandat und das Nationalheim nicht anerkennen, in dem Legislative Coundl ein Werkzeug zur Verhinderung der Verwirkifchung der Mandatsvorschriften sehen werden. Reorganisation des Joint Mstribotian Committee New York, 22. Februar. (J-T.A.) Wie der Vize* prisident des Joint Distribution Committee, James N. Rosenberg, mitteilt, wird demnächst eine Neuorganisation des American Joint Distribution Committee erfolgen. Die Re* Organisation soll in der Weise erfolgen, daß ein aus 253 her* vorragenden Persönlidikeiten des Jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten und in Kanada gebildeter ״National Coun* eil“ ins Leben gerufen wird. Aus der Mitte des Coundls soll ein 48gliedriger Aussdiuß der Direktoren und ein 15gliedriges Exekutivkomitee gewählt werden. Die erste Tagung acs Coundls soll für Mitte März anberaumt werden. Förderung der ebabebnlseben Produktion Nach einer Mitteilung der Handelskammer ln Haifa beab* sichtigt die,Regierung, demnächst den Zoll aut Zucker, der für Industriezweeke verwendet wird, aafzuheben. Der Leiter des Handels* und Industrie-Departements der Regie* rung. Mr. Stead, erklärte in einer Zusammenkunft mit der Handelskammer, daß die Regierung die einheimische Pro* duktion gern unterstütze una weiterhin unterstützen werde. Als Vorsitzender der zuständigen Instanz der Regierung habe er selbst eine Bestellung von Textilwaren über 30000 Yard bei Tel-A wiwer Textil firmen und eine Reihe anderer im Lande hergestcllter Fabrikate in Auftrag gegeben. (Ziko.) * Im Verlag von ״Mischar we Taassiah“ erschien soeben als Sondernummer der Zeitschrift ״Palestine and Near East Economic Magazine“ das Memorandum über die städtische Entwicklung in Palästina, das seinerzeit Sir John Hope Simpson durch die Jewish Agency überreicht wurde. Die Publikation enthält eine Einführung von dem Generaldirektor der Anglo Palestine Bankt S. Hoofien, die räch kritisch mit den Ausführungen von Sir John Hope Simpson über die industrielle Entwicklung in Palästina befaßt, sowie das betreffende Kapitel in dem Bericht von Sir John Hope Simpson selbst. eine Jüdin Königin wurde, ist ja sehr schön, aber der König Ahsveros war doch ein Ungläubiger, und der liebe Gott verbietet doch einer Jüdin die Heirat mit einem Ungläubigen. Da hat doch Ester eine große Sünde begangen, als sie den König genommen hat?“ Papa lächelte freundlich und sagte: ״Ester war nicht freiwillig zum König gekommen, sondern weil sie die schönste Frau im ganzen Königreich war, hatten die Diener des Königs sie einfach festgenommen und zum König geführt. Gegen den durfte sich niemand wehren, und alle mußten sich seiner Macht unterwerfen. Uebrigens wußte weder der König, noch seine Diener, daß Ester eine Jüdin war. Der böse Haman hatte das natürlich ebenfalls nicht gewußt, davon habe ich Dir ja erzählt. Du bist noch zu klein, um alles begreifen zu können. Wenn Du älter wirst, werde ich Dich noch über so manches aufklären.“ Ich wurde böse, weil Papa mich für klein hielt, machte ein Schmoligesicht und bat aufs neue: ״Lieber Papa, ich bin gar nicht so klein, sieh doch mal, wie groß ich bin“, und dabei reckte ich mich straff auf und fügte hinzu: ״Und dumm bin ich gewiß nicht, erkläre mir nur alles, dann werde ich schon begreifen.“ Ich kletterte eifrig auf einen Stuhl Papa gegenüber und lauschte gespannt seiner weisen Erzählung. ״Höre, mein Kind, und präge Dir alles gut ins Gedächtnis ein", begann Papa. ״Unsere Mutter Ester war keine gewöhnliehe Frau, sie war eine Auserwählte Gottes. Der liebe Gott hatte sie auserwählt, um ihr Volk zu retten vom Verderben. Der Allwissende ist der liebe Gott, der im Himmel wohnt & kannte die bösen Absichten des Haman, darum ließ er alles so geschehen. Este wurde zum Könige gebracht, von ihm zur Königin erhoben und durch ihre Buße und Fürsprache beim Könige wurde ihr Volk gerettet und der böse Feind vernichtet. Der liebe Gott gibt uns oft Zeichen seiner Gnade, damit die Menschen alle gut werden mögen. Wenn die Zeit gekommen sein wird, wo die Menschen alle gut sein werden, wird Gott der Herr uns den Erlöser (Moschian) senden, der uns aus dem Galuth (Verbannung) erlösen wird und uns zurückführen in unser heiliges Land Erez-Israel.