Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 17 (3.3.1931)
- Date
- 1931-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 110 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 17, 3. IE 1931 finanzielle Versklavung des arabischen Ostens durch England!״ Hie weltpolitischen Gegensätze verschärften sich unter diesen Umständen von Tag zu Tag, und nur die Mandatskom* m i s s i 0 n des Völkerbundes bleibe müßig, statt jetzt endlich ihr Kontrollrecht ausniüben, und i h r V eto gegen die eigensiiclitigeti englischen Pläne einzulegen. A. P. Zum MacDonald-Bricf Die jiddische Tagespresse in Amer ika widmet eine Reihe von Artikeln der durch den MacDonald-Bricf ge־ schaffenen neuen politischen Situation, Im großen ganzen wird darin der Standpunkt vertreten, daß nunmehr der Weg zu einer aktiven Zusammenarbeit und zu einem neuen Vorstoß des Zionismus geebnet ist. Der ״T o g“ wendet sich in einem redaktionellcu Artikel gegen die Rede, die Dr. Nachum Gold mann kürzlich in Berlin gehalten und über die die ״Jüdische Rund• schau“ ausführlich berichtet hat. Dr. Goldmann ist für eine ״Große Koalition“ eingetreten, aber ohne Weizmann. Das Blatt erklärt, daß es keinen zionistischen Führer gebe, der den Platz Dr. Weizmanns einnehmen könnte, Dr. Goldmann wolle offenbar ein paar gemäßigte Revisionisten in seine Koalition hereinnehmen, aber es wäre falsch, diesen neuen Bundesgenossen eine Kraft wie Dr. Weizmann zu opfern. In einem weiteren Artikel (von S. Rosenfeld) wird erklärt, daß die revisionistischen Führer kein Vertrauen in zionistischen Kreisen genießen und daß cs an der Zeit sei, an die Stelle der politischen Kontroverse positive Aufbauarbeit zu setzen. Auch die zionistische Tagespresse in Pole n und Litauen vertritt in der überwiegenden Mehrheit ihrer Aeußerungen den Standpunkt, daß durch den MacDonald-Bricf die politische Situatiou des Zionismus entscheidend verbessert worden ist und daß jetzt eine Möglichkeit zu intensiver zionistischer Arbeit vorhanden ist Der Londoner ״Jewish Chronicle“ behauptet, in den Kreisen der Arbeiterpartei werde offen darüber gesprochen, daß Dr. Weizmann während seines Aufenthaltes in Palästina den Weg zu einer Verständigungskonferenz mit den Arabern ebnen will. Hierbei solle auch über die Zukunft Transjordaniens gesprochen werden, ferner über die Frage des Gesetzgebenden Rates. Dr. Weizmann sei der Meinung, daß über diese Frage eine Einigung mit den Arabern erzielt werden kann. Genaue Kenner der Palastinapolitik in England können jedoch seinen Optimismus nicht teilen. Das Blatt führt ferner aus. es sei ein schwerer Irrtum, zu meinen, daß Dr. Weizmann nicht wieder alsPräsidentdcrJewish Agency kandidieren werde. Im Gegenteil, in den Kreisen seiner Anhänger werde schon seit einigen Monaten eine wirkungsvoile Rückkehr Weizmanns zur Führerschaft vorbereitet. Weizmanns Demission nach dem Erscheinen des Weißbuches habe nur dazu gedient, seine Führerposition zu stärken, denn auf diese Weise habe er auch die Mitarbeit von Kreisen gewonnen, die in der Vergangenheit seine Politik scharf kritisiert haben. Das Blatt will auch erfahren haben, daß in der nächsten Zeit eine arabische Delegation nach London kommen soll, was mit dem Plan einer jüdisch-arabischen Verstand igungskonferenz (Round Table-Konferenz) in Zusammenhang gebracht wird. In einem groß aufgemachten Leitartikel nimmt ״Jewish C!1ronicle״sehr scharf gegen Dr. Weizmann Stellung, der unverblümt bezichtigt wird, aus Servilismus gegenüber der Regierung den Zionismus verraten zu haben. Als eine Illustration für die im innerzionistischen Kampf jetzt angerissenen Methoden möge folgendes Beispiel dienen. ״Jcwisli