Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 14 (20.2.1931)
- Date
- 1931-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 02 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 14, 20,11.1931 Deuhdiiädisdie und Nationaljüdische Anschauung Dritter kontradiktorischer Abend der Jüdischen Volkshochschule. Der dritte der von der Freien Jüdischen Volkshochschule veranstalteten.kontradiktorischen Abende fand am Montag, dem 16. Februar, im großen Saal des Logenhauses in Berlin statt und hatte einen Rekordbesuch aufzuweisen. Die Menge der Erschienenen konnte im großen Saal der Loge nicht Platz finden. Ein Teil der Besucher mußte von einem anstoßenden Raum aus der Diskussion folgen. Die Saalzugänge mit Ausnähme des Mittelganges waren von einer dicht gedrängten Menge erfüllt. Der Abend war einer Aussprache über die Orundanschauungen der deutschen Judenhcit gewidmet. Den deutschjüdisehen Standpunkt vertrat der Direktor des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Ludwig Hollän• der, während der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Kurt Blumenfeld die Einstellung der sich zum nationaljüdischen Standpunkt bekennenden Juden zu den Problemen der jüdischen Gegenwart und Zukunft erörterte. Den Vorsitz führte Rabbiner Dr. Max Wiener. Blumenfeld führte ungefähr folgendes aus: Nationaljüdische Anschauung heißt Anerkennung der Tatsache einer Weltjudenfrage. Das Problem der jüdischen Existenz ist in allen Ländern annähernd dasselbe. Während einst, vor etwa 20 Jahren, noch Auseinandersetzungen vom Standpunkt der Gesinnung aus möglich waren, müssen heute einer Betrachtung der Jüdischen Situation objektive Tatsachen zugrunde gelegt werden. Ein Institut zur Erforschung der soziologischen Verhältnisse der heutigen Judenhcit müßte, ohne Rücksicht darauf, welcher Gesinnung die einzelnen Mitglieder des Instituts wären, die Tatsachen, die zur Stellung des jüdischen Gegenwartsproblems führen, eindeutig erkennen. Zur Lösung dieses Problems sind zahlreiche Versuche auf nichtzionistischer Basis gemacht worden. Es gab eine liberale Assimilation, eine sozia- Iistische Assimilation, Versuche, die Judenfrage durch Wanderung oder durch Siedlung zu lösen. Alle diese Versuche mußten fehlschlagen. Man versuchte z. B. durch Wanderung die Juden aus Ländern hohen Drucks in solche niedrigen Drucks zu bringen und übersah dabei, daß die wandernden Juden die Judenfrage aus ihren Herkunftsländern in die neue Heimat zwangsläufig mittrugen. Man hatte angenommen, in Amerika, einem Lande ohne geschichtliche Tradition, könne der Antisemitismus, der durch die historische Entwicklung in Europa bedingt sei, nicht Wurzel fassen. Die erste Wirtschaftskrise in Amerika zeigte, daß auch dort in Zeiten der Not der Haß gegen die Juden, die für das allgemeine Unglück verantwortuch gemacht werden, aufflammt. Im 10. Jahrhundert, dem Jahrhundert des Liberalismus und individualisnus, war es den Juden möglich, durch persönliche Leistung individuellen Aufstieg zu erreichen. Im Kampfe der Individuen konnte sich der Jude behaupten. Heute, rm Zeitalter der Vergenossenschaftung und Vergese Ilschaftung sind derartige Bemühungen veraltet, denn es stehen sich nicht mehr Individuen, sondern Gruppen gegenüber. Die als Kollektiv erkennbaren Juden müssen auch als Kollektiv handeln. . Die Ar#unserer Einstellung ist aber außer von objektiven Tatsachen stets auch von Tendenzen bedingt Der einen Tendenz nach einem vollständigen, umfassenden Judentum steht eine andere gegenüber, die die Lösung im Aufgehen in der Umwelt sucht. Die ״deutschjüdische“ Auf- Fassung aber bleibt auf halbem Wege stehen. Sie sucht die Lösung weder in völligem Aufgehen, noch im Ringen um Jüdische