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Jüdische Rundschau · 1931-02-24 · Heft 15 (24.2.1931) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 15 (24.2.1931)
Date
1931-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 88 ]UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15, 24. IL!831 und dem MacDonald-Brief ist ein Unterschied des Tones, Während der Grund ton des Weißbuches eine Warnung an die Zionisten war, ist der Grundton des neuen Briefes Hoffnung für die Zionisten. Nach einem Gesichtspunkt aber müsse der Brief des Primcministcrs vor allem beurteilt werden: Fördert er die Aussichten jüdisch-arabischer Zusammenarbeit oder nicht? Daß eine solche Zusammeuarberit unbedingt erforderlich für den Frieden und die Wohlfahrt Palästinas ist, wird von allen unparteiischen Beobachtern zugegeben, und sogar von vielen parteiischen. Die Zionisten anerkennen es jetzt mein als jemals. Sogar die Araber begreifen endlich, daß die Juden in ökonomischer und kulturdler Beziehung Palästina etwas bringen, was sonst lür immer gefehlt hätte. Nun sind wir keine Propheten und können die Reaktion der Araber auf diese letzte politische Kundgebung nicht voraussehen. Aber folgendes kann man sagen: Es wäre gut für Palästina, daß die Araber im Vertrauen auf die seitens der Mandatarmacht ausgeübte Ucberwarhung solcher Fragen wie Immigration und ßodenenverb Bereitschaft zeigen, die Vorteile zu genießen, welche die erneuerte jüdische Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht Palästina bringen kann. Alte Hoffnungen und alte Befürchtungen werden sicherlich nicht an einem Tage verschwinden, aber mau kann wenigstens hoffen, daß alle gut gesinnten Menschen in Palästina in der Erkenntnis, daß einerseits die jüdischen Träume numerischer Ueberlegenheit unmöglich sind, andererseits Non- Cooperation eine unfruchtbare Haltung ist, zusammen kommen una ein Experiment mit einer bisher noch nie versuchten Zusammenarbeit im Heiligen Lande machen werden. Wenn der Brief des Primeministers eine derartige Wirkung haben könnte, dann könnte man sogar die seltsame, abwegige und ungesunde Methode der Verhandlungen des Kabinett-Komitees verzeihen. * ,New York Tim es“ veröffentlicht unter der Ueber- Schrift ״Klärung der Palästina-Frage“ einen Leitartikel, in dem festgestellt wird, daß die Grundprinzipien der nationaljüdischen Unternehmungen in Palästina nunmehr neuerlich bekräftigt wurden. Mac Donalds Kommentierung der zwiefachen Verpflichtung der Mandatarmacht, nämlich der Verpflichtung gegenüber den Juden wie der gegenüber den Arabern, stelle eine Bekräftigung des Grundsatzes, daß das palästinensische Experiment auf seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe nicht zum Erstarren gebracht werden darf, dar. Der jüdischen Landansiediung und der jüdischen Einwanderung nach Palästina werden keine Schranken gesetzt Im allgemeinen kann man sagen, heißt es am Schlüsse des Artikels, daß itn Gegensatz zu Lord Passficld, der in den bestehenden Hindernissen ein Argument für die Notwendigkelt einer Hemmung des jüdischen Aufbauw erkes in Palästina sieht, MacDonald bemüht ist, diese Hindernisse zu beseifigen. ״New York Herald Tribune“ erklärt, die neue Regferungserkllrung offenbare eine durchgreifende Aenderung des Tons aer britischen Politik in bezug auf das Jüdische Nationalheim. Die Erklärung werde natürlich weder alle Zionisten, noch die Führer der Araber befriedigen, doch erscheine nunmehr, wie Dr. Weizmann gesagt habe, die Basis für eine Kooperation wiederhergestellt. * Die Redaktion der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ nimmt in Nr. 81 zu dem Brief MacDonalds an Weizmann folgendermaßen Stellung: Die