Chronicle“ nimmt Bezug auf eine Nachricht, daß die Regierung Dr. Wcizmann Schutz seiner Person in Palästina zugesichert hat. Dies ist, schreibt das Blatt, ein seltsamer Kommentar zu seinem Er• folg; der Führer, der du Nationalhd« fftrdfe '«rieftet־ har, muß von Wäschen Truppen besonders bewacht werden! Es wäre interessant zu wissen, vor wem sich Dr. Weizmann! eigentlich fürchtet Wahrscheinlich doch nicht vor Arabern, die doch bereits erkannt haben müssen, daß seine Freundschaft für sie im Verhältnis zu ihrem Widerstand gegen die jüdischen Be- Strebungen wichst, und da sic so glänzend gesiegt haben, müsse Weizmanns Sympathie für sie jetzt auf der Höhe sei!!. Wir glauben auch nicht einen Moment, daß ein Jude des lischuw dem zionistischen Führer etwas zuleide tun wird, Denn was immer man von ihm sagen kann, Dr. Weizmann hat sich viele Jahre den jüdischen Interessen — wenn auch nach unserer Meimm in einem falschen Sinne — gewidmet. Das Blatt kommt daher zu dem Ergebnis, daß die ganzen Schutzmaßnahmen nichts anderes als ein Keklametrick sind. * Das ״NcueWienerJournal“ vom 24. Februar bringt «ne sehr umfangreiche Besprechung des MacDonald-Briefes. Der Verfasser — wahrscheinlich der Londoner Korrespondent des Blattes — ist in seiner Einstellung durchaus zionistentreundlieh, in seiner Bewertung des Briefes aber mehr als skeptisch. Sowohl der Wortlaut, wie die unmittelbare Vorgeschichte des Briefes sprächen dafür, daß er k e i n e s w e g s e i n e n w i ז k * 1 liehen Rückzug des Londoner Kabinetts darstelle, wofür man ihn in offiziellen zionistischen Kreisen zunächst gelplten habe. Bezeichnenderweise habe es die englische Regierung zuerst ausdrücklich abgelehnt, das Schreiben dem Unterhaus zu unterbreiten, mit der Begründung, daß es dadurch den Charakter eines offiziellen Dokuments gewinnen würde. Erst auf erneuten zionistischen Druck habe man sich wenigstens zu der Konzession verstanden, den Brief dem Völkerbund zur Kenntnis zu bringen, wodurch es an offiziellem Charakter gewinne. — Politisch bestehe das Hauptproblem darin, inwiefern zwischen Juden und Arabern eine Verständigung möglich sei. Vorläufig wollten die Araber von einer solchen Verstand!- gung nichts wissen und lehnten alle Verhandlungen schroff ab. weil sie sich als Sieger fühlten. Ob sich diese Haltung nach dem neuen Brief Indern würde, sei höchst fraglich; vor übermäßigem Optimismus müsse gewarnt werden, da das Schreiben viel zu unbestimmt gehalten sei, um genügend Eindruck zu machen. Die arabischen Kreise hätten schon heftig protestiert, und England befinde sich zwischen zwei Feuern. — im übrigen dürfe man sich nicht darüber täuschen, daß trotz aller freundliehen Worte des MacDonald-Briefes ״in positiv sachlicher Hinsicht alles beim Alten bleiben“ würde, so daß Weizmann klug daran getan habe, den Brief nur als eine Basis für weitere Verhandlungen 7u bezeichnen. Mehr sei er gewiß nicht. A. P. * ״T h e N e a r E a s t a n d 1 n d i a“ beschäftigt sich in seiner Nummer vom 26. Februar ausführlich mit der arabischen Agitation gegen den MacDonald-Brlef. Die Araber erklären, schreibt das Blatt, daß der Brief jede Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern zerstört habe, und Dr, Weizmann werde in Palästina Gelegenheit haben, festzustellen, ob diese Erklärung ernst gemeint ist. Erst die Zeit werde freilich lehren können, ob die arabische Auffassung des MacDonald-Briefes gerechtfertigt ist, d. h. ob wirklich die Politik des Weißbuches durch die milden Worte des Briefes grundsätzlieh geändert wird. Inzwischen ist freilich das unglückliche Land Palästina wieder einmal ein Hexenkessel. Das schlimmste sei, daß wieder