Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 14 (20.2.1931)
- Date
- 1931-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14, 20. n.!831 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 83 Mag es sein, daß es mit dem Nachwuchs im Argen liegt ln dem Auseinandergehen unserer Anschauungen über die Struktur der Organisation wie über das Wesen und die Möglichkciten der Jugend liegt es, daß ich weder einen Weg zur überparteilichen Organisierung der Jugend iu dem gedachlen Sinne sehe, noch erkenne, daß dieser Weg überhaupt zur Beseitigung des Uebels führen könnte. Meiner Ansicht nach würde nichts Neues geschaffen werden als eine neue und schwerfällige und unproduktive Organisation. Könnte, um nur eines anzufuhren, die Auseinandersetzung mit der liberalen Jugend durch die neue Organisation gefördert werden? Ich war immer der Meinung, daß eine solche Auseinandersetzung von Führern, von Einzelnen bewirkt wird. Fehlen diese Einzelnen bis heute, so werden sic durch Organisierung sicher nicht erzeugt werden. Ich kann auch nicht anerkennen, daß durch das Scheitern des Vorschlages von Hans Kaufmann irgend etwas über die Kraft der zionistischen Idee oder über die Berechtigung der umfassenden zionistischen Organisation ausgesagt werden könnte. Diese vorausgeschauten, düsteren Folgen erscheinen, so meine ich, nur der verkehrten Anschauung. Zum Gastspiel der Wilnaer Truppe Die unerquickliche Kontroverse um die Berechtigung, den Namen ״Wilnaer Truppe“ zu führen, drängt unwillkürlich zu einem Vergleich mit jenem Ensemble, das unter dem gleichen Namen hier vor einigen Jahren ein längeres Gastspiel absolvierte. Dabei schneiden, um es vorweg zu nehmen, unsere heutigen Oiste durchaus nicht schlecht ab. Zwar sind es nicht die abgerundeten bis ins Letzte durchgearbeiteten Aufführungen der ersten Wilnaer. Die Aufführungen von 1931 tragen mehr den Stempel des Flüchtigen und Unausgeglichenen, Auch weisen die Wilnaer von heute nicht eine solche Fülle künstlerischer Individualitäten auf. Dafür aber ist diese junge Truppe biegsanier, beweglicher. Sie hat auch den starren Rahmen des Naturalismus der alten Wilnaer durchbrochen und versucht, den Stil dem jeweiligen Stücke anzupassen. Alles in allem — soweit man dies aus den beiden Stücken, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, entnehmen kann, ein Ensemble von durchwegs guten schauspielerischen Kräften unter der Leitung des begabten und schöpferischen Schauspieler-Regisseurs Alex Stein. Das Hauptaktivura dieser Truppe aber ist, daß wir es hier mit einem geeinten, spielenden Ensemble zu tun haben, während die alte Wilnaer Truppe längst zerfallen und zerflattert, ״zerseit und zerspreit“ ist; und darauf kommt es doch letzten Endes an, daß uns eine geeinte Wilnaer Truppe bei Piscator lieber ist, als zehn schmollende Asros auf dem Dache. Die Aufführung des Dymowschen ״Der Sänger seiner Trauer“ war expressionistisch stilisiert und frappierte durch eine treffliche Typisierungskunst, die den Charakter vom ersten Augenblick an fix und fertig in eine überwirkliche Sinnfälligkeit hinstellte. Andererseits aber mußte die Untnöglichkeit, nunmehr die Charaktere dramatisch weiter zu entwickeln, die in diesem Stil bedingt ist, allmählich zur Monotonie führen, die das Stück um seine besten Wirkungen brachte, so daß selbst die Klimax, der Augenblick, in dem Jossie seinen Lnttcriegewinn verschenkt, damit sie den anderen, nicht ihn, heiratet — ״Alles ihr!“ — ״Alles ihr!