Ganzheit, sondern in einem limitierten, un- ‘Te.fbTtt diiithie.n•‘׳ Judentum. Mationsljüdiscbe •. Auffassung verlangt den Mut zur Erkenntnis der Wirklichkeit, ihre Forderung nach außen heißt uneingeschränkte Gleichberechtigung, ihre Forderung nach innen Befreiung der Juden zur Gestaltung ihrer Zukunft. Der Gegensatz zwischen deutschjüdischer und nationaljüdischer Auffassung ist der Gegensatz zwischen einem limitierten und einem unlimitierten Judentum. Ira Vordergrund der nationaljüdischen Auffassung steht der Wille zur Neugestaltung, im Vordergrund der deutschjüdischen Auffassung die Relation, das Verhältnis zur Umwelt, von deren Urteil und Bi’ligung sich die Anhänger dieses Standpunktes stets abhängig fühlen. Auch die Anhänger des deutschjüdischen Standpunktes können sich der Tatsache eines gesamtjüdischen Zusammenhanges nicht verschließen. Sie sprechen zwar nicht von einem jüdischen Volk, wohl aber von einer jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Nationaljüdische Aufgabe ist es, das Schicksal, das wir gemeinsam erleiden, gemeinsam zu gestalten. In seiner Erwiderung erklärte Dr. Ludwig Holländer, Blumenfeld habe hervorgehoben, das Wunschbetonte beeinflusse die Diskussion. Demgegenüber sei es notwendig, zunächst die Grtindgegebenlleiten klarzustellen. Gibt es eine Weltjudenfrage? Die in verschiedenen Ländern auftretende Judengegnersenaft allein kann für die Beantwortung dieser Frage nicht maßgebend sein, denn diese Judengegnerschaft ist ebensowenig eindeutig wie die Begriffe Judenfrage, Judesein und Entjudung. Von einer Einheit des Judentums konnte niemals, auch nicht im Altertum, gesprochen werden. Jude und Judesein ist heute nicht etwas, was alle Bezirke des menschliehen Lebens umfaßt. Nach den Gesetzen der verschiedenen Länder ist das Judentum eine Religionsgemeinschaft, wird somit die Religion als Kriterium des Judeseins aufgefaßt. Diese Auffassung ist nicht ganz zutreffend. Es gibt Juden, die auf Grund eines Nationalbewußtseins sich der Gesamtheit zugehörig fühlen, andere tun dies auf Grund ihrer religiösen Einstellung, wieder andere, die weder auf dem nationalen noch auf dem religiösen Standpunkt stehen, betonen trotz einer häufig ausgesprochen atheistischen Einstellung ihre Entschloss enheit, Juden sein und bleiben zu wollen. Das Verbinelende und Entscheidende ist die Tatsache der gemeinsamen Abstammung. Gemeinsa mesAbstammungsbewußtsein, das Ist das einzig Unbestreitbare, das die Juden ohne Rücksicht auf gesinnungsmäßige Einstellung verbindet. Eine nationale Lösung der jüdischen Zukunft wäre rein formal und schiebt den inneren Gehalt des Judentums beiseite. Demgegenüber vertreten die Anhänger des deutschjüdischen Standpunktes eine geistige Auffassung, den Missionsgedanken des Judentums, der die Aufgabe der Juden im Dasein der Völker darin erblickt, dem Gedanken der Gerechtigkeit und, dem Monotheismus zum Durchbruch zu verhelfen. Eine jüdische Forderung, die den ganzen Lebensbezirk einbezieht, gibt es nicht. In der nun folgenden Aussprache über die in den einleitenden Referaten niedergelegten Thesen betonte Dr. Hollinder die Wichtigkeit der Erkenntnis, daß die in Deutsch-!and geborenen und in deutschem Kulturmilieu erzogenen Juden fest in der deutschen Heimat verwurzelt sind. Die von den Nationaljuden geforderte Revolutionierung des Judentums sei zu seiner Erhaltung nicht notwendig und könne niemals gelingen. Die Juden der Diaspora würden immer vor die Probtematik des Judeseins gestellt sein. Eine Normalisierung des jüdisehen Lebens sei wohl in Palästina möglich und wünschenswert, dies aber sei belanglos für die Diaspora. In der Zerstreuung werden die Juden stets ein Sonderdasein führen, das ihre Kräfte nicht