“ Als Papa seine Erzählung beendet hatte, blieb ich mit offenem Munde nachdenklich sitzen, bis mir die Augen zufielen. Ich war eingeschlafen. Dorothea Ourewitech-Illjon. Die Bibel Innerhalb der Literaturen der allen Völker Am Mittwoch, dem 25. Februar, abends 8 Uhr, fand im Logenhaus, Kleiststraße 10, die alljährliche Versammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums statt, in deren Rahmen der Dozent der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Herr Dr. Harry Tor* czyner, einen Vortrag unter dem Thema: ״Die Bibel und die Literaturen des alten Orients“ hielt. Das Fntcresse, das der Vortrag dieses bekannten Gelehrten in weiten Kreisen der jüdischen Oeffentlichkeit weckte, wird auch nicht zuletzt der Grund gewesen sein für den außerordentlich guten Besuch der diesjährigen Versammlung. In alter Zeit, begann der Redner seine interessanten Ausführungen, erforschte man die Bibel aus der Bibel selbst. Quellen außerhalb der Bibel kannte man kaum und daher war sie auch lange Zeit dje einzige Quelle für die Geschichte des Vorderen Orients, Erst in allemeuester Zeit hat der Orient selbst zu sprechen begonnen. Die vielen Ausgrabungen, die in verschiedenen Gegenden Vorderasiens gemacht wurden, bieten uns reichen AufschluB zum tieferen Verständnis der Bibel selbst Nachdem der Vortragende auf die verschiedenen Kulturgebiete, die die Bibel charakterisieren, kurz eingegangen war, Begann er mit einem Rundgang durch die Bibel) indem er die Berührungspunkte zwischen dem alten Israel, zwischen der Bibel als dem einzigartigen Literaturwerk und den Literaturen des alten Orients, aufzudecken versuchte. Er ging dabei von der Schöpfungsgeschichte der Bibel aus, die uns bekanntlich in zwei Rezensionen in der Genesis vorliegt: Zuerst in dem Kap. 1 der Genesis, also in der eigentlichen Sehöpfungsgeschichte, und dann in der Paradiesgeschichte, wo eingangs von der Erschaffung des Menschen die Rede ist. Die Sehöpfungsgeschichte von Gen. 1, führte der Redner aus, ist keine Oeschichte, keine Erzählung im eigentlichen Sinne, sondern ein Rahmen eines Geschehens, ein Schema eines Oeschehens. Bei der Analyse des biblischen Schöpfungsberichtes und seiner Parallelen in der außerjüdischen Literatur führte der Referent aus, daß der alte Orient einen Schöpfungskampf kannte, bei dem der Schöpfungsgott (der entsprechend der Gegend verschiedene Namen führte: so ״Eniil“ als Gott von Nipnur, ,,Marduk“ als höchster Gott von Babylon u. s. f.) ein göttliches Ungetüm, die Tiamat, (hebr. תהום) überwinden mußte, um dann die Welt zu erschaffen. Einen leisen Anklang an diese mythologische Größe verrät sowohl der Psalmist wie der Dichter des Hiob. Hier ist deutlich die Rede von dem einstigen Kampf Gottes gegen das Drachen-Ungeheuer, das wechselnd die Namen Liwjatlan, Tanin oder Rahab führt. Dieser Drache Liwjathan aber, der ln dem verblaßten Israelitischen Mythos eine sozusagen antigöttliche Funktion ausübt und im Kampf gegen Gott unterliegt, lebt dann wieder in der Volksvorstellung auf als das Spielzeug Gottes, mit dem Gott zum Zeitvertreib spielt (vgl. Psalm 104, 26). Aber damit ist seine Aufgabe noch nicht zu Ende, da Liwjathan auch noch mit den Menschen spielt und sie hätschelnd erzieht. Eine ahnliehe Aussage wird auch iji den Sprüchen Salomos Kap. 1 von der Weisheit getan, die dort als ein göttliches Wesen gedacht ist. Weist nun die babylonische Schöofungsgeschiehte einige, wenn auch leise Ankiängc an den biblischen