“ — nicht die Katharsis auszulösen vermochte, die die gleichen Schauspieler, insbesondere Alex Stein als Jossie, unter anderen Umständen zweifellos hervorgerufen hätten. Nichtsdestoweniger — eine sehr interessante Aufführung, die sich selbst in Berlin ruhig sehen lassen konnte. Scholem Aleichems ״Schwer zu sein a J id“ dagegen wurde in einem etwas antiquierten Naturalismus gespielt. Hier war der Kontakt mit dem Publikum gleich hergestellt, trotz krmoyanter Rührseligkeit, In-die-Breiteziehens nebensächlicher Szenen und gewisser undichter Stellen. Wiederum fiel hier die Lebcnsechtheit der Typisierung auf, und der Erfolg dieses Abends ist einem Spiel zu verdanken, bei dem jeder Schauspieler, aber auch jeder, so souverän seine Rolle beherrschte, daß er sich jedes Extempore erlauben durfte, um über den dünnen Dialog hinwegzukommen. Es will mir aber scheinen, daß es besser gewesen wäre, diesem Stücke statt dem von Dyniow jenen expressionistischen Zuschnitt zu geben, in dem eigentlich mir Typen, aber keine Charaktere dargestellt sind und das sich daher bei flotterem Tempo besser für groteske Maskenstarrheit eignet. Sollte es vielleicht daran liegen, daß der Schauspieler Alex Stein gleichzeitig sein eigener Regisseur ist und es ihm optisch daher unmöglich ist, die Wirkung seiner Szenen zu erproben? ln Berlin ist man schon lange davon abgekommen, diese beiden Funklinnen in dieselbe Hand zu legen. Selbst Kortner mußte zu seinem Leidwesen der Regietätigkeit entsagen, wollte er als Schauspieler Letztes erreichen. Wenn wir abschließend die Frage vorlegen, ob dieses Gastspiel als ein Gewinn zu buchen ist, so müssen wir sie vorbehaltlos bejahen. Dabei können wir uns eines freudigen Oefühls sowohl als auch eines traurigen nicht erwehren. Freudig — weil es uns zeigt, wie trotz starker Wirtschaftlicher Not und Verelendung der Massen, trotz großer Entbehrung, im Ostjudentum noch immer genügend physische und sittliehe Kräfte vorhanden sind, um in dieser Zeit der Zersetzung und Pauperisierung ein solch vorzügliches Ensemb’e zu schaffen, das hier in Berlin, dem heißesten und anspruchsvollsten Theaterboden der Welt, in der Stadt, wo auch am besten Theater gespielt wird, Anerkennung fand und durchaus ehrenhaft abgeschnitten hat. Traurig — wenn man bedenkt, welche schöpferischen Leistungen bei einem normalen jüdischen Leben hervorgebracht werden könnten, die heute ungeweckt im Schoße der Urmütter ruhen, welch wertvollen Kräfte ungekannt, unerkannt zugrunde gehen, weil sie unter dem Druck einer allgemeinen und der besonderen jüdischen Not aufgerieben werden. Das Gastspiel der Wilnaer Truppe in Berlin möge ihr ein glücklicher Auftakt zu ihrer weiteren Tournee sein. Möge sie aber für die Folge darauf erachten, sich in ihren Ankündigungen auf Einstein und Shaw zu berufen. Man soll dort auf Vortäuschung erachten, wo etwas vorhanden ist. M. L i e b e r. Wilhelm Herzbergs Witwe 80 Jahre. Uns geht der folgende Aufrut zu: ״Am 30. Januar 1927 beging die jüdische Welt den 100. Geburtstag Dr. Wilhelm Herzbergs. Aus Anlaß dieses Gedenktages veranstaltete die Jeruscholajim-Loge, deren Gründer Dr. Herzberg war, in Verbindung mit dem palästinensischen Distrikt der Großloge U. 0. B. B. eine Uebersetzung seiner ״Jüdischen Familienpapiere“ in die heilige Sprache. Das Werk des toten Dichters ist vor wenigen Monaten in seinem neuen Gewände erschienen. In Brüssel aber lebt, von schweren wirtschaftlichen Sorgen bedrückt, seine Witwe, deren Lob als jüdisehe Frau und Mutter einst Prof. David Kaufmann gesungen hat. Am 28. Februar d. J. vollendet Frau Dr. Herzberg ihr 80. Lebensjahr. Das Unterzeichnete Komitee bittet herzlich, der Witwe des Dichters zu gedenken und sich an einer Ehrengabe zu beteiligen, die ihr am 80. Geburtstag überreicht werden soll. Spenden wolle man gütigst auf das ״Dr. Wilhelm Herzberg- Sammlungskonto“, Bankhaus Gebr. Ginsberg, Berlin W 8, lägerstr. 