Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 16 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653252-2653268--22185-2680371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16, 27. II. 1031 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 103 Leerlauf Zu den Ausführungen, die wir in Nr. 12 der ״Jüd. Rundschau" unter dem Titel ״Sisyphusarbeit" über die tragischen und notwendigen gesamtjüdischen Anstrengungen veröffentlicht haben, wurden von befreundeter Seite Bedenken geäußert. Wir wurden aufmerksam gemacht, daß die von uns angegebene Summe von 31/2 Mil- Harden Reichsmark, welche von dem wohlhabenden Teil der Juden in Uebersee für ihre europäischen Volksgenossen freiwillig gegeben wurde, weit hinter dem tatsächlich aufgebrachten Betrage zurückbleibt. Bei der Berechnung wurde nämlich, wie dargelegt wird, von uns unberücksichtigt gelassen, daß abgesehen von den öffentliehen Aufwendungen der großen Organisationen und den Ucberweisungen durch Gesellschaften und Banken jahraus jahrein in eingeschriebenen und einfachen Briefen unzählige Do Har scheine den Weg von Uebersee nach Europa genommen haben. Diese Bemerkungen sind zutreffend. Wir haben aber bei unserer Darlegung nur Angaben berücksichtigt, die statistisch erfaßt und auf ihre Richtigkeit nachgeprüft werden können. Wir haben auch außer acht gelassen, daß z, B. aus privater Initiative Juden in den vergangenen 12 Jahren in Palästina einen Betrag von ungefähr einer halben Milliarde Reichsmark investiert haben. Wiewohl diese Anlagen auf das Konto ״bleibende Werte“ gebucht werden können, weil durch sie jüdische Menschen in regelmäßiger gesicherter Arbeit verankert und jüdisehe? Volkstum gefestigt wird, haben wir diese Beträge doch nicht in die Summe der freiwilligen Zu- Wendungen aufnehmen können. Dabei ist es uns ganz klar, daß zwischen jüdischen Privatinvestitionen in Palästina und Bauten von großen Warenhäusern durch jüdische Großhändler, vom jüdischen Standpunkte gesehen, ein gewaltiger prinzipieller Unterschied besteht. Die Haupteinwände gegen unsere Ausführungen lassen sich aber, so vielfältig sie geklungen haben, auf einen einzigen Nenner bringen: ״Selbst wenn man zugibt, daß bleibende Werte von fortwirkender Bedeutung im Laufe der letzten Jahre trotz der großen Geldopfer und der beispiellosen Anstrengungen nur in sehr bescheidenem Maße geschaffen wurden, so muß man sich doch sagen, daß die heutige Situation der jüdischen Massen in Osteuropa noch unvorstellbarer schlechter wäre, hätte man nicht zur gegebenen Zeit in großzügiger Weise Notsfandsaktionen unternommen.“ Darauf kann man nur folgendes erwidern: Zweifellos ist durch die umfassende jüdische Hilfstätigkeit in den letzten Jahren verhindert worden, daß die Lage der Juden in Osteuropa noch grauenhafter wurde, als sie heute ist. Aber kann es denn einem Arzte genügen, daß durch allergrößte Am s'trepgungajr4.er..Bsrsmke wohl. am. Leb«n erJjal|on wurde, andererseits sich aber eine Besserung seines Zustandes oder gar hoffnungsvolle Ansätze zu einer beginnenden Heilung des Patienten nicht gezeigt haben? Die Bemühung des Arztes soll doch dahingehen, den Kranken gesund zu machen. Nun ist es sicherlich zu begrüßen, daß der Patient noch nicht gestorben ist; beklagenswert bleibt es aber doch, daß er noch immer krank darniederliegt. Die gleiche Feststellung kann man machen, wenn man, von der Gesamtsituation der deutschen Judenheit in aller Welt abstrahierend, sich auf die Untersuchu ng deutsch -jüdischer Entwicklung in den letzten Jahren beschränkt. Aehnlich, wie man hinsichtlich der Weltjudenheit von einer gesteigerten Organisations- und Hilfstätigkeit in den Nachkriegsjahren sprechen kann, läßt sich auch von den deutsehen Juden sagen, daß sie in der genannten Epoche die allerstärksten Anstrengungen gemacht haben, um auf die verschiedenen Probleme ihres jüdischen Lebens