Bericht auf. so hat dagegen die Paradiesessage keine deuiliehe Parallele in den anderen Literaturen. Eine gewisse AehnHchkeit weisen nur die Motive derselben auf, da nicht eine ganze komplexe Sage wandern kann, sondern nur ihre Motive. Und das Motiv dieser Sage: Warum muß der Mensch sterben? hat natürlich zu allen Zeiten Und überall die Menschen geeuält und eine befriedigende Antwort erheischt Darauf versuchten die ver- . sebiedertei! Kuttttrkreise verschiedene Antworten zu-gebe», und neben der biblischen Geschickte tut es noch die althabylonlsche Literatur im Gilgamesch-Eoos. Auch der Adapa-Mythos sucht auf seine Art auf diese Frage eine Antwort zu geben. Nicht alle Parallelen führen uns aber nach Babylonien, sondern zu einem guten Teil auch nach Aegypten, wie etwa die Josef-Erzählung. Mit der Geburtssage Moses berührt sich ara meisten die Geburtslage des altbabylonischen Königs Sargon (um 2800 v. Chr.), die am Euphrat spielt. Der Redner findet aber nicht nur in der Sage und kn Märchen viele gemeinsame Beziehungen zwischen der Bibel und der übrigen altorientaHschen Literatur, sondern auch auf dem Gebiet der Gesetzgebung. Hier ist als Seitenstück zum biblischen Bundesbuch in Exodus Kap. 21—24 das altbabylonische Gesetzbuch des Hammurabi (um 2000 v. Chr.) bekannt. Daneben noch eine Reihe summerischer, hetitischer. altassyrischer u. ä. Gesetzbücher, die auf gewisse Zusammenhänge mit der Bibel Hinweisen. Aber wir haben hier — betonte der Referent mit Recht — nicht mit einer bestimmten Vorlage zu tun, die die Bibel etwa beeinflußt hat, sondern in ihnen, wie in der Bibel kommt die uralte im Grient geltende Rechtsprechung zum Ausdruck. Auch darüber hinaus sind neuerdings Spuren von prophetischen Texten bei den \ssyrern und Babyloniern gefunden worden. Bei den Aegypten galten sogar die Propheten wie in Israel als Wundermänner, von denen viele Wundergeschichten erzählt wurden. Aber auch die lyrische Literatur weist eine Fülle von Parallelen auf. Die Ähnlichkeit beruht hier nur in den Motiven, da die außerisraelitischen Gebete meistens praktisch abgezweckt sind und der Beter immer nur einen bestimmten Gott vor Augen hat, an den er seine Gebete richtet, was bei der tief verankerten jüdisch-religiösen Dichtung nicht der Fall Ist. Zum Schluß streifte der Redner noch das Gebiet der Snruchliteratur, wo auch manche Aehnlichkeit mit der außerjüdischen Literatur vorhanden ist. Es sind aber allesnurParallelcrscheinungen, ohne daß man dabei im geringsten an bestimmte literarische Vorbilder zu denken hätte. Gaben die bis vor kurzem zutage geförderten Schätze und Funde im Orient eine reiche Ausbeute für das tiefere Verständnis der Bibel, schloß der Vortragende seine interessanten Darlegungen, so dürften aber die in den letzten zwei Jahren unternommenen Ausgrabungen der Franzosen im nördlichen Syrien uns noch viel» Unerwartete auf diesem Gebiete bringen. V^as wir von diesen Ausgrabungen bis fetzt erfahren haben, berechtigt zu der hoffnungsvollen Annahme, daß von dort aus noch ein neues großes Licht auf die Bibel und ihren Kultur* kreis fallen wird. Dr. M. Trauerfeier für Eugen Caspary. Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden verarotaltete'zura Andenken aa ihren verstorbenen ehemaligen Leiter Eugen Caspary gemeinsam mit der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge am Donnerstag, dem 26. Februar, im Logenhaus zu Berlin eine Trauerfeier, zu der sich außer den Angehörigen des Verstorbenen und den Leitern der veranstaltenden Organisationen zahlreiche Vertre* ter jüdischer und nicht lüdisener Institutionen eingefunden hatten. Im Mittelpunkt der Feier stand eine Ansprache von Rahb. Dr. B a e c k, in der er den durch den Weltkrieg bewirkten Wandel in der wirschaftiichen Position und geistigen Ein- Stellung des deutschen Judentums und die objektiven