13, überweisen. Prof. Dr. Freimann-Frankfurt a. M., Rabb. Dr. Grunwald-Wien, Rabb. Dr. J. Horovitz-Frankfurt a. M., Prof. D. Simonsen-Kopcnhagen, Frau Geheimrat Barth, Prof. Dr. Elbogen, Frau Rabb. Dr. Eschelbacher, Rabb. Dr. Freimann, Ministerialrat Hans Goslax, Dr. Meier Hildesheimer, Dr. Adolf Jacobus, Geh.-Rat Prof, Dr. Rcwia, Rabb. Dr. Weiße “ Zwei Pariser Maler in Berlin Unter den vielen Pariser Malertalenten ist eine erstaunlich roße Zahl jüdischer Künstler. Nur wenige sind bisher auch d uns bekannt geworden. Verschiedene von Ihnen kann man in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde, die ihre raoderne Abteilung hi der letzten Zeit besonders ausgebaut hat, kennen lernen. Einen wirklichen Einblick in das Schaffen eines Künstlers bieten aber erst Kollektivausstellungen, deren wir augenblicklich zwei in Berlin haben. Beide Ausstellungen zeigen hervorragende Vertreter der Pariser Kunst, zwei außergewöhnliehe Talente, interessante Persönlichkeiten von individueller Abgerundethdt und erstaunlichem Können. Beide Ausstellungen verdienen über das Maß sonstiger Ausstellungen besonderer Beachtung. In der Kunsthandlung Victor Hartberg erscheint zum ersten Male in Berlin der aus Warschau gebürtige Maler Kanelba. Kanelba ist eine trohe, heitere Natur, seine Kunst unbeschwert, voller Grazie, und bei aller Leichtigkeit selbstsicher, gewandt und von einer beglückenden Musikalität getragen. Das Leben ist ihn! ein Quell der Freude, und diese Lust überträgt er in Farben, in Bilder, die etwas selbstverständlich Gewordenes, ohne viel Mühe Entstandenes zu sein scheinen. Es lacht immer aus diesen Bildern, die wir voller Freude genießen, aus denen so viel Lebensbejahung singt und klingt Dabei bewahrt ihn sein Können vor Oberflächlichkeit, steckt hinter allem ein ernstes Studium und bewußtes Streben nach formaler Abrundung. Kanelba kam vor acht Jahren von Wien nach Paris. Seine Malerei konnte sich nur dort so entwickeln. Der französische Esprit, das Harmonische und Weiche dieser Atmosphäre gab ihm die Abrundung seiner Persönlichkeit, die ihn trotz seiner jungen Jahre einen sicheren Weg führte. Er ist zwar noch keiner von den Großen, auch liegt es ihm durchaus nicht, mit hastigen Schritten eine steile Bahn zu erstürmen, doch man notiert mit Genugtuung und Vertrauen, daß hier Arbeit und Gelingen sich verbinden. Max Band, der mit 27 Gemälden in der Galerie Casper aufwartet, ist längst kein Fremder mehr. Vor zwei Jahren erst zeigte er an der gleichen Stelle eine Kollektion und bereits früher war er, nach einem längeren Studienaufenthalt in Berlin, hier an die Geffentlichkeit getreten. Inzwischen hat er seine Kunst in verschiedenen anderen Lindern gezeigt und besonders in Amerika große Erfolge geerntet Band ist das völlige Gegenteil des zuerst besprochenen Künstlers. Während bei Kanelba alles leicht und verbindlich dahinfließt, umfängt uns hier eine schwere und von ungeheuerem Verantwortungsgefühl getragene Kunst Jedes Bild ist ein Bekenntnis, jeder Pinselstrich ist Ausdruck einer tiefen Gefühlswelt Von Kanelba scheidet man erfreut, hier aber packt einen Ergriffenheit, hält uns fest, zwingt uns immer wieder zum Umkehren, nochmaligen Betrachten und Sinnen. Max Band malt Menschen, Blumen und Landschaften. Diese Menschen vorerst — sie erscheinen uns bekannte und vertraute Gestalten zu sein, die nicht nur hier im Bilde vor uns stehen, sondern mit denen wir schon oft geplaudert haben und deren Leben wir genau kennen. Ja, diese Frau mit dem Kinde (immer wieder in verschiedenen Variationen wiederkehrend) ist eben nicht eine x-beltebige, sondern d i e Mutter, aus deren Gebärde, Haltung und ganzem Gebahren das Mütterliehe, die Sehnsucht