eine Antwort zu geben. Die politische Neu- Ordnung in Deutschland hatte die Voraussetzung für eine derartige gesteigerte Tätigkeit gezeitigt. Der Einfluß der allgemeinen Entwicklung, die durch zahlreiche Umstände herbeigeführte stärkere Verknüpfung und gegenseitige Beeinflussung der Judenheiten aller Länder, die bedeutende Einwanderung ostjüdischer Elemente, die Entwicklung des politischen Lebens in der neuen deutsehen Republik, die sich immer stärker auswirkenden Tendenzen der spätkapitalistischen Wirtschaftsformen zogen auch solche deutschen Juden in den Bann bewußter jüdischer Betätigung, die sonst nur ihren Berufsgeschaffen gelebt und sich kaum um allgemein-politische, geschweige denn um jüdische Angelegenheiten gekümmert hatten. So erlebte man in den letzten 13 Jahren eine straffere Organisierung aller Richtungen innerhalb des deutschen Judentums. Neben dem Central-Vere'n, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, den Verbänden der liberalen und orthodoxen Juden und den noch vor dem Kriege begründeten Gesellschaften und Instifutionen entstanden neue Zusammenfassungen, wie die re!igiös-l׳berale Mittelpartei, der Reichsbund jüdischer Erontsoldaten, der Verband ost’üdischer Organisationen, zahlreiche Jugendbünde, vor allem Sportorganisationen ״sw. usw. Es reorganisierten und schlossen sich die Wohlfahrtsorganisationen zusammen, die Tätigkeit der kulturellen, philanthropischen und jüdisch-politischen Verhände wurde intensiviert. Es entstand der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden und außerdem eine ganze Reihe anderer Gemeindeverbände; die Arbeits- Gemeinschaft der jüdischen Landesverbände konstituierte 1־ach als Vorbote des allgemein erstrebten Reichsverbanr’vs der deutschen Juden, bestehende jüdische Verlagsanstalten erweiterten ihre Tätigkeit und neue Verlags- Anstalten wurden ins Leben gerufen. Vor allem aber gewann das Leben in vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands einen Aufschwung, wie man ihn vorher kaum für möglich gehalten hätte. Alle diese Organisationen und Institutionen wählten ihre Leitungen, schufen ihre Büros und legten — was des Landes so der Hauptbrauch ist — neue Kartotheken an. Eine Fülle von jüdischen Zeitungen und kaum zu zählende Gemeindeblätter erblickten das Licht der Welt. Wie Flocken in einem Schneegestöber fielen in diesen 13 Jahren Prospekte, Aufrufe, Merkblätter, Wcrbeschriften und Broschüren in die jüdischen Häuser. Ein Meer von Makulatur ergoß sich auf die deutschen Juden. Und tatsächlich ist bei einem wenn auch zahlenmäßig nicht allzu erheblichen Teil der deutschen Juden durch diese Anstrengungen, allerdings in Verbindung mit anderen, außerhalb der jüdischen Einflußsphäre liegenden Faktoren in einem gewissen Maße eine Intensivierung des jüdischen Bewußtseins erfolgt. Wenn man aber die Situation der Gesamtheit der deutschen Juden und die Substanz des in Der letzte und gröAte Jüdische Gesellschaftsbau der Saison BEN BERLIN spielt S. März, Marmorsaal Großes Tanztoumter Karten za m Preise von 5.— ML (für Studierende und Mitglieder von Jugendorganisationen 3.— Mk.), im Büro der B. Z. V., Berlin W 15, Meinekestrafie 10 / Telefon: Bismarck 7165. , T.sebreaervierungep werden., diese Wecke ■aik irngmimtimi: Deutschland heimischen Judentums als nüchterner Beobachter untersucht, so muß man zu Ergebnissen gelangen, die in gar keinem Verhältnis zur aufgewendeten Mühe stehen. Zunächst ein bißchen Statistik! Nach allen Berechnungen geht die Zahl der in Deutschland lebenden Juden trotz des Zustromes von fast 100 000 Ostjuden in der Zeit zwischen 1914 und 1931 zurück. Das würde an und für sich nicht viel besagen, wenn dieser Rückgang der jüdischen Bevölkerungszahl dem Sinken der allgemeinen Bevölkerungsziffer entspräche. Tatsächlich ist jedoch die Situation derart, daß bei 1000 Nichtjuden in Deutschland der jährliche Zuwachs 