einmal der Kampf der rivalisierenden Ansprüche entbrannt ist. England gibt immer einmal dem einen, einmal dem anderen recht, und unglücklicherweise scheinen sowohl Juden als Araber ihre Bemühungen darauf zu konzentrieren, derartige kleine ״Siege“ zu erfechten. Diese Haltung ist eine Tragödie, und solange sie eingenommen wird, kann weder für Juden noch für Araber was wirklich Gutes herauskommen. Beide Parteien treiben einen Uppendienst mit dem Worte Zusammenarbeit, aber bisher ist keine wirkliche Grundlage einer solchen Zusammenarbeit gefunden worden. Solange die Regierung hin- und herschwankt und sich nicht entschließen kann, endgültig ihre Politik festzulegcn, ist keine Aussicht auf eine solche Grundlage. Man muß unter diesen Umständen Mitleid haben mit der Verwaltung Palästinas, die anesichts der Schwankungen der Londoner Regierung beim esten Willen keine aufrichtige Politik führen kamt. Das Blatt befaßt sich ferner mit dem in der vergangenen Woche verabschiedeten Nachtragsetat des Kolonialamt es für Palästina und Trans iordanien. Bisher haben sich die Befürworter der zionistischen Politik in Palästina immer damit gerühmt, daß die Verwaltung Palästinas dem britischen Steuerzahler keinen Pfennig kostet Als Folge der August-Unruhen jedoch haben jetzt jene recht behalten, die darüber klagten, daß der britische Steuerzahler hohe Lasten für Palästina zu tragen hat Die Regierung hat jetzt für die erhöhte Garnison in Palästina 42000 und in Transjordanien 148000 Pfund angefordert. Die Forderungen wurden, stellt das Blatt fest, olme besondere Diskussion angenommen, obwohl eine Bemerkung von Commander Kenwortlry Beachtung verdiene, daß Großbritannien von einer dauernden finanziellen Last befreit werden könnte, wenn Transjordanien für Besiedlung geöffnet wird. Diese Anregung werde von den Zionisten zustimmend betrachtet, aber ״The Near East and India“ zweifelt, ob die Voraussage Kenworthys «dntreffen würde. In seinem Wirtschaftsblatt kommt ״The Near East and india“ auf den ägyptisch-palästinensischen Zollkrieg zu sprechen. Durch die neue ägyptische Schutzzollpolitik Ist nicht nur Palästina, sondern auch Cypern und Griechenland getroffen worden. Für Palästina ist der Verlust des Obstexpories nach Aegypten, der 1029 115000 Pfund betrug, sicherlich fühlbar, aber es sei nicht zu bezweifeln, daß die Jaffa-Orange in den nächsten Jahren ihren Markt in anderen Lä n - dern außerordentlich vergrößern kann, so daß der Ausfall durch den Verlust des ägyptischen Marktes reichlich ausgeglichen werden wird. Die Londoner ״Morniog Post“ schreibt,*die a ra - bische Protestbewegung gegen den Regierungsbrief sei durchaus nicht unerwartet gekommen. Di« Araber hätten das Weißbuch als eine Anklage gegen die Juden autgefaßt, die Weizmann zur Demission veranlaßt und dadurch die Situation in die Hände der Araber gespielt habe. Nunmehr seien die Zionisten beruhigt, aber die Araber erklären, daß Hendersons Anwesenheit bei den Verhandlungen daraut hindeute, daß auf bestimmte Kreise der Arbeiterpartei von den Juden in Genf und London ein starker Druck ausgeübt wurde. Kritik der Amfeil» Nlwduuim Das Organ der Kolonisten, ״B 0 u 81 e n a i“, führt in einei kritischen Würdigung der Assefath Niwcharim folgendes aus: Der jiscnuw zählt heute etwa 170000 Seelen. Da die Anzahl der großen Familien gering ist, kann man annehmcti, daß dies 90000 Erwachsene bedeutet Davon haben sich 49000, also etwa die Hälfte, an den Wahlen beteiligt Wenn man weiter annimmt, daß von den 90000 Personen 30 000 Arbeiter sind, kommt man zu dem Ergebnis, daß sich von den Arbeitern 25 000, das sind 80 «'0, an den Wahlen beteiligt haben, von den übrigen