Zionisten hätten das Weißbuch von 1930 geradezu als einen Bruch der Balfour-Deklaration empfunden, und ihre Enttäuschung habe sich ״in einem Abströraen von ursjvunglieh für Palästina bestimmten jüdischen Kapital" ausge- ’.Wirkt. Dieses Abströraen des Kapitals habe Wirtschaftskrise und Arbeitsnot in Palästina verschärft, was jetzt die Revision der britischen Palästina-Politik herbeigeführt habe. Tatsächlich bedeute der Brief MacDonalds, obwohl er in die Form einer Interterprelaiion des Weißbuches gekleidet sei, ״im Kern eine erliebliche Abschwächung und Zurücknahme des in dem Weißbuch vorwaltenden antizionistiseiten Standpunktes". Besonders wichtig sei MacDonalds Protest gegen die Ansicht, als wolle Großbritannien von vornherein jeder geschlossenen Neusiedelung von Juden auf dem Lande einen Riegel vorschieben. Wenn freilich der Premier* minister die Zukunft Palästinas von der Verständigung zwischen Juden und Arabern erwarte, so müsse man skeptisch sein, denn das Palästina-Problem beruhe eben gerade auf dem ״natur* gegcbcnenlnteressengegensatz zwischen den Arabern, die ihr Land nicht entnationalisieren lassen wollen, und ri ■ti Juden, die das ideal des Zionismus verwirklichen wollen“. Trier britischen Regierung bleibe unter diesen Umständen nichts anderes übrig, ,.als zwischen zwei unversöhnlichen politischen Forderungen ständig zu lavieren“. Berichtigung. In der Uebersetzung des MacDonald-Briefcs an Weizmann vom 13» Februar 1931 (״J. R.“ Nr. 13) muß der zweite Satz in Par. 9 richtig folgendermaßen heißen: ״Es ist wünschenswert, klarzumachen, daß die landlosen Araber, auf die sich dieser Passus beziehen sollte, solche Araber sind, bei denen gezeigt werden kann, daß sie von den von ihnen okkupierten Ländereien infolge des Liebergangs der Böden in jüdischen Besitz verdrängt wurden und die weder anderen loden, auf dem sie seßhaft werden konnten, noch eine andere, feichermaßen befriedigende Beschäftigung inden konnten“ (nicht: noch eine andere gleiche Beschäftignng finden konnten). Neuer Boden für die Hebräische Universität. Anläßlich eines zu Ehren Ussischkins veranstalteten Banketts in Detroit haben Herr und Frau David W. Simons eine von ihnen vor acht Jahren um den Betrag von 35 000 Dollar erworbenc Bodenparzelle in Jerusalem dem Jüdischen Nationalfonds zu in Geschenk gemacht Die Stiftung soll den Namen der am 19. Juli 1930 verstorbenen Tochter des Ehepaares Simons Sylvia Simons tragen. Die Bodenparzelle grenzt an das Grundstück, auf dem cue Hebräische Universität errichtet ist und soll dem weiteren Ausbau der Universität ge- Ankauf von Wechseln und Schecks auf Palästina durch die Reichsbank. Die Zeitungen melden: Die Reicbsbank kauft von jetzt an auch Wechsel und Schecks auf Palästina an und kommissionsweise für Rechnung der Deutschen Golddiskontbank auch solche mit einer Laufzeit bis zu sechs Monaten. Die anzukaufenden Abschnitte können über Palästina-Pfunde, Pfund- Sterling oder Reichsmark lauten. Außer Gebühren und Inkasso- Spesen werden mindestens 10 Tage Zinsen in Abzug gebracht, und zwar für Abschnitte in fremder Währung zu 7 °/0 und für Abschnitte in Reichsmaxkwährung zBra Reichsbank-Diskontsatz. Ferner kann die Reichsbank jetzt auch direkt Zahlungen in Palästina leisten lassen und Schecks auf Haifa, Jaffa und Jerusalem allgeben. Nähere Einzelheiten sind bei den Reichsbankanstaiten oder der Devisen-Abtdlung der Reichshauptbank in Berlin zu erfahren. Verhaftung von Zionisten in Moskau. Wie uns aus zuverlässiger privater Quelle aus Moskau mitgeteilt wird, sind dort am 16. Januar 20 führende Mitglieder derHechaluz und des SchomerHazair verhaftet worden. Weitere Einzelheiten fehlen. Jüdische Wanderb ewegungen Im