und Liebe, die Sorge und zärtliche Sorgfalt spricht. Und dieser Knabe mit den großen, tiefschwarzen Augen ist uns schon tausendfach begegnet in all den kleinen, von vielhundertjährigem Geschick belasteten altklugen Gesichtern, ausgeblaßt noch von der Ghettoluft und neugierig Ausschau haltend in einer fremden Welt. Der alte Rabbi — wie alt mag er wohl sein? — erscheint nicht als Porträt, sondern als Typ: auch er schaut nicht einmalig auf uns. Was ist’s, das uns an diese Bilder so fesselt und sie aus dem Alltäglichen heraushebt? Es ist das Erkennen des Lebens, das Hervorzaubern innerster Werte, das der Künstler durch seine Farben sprechen läßt Und ebenso gewinnen die Landschaften und Btemen Leben, Aus den Blutnen schauen Gesichter, sprechen Mensch enschicksale, träumen Erlebnisse, klingen Bekenntnisse. Gibt es eine so traurige und schwere südfranzösische Landschaft wie sie Max Band malt? Ja, wenn man die litauische Landschaft kennt, wenn man in ihr aufgewachsen ist und diese geheimnisvollen Stimmungen der langen Dämmerung erlebt hat Wenn man die Natur so in sich aufgefangen hat, daß man weiß, auch sie kann weinen. — Die Skala des subtilsten Empfindungsvermögens ist bei Max Band besonders reich. Sein Pinsel ist durchzuckt von Inneren Erschütterungen, seine Farbe durchtränkt von Erkenntnissen. Seine Kunst hat sich an der Tiefe menschlichen Erlebens emporgerankt und hat mit der Reife des Erkennens eine Stufe der Vollendung erreicht, der wir bewundernd unsere Gefolgschaft leisten und die wir voller Dankbarkeit in uns atifitehmen. K. S. Hcrzberg’s ״Jüdische FamUienpapiere"*) ״O wir sind ein nichtswürdiges Volk, 0 Herr, und Deine Rechte müßte schwer lasten auf unserem Nacken. Kaum gabst Du uns einen Augenblick aufzuatmen, so haben wir vergessen Deiner und unser. Hündisch wedein sie vor dem Flitterstaat der Völker, wie die Affen ahmen sie nach ihre Torheit und ihre Laster... rufen triumphierend: Jetzt sind wir gleich den anderen, und der Name Juda ist vergessen. Denn Israel ist ein Gelächter und• Juda ein Spott... aber der Name, den sie!׳erachten, soll eine Rute des Zornes für sie werden und ein Fluch für ihre Geschlechter.“ Zu diesen Worten Herzbergs in den F. P. schrieb David Kaufmann (1873) folgendes: ״So schildert das heutige Judentum nicht der Prophet, ein Zeitgenosse ist es, ein Mann unserer Tage, Und in dieser Schilderung ist gar nichts Falsches, es steht mit dem Judentum in Deutschland wirklich recht schlimm. Mit rasender Schnelligkeit wie Kornbrand und Wasserpest verbreitet der Abfall sich durch die Lande und — wenn man es sich nur aufrichtig gestehen will — ist der Name Juda für sehr viele eine gleichgültige, und was mehr ist, eine völlig unverdiente Bezeichnung geworden... Für die Kenner der Geschichte ist diese Erscheinung nicht neu... Aber die Geschichte weiß auch, daß dem Abfall stets die Begeisterung entgegengetreten ist. Auch unsere Zeit weiß nicht allein von Zerstörung und Angrift, sie weiß auch von Verteidigung und Verstärkung, die in ihr das Judentum erfahren, zu berichten. Zu den hervorragendsten Aeußerungen der inneren ungeschwächten Kraft des Judentums die im Kampf hervorzutreten genötigt sind, kann man dieses Buch rechnen.“ Und weiter: ״Es geht wie ein gewaltiges Dröhnen durch dieses Buch, in dem all das Aeußere und Innere an Kämpfen wider das festgefügte Israel zurückgeschlagen wird.