Schichten jedoch nur 23 000, das sind weniger als 40 ״/«. Man sieht daraus, daß in allen Kreisen, mit Ausnahme der Arbeiterschaft, die Abneigung gegen eine Beteiligung an der Assefath Niwcharim eher zuals abgenommen hat. Man hat den Kolonisten vorgeworfen, daß sie die Wahlen boy* kottiert haben. Aber die Kolonisten taten dies aus der Erkenntnis, daß es sinnlos Ist, in einen von vornherein verlorenen Kampf einzutreten. Die Assefath Niwcharim hat sich als ein Tummelplatz der Politikaster erwiesen. Nicht eine einzige Persönlichkeit von wirtschaftlicher Erfahrung und Bedeufung ist Mitglied der Versammlung. Weder die Industriellen, noch die Kolonisten der neuen Kolonien ki Sehaaron haben die Wahlen formell boykottiert, und doch ist kein einziger von ihnen gewählt worden. Ja auch in den Reihen der Arbeiter- Delegierten sitzen nur ganz wenige, die mit den Fragen der praktischen Landwirtschaft vertraut sind. Niemand wird die Bedeutung der Arbeiterschaft bestreiten wollen, aber es sei absurd, daß sie allein bestimmen wolle. Man hatte ein Wahl- System nach Kurien einführen müssen, das jedem Berufsstand eine entsprechende Vertretung sichert. Wäre nicht der revisionistische Rummel gewesen, wäre die Beteiligung gewiß noch viel schwächer ausgefallen. Bezüglich der Aufgaben des Waad Leumi bestehen zwei Meinungen. Die einen sehen darin ein politisches Organ, das die Führung der zionistisehen Politik an sich reißen soll. Dies ist ein äußerst gefährliches und zionistisch abzulehnendes Unterfangen. Auf der anderen Seite steht die Oruppe, die den Waad Leumi als Organ zur Vertretung der Interessen der lokalen Juden- Schaft ausbauen und die Führung der zionistischen Potitik der Zionistischen Weltorganisation überlassen will. Die Arbeiterorganisation neigte eine Zeltlang zu der richtigen zweiten Ansicht, verfällt aber jetzt in den Fehler, aus der Assefath Niwcharim einen kleinen Kongreß zu machen. Was Wunder, daß die eigentlichen Lebensfragen des Jischuw überhaupt nicht zur Erörterung gelangt sind. Man hat nichts von der wirtschaftlichen Not gehört, nichts von der drohenden Arbeitslosigkeit, nichts von der Katastrophe des Eraek und den schweren Rückschlägen in Schaaron, nichts von den komptizierten Problemen der Pflanzungen und der Landwirtschaft überhaupt, nichts von Erschließung neuer Märkte usw. Dafür war die Rede z. B. von dem Plan der Entsendung einer Frau in den rabbinischen Rat. Unter den Resolutionen gibt es gewiß auch wirtschaftliche, aber deren Wert ist von vornherein klar. Auch die Organisierung der Gemeinden hat wenig Aussicht aut Erfolg, dadiealsSteuerzahlerin Betracht kommenden Kreise abseitsstehen. Man sollte daher die großen Pläne lassen und den Waad Leumi für eine Sache verwenden, in der er viellacht Nützliches leisten kann, nämlich in der sozialen Hilfe, Llnderun| von Not und Hunger. Ungerecht« Beschuldigungen In der Zeitschrift ״Durch alle Welt“ (Verlag Peter J. Oestergard, Balin-Scnöneberg) steht in Heft 16, Jahrg. 1939, S. 15 in einem Aufsatz ״Osterfahrt nach Jericho“ von Gustav Halm wörtlich: ״Mit uns fuhr ein deutscher Franziskanerpater aus dem Kloster zum Heiligen Grabe, der froh war, die Fahrt nicht allein machen zu müssen; denn die Gegend ist ihres Räuberunwesens halber noch heute berüchtigt, und die zahlreich eingewanderten Juden lieben es, die Klosterbrüder durch schämlose Reden und Gebärden, ja selbst mit Steinwürfen und Schlimmerem zu belästigen.