mindert, sondern erhöht. Blumenfeld erklärte, die Bindungen der Juden mit der Umwelt seien auf Kosten des jüdischen Inhalts erfolgt, Es 1 müsse der Weg für eine Generation bereitet werden, die stärker ist als ein Schicksal, das mit ihr Ball spielt. Der jüdische Missionsgedankc dürfe kein abstraktes Ideal bleiben, sondern auch eine Mission braucht einen Träger, und dieser kann nur das jüdische Volk sein. Konsequente Vertreter des Missionsgedankens müßten gerade dafür eintreten, daß die Grundlage einer in Gerechtigkeit lebenden jüdischen Gesellschaft geschäften wird. Große Ideen dringen nicht so in die Welt, daß sie in Worten offeriert werden, sondern müssen durch ihren inneren Gehalt und das gelebte Beispiel wirken. Die Tragik der jüdischen Situation liegt im Zwang zum Opportunismus. Die nationaljüdische Bewegung will in Unabhängigkeit Neues schaffen, weil sie Zutrauen zur Kraft und Eigenart des jüdischen Lebens hat. ln seinem Schlußwort erklärte sich Dr. Holländer mit einem Nationalindentum, das sich die Erhaltung der jüdischen Werte zum Ziel setze, einverstanden, lehnte aber ein solches, das eine ״Ausbürgerung“ der Juden anstrebe, ab. Nach deutschjüdischer Auffassung, erklärte Dr. Holländer, sei Schema Jisroel wichtiger als Erez Jisroel. Als Kurt Blumenfeld im Einvernehmen mit Holländer nochmals das Wort ergriff, entstand im Publikum, das zum Teil der Meinung war, es liege ein Bruch der Vereinbarung vor, wonach Dr. Holländer das Schlußwort haben sollte, einige Unruhe, die sich aber nach einer entsprechenden Aufklärung durch den Vorsitzenden Dr. Wiener bald legte. Blumenfeld erklärte, Schema Jisroel bilde keinen Gegensatz zu Erez-Jisroel. Im Schema Jisroel sei durch die Anrufung des Volkes Israel das nationale Bekenntnis ausgesprochen. Blumenfeld regte sodann eine Fortsetzung der Diskussion an einem zweiten Abend an, eine Anregung, die von Holländer in seinem zweiten und endgültigen Schlußwort akzeptiert wurde. Dr. Wiener versprach, bei der Leitung der Volkshochschule für die Ansetzung weiterer Diskussionsabende einzutreten. (Siehe auch den Leitartikel der heutigen Nummer.) Ein Fünfzigjähriger Jizchak Wllkamky, Agronom und Schriftsteller Dieser Tage feierte eine der populärsten Figuren des neuen jüdischen Palästina, Jizchak W i 1 k a n s k y, ihren 50. Geburtstag. Wilkansky steht seit acht Jahren, seit der Gründung der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Zionistischen Organisation, an der Spitze dieses Instituts, das seinen Ausbau und seine segensreiche Wirksamkeit zum großen Teil diesem Manne zu verdanken hat. Er hat durch die Anlage von mehreren Versuchsfeldem, zunächst in Ben Schemen, dann auch an anderen Stellen des Landes (besonders in dem neuen Komplex Djebatta im Emek), die Beschaffenheit und Ergiebigkeit des Bodens erforscht, Mittel zur Verbesserung des Bodens sowie zur Steigerung des Ertrages ausprobiert und dadurch in kurzer Zeit erstaunliche Resultate erzielt, die der praktischen Landwirtschaft im Lande zugute kamen. In bezug auf Betriebsführung, Pflanzenbehandlung und Schadenbekämpfung ist die Versuchsanstalt unter Wilkanskys Führung in Palästina richtunggebend geworden. Hope-Simpson hat in seinem Bericht die Verdienste der Versuchsstation und ihre fähige Leitung rühmlichst erwähnt und spricht sein Bedauern aus, daß die Regierung diesem jüdisehen Institut nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen hat. Dabei muß man bedenken, daß auch dieses Institut wie die meisten anderen jüdischen Gründungen unter dem ständigen Geldmangel zu leiden hatte und oft infolge Kürzung des Budgets die notwendigsten Arbeiten und Instruktionen nicht durchführen konnte. Wilkanskys vielseitige Persönlichkeit ist aber