״ Die Zeit, in der Herzberg sein Buch schrieb, war die Zerf vor der Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland. Es war dies die Periode der Angleichung. Der Jugend wurde der Weg vom jüdischen Heim ins Freie gewiesen. Herzberg Ist sehr vielseitig und zeigt sich in allen seinen Auseinandersetzungen als tiefer Philosoph und Kenner verschiedener Kulturen. Auch in bezug auf das Verstandnls des Judentums und seiner Geschichte geht Herzberg seinen eigenen Weg. Trotzdem er auf religiösem Standpunkte stand und die Thora und ihre Gebote achtete, war er niemals orthodox im Sinne eines Samson Raphael Hirsch. Er behauptet zwar, daß das Zeremonia'gesetz dasjenige ist, welches die Größe des Judentums und seine Uebertegenhelt dem Christentum gegenüber ausmacht, aber seine Auflassung der Mizwoth ist *) Dr. Wilhelm Herzberg, ״Kitbe-Mispacha-Ibriim“ (Hozaoth chebrath ״Bne- Brith“, lischkath ״Jeruschalajim“, Jerusalem 5690), eine ganz andere wie die der gewöhnlichen Orthodoxen. Herzberg bekundete auch mehr Verständnis für die europäische Ktiltur als seinerzeit S. R. Hirsch. Er vertiefte sich auch mehr als dieser in Aesthetik, Kunst und Poesie, Während die Kraft der konservativen Schule in passiver Apologetik erlahmte, weil ihr die Fähigkeit der Kritik fehlte, tritt uns H. als tiefer Kritiker voller Energie entgegen. Wir sehen ihn als Vorkämpfer der Opposition und als Schöpfer kritischer Gedanken auftreten. Eine Erscheinung, die wir bei den Alten vermissen, weil ihnen nicht bloß die Fähigkeit, sondern auch der Mut und die Energie dazu fehlten. Herzberg war Nationaljude noch vor der Entstehung der nationalen Bewegung in Deutschland. Während die anderen für Assimilation ein traten und vom Weltjudentum nichts wissen wollten, kehrte er sein Interesse den Ostjuden und Palästina zu. Es ist ein großes Verdienst von Pines und R. Benjamin, durch die hebräische Uebersetzung des Buches Herzberg ein Denkmal gesetzt zu haben. Perez Smolenskin hat bereite (in seinem ״Am-Olant“) eine hebräische Uebersetzung der Familienpapiere vorbereitet, aber nicht verwendet. Es sei noch bemerkt: Herzberg wurde geboren am 30. Januar 1827 in Stettin und starb in Brüssel 1897. Er war der Leiter von ״Mikweh Jisrael“ in Palästina und Begründer der Sektion ״Jeruschalajim“ der Bne-Brith-Loge in Jerusalem. Das Testament Lord Meldietts London, 17. Februar. (J. T. A.) ״Sunday Expreas“ »er• öffentlieht das Testament Lore Melcnetts. Lord Mefchett hat ein Vermögen von etwa 500000 Pfund hinterlassen. Die größere Hälfte des Nachlasses fällt seinem Sohne, der Rest seiner Witwe und seinen drei Töchtern zu. Melchett Court, der prächtige Stammsitz der Familie in Romsey Hants, geht in den Besitz des jungen Lord Melchett über, wahrend das Gut am Tiberlas-See (im Migdal) LadyErleigh zufällt, die demnächst (mit Weizmann) nach Palästina reist. — Die Witwe Lord Melchetts gibt bekannt, daß diese Veröffentlichung unauto• risiert sei, da sie selbst das Testament noch gar nicht kenne. Kleine Nachrichten Der Leiter des politischen Sekretariats der Zionistischem Weltorganisation, L. B. Namler, ist zum Professor für moderne Geschichte an der Universität Manchester ernannt worden. Natnier, der im 42. Lebensjahr steht, war früher Dozent für moderne Geschichte am Balliol College zu Oxford. Seine Bücher über das Zeitalter Georg III. gelten als historische Standardwerke. Von seinen sonstigen Schriften sind ״Deutechland und Osteuropa“, ״Der Zusammenbruch der Habsburger* Monarchie“ und die ״Geschichte der Pariser Friedenskonferenz 1921“ hervorzuheben. Eine Abteilung Polizei veranstaltete im Zeitungsgeblude sowie in der Privatwohnung des Chefredakteurs des ״Tog“ in Wi 1 n a, Zaltnan R e is e n , des bekannten Literarhistorikers, Vorsitzenden des jüdischen Pen-Klubs und Herausgebers des fünfbändigen ״Jiddischen Lexikons“, Haussuchungen. Es wurde, zahlreiches Material, darunter auch die Manuskripte zum Ergänzungsband des Lexikons, beschlagnahmt Reisen, der Verleger der Zeitung, Abraham Gordon, und