Voraus- Setzungen für die Wirksamkeit Eugen Casnarys zur Darstellung brachte. Er würdigte es als Verdienst des Verstorbenen, als einer der ersten die Pflicht zu sozialer Politik in dieser Zeit begriffen und in der Erkenntnis, daß Wissenschaft und Technik der Sozialpolitik besonders geschulte Verwalter erfordern, die richtigen Menschen zu dieser Arbeit herangezogen zu haben. Aus den Gemeinden Der preußische Verbandstag Der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden (Vorsitzender Kammergerichtsrat Woltf) hat den Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden auf Sonntag, den 22. März 1931, mittags 12 Uhr, und fol-' ׳ende Tage nach dem Plenarsaal des ehemaligen Preußischen ierrenhauses, Leipziger Straße 3, einberufen. Die Tages- Ordnung des Verbandstages ist folgende: 1. Eröffnung. 2. Wahl des Präsidenten, der Stellvertreter und der Schriftführer. 3. Tätigkeitsbericht des Rates. 4. Rech* nungsabschluß für das Rechnungsjahr 1929/30, 5. Voranschlag für das Rechnungsjahr 1931/32, Festsetzung der Umlage. 6. Wahl der nach Art 21, Abs. 1 Nr. 2, der Verfassung von dem Verbandstag in den Rat zu wählenden sechs Rabbiner und zwei Lehrer und ihrer Vertreter. 7. Wahl der nach Art. 21, Abs. 1 Nr. 3, der Verfassung von dem Verbandstag noch zu wählenden Ratsmitglieder und ihrer Vertreter. 8. Bildung der Ausschüsse (Art. 25 ff. der Verfassung). 9. Besprechung zur Wirtschaftliehen Notlage der jüdischen Gemeinden. 10. Anträge der liberalen Fraktion: a) Schaffung einer Reichsorganisation; b) Gesetzentwurf betr. die Rechtsverhältnisse der luden in Preußen; c) Verfassungsänderungen; d) Normalstatut für Gemeinden; e) Beamteirecht; f) Gründung einer Beamten-Pensionskasse; g) Einbürgerungsfragen. — Ergänzung der Tagesordnung bleibt Vorbehalten, O’sterrtlchisehe Regierung and Jfldisehe Gemeinden Das österreichische Parlament hat das Staatsbudget verabschiedet, ohne daß die Bedürfnisse des jüdischen Kultus in dem Budget irgendwie berücksichtigt worden sind. Der Verband der jüdischen Gemeinden Oesterreichs sandte der Regierung ein Schreiben, in welchem Protest dagegen erhoben wird, daß das in der Verfassung verankerte Gesetz der konfessionellen Gleichberechtigung gegenüber den jüdisehen Gemeinden nicht respektiert wird. Zugleich wird die Einbringung eines speziellen Gesetzes über Subventionierung des jüdischen Kultus gemäß den Staats- und Friedensvertragen sowie nach dem Grundsatz der konfessionellen Gleichberechtigung gefordert. Nach Erhalt dieses Schreibens hat Kultusminister Czermak das Präsidium der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde zu mündlichen Verhandlungen eingeladen. In der letzten Sitzung des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. wurde der etatsmäßige Zuschuß für das gesamte Schulwerk für 1931/32 mit 288 000 M. mit der Maßgabe bewilligt, daB durch die bevorstehende Herabsetzung der Beamtehgehälter eine Subventionsverminderang eintreten kann. Die Maßnahme über Abbau des Philanthropins wurde für 1931/32 zurückgestellt. Dortmund. Seit Jahren bemüht steh die hiesige Talmud Thora,■ von der Gemeinde einen Zuschuß zu ihrer in Dortmund unterhaltenen gut besuchten Schule zu erhalten. Die Bewilligung scheiterte jedoch immer am Widerstand des Schulkuraforiüms der Talmud Thora, das eine Beaufsichtigung durch die liberalen Gemeinderabbiner ablehnte. Nach langen Verhandlangen war nun endlich eine Uebereinstimmung in allen Fragen erzielt worden und die Repräsentanz hatte lediglich die Zu- Stimmung zum Antrag des Vorstandes zu genehmigen. Nun aber zeigte sich, wie so oft, daß man nicht geneigt ist, die Rechte einer starken Minorität zu achten und der Antrag verfiel der Ablehnung. Daraufhin verließen die volksparteilichen Repräsentanten, nach Abgahe einer Erklärung, up ter Protest die Sitzung und beteiligten sich nicht mehr ■an der Wefterberatüng.