“ Diese Bemerkung muß, solange nicht der Beweis durch Anführung konkreTerVorfille erbracht wird, als V e r - leumdun g charakterisiert werden. Daß friedliche christliche Passanten von Juden molestiert oder gar angegriffen werden, ist wohl noch nie vorgekomraen, und man sollte mit der Verbreitung derartiger Schauermärchen vorsichtiger sein. Der Stiebel-Verlag in Tel-Awiw hat soeben die erste 11cbräischc Uebersetzung Poe’scher Novellen herausgcbracht. Die Uebertragung besorgte Reuben Großmann. Purim ״ Erinnerung Purim, auf uns Kinder wirkte diese Benennung wie ein Zauberwort. Jedes Fest wurde von uns mit Freude erwartet und begrüßt, doch Purim hatte für uns einen besonderen Reiz. Schon die Vorbereitungen der Purimgeschenke, mehrere Wochen vor dem Feste, hatten alle unsere Kindergedanken mit Beschlag belegt. Diese Ueberrasdmngen für die Eltern, die Geschwistcr, die Freundinnen, wurden geheimgehalten, damit nur ja_ niemand von ihnen frühzeitig etwas erfahren sollte, dann wäre es mit der Ueberraschung vorbei. Endlich kam das langersehnte Fest mit dem bekannten Fastentage ״Ester Taues“. Mit vor Hunger knurrendem Magen wurden die schönen, duftenden Hamantaschen (Mohnkuchen) gebacken, welche man erst am Abend, wenn man aus der Synagoge zurückkam, zum Abfasten essen durfte. Mit welcher Freude kamen alle aus der Synagoge zunick, noch ganz im Banne der eben gehörten Geschichte von der schönen, tapferen Königin Ester, die ihr Volk aus der Hand des bösen Haman gerettet hatte. Man hatte den Eindruck, als ob es jetzt geschehen wäre, aber man hat dieses Geschehnis zum erstenmal gehört. Jedes Jahr war es für uns etwas neues. Das erste Purimfest, dessen ich mich deutlich erinnern kann, —• ich zählte damals erst 5>/j Jahre. Mein Vater war Rabbiner in einem kleinen Städtchen. Zu gleicher Zeit bekleidete er den Posten eines Chasens (Kantor), las natürlich auch die Megilah (das Buch Ester) am Purim seiner Gemeinde vor; ich war ein frühentwickeltes Kind, kam oft mit verschiedenen Fragen zu meinen Eltern, duldete auch nicht, mit einer kurzen Antwort abgespeist zu werden, sondern wollte alles gründlich erfahren. Als Papa am Ester Tanes die Megilah aus dem Bücherschrank nahm, um sie durchzuschauen, war ich gleich dabei, um danach zu fragen. Geduldig nahm Papa mich auf den Schoß und erzählte mir die Geschichte der Königin Ester und Ahasveros. Mit viel Interesse hörte ich zu. Ich war dabei müde geworden, und als Papa seine Erzählung beendete, lief ich gleich zu meinem Puppenschränkchen, warf alles auseinander und in wenigen Minuten hatte ich mir die Geschichte Purim zusammengestellt Ich hatte einen König Ahasveros, eine Ester, einen Mardachai, einen Haman, auch die böse Frau des Haman aufgestellt, Bloß die zehn Söhne des Haman fehlten mir. Ich lief in die Küche, wo Mama mit Hilfe des Dienstmädchens beschäftigt war, die Hamantaschen zu backen und ״Kreplach“ (kleine Fleischpiroggen) für den folgenden Tag anzufertigen. ״Mama, Mama!“ schrie ich, ״ich muß noch die zehn Söhne des Haman haben." (Ich zählte alle zehn Namen her, heute habe idi sie natürlich vergessend Mama wurde ärgerlich, weil ich sie bei der Arbeit störte, fragte barsch: ״Wozu brauchst du sie und wo soll ich sie Dir hemehmen?“ ״Aufhängen möchte ich sie zusammen mit ihrem bösen Vater Haman“, rief ich in ebenfalls ärgerlichem Tone. ״Später, mein Kind, später, ich kann ja die Hamantaschen nicht verbrennen lassen", sagte Mama begütigend. Ich fing an zu weinen, dann zu schreien: ״Ich muß sie aber gleich haben, ich muß sie aufhängen, sie dürfen nicht am Leben bleiben!