Jüdischen Verlag, Berlin, ist vor einigen Monaten aus der Feder von Dr. Michael Traub eine lesenswerte Studie unter dem Titel ,Jüdische Wanderbewegungen vor und nach dem Weltkriege“ erschienen. Dr. Traub hat das gleiche Thema schon früher bearbeitet und seinerzeit eine־ zusammenfassende Darstellung des Problems gegeben. Die in vergrößertem Umfange vorliegende und wesentlich ergänzte neue Darstellung kommt einem weit empfundenen Bedürfnisse entgegen. Das jüdische Volk ist seit jeher ein Wandervolk: par exccflence, und gerade in den letzten Jahrzehnten hat die jüdische Wanderbewegung Millionen Menschen aus den Ländern dichter jüdischer Siedlung in Osteuropa nach Uebersee gebracht. Traubs Buch hat wegen des behandelten Themas ln der Presse große Aufmerksamkeit gefunden. Insbesondere haben sich die jüdisehen Zeitungen mit den Problemen, welche Traub in seiner Studie behandelt, auseinandergesetzt. Bei der Zusammcnstdlung aller auf die jüdische Wanderung bezüglichen Daten ist Traub zu der Erkenntnis gelangt, daß Palästina, rein zahlenmäßig genommen, in der Zeit nach dem Kriege einen hohen Rang unter den für Juden in Betracht kommenden Einwandcrungsländern einnimmt. Weil überdies die Einwanderung nach Palästina In hohem Grade mit einer soziologischen Umschichtung der jüdischen Einwanderer parallel läuft, erscheint ihm gerade die Palästina-Wanderung von hohem prinzipiellen Werte. Die letzten Wochen haben auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika eine fast vollständige Unter- Bindung der Einwanderungsmöglichkeit gebracht, nachdem vorher Südafrika und Kanada mit Ein wand e rungsve rbot en vorangegangen waren. Diese Einwanderungsbeschränkunren treffen insbesondere die jüdischen Millionenmassen Osteuropas sehr stark, für die also überhaupt kein Land in der Welt mehr als Einwanderungsland in Betracht kommt, wenn man von Palästina absieht, wohin im Laufe des Jahres 1930 immerhin mehr als 5000 Juden eingewandert sind, ungeachtet der zeitweiligen Emwanderungsbeschränkungen durch die englische Mandatsregierung. Und bekanntlich ist Palästina das einzige Land, wohin die Juden nicht auf ״Grund von Duldung, sondern kraft eines Rechtes“ gehen können. Die Traufasche Arbeit, der man viele Leser wünscht, faßt die wesentlichsten statistischen Tabellen, die auf die jüdische Wanderung Bezug haben, zusammen. Darin besteht ein Hauptwert der Studie. Der den Tabellen vorangehende Text belehrt über Form, Entwicklung und Sinn der jüdischen Wanderung. Welche Absichten Dr. Traub mit seiner Studie, die sich auf eia ungeheures Material stützt, verfolgte, sagt er in seinem Vorworte, dem wir mit Erlaubnis des Verlages und des Autors nachstehende wesentliche Stellen entnehmen: Das Leben der jüdischen Massen war im Laufe von Jahrhunderten durch eine fast ununterbrochene Kette von Wänderangen gekennzeichnet. Ruhepausen von kürzerer oder längerer Dauer markierten oftmals nur Etappen eines Wandernrozesses, der den Werdegang des Volkes wie das Schicksal des Einzelnen bestimmend gestaltete. Wandern und Rasten, Kommen und Weitergellen folgten in mannigfachen Zeitabständen aufeinander und bildeten in ihrer Gesamtheit die Geschichte des jüdischen Volkes. Beim kontinuierlichen Charakter der jüdischen Migrationsbewegungea liegt es nahe, ihre Hauptrichtlinien in Ländern mit jüdischer Massenbevölkerung geschichtlich zu fixieren. Man gelangt dabei meistens zu einer Linie, deren Anfang und Ende jenseits der Grenzen des betreffenden Landes liegen. Nur dort, wo diese Linie, deren Stärke dem numerischen Umfange der jüdischen Wanderung entspricht, sehr schmal ist, wird sie, wie ein wasserarmer Nebenfluß, an irgendeinem Punkte unterbroehen und versickert