mehrere andere Mitgheder von Redaktion und Verwaltung wurden verhaftet Am gleichen Tage wurden etwa 89 bekannte jüdische Sozialisten in Wilna verhaftet. Auf Intervention von Dr. Schabad wurde Reisen aus der Haft entlassen. Der Kauf des Terrains für die zweite Niederlassung der .. N *w V o rk er Ach ose h wurde abgeschlossen. Bl handelt sich um einen Komplex von 5000 Dunam zwischen Rechoboth und Beer Tobiah in der Nähe des alten Jawneh. Der Boden ist für Orangenkultur geeignet Am 15. Februar fand in Berlin eine Beratung angesehener jiddischer Gelehrter und Publizisten mit den Mitgliedern des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts statt, die der Schaffung einer Enzyklopädie für allgemeines und jüdisches Wissen in jiddischer Sprache galt. Die Wiener Stricker-Gruppe hat ihren Uebertritt von der radikalen zur revisionistischen Gruppe vollzogen. Wie die Hebräische Universität mitteilt, wurde der Dozent an der Abteilung für allgemeine Zoologie und Entomologie der Hebräischen Universität, Dr. Fritz Bodenheimer, von der Universität Minnesota in den Vereinigten Staaten eingeladen, im Sommersemester 1931 eine Vorlesung über ״Probleme der Insektenphysiologie“ zu halten.! Am kommenden Purimfest soll der Tozereth Haarez-Bewegung in künstlerischer und heiterer Form besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Auch in diesem Jafge sind wieder eine Reihe von Neuerungen in Industrie und Gewerbe zu verzeichnen, sowie viele der bereits vorhandenen Erzeugnisse vervollkommnet worden. (Ziko.) Unter dem Namen ״Jerusalem" wurde unlängst eine neue Gesellschaft gegründet, die sich die Förderung kultureller Arbeit in rechtgläubig jüdischem Oeiste zur Aufgabe gesetzt hat. Der Gesellschaft gehören u. a. folgende bekannte Persönlichkeiten an: Chief Rabbi A. Kuk, me Professoren Klein, Franke! und Assaf, der Chief Rabbi von Tel-Awiw Uzlel, Hermann Struck, Rabbi Binjamin und Agnon. Die in Wien amtierende ״Mifkadah Eljonah“ (Oberkonimando) des Brith Trumpeldor hat die erste Weltkonferenz der Brith für den 12. April nach Danzig einberufen. ״Amerikanische Reise-Eindrücke“. Im Rahmen der Montags-Vorlesungen sprach am 16. Februar in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Dr. Margarete Guttmann in überaus fesselnder Weise über ״Amerikanische Reise-Endrücke“. Die Vortragende hatte zweimal im Laufe der letzten Jahre mehrere Monate lang in New York und in Cincinnati sich heimisch machen können; sie begleitete ihren Gatten, den bekannten Religionsphilosophen Prof. Julius Guttmann, der zu Gastvorlesungen nach New York und nach Cincinnati berufen worden war. ln dieser Zeit hat sie aus der amerikanischen Umwelt ihr ״Studienobjekt“ gemacht. Ohne sich auf die banalen allgemeinen Urteile des üblichen Amerika-Reisenden einzulassen, schilderte sie in farbigen Bildern das babylonische Völkergemisch New Yorks wie den ״liebenswürdigen Alltag“ der schön gelegenen Provinzstadt Cincinnati, aus der vor Jahrzehnten die Reformbewegung im amerikanischen Judentum ihren Ursprung genommen hatte und deren Juden noch heute stolz sind auf die Tradition ihrer alten Familien. Die Einwandererviertel in New York traten lebendig vor die Augen der Hörer; ganz besonders das Judenviertel, wo in jedem Laden und Lädchen die Bilder von Theodor Herzl und Solomon Schechter, dem großen Genizah-Forscher, der in seinen letzten Jahren in New York wirkte, zu finden sind. Gern hätten die Anwesenden noch mehr aus den unerschöpflichen Reise-Eindrücken dieser klugen und helläugigen Betrachterin vernommen, zumal die letzten Worte der Vortragenden die Aussicht auf eine neue und tiefere Erfassung des Gegensatzes zwischen Alter und Neuer Welt aufblitzen ließen.... B.H.