durch die Cbajakteristik seiner schöpferische« Arbeit am Veraichswesen und darüber hinaus innerhalb des Kolönisationswerkes — er ist auch Direktor des Keren Kajeraeth — lange nicht erschöpft. Er ist ein hebräischer Schriftsteller von sprühendem Temperament, ein Intellektueller von starken geistigen Interessen und profunder jüdischer Bildung. Sein hebräischer Stil wird von wenigen Zeitgenossen erreicht. Und dieser Manu, der das gesamte alte und neue hebräische Schrifttum beherrscht und vielfach (unter dem Pseudonym A. Zioni) über literarische Gegenstände schrieb, vertritt mit Leidenschaft das Prinzip der Sachlichkeit in der wirtschaftlichen Arbeit Jede Vermischung von Wirtschaft und Irrationalismus lehnt er ab, weil nach seiner Meinung sowohl die Wirtschaft als auch die idealen Güter darunter leiden.!Man müsse die Eigenart und Eigengesetzlichkeit jeder Sphäre des menschlichen Seelenlebens und der menschlichen Betätigung anerkennen. Im Wirtschaftsleben gibt es gewisse eiserne Gesetze, und wer sich ihnen entziehen will oder sie ignorieren zu können glaubt, der wird durch den Mißerfolg seiner eigenen Arbeit gestraft. Aus dieser Anschauung heraus ist Wilkansky, der als altes Mitglied der Partei ״Hapoel Hazair“ führend in der jüdisehen Arbeiterbewegung Palästinas steht, seit jeher z. B. ein Gegner der Kwuzah, die er als dauernde Kolonisationsform nicht für lebensfähig hält. Auf seine geistige Initiative geht der von einigen Menschen seines engeren Kreises ins Leben umgesetzte Gedanke des Moschaw Ovvdim, der kooperativ organisierten Kleinbauernsiedlung auf der Grundlage der Selbstarbeit, zurück. Wilkansky hat die Entwicklung der Arbeiterbewegung und der Zionistischen Organisation als Kritiker und als Lehrer beleitet. Von ihm hat ein großer Teil der palästinensischen Areiter die Elemente volkswirtschaftlichen Denkens gelernt. Seine Aufsätze sind in mehreren Bänden gesammelt, u. a. in den Büchern ״Baderecht“ und ״Midoth“. Außerdem hat Wilkansky eine Reihe von Einzelstudien verfaßt, die als Publikationen der Pakstine Economic Society in englischer und hebräischer Sprache erschienen sind. Qerade In diesen Tagen kam ein neues Buch von ihm über die Wt rtschaf t des F eilach en heraus. Die Aushängebogen dieses Buches sind von dem Verfasser Simpson zur Verfügung gestellt worden, der seine Berichte vielfach auf dieses Material stützt. . So ist Wilkansky eine wissenschaftlich, literarisch und zionistisch fruchtbare Persönlichkeit, wie das jüdische Palästina deren wenige besitzt. Auch wer mit manchen seiner Anschauungen nicht übereinstimmt, wird seine Bedeutung nicht in Abrede stellen. Die palästinensische Arbeiterschaft und Intelligenz hat Wilkanskys 50. Geburtstag benützt, um ihm ihre Anhang- Iichkeit und Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Auch die zionistische Welt außerhalb Palästinas wird sich diesen Glückwünschen anschließen in der Hoffnung, daß Wilkanskys Tätigkeit dem jüdischen Aufbauwerk und dem jüdischen Volk noch viel Nutzen bringen möge. Pariser Keren Hajessod-Arbeit Herr Df. Alexander Golds t e i n ist zurzeit in Paris, um gemeinsam mit dem Delegierten des Keren Hajessod für Frankreich, Herrn N. Ha Ipern, die Keren Hajessod-Arbeit in den ostjüdischen Kolonien im Paris durchzuführen. Nach sorgfältigen Vorbereitungen fand am 11. Februar eine zahlreich besuchte Versammlung der Föderation Sioniste de France unter dem Präsidium von Herrn Motzkin statt. Nach dem Vortrag von Herrn Dr. Goldstein erklärten sich 52 Personen bereit, als Canvassers mitzuwirken und Besuche zu machen. Am nächsten Tage war eine Ver- Sammlung der Mitglieder des Palästinensischen Klubs *unter Vorsitz von Herrn S. Janovsky. Dr. Goldstein sprach über ״Vergangenheit und Zukunft des Keren Hajessod“. Auch diese Konferenz endete mit zahlreichen Meldungen von Canvassers. Zur Frage der jungen zionistischen Generation Der Artikel von Hans Kaufmann in Nr, 12 unseres BlalU's (״Zionistische Organisation und zionistische Jugend") hat in den Kreisen der jungen zionistischen Generation großes Interesse gefunden, Wir geben im folgenden zwei Erwiderungen Raum, die der Redaktion :11■ gegangen sind. Im übrigen, verweisen, wir zwecks Abkürzung der Ausspräche auf die Nachbemerkung des Verfassers Hans Kaufmann, der alle Interessenten, die zu diesem Thema etwas zu tagen haben, ersuchte, sich zunächst direkt mit ihm (Berlin-Wilmersdorf, Laubenheimer Straße SO) ins Einvernehmen zu setzen. I. Von Dr. Jeschaja Leibowitz, Köln (Zentrale der ״Zeire Misrachi“). Hans Kaufmann hat in seinem Artikel eines der brennendsten Probleme der zionistischen Jugendarbeit in Deutschland angeschnitten. Tatsächlich ist heute weiten Kreisen der zionistisehen Jugend das Gefühl dafür abhanden gekommen, daß zionistische Bewegung nicht die Summierung der Ideen und Be- Strebungen selbständiger, unabhängig voneinander existierender Parteien (bzw. Bünde) ist, die in der Zionistischen Organisation als Zweckverband vereinigt sind, sondern daß vielmehr die einzelnen Gruppen Differenzierungen des Zionismus darstellen, so daß die gemeinsame Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation für sie ein Wesensmerkmal darstellt. Kaufmanns Appell zur Besinnung ist daher wärmstem zu begrüßen. Kaufmanns Vorwürfe richten sich insbesondere gegen die Weltanschauungsgruppen in der zionistischen Jugend, an ,.ihre radikalsten Teile“, den J. J. W. B. und den Zelre Misrachi. Eine gewisse separatistische Note in der Haltung des J. J. W. B. ist unleugbar und erklärt sich, wie schon Kaufmann hervorgehoben hat, aus dem Fehlen einer ״gemeinsamen Geschichte״ mit anderen Teilen der zionistischen Jugendbewegung. Tatsächlich zeigen ja die in der jüdischen Wirklichkeit verwurzelten palästinensischen Gesinnungsgenossen des J. J. W. B., die Vereinigte Arbeiterpartei und die Histadruth, eine völlig andere Haltung, eine Haltung, die nie den Gedanken aufkommen ließe, als stünden ihnen ״die nichtjüdischen Sozialisten näher als die anderen Zionisten“, Ganz falsch beurteilt aber Hans Kaufmann die Haifung des Zelre MisracW. Es kann nicht ausdrücklich genug betont werden, daß die thoratreue zionistische Jugend 111 der Zionistischen Organisation mehr als einen Zweckverband oder eine Arbeitsgemeinschaft erblickt. Zionistische Organisa'ion irt die Organisation des Zionismus, der der aktive Ausdruck jüdisehen Volkstums schlechthin ist und Innerhalb dessen sich alle geistigen Auseinandersetzungen abspielen müssen. Jüdisches Volkstum ist aber für die thoratreue zionistische Jugend nicht eine Komponente des jüdischen Daseins neben anderen, sondern stellt die Voraussetzung dafür dar, daß sich die Grundelemente unseres Denkens, Fühlern und Wollens* Thora und Tradition, in Wirklichkeit umsetzen. Es wird dem thoratreuen Zionismus vielfach unterstellt, er sei nur ein ״bedingter“ Zionismus, er wolle das jüdische Palästina nur unter Bestimmten Voraussetzungen. Demgegenüber ist festzustellen: Wir sagen nicht, daß wir das jüdische Palästina hur unter der Voraussetzung wollen, daß es religiös sei, sondern wir wollen es, damit es religiös sei. Wir wollen das jüdische Palästina unbedingt, auch wenn nicht der ganze Jischuw so ist, wie wir wollen, wenn nicht alle Thora lernen und Schabbath halten; denn für uns Ist die Schaffung des jüdischen Palästina schon an sich ein Schritt zur Verwirklichung der Thora und die Voraussetzung zur Schaffung eines jüdischen Thora- Volkes. Freilich