7,1 ausmacht, während bei den Juden im Jahre 1928 auf 1000 Personen ein Abgang von 3,4 festzustellen war. Diese Tendenz der sinkenden jüdischen Bevölkerungszahl durch verringerte Geburten und Austritte aus dem Judentum ist stetig. Von Jahr zu Jahr wird die Höhe der jüdischen Verlustrate größer. Wenn man die Statistik der von Juden in Deutschland geschlossenen Ehen berücksichtigt, so kommt man zu Zahlen, die für den Bestand der Judenheit geradezu katastrophal sind. Auf 1000 rein jüdische Ehen entfielen im Jahre 1928 530 Mischehen. (Diese Zahlen sind der ausgezeichneten Studie ,,Der internationale Geburtenstreik“ von Ernst Kahn, Societätsverlag, Frankfurt a. M. 1930, entnommen.) Das bedeutet Aussterben und Auflösung! Zusammenfassend kann man sagen: Die noch in irgendeiner Hinsicht jüdisch Interessierten wurden erfaßt, aber, un! nur ein Beispiel anzuführen, ist es nach den Erfahrungen der Berliner Jüdischen Gemeinde absolut nicht möglich, mehr als 50 »/ס der In Berlin lebenden Juden irgendwie jüdisch zu beeinflussen. Dann die politische Situation! Darüber muß man nicht viele Worte verlieren. Man erinnere sich an die, quantitativ genommen, gewaltige Aufklärangsarbeit jüdischer Organisationen, wie des C.-V., in den verflossenen Jahren, man rufe sich die Fülle der von diesen Organisationen veranstalteten Versammlungen, herausgegebenen Zeitschriften und in die Welt hinausgeschleuderten Aufklärungs-Bücher in Erinnerung! Man möge sich ausrechnen, welche Summen die von diesen Organisationen Jahr für Jahr für Abwehr- und Aufklärungsarbeit aufgewendeteri Kosten ausmachen. Und der Effekt? Eine Welle von mittelalterlichem Judenhaß geht durch weite Schichten des deutschen Volkes. Die deutschen Juden sehen die mühsam errungene formale Gleichberechtigung gefährdet. Auf allen Leben?״״bieten vollzieht sich ein Verdrängungsprozeß <*>־־. ןןי)־äl'lpS | fldische. Beleidigungen und tätliche Verunglimpfungen von Juden sind auf der Tagesordnung. Und eia weithin sichtbares Symptom der Lage sind die 107 nationalsozialistischen und 43 deutschnationalen Abgeordneten im deutschen Reichstag als programmatische Judenhasses überdies einzelne Landesregierungen unter dem Kommando der Hakenkreuzler. Dazu das Zurückweichen selbst durchaus gerecht denkender Regierungen und Parteien in punkto Judenfrage vor der allgemeinen antijüdischen Volksstimmung׳. Beweis dafür: die letzten Vorgänge bei Einbürgerungsgesuchen im Reichs at Will man sich etwa damit trösten, daß es noch schlimmer aussehen würde, hätte man nicht jahrelang kostspielige Aufklärungs- und Abwehrarbeit getrieben? Kann es im Jahre 1931 in einem großen Kulturstaate in bezug auf die Judenfrage noch schlimmer aussehen? Wie steht es wirtschaftlich um die deutscher. Juden? Es gibt wohl keinen vorurteilslosen Beobachter der wirtschaftlichen Situation der deutschen Judenheit, der nicht zugibt, daß neben der politischen und moralischen Judenfrage in Deutschland eine alle anderen jüdischen Probleme überschattende jüdische Wirt cba'tsfrage existiert. Diese besteht hauptsächlich darin, daß infolge der allgemeinen Wirtschaftsentwick'ung, Konzentration von Industrie-, Finanz- und Handelskapital und der damit verbundenen Bürokratisierung des Wirtschaftslebens und des überhand nehmenden antijüdischen Boykotts die Juden in den meisten von ihnen bisher gepflegten Berufen nicht mehr ihr Auskommen finden. Die Folge ist nicht nur eine der allgemeinen Wirtschaftsläge entsprechende Verarmung der Juden, sondern eine weit darüber hinausgehende Verelendung. Dazu gesellen sich die ungeheueren Schwierigkeiten, sich durch Berufsumschichtung oder durch andere Mittel umzustellen. Hoffnungen, daß es in Zukunft doch irgendwie gehen, und daß es der jüdischen Findigkeit und Tüchtigkeit gelingen werde, sich durchzusetzen, sind häufig nur fromme Wünsche und selten durch die Tatsachen gerechtfertigt. Angesichts