langsam in der umgebenden Bevölkerang. Ist aber der jüdische Wanderstrom breiter, danti durchschneidet er vielfach den durch das Einwanderungsland gebildeten Kreis und fließt unaufhaltsam weiter, Dauer und Verlauf mögen in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten verschieden sein: Anfang und Ende, Ursache und Wirkung bleiben fast immer die gleichen. Bei der Darstellung der modernen jüdischen Wander- Bewegung ist es daher von Interesse, geschichtliche Analogien mit frülieren jüdischen Wanderungen festzustelien. Aehnliene soziale und wirtschaftliche Tatsachen wiederholen sich mit esetzmäßiger Notwendigkeit im jahrhundertelangen Kreislauf er jüdischen Migrationsgeschichte: Der Jude kam oder wurde gerufen, um wirtschaftliche Funktionen zu erfüllen, deren Träger ini betreffenden Lande ganz oder teilweise fehlten. Führte indessen der soziale ökonomische Entwicklungsprozeß zum Entstehen einer entsprechenden ״eigenen“ Berufsschicht, dann wurde die jüdische Bevölkerung in den meisten Fällen gezwungen, die alten Positionen zu raumen und wirtschaftlich umzusatteln oder weiter zuziehen. Das Gleiche wiederholte sich während der letzten Jahrzehnte in den meisten Ländern mit jüdischer Massensiedlung. ... Verfolgt man nun die einzelnen Etappen der jüdischen Wanderungen in ihren wirtschaftlichen Zusammenhängen, dann ergibt sich, daß der jüdische Migrationsprozeß durch folgende Momente bedingt wird: 1. Fehlen jüdischer Elemente in den primären Produktionsprozessen der Volkswirtschaft (namentlich aber in der Landwirtschaft mul in der Großindustrie). 2. Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung im Handel und in einigen wenigen Zweigen des Handwerks. 3. Das dadurch bedingte Fehlen einer genügendeneigenenKonsumentenmas se und stetes Angewiesensein auf den nicht jüdischen Kunden. 4, Zun ehm e n d e E111 w i c k 1 u n g d e s n i c h t j ü d i s c h e n M i 11 e 1 ־ Standes (nach dem Kriege — außerhalb Rußlands) und allmähliche Verdrängung der jüdischen B e v ö I - kerimg aus ihren früheren wirtschaftsposit i ö n e n. Viele außerhalb des jüdischen Wirtschaftskörpers lic- ״ende Machtfaktoren bestimmen letzten Endes den wirtschafts- :olitischen Werdegang des jüdischen Volkes. Die während der etzten Jahre in den meisten osteuropäischen Ländern sich vollziehende (durch staatliche und kommunale Organe geförderte) Ausschaltung des privaten Zwischenhandels hat zahlreichen jüdischen Kleinhändlern und Vermittlern jede Existenzmöglichkeit genommen. Als Leidtragende dieses unvermeidlichen Wirtschaftsprozesses sind daher Hunderttausende osteuropäischer Juden nunmehr bestrebt, sich dem Handwerk oder der L a n d w i r t s c!1 a f t zuzuwenden. Trotz dieser fortschreitenden Produktivierung des jüdischen Wirtschaftslebens sind aber bedeutende Teile des jüdischen Volkes nach wie vor gezwungen, sich nach neuen Immigrationsgebieten umzusehen. Diese zur Norm gewordene Zwangserscheinung des jüdischen Lebens hat durch das unheilvolle Geschehen der letzten Jahre eine furchtbare Verschärfung erfahren. Schwerer als zu irgendeiner anderen Zeit der jüdischen Wandergeschichte lastet die anormale Struktur — das unheilvolle Erbe einer jahrhundertelangen Bodenlosigkeit — auf dem zur Aus- Wanderung gezwungenen Ostjuden, Der Kreis der Linder mit einem bedeutenden industriellen Absatzgebiet, in denen der jüdische Immigrant seinem früheren Berufe ohne Schwierigkeiten nachgehen konnte, ist aber nicht mehr groß und wird von Jahr zu Jahr enger. Mit dem Ausscheiden der Vereinigten Staaten und der meisten zentral- und westeuropäischen Länder werden dem jüdischen Auswanderer in den nächsten Jahren nur diejenigen Lander offenstehen, die einen