liegt für uns die Triebfeder zu dieser staatspolitischen Aufgabe nicht in dieser Aufgabe selber, sondern in der Thora. In diesem Sinne, und nur In diesem Sinne, sind wir keine ״bedingungslosen“ Zionisten. Die Menschen, die zum Zionismus aus irgendwelchen andern Ursachen kommen, sind für ins rieht Gegner, die wir zu bckämpfen haben. Wir wissen, daß sie unabhängig von ihren subjektiven, durch Zeit und Milieu bedingten Anschauungen objektiv mit uns für die Renaissance des Judentums kämpfen. Mögen sie es auch in anderem Sinne tun als wir, so sind wir doch überzeugt, daß eine neuerstandene jüdische Volksgemeinschaft und Kultur nicht anders sein kann und sein wird, als es dem von uns empfundenen Immanenten Wesen des Judentums entspricht In diesem Sinne sind alle Zionisten für uns Weg- und Kampfgenossen. Wir sind um so mehr zur Mitarbeit an dem von Haus Kaufmann angeregten Versuch zur Zusammenfassung der zionistisehen Jugend bereit, als wir damit nur einen Beschluß unseres Bundestages zur Ausführung bringen: Der 3. Bundestag des Zelre Misrachi in Deutschland (Leipzig, 25.-28. Dezember 1930) hat einstimmig beschlossen, daß die Zelre Misrachi-Grupoen in allen Orten sich für die Unterstützung bzw. Schaffung nationaljüdischer Jugendringe einzusetzen haben. IL Von Kurt Schatz, Bonn. Den Ausführungen Hans Kaufmanns liegt folgende Vor- Stellung von der Organisation zugrunde: Die Gliederung erfolgt horizontal in einander folgenden Generationen. Also zunächst die alte Generation etwa unter Kollenscher und Kareski, dann die mittlere unter Blumenfeld und schließlich die junge. Ehe junge Generation aber ist als Generation, geschlossen gar nicht vorhanden. Sie muß erst zusammengebracht werden, dann aber soll sie als organisierte Generation in die Organisation einrücken, um die jetzt herrschende Generation — die übrigens gar nicht allen Erfordernissen des Kampfes der Jetztzeit genügen kann — allmählich abzulösen. Ich bekenne mich zu der aufgerufenen jungen Generation. Nichtsdestoweniger muß ich sagen, daß ich die Idee Hans Kaufmanns bzw. die Voraussetzungen seiner Idee für verfehlt halt'. Zunächst einmal ist eine politische Organisation wie die zionistische, die eigentlich eine Dachorganisation ist, nicht die Zusammenfassung dreier Generationen, von denen die jüngere die ältere jeweils ablöst Sondern die Gliederung geht vertikal durch alle Altersstufen hindurch. Nicht die Gleichaltrigen, sondern die Gleichgesinnten werden zu־anmengefaßt Das Hel ist überall Eines. Die Scheidung erfolgt nicht deswegen, sondern wegen Differenzen in der Politik oder in der religiösen Haltung usw. Die Jugend *kann in einer so vielfältig zusammengesetzten Organisation wie der unseren nicht versuchen, als Generation Einfluß zu gewinnen, sondern sie muß danach trachten, in ihrer Fraktion ihren Platz zu erringen und die Ideen vorwärts zu tragen. Sie muß in ihrer Fraktion mitarbeiten, umgestalten, ablösen. Zweitens aber darf der bedeutsame Unterschied zwischen der Jugend von heute und der vor zehn oder fünfzehn Jahren nicht vergessen werden. Es dürfte heute kaum noch eine Jugendbewegung geben, die sich nur als Jugend fühlt, die sich allein mit der Gestaltung ihres eigenen, jiigendlichc״ Lebens, etwa mit dem Kampf gegen Schule und Elternhaus, genug sein ließe. Die Jugend zieht nicht mehr aus, um alle Grenzen zu sprengen, um ein ganz neues Leben als jugentlliehe selbstherrliche Generation zu formen, sondern sie ist durchaus politisiert und betrachtet sich vor allem als Nachwuchs einer bestimmten Richtung. Es gibt heute innerhalb einer Generation schärfere Unterschiede in der Gesinnung und geringere Möglichkeiten der Verständigung wie zwischen Jqgend und Alter derselben Partei*