“ Mama lachte laut auf, ebenso das Mädchen. Papa hatte mein Schreien gehört, rief mich mit lauter Stimme zu sich, und bald hatte er mir aus Papier zehn Söhne Hamans angefertigt Beglückt klatschte ich in die Hände, tief damit, ein Liedchen trillernd, zu meinen Puppen. Plötzlich fehlte mir noch etwas sehr Wichtiges. Einen Galgen hatte ich noch nötig, wo diesen hernchroen? Guter Rat war teuer. Papa war schon aufgeregt, daß ich ihn immer störte. Da kam mir, wie vom Himmel gefallen, die Hlifc in der Not. Damals dachte idi bestimmt der liebe Gott hätte mir durch ein« Seheliach (Gesandter) in Gestalt des armen Jossele die Hilfe gesandt Jossele, dn armer Junge, einige Jahre älter als ich, kam zur Tür heran. Er hatte aus Holz Haraandreher geschni zt, trug sie zum Purimfeste in die jüdischen Häuser herum und bekam dafür etwas bezahlt Papa duchte für midi einen schönen Haraandreher aus, gab dem Jungen etwas Geld und bat ihn, er möchte für meine Hamansfamilie rinen Galgen schnitzen. Jossele legt seine Ware auf den Tisch, lief in die Küche, fand dort ein Brettchen und fertigte in aller Eile für mich das Gewünschte an. Mama hatte für Jossele und seine kleinen Geschwister daheim verschiedene Süßigkeiten und einige eben aus dem Ofen genommene Hamantaschen eingepackt Froh und lustig lief Jossele mit seiner Ware und den Süßigkeiten davon und ich war überglücklidi, endlich alles zusatnmenzuhaben. Mit der größten Mühe setzte ich Mardachai auf das Pferdchen, welches auf Rädern stand und leicht geführt werdeu konnte. Bloß Mardachai wollte durchaus nicht sitzen bleiben und fiel immer herab. Ich nahm eine Schnur und band ihn fest. Unter Lachen und Jauchzen führte ich nun meinen Haman und den im königlichen Kleide geschmückten, auf dem Pferde sitzenden Mardachai durch die Straßen von Sussan Habiro. Die Frau des Haman hatte ich auf das Dach meines Puppenhauses gesetzt. Nun müßte sie ihre böse Tat vollbringen, den Spann Schmutzwasser dem Haman, den sie für Mardachai hielt, auf den Kopf gießen. Zu diesem Zwecke holte ich mit meinem Puppeneimer Wasser aus unserem Schrautzspann und vollbrachte die böse Tat der ״Seres“. O wehl Jetzt hatte ich aber den frischgewaschenen Fußboden beschmutzt. Was wird Mama dazu sagen? Jetzt gibt es Schelte und vielleicht sogar Prügel Idi zitterte wie ein Espenblatt und konnte kaum weiterspielen. Doch nichts von alledem geschah. Papa rief lachend das Mädchen herbei, welches den Schaden kurierte und den Fußboden rdnwusch. Nun kam das Wichtigste und auch das Allerschwerste in meinem Spiel. Die Hamansfamilie mußte gehenkt werden. Der Galgen war ziemlich fest, aber der von Wasser triefende Haman hatte ein großes Gewicht, und sobald ich ihn erhängen wollte, stürzte er zusammen mit dem Galgen um. Ich erhängte erst seine Söhne am Galgen. De Papierpuppen hingen sehr gut, dann mußte auch die Frau erhängt werden. Der Galgen stand fest Als ich aber zuletzt den Haman erhängte, stürzte ailes zusammen. Mein Mardachai bekam eine Wunde am Kopf, der Galgen war auf seinen Kopf gefallen. Ich war ganz unglücklich und böse. Daher nahm ich den Galgen, Haman und seine Söhne, lief damit Ja die Küche und steckte alles in den Küchenherd, und sah mit Vergnügen zu, wie alle verbrannten. De Frau dt* Haman blieb am Laien, es tat mir leid, meine schöne Puppe zu opfern, und die Prügel von Papa und Mama wären dann auch nicht ausgeblieben. Ich dachte bei mir, wenn die Bösewichter aus der Welt geschafft sind, was kann dann schließlich die böse Frau allein unternehmen. Descs Mal war alles gut ausgegangen. Mama hatte bei Ihrer Beschäftigung nichts gemerkt, was ich dort am Herde vollbrachte, und das Mädchen war zufällig nicht in der Küche. Ich lief zurück zu meinen Puppen. Nun langweilte ich mich. Mein Purimwerk war vollbracht, was sollte idi jetzt spielen? Da fiel mir wieder die Gesdiichte der Ester ein, denn irgend etwas war mir nicht klar geworden, ich ging zu Papa und fragte: ״Sag mir, lieber Papa, Ester war doch eine Jüdin; daß