vorwiegend landwirtschaftlichen Charakter tragen. Gebiete mit einer hochentwickelten industriellen Struktur werden wohl noch lange Zeit für jede Massenimmigration geschlossen bleiben. Der Anreiz, den die Einwanderung nach den Vereinigten Staates oder Westeuropa dem osteuropäischen Juden oftmaß bot — die Mßglichkeit, dn Gewerbe zu ergreifen, das sich von demjenigen des Heimatlandes nur wenig unterschied und einen eigentlichen Berufswechsel nur selten erforderte, gleichzeitig aber auch im Einwanderungslandc einen fertigen Absatzmarkt für die eigenen Erzeugnisse zu finden — wird damit in der kommenden jüdi* sehen Wanderbewegung Wegfällen. Aehnlich wie in Palistina wird der Jude in all den Ländern, nach denen eine ansehnliche Immigration im Laufe der nächsten Jahre möglich sein wird, gezwungen sein, entweder einen neuen, produktiven Beruf zu ergreifen oder den notwendigen Absatzmarkt für seine berufliche Tätigkeit selbst zu schaffen. Soziale Umschichtung oder teilweise wirtschaftliche Neugestaltung des Einwanderung»- landes werden mithin die spezifischen Merkmale der kommenden jüdischen Wanderungen sein. Seiner wirtschafts politischen Tendenz nach wird aber der neue jüdische Wanderprozeß den jüdischen Wanderbewegungen der früheren Jahrhunderte ähnlich sein. Während der Jude im Mittelalter aus wirtschaftlich hochstehenden Ländern vielfach nach handeis- und industriearmen Gebieten zog (aus Spanien und Portugal naeli der Türkei, Nordafrika, Palästina usw., aus Deutschland nach Polen und Litauen), schlug das jüdische Volk seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wirtschaftlich entgegengesetzte Richtung ein. Der Jude wanderte nunmehr aus Ländern mit niedriger wirtschaftlicher Kultur nach den kapital- und industricreichsten Zentren der Erde. Es hat nun den Anschein, daß zahlreiche jüdische Emigranten in den kommenden Jahren den früheren Weg wieder dnschlagen werden. Aus Ländern mit einer relativ fortgeschrittenen Ökonomischen Struktur wird der jüdische Wanderer nolens volens dorthin ziehen müssen, wo zahlreiche Lücken des Wirtschaftslebens ihm den Weg seiner weiteren wirtschaftlichen Entwichlung zeigen werden: Die Ausfüllung dieser Lücken wird, ähnlich wie im Mittelalter, die wirtschaftskulturelle Mission der koramenden Judenwanderungen bilden. Die Lage des Judentum In Norwegen Von Rabb. Juli ns Samuel, Oslo. lieber die Situation des jüdischen Lebens in Skandinavien im allgemeinen und in Norwegen im besonderen werden vielfach so phantastische Nachrichten verbreitet, daß es wünschen«- wert erscheint, diese einmal in objektiver Weise zu beleuchten. Skandinavien kenne keinen Antisemitismus, das Ist für manche Schreiber eine Binsenwahrheit geworden, die sie immer wieder in die Weit hinauszuposaunen für nötig finden. In Wahrheit muß das Land, das keinen Antisemitismus kennt, wohl noch in ganz anderen Zonen gesucht werden. Das Judentum in Norwegen hat noch keine große und reiche Tradition wie anderswo. Vor 50—60 Jahren zeigten sich erst die ersten Ansätze zu einer Getneindebtidung in Oslo, und vor 35 Jahren wurde die zweite große Gemeinde des Landes in Trondhjem gegründet. In diesen beiden Gemeinden leben die allermeisten der kaum 2000 Juden des Landes, und nur wenige wohnen zerstreut in den kleinen Städten und Städtchen Norwegens. Das Judentum Norwegens ist in Mitteleuropa, speziell in Deutschland, wohl erst bekannt geworden, als die Welt von dem Schichtverbot in Norwegen erfahren hat Wenn man die psychologischen Gründe für das Schichtverbot untersucht, dann wird man finden, daß eine überaus betonte Tierliebe und eine falsche Auffassung vom Wesen der Schechita dabei eine große Rolle gespielt haben. Nichtsdestoweniger