־ Es׳ zeigt sich' immer mehr, daß die Erklärungen der Liberalen, allen Richtungen innerhalb der Gemeinde gerecht zu werden, nur schöne Worte sind, und daß man lieber einer nichtjüdischen ״Vereinigung zur Errichtung eines Ehrenmals“, die von den Linksparteien abgelehnt wird, auf drei Jahre Beiträge bewilligt, als sich für kulturelle jüdische Belange einzusetzen. Das nennt sich ״Liberalismus“! Noch mehr solcher ״Taten“ und die liberale ,.Hochburg“ in Westfalen, die an sich schon stark wackelt, hat aufgehört zu bestehen. Biene Rinne iftr die Jüdische Sehnle Fasanenslraße Mit Beginn des neuen Schuljahres (14. April) wird die Private Volksschule des Jüdischen Schulvereins, die bisher in der Fasanenstraße und in der Grolmanstraße untergebracht war, mit sämtlichen Klassen und einem Kindergarten nach dem Hause Klopstockstra ße 58 (1 Minute vom Bahnhof Tiergarten) verlegt Das Haus liegt dem Tiergarten gegenüber und ist mit seinen großen und hellen Räumen und seinem Garten für die Schule außerordentlich gut geeignet. Die jüngeren Schulkinder, die aus dem Westen zur Schule kommen, werden nach vorheriger Anmeldung an den Stadtbahnhöfen Charlottenburg, Savignyplatz und Zoo gesammelt und von Lehrern zur Schule gebracht werden. Auch für die Kinder, die zu Fuß zur Schule gehen sollen, wird ein Sammclplatz verabredet werden. Anmeldungen für alle Klassen und für den Kindergarten Montag, Mittwoch und Freitag von 12 bis 13 Uhr bei der Schulleiterin Frau Nathan im Gebäude Fasanenstr. 79/80. ״Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden“. Man teilt uns mit: Im Verlag von Georg Stilke, Berlin (geh. M. 8,—, broschiert M. 6,50) erscheint im Laufe des Monats März ein Buch von Dr. Alfred Marcus, in welchem der Versuch unternommen wird, die wirtschaftliche Entwicklung des deutschen Judentums, besonders des jüdischen Unternehmertums in Deutschland, während der letzten zwanzig Jahre darzustellen. Marcus stützt sich hierbei auf ein bisher noch nicht veröffentlichtes Zahlenmaterial, welches bis in das Jahr 1939, also bis in. die Zeit der Weltwirtschaftskrise, hineinreicht. Dieses Material ist derart verarbeitet, daß hieraus konkrete Folgerungen für die wirtschaftliche Zukunft des deutschen Judentums im Rahmen der deutschen Gesamtwirtschaft gezogen werden können. Um dies zu ermöglichen, gibt das Buch die statistische Grundlage für die Entwicklung des jüdischen Anteils an den wichtigsten Zweigen des deutschen Wirtschaftslebens (Metall* handel. Bankwesen, Textilwirtschaft, Getreidehandel). Die be* deutungsvollen Berliner Verhältnisse werden gesondert behandelt. Der Verfasser zieht aus den sich bietenden Ergebnissen die Konsenuenzen: Das deutsche Judentum hat aus objektiv und subjektiv bedingten Ursachen die Fähigkeit zur Aufbringting der .,zusätzlichen wirtschaftlichen Leistung“ verloren, welche es früher zu vollbringen vermochte. Aus diesem Verlust folgt eine ״zusätzliche wirtschaftliche Krise“ und diese wiederum bedingt eine eminente Steigerung der Assimilation*- tendenz auf kulturellem und geistigem Gebiet. Es wird der Nachweis geführt, daß die Erschütterung der ökonomischen Grundlage des deutschen Judentums, die wir heute erleben, keine bloße Konjunkturerscheinung ist. sondern eine Folge von zwangsläufig wirksamen wirtschaftlichen Entwicklungen, der sich aas deutsche Judentum nur entziehen kann, indem es seine Berufsschichtung entsprechend verändert und si~h vor allem auf einen ganz anderen sozialen Standard einstellt, als es Ihn heute (wenigstens scheinbar) noch innehat. Der Weg dieser Veränderungen in der Berufsschichtung und der sozialen Struktur des deutschen Judentums wird kritisch beleuchtet. Das Buch wird nach seinem Erscheinen an dieser Stelle noch eingehend besprochen werden.

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