dieser Gegebenheiten fallen, zweifellos an und für sich erfreuliche, Erscheinungen und Ansätze Im deutsch-jüdischen Leben wie das erstarkte jüdische Bewußtsein einer kleinen Schar, wie die verschiedenen Formen der Selbsthilfe, die Jugend- und Sportbewegung, wie der neuerliche Aufschwung der deutsch-jüdischen Wissenschaft und die Herausgabe bedeutender jüdischer Werke nicht in dem Maße ins Gewicht, wie es bei einer aussichtsreicheren oder zumindest erträglicheren allgemeinen Situation von Juden und Judentum in Deutschland der Fall wäre. Was nützen einem all die schönen Ansätze, was die mustergültige Dialektik in der Behandlung und Herausarbeitung jüdischer Probleme, was die zweifellos erstrangige jüdische Organisationsfähigkeit, was der Emst und Eifer der noch jüdisch Interessierten — wenn die Tatsache der Unhaltbarkeit der gesamtjüdischen Situation sich drohend vor dem Beobachter erhebt? Was nützt einem, um eine Formulierung von Klatzkin zu gebrauchen, das erstarkte jüdische Bewußtsein In einzelnen Kreisen, wenn es auch in diesen Kreisen mit einem abgeschwächten Judesein zusammengeht? Wie soll einen das erneute Bekenntnis eines Teiles der deutschen Juden zum Judentum freuen, wenn auch dieses Bekenntnis nicht mit Jüdischsein identisch ist? All dies Tun hätte ja nur dann einen Sinn, wenn sich gleichzeitig die jüdische Gemeinschaft geschlossen zu einer großen Aktion zur Erhaltung des Judentums aufraffte. . . . Es ist herb, unangenehme Wahrheiten zu erkennen, aber selbst bei optimistischer Einstellung muß man zu der Einsicht gelangen, daß der größte Teil innerjüdischer Betätigung trotz des guten Willens und der besten Absichten in Deutschland eigentlich nur Leerlauf ist. Der gewaltige Aufwand ist Beschäftigungstherapie. Die ungeheure Betriebsamkeit ist Makulatur. Und aus allen Ecken und Ritzen starrt einem, in Deutschland besonders sinnfällig, als bestimmendes, mit unwiderstehlicher Konsequenz wirkendes Phänomen die Haltlosigkeit der Diaspora entgegen. Diese erweist sich stärker als der größte jüdische Widerstand gegen fortschreitende Ab- Schwächung des jüdischen Bewußtseins und gegen Zer• Setzung der jüdischen Gemeinschaft. Fieberhafte Geschlftigkeit — und der Effekt Substanzverlust; Betriebsamkeit —- und d,as Ergebnis Papier. Während deutschjüdische Parteiführer miteinander Rededuelle ausfechten und innerjüdische Gegensätze aufeinander platzen, erhebt sich als düstere, in absehbarer Zeit Wirklichkeit werdende Vision: Kein Leben und kein Kampf, weil es an Kämpfern fehlt; und als Rest isolierte kleine Gruppen von Unentwegten und Treugebliebenen; im übrigen aber entvölkerte jüdische Gemeinden, leere und verlassene Synagogen, ungepflegte Gräber mit verwitternden Grabsteinen auf verfallenden Friedhöfen. m. w. Der Staatspreis für Max Brod. Aus Prag schreibt uns unser W.-Berichterstatter: Wir haben bereits seinerzeit gemeldet, daß der Staats preis für Kunst für ein deutsche» Literaturwerk an Max Brod verliehen wurde, und zwar für seinen ״Reubeni“. Die antisemitischen deutschen Parteien (Deutschnationale und Christlichsoziale) haben sich diese Ge• legenheit für einen antisemitischen Ausfall nicht entgehen lassen und im Parlament an den Unterrichtsminister eine Bcschwerdeinterpellation eingereicht, in der darauf hingewiesen wird, daß Max Brod Jude ist, sich überdies zur jüdischen Nation bekennt und aus diesem Grunde überhaupt nicht als Preisträger in Betracht komme. Die Antwort des Ministers, die bisher noch nicht erteilt worden ist, wird sich wohl inhalt- ־ lieh mit der Antwort decken, die seinerzeit auf dieselbe Beschwerde, als Franz Werfel den Staatspreis erhielt, e1'■ geben wurde. Der Staatspreis wird gesondert für Werke in den verschiedenen Sprachen verteilt, unabhängig von der Nationalität des Verfassers; als MaRstab kommt in erster Linie die ,Qualität des preisgekrönten Werkes in Betracht.