wäre es aber grandfalsch anzunehmen, daß der Motivgrund des Antisemitismus dabei.ausgeschaltet gewesen sei. Vielmehr ist es von den Qegoern des Schächtverbotes im Storthtag mit aller Deutlichkeit gesagt worden, daß die betonte Tierliebe der Schechita-Oegner vielfach eine Maskerade für Menschen- und Judenhaß gewesen sei. Zur Ehre der maßgeblichen Führer der norwegischen Politik muß es gesagt werden, daß Männer wie Mowinckel und der Storthingspräsident Hambro sich stets entschieden gegen einen Angriff auf die jüdische Gewissensfreiheit ausgesprochen haben. (Hambro, der im vierten oder fünften Geschlecht von jüdischer Abstammung ist, wird in jüdischen und nichtjüdischen Zeitungen gewaltsam zum Juden gestempelt) Die soziale Struktur der jüdischen Bevölkerung Norwegens ist im wesentlichen mit der der Gesamtbevölkertmg (Norwegen ist das Land des Mittelstandes par excellence) verbunden. Jedoch herrschen hier auch starke Gegensätze, und einem verhältnismäßigen Reichtum auf der einen Seite steht auch beson» dere Armut auf der anderen gegenüber. Dieser Gegensatz hat sich noch verschärft, als durch eine Regierungsverordnung der Hausierhandel, von der die ärmere Schicht der jüdischen Bevölkerung lebt, verboten worden ist. Die kulturelle Lage der norwegischen Judenbeit ist bemerkenswert. Die Tatsache des Mangels einer lokalen geschichtlichen Tradition tritt hier mit allen ihren Vor- und Nachteilen als entscheidender Faktor in die Erscheinung. Ein Geschlecht ist herangewaclisen, das bereits im Lande geboren ist, und dessen Kulturstreben zunächst darauf gerichtet ist, sich im Rahmen der geistigen Bildung des Landes zu vervollkommnen. Der Mangel einer intensiv jüdischen Erziehung im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich verhängnisvoll ausgewirkt In den allerletzten Jahren ist ein Intensiveres Streben nach Vervollkommnung im Geiste und in der Kultur des Judentums festzustellen, das im wesentlichen Hand in Hand geht mit dem Erstarken des zionistischen Gedankens. Zionistische Vereinigungen existieren in den beiden großen Gemeinden des Landes, Oslo und Trondhjem, und umfassen in der Regel die gesamte jüngere Generation, wobei zu betonen ist, daß es einen ausgesprochenen Antizionismus im Lande nicht gibt. Es herrscht kein Zweifel darüber, daß in dieser vergessenen Ecke des jüdischen Lebens ein neues starkes Geschlecht jüdischer Menschen heranwachsen kann, vorausgesetzt daß die Frage der jüdischen Erziehung ira befriedigenden Sinne gelöst wird. Palästina an! der Pariser Kolonial-Ausstellung P a r i s, 20. Februar. (J. T. A.) Auf Grund einer Einladung, die das Komitee der Internationalen Kolonialausstellung, die im Mai 1931 in Paris eröffnet wird, an die Mandatsländer ergehen, ließ, sich gemeinsam mit ihren Mandatarmächten oder unabhängig an der Ausstellung zu beteiligen, haben es Freunde der Palastina-Sache unternommen, eine würdige Vertretung der jüdischen Kolonien Palästinas auf dieser Ausstellung zu sichern. Die Vorbereitungsarbeiten liegen In den Hinden des französisch-palästinensischen Komitees, dessen Präsident der ehemalige Minister Senator Jules Godard ist Vorsitzender des Pariser Sub-Komitees ist Herr Louis Ascher, Generalsekretär Herr Jules Rosenheck, weitere Mitglieder sind Jaques Bigard und Dr. Victor Jacobson. Senator Godard hat sich im Zusammenhang mit den Vorbereitungsarbeiten für die Ausstellung nach Palästina begeben. Der High Commissioner hat die Mit- Wirkung der palästinensischen Regierung zugesagt. In Tel-Awiw wurde ein Komitee zum Zwecke der Erriditung eines revisionistischen Parteihauses, das Jabotinskys Namen tragen soll, gebildet

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